Kapitel 10

Der verrückte Onkel

Die kleine, alte Hütte lag irgendwo zwischen hohen Tannen, am Fuße eines weit ansteigenden Hügels. Auf den oberen Lagen dieses Bergleins lag noch Schnee, während das schmale Tal völlig frei war von dem Eis. Aus dem Kamin der hölzernen Hütte mit dem Strohdach stieg Rauch auf und in der abendlichen Dämmerung konnte man im Innern des Gebäudes Lichtschein erkennen. Im Großen und Ganzen war es ein unscheinbares, schlichtes Häuschen. Mit einer Wäscheleine, die sich über einen mickrigen, niedrig umzäunten Kräutergarten spannte. Eine fleckige Hose hing darauf und flatterte im Wind. Sie sah aus, als hinge sie schon länger da und als hätte man sie vergessen.

“Das ist es?”, fragte Anna ihren Freund skeptisch und deutete auf das tannengesäumte, schiefe Haus. Hjaldrist nickte selbstsicher. Sie beide waren querfeldein gelaufen, über Wiese, Berg und Bäche. Und endlich waren sie an ihrem Ziel.

“Wir haben Glück, dass wir die Hütte so schnell gefunden haben… es wird Abend.”, kommentierte der Skelliger und schritt wacker voran. Es führte kein Weg zu dem abgelegenen Haus von Rist’s Bekannten. Es lag völlig verwildert da und man musste durch hohe, verdorrte Gräser gehen und aufpassen, dass man auf der mit Schlaglöchern zerklüfteten Ebene nicht noch stolperte. Anna fasste an die breiten Riemen ihres Rucksacks, den sie schleppte, und straffte die Schultern, atmete einmal tief durch. Dann folgte sie ihrem Kollegen bis zur Tür des einsamen Heimes der verlassenen Insel. Mit Argusaugen beobachtete sie, dort angekommen, wie ihr Freund anklopfte.

“Geht weg!”, die Stimme eines krächzenden Mannes drang Augenblicke später schon patzig aus der Hütte.

“Ich kauf nix!”, blökte der Inselbewohner dort drin und man sah, wie Hjaldrist die Augen genervt verengte. Er wirkte jedoch nicht überrumpelt oder dergleichen. Vermutlich kannte er dieses kauzige Gehabe seines Bekannten schon. Anna stand tatenlos neben dem Skelliger und wartete ab, hob die Augenbrauen verwirrt und musterte die Holztür, an die man mit weißer Farbe irgendwelche Runen gezeichnet hatte. Die Frau aus den Nördlichen Königreichen konnte jene nicht lesen.

“Was? Wir sind keine Händler. Wie kommst du überhaupt auf die Idee, dass es solche Leute hierher verschlagen könnte? Lass uns rein, Adlet!”, maulte der Käferschubser drängend.

“Nein, oh nein!”, protestierte der eigensinnige Kerl im Haus “Fort mit euch, Halsabschneider! Oder ich jag nen Bären auf euch! Nein, zwei!”

Anna blinzelte überfordert und ihr dümmlicher Blick wanderte von der runenverzierten Holztür zum ratlos werdenden Hjaldrist zurück. Die Miene der Frau sprach tausend Worte, sie musste nichts sagen.

“Ja, zwei Bären und ein Stinktier! Habt ihr schon mal mit nem Stinktier zu tun gehabt? Ha! Ich sage euch: Ihr solltet um eure Leben laufen!”, kebbelte der Mann in der alten Hütte weiter und Anna wusste nicht, ob sie nun lachen oder genervt aufstöhnen sollte. Sie biss sich auf die Unterlippe. Aus dem Augenwinkel sah sie noch immer abwartend zu ihrem Freund hin.

“Argh!”, machte Rist und hätte sich wohl gern die Haare gerauft “Ich habe doch gesagt, dass wir keine Fremden sind! Ich bin es, Hjaldrist!”

“Ja, ja, ja, das kann jeder sagen! Ja, es is leicht sich als wichtiger auszugeben, als man ist, um einzubrechen und arme Leute auszurauben! Aber ich falle nicht darauf rein, oh nein! Und wenn ihr sagt, dass ihr Halbjørn und Svantje heißt!”, meckerte der paranoide Einsiedler weiter und man konnte sich vorstellen, wie er gerade mit hochrotem Kopf in seiner schiefen Hütte saß. Oh Mann.

“Wer sind Halbjørn und Svantje?”, wisperte Anna Rist fragend zu. Jener riss den genervten, starren Blick nicht von der Hütte vor sich fort. Es war mittlerweile schon dunkel.

“Meine Eltern.”, murmelte der Undviker.

“Ah…”, machte die Hexerstochter langsam und fragte nicht weiter nach - obwohl sie es gerne getan hätte -, sondern musterte die fest verschlossene Tür nur wieder. Sie würde Hjaldrist später noch löchern.

“...Du hast gesagt, er würde mit uns reden, Rist.”, setzte die Frau dann noch brummig nach, meinte es aber nicht böse. Sie war bloß hungrig und ihr war kalt. Geduld zu bewahren war in dem Fall nicht so einfach. Hjaldrist entkam ein ohnmächtiger Laut.

“Tut er doch auch, oder nicht?”, meinte er patzig. Na super. Dann wandte er sich wieder mit erhobener Stimme an den, der sich in seinem Heim verbarrikadierte. Rist schien kurz zu überlegen, kratzte sich nachdenklich am unrasierten Kinn. Dann aber, schien ihm etwas einzufallen und er holte Luft für seinen nächsten Appell an seinen scheuen Bekannten.

“Onkel, mach auf. Ich habe hier eine Alchemistin, die mit dir über deine Arbeit sprechen will!”, entkam es dem hoffnungsvollen Mann und Anna stutzte augenblicklich. Überrascht sah sie zu ihrem Begleiter hin, taxierte ihn eindringlich.

“Onkel?”, keuchte sie ungläubig. Hjaldrist nickte und seufzte langgezogen aus. In der Hütte war es ruhig geworden. Adlet schien wohl zu überlegen. Und tatsächlich hörte man Sekunden später, wie jemand am knarzenden Dielenboden an die Türe kam und einen Schlüssel im knarrenden Schloss umdrehte, zweimal. Die Scharniere quietschten vernehmlich, als die Tür dann einen vorsichtigen Spalt weit geöffnet wurde und ein Druide feindselig herausspähte. Seine braunen Augen fielen zunächst auf Anna und taxierten sie eingehend, blieben am Ende jedoch fest an Rist hängen. Der Blick des Onkels weitete sich und ein positiv überraschtes ‘Oh!’ verließ in einer plötzlichen Erkenntnis seine Lippen. Dann öffnete der Kerl seine Türe endlich weit und fing damit an breit zu lächeln. Sein Ausdruck war auf einmal sonnenhell. Und, oh, ganz ehrlich? Die verblüffte Anna hatte sich, als sie die Stimme des Älteren vorhin gehört hatte, einen grauen Eremiten vorgestellt. Einen eigenbrötlerischen, buckligen Typen, so wie Nielson. Einen urigen, dicken Kauz, wie Pak. Aber dem war nicht so, ganz und gar nicht. Vor ihr und ihrem Begleiter stand ein Mann, der wirkte, als sei er nicht älter als dreißig Jahre. Er hatte dieselben Augen, wie Rist, die gleichen dunklen Haare, die an den Schläfen aschblond meliert waren. Und er hatte keinen Bart, was ihn vermutlich noch jünger wirken ließ. Das einzige, das an ihm absolut eigen aussah, war seine Kleidung: Eine erdfarbene Pluderhose mit Längsstreifen, eine ebenso dunkle Tunika und ein Mantel, der anmutete, als habe der Mann ihn selbst aus zehn alten, zerschlissenen Überwürfen zusammengenäht. Auf seinem Kopf prangte ein schmutziges Käppchen mit lederner Borte, in der ein getrockneter Hühnerfuß steckte. Grotesk hoben sich die Vogelkrallen vom Hütchen ab und verliehen Adlet ein sehr seltsames Aussehen. Ja, das beschrieb es wohl vage. Der Mistelschneider breitete die Arme soeben einladend aus, während der unwohl berührte Rist merkbar steif stehen blieb.

