Kapitel 100 (Buch 4, 3)

KRIEG, ÜBERALL

Der Nilfgaarder fuhr sich nachdenklich durch den gepflegten, hellbraunen Bart, als er die Augenbrauen weit zusammenzog. Bertram beugte sich über eine Karte der Nördlichen Königreiche und studierte sie eingehend. Anna stand neben ihm und beobachtete den Mann stumm. Sie arbeitete seit zwei Wochen für diesen Kerl. Er war ein angenehmer Zeitgenosse, obwohl er in der Armee viel Ansehen genoss und sich nicht viel um seine Mietklinge scheren sollte. Doch das tat er. Er hatte der Monsterjägerin gar angeboten, dass sie bei ihm im großen Zelt schlafen dürfe, da sie kein eigenes hatte. Sie hatte es angenommen, um sich nicht zu irgendwelchen anderen Soldaten gesellen zu müssen. Lieber schlief sie hier, in einer der Ecken von Bertram’s Zelt, als irgendwo eingepfercht zwischen einem halben Dutzend stinkender Männer. Und eben jenes war so geräumig, dass ein Tisch in es passte. Auf eben jenem lag eine Landkarte, auf der der Nilfgaarder Anna zeigen wollte, wie sie sich heute verhalten sollten.

“Hier, auf dem Feld vor dem Pontar wird Radovid seine Leute gegen uns schicken. Ihre Lager sind nahe Rinbe, soweit ich weiß. Jedenfalls habe ich den Kommandanten davon reden gehört…”, sagte der Nilfgaarder grüblerisch. Anna blieb weiterhin still. Zwei dicke, sich kreuzende Narben zogen sich über ihre rechte Wange und ein kleinerer Schnitt unter ihrem linken Auge war ebenso schlecht verheilt. Es waren Andenken an die Bruxa, die sie vor Wochen in Angren erledigt hatte.

“Wir beide befinden uns, im Kommando der östlichen Infanterie. Ich weiß, du würdest besser zu den Plänklern der Leichten passen, aber naja…”, seufzte der Kerl in der schwarz-weißen Uniform. Er trug eine Mütze, an der er eine braune Fasanenfeder angebracht hatte. Diese Feder erreichte beinahe die Decke des Zeltes, so lang war sie. Und auch Bertram selbst war ein riesiger Kerl. Er überragte Anna um einen ganzen Kopf und wenn er Vollplatte trug, war er ein wahrhaftiger Riese.

“Du hältst dich später einfach an meiner Seite, Anna, ja?”, bat der Soldat und sah von seiner Karte auf “Spiel nicht die Heldin und decke mich einfach. So, wie letzte Woche auch. Wenn der Plan von Rhodyn aufgeht, brechen wir heute durch.”

Die Novigraderin nickte. Anstatt ihres roten Mantels trug sie einen schwarzen Überwurf, den Bertram ihr geliehen hatte, damit man sie im Kampfgetümmel nicht irrtümlicherweise für eine Redanierin hielt. Zwar war sie streng genommen eine, denn sie stammte aus Novigrad, doch keinem Volk fühlte sie sich weniger zugehörig. An ihrem Waffengurt prangte ein Gürtelschild, das eine goldene Sonne auf schwarzem Grund zeigte. Unter der Sonne prangten zwei weiße Linien, die die östliche Infanterie bezeichneten. Anna war hier, im Kriegslager der Nilfgaarder, keine Ungeheuerjägerin. Sie war eine Soldatin. Und unter Bertram durfte sie die hungrigen Ghule, die sich nach den Kämpfen auf den Schlachtfeldern tummelten, nicht jagen. Denn der Mann brauchte sie im Kampf gegen Redanien, nicht gegen kreischende Leichenfresser. Er wollte nicht, dass sie sich beim Monsterjagen verletzte oder entkräftete. Dafür zahlte er gut. Und zum ersten Mal seit vier Monaten hatte Anna wieder die ein oder andere Silbermünze in der Tasche. Nur deswegen war die Kurzhaarige just hier. Sie brauchte Geld. DRINGEND. In den letzten Wochen hatte sie stets nur im Freien geschlafen und sich von irgendwelchen kleinen Tieren ernährt, die sie selbst gefangen hatte. Ratten waren ihr dabei nicht selten untergekommen und ein, zwei Mal hatte sie sogar Frösche gegessen. Sie hatte gefroren und gehungert. Und in ihrer Not war sie bei strömendem Regen und völlig durchnässt in das Kriegslager Emhyrs gestolpert, um dort auf Bertram zu treffen, der sie ganz verdattert angestarrt und ihr dann eine Schüssel Kartoffelbrei in die Hände gedrückt hatte. Er war ein guter Mann und ein exzellenter Krieger. Daneben war er auch noch ungewöhnlich offen und hatte Anna von sich erzählt, obwohl sie nicht danach gefragt hatte. Er sei früher einmal bei der Militärpolizei gewesen und denke darüber nach sich eine Gruppe von Spionen aus Straßenkindern und Scoia’tael zusammenzustellen. Letzteres klang wie verrücktes Wunschdenken, doch es passte zu dem Nilfgaarder. Er war auf seine ganz eigene Weise durchgeknallt. Anna, so sehr sie sich dafür auch selbst tadelte, mochte Bertram. Doch sie beide würden keine Freunde werden. Die Monsterjägerin bräuchte solche nie wieder. Sie war eine Einzelgängerin geworden und würde nach dem Krieg alleine weiterziehen, um ihrem Kräuterproben-Plan nachzustreben. Bindungen zu anderen Menschen brauchte und wollte sie dabei nicht. Die waren bloß unangenehm und lästig. Und sie taten weh.

“Keine Sorge.”, sagte die Frau kühl “Ich werde da sein.”

“Danke, Anna. Und nun ruhe dich noch aus, ja? Es ist noch etwas vom Eintopf über, falls du Hunger hast.”

“Mhm.”, machte die Kriegerin und nickte knapp. Dann wandte sie sich ab.

Letzte Woche hatten die Schwarzen schon einmal gegen den Norden gekämpft und Anna hatte dabei an Bertram’s Seite gestanden. Noch nie war sie eine Fußsoldatin im Krieg gewesen. Und sie hatte sich das Ganze einfacher vorgestellt, als es war. Kämpfen konnte sie und Menschen abstechen auch. Wer für gewöhnlich gegen große Monster kämpfte, fürchtete sich nicht vor hohlköpfigen Redaniern. Doch, bei Melitele, von denen waren VIELE in der Nähe. Radovid hatte an die tausend Soldaten hinter dem Pontar stationiert und als Anna dieser Armee vor fünf Tagen zum ersten Mal gegenübergestanden hatte, hatte sie den Horizont im Rücken der roten Krieger nicht gesehen. Die Schlacht daraufhin war laut und eng gewesen. Zeitenweise hatte die Novigraderin drei Männer gleichzeitig von Bertram ablenken müssen und hatte dabei den ein oder anderen Schlag kassiert. Sie hatte viele Leute auf grausige Art und Weise sterben sehen und hatte auch selbst gemordet. Wunden hatte sie erblickt, die sich kein noch so perverser ausdenken könnte. Körperteile, abgetrennte Köpfe, Gedärm. Und hätte sie dies früher emotional in die Knie gezwungen und sie dazu gebracht sich fürchterlich zu übergeben, so fühlte sie heute… nichts. Ravello hatte sie deswegen harsch kritisiert. Dieser Schwachkopf war Anna bei einer Geschäftsreise in Spalla über den Weg gelaufen; zwei Wochen, nachdem sie die weiße Bruxa erledigt hatte. Er hatte die vielen Verbände und das aufgerissene, geschwollene Gesicht der Trankmischerin erkannt und sich aufgeführt, wie eine Glucke. Oder jedenfalls hätte er das gerne getan, denn törichterweise sah er sie noch immer als Freundin an. Er war der Ungeheuerjägerin wehleidig hinterhergerannt und hatte sie beschwichtigen wollen. Ravello hatte sie zuletzt nach Hjaldrist gefragt. Und dafür hätte sie ihn beinahe getötet. 

