kapitel 102 (Buch 4, 5)

ELAINE, ELAINE, DEIN HERZ IST MEIN

“Mein Name ist Wotan.”, sagte der Mann, zu dem sich Anna gerade hingesetzt hatte. Der Lockenkopf, den man heute in den frühen Morgenstunden in die Burg der Greifenschule gebracht hatte, sah beklommen aus. Die Alchemistin, die sich ihm im Burghof genähert hatte, betrachtete ihn interessiert, obwohl sie sich hatte dazu durchringen müssen sich ihm zu nähern. Sie war noch nie gut mit fremden Leuten gewesen und für gewöhnlich gesellte sie sich nicht einfach wie selbstverständlich zu jenen. Es fühlte sich unwohl an.

“Und du solltest mir nicht zu nah kommen.”, sagte Wotan heiser vom vielen Schreien der Stunden zuvor. Er sah müde aus, doch war offenbar zu unruhig und grüblerisch, um zu schlafen. Sein Leben stand seit heute Kopf und man konnte es ihm nicht verdenken. Hätte Anna sich noch dazu durchgerungen Mitleid für andere zu empfinden, hätte sie den Hexer, der keiner hatte werden wollen, als armen Kerl bezeichnet. Doch sie hatte sich in den letzten Wochen so sehr vor ihrem Drumherum distanziert, dass es ihr schwer fiel überhaupt Empathie für jemanden zu finden, den sie nicht gut kannte. Das war gut so, wie sie fand.

“Anna.”, entgegnete sie, um sich ebenso vorzustellen “Und wieso soll ich dir nicht zu nah kommen? Also nicht, dass ich es vorgehabt hätte...”

“Ich… ich rieche nun besser. Und… naja…”, räusperte sich der Langhaarige mit den goldenen Vipernaugen und wich dem Blick der Kurzhaarigen verlegen aus. Er war unsäglich nervös; so sehr, dass es das Potential besaß anzustecken. Und Anna verstand am Rande, was Wotan mit seiner Aussage meinte. Seine Nase war jetzt also feiner? Und er reagierte verändert auf Frauen? Inwiefern?

“Mache ich dich wütend?”, wollte die Trankmischerin wissen. Und noch immer fiel es ihr schwer zu glauben, dass sie hier neben einem ganz ‘frischen’ Hexer auf einer Holzbank im Burghof der Schule der Greifen saß. Ja, verdammt. Gestern hatte sie noch auf dem Schlachtfeld nahe dem Pontar gestanden und wäre fast verreckt… und nun? Jetzt war sie irgendwo in Verden und war Zeugin einer rasanten Mutation eines Fremden geworden. Einer Mutation, die so eigentlich nicht möglich sein sollte, denn die Kräuterprobe zu durchlaufen war angeblich ein irrsinnig langer Prozess. Man fiel nicht schreiend um und wurde zum Vatt’ghern. Normalerweise.

“Nein. Du machst mich nicht aggressiv… eher… eher im Gegenteil…”, murmelte Wotan verlegen. Aus dem Augenwinkel schielte er knapp zu der Kämpferin und betrachtete sie verunsichert. Seine Aufregung machte ihn ganz fahrig. Und erst jetzt kapierte Anna wirklich. Ihre Brauen wanderten in die Höhe, als das Nervenbündel sie auf eine Art taxierte, die ihr nicht gefallen mochte.

“...Oh.”, machte sie.

“Ähm… vielleicht könnten wir ja-”, fing der braunhaarige Hexer ohne Medaillon an, doch Anna’s Miene wurde gleich hart.

“Nein. Vergiss es.”, sagte sie trocken und wechselte das Thema, als sie ein wenig vor dem Lockenkopf fort rutschte. Sicher war sicher.