“Hjaldrist! Bist das wirklich du? Bei den Göttern, du bist groß geworden!”, meinte Adlet mit völlig veränderter, guter Laune. Dann kam er auf seinen Enkel zu und umarmte ihn in solch einer unbeholfenen Art, dass allein das Zusehen ein befremdliches Gefühl von Fremdschämen in Anna auslöste. Sozial schien der Ältere ja nicht sehr versiert zu sein. Betreten grinste die Frau und verkniff sich ein lautes Auflachen. Sie hoffte nicht auch noch so ‘überschwänglich’ begrüßt zu werden, wie ihr bester Freund. Man hörte, wie sich Rist räusperte und sah, wie dessen Onkel den Armen wieder losließ, um sich der abwartenden Hexerstochter zuzuwenden. Er schniefte, obwohl er eindeutig nicht erkältet war. War er etwa gerührt? Nein. Er zog die Nase einfach nur so hoch.

“Und du hast dein Mädchen mitgebracht! Hallo, hallo!”, lächelte der Druide mit den auffallend schönen Zähnen. In seiner Welt, da war er ganz klar einer der Hübschen, was? Wenn man denn mal von seinem sehr eigensinnigen Kleidungsstil absah, verstand sich. Nur warum? Weswegen sah dieser Typ so ansehnlich aus?

“Äh, sie ist nur eine Freundin.”, korrigierte Rist mit gerunzelter Stirn, doch sein wirrer Onkel schien ihn nicht mehr zu beachten. Er hatte nurmehr Anna im Blick.

“Willkommen!”, flötete der Mann im bunten Mantel und kam her, um nun auch die Besagte ungeschickt an sich zu drücken. Leider. Ein Schauer lief ihr dabei über den Rücken und sie hielt die Luft an. Oh, herrje.

“Hallo.”, entkam es der umarmten Kurzhaarigen etwas tonlos und sie zwang sich zu einem freundlichen Lächeln. Der ulkige Onkel ließ sie wieder los und beäugte sie nett, fasste beherzt nach ihren Fingern und dies löste in der Novigraderin den nächsten Anflug von Unwohlsein aus. Sie war es nicht gewohnt von irgendwelchen fremden Typen an den Händen genommen zu werden. Aber wer war das schon? Trotzdem fügte sie sich.

“Na, kommt herein. Es gibt frischen Sewantenpilz-Tee!”, verkündete der Druide, erwischte nun auch die Hand seines überrumpelten Enkels und zerrte beide Jüngeren mit in sein Haus. Die Vagabunden kämen ihm nicht mehr aus.

Der Innenraum der hölzernen Hütte Adlets war nicht groß, wie Anna wenige Atemzüge darauf schon feststellen durfte. Er bestand aus einem Haupt- und einem Nebenzimmer. Letzteres war durch eine Tür von ersterem getrennt. Es gab hier einen kleinen Kamin mit Kochstelle, einen Tisch, vor dem eine schiefe Bank und ein Hocker standen, zwei alte Regale voller Bücher und Aufzeichnungen und eine Kommode, auf der dutzende Fläschchen mit allen möglichen Tränken darin standen. Viele von ihnen waren verstaubt, genauso wie ein dürrer Tannenzweig, der wie zur Dekoration an der Wand hing. Und der einsame Zweig war nicht das Einzige, das Adlet angebracht hatte, um seine Hütte zu verschönern: Seine Vorhänge waren wohl einmal Kleidungsstücke gewesen, die er behelfsmäßig zerschnitten und vor die Fenster genagelt hatte. Seine Regale und die Holzkommode waren bunt und in unmöglichen Farbkombinationen angemalt worden. An der Decke hatte man Mobiles aus kleinen Knochen, Muscheln und Fischbein befestigt, die leise und klimpernd aneinanderschlugen; es war seltsam, wie melodisch dies klang. Den Boden säumte als Teppich ein abgetretenes Bärenfell und in einer Ecke stand ein Räuchergefäß, das einen starken Geruch nach süßlichem Harz und Rosmarin verbreitete. Anna machte große Augen. Bei Melitele’s Arsch, war das hier eigenartig.

“Setzt euch, setzt euch!”, Adlet bugsierte die zwei Abenteurer gen Tisch und wuselte dann schon zu seiner Kochstelle, um dort eine gräuliche Flüssigkeit in eine verbeulte Teekanne zu schöpfen. Das war wohl der Pilztee, von dem er gesprochen hatte und den Anna eigentlich nicht probieren wollte. Aber sie beschwerte sich nicht und wahrte ein höfliches Benehmen. Schließlich kannte die den schniefenden Druiden noch nicht und wollte ihn nicht beleidigen, indem sie seine gut gemeinte Einladung abwies. Sie fing sich einen vielsagenden Blick von Hjaldrist ein, der bestimmt genauso dachte, wie sie selbst. Der Mann im grünen Rock machte sich daran den schweren Rucksack und seine Ausrüstung abzulegen, stellte den Schild fort und lehnte die Axt daneben an die Wand. Adlet, der schon wieder geschäftig dabei war sich mit seiner eingedellten Kanne zu nähern, hielt inne und sah seinem Enkel zu. Seine dunklen Augen blieben an der Waffe des Jüngeren hängen und für eine Sekunde verrutschte seine Miene leicht. Er schniefte schon wieder, bevor er redete. War das etwa ein Tick von ihm?

“Oha.”, machte der Onkel hintergründig “Da hat dir dein Vater aber ein schönes Geschenk gemacht.”

Rist schwieg. Anna, die sich die Jacke soeben ausziehen hatte wollen, wirkte irritiert und hielt inne. Geschenk?

“Wie kommst du denn damit zurecht, hm?”, hakte der Druide freundlich nach und schien viel mehr zu wissen, als es irgendwem lieb war.

“...Gut.”, antwortete der konfrontierte Hjaldrist jetzt langsam und diese Aussage klang schon fast, wie eine Frage. So, als wisse er nicht, wieso sein neugieriger Verwandter fragte, wie er mit seiner Axt umzugehen vermochte. Irgendwas stank hier doch zum Himmel.

“Was ist denn mit der Axt?”, warf Anna naiv interessiert ein und es mutete so an, als hätte ihr Kumpel ihr dafür am liebsten einen harten Schlag auf den Hinterkopf verpasst. Er warf ihr einen seltsamen Blick zu und verzog die Mundwinkel höchst unzufrieden.

“Sie ist ein Erbstück. Weiter nichts.”, entgegnete der Undviker schlicht, doch Anna wollte ihm nicht glauben. Ja, in dem Augenblick fühlte sie sich so, als wisse sie noch immer viel zu wenig über ihren Freund. Adlet sah zwischen den beiden hin und her, doch dann hob er die Teekanne einladend an. Mit seinem drängend gastfreundlichen Getue rettete er die angespannte Atmosphäre so vor dem Kippen.

“Sewanten-Tee! Setzt euch, Kinderchen!”, lächelte er.

Es dauerte daraufhin nur eine kleine Weile, bis der leicht nervöse Druide neben seinem gesüßten Pilztee, der ohne den ganzen Honig darin scheußlich bitter schmeckte, auch Essen auftischte. Und jenes war, den Göttern sei Dank, nur ein gewöhnlicher Eintopf aus verschiedenen Gemüsesorten, die der Onkel Rists selbst angepflanzt und geerntet hatte. Schließlich lebte er recht einsam auf einer abgeschiedenen Insel und Händlerkarawanen kamen HIER sicherlich nicht sehr oft vorbei.

Anna rührte in ihrem heißen Eintopf, der etwas dünn war. Er glich schon fast einer Suppe, doch roch vorzüglich. Vorsichtig pustete sie in ihre dampfende Holzschüssel, um das Gericht abzukühlen. Kartoffeln schwammen darin herum, genauso wie ein paar Möhren, Kräuter und Sellerie. Und Petersilie. Die Ungeheuerjägerin mochte Petersilie.

“Also, Onkel...”, fing Hjaldrist an, als er nach einem großen Stück des selbstgebackenen Nussbrots am kleinen Tisch fasste “Anna sucht nach einem Rezept für einen Trank und ich dachte mir, du könntest ihr vielleicht helfen.”

“Hm.”, machte der angesprochene Ältere mit vollem Mund. Er legte die Stirn in tiefe Falten und schluckte nicht runter, bevor er sofort weitersprach.

“Ich? Aha?”, nuschelte er und verlor dabei beinah seinen halb zerkauten Happen Gemüse. Anna verzog das Gesicht leicht, doch schnell schlich sich ein belustigter Ausdruck auf ihre Miene. Adlet war eigenartig. Am Anfang hatte sie nicht so recht gewusst, wie sie damit umgehen sollte, doch langsam aber sicher fing sie damit an ihn echt amüsant zu finden. Und obwohl er ein schräger, schniefender Vogel war, schien er im Grunde richtig liebenswürdig zu sein.