Anna brauchte keine Freunde mehr und würde jeden, der ihr käme, wie der Angsthase aus Beauclair, von sich drängen. Sie wollte sich von allem, das hinter ihr lag, lösen oder hatte es teils sogar schon getan. Es war nach ihrer panischen Erkenntnis damals, in Riedbrune, in der sie realisierte hatte einen Weg eingeschlagen zu haben, die sie nicht zurück gehen könnte, das Beste, was sie tun konnte.

 

Die am Nachmittag folgende Schlacht auf den Feldern vor dem Pontar endete in einer Katastrophe. Hatten sich die Schwarzen anfangs gut gehalten und die vermeintlich intelligenten Befehle ihres Kommandanten strikt befolgt, so hatten sie bald einem unerwarteten Problem gegenübertreten müssen... 

Anna war an Bertram’s Seite durch die ersten zwei Bataillone der redanischen Fußarmee gebrochen, als sie beide bemerkt hatten, dass ihre rasenden Feinde nicht nur mehr von vorne kamen. Es war so schnell gegangen und nun fuhr die Monsterjägerin im Bunde keuchend herum, da sie gellendes Schreien und donnerndes Hufgetrappel hören konnte, das von hinten kam. Sie hörte Bertram unter seinem Helm laut in seinem Dialekt, der an die ALte Rede erinnerte, fluchen und er rief nach seiner Mietklinge.

“Hinter mich!”, brüllte er “Anna! Komm hinter mich!”

Der zurzeit eigentlich stets sehr gefassten Frau wollte die Farbe aus dem Gesicht weichen, als sie die Pferde kommen sah. Mit ihrem Stahlschwert in der Rechten, das vor Menschenblut nur so triefte, stand sie inmitten der schwarzen Soldaten und erkannte viel zu spät, dass man sie eingekesselt hatte. Und viel schlimmer noch: Radovid’s Kommandant schickte Leute auf Schlachtrössern, die nun wuchtig durch die verwirrt brüllende Menge pflügte. Anna kam nicht mehr dazu die Männer auf den Pferden zu mustern. Sie sah bloß, wie ein berittener Schwergerüsteter kam und mit seinem Kriegshammer zwei Nilfgaarder auf einmal zur Seite schlug. Sie wich hektisch ab und stolperte dabei fast über eine verdrehte Leiche mit zerschmettertem Kopf, die hinter ihr am Boden lag. Schnell fing sie sich jedoch und kam hinter Bertram, ihren Auftraggeber in der schwarzen, prunkvollen Vollrüstung mit der goldenen Sonne am Torso. Der Nilfgaarder hastete zur Seite und Anna kam mit ihm. Einer der redanischen Reiter kam direkt auf sie zugaloppiert und Bertram nahm einen festen Stand ein, ehe er einen Kriegsschrei von sich gab und mit dem Schwert ausholte. 

“Hael Ker’zaer!”, bellte er und schlug zu. Doch er zielte damit nicht auf den breitschultrigen Reiter, sondern auf dessen Tier. Pferdeblut spritzte und der Vierbeiner wieherte laut. Beinahe knickte das Ross ein und nun kam Anna geistesgegenwärtig vor, um den schreienden Gegner von seinem Gaul zu zerren. Sie packte vor und mit all ihrer Kraft riss sie den Redanier aus dem Sattel des stolpernden Vierbeiners. Überwältigt schreiend landete der Mann scheppernd im Schlamm, dass der mit Blut vermischte Matsch nur so spritzte. Anna’s braune Augen fanden die Schwachstelle zwischen dessen Brustpanzer und dem Helm sofort und stach zu. Ihr Schwert bohrte sich senkrecht in den kleinen Spalt zwischen Metall, Leder und Kette und sie durchtrennte Kragenstoff, Luftröhre und Wirbel. So schnell hauchte der rot Gekleidete sein Leben aus, dass man sich kaum versehen konnte. Doch da war schon der nächste von denen. Bertram rief eine Warnung, doch zu spät. Anna verspürte einen heftigen Schlag gegen ihr Kreuz, dann gegen ihr linkes Bein. Alles um sie herum wurde kurz dunkel, Dreck spritzte umher und auf einmal lag sie am Boden. Sie schnappte nach Luft und spürte, wie ihr ein heftiger Schmerz den Rücken hochzuckte. Sie blinzelte überwältigt und spuckte Dreck aus, als sie den Kopf anhob. Sie sah in die aufgerissenen, leeren Augen eines toten Kameraden, der neben ihr lag und musste sich drängend dazu ermahnen einen kühlen Kopf zu bewahren. In all den letzten Wochen war sie eisern gewesen. Jetzt würde sich dies nicht ändern, oh nein. Anna war nicht mehr das heulende Mädchen von früher und biss die Zähne knirschend zusammen, als sie das Gesicht wütend verzog. Erst, als Bertram sie einen Atemzug später auf die Beine zog, realisierte Anna, dass man sie gerade niedergeritten haben musste. Verzwickt sah die Frau auf und kniff ein Auge leicht zu. Und sie hatte keine Ahnung, wie genau sie das Scheißpferd von gerade eben hatte erwischen können, doch sie lebte noch. Und sie schien sich nichts gebrochen zu haben. Ihr Kreuz und ihr Bein taten zwar höllisch weh, doch das… das war nichts. Sie würde jetzt nicht jammern. Also bückte sie sich schnell ächzend nach ihrem Schwert, das sie eben verloren hatte und erhob es einen Moment darauf schon wieder gegen einen leicht gerüsteten Soldaten, der ihr Parolen brüllend entgegenstürzte. Er rutschte in einer Lache aus Matsch und irgendetwas rosafarbenen aus und Anna setzte vor, um ihm die Klinge in den Bauch zu treiben. Sie versuchte dabei nicht zu hinken und war über und über mit Dreck beschmiert. Bertram befand sich an ihrer Seite und stieß einen anderen Redanier von sich. Ein paar Nilfgaarder kamen ihnen beiden zu Hilfe und irgendwo in der Nähe ging ein Feuerregen nieder. Denn anders als die Leute aus dem Norden, bauten die Schwarzen in der Schlacht auf Magie. Heute hatte die Armee Emhyrs zwei Zauberinnen dabei, die Anna bisher nur von weitem gesehen hatte. Die beiden sahen aus, wie man sich Magierinnen vorstellte: Irrsinnig hübsch, gut gekleidet und mit aufrechtem, selbstbewusstem Gang. Eine von denen, die die Truppen begleiteten, hatte rotbraunes, kinnlanges Haar. Sie war eine zierliche Dame. Die andere, eine Blondine mit langen Locken und spitzem Kinn, war größer und hatte die Soldaten der Kavallerie vorgestern Abend arrogant angeherrscht, weil ihr das Essen im Lager nicht geschmeckt hatte. Dumme Schnepfe.

