Kapitel 2

Menschen sind die GröSSEREN Monster

Die beiden Handlanger von Halmar kamen wieder. Und zwar mit einem Käfig auf Rädern, wie sie sonst nur Sklavenhändler benutzten, um ihre lebende Ware zu transportieren. In dieses knarrende Gefängnis, gezimmert aus dicken Holzplanken und geschmiedeten Eisenstäben, hatte man eine fauchende Endriaga gesperrt. Anna weitete die Augen, als sie das Insekt sah, wich einen Schritt weit zurück. Das Ungeheuer war sehr groß für seine Art und allein dessen gepanzerter Kopf so breit, wie ein Wagenrad. Die beiden sichelförmigen Pranken hatte man dem rot-grün schimmernden Getier mit einem dicken Tau verschnürt. Dies so weit von den starken, schnappenden Kieferzangen entfernt, dass es sich die Fessel nicht abbeißen konnte. Die riesige Endriaga wollte sich im viel zu kleinen Käfig aufrichten, doch schaffte es natürlich nicht. Sie warf sich protestierend gegen die Gitterstäbe und schnarrte verärgert. Sie zeterte, schlug mit dem harten Ende des stachelbewehrten Schwanzes gegen das scheppernde Metall und bekam dafür die Klinge einer Glefe in die Seite gerammt. Anna's Blick fiel sofort erschrocken auf einen von Halmar's Hünen, der schadenfroh lachte und mit seiner langen Waffe nach dem armen Tier stach.

Monster. Manchmal fragte sich die Hexerstochter, wer die größeren waren: Ghule, Gabelschwänze, Arachnide, Gruftweiber... oder die Menschen. Die Grenze zwischen ihnen mutete auch heute wieder sehr, sehr vage an. Und während Halmar's Laufburschen die Endriaga in ihrem Käfig auf den Kampfplatz schoben, näherte sich Anna vorsichtig Felsen, der genauso schweigend und sprachlos abwartete, wie sie. Dass die Frau in dem dreckigen Hemd nun neben ihm stand, war eine stumme Geste, ein 'Wir sollten jetzt zusammenhalten' oder ein 'Wir zwei gegen diese wahnsinnigen Arschlöcher?'. Bestimmt verstand der Mann, der sich das langsam gerinnende Blut aus dem Auge wischte.

„Liebe Leute! Die Endriaga!“; verkündete der blonde Halmar derweil lachend und breitete die Arme darbietend aus, als er vor dem massiven Käfig daher marschierte und in die gaffende Menge sah. Mittlerweile waren noch andere Schaulustige daher geeilt, auch Kinder, die ganz große Augen machten und wohl am liebsten nähergekommen wären, um das riesengroße Insekt, das man nur hierfür eingefangen hatte, zu beäugen. Jenes blutete aus der verwundeten Seite, doch war keineswegs geschwächt, eher angestachelt. Normalerweise war es so, dass Endriagen mit ihren Angriffen auf sich warten ließen. Sie drohten eher, anstatt sich blindlings auf Menschen zu stürzen, die gar nicht zu ihrer Beute zählten. Ja, sie fauchten, schnatterten böse und hoben ihre scharfen Zangen und Schwanzenden demonstrativ empor. Sie machten sich groß, richteten sich auf und knurrten verheißungsvoll. Doch bis eines der langen Insekten angriff, dauerte es. Man musste es schon sehr aufwiegeln, einem Nest zu nahe kommen oder zuerst zuschlagen, um attackiert zu werden. Anna hatte sich vorhin ja noch die Hoffnung gemacht das spinnenbeinige Untier irgendwie beschwichtigen zu können, Abstand zu nehmen und es dann weglaufen zu lassen. Sie hatte es laut schreiend fortscheuchen wollen, zurück zu seinen Gleichgesinnten. Nicht, weil sie große Angst davor hatte gegen eine Endriaga zu kämpfen - sie hatte schon viel schlimmere Monster erlegt. Doch sie hatte in die Defensive gehen wollen, weil sie sich hier sehr nah am Dorfrand von Blandare befanden. Ein wütender Riesenkäfer war also ein enormes Risiko. Auch für all die Zuschauer, die lieber neugierig glotzten anstatt sich in Sicherheit zu bringen. Diese erbärmlichen Narren.

Die Hoffnung darauf den verletzten Arachniden einfach fort zu scheuchen, damit er zurück zu seinesgleichen eilte, war also dahin. Und es stand fest: Anna und ihr neuer Kampfgefährte aus Skellige würden gegen die aufgebrachte Endriaga kämpfen müssen, so oder so. Sie hatten keine Wahl, wenn sie die Leute ringsum beschützen wollten. Sie müssten das bemitleidenswerte Monster Halmars wahrscheinlich töten.

„Ist das da“, Anna nickte in die Richtung des Insektenkäfigs, vor dem sich Halmar groß aufspielte, und linste dabei aus dem Augenwinkel zu Felsen hin „Normal für die Gegend?“

Eine berechtigte Frage. Schließlich waren die westlichen Inseln rauer als andere Länder. Die Menschen waren barscher, die Viecher bulliger, die Monstren schrecklicher. Womöglich war es ja gewöhnlich, dass die Endriaga da vorn so-

„Nein.“, knurrte der dunkelhaarige Krieger mit den feinen Zügen unzufrieden und brachte die Novigraderin damit dazu bedauernd zu seufzen “Sie sind normalerweise nicht so groß.”

