Kapitel 1

Ein Gegner der anderen art

Anna haute dem Wirt geräuschvoll zwei Silber auf den Tisch und sah ihn erwartungsvoll an. Der dickliche Kerl mit der befleckten Schürze schnaubte grimmig-zufrieden und nickte daraufhin in die Richtung der abgetretenen, hölzernen Treppe, die vom Schankraum aus in das obere Stockwerk des Gebäudes führte.

„Das letzte Zimmer rechts. Ganz hinten.“, nuschelte der Tavernenbesitzer des ‚Gelben Karpfens‘ mit den Pockennarben und dem markanten skelliger Akzent. Seine dunklen, grau melierten Haare klebten ihm strähnig am Kopf und sein Vollbart sah auch nicht minder appetitlich aus. Aber sei’s drum. Anna hatte schon Schlimmeres gesehen und an heruntergekommeneren Orten geschlafen. Wenn es sein musste, rollte sie sich auch irgendwo im feuchten Unterholz zusammen. Ein Gästezimmer in einer großen, warmen Hütte war dagegen doch quasi der reinste Luxus, nicht wahr? Erst recht bei den momentanen Witterungsverhältnissen. Es wurde Winter.

„Danke.“, entkam es der braunhaarigen Frau mit gespielter Freundlichkeit. Der Wirt ließ den Blick beiläufig zu dem Schwert schweifen, das sie bei sich trug. Es war ein normaler Eineinhalbhänder aus Stahl, nichts Besonderes. Mit einem Knauf, der einen Wolfskopf darstellte, schmiegte sich die Waffe in einer ledernen Scheide an die eines Silberdolches, der kaum eine Elle lang war. Und natürlich blieben die glotzenden Augen des Schankwirtes auch an dem Medaillon hängen, das sich die Frau in der rot-schwarz gestreiften Jacke an eine der Gürteltaschen gebunden hatte: Einem Wolfskopf mit aufgerissenem Maul, einem Zeichen ihrer Zunft, wenngleich auch nur symbolischer Natur. Sie war keine Hexerin, denn Frauen gab es unter jenen nicht. Doch das musste ja niemand wissen. Sollten die Fremden doch denken, was sie wollten.

„Könnt Ihr mir sagen, wo ich einen eurer Druiden finde?“, erkundigte sich Anna und zog damit die wackelige Aufmerksamkeit des dicken Wirtes auf sich zurück. Sie ahnte nicht, wie naiv sie damit klang.

„Es ist wichtig.“, fügte sie vielsagend hinzu und wartete hoffnungsvoll ab. Dies mit den Händen auf dem Tresen, als müsse sie sich gerade irgendwo festhalten. Ja, es war wichtig.

„Druiden.“, wiederholte der Mann langsam und legte die fettig glänzende Stirn in Falten. Er fuhr sich mit der einen Hand durch den schmierigen Bart und seine Augen wichen nachdenklich gen Zimmerdecke.

„Aye. Haben wir. Aber nicht hier.“

Anna schwieg.

„Weit im Osten sind die. Irgendwo in oder um Gedyhe oder so.“, kam es dann etwas ausführlicher aus dem Mund der Augenweide. Anna hob die schmalen Brauen schwach an, holte Luft, um zu sprechen, doch hielt inne. Sie zog die Stirn kraus, nickte dann äußerst zögerlich. Mit ‚Osten‘ konnte sie etwas anfangen. Mit ‚Gedyhe oder so‘ nicht, doch sie würde sich einfach durchfragen. So, wie sie sich auch die letzten zwei Jahre über immer und überall durchgefragt hatte. Anfangs hatte sie dies nahezu weltfremd getan, war sie ja auch zum ersten Mal außerhalb ihres Zuhauses ganz allein auf sich gestellt gewesen. Doch mittlerweile wusste die 20-Jährige, wie man sich anderen Menschen gegenüber einigermaßen angemessen verhielt und sich nicht ganz zum Idioten machte.

 

*

 

Anna hatte sich nicht lange im Hafen von Kaer Trolde aufgehalten, bevor sie aufgebrochen war, um gen Osten zu reisen. Eine einzige Nacht hatte sie in der stickigen Taverne des fetten Wirts verbracht, bevor sie sich schon dazu entschlossen hatte zu gehen. Schließlich kosteten Zimmer in Gasthäusern Geld. Und die Novigraderin hatte keinen Münzen-scheißenden Esel. Ihr kümmerliches Erspartes neigte sich langsam dem Ende zu. Also hatte sie sich vor knapp sechs Tagen auf den Weg gemacht, um das besagte ‚Gedyhe oder so‘ zu finden. Sie hatte die breite Handelsstraße in Richtung Süden genommen, hatte dann den Weg nach Blandare eingeschlagen. Das war ein kleines Kaff inmitten von Ard Skellig, abgeschnitten vom weiten Meer. Die hier Ansässigen verdingten sich hauptsächlich durch die Zucht und den Verkauf von Schafen und deren Erzeugnissen. Auch eine Mine befand sich in der Gegend. In der ziemlich faden Gegend, wohlgemerkt. Langweilige Orte waren für jemanden wie Anna schlecht. Denn in ihnen konnte man kein Geld machen, indem man Ungeheuer jagte, weil es jene dort meistens nur sehr selten gab. Lediglich durch das Schummeln beim Kartenspielen oder beim Wetten mit viel zu betrunkenen Tavernengästen konnte man sich regelmäßig das ein oder andere Kupfer verdienen. Das reichte nicht.