Anna sah, wie man vor ihren Augen zwei ihrer Verbündeten niederstach und sie schrie wütend auf, als man dies auch bei ihr versuchte. Die schwitzende Novigraderin, die gerade all ihre letzten Kraftreserven bündelte, kämpfte wie eine Wahnsinnige und unter ihrem Schwert starben zwei, drei weitere Redanier. Einen von ihnen köpfte sie mit einem horizontalen Hieb ihrer Waffe. Und sie brüllte, um die erdrückenden Gefühle, die dies begleiteten, loszuwerden. Da waren Leichen überall. Es roch penetrant nach Blut und man hörte verwundete Pferde grauenvoll schreien. Es war ein Szenario aus einem Albtraum, doch Anna biss die Kiefer stur zusammen und stellte sich einem weiteren Roten entgegen. Bertram’s Überwurf hing ihr schief und feucht vom Körper und rötlich besudelter Schlamm klebte ihr an der Wange. Wieder ein Feuerschwall rechts. Leute schrien auf und es zischte und toste. Qualm, Tote, immer mehr Nilfgaarder fielen. Die Infanterie wurde hier gerade komplett ausgelöscht und von hinten kam schon wieder der Redanier mit dem großen Hammer zu Pferd. Rot-Weiße Rüstungen überall. Ein Adler auf rotem Grund. Anna ahnte, dass sie gleich sterben würde, doch sie verschloss die Augen verbissen davor. Es war zu spät, um wegzulaufen und die Nordlinge nahmen keine Gefangenen. Und daher kämpfte Anna. Sie focht einfach weiter, denn etwas anderes blieb ihr nicht. Sie schlug gegen den Feind, wie ein Dämon, doch dies würde sie nicht retten, denn die Schwarzen waren in der Unterzahl und wurden gerade rasend dezimiert. Männer schrien laut um Hilfe oder johlten nach ihrer Mutter, weil man ihnen die Beine abgetrennt hatte. Neben der Monsterjägerin zuckte jemand am Grund, dem der Darm aus der Bauchdecke hing. Anna hielt den Atem an, fuhr herum und wich gerade noch so dem schweren Schlag eines Rabenschnabels aus. Sie stieg auf irgendetwas weiches und versuchte nicht darüber nachzudenken, was es genau war. Ihr Medaillon vibrierte heftig an ihrem Gürtel, doch sie bemerkte es nicht. Und dann war da plötzlich Bertram. Er trieb dem Redanier vor seiner Verbündeten das Schwert in das Kreuz und warf den Mann daraufhin achtlos fort, als sei jener nicht mehr, als ein Püppchen. Aus weiten Augen sah die Alchemistin auf, suchte atemlos Blickkontakt und fand den ob des Helmes Bertrams nur schwerlich. Dann stieß der Krieger sie. Er versetzte ihr solch einen harten Schubs, dass sie rücklings fiel und im ersten Moment glaube, das hier geschähe gerade nicht wirklich. Auf einmal umfing die Kurzhaarige ein weißes Licht. Die Luft ringsumher wurde drückend und Anna vermochte es ob der Schwüle nicht zu atmen. Ihr wurde schwindelig und sie wusste nicht mehr, wo oben und unten war. Sie wollte schreien, doch konnte nicht. Und in der nächsten Sekunde fiel sie, stolperte bäuchlings und landete in raschelndem Laub. Irgendjemand landete einen Wimpernschlag danach metallen klappernd neben ihr. Sie hörte eine Frau erschrocken aufschreien. Und dann war es still. Anna, deren Denken noch am grauenvollen Schlachtfeld vor dem Pontar war, kam sofort orientierungslos auf alle Viere und rappelte sich alarmiert hoch. Sie umkalmmerte ihre Waffe fest, taumelte vor und lief direkt in einen Baum, am dem sie sich folglich abstützte. Eine unglaubliche Schwäche ereilte sie und sie beugte sich schwer keuchend und laut würgend vor. Bei den Göttern, sie hatte keine Ahnung, was hier los war. Und bevor sie überhaupt einen klaren Gedanken fassen konnte, übergab sie sich fürchterlich. Ihr war dabei so schummrig, dass es sie beinahe in die Knie zwang, und sie hörte unweit noch jemanden röcheln und husten. Ihr kam die Tonlage bekannt vor. Ein letztes Mal spuckte sie aus und holte kehlig Luft.

“Bertram?”, keuchte sie verunsichert und sah sich um, als sie sich mit dem dreckigen Ärmel über den Mund wischte. Saure Galle hing ihr an den spröden Lippen und allein dieser Geschmack wollte sie erneut dazu bringen kotzen zu müssen.

“Ja…”, stöhnte die Männerstimme wirr “Ah… mein Kopf… wo ist mein Helm…? Ah, da.”

“Puh!”, mischte sich eine zweite Frau entkräftet ein “Das war knapp...”

Anna, die es schaffte sich wieder etwas gerader hinzustellen, wand den Kopf herum. Und sie sah Bertram, wie er am feuchten Waldboden saß und sich den Schädel jammernd hielt. Eine Dame in einem schwarzen Kleid stand in seiner Nähe und klopfte sich den Dreck von den Händen. Es war die rothaarige, kleine Zauberin aus dem Kriegslager. 

“Also… bevor ihr beide dumme Fragen stellt…”, fing die Magierin an “Ja, am Anfang wird einem bei Reisen durch Portale immer schlecht. Das ist normal.”

“P-Portale…?”, stöhnte Anna, die blinzelte und ihren Blick wieder etwas mehr fokussierte.

“Ich habe eines erschaffen und wir haben uns durch dieses Tor retten können. Hm. Fragt mich aber nicht, wo wir gerade sind. Die Aktion war nämlich echt spontan und chaotisch.”, erklärte die redselige Frau weiter “Aber naja. Wir leben noch, hm? Und das zählt.”

“Das… war eine haarscharfe Aktion.”, brummte Bertram, der noch immer im Moos saß und nun damit anfing sich umzublicken. Er runzelte die Stirn.

“Moment mal.”, machte er “Macht uns das hier jetzt zu Deserteuren...?”

“Wer seid Ihr überhaupt?”, fragte Anna die Zauberin nun, da sie wieder ohne den Baum vor sich als Stütze stehen konnte.

“Ich bin Aneta.”, lächelte die Rothaarige leicht. Für eine Puderquaste ihres Schlages wirkte sie auf den ersten Blick ganz sympathisch. Tse. Immerhin.

“Anna.”, stellte sich die Mietklinge vor.

“Bertram. Bertram Groll...”, sagte der Krieger am Grund abgeschlagen. Langsam und vorsichtig machte er sich daran sich wieder aufrappeln zu wollen. Er wischte sich Blut aus dem Mundwinkel und spuckte rot aus.

“Freut mich.”, sagte die Zauberin, der es den Magen ganz offensichtlich nicht umgedreht hatte, als sie durch ihr Portal spaziert war. Im Vergleich zu den beiden Soldaten bei sich war sie nebenher kaum verdreckt. Leise seufzend sah sie sich jetzt um und klemmte sich eine Haarsträhne hinter das Ohr.