Anna sah, wie ihr grün gewandeter Kumpan ihr einen unheimlich vorwurfsvollen Blick zuwarf. Die stumme Anschuldigung in seiner Miene stach unangenehm. Es war klar, dass der Krieger es seiner neuen Bekannten zuschrieb, dass er nun gegen eine aggressive, riesenhafte Endriaga kämpfen müsste. Hätte sich die großmäulige Anna vorhin nicht in die Wettkämpfe Blandares eingemischt, würde der blutbeschmierte Kerl nun nämlich schon als glorreicher Gewinner in der hiesigen Taverne sitzen und auf sich anstoßen. Wahrscheinlich würde seine Portion Braten mit Klößen auf's Haus gehen und die hübschen Mädchen, die würden ihm schmachtend zu Füßen liegen. Mehr als nur eine von ihnen wäre dann sicher gern mit ihm mitgegangen, um mit ihm, dem großen Helden, die Nacht zu verbringen; blaues Auge und angeschwollene Braue hin oder her. Stattdessen stand Felsen aber hier in der Kälte, waffenlos, ungerüstet, abgekämpft und würde gleich mit einem zehn Fuß langem, grollenden Tier rangeln müssen. Womöglich würde er dabei ja gar sterben, wer wusste das schon?

„Was machen wir?“, der Ton hinter dem drängenden Nachfragen des besagten Landsmannes war mehr Aufforderung als Nachhaken. Anna sah nicht zu Felsen hin, der gerade nach ihrem Rat gefragt hatte, sondern starrte die Endriaga nach wie vor wartend und abschätzend an.

„Was?“, entkam es ihr vorschnell, bevor sie nachdachte.

„Du hast ein Hexermedaillon.“, eine hintergründige Aussage, die ahnen ließ, dass Felsen glaubte, seine Verbündete sei ein Mutant, der Arachnide im Nullkommanichts auseinandernahm. Das war überraschend. Der verdreckte Skelliger war wohl weit schlauer, als es der unwohlen Frau im verschwitzten Leinenhemd lieb war. Sie schluckte trocken, doch klärte ihn nicht über ihre Abstammung auf. Anna erzählte nicht, dass sie KEINE Hexerin war. Dafür war nun nämlich wirklich keine Zeit. Und außerdem-... außerdem wollte sie nicht über dieses dumme Thema sprechen, das ihr immer wieder sauer aufstieß.

„Die Unterseite ist verwundbar.“, murmelte Anna stattdessen. Sie hatte sich noch nie mit Endriagen angelegt, doch sie kannte diese vielgliedrigen Untiere aus ihren alten, vergilbten Büchern. Als Kind hatte sie schon die Eigenschaften von allerlei Monstern auswendig lernen müssen und Balthar hatte ihr vor dem Schlafengehen oft ein paar Seiten aus seinem Bestiarium vorgelesen. Das, obwohl sie sich manchmal vor seinen detailreichen Beschreibungen und Ausführungen gefürchtet hatte und oft sogar hatte weinen müssen. Es war dem langhaarigen Hexer einerlei gewesen sein ‘Wölfchen’ so zu sehen: Wie sie bittere Angst gehabt und befürchtet hatte, dass sich unter ihrem Bett in der Festung eine böse Erscheinung oder ein Wyvern mit spitzen Zähnen befand. Denn Balthar hatte Anna früh auf das knallharte Leben und das Monsterjagen vorbereiten wollen. Sie hatte nicht einmal bei ihm schlafen dürfen, wenn sie sich nicht in ihr eigenes Bett getraut hatte. Keine zehn Jahre alt war sie zu diesem Zeitpunkt gewesen.

„Mhm.“, machte Felsen und verengte die Augen entschlossen, nachdem seine Kumpanin ihn auf den Schwachpunkt von Endriagen aufmerksam gemacht hatte. Er nickte langsam.

„Durch den etwas dünneren Panzer an den Flanken kommt man leichter durch.“, fügte die Frau noch hinzu.

„Hm.“

„Das Gift der Kieferzangen tötet binnen weniger Stunden, als pass gut auf.“

Noch ein nachdenklich-grimmiger Laut seitens des Skelligers, der sich dazu gezwungen fühlte zu kämpfen, folgte. Dann ließ Halmar sein verwundetes Biest frei, zerschnitt dessen dicke Fesseln mit einem Axtschlag und lachte aufgeregt. Schnell wich er zurück, um den zustoßenden Zangen des Monsters zu entkommen. Jenes, wiederum, sprang mit einem Mal auf den Platz, scharrte mit den Beinen, fauchte ohrenbetäubend. Ein einschüchternder Anblick, selbst für Anna, die schon so manch einem Untier gegenübergestanden hatte.