“Ja, wir waren bei den Druiden in Gedyneith, Nielson und Pak, doch die konnten uns nicht weiterhelfen. Darum sind wir hier.”, erklärte Rist und tunkte etwas Brot in seinen dampfenden Gemüseeintopf.

“Du bist nicht hier, um sie mir vorzustellen?”, wollte der Onkel wissen und nickte in die Richtung der arg zusammenzuckenden Novigraderin. Er tickte einmal wieder. Mittlerweile fiel dies der Frau schon kaum mehr auf, weil er es so oft tat.

“Was?”, entkam es dem Käferschubser pikiert “Nein. Ich sagte doch: Sie ist nur eine normale Freundin!”

“Ach so!”, schmunzelte Adlet schelmisch und Anna musste sich eines verhaltenen Auflachens erwehren. Hjaldrist fasste sich entnervt an das Gesicht und schüttelte den Kopf dabei ungläubig. Bestimmt fragte er sich, was er hier überhaupt tat.

“Na dann. Wie soll ich denn helfen, hm?”, wollte der Druide mit dem Hähnchenfuß am Hut wissen und lenkte die Aufmerksamkeit auf Anna “Was ist das für eine wichtige Sache, dass nicht einmal die versoffenen Idioten im Druidenhain helfen konnten?”

“Ich, äh…”, die Ausländerin wirkte ein wenig überrumpelt davon, dass Adlet die Leute von Gedyneith als ‘versoffene Idioten’ bezeichnete. Nielson und Pak hatten viel getrunken, stimmt, aber ob das auch auf all die anderen zutraf? Sie wusste ja nicht...

“Hast du schon einmal von der Kräuterprobe gehört?”, fragte die erwartungsvolle Kriegerin zögerlich und sah, wie die Augenbrauen des Alten in die Höhe schossen. War das nun ein gutes Zeichen oder ein schlechtes?

“Du meinst die Formel der Hexersleute?”, fragte der mit den wenigen aschblonden Strähnen jetzt und Anna’s Gesichtsausdruck entgleiste vollends. Sie wirkte baff, tatsächlich, und sah einen Augenblick lang so zu Rist hin, als wollte sie ihm aufgeregt sagen: ‘Er weiß was! Hör nur! Er weiß was!’. Anna wurde ganz zappelig.

“Ja, davon habe ich gehört, Mädchen.”, versicherte der eigenbrötlerische Druide, nickte und schien so, als sei sein Interesse geweckt worden. Er fasste nach seiner scheppernden Teekanne und schenkte sich etwas von seinem fürchterlich bitteren Tee nach, gab vier Löffel Honig dazu.

“Ich erforsche Absude, die stärker machen, musst du wissen.”, erzählte der bedachte Eremit, bevor Anna überhaupt dazu kam etwas zu sagen “Vor allem Tränke, die aus normalen Menschen Vildkaarle machen, ja, ja.”

Die perplexe Kurzhaarige horchte auf. Sie wusste nicht, was Vildkaarle waren, doch hoffte, dass Adlet damit Mutanten meinte, Hexer. Erleichtert fing sie damit an zu lächeln und hörte aufmerksam zu, denn der Onkel ihres Kumpels war mit seinen Ausführungen noch nicht fertig.

“Während meiner Forschungen, da habe ich auch weitere Absude entdeckt. Zusammen mit meiner lieben Kollegin Märthe habe ich einen Trank entwickelt, der Mäuse zu Kühen macht. Ja, ihr habt richtig gehört! Mäuse zu Kühen! Manchmal auch Mäuse zu Riesenmäusen oder zu stinkenden Fleischbatzen… aber meistens werden sie zu Kühen. Ja. Also in zwei von zehn Fällen. Das ist eine gute Quote!”, erklärte der verrückte Onkel mit dem schiefen Hühnerfuß-Hütchen weiter und lachte stolz.

“Mäuse zu Kühen...?”, fragte Rist skeptisch dazwischen und zog die Brauen zusammen.

“Ja, mein Junge!”, sagte der bewanderte Druide mit geschwellter Brust.

“Und warum genau braucht man sowas?”, wollte der jüngere Skelliger wissen und sein bartloser Onkel grinste rätselhaft. Jedoch nicht lange, denn er offenbarte seine Motivationen schnell:

“Stell dir nur mal vor, Hjaldrist: Es gibt eine Dürre oder einen Krieg und die Leute hungern, weil ihnen die Raubritter und so, du weißt schon, alles genommen haben. Sie haben nichts mehr, das sie sich zwischen die Kiemen klemmen können. Also komme ich, der große Adlet Falchraite, auch ‘Adlet, der starke Naturphilosoph’ genannt, und gebe Mäusen meinen Kuhtrank. Mäuse gibt es ja immer und überall. Also... jedenfalls gibt man den Mäusen die Tränke und, ha, die Leute haben plötzlich Rinder, die sie essenkönnen!”, verkündete der schlaue Alchemist überschwänglich und breitete die Arme aus, als präsentiere er sich selbst vor einem großen Publikum. Stolz sah er in die kleine Runde, Lob erwartend, und schniefte. Und während Anna erstaunt starrte, legte Rist den Kopf wenig überzeugt schief.

“Das ist großartig!”, entkam es der beeindruckten Hexerstochter nach einer kurzen Pause und sie schlug die Handflächen freudig zusammen. Hjaldrist schwieg derweil und überließ ihr das Fachsimpeln. Er machte sich lieber daran noch etwas Eintopf in seine alte Schüssel zu schöpfen, denn er kannte sich mit komischen Kuh-Mäusetränken und derlei Kram nicht aus.

“Ja, nicht?”, grinste der Onkel weiter und schob sich das abstruse Hütchen am Kopf zurecht. Wenn er so strahlend und schief lächelte, sah er noch jünger aus, als sonst. Wie alt er wohl tatsächlich war?

“Und was sind Vildkaarle, Adlet?”, fragte Anna gleich interessiert und kam damit auf ein früheres Thema zurück, das sie brennend interessierte.

“Das”, der dunkelhaarige Skelliger mit den hellen Strähnen hob belehrend einen Zeigefinger “sind Krieger, die sich in Bären verwandeln. Sie sind so alt, wie Skellige selbst und gehören zu unserer Kultur! Also mehr oder weniger.”

Erstaunt blickte Anna drein und sah, wie der essende Rist nebenher zustimmend nickte. Vildkaarle waren also die berühmten Berserker? Sie hatte von jenen gehört. Während ihrer Suche hatte sie einmal etwas über deren Kult gelesen, doch nicht gewusst, ob es sich um fantastische Märchen handelte oder ob es die berüchtigten Bärenkrieger Skelliges tatsächlich gab.

“‘Iss dein Abendbrot, sonst kommt der Vildkaarl und verschlingt dich ohne dich zu zerkauen’!”, zitierte die Frau eine Zeile aus einem ihrer staubigen Bücher in Kaer Morhen. Wieder lachte der anwesende Einsiedler. Er wirkte beeindruckt.

“Eine Drohung an Kinder, die ihr Gemüse nicht aufessen wollen.”, nickte Adlet “Richtig, richtig. Du bist klug!”

“Also ist es wahr. Die Berserker gibt es wirklich!”

“Natürlich, Töchterchen. Und ich habe es mir zur Aufgabe gemacht sie zu erforschen. Sie und das Blut und die Pilze, die diese Verwandlung möglich machen. Ach, ich liebe Pilze! Große, kleine, mittelgroße Pilze! Schwammige, feste, flache, hohe...”, schwärmte der schräge Druide und war völlig in seinem Element. Selig lächelnd betrachtete er Anna.

“Pilze, mhm. Merkt man.”, kommentierte Hjaldrist abschätzig von der Seite und spielte damit auf den grässlichen Sewantentee an. Sein Onkel überhörte ihn geflissentlich.

“Es sind sechs verschiedene Pilzarten in dem Absud, der einen zum Bär macht. Sechs Pilze und Hydragenum, Rebis und Karmin. Die Formel ist schwierig zu mischen, höchst kompliziert!”, erzählte der gelehrte Mann weiter und seine angetanen Worte überschlugen sich dabei fast.

“Und was weißt du über die Kräuterprobe?”, fragte Anna. Es war vielleicht dreist dem Alten so ins Wort zu reden, doch sie konnte einfach nicht anders. Sie war viel zu aufgeregt. Eines der Knochenmobiles in der Hütte schepperte leise. In der Hütte auf Hindarsfjall zog es, wie in einem Vogelhaus.