 

Anna entkam ein genervtes Seufzen und sie verdrehte die Augen, als sie ihrem Gegenüber eine Silbermünze zuschnippte. Sie lehnte sich auf dem knarrenden Stuhl zurück, verschränkte die Arme vor der Brust und betrachtete Bjorn kritisch. Er war ein stämmiger Kerl aus der Gegend, hatte rostbraunes Haar und einen geflochtenen, geölten Bart, der ihm bis zum Bauch reichte. Generell, befand die Frau aus Kaer Morhen, legten die stolzen Skelliger viel Wert auf ihre dichten Gesichtsbehaarungen. Manche von ihnen flochten in jene sogar Metallschmuck oder Holzperlen ein.

„Das war reines Glück.“, brummte die Kurzhaarige pikiert und der Mann, der ihr in der lauten Schenke gegenüber saß, lachte. Er hatte ein ziemlich donnerndes Organ, doch klang herzlich und wohlwollend. Im Hintergrund sangen ein paar Leute laut, falsch und mit Begeisterung versaute Lieder über Weiber mit hüpfenden Brüsten und die Bedienung hatte alle Hände voll zu tun. Der Geruch von frischem Schweinebraten, Klößen und Bier lag in der Luft, vermischte sich mit dem pikanten Gestank nach Schweiß und altem Waffenöl.

„Man nennt mich nicht umsonst den Gwent-Meister aus Blandare, Mädchen!“, klärte der Kerl mit dem rot karierten Schulterüberwurf schmunzelnd auf und Anna verkniff sich ein weiteres Augenrollen. Stattdessen verzogen sich ihre Mundwinkel zu einem gezwungenen Grinsen. Ein Ausdruck, der ihre Augen nicht erreichte.

Oh, sie war eine Närrin. Solch eine Närrin! Sie hatte beinah ihr letztes Geld verspielt und-

Ein lautes Poltern ließ Anna aufblicken und instinktiv setzte sie sich gerader hin, spannte die Glieder an und ließ die Hand an das Dolchheft an ihrem Gürtel wandern. Ihr alarmierter Blick fiel sofort auf einen Hünen, der soeben einen weiteren Kerl durch das halbe Gasthaus bugsiert hatte. Geworfen hatte er den armen Narren und wischte mit ihm soeben die Essensreste vom abgegriffenen Tisch nebenan. Ein paar der Gäste erhoben sich und gafften, wenige unter ihnen wichen gar ab. Und die breit gebauten Kerle mit den Äxten an den Gürteln, so wie auch Bjorn einer war, blieben sitzen, lehnten sich gelassen zurück und sahen aus, als wollten sie sich das Schauspiel, das sich ihnen bot, in aller Ruhe beobachten. Einige von ihnen lachten rau, schlugen begeistert auf die klebrigen Tischplatten oder stampften mit den Füßen am dreckigen Holzboden auf, dass es nur so rumste. Denn wenn es noch etwas gab, das Skelliger neben ihren dichten Bärten gerne mochten, dann waren das beherzte Schlägereien. Und diese Auseinandersetzungen sahen hierzulande ein wenig anders aus als die, die Anna in den Nördlichen Königreichen miterlebt hatte. In Skellige, da brüllte man Kontrahenten zwar genauso barsch an, bevor es zu einem Kampf kam; man riss die Fäuste hoch und maulte ebenso großkotzig und ordinär herum wie in Novigrad, Cintra oder Brugge. Doch in einem unterschieden sich die Krieger des Inselarchipels eindeutig von den Rittern aus Toussaint oder den verschwitzten Söldnern in Oxenfurt: Sie schlugen zu wie wahrhaftige Bären und hielten so viel aus, wie zwei starke Krieger der Novigrader Stadtwache zusammen. Sie bellten wie aufgebrachte Kampfhunde, doch am Ende vertrugen sie sich zumeist und tranken für jedes blaue Auge, jede gebrochene Nase oder jeden ausgerenkten Arm einen gut gefüllten Humpen Bier. Zusammen, wohlgemerkt.

Anna musste schief lächeln. Sie mochte Skellige.

 

Die beiden ruppigen Kneipenschläger hatten kaum einen Tisch umgeworfen und es hatte sich auch noch kein Dritter in die laute Auseinandersatzung eingemischt, da donnerte die Stimme der Tavernenbesitzerin durch die Schenke. Und, bei den Schöpfern, sie war zwar eine Frau, doch was für eine! Sie war stämmig, mit Händen, wie ein Holzfäller. Und Anna war sich sicher: Würde die rassige Dame mit der befleckten Schürze und dem Geschirrtuch über der Schulter es so wollen, könnte sie Schädel unter ihren dicht behaarten Achseln spalten. Sie müsste nur einen der Streithähne hier in den Schwitzkasten nehmen und ihre speckigen Oberarme würden jenem schneller den Garaus machen, als ein zorniger Waldschrat einem verirrten Wanderer pickende Raben entgegen schickte.

„Sven!“, blaffte die ruppige Frau und sofort schien das gesamte Geschehen in der geschäftigen Stube still zu stehen. Die zwei prügelnden, schwitzenden Skelliger – der eine über den anderen gebeugt, während eben jener die Hand nach der Gurgel des Ersteren ausgestreckt hatte – stockten in ihren Bewegungen. Die übrigen Gäste verstummten und die einzigen Laute, die man noch von ihnen vernehmen konnte, waren ein verhaltenes Husten hier, ein Räuspern da und ein vernehmliches Rülpsen aus einer der Tavernenecken.