Die halbe Zuschauerschaft stob schreiend und mit über dem Kopf zusammengeschlagenen Armen auseinander, als die Endriaga weit mit dem Schwanz ausholte und in einer schwungvollen, halbkreisförmigen Bewegung wahllos nach den vielen Menschen schlug. Halmar brüllte irgendetwas, seine beiden Männer zögerten und wichen feige ab, anstatt mit erhobenen Glefen einzugreifen. Und Anna und Felsen schrien hektisch, man möge ihnen doch Waffen geben. Leider hörte den vermeintlichen Straßenkämpfern aber niemand zu, denn der Platz war bereits in das reinste Chaos getaucht. Das laute, sirrende Schnarren der Endriaga hallte bestimmt bis in das Zentrum von Blandare, als sie herumfuhr und mit den sichelförmigen Vorderbeinen nach ein paar Fliehenden hob. Sie traf dabei eine ältere Frau, zertrümmerte deren Kreuz, als sei jenes nur ein dünner, knackender Zweig. Die Dame mit dem erdfarbenen Umhang gab einen erstickten Schrei von sich und fiel. Als ihr Körper den harten Grund grotesk verdreht erreichte, war sie schon tot.

Ein zwischen zusammengebissenen Zähnen hindurch gezischtes Fluchen verließ die Kehle von Anna, als sie dies sah. Sie holte tief Luft, um zu Sprechen und brüllte folgend ein paar Schimpfworte, um die Aufmerksamkeit der rasenden Endriaga auf sich zu ziehen. Sie hatte Erfolg. Das Wesen, dessen grünliches, zähes Blut noch immer in dicken Fäden auf den Boden tropfte, wendete sich ihr zu, stürzte los und schlug wild mit dem stacheligen Schwanz. Gekonnt wich die versierte Novigraderin aus, duckte sich unter einem Hieb der massiven Pranken fort und stolperte ächzend zur Seite. Irgendwo im Augenwinkel erkannte sie, wie Felsen von der anderen Seite kam, um das Insekt davon abzuhalten sich noch einmal herumzuwerfen und den kreischenden Passanten gen Dorf zu folgen. Ja, er blieb tatsächlich, um sich dem Monster wacker zu stellen. Welch ein Glück!

Wieder schrillte die Endriaga und bäumte sich wild auf, war damit höher als ein steigendes Pferd. Mit den Beinen voller Widerhaken warf sie sich auf Anna und verfehlte die flinke, gehetzte Frau nur um eine Haaresbreite. Eilig und ziemlich planlos wich die Kurzhaarige zurück und erhob die Hände, als wolle sie die Endriaga beruhigen. Leider war das gepanzerte Monster aber kein gezähmter Gaul, den man schnell unter Kontrolle bekommen könnte. Es war ein wildes, in die Ecke gedrängtes Biest, kein Haustier. Überfordert starrte die unruhig atmende Hexerstochter den Arachniden also an und ihre wirren Gedanken rasten. Waffen, sie bräuchte ihre Waffen! Sie hatte sie vor dem Faustkampf gegen Felsen abgegeben. Wo waren sie?

Anna wich weiter ab, schnell, drehte den Kopf suchend und ihre Augen wanderten hektisch. Felsen kam, Melitele sei Dank, zu Hilfe, brüllte herum, stänkerte in seinem fremden Dialekt und fing die Aufmerksamkeit der aufgerüttelten, versehrten Endriaga damit ein. Er hatte sich dem Ungeheuer zu weit genähert und machte Anstalten es einfach treten zu wollen.

„Meine Sachen!“, schrie Anna durch das laute Gewirr am Platz und ihr Blick suchte den stark schwitzenden Halmar, der seine zwei dummen Handlanger soeben zornig zurechtwies.

„Mein Schwert!“, blaffte die Frau und erreichte den blonden Idioten damit auch endlich. Jener sah sie zerfahren an und deutete in die Richtung einer gezimmerten Kiste, die da am Rande des Kampfplatzes neben ein paar Steinen und einem dürren Busch stand. Die Holzkiste mit den rostigen Eisenscharnieren war offen, ein paar Waffenknäufe lugten daraus hervor und dieser Anblick entlockte Anna ein tiefes, erleichtertes Aufseufzen. Sie eilte los, während Felsen einen harten Schlag des Endriaga-Schwanzendes kassierte und in den feuchten Dreck geworfen wurde, wie eine gewichtslose Puppe. Der Schlamm spritzte zu allen Seiten.

 

Felsen stand überraschenderweise schon wieder, als Anna heraneilte, um ihm zu helfen. Im Laufen legte sie sich ihren ledernen Schwertgurt fahrig um und schloss die messingfarbene Schnalle davon mehr schlecht als recht, weswegen ihr die Schwertscheide schief von der Hüfte hing. Sie stolperte beinah über einen klobigen Stein der da lag, doch fing sich gerade noch so. Oh, welch ein Durcheinander!

Felsen, der etwas mitgenommen wirkte und die Schultern schwerfällig straffte, sah seine Verbündete und gab einen unverständlichen, überforderten Laut von sich. Sein Gesicht sprach dabei Bände und er warf die Arme aufgebracht in die Luft. Erstaunlich, dass er nach dem wuchtigen Schlag der Endriaga überhaupt schon wieder stand. Er machte seinem Straßenkampf-Namen alle Ehre.