“Woran erinnerst du dich?”, wollte sie wissen, um irgendwelche Fragen bezüglich plötzlicher, triebgesteuerter Empfindungen zu umgehen “Die anderen meinten gestern, sie hätten dich im Wald gefunden. Und dass du von irgendeinem Loch gesprochen hättest.”

Nun drehte der Vatt’ghern der Neugierigen den Kopf ganz zu und zog die Brauen weit zusammen. Er starrte eine Weile lange, ohne etwas zu sagen, und mutete argwöhnisch an. Doch Anna war nicht der Feind. Sie war aber auch kein Freund, doch das musste Wotan nicht wissen. Der Kerl war für die aufstrebende Kräuterkundige bloß eine Informationsquelle und eine Chance mehr über das herauszufinden, was sie für sich selbst haben wollte. Denn sollte es so sein, dass es hier irgendwo jemanden gab, der Leute prompt zu Hexern machen konnte, dann wüsste derjenige doch auch sicherlich darüber Bescheid, wie man im besagten Trankmischergebiet mit Frauenkörpern umging. Oder? Anna klammerte sich dahingehend an jeden Strohhalm, den sie zu fassen bekam. Und einer davon saß soeben neben ihr. 

“...Warum fragst du mich das alles?”, machte Wotan unglaublich verunsichert und knetete sich die Hände. Er hatte den Kopf eingezogen, als sei er ein Tier, das man geschlagen hatte. Der Mann war auffallend blass um die Nase. Das schon die ganze Zeit.

“Ich…”, fing Anna an und suchte passende Worte. Und anstatt zu eröffnen, dass sie auch eine Hexerin werden wollte, griff sie zu einer dreisten Lüge. Und nicht nur das. Sie wollte das Vertrauen des Mannes hier haben, weswegen sie ihm Hoffnungen einreden sollte. Götter, normalerweise war Anna nicht so. Es widerte sie an verschlagen handeln zu müssen, doch mittlerweile war ihr hinsichtlich ihres Lebenszieles leider alles recht. Und was hatte man ihr einst gesagt? Sie sei eine gute Schauspielerin? Ja, vielleicht war sie das. Woher auch immer das kam… sie hatte keine Ahnung, doch war im Moment dankbar dafür. 

“Ich erforsche die Kräuterprobe.”, sagte Anna lächelnd und erinnerte sich an den Begriff, mit dem sich Adlet stets tituliert hatte “Ich bin… eine Naturwissenschaftlerin. Und womöglich kann ich dir helfen. Du wolltest doch kein Hexer werden, oder? Vielleicht… kann man die Prozedur ja umkehren. Dafür musst du mir aber alles erzählen, was du weißt. Verstehst du?”

“Eine… was?”, murmelte Wotan verwirrt “Und was ist eine Kräuterprobe…?”

Ach, du Schande.

“Du erinnerst dich also an nichts mehr?”, fragte die Giftmischerin nach und nahm die Augen nicht von dem Kerl neben sich. Jener fing nur langsam damit an angestrengt nachzudenken. Er schlang die Arme unwohl berührt um sich und sah wehleidig vor sich hin. Anna wartete. Wenn Wotan Antworten für sie hätte, GUTE Antworten, die sie weiterbringen könnten, hätte sie für ihn alle Zeit der Welt.

“Ich…”, seufzte der Hexer nach einer halben Ewigkeit des vor sich hin Stierens beunruhigt “Da war ein Mann… Ich habe ihn nicht gesehen. Aber… aber seine Stimme war so schön. Und er hat immer irgendein Lied über ein Herz gesummt. Ich erinnere mich nicht an den Text.”

Anna horchte auf. Ein Mann? DAS klang schon einmal vielversprechend.

“Er… er sprach oft mit mir. Aber ich weiß nicht mehr worüber. Und… da war ein Loch. Ein tiefes, schwarzes Loch.”, murmelte Wotan weiter und sah erbärmlich aus dabei. Für einen Mann seiner Größe war er viel zu dünn und seine Katzenaugen, die unstet wanderten, waren dunkel unterlaufen. Er biss die Zähne sichtbar fest zusammen. Das Gespräch hier nahm ihn mit.