„Schert euch gefälligst raus! Was glaubt ihr denn, wo ihr seid?“, beschwerte sich die Holzfällerfrau lautstark und gestikulierte bedrohlich mit einer Schöpfkelle, die vor einer undefinierbaren, braunen Soße nur so triefte.

„Wenn ihr euch prügeln wollt, dann tut das bei Halmar, aber nicht hier!“, krähte die Besitzerin des Hauses weiter und ihr Mann, ein eher schmächtiger Kerl, der soeben hinter dem schiefen Tresen hervor lugte, sah verunsichert in die Runde. Und, oh, die Standpauke wirkte! Wie getreten zogen die Streithähne gleich von Dannen, etwas von ‚Halmar’s Teilnahmebeträgen‘ brummend und darüber schimpfend, dass man ‚sich in keinem guten Gasthaus hier mehr prügeln dürfte‘.

 

‚Halmar’s Teilnahmebeträge‘ waren Preise, die man bezahlte, um bei den beliebten Straßen- und Grubenkämpfen mitzumachen. Nachdem die beiden Hünen, die sich die Fressen polieren hatten wollen, die kleine Taverne verlassen hatten, hatte sich Anna bei 'Gwent-Meister' Bjorn danach erkundigt. Interessiert hatte sie nachgehakt, denn es hatte ihr keine Ruhe gelassen. Die Vagabundin, die ganz versiert war, wenn es um den Faustkampf ging, hatte sich ja erhofft, dass der besagte Halmar Leute um Geld kämpfen ließ. Ja, sie war nahezu vorfreudig gewesen, als sie ihren Karten-Gegenspieler danach gefragt hatte. Es war nämlich nicht nur so, dass sie sich solche Straßenrangeleien ganz gerne ansah, sondern sie nahm auch ab und an an ihnen teil. Die Monsterjagd und das Kartenspielen waren nicht die einzigen ‘Handwerke’, die einem klimpernde Münzen einbrachten. Und Geld, das hatte die Kurzhaarige aus Kaer Morhen bitter nötig. Sie bräuchte es dringend, um die kommenden, kalten Nächte nicht in der Gosse schlafen zu müssen. Auch war sie sich selbst zu viel wert, als dass sie mit irgendeinem Mann anbandelte, um in dessen Bett übernachten zu können. Ja, wer und was war sie denn, dass sie je auf solch einen widerlichen Mist zurückgreifen würde? Eine Hure? Nein. Balthar, Anna’s Ziehvater und Mentor, hatte sie stets vor gierigen Kerlen mit Fieberbläschen und Sackläusen gewarnt und ihr beigebracht sich weit über diese lüsternen Menschen zu erheben, die einen stets nur ausnutzen wollten.

„Wölfchen.“, hatte Balthar früher einmal begonnen, nachdem das 12-jährige Mädchen ihn irgendwann schüchtern auf die ihr so fremde Männerwelt angesprochen hatte. Sie hatte ihn ganz unschuldig gefragt, wann man es merken würde, dass es so weit war, dass man sich einem Mann hingeben könnte. Oder einer Frau.

„Wölfchen, man kann so etwas nicht festlegen. Wenn es so weit ist, dann ist es eben so weit und dann wirst du es merken.“, hatte der Mann mit den unnatürlich goldfarbenen Augen lasch gebrummt, war Anna’s neugierigen Blick dann aber missmutig ausgewichen. Er hatte nach Worten geklaubt, das hatte man dem Langhaarigen angesehen, und er war sich mit der Hand unruhig über das unrasierte Kinn gefahren. Ein tiefes Seufzen war ihm entfleucht.

„Aber bevor du mir mit irgendeinem Kerl mitgehst-… ach.“, Balthar hatte dies ausgesprochen, als käme es ihm zäh, wie Kiefernharz über die Zunge „Dann tu das nicht mit jedem dahergelaufenen. Hörst du? Und überlege es dir sehr, sehr gut, denn die meisten Typen lügen, dass sich die Balken biegen, und sie sind gemein.“

Das unerfahrene Mädchen hatte das damals nicht sofort verstanden. Doch sie hatte auch nicht weiter nachgefragt, war ohnehin schon rot wie eine Tomate gewesen. Anna hatte den Blick peinlich berührt gesenkt und sich am Hinterkopf gekratzt, als sie es bereut hatte Balthar nach den Männern gefragt zu haben.

„Wenn es mehrere Kerle gibt, die dich interessieren, dann sei sehr wählerisch. Suche dir zuerst die gepflegten aus. Und von ihnen nehme die, deren Kleidung und Häuser auch schön sind.“, hatte Balthar etwas widerwillig gemeint. Sein unzufriedener Unterton hatte dabei aber verraten, dass ihm der stechende Gedanke nicht gefallen hatte, dass Anna, SEINE Anna, auch nur mit irgendeinem Mann mitging. Ja, so war das gewesen. Und von den Frauen hatte er nicht gesprochen. Die waren in seinen Augen nämlich immer in Ordnung gewesen, schön, wohlriechend, weich und eine bessere Option für Beischlaf, als Kerle. Warum, darüber hatte er das betretene Mädchen mit dem Jungenhaarschnitt dann auch noch im Detail aufgeklärt. Er hatte sich vermutlich dazu gezwungen gefühlt und aus Ermangelung einer weiblichen Bezugsperson war er es gewesen, der es seinem ‚Wölfchen‘ erklärt hatte, wie das mit den Bienchen und Blümchen funktionierte. Und dass man als Blümchen ganz schnell schwanger und damit arbeitsunfähig wurde, wenn man nicht gut aufpasste. Dass man sich dann ein schreiendes, blutverschmiertes Kind aus dem Schoß pressen musste und daran sogar sterben konnte. Gruselig. Der kleinen Anna waren die Tränen gekommen, als sie sich dies bildlich vorgestellt hatte. Nächtelang hatte sie der besagten Sache wegen schlecht geschlafen.