„Werfe sie um!“, bellte Anna völlig spontan und ihre Hand legte sich an den Griff ihres Schwertes. Jenes war nur aus Stahl, doch das hinderte sie nicht daran es zu ziehen, um gegen ein Monster zu bestehen. Die irrsinnige Behauptung, dass Stahlwaffen nur Menschen töteten und Monstern nichts anhaben konnten, war nämlich ein stupides Märchen, ausgeschmückt von unwissenden Geschichtenerzählern und dummen Bauern, die vipernäugige Hexer für übernatürlich hielten. Stahl brachte auch die meisten Biester um, wenn man jene verheerend genug traf, und Endriagen gehörten zu denen. Anna bräuchte ihren Silberdolch gerade nicht.

„Was? Spinnst du?“, entkam es Felsen zwischen dem Gefauche der Endriaga und dem herrischen Geschrei von Halmar empört. Die Farbe war ihm längst aus dem Gesicht gewichen. Bestimmt hatte er noch nie gegen einen Arachniden gekämpft. Es überraschte die erfahrenere Hexerstochter und Alchemistin nicht.

„Werfe sie um! Der Bauch ist nicht gepanzert!“, wiederholte sich Anna und der dunkelhaarige Mann der Inseln stutzte. Seine Lippen öffneten und schlossen sich ein paar wenige Male, als wolle er Einspruch erheben. Doch er tat es nicht und man konnte sehen, wie sein Schädel auf Hochtouren arbeitete. Dann, nach nur wenigen Wimpernschlägen, nahm sein Ausdruck etwas sehr, sehr Entschlossenes an. Felsen ballte die schmutzigen Hände zu Fäusten und beugte die Knie ganz leicht. So, als wolle er Anlauf nehmen. Man sah, wie er ein einziges Mal ganz tief durchatmete.

Das Szenario, das sich Anna daraufhin bot, wirkte, als sei es einer fantastisch übertriebenen Ballade eines schlechten Dichters entsprungen. Wie etwas, das in ausgeschmückten Geschichten passierte, die man kleinen, aufgeregten Kindern oder dem gutgläubigen Pöbel erzählte. Doch es war keine aufgeblasene Erzählung, sondern Realität: Entweder vollkommen selbstsicher oder aber absolut lebensmüde lief Felsen wie ein Wahnsinniger los und warf sich mit einer Schulter voran gegen die blutende Endriaga. Laut schreiend tat er das und brachte das vielbeinige Insekt damit ganz schön ins Wanken. Es taumelte gar seitwärts, doch sein Schwerpunkt war nicht hoch genug gewesen, als dass man es tatsächlich hätte umwerfen können. Verdammt! Der Schubs von Felsen hatte das vielgliedrige Biest also nur noch weiter angestachelt, doch das schien den besagten Mann nicht von seinem Vorhaben abzuhalten das Monster mit bloßen Händen bekämpfen zu wollen. Er setzte erneut dazu an dem schnatternden Vieh an den nicht vorhandenen Kragen zu wollen, entkam dabei nur knapp einem frontalen Hieb der Sichelpfoten. Jene streiften ihn, schlugen ihm gegen die Schulter, doch er blieb verhalten ächzend stehen.

Nun war es Anna, die herumfuchtelte und auf ein Neues wüste Flüche rief, um das Insekt, das so viel größer war, als seine Artgenossen, auf sich aufmerksam zu machen. Es funktionierte, denn die Endriaga griff schließlich wahllos alles an, das nach ihrer labilen Aufmerksamkeit haschte. Erschöpft schien sie dabei noch immer nicht zu sein. Leider.

Eine Sichelzange sauste auf Anna herab und die Frau riss ihr langes Schwert reflexartig abwehrend vor sich. Das Gliedmaß des Monsters donnerte dermaßen hart auf die Stahlklinge, dass der klirrende Schlag bis in den Oberarm der Novigraderin hoch vibrierte und jenen nahezu taub machte. Der Kurzhaarigen entkam ein überwältigtes Keuchen, sie schlug die Pranke der Endriaga mühsamst von sich und wich zurück. Wie hunderte Male zuvor machte sie ihre Schritte rückwärts; Eins, zwei, drei. Und wie immer verlagerte sie ihr Gewicht dann auf ihr linkes Bein, stellte das rechte vor und wahrte damit einen sicheren Stand. So, wie sie es von Balthar gelernt hatte, hob sie mit dem Langschwert zu und ignorierte das noch immer präsente, unangenehme Kribbeln in den Fingern der rechten Hand. Doch sie wiegelte das gut gepanzerte Insekt vor sich nur weiter auf, anstatt Schaden anzurichten. Die Endriaga grollte in Raserei, Anna gab ein grantiges Brüllen, einen verzweifelten Kampfschrei, als Antwort.