“Es ist die Prüfung der Gräser, durchgeführt an jungen Knaben, um jene zu Mutanten zu machen. Ich habe darüber gelesen und vor vielen, vielen Jahren eine Abschrift eines Manuskripts von Aretusa zwischen die Finger bekommen. Ich hatte meine Quellen, ja, und als Bruder des angesehenen Halbjørn Falchraite einige gute Kontakte!”, erzählte Adlet weiter und beugte sich verschwörerisch vor. Er setzte zum Sprechen an, leiser als noch zuvor, und räusperte sich, als wolle er sich unbedingtes Gehör verschaffen.

“‘Am dritten Tag waren alle Kinder gestorben, ausgenommen ein Knabe von kaum zehn Jahren. Dieser, zuvor von heftigen Konvulsionen geschüttelt, fiel mit einem Mal in eine tiefe Ohnmacht. Seine Augen hatten einen Blick wie Glas, mit den Händen zerrte er ohne Unterlass an der Decke oder fuhr damit durch die Luft, als wolle er eine Feder fangen. Sein Atem ging laut und rau, ein kalter, klebriger und übelriechender Schweiß trat auf seine Haut. Da flößten sie ihm abermals das Elixier in die Adern ein, und der Anfall wiederholte sich. Diesmal begann Blut aus seiner Nase zu fließen, und der Husten wurde zum Erbrechen, worauf der Knabe vollends schwach und kraftlos wurde. Die Symptome hielten zwei Tage lang unvermindert an. Die Haut des Kindes, bis dahin von Schweiß bedeckt, wurde trocken und entzündet, der Puls verlor seine Stetigkeit und Genauigkeit, war jedoch ziemlich stark, eher langsam als schnell. Er kam kein einziges Mal mehr zu sich, auch hatte er zu schreien aufgehört. Schließlich brach der siebte Tag an. Der Knabe erwachte wie aus einem Schlaf und öffnete die Augen, seine Augen jedoch waren wie die einer Schlange…’”, zitierte der Trankmischer. Zähes Schweigen breitete sich auf diese dunklen Worte hin in der kleinen Holzhütte aus. Anna sah Adlet aus großen, beeindruckten Augen an, als schere sie sich nicht um den grausigen Inhalt der vorangegangenen Schilderung. Hjaldrist aber, der hatte sich ziemlich verspannt und starrte ungläubig in die Richtung seiner Freundin. Er hatte gar damit aufgehört unbeteiligt in seinem dünnen Eintopf herumzurühren und wirkte plötzlich ziemlich schockiert und aufgebracht. Das Kaminfeuer knisterte tanzend vor sich hin und der Kessel darüber blubberte und verströmte einen markanten, bitteren Geruch nach Sewantenpilzen. Das Aroma vermischte sich mit dem Räucherwerk aus Harz und Rosmarin. Vor der schiefen Eremitenhütte kam ein Sturm auf und ließ die entfernten Wellen laut brausen.

“So steht es in den Niederschriften der werten Carla Demetia Crest! Ich habe später auch das Rezept der drei Absude gesehen.”, meinte der Onkel wissend und schlug die braunen Augen in einer unpassend klugen Miene nieder. Anna atmete einmal erleichtert durch und lächelte derweil froh.

“Ich bin auf der Suche nach einer Form der Kräuterprobe, die Frauen zu Hexerinnen machen kann.”, eröffnete die Novigraderin nun ganz direkt und Adlet stockte. Der irre Druide sah sie tatsächlich so an, als habe er sich verhört.

“Wie?”, wollte er wissen “Eine Prüfung der Gräser für Mädchen?”

Anna nickte und stützte die Unterarme auf den Tisch, sah den Onkel Hjaldrists ernst an.

“Glaubst du, du kannst mir helfen?”

“Mh…”, der Druide verengte die Augen grüblerisch und fing damit an gen Zimmerdecke zu sehen. Sein Blick wanderte unstet, seine Gedanken sprangen sichtlich hin und her. Was mochte er sich wohl denken? Es verging eine halbe Ewigkeit, bevor er weitersprach.

“Für Mädchen…”, murmelte er vor sich hin und wiegte den Kopf abschätzend.

“Ich weiß nicht, ob das möglich ist… die Mixtur schadet weiblichen Organismen im Vornherein. Man müsste sie stark abändern.”, fing er dann an und linste zu der ambitionierten Kurzhaarigen zurück, besah sie von oben bis unten. Tiefe Skepsis lag in seinem Blick.

“Vielleicht geht es, vielleicht auch nicht. Und wenn, dann muss man lange forschen. Ich habe für meinen Kuhtrank zehn Jahre gebraucht.”, gab der Druide zu.

“ZEHN Jahre?”, platzte es aus Anna heraus und sie fiel beinah vom kleinen, antiken Hocker, auf dem sie saß.

“Man muss Geduld haben und viele verschiedene Absude ausprobieren, meine Liebe.”, erklärte Adlet “In deinem Fall an Menschen. An Frauen. Keine einfache Angelegenheit. Wirklich nicht leicht. Und moralisch verwerflich!”

Anna’s Blick sank auf die abgegriffene Tischplatte. Sie zog die Brauen weit zusammen und wusste nicht so recht was sagen. Ja, sie war zwar froh darüber endlich jemanden getroffen zu haben, der über die Kräuterprobe Bescheid wusste. Aber… zehn Jahre? Sie sollte zehn Jahre weiterforschen und suchen, in der Hoffnung irgendwann einmal eine Tinktur zu finden, die stimmte? Ob sie überhaupt so lange überleben würde? Sie wollte die Absude doch an sich selbst testen. Was, wenn sie dabei einmal einen Unfall hätte und starb?

“Aber”, setzte der Onkel des Käferschubsers fort “Ich kann dir das normale Rezept für die Gräserprüfung geben. Und Ratschläge. Damit könntest du selbst forschen, Mädchen!”

“Sie heißt Anna.”, hörte man Rist von der Seite aus murmeln.

“Na, wie wäre es? Ich gebe dir das Rezept im, äh, Gegenzug für einen Gefallen!”, schlug der tickende Druide vor. Er lächelte schon wieder dümmlich-sanft.

“Welchen Gefallen?”, fragte Anna langsam und vorsichtig nach. Denn bei einem Mann wie diesem Einsiedler hier wusste man ja nie. Vielleicht wollte er ja einen Finger der Frau, um ihn sich neben das Hühnerbein in die Hutkrempe zu stecken?

“Ich-, uhm, also vorgestern, da ist mir eine Riesenmaus meiner Kuhtrank-Experimente entlaufen. Muschmusch der Name. Er ist nun irgendwo auf der Insel. Mhm. Ich brauche ihn wieder, sonst wird Märthe ganz schön beleidigt sein.”, schniefte der Mann und nickte, als wolle er sich selbst beipflichten.

“Bring mir Muschmusch, Töchterchen, und ich helfe dir, wo ich kann.”, sprach der Eremit seine Bedingungen aus und die Novigraderin musterte ihn überrascht. Sie sollte nur eine mutierte Maus einfangen? Nichts leichter als das!

“Gut!”, entkam es der Frau also entschlossen “Ich bringe dir die Maus lebend zurück und du erzählst mir alles, was du weißt!”

 

“Wer ist eigentlich diese Märthe, von der du andauernd sprichst?”, wollte Anna neugierig wissen, als sie und Rist noch am späten Abend mit dem wirren Adlet zusammensaßen. Der gastfreundliche Druide war offenbar alles andere, als geizig und hatte ein, zwei Stunden nach dem dünnen Eintopf etwas aufgetischt, das er als seine selbstgemachte ‘Heringsmarmelade’ bezeichnete. Tatsächlich sei dieses Zeug, das vor allem aus Fisch bestand, recht beliebt auf Undvik. Es war dort, in einem Dorf namens Urskar erfunden worden, hatte Hjaldrist wissend gemeint. Ja, die Leute aus Urskar seien berühmt für ihren eingelegten Hering und aßen ihn nicht nur dann, wenn sie fürchterlich verkatert waren, sondern auch zum Frühstück, Mittag- und Abendbrot. Einfach so. Alles machten sie angeblich aus dem Fisch, selbst Kompott. Und Marmelade. Nun war diese gräuliche Heringsmarmelade aber nicht so, wie Konfitüre aus Obst und Früchten, sondern pikanter Natur. Sie war salzig und ließ sich auf Brot streichen. Das hatte letztlich dazu geführt, dass man sie nannte, wie man sie eben nannte. Und sie schmeckte in kleinen Maßen wirklich gut. Anna hatte schon zwei Brote damit gegessen, hatte Rist aber noch nicht überholt. Denn der lag mit ganzen drei Stücken vorne. Adlet, der schlürfte lieber noch etwas von seinem kalt gewordenen Gemüseeintopf, während seine Knochen- und Muschelmobiles im Hintergrund leise vor sich hin klimperten.