Als es wenige Jahre später dann ‚so weit‘ gewesen war, hatte sich die junge Frau dann nicht den hübschesten Mann mit dem schönsten Haus ausgesucht, sondern war mit der kichernden Tochter eines Bauern aus Ban Ard auf dessen Heuboden gelandet. Jener Magd mit den blonden Zöpfen waren dann ab und an noch andere Frauen gefolgt: Händlerinnen, Wäscherinnen, irgendwelche betrunkenen Tavernenbesucherinnen, deren Namen Anna am nächsten Tag schon wieder vergessen hatte. Einmal, da war sogar eine fahrende Freya-Novizin aus Hindarsfjall dabei gewesen, eine angehende Priesterin. Was all diese Bettgeschichten anging, hatte die burschikose Anna ihren drei Lehrern aus Kaer Morhen in nichts nachgestanden und obwohl sie auch Männern gegenüber nie abgeneigt gewesen war, hatte sie es nie mit jenen versucht. Balthar hatte dahingehend einfach ein zu wachsames Auge auf sie gehabt und später war für derlei Dinge einfach keine Zeit mehr geblieben. Jedenfalls redete sich die Novigraderin das ein.

 

*

 

Das Geschrei von vielen, begeisterten Männern und Frauen war schon von weitem zu vernehmen. Jubelrufe drangen an Anna’s gespitzte Ohren heran, als sie sich einem kleinen Platz unweit Blandare näherte. Sie hatte den kalten, windigen Tag damit zugebracht ein paar Informationen über die große Insel einzuholen, gedankenverloren über den kleinen Markt zu spazieren und die verwitterte Anschlagtafel des verschlafenen Dorfes zu studieren. Sie hatte darauf sogar zwei Aufträge entdeckt, die die Fähigkeiten eines Hexers erforderten. Ja, tatsächlich, und einer davon wäre auch für sie schaffbar. Also eventuell. Schließlich war sie zwar unter Hexern aufgewachsen, doch sie selbst war kein Mutant, der magische Zeichen sprechen oder stärkende Gifte trinken konnte. Sie war viel schwächer, als die Katzenäugigen, nutzloser und eine einfache Mietklinge mit Hintergrundwissen über Biester und Tränke. Aber nun ja… dafür hatte die Schwertkämpferin einen ganz schön harten Starrkopf und einen unsäglichen Ehrgeiz. Und daher wollte sie es einfach einmal versuchen, hatte den Auftrag mit dem Gesuch einen ‚Drachen‘ zu töten vom Schwarzen Brett gerissen und ihn sich in die Hosentasche gesteckt. Dabei hatte sie amüsiert geschmunzelt, mit einem Anflug von Abfälligkeit im Gesicht. Denn um einen Drachen ging es hier bestimmt nicht. Drachen waren verdammt selten. Und wahrscheinlich handelte es sich bei dem Schuppentier, das sich regelmäßig an den zotteligen Schafen und meckernden Ziegen eines Bauers namens Lars Filharven bediente, um einen Gabelschwanz oder eine Flugschlange. Man würde sehen.

Nun, am frühen Abend, zog es Anna aber erst einmal zu Halmar, dem Mann, der auf Skellige regelmäßig eine Art Faustkampf-Wettbewerb veranstaltete. Die Regeln waren dabei simpel: Man warf etwas Geld in einen kleinen, bauchigen Tontopf, forderte die besten Kämpfer in drei verschiedenen Ortschaften heraus, gewann, wurde damit zum Champion der Inseln und bekam einen Großteil der Münzen, die in dem Wettkampf-Pott lagen, als Preis. Letzterer lockte die Frau in der schwarz-roten Jacke an, denn sie hatte Geld mehr als nur nötig. Ein paar Kupfer waren das Einzige, das sie noch besaß und wenn sie den ‚Drachen von Blandare‘ nicht zeitnah erlegen würde, dann hätte sie bald ein unsäglich großes Problem. Das Leben als Reisende war eben hart. Also zwängte sie sich zwischen den Schaulustigen am Kampfplatz hindurch, schob sich ächzend an zwei lachenden, bärtigen Betrunkenen vorbei. Anna rümpfte die Nase angeekelt, als sie deren Alkoholfahnen und den Gestank nach altem Pfeifentabak roch.

„Ja! Hau ihm die Visage ein!“, bellte ein dicklicher Kerl mit braunem Pelzüberwurf derweil und hob das massive Trinkhorn so ruckartig in die Höhe, das man sein Bier überschwappen sah. Gerade noch so schaffte es die arme Novigraderin dem spritzenden Schaum auszuweichen und fluchte leise dabei.