Als sich das grünlich schimmernde Monster dann wieder auf die hinteren Beine stellte, um sich groß zu machen, verblieb die Hexerstochter an ihrem Platz und spannte den Körper an, obwohl es ihr eigentlich nach Fortlaufen war. Sie verengte die braunen Augen, verkniff sich ein überwältigtes Stöhnen und umfasste den gewickelten Schwertgriff so fest, dass es schmerzte. Ihr Herz schlug ihr bis zum rauen Hals und drohte ihr noch aus der Brust hervor zu springen. Die Endriaga streckte den Insektenrücken durch, bäumte sich auf und zischte bedrohlich, hob die gefährlichen Kneifzangen auf ein Neues in die Höhe. Anna’s Hände zitterten, sie schluckte schwer, ertappte sich dabei den Atem anzuhalten. Und in diesem Augenblick kam Felsen von rechts. Mit all seinem Gewicht und der verbliebenen Kraft, die er noch aufbringen konnte, warf er sich wuchtig gegen das zornige Untier und riss es dieses Mal tatsächlich um. Aufgeschreckt und irritiert keifend kippte die Endriaga seitwärts, zappelte verzweifelt mit den Beinen, landete hart am gepanzerten Rücken und wollte sich herumdrehen. Doch ihr blieb keine Zeit dafür, denn die wachsame Anna nutzte diese einmalige Gelegenheit schnell und sprang vor. Ihre Klinge grub sich abrupt senkrecht und tief in die Unterseite der gellend aufkreischenden Kreatur. Dies direkt neben Felsen, der noch halb auf dem zappelnden Ungetüm lag und einen erschrockenen Laut von sich gab, als seine wagemutige Kollegin zustach. Mit einem Schrei auf den trockenen Lippen stieß die Kurzhaarige dem Monster die scharfe Schneide in den Bauch und lehnte sich mit dem gesamten Körpergewicht auf das stählerne Schwertheft, um die hungrige Waffe noch tiefer zu zwängen. Gehetzt rollte der bewusst ganz knapp verfehlte Skelliger von der Endriaga herunter und hob den Kopf sofort, um Anna fassungslos anzustarren. Das Herz musste ihm förmlich stehen geblieben sein, als sich die todbringende Klinge der Kriegerin direkt neben ihm vorbeigesaust war. Weiches Arachniden-Fleisch gab nach, grünes Blut sprudelte und benetzte die Stiefel der Alchemistin aus Novigrad. Die Endriaga zuckte noch ein paarmal unkontrolliert mit den Spinnenbeinen. Dann war es endlich vorbei.

 

Halmar brachte Momente später nicht mehr zustande, als betreten zu lachen und peinlich berührt vor Anna und Felsen zurückzuweichen. Natürlich hatte der nassgeschwitzte Blonde längst erkannt, dass er einen wahrlich bösen Fehler begangen hatte; dass wegen ihm eine Frau gestorben war. Doch er war zu stolz, um sich dies einzugestehen. Er erhob die schwieligen Hände abwehrend vor sich, als die Novigraderin und der Skelliger, die mit grünlichem, klebrigem Insektenblut besudelt waren, grantig auf ihn zu marschierten. Die arme Endriaga lag tot und mit vor dem Bauch zusammengekrampften Beinen im Rücken der beiden. Es war schwer zu sagen, wer finsterer dreinsah: Anna, die ihr Schwert noch fest umklammert in der Hand hielt, oder Felsen, der anmutete, als habe ihn eine Händlerkarawane überfahren.

„Du!“, machte Felsen, presste dies zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor, und trat eng vor den stammelnden Halmar. Die Sonne war mittlerweile fast untergegangen und die Kälte wollte einem ungnädig klamm unter die Kleidung kriechen. Der unregelmäßig gehende Atem des Straßenkämpfers stieg als weißer Dunst auf.

„Geb' uns nen guten Grund, warum wir mit dir nicht das gleiche machen sollten, wie mit deinem Käfer!“, schimpfte der verdreckte Kumpane Annas außer sich und hob den Zeigefinger, um anschuldigend auf den zu zeigen, der die ganze Misere hier zu verantworten hatte: Halmar. Der Finger stieß drohend an die Brust des blonden, untersetzten Skelligers, der die Hände noch immer defensiv erhoben hatte. Jener schüttelte das Haupt hastig.

„Äh, ah... wartet!“, war das einzige, das dem konfrontierten Halmar vorerst einfiel. Auch seine Männer standen da, als wüssten sie nicht so recht, was tun. So unwohl berührt und planlos, wie sie starrten, hatten sie sicherlich wenig Lust dazu die Waffen gegen die beiden Monstertöter zu erheben, die gerade ein Rieseninsekt zu Fall gebracht hatten. Dafür zahlte der geizige Halmar ihnen bestimmt nicht genug. Sie waren Wachen, keine Mörder oder lebensmüde.