“Ein Loch?”, fragte Anna hartnäckig “In welchem Sinne…? Hat man dich dort eingesperrt?”

“Ich… ich weiß nicht…”, sagte der Langhaarige leise und ließ den Kopf hängen “Ich erinnere mich an Schmerzen. Und an… uhm. Da waren Fläschchen. Trankflaschen, glaube ich. Da waren Regale voll mit diesem Zeug.”

“Hat der Mann mit der schönen Stimme dir etwas davon verabreicht?”, hakte die Novigraderin nach dieser Schilderung sofort nach. Sie kannte kein Erbarmen, obwohl sie bemerkte, wie glasig der Blick des Hexers wurde. Nicht mehr lange und er bräche noch in Tränen aus. Es war der Frau egal.

“Ich weiß nicht…”, beteuerte Wotan weiter “Es tut mir leid. Alles andere ist mir entfallen. Ich… ich wünschte, ich wüsste mehr. Aber… aber so sehr ich mich anstrenge… ich kann mich nicht erinnern. Ich weiß nur: Es war schrecklich und es tat weh. Ich hatte solche Angst…”

“Mh. Verstehe.”, meinte Anna grüblerisch und sah von ihrem Gesprächspartner fort, um den Blick über den weitläufigen Burghof wandern zu lassen. Zu ihrer Rechten erhob sich das Hauptgebäude der Hexerschule: Ein riesiger, vierstöckiger Komplex. Zur Linken befanden sich ein paar kleinere Gebäude mit Laboren und Wohnräumen. Und etwas weiter abgelegen, im Rücken der Kräuterkundigen lag ein ruinenhafter Teil der Festung. Jene war dort offenbar einmal zerstört worden und man hatte diesen kaputten Teil nicht wieder aufgebaut. Stattdessen überwucherte Unkraut und Efeu das eingeschlagene Mauerwerk wild und zwei der noch zugänglichen Ebenen fungierten als Sonnenterrasse und Trainingsplatz. Im Großen und Ganzen war dieser Ort wirklich hübsch. Wären da nicht die Greifen, die Anna momentan auszublenden versuchte, weil unweit redanische Truppen lagerten, die sicherlich bald wieder angreifen würden. Und daher trug hier auch jeder Anwesende seine volle Montur. Auch Anna. Schwert, Dolch und Messer hingen ihr am Gürtel und sollten die Leute Radovids kommen, wäre sie sofort bereit.

“Also, Wotan…” seufzte Anna, als sie von der Seite aus zu dem Mann bei sich zurückblickte “Ich würde sagen, wenn du dich wieder an mehr erinnerst, dann-”

Weiter kam die eigennützige Frau nicht, denn plötzlich zuckte ihr ein unglaublicher Schmerz durch den Scheitel, der sie leise keuchen ließ. Sie kniff ein Auge zusammen und fasste sich an den Kopf.

“Anna?”, hörte sie den Hexer neben sich ganz besorgt fragen, doch etwas konfus winkte sie ab “Was ist los?”

Noch ein ungutes Pochen und Drücken hinter den Augen. Ein leichtes Schwindelgefühl. Und dann… dann war da plötzlich ein leises Summen und die stechende Pein war fort. Erst glaubte Anna, es käme von ihrem Ohr, das sie sich im Kampf gegen die Bruxa in Angren verletzt hatte. Oft hatte es in den letzten Tagen Probleme gemacht. Doch das war es nicht. Das, was die Kurzhaarige hörte, kam nicht von einem rebellierenden Trommelfell. Das war-

Was war das…?