„Fischfresse! Fischfresse!“, jubelte ein anderer Landsmann, durchbrochen von ständigen Ooohs und Aaahs, Buh-Rufen und Gelächter. Auch Frauen waren anwesend und zeigten sich ähnlich begeistert, wie ihre Nachbarn des Dorfes. Halmar’s Kämpfe schienen hier wirklich die einzige Attraktion zu sein, was?

„Felseeen!“, rief ein Mann heiser, klatschte in die großen Hände und feuerte damit wohl den Gegner von ‚Fischfresse‘ an. Äußerst kreative Namen, wie Anna fand.

Die Hexerstochter schob sich an ein paar letzten Leuten vorbei und hob den neugierigen Blick dem kreisrunden Platz entgegen, auf dem sich soeben zwei Männer schlugen. Der eine war sehnig und blass, groß, über und über voll mit Dreck. Er trug nur eine alte Lederhose und wadenhohe Stiefel. Seine blauen Augen waren unnatürlich hell und gaben ihm einen seltsam glotzenden Blick, der an den eines Fisches erinnerte. Man musste nicht lange raten, um zu wissen, dass ER derjenige war, der den schmeichelhaften Spitznamen ‘Fischfresse’ trug. Der zweite Kämpfer in der grünen Tunika war etwas kleiner, als der schlaksige Mann mit den Fischaugen, doch wachsamer und standfester als der Halbnackte, das sah man sofort. 'Felsen' nannte man den mit den kurzen, schwarzen Haaren all den Jubelschreien zufolge. Warum man das auch immer tat, denn wie ein Steinbrocken sah er wirklich nicht aus. Eher, wie ein gut frisierter Schönling mit Dreitagebart, der sich sonst zu gut zum Kämpfen war und seine Kleider nicht beflecken wollte. Anna runzelte die Stirn kritisch, reckte den Hals angestrengt, um besser sehen zu können, und wartete gespannt ab. Es dauerte auch nicht allzu lange, da schaltete Felsen den Blauäugigen mit einem Ellbogenschlag in die Fischfresse aus und bescherte dem Großen ein paar unschöne Zahnlücken mehr: Er fuhr herum, hob zu. Der Fisch japste, kippte nach hinten um, wie ein Brett und die Zuschauerschaft grölte dieses ulkigen Szenarios wegen erheitert. Selbst Anna ertappte sich dabei bei dem Anblick amüsiert aufzulachen und heiter in die behandschuhten Hände zu klatschen.

Ein dritter Mann kam nun auf den teils matschigen Kampfplatz, auf dem all das Gras bereits platt getrampelt worden war. Hier und da bedeckte Blut den Boden, doch niemand störte sich daran. Der besagte Fremde kam zu dem schwer atmenden Felsen, erwischte jenen barsch am Handgelenk und riss dem Dunkelhaarigen mit dem schiefen, stolzen Schmunzeln und einem blau geschlagenen Auge die Faust in die Luft. Wieder brachen die Zuseher in tosendes Gejubel aus und Fischfresse, der benommen stöhnte und lallend nach seiner Mutter fragte, wurde aus dem Sichtfeld geschleift.

„Und der Gewinner der Kämpfe Blandare’s ist Felsen! Er wird sich mit den Champions von Kaer Muire und Rannvaig messen!“, brüllte der untersetzte Fremde am Kampfplatz mit nasaler Aussprache. Wahrscheinlich war das Halmar, der Veranstalter der aufregenden Prügelei hier. Er holte Luft, um noch etwas zu verkünden und ließ den Arm des abgekämpften Kerles neben sich los, doch er kam mit seiner Ansage nicht weit. Denn Anna mischte sich dreist ein.

“Ich will gegen ihn kämpfen!“, forderte sie übereilig und stolperte beinah auf den Platz, trat in den schmatzenden Schlamm "Also gegen Felsen!"

Ein tiefes Raunen ging durch die versammelte Menschentraube. Felsen starrte verdattert in die Richtung der Novigraderin, blinzelte irritiert. Halmar – oder wer auch immer der blonde, bärtige Mann in dem braunen Lederwams war, der hier den Ansager mimte – stockte in seinem Tun und verengte die Augen genervt. Der Wind pfiff durch die unweiten Tannenwälder, brachte die hohen Baumkronen zum Brausen und es roch nach Schnee. Eine kurze Stille kam auf. Eine, die der Sprecher gleich entnervt brach.

„Die Kämpfe sind vorbei, Mädchen!“, entgegnete er und stemmte sich eine Hand in die Seite. Seine kleinen Schweineaugen taxierten Anna und die Frau spürte, wie sich auch die interessierten Blicke der versammelten Meute unangenehm stechend an ihren Nacken hefteten. Eine klamme Atmosphäre legte sich über die vielen Köpfe der Anwesenden und die kühle Luft erschien aberplötzlich so dick und schwer, dass man sie hätte schneiden können. Eine prekäre Situation. Anna durchbrach sie nervös und mit herrischen Worten.

„Lasst… lasst mich gegen ihn kämpfen!“, schnappte sie und deutete mit dem Kinn in die Richtung des Gewinners im bestickten Gewand in Grün. Beiläufig klaubte sie dabei ihre lederne Geldkatze hervor und warf sie Halmar vor die Füße. Es war ein klimpernder Köder, wenngleich nicht sonderlich schwer, der den hässlichen Veranstalter der Wettkämpfe schließlich anbeißen ließ.