“Märthe”, fing der bartlose Druide an und schniefte vernehmlich “Ist meine Kollegin und eine gute Freundin. Sie lebt auch hier auf der Insel. Sie hilft mir, wo sie kann und macht den allerbesten Brennesselsalat.”

“Ähm. Verstehe.”, entgegnete Anna. Der Onkel von Hjaldrist war auf diesem einsamen Stück Land also nicht vollkommen allein. Ob die andere Druidin, die hier hauste, wohl genauso eigen war, wie er? Mit verrückten Experimenten im Kopf, mutierten Tieren und so weiter?

“Werden wir sie kennenlernen?”, hakte die interessierte Hexerstochter weiter nach und Adlet zog die Stirn kraus.

“Das kommt drauf an, wie lange ihr bleibt, Mädchen.”, meinte er nachdenklich und hatte Anna bisher kein einziges Mal bei ihrem Namen genannt. Er bezeichnete sie ständig nur als ‘Mädchen’ oder ‘Töchterchen’. Ein Ding, über das sie hinwegsah. Denn der anwesende Alchemist war, nun ja, speziell. Bestimmt bemerkte er selbst nicht einmal, wie sehr.

“Wenn ihr bis nächste Woche bleibt, dann werdet ihr sie sehen, ja. Dann kommt sie mich besuchen und wir arbeiten mit Muschmusch weiter. Also insofern du Muschmusch findest. Er ist, musst du wissen, ein gewitztes Kerlchen und ich bezweifle ja, dass es so einfach wird ihn aufzuspüren.”, sinnierte der Alte, der jedoch jung aussah, brach eine dicke Brotscheibe in ein paar mundgerechte Stücke und warf sie allesamt in seine kleine Eintopfschüssel, als wolle er darin einen Matsch aus eingeweichtem Brot und Gemüse fabrizieren. Anna rümpfte kaum merklich die Nase, als sie dies beobachtete.

“Es wird nicht so schwer sein eine Maus zu finden, die mutiert ist, Onkel.”, warf Hjaldrist jetzt selbstsicher ein. Er schmierte sich soeben sein viertes Brot mit Butter und Heringsaufstrich.

“Und wenn wir schon dabei sind…”, setzte der hungrige Mann fort “Wie groß soll diese Muschmusch denn sein?”

“DiesER. Muschmusch ist ein Er.”

“Ja, die Maus halt. Wie groß ist sie?”, wollte der Undviker wissen und wirkte entnervt, als sein Onkel die Nase abermals trocken hochzog. Der Tick seines Verwandten schien ihn zu stören.

“So groß, wie eine Kuh natürlich!”, sagte Adlet so, als wolle er mit dieser Tatsache prahlen. Anna verschluckte sich an ihrem Bissen Fischbrot, als sie das hörte, musste husten und klopfte sich fest gegen die Brust. Sie sah nicht, wie auch Rist kurz stutzte.

“...Ja. Na dann.”, machte der Krieger in Grün zerfahren und fragte nicht weiter nach. Es wäre wirklich nicht schwer eine Maus zu finden, die so groß war, wie ein Rind. Und die Insel war schließlich auch nicht riesig. Hier musste man doch sicherlich nicht einmal angestrengt suchen, um dem Riesennager früher oder später über den Weg zu laufen.

 

Am nächsten Tag suchten die zielstrebigen Abenteurer schon früh nach der entlaufenen Maus von Adlet. Obwohl sie am Vorabend noch lange wach gewesen waren, waren sie schon vor dem Morgengrauen auf den Beinen. Es hatte die ganze Nacht über wüst gestürmt, doch immerhin hatte es nicht mehr geschneit, im Gegenteil. Es war etwas wärmer geworden. Geschlafen hatten Anna und Rist am Boden im Wohnbereich des verrückten Onkels. Nah am Kamin und in ihren Schlafsäcken, auf dem Bärenfellteppich und unter den klappernden Mobiles, die einen recht melodisch in den kurzen Schlaf begleitet hatten. Und nun spazierten sie unweit der Hütte herum, vor der Adlet gerade ein Loch schaufelte, und suchten. Warum der Druide eine Mulde grub, war so unklar, wie so vieles andere an ihm auch.

“Hier… ein Fußabdruck. Wer sagt’s denn!”, entkam es Anna, als sie über einem Fleck mit niedergetretenem Gras hockte und den Umriss des länglichen Abdruckes musterte. Er war unverkennbar der eines Hinterlaufes einer Maus - einer ziemlich großen, wohlgemerkt. Adlet hatte also nicht fantasiert oder gelogen. Er hatte Muschmusch tatsächlich mutieren lassen und das Vieh war nun so groß, wie eine Kuh. Wenn nicht sogar größer. Wer wusste das schon?

“Hier ist noch einer.”, meinte Rist winkend nach Aufmerksamkeit haschend und deutete auf einen weiteren Tatzenabdruck im welken Gras. Seine teuer bestickte Tunika bauschte sich in der salzigen Brise, genauso wie sein dunkler Mantel. Anna’s Augen folgten dem Fingerzeig ihres aufmerksamen Freundes und fielen auf eine weitere Fährte in der matschigen Wiese, auf der unlängst erst der Schnee geschmolzen war. Und irgendwie fand sie es schade zu den kargen Wintermonaten hier gelandet zu sein. Bestimmt war Skellige im Sommer richtig, richtig schön. Mit einer atemberaubenden Fauna - grün und voll mit Kräutern, die man sammeln könnte - und nicht so trostlos, wie momentan. Die Monsterjägerin mochte den ungnädigen, arschkalten Winter des Westens nicht.

“Stimmt. Und hier, sieh mal!”, Anna zog etwas von einem nahen Dornenstrauch und hielt es ihrem staunenden Begleiter vor die Nase. Es war ein großes Fellbüschel und dessen weiße Haare struppig und dick. So sehr, dass sie schon fast an Wildschweinborsten erinnerten.

“Unsere Maus ist also weiß. Gut zu wissen, was?”, schmunzelte Rist.

Die mächtigen Pfotenabdrücke Muschmuschs liefen für jemanden, der Fährtenlesen konnte, unverkennbar bis zu dem kleinen Nadelwäldchen, das an Adlet’s Heim grenzte. Ins Unterholz, zwischen dichte Büsche und kahles Geäst. Etwas mühsam und ächzend kämpften sich Hjaldrist und Anna voran, schoben kratzendes Gestrüpp fort, hackten mit Axt und Schwert nach schmalen Ästen. Doch irgendwann, da verlor sich die Spur auf einmal. Ganz plötzlich hörte sie auf, irgendwo zwischen ein paar Tannen und einem trockenen, dornigen Brombeerstrauch, in dem sich Rist’s schöner Mantel soeben verfing. Nahe einer offenen Lichtung geschah das. Unschlüssig hielt Anna inne, sah um sich und ihre forschenden Augen versuchten herauszufinden, ob die Fußabdrücke des Riesennagers vielleicht irgendwo anders wieder auftauchten. Der anwesende Skelliger klaubte sich solange ein paar verdorrte Blätter vom hübschen Rock und schloss zu der prüfend um sich sehenden Frau auf. Er hatte der versierten Hexerstochter bisher das Spurenlesen überlassen und nur ab und an irgendwelche Kommentare eingeworfen. Er war schließlich ein simpler Krieger. Jemand, der eher mit dem Schild und erhobener Waffe voran stürmte, anstatt am feuchten Boden umher zu krabbeln und penibel irgendwelche zertretenen Gräser oder umgeworfene Baumstämme zu beäugen.

“Die Spur verliert sich hier...”, machte Anna unzufrieden und sah auf, wirkte einige Momente lange sehr ratlos, doch eilte dann schon zu den nächststehenden Bäumen und Büschen, um jene eindringlich zu begutachten. Genauso, wie Balthar es ihr beigebracht hatte, tat sie dies. Hjaldrist gab einen grüblerischen Laut von sich, kratzte sich am Hinterkopf und folgte. Was sollte er auch anderes tun?

“Was, wenn Muschmusch wieder klein geworden ist?”, fragte Anna dann auf einmal zögerlich langsam in die Stille hinein, als spräche sie mit sich selbst, und rückte sich den dicken Schal etwas zurecht. Sie richtete sich auf und wand sich zu Hjaldrist um.

“Meinst du wirklich, das ist passiert?”, seufzte der Skelliger mürrisch, zog die Brauen zusammen und steckte sich die Hände in die tiefen Manteltaschen.