“Also. Was nun? Ich will nicht hier, in diesem Wald, bleiben.”, meinte sie “Sehen wir uns um? Ich hätte gerade wirklich sehr gerne etwas zu trinken. Ein Glas Wein in der nächsten Taverne wäre schön.”

Anna betrachtete die Frau entrückt und tauschte Blicke mit Bertram aus. Der Nilfgaarder in der schweren Rüstung zuckte die Achseln.

“Gut. gehen wir.”, antwortete der Schwarze nachgiebig “Ich will auch nicht hier sein, wenn die Nacht anbricht. Und es wird sicherlich bald düster.”

“Ein dunkler Wald ist gerade mein kleinstes Problem…”, schnaubte Anna und wischte sich das fleckige Schwert an der Hose ab, um es folgend in dessen Lederscheide zu stecken.

“Pah!”, lachte Aneta zur Antwort und stemmte sich die Hände in die Seiten “ICH will sicherlich NICHT hier übernachten. Ich möchte ein Bett haben.”

“Kann ich ihr nicht verübeln.”, kommentierte Bertram, als er der Monsterjägerin ein knappes Lächeln schenkte. Diesmal zuckte Anna mit den Schultern.

“Dann los...”, sagte sie und ächzte leise, als sich ihr Kreuz wieder zu Wort meldete. Oh, sicherlich hatte sie dort einen richtig dicken Bluterguss. Und ihr Bein rebellierte genauso, nun, da etwas Anspannung von ihr abfiel und Adrenalin nicht länger all den Schmerz überlagerte.

 

Die plappernde Magierin, die hinkende Abenteurerin und der brummige Nilfgaarder marschierten lange planlos durch den Wald und immer der Nase nach. Sie gingen so lange, dass sie erst gegen Abend an den Forstrand kamen, vor dem ein schmaler Weg über eine weite Ebene lief. Es war ruhig hier und der Mond ging hinter dem Horizont auf, vor dem sich ein paar kleine Hügel abzeichneten.

“Wo sind wir hier nur…?”, murmelte der riesige Schwarze, der die Augen zusammenkniff und in die Ferne spähte. Er trug seinen Helm unter dem Arm. Anna kam unschlüssig neben den Mann in Weiß-Schwarz-Gold und ihr Blick war müde. Sie stand nur so vor getrocknetem Schlamm und Blut und Aneta hatte ihr vor wenigen Stunden behelfsmäßig mit Heilmagie beistehen müssen. Normalerweise mochte Anna dies nicht, doch auf ihrem Weg durch den Wald hatte sie es irgendwann nicht mehr ausgehalten und war beinahe umgefallen. Die aufgeplatzte Haut an ihrem Kreuz hatte nicht damit aufhören wollen zu bluten und sie hatte dies erst bemerkt, als sie sich hatte auf einen Baumstamm setzen müssen, weil ihr Kreislauf eingeknickt war. Die anwesende Zauberin hatte sich pflichtbewusst um ihre Mitreisende gekümmert und dabei keine Widerrede geduldet. Sie hatte gute Arbeit geleistet, denn Anna hatte gerade kaum noch Schmerzen. Doch sie war hundemüde und so, wie ihre vorübergehenden Begleiter, sehnte sie sich nach einem echten Bett. Sie würde sich hiernach ordentlich ausschlafen, etwas essen, ihren letzten Sold kassieren… und dann würde sie gehen. Bertram bräuchte sie schließlich nicht mehr. Der Krieg war vorbei und Nilfgaard hatte bei der Schlacht vor dem Pontar haushoch verloren. Scheiße, verdammte. Ja, Anna war sonst stets unparteiisch, doch wenn es um Redanien ging, wurde sie seit ihrem ersten Aufeinandertreffen mit der Ewigen Flamme in Novigrad richtig, richtig zornig, wenn sie an Radovid dachte. JEDER war besser, als er und seine Leute. Anna hasste sie abgöttisch. Und daher ärgerte sie sich nun über die Niederlage von Emhyr’s Truppen, die sie für einen Viertel Silber am Tag, freies Essen und einen warmen Schlafplatz begleitet hatte. Ihr Blick streifte Bertram, der sich ratlos am Hinterkopf kratzte und sie dachte an ihre zwei Wochen im Lager der Schwarzen: Alle dort waren entweder distanziert oder relativ freundlich und zivilisiert gewesen. Nur ein einziger Kerl hatte Anna abfällig behandelt. Alle anderen hatten sie als Frau natürlich akzeptiert und kein Problem mit dem Medaillon an ihrem Gürtel gehabt. Einmal hatte man sie sogar ganz neugierig über ihre Trankmischereien ausfragen wollen, doch sie hatte geschwiegen. Ein Mann hatte sie später dumm angeredet, weil er gesehen hatte, wie sie am Kampffeld Quen gesprochen hatte. Er hatte Anna vorgehalten, dass sie keine Magielizenz besäße und daher nicht zaubern dürfte. Doch Bertram hatte diesen Kerl schnell zum Schweigen gebracht. Denn seine Mietklinge sei eine Hexerin und die unterstünden den Auflagen für Zauberinnen und Magier in Nilfgaard nicht. Ja, offenbar mussten eben jene stets ein Dokument bei sich führen, um in den Ländereien Emhyrs arbeiten zu dürfen. Aber immerhin sperrte er sie, im Gegenzug zu Radovid, nicht ein. Der Kaiser hieß Magie willkommen, während das Arschloch des Nordens sie ausmerzen wollte.

“Da sind Leute.”, flüsterte Aneta plötzlich verstohlen und Anna horchte auf. Auch Bertram versteifte sich leicht.

“Da vorne. Seht.”, die Zauberin deutete zwischen den blühenden Büschen am Waldrand hindurch und zu der Straße, die auf die weitläufige, düstere Ebene führte. Und tatsächlich konnte man dort, nahe dem Unterholz, Schemen erkennen. Eine Gruppe von etwa zehn Mann verweilte in der jungen Frühlingsnacht und schien sich gerade im leisen Ton zu beraten. Man konnte die Farben dieser Typen nicht ausmachen und es war zu dunkel, um auf die Ferne zu erkennen, was oder wer sie waren. Also mahnte Bertram gleich vernünftig zur Vorsicht. Er streckte die Hand nach Anna aus, um sie ihr auffordernd an den Arm zu legen.

“Obacht…”, wisperte er und die Monsterjägerin wich ein Stück von ihm ab, um sich seiner Berührung unwohl zu entziehen. Sie wollte nicht angefasst werden. Von niemandem.

“Was?”, machte sie leise “Warum?”

“Vielleicht sind das Redanier.”

“Das sind nur zehn Leute. Und sie wirken auf mich ziemlich verloren, Bertram.”

“Man kann nie vorsichtig genug sein.”

“Womöglich könnten sie uns aber helfen.”

“Also, ich weiß ja nicht…”, murmelte Aneta, die neben die beiden Krieger kam.

“Aneta, du bist eine Magierin.”, erinnerte Anna “Wenn die auf uns losgehen sollten, machst du die doch mit einem Fingerschnippen weg. Bumm, Feuerball.”