“Oh…”, machte das Arschloch mit erhobenem, überraschtem Ton und zuckte die Achseln “Na, wenn das so ist…”

“Was...?”, keuchte der noch etwas atemlose Felsen, der vermeintliche Gewinner der Blandarer Straßenprügeleien, ungläubig und verengte die dunklen Augen zu skeptischen Schlitzen. Er schien nicht kapieren zu wollen, dass er nun, da er sich doch längst als glorreicher Sieger bewiesen hatte, noch einmal kämpfen sollte. Und das auch noch gegen eine vorlaute Frau aus dem Ausland. Ein paar der Zuschauer lachten belustigt auf und gafften gespannt. Halmar warf dem Schönling mit dem blau unterlaufenen Auge bloß einen halbherzig entschuldigenden Blick zu und machte daraufhin schon Anstalten Anna’s fleckigen Geldbeutel aufzuheben. Felsen murrte unzufrieden, als er dies sah, und musste den Kopf langsam schütteln. Seine neue Kontrahentin aus den Nördlichen Königreichen grinste triumphierend und überließ dem geldgeilen Veranstalter des Spektakels hier ihre letzten paar Münzen. Dann stolzierte sie selbstsicher auf den Kampfplatz, zog sich die wattierte Jacke aus und warf sie lieblos zur Seite fort. Ihre Handschuhe folgten, ehe sie sich die Ärmel hochkrempelte und dabei die tätowierten Arme entblößte. Jene waren bunt, zum einen mit einer springenden Katze und kreativem Beiwerk, und zum anderen mit einem ausgeschmückten Pfeil versehen.

“Also dann!”, lächelte Anna breit, schlug sich mit der Faust in die Handfläche und erntete dafür einen wenig begeisterten Blick seitens Felsen. Er hasste sie jetzt schon, so schien es. Gut. So würde er nämlich aufrichtig kämpfen und die Kurzhaarige nicht behandeln, als sei sie ein Mädchen. Also, sie war theoretisch eines, ja. Aber nicht so.

“Ja, möge der Kampf beginnen!”, tönte Halmar glucksend und klatschte zweimal laut in die Hände, bevor er zurückwich, um seinen Kämpfern nicht im Weg zu stehen. Man konnte sich kaum versehen, da stob Anna vor, um ihren etwa gleich großen Gegner im Nahkampf zu bedrängen.

 

Es dauerte lange, bis Felsen einen ordentlichen Treffer landete, doch dieser rechte Haken hatte es in sich. In den vergangenen, adrenalingeladenen Augenblicken hatte der Mann einige harte Hiebe Annas eingesteckt oder abgewehrt. Er hatte Fäuste oder Knie mit dem Körper abgefangen und dabei auffallend wenig gejammert. Und er hatte die Unterarme flink hochgerissen, um die seiner Gegnerin gekonnt nach außen hin fort zu schlagen oder sein Gesicht zu schützen. Dennoch: Der Skelliger hatte Mühe damit einen sicheren Stand zu wahren und hatte viel Blut an einem Mundwinkel kleben. Er spuckte rot aus, als Anna, getroffen von einer seiner Fäuste stöhnend rücklings taumelte. Beinah fiel sie, fing sich gerade noch so. Überwältigt ächzte die Frau, sah für wenige, tiefe Atemzüge lang weiße, hektische Pünktchen in ihrem engen Sichtbereich herumtanzen und ihre Augen flimmerten. Der drückende Schmerz trieb ihr Tränen in jene. Sie hörte den eigenen, pochenden Puls in den Ohren rauschen und die lauten Zurufe der ringsum versammelten Menschen entfernten sich, wurden unheimlich dumpf. So, als habe man Anna’s Gehör just dick in Watte gepackt. Es fühlte sich an, wie eine Ewigkeit, doch tatsächlich waren es nur Sekunden. Schnell fand die Kämpferin, die die Zähne zusammenbeißen musste, wieder einen guten Stand. Sogleich ging sie wieder in die direkte Offensive, versuchte die Verteidigung Felsens wütend schreiend zu durchbrechen und bekam langsam eine Ahnung davon, woher dessen Spitzname rührte: Man kam kaum an seine wunden Punkte heran. Und wenn, dann ertrug er alle Hiebe, als sei er eine dicke, harte Steinmauer, gegen die man vergebens schlug. Doch Anna würde sich davon nicht verunsichern lassen, oh nein! Eher würde sie sich von der nächsten Klippe ins schäumende Meer stürzen, als aufzugeben oder sich wehrlos zu Brei schlagen zu lassen. Felsen mochte vielleicht zäh sein, doch die Novigraderin beherrschte Techniken, mit denen sie es schon noch schaffen würde den ollen Stein zum Bröckeln zu bringen. Schließlich hatte sie ihr Leben lang unter der Fuchtel von Hexern gelernt. Und sie BRAUCHTE das Geld. Würde sie heute gegen den Skelliger im grünen Rock verlieren, hätte sie gar nichts mehr. Das durfte nicht geschehen!