“Naja, naheliegend wäre es doch.”, entgegnete die Frau. Tatsächlich war es möglich, dass Muschmusch einfach wieder geschrumpft war. Es würde zumindest erklären, warum die riesigen, unübersehbaren Tatzenabdrücke im Morast einfach so aufhörten. So, als wären dem Nager auf einmal Flügel gewachsen, mit denen er davongeflattert war.

“In dem Fall wird es wohl doch schwieriger als gedacht die Maus zu finden…”, brummte Hjaldrist vor sich hin und auch Anna wirkte nicht unbedingt erfreut.

“Mäuse in Häusern fangen kann ich. Sie aus Lagerhallen vertreiben auch. Aber ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung, wie man hier, auf dem offenen Land und im dichten Forst, eine klitzekleine Maus finden soll. Vielleicht wurde sie ja sogar schon von irgendeinem Raubtier gefressen.”, Anna stemmte sich die Hände in die Seiten und einer ihrer Mundwinkel zuckte unwohl zur Seite.

“Wir könnten eine Falle aufstellen.”, schlug Rist ganz bodenständig vor. Eine gute Idee, wenngleich dabei die große Möglichkeit bestand nicht nur Muschmusch zu fangen, sondern auch andere Nager.

“Hm… ja. Die Maus wird hier im Wald wohl zu Fressen finden und daher nicht hungrig sein, doch wenn wir irgendetwas besonders schmackhaftes in die Falle legen, kommt sie vielleicht. Solange sie noch lebt eben. Wahrscheinlich werden wir mehrere Anläufe brauchen. Muschmusch ist nicht das einzige Tier hier.”, sinnierte die Kriegerin grüblerisch vor sich hin und wiegte den Kopf nachdenklich. Sie verschränkte die Arme vor der Brust.

“Versuchen wir’s einfach.”, grinste Rist und seine Freundin gab einen zustimmenden Ton von sich “Mit einer Falle, die nicht tödlich ist. Es ist besser, als einfach nur planlos durch den Wald zu rennen.”

 

Eine Falle, die sich zum todlosen Fangen nützlich zeigte, war bald gefunden. Wie es sich herausgestellt hatte, besaß Adlet neben seiner vermissten Maus ein paar weitere Nager in allen möglichen Farben. In einem kleinen Anbau seines Hauses befand sich eine Art Stall, in der er die Tiere untergebracht hatte. In kleinen Käfigen, die reichlich ausstaffiert waren mit Stroh, kleinen, schiefen Häuschen und Futter. Man konnte sagen, was man wollte, doch die fetten Versuchstiere hatten bei dem Onkel kein allzu schlechtes Leben. Wenn man denn von all den seltsamen Experimenten mit Absuden und Tinkturen absah, wohlgemerkt.

Im besagten Mäusestall, in dem mitunter auch eine Ratte und ein nacktes Wiesel hausten, hatten Anna und Rist einen nicht benutzten, halb rostigen Käfig gefunden. Er war kaum eine halbe Elle lang und genauso breit. Die beiden Abenteurer hatten den Draht, der das Käfiggitter formte, eingeschnitten und um ein kleines Loch herum nach innen gebogen. Die Maus könnte also in das enge Behältnis huschen, doch käme nicht mehr heraus. In der Theorie jedenfalls. Man würde es ausprobieren müssen, denn andere Optionen gab es nicht.

Und das taten sie dann auch: Sie gingen zurück zur Lichtung, in denen sich Muschmusch’s klare Fährte verloren hatte und stellten die kleine Falle dort auf. Im Innern des Käfigs hatten sie etwas fürchterlich stinkenden Käse und leckere Heringsmarmelade drapiert. Eine Zeit des gespannten Abwartens stand jetzt bevor. Denn viel mehr, als einen Fangkäfig aufzustellen konnte man im Moment schließlich nicht tun. 

Die Wartezeit vertrieben sich die zwei Reisenden damit in Adlet’s Hütte herumzulungern, Gwent zu spielen oder mit dem schrägen Onkel Rists zu plaudern. Besonders Anna fachsimpelte viel mit dem Älteren, diskutierte bei Tee und Brotkuchen über Alchemiezutaten und alte Niederschriften oder Märchen über die Kräuterprobe. Dabei erwähnte Adlet, dass es auch in Toussaint jemanden gäbe, der sich mit der Lieblingsthematik Annas beschäftigte. Irgendeinen Professor, dessen Name der zerstreute Druide vergessen hatte, doch der in der schillernden Hauptstadt fernab des dreckigen Nordens lebte. Oder gelebt hatte, je nachdem. Eine Tatsache mehr, die sich die freudige Hexerstochter im Geiste notierte. Und gleichzeitig interessierte sie nicht nur das Trankmischen und Rezepte für Brotkuchen mit Honig, sondern auch noch etwas ganz Anderes, Unausgesprochenes. Oder eher: Jemand. Seit dem vergangenen Abend war die burschikose Frau nämlich äußerst skeptisch. Man möchte gar meinen misstrauisch. Und zwar ihrem Begleiter Hjaldrist gegenüber. Dessen Onkel hatte nämlich mehrere Dinge anklingen lassen, die sehr bedeutungsvoll oder in ihren Ohren rätselhaft geklungen hatten. Und während jener das getan hatte, so war es der klugen Frau durchaus aufgefallen, hatte der genervte Hjaldrist immer wieder abgelenkt oder das Thema so schnell, als möglich gewechselt. Ja, Anna mochte vielleicht vom verbohrten, emotional ungeschickten Schlag sein und lieber über Monster oder irgendwelche Kräuter reden, als über alles andere. Dennoch besaß sie eine gewisse Menschenkenntnis. Und jene sagte ihr, dass mit Rist und seinen ganzen Geschichten über seine Herkunft irgendetwas nicht ganz stimmte. Es war eine dunkle Vermutung, die ihr auch heute Nacht permanent im Schädel umherirrte. Die Kräutersammlerin fragte sich, warum ihr Kollege so auffallend abwehrend auf Adlet’s Bemerkungen über Eltern und geerbte Äxte reagiert hatte. Noch hatte sie ihn aber nicht darauf angesprochen, obwohl sie glaubte ein gutes Recht darauf zu haben. Schließlich hatte sie Hjaldrist auch sehr viel über sich erzählt. Über ihre halsbrecherischen Pläne und ihr Zuhause zum Beispiel. Außerdem reisten sie nun schon eine ganze Weile miteinander und verstanden sich prächtig. Ja, sie beide standen sich in gewisser Weise sogar recht nah. Es stieß der Kurzhaarigen also sauer auf, dass sich ihr Freund von den Inseln dermaßen verschlossen hielt und bisher nicht mehr von sich gegeben hatte, als die Geschichte über seine Familie, die dem Handel von Kleidung nachging. War dies vielleicht eine Lüge gewesen? Ja, denn welcher Tuchhändler besaß denn eine Familienaxt oder gute Kontakte zu Zauberinnen von Aretusa?

“Ich bin mal für kleine Drachenreiter…”, warf Hjaldrist im faulen Ton, neben Heißgetränken und Kuchen, ein und erhob sich, strich sich den Gehrock beiläufig glatt. Anna nickte leicht und nippte unschuldig an ihrem Sewanten-Tee, sah dem Kerl derweil aber verschlagen nach. Und sobald er die alte, zugige Hütte mit den bunten Kommoden verlassen hatte, stellte sie ihre Tasse entschlossen ab und fixierte Adlet, der ihr gegenüber saß, mit drängendem Blick. Denn die Zeit des Nachhakens war gekommen. Sie hatte eine Ewigkeit darauf gewartet mit dem schniefenden Alchemisten alleine zu sein und nun war Rist endlich weg. Gerade, da wollte der gelehrte Druide am Tisch wieder mit einer Ausführung über Vitriol und Pilze anfangen, doch Anna unterbrach ihn hektisch. Sie hatte es schließlich eilig, denn allzu lange würde Hjaldrist ja nicht weg sein.

“Adlet.”, fing die abrupt ernste Frau an und der Trankmischer hielt ob dem irritiert inne, blickte fragend drein “Eure Familie. Handelt die mit Kleidung?”.

Auf diese Frage hin hob der Alte die wohlgeformten Brauen weit an und betrachtete Anna, als verstehe er nicht so recht. So, als habe er sich gar verhört.

“Kleidung?”, fragte der Onkel mit dem schief sitzenden Hähnchenfuß-Hut verwirrt “Warum sollte sie denn mit Kleidung handeln?”

Aha. Hjaldrist hatte also gelogen, dieser Betrüger.