“Äh… naja…”, lachte die Zauberin leise und die vorschnelle Novigraderin rollte mit den Augen, ehe sie auch schon vor trat, um aus dem raschelnden Gebüsch zu kommen. Bertram zischte ihr eine Warnung nach, doch sie ignorierte ihn schlicht und holte Luft für eine Ansprache.

“Hey, ihr Arschlöcher!”, maulte Anna und sofort horchten die Fremden auf. Man hörte, wie Waffen gezogen wurden und Rüstungsteile schepperten oder knarzten.

“Wer ist da?”, rief jemand. Doch ehe die rüde Kurzhaarige dies beantworten konnte, vernahm sie eine nur allzu bekannte Stimme.

“Ah, das Geschimpfe kommt mir doch bekannt vor!”, lachte ein Mann leise und gutmütig. Das war Lado. Was zum Geier? Anna stutzte.

“Anna...?”, brummte ein zweiter Kerl, als fasse er es nicht, und auch dessen Ton erkannte die Schwertkämpferin sogleich. Vadim. Oh nein…

Die Kriegerin schwieg und solange schälten sich hinter ihr Bertram und Aneta aus dem Haselstrauch.

“Kennst du die etwa?”, wollte der Nilfgaarder wissen und Anna stand die Begeisterung ins Gesicht geschrieben. Lado und Vadim waren also da. Die gutmütige Viper aus dem Bogenwald und Anna’s Ziehonkel aus Kaer Morhen. Früher, da hätte sie sich wohl über deren Anwesenheit gefreut. Sie wäre ihnen in die Arme gesprungen und hätte erleichtert über das Wiedersehen mit ihnen gelacht. ‘Papa Lado’ und ‘Onkel Vadim’ waren einmal zwei wichtige Bezugspersonen von ihr gewesen. Doch das war vorbei. Anna brauchte niemanden mehr und schiss auf Leute, die sich anfühlten, wie Familie. Solche Beziehungen zu pflegen, fesselte einen nur.

“Hallo! Wir sind kein Feind!”, flötete Bertram nun und erhob die Hände “Wir haben uns, naja, verlaufen. Sozusagen.”

“Guten Abend! Könnt ihr uns helfen?”, rief auch Aneta den unweit Stehenden höflich zu. Und da setzte sich die zehnköpfige Gruppe schon in Bewegung, um zu den drei hoffnungslos Verlorenen zu kommen. An deren Spitze nahte Vadim, dessen brauner Mantel ihm bis zu den Waden reichte, und Anna ertappte sich dabei einen Schritt weit zurückzuweichen, als er direkt auf sie zu marschierte. Keine zwei Meter von Anna entfernt hielt der Hexer mit den zwei Schwertern am Rücken dann. Aus seinem einen, sehenden Auge starrte er sie an, während ihr das blinde, weißliche Auge starr entgegenglotzte. Dicke Narben zogen sich so gewohnt über Wange und Stirn. Die schmutzigblonden, langen Haare des bärtigen Wolfes waren an den Seiten abrasiert und er hatte sie sich im Nacken zu einem kleinen Zopf gebunden. Wie schon seit Jahren hing da ein humanoider Schädel in einem Beutel an seinem Gürtel. Dieser war einst das Haupt einer mächtigen Hexe gewesen, die Vadim getötet hatte, und heute offenbar noch immer seine Lieblingstrophäe.

“Arianna.”, wiederholte der Wolf seine Ansprache an die Jüngere vor sich. Und hatte er zuerst noch sehr erfreut ausgesehen, wurde sein Blick schlagartig kühl, als er Bertram sah, der nicht von Anna’s Seite wich. Anstatt seine ‘Enkelin’ zu begrüßen, rümpfte er die Nase angewidert. Denn er stammte aus Vizima und es war allerorts bekannt, was die Temerier von Emhyr var Emreis hielten: Nichts.

“WARUM reist du mit einem Nilfgaarder?”, schnaufte der voreingenommene Vadim also böse, doch Anna schwieg.

“Was ist denn jetzt los...?”, flüsterte Bertram verwirrt und abrupt kam der aufgekratzte Hexer vor, um die viel jüngere Monsterjägerin aus dem Norden am breiten Kragen zu erwischen. Eben jene erschrak ob dieses plötzlichen, cholerischen Anfalls, und packte fest an die Arme, die sie hielten. Vadim war so stark, dass er Anna halb auf die Zehenspitzen zog. Er schüttelte sie.

“WAS hast du mit den Schwarzen zu schaffen?”, blaffte er, spuckte vor Wut beim Reden und Anna verzog das Gesicht.

“Vadim!”, mahnte Lado, der von der Seite kam “Lass sie!”

Der wutschäumende Wolf gab einen frustrierten Laut von sich und eine Sekunde darauf, fanden Anna’s Füße wieder festen Boden. Sie atmete schwer durch und trat hastig zurück. Bertram stellte sich schützend zwischen sie und die zwei Hexer.

“Beruhigt Euch!”, bat er sofort und Vadim brodelte nach wie vor vor Ärger “Ich kann mir schon denken, was Ihr gegen mich habt, aber lasst Anna aus dem Spiel!”

“Du!”, zischte Vadim und Lado kam vor ihn, um ihm die Hände beruhigend auf die Schultern zu legen. Der Wolf zeigte neben der Viper vorbei anschuldigend auf den Schwarzen.

“Du hast mir GAR NICHTS zu sagen, nilfgaardischer Abschaum!”, grollte der patriotische Temerier und spuckte verachtend aus.

“Jetzt ist aber gut…”, seufzte Lado nervös. Weitere von dessen Reisegruppe kamen näher. Da waren ein Elf in einer schmucken rot-schwarzen Robe, sieben gewöhnliche Söldner in alten Lederrüstungen, ein weiteres Spitzohr, zwei Frauen mit Bögen und… und noch ein Vatt’ghern. Er war ein ziemlich alter Kerl mit grauen, kurzen Haaren und einem Vollbart. Er trug eine leichte Rüstung aus Leder und viele Lagen aus besticktem Stoff in Braun und Dunkelblau. Anna weitete den Blick verwundert, als sie dessen zwei Schwerter sah. Und sie glaubte, die spinne, als sie sein Amulett erkannte. Ein Greif. Er war ein verdammter Greifen-Hurensohn! Abrupt wich Anna’s fragende Miene dieser Tatsache wegen in eine steinharte Richtung. Ihr Gesicht wurde todernst und ihre schmutzigen Hände ballten sich zu Fäusten, als sie Bilder von früher vor ihrem geistigen Auge sah. Bilder von Lin, dem kleinen Göttling, der von Greifenhexern aufgespießt wurde. Wie diese Stümper ihn lieblos fortgeworfen und in der Wiese vor der Jaruga ausbluten hatten lassen. Oh, Anna wollte sich vom ‘Damals’ nicht länger beeinflussen lassen. Ihr altes Leben sollte ihr egal sein. Doch jetzt, in diesem Moment, als sie den Greifen sah, setzte ihr rationales Denken aus. Sie konnte sich dem nicht erwehren. Die Frau mit der Fuchssträhne vergaß sich mit einem Mal vollends und kam vor. Sie war ermattet und angeschlagen, doch das hinderte sie jetzt nicht daran den Vatt’ghern anzugreifen. Die Leute ringsum fuhren erschrocken zusammen und verstanden erst, was Sache war, als die Alchemistin ausholte und dem nichtsahnenden Greifen kräftig ins Gesicht schlug.