Anna’s Hand schnellte ruckartig nach vorn, als Felsen abermals nach ihr schlagen wollte, ergriff ihn am Unterarm und die Kämpferin machte einen Ausfallschritt zur Seite. Der grantig schnaufende Mann fuhr herum, doch zu spät. Die Frau aus dem Ausland trat ihm kraftvoll in die Hacke, zerrte ihn zurück und mit einem erstickten Schrei auf den Lippen stolperte er über ihren Fuß. Mit dem Allerwertesten voran landete er hart am dreckigen, feuchten Grund, keuchte auf und kniff eines seiner Augen zusammen. Aber es schien, als versuche er den Schmerz stur zu ignorieren. Anna wollte abweichen, wurde jedoch sofort am Bein erwischt. Sie wollte treten, aber zu spät, denn ihr Kontrahent aus Skellige rang sie zu Boden. Matsch spritzte und klebte Anna das etwas zu große Leinenhemd an einer Seite so kalt und nass an den Körper, dass sie unwohl erschaudern musste. Felsen legte einen Arm fest um ihren Nacken, drückte zu und würgte sie, hatte die zappelnde Kurzhaarige eisern im Griff und zerrte sie ein Stück weit hoch. Sie, wiederum, schlug um sich und traf den anderen währenddessen irgendwo im Gesicht. Sie beschimpfte ihren sitzenden Gegner, der sie nichts desto trotz im Schwitzkasten hielt, wüst und wurde in dem Zug ein paar unnette Worte über die Profession seiner Mutter los. Felsen hielt sie nurmehr fester und Anna öffnete den Mund für ihren nächsten, notgedrungenen Angriff: Abrupt biss sie zu, in den ungeschützten Unterarm ihres Feindes. Und er ließ sie ob dem tatsächlich los. Endlich! Die beiden Kämpfer wichen voneinander ab, wie aufgescheuchte Tiere. Anna drehte sich zur Seite fort, kam nach Luft schnappend auf die Knie. Felsen rutschte auf dem Hintern zurück und erhob sich verärgert ausspuckend, als er sich den schmerzenden, linken Unterarm rieb. Doch sie beide waren noch lange nicht fertig miteinander. Sie würden kämpfen, bis einer am Boden läge und entweder nicht mehr könnte oder ohnmächtig war.

Anna’s Blick war beachtlich finster, als sie die blutende Nase hochzog und sich ein kehliges Husten verkniff. Ihre trockene Kehle brannte. Mit dem einen Arm wischte sie sich über die Nasenlöcher, verschmierte das dickflüssige Blut dabei ungewollt quer über Lippen und Wange. Doch es scherte sie nicht und ihre aufmerksamen Augen fixierten ihren Gegner unablässig. Felsen stand ihr lauernd gegenüber und sah sie mindestens genauso durchdringend an, wie sie ihn. Wie Anna in dem matschbeschmierten Hemd, wirkte auch er erschöpft, doch standhaft; sehr mitgenommen, doch zu hartnäckig und zu starrsinnig, um aufzugeben. Eine kleine, doch arg blutende Platzwunde an der Braue ließ ihm Blut in einem dunkelroten Rinnsal ins Auge laufen und nahm ihm darauf die Sicht. Er zwinkerte angestrengt, doch seinem Blick zufolge half das nicht. Es war eine Situation, in der die sensationslüsterne Zuschauerschaft bereits damit anfing sich zu langweilen. Denn der Kampf dauerte mittlerweile schon viel zu lange und niemand der beiden Kontrahenten bekam dermaßen harte Schläge ab, dass es zu spektakulären Stürzen, gellenden Schmerzensschreien, ekelhaften Verrenkungen oder unschön gebrochenen Gliedmaßen kam. Eine Tatsache, die auch dem nervösen Halmar auffiel. Und sie stieß ihm sauer auf, wie man es gleich bemerkten sollte, denn aberplötzlich trat er zwischen Anna und Felsen, streckte die Arme in einer weiten Geste aus, die die beiden Kämpfer vorerst davon abhalten sollte weiter zu machen. Mit gespielter Begeisterung und einem falschen Lächeln auf den spröden Lippen kündigte er an:

„Wie es scheint sind sich Felsen und die Ausländerin ebenbürtig! Wer hätte das erwartet?“, bellte der blonde Mann, der seine allerbesten Zeiten schon hinter sich hatte. Er warf knappe Seitenblicke zu der blutenden Frau, deren Mundwinkel wütend zuckte, und zu dem Mann, dessen Zähne grimmig mahlten. Es ging hier mittlerweile um mehr, als nur um Geld: Um den riesenhaften Stolz der Hexerstochter und den wertvollen Wettkampftitel des Skelligers. Wie zwei aufgehetzte, zornige Raubtiere standen sie sich daher gegenüber, Halmar zwischen ihnen. Die Sonne senkte sich langsam dem Horizont entgegen und der Abend dämmerte. Schon bald würde man Fackeln und Tranlichter brauchen, um den Platz des Geschehens gut auszuleuchten.

„Und daher“, verkündete der Veranstalter des heiklen Kampfes weiter „Werden wir ein kleines, hmm, Hindernis für unsere Kämpfer stellen! Eine Zusatzaufgabe!“

Vielsagende Worte, mit denen der nasal sprechende Inselbewohner die Aufmerksamkeit der wenig begeisterten Zuschauer nur mäßig wieder einfing. Er lachte und in seinem Unterton schwang etwas zutiefst Verunsichertes mit. Als handle es sich gerade um eine schlechte Entscheidung, die er aber trotzdem traf, weil er keine andere Wahl hatte. Schließlich ging es ihm doch um die Bespaßung seiner erwartungsvollen Zuschauer und um seinen womöglich guten Ruf. Jenen wollte er klarerweise nicht verlieren.