„Warten? Oh nein, du Hurensohn!“, donnerte Felsen und sah aus, als sei er drauf und dran dem Veranstalter der fragwürdigen Wettkämpfe des Dorfes den Hals umzudrehen. Mit bloßen Händen. Und dies war glaubwürdig, denn schließlich hatte der Kerl auch eine riesengroße Endriaga waffenlos niedergerungen. Niemand stellte sich solch einem Schläger so schnell in den Weg. Er sah zwar recht hübsch aus und war nicht der Größte, doch dies täuschte gewaltig, wie Anna fand. Sie konnte sich daher und trotz des unguten Moments eines seichten Grinsens nicht erwehren. Sie ließ das blutbeschmierte Schwert sinken und wartete einfach nur ab, die Augen abwartend auf das Geschehen gerichtet und mit grimmiger Genugtuung im Blick. Ja, sollte Felsen Halmar doch die Nase oder mehr einhauen! Das hatte der übermütige Bastard MINDESTENS verdient. Anna würde nicht dazwischen gehen und stand vollends auf Felsen's Seite, obwohl sie sich für gewöhnlich aus den meisten Zwistigkeiten oder Diskussionen heraushielt. Ihre Mentoren hatten ihr nämlich beigebracht unbedingt neutral zu sein und sich in der Grauzone zu halten, wenn sich zwei gegenüberstehende Gruppen die Schädel einschlugen. Jetzt aber, oh, da hätte sie sich am liebsten schadenfroh die kalten, feuchten Hände gerieben. Denn Felsen, der verpasste Halmar soeben so eine ordentliche Rechte, dass es dem Blonden den Kopf nur so herumriss. Man konnte gar nicht so schnell schauen, da lag der Wettkampf-Veranstalter im braunen Lederwams am matschigen Boden und bettelte mit unschön aufgesprungenen Lippen um Gnade. Offenbar waren nicht alle Skelliger begabte Krieger oder Halmar hatte einfach einen zu großen Respekt vor dem Mann, der fast all die harten Wettkämpfe in Blandare gewonnen hatte.

„Nein, nein! Hör auf!“, keuchte der bedrängte Halmar hervor und seine Männer standen unschlüssig im Hintergrund. Einer seiner Schneidezähne fehlte und dies brachte ihn zum Nuscheln. Er sah so lächerlich aus.

„Du kriegst das Geld! Alles!“, blökte der nasal sprechende Mann am Boden und dieses Angebot ließ Felsen, der gerade gewaltsam hatte zutreten wollen, innehalten. Die Augenbrauen des Dunkelhaarigen mit der fellbesetzten Kapuze, die bespritzt war mit Insektenschleim, schnellten in die Höhe, doch er ließ die Fäuste geballt und sein Blick blieb skeptisch. Der bleiche Veranstalter der Wettkämpfe befühlte seine Zähne vorsichtig prüfend mit der Zunge.

„Ha?“, wollte Felsen patzig wissen und auch die wortkarge Anna legte die Stirn in tiefe Falten, wurde hellhörig. Sie sah gespannt abwartend zwischen Halmar und dessen 'Peiniger' hin und her, doch steckte das Bastardschwert noch nicht in seine Scheide zurück.

„Das Geld im Pott! Es ist deins! Alles davon kannst du haben! Aber lass mich bloß in Ruhe!“, quakte Halmar wehleidig und robbte auf seinem Hintern sitzend zurück, um aus Felsen's Trittreichweite zu kommen. Er keuchte schwer und fasste sich an die blutige Lippe, die zuvor Bekanntschaft mit der Faust seines aufgebrachten Landsmannes gemacht hatte.

„Na los! Nimm's schon und verschwinde!“, beschwerte sich der Blondschopf am kalten Grund. Es war ein Angebot, das der im grünen Mantel nur zu gerne annahm.

 

*

 

Anna sah auf, als man ihr einen großzügig gefüllten Humpen Bier vor die Nase stellte und beobachtete daraufhin, wie sich der angeschlagene Felsen ihr gegenüber schwerfällig niederließ. Er selbst hatte sich auch einen tönernen Krug des schäumenden Getränkes mitgebracht, schob es vor sich auf die Tischplatte und machte sich dann erst einmal daran die Schnürung seines Kragens ein wenig lockerer zu ziehen. Wie die Frau trug er frische Kleidung, hatte sich das schmierige Endriaga-Sekret aus den Haaren und das Blut aus dem mitgenommenen Gesicht gewaschen. All das hier, im Gasthaus, in dem er sich ein kleines Zimmer geleistet hatte.

Nach dem Kampf gegen das Biest Halmars und dem Streit mit dem selbigen, hatte der hier Sitzende tatsächlich alle Teilnahmebeiträge der Blandarer Faustkampf-Wettbewerbe bekommen. Die vielen Münzen hatten seinen kleinen Geldbeutel recht prall aufgefüllt, obwohl er nicht all das Geld an sich genommen hatte. Die Hälfte des Gewinns hatte er nämlich ohne Diskussion oder Aufforderungen seitens der Hexerstochter an eben jene weitergegeben. Der eigenartige Mann vertrug also nicht nur viele, harte Schläge, sondern hatte auch ein halbwegs gutes Benehmen. Schließlich hätte nicht jeder die Hälfte seiner hart erkämpften Beute mit einer völlig fremden Mitstreiterin aus dem Ausland geteilt. Wenn es um klingelnde Münzen ging, dann schieden sich doch sogar Freunde und Familien. Felsen aber, der hatte sich dreißig Silber und vier Kupfer aus dem Wettkampf-Topf geklaubt, prüfend aufgeblickt, überlegt und der staunenden Anna dann einfach so den Rest überlassen: Ebenso dreißig Silber und vier Kupfer. Dies mit einem trockenen, doch wahren ‘Wir haben das Vieh zusammen getötet, Hexerin’ auf den spröden Lippen. Ein kurzer, darauffolgender Austausch von trivialen Worten hatte dann noch ergeben, dass sich Felsen, wie Anna, in der Taverne der Wirtin mit den Holzfällerhänden eingemietet hatte. Dass er gerade nicht auf dem Inselarchipel residierte, obwohl er ein Skelliger war, und dass er zeitnah abreisen würde. Seltsam. Aber die skeptische Anna hatte nicht weiter gefragt, schließlich ging sie die Lebensgeschichte Felsens nichts an und der dunkelhaarige Kämpfer hatte sie ebenso nicht über ihre Belange und Motivationen ausgequetscht. Er hatte sie, um genau zu sein, gar nichts gefragt, sondern ihr nur zu ihrem guten Kampfstil gratuliert. Am Ende hatten sie sich zusammen und über das schlechte Wetter plaudernd auf den Weg zur hiesigen Taverne begeben. Schlussendlich zog man, wenn man vollgeblutet und abgeranzt in ein Dorf voller Schaulustiger marschierte, nicht all die Fingerzeige, den Hohn und dumme Fragen auf sich allein, wenn man zu zweit ankam. Geteiltes Leid war halbes Leid, in dieser Hinsicht waren sich Anna und Felsen einig gewesen.