“Du Bastard!”, schrie sie wie von Sinnen “Ihr habt ihn getötet!”

Und sie schlug noch einmal so fest zu, wie sie nur konnte. Zu mehr kam sie nicht. Denn auf einmal erwischte sie jemand von hinten und riss sie von dem Hexer fort. Sie zeterte weiter und wurde zur Seite geworfen. Keuchend landete Anna am Grund, doch sah gleich böse auf und wollte sich wieder auf die Beine hieven, um erneut auf den Grauhaarigen loszugehen. Dessen Nase blutete stark und die Trankmischerin lachte grimmig, als sie dies sah.

“Hurensohn!”, keifte sie und der Greif fuhr sich mit der Zunge entnervt über die Zähne, während er sich prüfend an die Nasenwurzel faste. Er brummte beleidigt und machte einen Schritt auf die Frau zu, die gerade wieder aufstand. Aneta kam zwischen die beiden. Sie streckte die Arme schützend aus, als sie sich vor Anna stellte und die Stimme herrisch erhob.

“Nein!”, befahl die Zauberin “Seid ihr denn alle von Sinnen? Was soll das?”

Der Greif hielt inne und Anna’s Mundwinkel zuckte pikiert.

“Ich weiß nicht, was hier los ist, aber könnt ihr euch bitte alle einmal gesittet verhalten und eure persönlichen Fehden hinten anstellen? Bitte.”, wollte die Nilfgaarderin. Sie gab einen genervten Ton von sich und richtete sich umgehend an den Greifenhexer vor sich.

“Herr Hexer”, fing sie an “Anna, Bertram und ich kommen aus dem Krieg. Wir sind heute gerade so mit unseren Leben entkommen und vollkommen entkräftet. Verzeiht die Laune meiner Kumpanin. Und bitte bereitet uns keinen Ärger. Wir können längst nicht mehr. Weder körperlich, noch mental.”

Der Fremde mit der leicht anschwellenden Nase betrachtete Aneta aufmerksam, als sie redete. Und seine gestrafften Schultern sanken wieder ein Stück, als sie ihn offenkundig erfolgreich besänftigte. Er war wohl jemand der ruhigeren Sorte.

“Mh.”, machte er und atmete tief aus “Ich bin keineswegs auf Ärger aus, meine Liebe. Nur lasse ich mir unangenehm die Nase blutig schlagen. Versteht Ihr?”

“Das tut uns leid.”, beteuerte die Magierin.

“Mir nicht.”, murrte Anna, doch man ignorierte sie. Lado kam zu ihr und betrachtete sie besorgt von der Seite aus.

“Anna…?”, flüsterte er beklommen “Geht es dir gut?”

Sie schwieg.

“Aber ich sehe ein, dass wir zusammenhalten müssen. Gerade in diesen ungnädigen Zeiten…”, sprach der Greif weiter und wirkte dabei nahezu weise “Seht, Zauberin, wir… wir befinden uns gerade in einer großen Notlage. Und wir schleichen nur deswegen nachts im Wald herum, weil wir vom Feind umgeben sind.”

“Vom Feind? Von wem genau?”, fragte die kritische Aneta verwirrt und der Grauhaarige holte etwas weiter aus, um seine Lage zu erklären. Lado tätschelte Anna solange im stummen Beistand den Rücken, doch sie schlug seine Hand fort.

“Die Schule der Greifen, MEINE Schule, liegt nicht weit entfernt von hier in einem kleinen Tal. Wir waren nie auf Krieg aus und wollten in Ruhe studieren, doch die Inquisition kam, um uns anzugreifen.”, erzählte der Alte “Die Ewige Flamme überrannte Kaer Iwahell, unsere Burg. Schon vor Wochen kündigte man dies feindselig an und versprach uns Greifen den Krieg. Das nur, weil man uns im Norden als Krankheitsüberträger und Unglücksbringer ansieht. Als Abschaum.”

“Deswegen kamen wir auch, um zu helfen!”, mischte sich Lado ein “Und wir sind damit nicht die einzigen. Hexer anderer Schulen, Magier, Alchemisten und Freunde der Greifen kamen ebenso. Sogar ein paar wenige Zwerge aus Mahakam reisten an und Leute Skelliges unterstützen uns von der See aus. Wir dachten, wir seien somit stark genug, doch die Truppen, die uns überfielen, erwischten uns in einer Stunde der Unachtsamkeit. Wir mussten fliehen. Und nun besetzen diese Schweine Kaer Iwahell.”

“Das lassen wir nicht auf uns sitzen.”, sagte der Greif entschlossen, obwohl in seinem Blick ein Funke der Trauer aufblitzte “Sie… sie haben vielleicht ein paar von uns getötet, doch unsere Schule bekommen sie nicht. Also bitte… könnt ihr helfen, ähm, Frau…?”

“Aneta.”, nannte die Zauberin ihren Namen nett “Ich bin einfach nur Aneta. Es freut mich sehr und ich würde gerne helfen.”

“Valerian. Ich leite die Greifenschule.”, stellte sich der Hexer lächelnd vor und schüttelte der Magierin die Hand “Und vielen, vielen Dank, Aneta.”

Anna starrte den Mutanten mit der blutigen Nase nach wie vor finster an. Doch im Vergleich zu vorher, galt der Großteil ihrer Grimmigkeit dem Gedanken an das Ewige Feuer. Oh, diese verdammten Hurenböcke! Die Giftmischerin stolperte heute gerade so aus dem Krieg gegen die Redanier, nur, um in einer weiteren Schlacht zu landen, in der sie diesen kranken Spinnern Radovids gegenüberstehen müsste?

“Und Ihr seid dann wohl Anna, ist das richtig?”, erinnerte sich Valerian jetzt an die Worte Anetas und sprach damit die Novigraderin an. Sie sah aus ihren dunklen Gedanken auf. Die Zauberin zwischen der Vagabundin und dem Greifenschulenleiter wich etwas ab und sah derweil verunsichert aus.

“Ja.”, sagte Anna knapp.

“Mh.”, lächelte der Alte schmal “Ich weiß nicht, was Ihr gegen mich habt, aber lasst uns das klären, wenn wir Kaer Iwahell wieder zurückerobert haben, ja? Sofern Ihr uns überhaupt helfen wollt.”

Die starrsinnige Nordländerin sah dem Vatt’ghern stumm entgegen und ihre eisige Miene wurde um kein Stück weicher. Denn sie hasste diesen Mann. Sie musste ihn nicht kennen, um zu wissen, dass er ein verabscheuungswürdiger Spinner war. Und dennoch hatte er hier gerade erzählt, dass Redanien seine Schule niedermähen wollte. Das, weil man in den sogenannten Anderlingen eine Bedrohung sah, die man verbrennen sollte. Deswegen hatte man die Ewige Flamme geschickt. Und es war widerlich. Ja, Anna konnte Valerian nicht ausstehen, weil er zu denen gehörte, die den kleinen Lin getötet hatten. Doch wenn es etwas gab, das in ihr einen noch einen größeren Groll schürte, dann waren das die Truppen Radovids und deren Flammenkult. Am liebsten hätte sie nur bei dem Gedanken an diese Narren gekotzt. Doch sie hatte heute nichts mehr im Magen.

Valerian hielt Anna plötzlich die Rechte hin.