“Eine Jarlsfamilie handelt doch nicht mit sowas, Mädchen. Gibt es dort, wo du herkommst, denn Adelige? Die lassen sich Kleidung BESORGEN, aber verkaufen selbst keine.”, lachte der Druide gutherzig, tickte und schüttelte etwas ungläubig den Kopf. Und Anna, die verstummte augenblicklich. Sie war sprachlos. Aus geweiteten Augen sah sie dem verrückten Skelliger verdutzt entgegen und hatte den Mund einen Spalt weit offenstehen, weil sie eigentlich etwas sagen hatte wollen. Stattdessen blieb ihr nun aber erst einmal bloß der Atem weg. Völlig tonlos saß die Frau da und starrte den lächelnden Adlet an, als habe er ihr gerade erzählt, hinter seiner Hütte wohne ein wahrhaftiger Drache.

Der Käferschubser, Rist, war ADELIG? Und viel mehr noch: Er war der Sohn von einem JARL? Von dem Undviks? Oh, bei Melitele’s langer Unterbuchse! Anna hatte zwar nicht so viel Ahnung von politischen Verhältnissen außerhalb der Gebiete, in denen sie bisher gereist war, aber Jarls waren doch so etwas Ähnliches wie Gräfe oder Herzöge, oder? Richtige Herrscher. Sie hatte schon von einem der Jarls hier gehört, diesem Crach An Creppel, oder wie er hieß. Und dieser berühmte Kerl hatte ganz schön was zu sagen. War Rist’s Vater auch so einer? Hatte jede der Inseln Skelliges einen? Und unterstanden sie einem König? Oder wem? Fragen über Fragen. Doch leider war keine Zeit, um sie zu stellen, denn der, um den es hier eigentlich ging, kam zurück ins Haus spaziert.

“Wenn es noch etwas aufklärt, kommt die Sonne durch und wir können nachher draußen auf der Holzbank sitzen.”, merkte Hjaldrist an, als er wieder in die warme Stube trat, in der es nach süßlichem Räucherwerk roch. Er kam gelassen daher und schloss die knarrende Hüttentür hinter sich. Adlet sah auf, wirkte erfreut und nickte.

“Das Wetter wird besser, das ist schön, ja, ja.”, pflichtete der eigenartige Druide bei und war gleich wieder ganz in seinem Element “Wenn die Sonne durchkommt, Kinder, kann ich euch eine meine Erfindungen zeigen! Ein kleines Wasserrad, das sich wie von selbst in einem Glas voller Wasser dreht. Es funktioniert aber nur mit Sonneneinstrahlung! Ich habe drei Monate gebraucht, um es zu entwickeln.”

“Ähm. Aha.”, machte der desinteressierte Rist nur und kam wieder an den Tisch, setzte sich und fischte nach seiner Tasse mit widerlich süßem Tee. Anna sah von der Seite aus zu ihm und das so sonderbar taxierend, dass der Skelliger mit dem Trinken innehielt und die Kriegerin aus fragend verengten Augen betrachtete.

“Was ist?”, wollte er wissen. Und erst an dem Punkt schien die Novigraderin zurück in das Hier und Jetzt zu fallen. Sie blinzelte irritiert, setzte sich dann wieder gerader hin und verkniff sich ein lautes Räuspern. Oh, Mann.

“Uhm, nichts.”, redete sie sich heraus “Ich bin nur etwas müde.”

Ihr Freund nickte auf diese Aussage hin verständnisvoll. Schließlich hatten sie wirklich nicht sehr viel geschlafen. Schuld daran waren vor allem die unterhaltsame Gesellschaft Adlets und der tosende Wind, der heute zum Glück wieder nachgelassen hatte, anstatt an den nahen Tannen zu reißen.

 

“Ich halte euch meine Zehen gedrückt, Kinder! Alle zehn!”, lächelte der wirre Druide unbeholfen, als er Anna und Rist später, am frühen Abend, verabschiedete. Dabei verhielt er sich, als würden die beiden zu einer langen Reise aufbrechen und ihn nie wieder sehen: Der Mistelschneider nahm Anna’s behandschuhte Hand und drückte sie fest. Dann klopfte er seinem Enkel noch einmal die Schulter, bevor er jenen halb umarmte, was einmal wieder ziemlich hilflos aussah. Anna wich ein Stückchen ab, verkniff sich ein Lachen. Und Rist ließ die ungeliebte Prozedur einfach mit mürrischer Miene über sich ergehen.

“Wir sind bald wieder da, Onkel.”, versicherte der Skelliger dabei, atmete entnervt durch und warf seiner wartenden Freundin einen vielsagenden Blick zu. Seine Miene sprach dabei tausend Worte und Anna musste noch immer ganz breit schmunzeln. Gleichauf fragte sie sich, wie es dazu gekommen war, dass Adlet zum Druiden und Einsiedler geworden war. Sie war gerade dabei sich an den überwältigenden Gedanken zu gewöhnen, dass sie mit einem Jarlssohn reiste, der nicht einmal wusste, dass sie nun seine wahre Identität kannte. Doch dass der ältere Undviker, Adlet, hier so mutterseelenallein wohnte und nicht ganz richtig im Kopf zu sein schien, war der Hexerstochter ein kleines Rätsel. Hatte man ihn etwa hierher verbannt, weil er einen fragwürdigen Schein auf seine hochrangige Familie geworfen hatte? Hatte der arme Mann gehen müssen, weil er sich nicht als Bruder des Jarls von Undvik hatte zeigen können? Vielleicht würde die neugierige Novigraderin den ansehnlichen Alten später danach fragen. Ja, mit Glück bekam Hjaldrist ja die Scheißerei und würde für ein, zwei Stunden aus der Hütte seines pilzliebenden Verwandten verschwinden.

“Gehen wir.”, der besagte Käferschubser berührte Anna drängend am Arm, als er an ihr vorbei marschierte. Und erst an diesem Punkt sah die Kriegerin wieder aus ihren Gedanken auf. Sie sah noch einmal kurz zu Adlet hin, vor dem Rist ganz offensichtlich floh, winkte ihm knapp zu und machte sich daraufhin daran zu ihrem Kumpel aufzuholen. Sie wollten in den Wald, um dort nach ihrer Mausefalle zu sehen. Womöglich hätten sie Muschmusch ja schon mithilfe von Käse und Heringsmarmelade gefangen.

Und tatsächlich befand sich in der improvisierten Fangfalle eine Maus. Eine weiße auch noch dazu. Rist riss eine Faust siegreich in die Luft, als er dies sah, und gab ein triumphierendes ‘Jawoll!’ von sich. Und auch Anna begann damit über das ganze Gesicht zu strahlen, wie ein Honigkuchenpferd. Sie kämpfte sich hinter ihrem Freund, der bereits bei der Falle war, aus dem Gebüsch, wobei sie beinah über eine kleine Wurzel stolperte, und eilte froh zu Hjaldrist. Neben ihm hockte sie sich hin und fasste nach dem kleinen Käfig, in der ein helles Mäuschen mit roten Augen saß. Ein Albino. Welch ein großer, toller Zufall, dass sie es geschafft hatten Muschmusch gleich beim ersten Anlauf zu fangen. Es war unglaublich.

“Muschmusch!”, lachte Anna erfreut und auch ihr grinsender Kollege war nicht weniger erleichtert.

“Er ist also wieder klein geworden. Welch ein Glück, hm? So müssen wir keine Riesenmaus zurück zu deinem Onkel schleifen.”, entkam es der glücklichen Novigraderin und mit der Mausefalle, die sie wie einen Schatz in ihren Händen hielt, blickte sie zu ihrem zustimmend nickenden Freund hin “Lass uns zurück zu Adlet gehen.”

Mit einem weiteren Blick auf die weiße Maus, die in aller Seelenruhe an dem Stück Köderkäse nagte und sich daher nicht wirklich um ihre Umgebung zu scheren schien, erhob sich die Frau in der gestreiften Jacke wieder. Sie war ihrem Plan bezüglich der Kräuterprobe hiermit endlich ein Stück weit nähergekommen. Zwar hatte sie bereits gewusst, was in etwa in die Absude dafür gehörte und welche Kräuter und Alkohole benötigt wurden, doch in welchen Konzentrationen das passierte, war ihr bisher stets ein Geheimnis gewesen. Ein Geheimnis, das Adlet lüften würde, sobald er seine Lieblingsmaus wieder bei sich hätte. Anna wollte sich also schon federnden Ganges abwenden, um zur Hütte des Eremiten zurück zu kehren, als Hjaldrist sie mit einem ungewohnt bittenden Ton aufhielt. Er klang auf einmal so ernst.

“Warte.”, sagte er.