Die gelangweilte Miene von Anna erhellte sich also, als sie sah, wie sich ihr neuer Bekannter zu ihr gesellte. Ehrlich gesagt hatte sie ja nicht damit gerechnet noch einmal die Gelegenheit dazu zu bekommen mit jenem zusammen zu sitzen. Sie hatten sich zwar in derselben billigen Schenke eingemietet und am frühen Abend zusammen gekämpft, doch das hieß gar nichts. Sie beide machte all das Genannte nicht zu Freunden oder dergleichen. Sie hätten sich nach dem Kampf gegen das aggressive Rieseninsekt und der Konfrontation von Halmar genauso gut voneinander verabschieden und ihrer Wege gehen können. Stattdessen hatte sich Felsen, der vermutlich gerade von oben, aus seinem winzigen Gästezimmer, gekommen war, aber zu der einsamen Hexerstochter gesetzt und ihr auch noch ungefragt und großzügig ein großes Getränk ausgegeben. Nett.

Anna hatte gerade zu Abend gegessen und auf einem Holzbrettchen am Tisch lagen ein paar dick belegte Brote, die sie noch nicht angerührt hatte. Das erledigte Felsen nun schamlos für sie. Er fischte sich eines der Käsebrote mit Pfeffer und steckte es sich in den Mund, ehe er sich erschöpft schnaufend auf seinem abgesessenen Stuhl zurücklehnte und den Blick schweifen ließ. Er gab sich, als sei es für ihn ein gewohntes Gehabe hier stuhlwippend herumzulungern und sich an fremdem Essen zu bedienen. Anna verkniff sich ein heiteres Schmunzeln. Dies, obwohl sie es für gewöhnlich ganz und gar nicht mochte, wenn man von ihrem Teller aß. Belegte Brote waren ihr heilig und dem letzten, der in Oxenfurt versucht hatte einen Bissen von ihrem Strudel zu ergattern, hatte sie eine Gabel in die Hand gerammt.

„Ah. Der große Käferschubser von Ard Skellig...“, stellte die Novigraderin feixend fest, nachdem sie kurz nach Worten geklaubt hatte „Ich fühle mich geehrt!“

Eine Aussage, die dem besagten 'Helden' ein amüsiertes Schnauben entlockte. Er schluckte seinen Bissen Käsebrot hinunter und sein schiefer Blick war nicht minder belustigt, als er die Frau in der schlichten Hose und der purpurnen Weste fixierte. Anna mochte die Farbe Rot.

„Was treibt jemanden wie dich nach Skellige?“, wollte er dann ohne weitere Umschweife wissen und duzte Anna damit. So machte man das mit Leuten, denen man die Fresse einmal poliert hatte oder die Anstalten gemacht hatten mit einem den dreckigen Boden aufzuwischen. Für Förmlichkeiten war bei solchen besonderen Bekanntschaften wirklich kein Platz. Es überraschte Anna außerdem positiv, dass Felsen sich so gelassen zu ihr gesellt hatte und freundlich mit ihr sprach, obwohl sie ihm die Braue blutig gehauen hatte. An anderen Orten hätte man sich so etwas abschminken können. Doch in Skellige, da vertrug man sich nach Kämpfen eben schnell wieder... und wie war das nochmal gewesen? Ein Humpen Bier für jeden blauen Fleck? Die Kurzhaarige taxierte das dunkel unterlaufene Auge Felsens flüchtig.

„Das Geschäft brachte mich her.“, antwortete Anna dem neugierigen Dunkelhaarigen jetzt langsam. Es war eine lasche Lüge, doch das musste ihr ramponiertes Gegenüber ja nicht wissen.

„Aha.“, sagte Felsen wenig überzeugt. Er fasste nach seinem schäumenden Bierkrug, um einen kräftigen Schluck daraus zu trinken und daraufhin wohlig aufzuseufzen.

“Bei Freya’s Titten. Das war nötig...”, kommentierte der Kerl seinen tiefen Schluck Alkohol gleich leise.