Anna entspannte ihre zu Fäusten geballten Finger etwas, als sie hörte, was Halmar sagte, und sie ließ die Schultern langsam sinken. Anstatt den bösen Blick weiter neben dem sprechenden Kerl vorbei, zu Felsen, zu richten, heftete sie jenen nun direkt auf den verunsichert hüstelnden Halmar. Sie ertappte sich dabei ratlos zu sein und ihre Brauen wanderten langsam, ganz langsam, in die Höhe.

Was? Hindernis? Wovon sprach der Blondschopf da?

„Was soll das werden, Halmar? Willst du uns veralbern?“, wollte Felsen mit viel Nachdruck wissen und sprach damit die Frage der Novigraderin laut aus “Wenn ja, lass es.”

Zum ersten Mal gab der Typ damit mehr von sich, als irgendwelche Kampflaute oder gewisperte Fragen und Anna war überrascht, weil sich die Stimme dieses standhaften Arsches nicht so anhörte, wie die eines Steinbrockens. Sie war angenehm, nicht hart; sogar sympathisch und natürlich skellisch gefärbt. Sie klang zudem so, als spräche hier ein kluger Kerl, kein dreckiger Straßenkämpfer, dem man schon zu oft gegen die Birne getreten hatte. Er besaß gar noch all seine Zähne, die daneben auch noch gepflegt anmuteten. Eigenartig. Planlos und etwas unbeholfen, sah die anwesende Frau mit der blutigen Nase zwischen Halmar und Felsen hin und her.

„Lasst die zwei doch eine Münze werfen!“, maulte einer aus dem Publikum spöttelnd, gähnte demonstrativ "Ist sicherlich viel spannender, als sie weiterkämpfen zu lassen!"

Ein paar Leute lachten grunzend. Halmar überhörte dies geflissentlich und gestikulierte hektisch in die Richtung zweier Wachen, die da schon die ganze Zeit im Hintergrund herumlungerten und sich mit den Fingern in den Nasen oder zwischen den Zähnen herumpuhlten.

„Holt die Endriaga! Na macht schon! Wofür bezahle ich euch denn, hä?“, fauchte er ungeduldig und eine Welle ganz plötzlich beeindruckten Raunens ging durch die zwei Dutzend Schaulustigen. Sie stießen einander aufgeregt in die Seiten, tuschelten verheißungsvoll und tauschten Blicke aus.

“Eine Endriaga?”, machte einer.

“Unglaublich! Das wird was werden!”, eine andere.

“Ich habe noch nie eine Endriaga von nahem gesehen!”, staunte ein dritter.

Die einzigen, die hier eher minder begeistert waren, waren die beiden heftig stutzenden Personen, die vor wenigen Augenblicken noch aufeinander eingeprügelt hatten, als ginge es um ihre Leben. Felsen und Anna standen da, wie begossene Köter und starrten Halmar entgegen, als hätten sie sich soeben verhört. Ihre Lippen standen ihnen einen Spalt weit offen und die unheimlich schmerzende Nase oder die blutende Wunde an der Braue erschienen auf einmal als nicht mehr nennenswert; als mickrig kleine Problemchen.

Denn… eine Endriaga? Wie jetzt? Hatte man dem Blonden, der seine zwei Handlanger gerade weg scheuchte, um das besagte Monster zu holen, in den Kopf geschissen?

Eilig wendete Anna Felsen den perplexen Blick zu und schluckte trocken. Der Mann mit der verzwickten Miene wäre gleich nicht mehr ihr erbitterter Gegner, sondern ihr wertvoller Verbündeter. Und als sie seinen wenig erfreuten Ausdruck sah, wusste sie, dass er ganz genau wusste, was eine Endriaga war: Ein Arachnid. Ein Untier, so hoch wie ein sehr großer Hund und mindestens doppelt so lang. Diese Viecher sahen aus, wie eine Mischung aus Spinnen und irgendwelchen Käfern, hatten harte, glatte Chitin-Panzer und Beine, mit denen sie wuchtig zuschlagen konnten. Die Krieger unter ihnen waren teils stachelbewehrt und hatten Schwänze, die an die Gliedmaße von Skorpionen aus Serrikanien erinnerten. Ihre Panzer waren rot oder lila gefärbt. Ab und an trugen sie auch einen Schimmer von Grün. Im Großen und Ganzen waren diese riesigen Insekten, deren Gift man unter Anderem im Fallenbau verwendete, nicht sonderlich aggressiv. Solange man sich ihnen auf Wiesen und in Wäldern nicht zu weit näherte, ließen sie einen in Ruhe. Dies galt aber, ganz klar, nicht für Exemplare, die man einfing, um sie in Wettkämpfen ruchlos als lebende Trainingspuppen und als Mittel zur allgemeinen Unterhaltung zu missbrauchen.

Anna's verblüfftes Gesicht, das zuvor eine komplette Entgleisung erfahren hatte, nahm allmählich einen angewiderten Ausdruck an, als sie Halmar aus verengten Augen fixierte. Sie presste die trockenen Lippen verstimmt zusammen und ballte die geschundenen Hände so fest zu Fäusten, dass ihr die Knöchel weiß hervortraten. Von der Seite aus hörte sie, wie Felsen ein unglaublich verheißungsvolles 'Scheiße' raunte.

Ja, Scheiße. Das traf es wohl sehr gut.

Kommentare zu kapitel 1

Kommentar schreiben

Kommentare: 0