“Waffenstillstand?”, bot er an “Sobald ich mein Zuhause wieder mein Eigen nennen kann und all meine noch lebenden Brüder und meine Tochter in Sicherheit weiß, könnt Ihr mich gerne schlagen, Anna. Wir können reden und zusammen trinken. Oder kämpfen. Wie Ihr wollt.”

Der Blick der Kriegerin fiel auf die behandschuhten Finger, die man ihr reichte. Sie zögerte kurz. Doch dann erfasste sie sie, um sie in einer stillen Zustimmung zu drücken.

 

Der harte Kampf, der noch in der folgenden Nacht stattfand, endete für Anna relativ schnell. An der Seite der Hexer und ihrer nilfgaarder Bekannten, war sie schnurstracks und mit erhobenem Schwert auf die Burg der Greifen losgerannt. Frontal hatte man angegriffen und mithilfe von Magie das Festungstor eingerissen, während sich andere über einen Schleichweg an der Hinterseite von Kaer Iwahell in die Hexerschule geschlichen hatten, um die Redanier darin aufzureiben. Die Schlacht war ganz plötzlich losgebrochen und heftig gewesen. Die überwältigte Ewige Flamme hatte in ihrer Not mit Belagerungswaffen auf die etwa dreißig Angreifer schießen wollen. Mit einer Balliste hatten sie gegen all die Anderlinge und Magier gestanden. Letztere waren es gewesen, die den Kampf dann herumgerissen und für die Greifen entschieden hatten. Besonders der Elf in der rot-schwarzen Robe hatte ordentlich losgelegt und mit seiner Magie sicher zwei Dutzend Mann alleine besiegt. Man hatte die Redanier also vorerst aus Kaer Iwahell vertreiben können. Doch Anna hatte das nur am Rande mitbekommen, denn sie war zur Mitte des Gefechts von einem geworfenen Speer getroffen worden. Das Geschoss hatte sie direkt am Kopf erwischt und trotz ihres Pechs hatte die Schwertkämpferin überlebt, denn die Waffe hatte sie nur gestreift. Mit einer hässlichen Kopfwunde hatte sie lange in der Wiese nahe der Festung gelegen und niemand war da gewesen, um zu helfen. Alle waren zu beschäftigt und zu bedrängt gewesen, als an die Verwundeten zu denken. Und erst, als der Angriff geendet war, hatte man schreiend nach Aneta verlangt, die sich sofort und schon wieder um die ohnmächtig gewordene Anna gekümmert hatte. Und jetzt, kurz vor der Morgendämmerung, saß die Trankmischerin mit dem getrockneten Blut in den Haaren im großen Speisesaal der Greifen. Etwas abseits von allen hielt sie sich alleine an einem Tisch und hatte ihren vierten Humpen Bier vor sich stehen. Sie war schon ein klein wenig betrunken und das war gut. So spürte sie ihren Brummschädel wenigstens nicht.

Die dunkel untermalten Augen der Frau wanderten durch das große Gewölbe der Burg der Hexerschule. Viele hölzerne Tische standen hier und das Licht von den flackenden Kerzen der geschmiedeten Kronleuchter tauchte alles und jeden in einen warmen Schein. Es roch leicht nach Wachs und dem süßen Räucherharz einer Zauberin im grünen Kleid, die Valerian den Zwergen aus Mahakam vor Stunden stolz als seine Tochter vorgestellt hatte. Doch sicherlich war sie das nicht wirklich. Wahrscheinlich hatte der viel zu gern redende Hexer - dieser ‘Plappergreif’ - die genauso gesprächige Tante früher einmal ‘gewonnen’, so, wie Balthar Anna entführt hatte. Der Blick der besagten Vagabundin suchte die Magierin, die sich gerade mit Aneta unterhielt, flüchtig. Sie trug einen pompösen Kopfschmuck voller Perlen auf dem Haupt, der ihre Haare komplett verbarg, und hatte ihre Räucherschale in den Händen liegen. Leise lachend fächelte sie ihrer Kollegin etwas von dem duftenden Qualm zu. Doch abgesehen davon war die Stimmung betreten, die Atmosphäre melancholisch und viele Leute verwundet. Niemand konnte schlafen und nebenan hatte man ein behelfsmäßiges Lazarett errichtet. Ein paar Greifenhexer saßen, zusammen mit Valerian, an einer der langen Tafeln im Saal und sprachen leise miteinander. Die Mörder Lins waren nicht unter ihnen. Unweit lehnte der Elfenmagier auf einem Stuhl und hielt sich völlig verausgabt ein kaltes Tuch an die Stirn. Da waren ein paar Zwerge, einige Söldner oder Vagabunden, Bertram, Aneta, Lado und Vadim. Letzterer erhob sich jetzt, um zu Anna zu kommen, die einsam auf ihrer Sitzgelegenheit lehnte und vor sich hin sah. Desinteressiert blickte sie auf, als der Hexer im braunen, beschlagenen Gambeson bei ihr hielt. Er betrachtete sie berechnend und sie erwiderte diesen Blick kühl.

“Anna…”, fing der sie taxierende Wolf an. Er hatte einen harten temerischen Akzent und wer ihn nicht kannte, fürchtete sich vielleicht vor ihm. Denn Vadim sah IMMER unsagbar grimmig aus. Auch dann, wenn er nicht schlecht gelaunt war. Seine linke Hand steckte in einer dicken Bandage und ein weiterer Verband wand sich um seinen Hals.

“Was ist?”, fragte die Jüngere matt und zog sich den Mantel etwas enger um den Körper. Ihr war kalt.

“...Was ist mit dir?”, wollte das Katzenauge mit dem gut verschnürten Hexenschädel am Gürtel streng wissen.

“Was soll mit mir sein?”

“Du bist die ganze Zeit schon so abweisend… und ganz für dich. Warum kommst du nicht zu mir und Lado? Er hat mir erzählt, dass ihr euch gut kennt. Geselle dich zu uns und lass uns über all unsere Erlebnisse der letzten Jahre reden.”, ein kaum merkliches Lächeln zeichnete sich auf dem rauen Gesicht des Griesgrams ab “Erzähle mir doch davon, wie es mit deiner Suche vorangeht, hm?”

“...Nein.”, beschloss Anna trocken und wand den Blick desinteressiert ab. Vadim hielt ob dieser unfreundlichen Reaktion verdutzt inne. Er runzelte die Stirn, an der noch Staub von der vorangegangenen Schlacht klebte, tief.

“Warum nicht?”, wollte er wissen, doch die beinharte Einzelgängerin schwieg vehement, denn sie hatte keine Lust zu reden. Niemandem schuldete sie ihre Lebensgeschichte und sie interessierte sich auch nicht länger für die anderer Leute. Anstatt also den Mund aufzumachen, nahm sich Anna ihren halbvollen Zinnkrug und trank einen Schluck. Der große Hexer beobachtete dies schweigend und mit ungläubigem Blick. Und leider ließ er die jüngere Frau nicht einfach in Ruhe, sondern stützte sich auf ihrem schmierigen Tisch ab und starrte sie auffordernd an. Sein Blick war stechend. Entnervt atmete Anna durch die Nase aus und stellte ihr Trinkgefäß wieder ab. Sie hob den Kopf und betrachtete Vadim verstimmt.