Anna's Blick blieb derweil interessiert an dem gelassenen Mann hängen, der überhaupt nicht so aussah, wie die anderen Skelliger hier. Er hatte keinen buschigen Bart, der ihm bis zum Bauchnabel reichte, noch war er fett vom Bier oder so muskelbepackt, dass er die Arme nicht mehr hinter dem Rücken zusammen bekam. Ja, der Käferschubser sah für seine Verhältnisse als Straßenkämpfer eher zierlich aus, gepflegt. Anders als viele ruppige Landsleute, hatte er feinere Züge und war entgegen seines Rufnamens kein kantiger Schrank von Kerl, sondern ein recht gewöhnlich anmutender Typ. Manch einer hätte ihn vielleicht sogar als richtig ansehnlich bezeichnet. Unpassend für Faustkampfbewerbe, wirklich. Anna's Augenbraue wanderte langsam hoch, als sie die ordentlich zurückgekämmten Haare ihres Gegenübers musterte, das ganz offenkundig Wert auf sein Äußeres legte. Sie verkniff sich ein Grinsen.

„Und wohin willst du? Du meintest, du würdest nicht hier wohnen, aber du redest, wie ein Mann der Inseln. Deine Kleidung sieht auch skellisch aus.“, setzte die Alchemistin das Gespräch nach kurzem Nachdenken ganz offen fort. Auch sie fasste nach ihrem Krug und nahm einen Schluck des kühlen Bieres. Eine wahrhaftige Wohltat! Über den Rand des alten Trinkgefäßes, dem der Henkel fehlte, sah sie zu Felsen hin.

„Hm. Mal sehen.“, entgegnete der Kerl, zuckte lethargisch mit den Schultern. Entweder wollte er seine Pläne also nicht verraten oder er hatte wirklich keinen blassen Schimmer, was er tun sollte. Felsen fasste hungrig nach einem Brot, das dick mit Butter bestrichen und mit Tomatenscheiben und Schnittlauch belegt war. Er seufzte verhalten, ehe er davon abbiss und Anna beobachtete das kritisch. Schlussendlich ging es nach wie vor um ihr Essen.

„Ich kenne einen Kapitän, dessen Handelsschiff regelmäßig nach Cintra ablegt.“, erwähnte Anna nach einer kurzen Sprechpause bedeutsam und merkte, wie Felsen sie ganz plötzlich recht interessiert ansah. Er wurde hellhörig, so schien es. Er wollte also wirklich fort von hier.

„Die Leute nennen ihn 'Belago', du könntest im Hafen nach ihm fragen. Aber ich warne dich vor: Die Reise über das Meer ist nichts für schwache Nerven und sensible Mägen… und es dauert lange, bis man am Festland ankommt.“, Anna verzog das Gesicht leicht und rümpfte die Nase unzufrieden, als sie an das heftige Geschaukel an Bord der ‘Gloria’ dachte. Die Schwertkämpferin ließ den wenig begeisterten Blick fort schweifen. Ihre braunen Augen wanderten dabei beiläufig in den Schankraum, streiften ein paar schunkelnde Kerle mit erhobenen, bauchigen Humpen und die rothaarige Bardin, die gerade ein spöttelndes Lied über die Männlichkeit des Kaisers von Nilfgaard zum Besten gab.

„Belago, hm? Merke ich mir.“, versicherte Felsen knapp und nickte anerkennend. Die Novigraderin richtete die ungeteilte Aufmerksamkeit auf ihn zurück. Dabei fiel ihr auf, dass sie sich ihm noch gar nicht vorgestellt hatte. Und nun, da sie zusammen aßen und tranken, wäre dies doch längst überfällig.

„Ich bin übrigens Arianna.“, entkam es der Braunhaarigen also und ihr Gegenüber taxierte sie berechnend, als sie die Rechte im Gruß über die schmierige Tischplatte streckte.

„Felsen.“, meinte der Skelliger überflüssigerweise, um sich ebenfalls ganz offiziell vorzustellen, und brachte Anna, deren Hand er mit herzlichem Druck schüttelte, damit zum Kichern.

„Also bitte!“, beschwerte sie sich, ließ die rauen Finger ihres Bekannten wieder los „Du wirst doch wohl auch einen echten Namen haben, der nicht so lächerlich klingt!“.

„Der geht dich nichts an.“, konterte der schlagfertige Schwarzhaarige gleich, doch ohne jegliche Feindseligkeit im Ton. Seine Stimme war recht neutral geblieben, seine Miene weich und sein schwaches Lächeln ehrlich. Man hätte meinen können, er wirke dadurch gar ein klein wenig mysteriös.

Die unschlüssige Frau in der roten Weste runzelte die Stirn und legte den Kopf schräg. Von oben bis unten musterte sie den ‘Mann aus Stein’. Doch dann entschloss sie sich dazu sich keine weiteren Gedanken um dessen ach so geheimen Namen zu machen. Entweder, der Schönling wollte sich aufplustern und interessant wirken oder aber sein wahrer Name bedeutete großen Ärger. Beides war der burschikosen Frau egal, denn spätestens morgen würde sie den schief grinsenden, Brote-stehlenden Kerl im grünen Rock sowieso nie wieder sehen. Glaubte sie jedenfalls und irrte sich damit gewaltig.

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