Die Frau blieb nach ein, zwei Schritten stehen und wandte sich fragend zu ihrem Freund um, der da auf der matschigen Lichtung stand. Er sah streng aus, irgendwie besorgt. Was war denn los?

“Bist du dir sicher, dass du das tun willst?”, fragte der veränderte Krieger jetzt und rührte sich nicht vom Fleck. Er wirkte, so wie er dastand, ein wenig verloren. Es passte nicht zu ihm. Ganz und gar nicht.

“Was meinst du?”, wollte Anna vorsichtig wissen. Muschmusch hatte seinen Happen Käse aufgefressen und fing damit an protestierend am metallenen Drahtgestell seines Käfigs herum zu nagen. Man konnte ihn leise fiepen hören.

“Die Sache mit dieser Kräuterprobe. Nachdem Onkel davon geredet hat, weiß ich ja nicht so recht, ob es eine gute Idee ist dahingehend zu experimentieren, Anna.”, sagte Rist ruhig, doch man sah ihm an, dass ihm die heikle Angelegenheit alles andere als egal war. Klar. Sonst hätte er seine Kollegin ja auch nicht darauf angesprochen. Noch bevor die burschikose Frau antworten konnte, redete der Skelliger dazwischen.

“Der Junge in der Erzählung hat eine Woche lang gelitten und ist beinah gestorben. So, wie all seine Freunde zuvor. Wenn die Kräuterprobe wirklich SO abläuft, dann-... naja, es ist gefährlich. Richtig gefährlich. Das ist dir doch klar?”, meinte der Jarlssohn und tat sich mit dem Einwand sichtlich schwer. Die konfrontierte Novigraderin schwieg nach den Worten Rists eine ganze Weile. Auch ihr Gesichtsausdruck war härter geworden und noch immer hörte man die Maus nervös am Käfiggitter nagen.

“Hjaldrist...”, seufzte die Monsterjägerin. Es kam selten vor, dass sie ihn mit seinem vollen Namen ansprach. Wenn sie das tat, dann nur, wenn sie stritten oder über wirklich bedeutende Dinge redeten.

“Deswegen will ich die Sache ja erforschen. Damit sie unbedenklich für Frauen verwendet werden kann.”, erklärte sie, als spräche sie mit einem Kind. Es war eine Lüge. Mutationen herbeizuführen, ohne das Testsubjekt dabei in arge Lebensgefahr zu bringen, war eine Utopie und wäre auch nach jahrzehntelanger Forschung nicht möglich. Wäre dem so, dann hätten die Hexerszünfte ihre Kräuterprobe für Jungen längst weiterentwickelt. Stattdessen gab es aber immer weniger Leute, die sie überhaupt einsetzten. Jedenfalls erzählte man sich das so. Außerdem war es nicht wahr, dass Anna ihre Rezepte weitergeben wollte. Keine Frau, außer sie selbst, sollte sich einer lebensgefährlichen Kräuterprobe unterziehen und dabei das hohe Risiko eingehen zu sterben. Und dennoch wirkte die Kräuterkundige im Moment so selbstbewusst und locker. Es war ein Leichtsinn, der von ihrem sturen Entgegenstreben herrührte. Von diesem hartnäckigen Kampf um das, was sie sich mehr, als alles andere wünschte. Und das schon seit dem Kindesalter. Anna würde alles tun, um eine Hexerin zu werden. Eine wahre Mutantin, wie Balthar, Vadim oder Jaromir.

“Ich glaube nicht, dass so etwas jemals unbedenklich sein kann.”, konterte Rist. Woher auch immer gerade diese arge Skepsis kam, sie hatte sich in ihm festgesetzt. Der viel zu schlaue Skelliger würde nicht so leicht nachgeben.

“Ich habe doch gehört, was mein Onkel gesagt hat. Normalerweise ist er für jeden alchemistischen Mist zu haben, doch nachdem du ihm deinen Plan offenbart hast, hat er gezögert. Das ist kein gutes Zeichen. Adlet zögert sonst nie, er ist zu verrückt dafür.”, sprach Hjaldrist weiter “Aber gestern, da hat er zu lange gezögert.”

Anna entkam ein tiefes Seufzen. Sie wusste nicht so recht, was sie sagen sollte, also ließ sie ihren Freund ausreden. Mit dem unglücklich piepsenden Muschmusch im Käfig stand sie einfach nur da und spürte, wie ihr die Feuchtigkeit des nassen Waldbodens kalt in die Stiefel kroch. Jene waren offenbar nicht mehr ganz dicht. Die Hexerstochter sollte bald einen Schuster aufsuchen.

“Ich habe mir am Anfang nicht viel dabei gedacht, weil ich keine Ahnung von deinen Tränken hatte. Aber mittlerweile weiß ich Bescheid, Arianna. Gut genug, um zu wissen, dass die ganze Angelegenheit kein Spiel ist.”, appellierte der bange Mann an seine wagemutige Begleiterin.

“Es ist auch kein Spiel.”, gab sie zurück und war erstaunt darüber, wie gelassen sie dabei klang.

“Ich denke trotzdem, dass du es unterschätzt.”

“Nein, tue ich nicht.”

Nun war es Hjaldrist, der abgespannt seufzte und Anna dabei unverändert todernst ansah. So, wie jemand, der versuchte seinen Standpunkt klarzumachen und durchzusetzen. Und nach wie vor war da diese gut gemeinte Besorgnis in seinem Ton, die es einem schwer machte ihm gegenüber böse zu werden. Normalerweise, da wäre Anna nun schnell ziemlich aufbrausend geworden, hätte direkt und unfreundlich geantwortet oder das Gespräch schnippisch beendet. Doch nun tat sie das nicht, sondern stand einfach nur da. Natürlich war ihre Haltung ihrem Lebensziel gegenüber unverrückbar, dennoch ließ sie sich auf die Situation ein. Rist hatte ein unverschämtes Glück.

“Ich kann dich nicht davon abbringen, es zu versuchen, oder?”, seufzte der Mann kritisch und steckte sich die Hände in die Manteltaschen, was ihm ein noch unschlüssigeres, fast scheues Aussehen verlieh. Ja, es hätte nurmehr gefehlt, dass er ungelenk und stöhnend einen kleinen Stein vor sich wegtrat.

“Nein. Kannst du nicht.”, gab die starrsinnige Frau aus Kaer Morhen zurück. Daraufhin legte sich eine ungute Stille über die Lichtung der kleinen Druideninsel. Es war ein unangenehmes Schweigen, das einen dazu drängte etwas zu sagen, weil es wie mit unsichtbaren Messerchen stach und die Luft dick machte. Daher holte Anna Luft zum Sprechen.

“Hast du ein Ziel, das du unbedingt erreichen willst?”, fragte sie ihren abwartenden Kollegen nun. Die Miene des Kriegers lichtete sich ein klein wenig und er sah sie unschlüssig an. Anna wartete keine Antwort ab.

“Kannst du es dir vorstellen dieses Ziel, diesen Plan, einfach fallen zu lassen, wie eine heiße Kartoffel? Zurück nach Hause zu gehen und dich deinem Alltag zu fügen, bis du alt und schrumpelig bist und stirbst?”, setzte die Kurzhaarige fort und schien damit irgendetwas in dem stillen Krieger zu erreichen. Sie wusste nicht, was es war, doch der Undviker wirkte urplötzlich betroffen und seine Augen begannen damit unstet zu wandern. Er runzelte die Stirn leicht, fixierte irgendeinen Punkt neben Anna und fuhr sich nachdenklich über das unrasierte Kinn. Wieder schwiegen sie, doch nicht lang.

“...Nein.”, entkam es dem Mann dann endlich. Er suchte erneut Blickkontakt und wirkte dabei weniger verloren, als noch zuvor. Was er sich wohl gerade dachte? Seine Kumpanin lächelte schwach.

“Nein, das kann ich mir nicht vorstellen.”, versicherte er mit mehr Standhaftigkeit in der Stimme. Zufrieden und anerkennend nickte Anna ihm zu. Hjaldrist schien zu verstehen.

“Ich auch nicht.”, meinte die Nordländerin und stellte sich damit wieder auf dieselbe Stufe, auf der sich auch ihr Freund befand. Keiner lief dem anderen nach, um ihn von seinem Vorhaben abzubringen und niemand bettelte den jeweils anderen um irgendetwas an. Sie beide waren Leute, die ihre eigenen Pläne hatten und dies akzeptierten sollten, einander halfen. Anders würde eine weitere gemeinsame Reise nicht funktionieren.

“Gehen wir zu Adlet zurück.”, lächelte Anna schmal und Rist nickte.

 

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