“Lass mich in Ruhe.”, sagte sie und lallte dabei kein Bisschen. Seit sie viel zu viel soff, brauchte sie weit mehr, als vier Bier, um taumelig zu werden. Die Kriegerin mit der Fuchssträhne wusste, dass dies mittlerweile zum Problem wurde. Doch sie wollte im Moment auch nichts daran ändern. Alkohol half.

“Lasst mich einfach alle in Frieden mit eurem Gerede über ‘Erfahrungen der letzten Jahre’ und wir kommen miteinander aus.”, schloss Anna abwehrend und damit war die ungute Angelegenheit für sie besprochen. Kühl sah sie Vadim an und wollte, dass er endlich ging. Doch das tat er nicht. Er war schon immer ähnlich starrköpfig gewesen, wie die jungenhafte Frau, die er einst mit großgezogen hatte. Also verkniff sich die wissende Kriegerin einen unzufriedenen Laut und erhob sich zuletzt. Denn wenn der einäugige Wolf nicht Leine ziehen würde, würde sie das eben tun. Anna hatte heute keinen Nerv mehr dafür böse angeglotzt und über ihrem Werdegang befragt zu werden. Sie brauchte nach dem heutigen Tag dringend Schlaf und sollte sich irgendeine ruhige Ecke suchen.

“Arianna-”, sprach der beständige Vadim noch einmal beschwörend, doch wurde jäh von einem lauten Tumult unterbrochen, der ganz plötzlich und unerwartet im davor noch so ruhigen Speisesaal losbrach. Er sah alarmiert auf, als zwei der Greifen soeben einen Mann in die Halle bugsierten, und auch Anna’s müde Augen suchten die drei just Eingetretenen. Die Novigraderin, die sich gerade hatte zurückziehen wollen, hielt für eine Weile inne, denn sie war neugierig. Was war los?

“Geht von ihm weg!”, herrschte einer der breitschultrigen Hexer, die den Langhaarigen hereingestoßen hatten “Besonders die Frauen. Weg von ihm, aber schnell!”

Der, den man gebracht hatte, war nicht verwundet, doch er schrie auf einmal wie am Spieß. Er sackte zu Boden und brüllte vor Schmerzen, fasste sich an das bleiche Gesicht und krampfte. Es ging einem durch Mark und Bein, wie er jaulte. Sofort sprang Valerian auf, um besorgt zur Hilfe zu eilen. Anna hatte schon bemerkt, dass er ein ziemlich fürsorglicher Typ war; alt, neunmalklug und zu weich.

“Wer ist das? Was ist mit ihm?”, fragte der Leiter der hiesigen Hexerschule sofort ganz aufgebracht und wollte zu dem schmerzvoll Keuchenden kommen, als jener damit anfing wütend zu grollen und auf den Grauhaarigen losgehen zu wollen. Er war vollkommen von Sinnen, als er auf die verdreckten Knie kam und Valerian ansah, als sei jener sein schlimmster Feind. Seine Kleidung war fleckig, zerschlissen und blutig. Erschrocken wich der Vatt’ghern zurück und beobachtete, was passierte. Der mit den langen, lockigen Haaren, die ihm wirr und feucht im Gesicht klebten, kam keinen Meter weit, eher er wieder zusammenbrach und sich aufweinend krümmte.

“Sterben!”, kreischte er “Tötet mich! Tötet mich…! Bitte!”

Ihm stand mittlerweile dicker Schaum vorm Mund und er röchelte und spuckte. Es war ein schreckliches Bild und alle Anwesenden starrten planlos. Auch Anna wusste nicht wirklich, was sie von dem ganzen Szenario halten sollte, doch sie hatte eine Vermutung: Man hatte den gequält gellenden Mann vergiftet. Die offensichtlichen Schmerzen, der leicht rötliche Schaum vor den fahlen Lippen, die Krampfanfälle. Alles davon sprach dafür. Er würde sterben, mit Sicherheit. Der Ausdruck Annas wurde wieder etwas härter, als sie daran dachte und dabei zusah, wie einer der Greifen über den um sich schlagenden Lockenkopf kam, um sich auf ihn zu setzen und ihn festzuhalten. Es brauchte Valerian und zwei weitere Krieger, um den Kerl zu fixieren, dem vor Schmerz Tränen über die Wangen nach unten liefen. Er riss die Augen weit auf und verfiel in eine heisere Schnappatmung. Der Mann wollte sich winden, doch konnte nicht, weil man ihn im Zaum hielt. Vielleicht hatten die Redanier ihn ja erwischt. Es war zwar ungewöhnlich, dass sie im Krieg Toxine einsetzten, doch gegen Freunde der Anderlinge war ihnen wohl alles recht. Anna schüttelte den Kopf leicht und wollte sich schon abwenden, um zu gehen.

“Seine Augen! Valerian, seine Augen!”, entkam es einem und die burschikose Alchemistin hielt abermals inne, um sich über die Schulter zu den nervösen Greifen umzusehen. Deren Anführer ging gerade bei dem Röchelnden am harten Boden auf die Knie.

“Was ist damit?”, wollte der alte, graue Mutant wissen und beugte sich zu dem Kollabierenden am Grund. Dann erstarrte er verdattert.

“Oh. Was…?”, keuchte der Alte.

“Er… er wird gerade zum Hexer!”, schnappte der, der auf dem laut jammernden saß.

“Was? Das kann nicht sein. Wir kennen ihn nicht und weit und breit ist keine andere Zunft. Er hat kein Medaillon.”, wand Valerian ein.

“Aber seine Augen… sieh doch! Die Pupillen!”

Wieder schrie der Langhaarige schmerzverzerrt auf und seine brechende Stimme hallte im kühlen Gewölbe wider. Anna verengte den Blick skeptisch und glaubte sich verhört zu haben. Man wurde nicht einfach so zum Vatt’ghern.

“Man wird doch nicht einfach so zum Hexer!”, wiederholte Valerian, was die Trankmischerin aus dem Norden sich just gedacht hatte, zweiflerisch “Wobei er-... oh Götter. Ist er tot?”

“Nein, er atmet noch… er ist nur bewusstlos.”

“Wo habt ihr ihn gefunden?”

“Im Wald. Wir wollten sehen, ob wir dort noch vereinzelt redanischen Abschaum finden… und dann lag er einfach da.”

“Wie?”

“Er lag am Boden und krümmte sich vor Schmerz. Wir brachten ihn sofort hierher, weil wir dachten, er sei verwundet. Unterwegs wollte er uns aber angreifen und wurde völlig aggressiv. Dann faselte er ganz verwirrt irgendwelche Dinge über ein schwarzes Loch und wurde kurz darauf wieder wütend.”

Valerian verstummte und betrachtete den erschlafften Kerl am Boden prüfend. Er strich sich nachdenklich durch den hellen Bart und atmete tief durch. Anna indes, starrte nurmehr. Und der Drang danach sich einen Schlafplatz zu suchen und der zähen Müdigkeit nachzugeben war fort. Die verdreckte Frau stand da wie gebannt und schaffte es nicht die großen Augen von dem blassen Ohnmächtigen zu nehmen. Dieser Mann… er konnte gerade unmöglich mutiert sein. Dafür war nämlich eine Kräuterprobe unter strenger Aufsicht nötig. NIEMAND ging einfach so im Wald spazieren und wurde auf einmal binnen kürzester Zeit zum Katzenauge. Oder…?

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