Es roch nach Rosen. Anna zuckte zusammen und sah auf, als ihr ein lauer Frühlingswind über die Wange strich. Und mit einem Mal saß sie nicht mehr neben dem zerfahrenen Wotan. Auf einmal war es nicht länger Vormittag, sondern so dunkel, wie in der tiefsten Nacht. Verwirrt sah die Kriegerin um sich und erhob sich alarmiert von der Bank, auf der sie gelehnt hatte. Sie war im Burghof der Greifen. Oder? Plötzlich verschwamm dieses bekannte Bild vor ihren Augen und wurde zu einem kleinen Platz mit steinernem Grund. Zu einem Vorhof, der mit vielen, blühenden Rosenbüschen gesäumt war. Voll stand der Mond am sternenklaren Himmel und es war unglaublich ruhig hier. Das Summen in Anna’s Kopf war noch immer da. Und hatte es sich zuvor so angehört, als sei es bloß ein Rauschen vom eigenen Puls oder ein schmerzhaftes Ziehen im Kopf, so veränderte es sich nun und wurde zu einer Stimme, die eine leise Melodie sang.

“Elaine, Elaine…”, summte eine schöne Männerstimme sanft “Dein Herz ist mein. Keine andre soll es sein…”

Anna wand sich herum, um in die Richtung zu blicken, aus der der beschwichtigende Gesang kam. Und mit einem Mal fühlte sie sich… gut. Ihre gerade noch so harte, äußerst kritische Miene entspannte sich und wurde weich. Ihr Kopf war abrupt so leer. Angenehm leer. Anna fühlte sich zum ersten Mal seit Monaten absolut befreit. Und der Fremde hörte nicht damit auf vor sich hin zu summen. Die lockende Melodie nahm Anna vollends ein und sie verstand dies nicht einmal mehr. Mit einem Mal fühlte sich so sehr zu jener hingezogen, dass sie losgehen MUSSTE, um ihr zu folgen, als schlafwandle sie. Die sonst so versierte Ungeheuerkundige hinterfragte nicht mehr und verspürte auch kein Misstrauen, wie sie es in solch einer Lage normalerweise getan hätte. Ihre Füße trugen sie also über marmornen Boden, bis sie inmitten des künstlichen Gartens eine kleine Ruine erreichte, in die ein breiter Gang hinab führte, der vom Schein dutzender Kerzen erhellt war. Diese standen ringsum am Grund und am Rand einer Treppe, die in die alte, halb verfallene Burg wies, die sich auf einmal über der Abenteurerin aufbaute. Wilde, rote und weiße Rosen krochen an deren Fassade empor. Es war, als wüchse all das binnen Sekunden aus dem Grund, doch Anna bemerkte das nicht. Sie war nurmehr für die schöne Stimme hier. Ja, wer oder was war sie schon? Das war nicht länger wichtig.

“Dein Herz ist mein…”, säuselte jemand am Ende der Stufen “Keine andre soll es sein.”

Und Anna folgte dem einnehmenden Lied, während sie völlig neben sich stand. Sie konnte einfach nicht anders und es war, als habe man einen Strick an ihr befestigt, der sachte an ihr zog. Ihre Hand suchte beiläufig das Treppengeländer der Stufen nach unten. Fingerspitzen streiften über glattes Holz. Und als die Frau am Fuße der Treppe ankam, die in den Bauch der unnatürlich gewachsenen Ruine führte, sah sie sich benommen um. Ein düsteres Gewölbe tat sich vor ihr auf, an dessen Wänden sich geschwungene Halterungen mit brennenden Fackeln befanden. Und nicht nur das. Da waren Gemälde und Zeichnungen, Vasen mit bunten Blumen darin, kleine, hübsche Statuetten von irgendwelchen Göttern oder Personen, die Anna nicht kannte. Es roch entfernt nach Äther, Alkohest und Kräutern und an den Wänden standen viele, sich leicht durchbiegende Regale mit Büchern oder bunten Flaschen. Da waren zwei massive Tische voller Pergamente, Phiolen und anderweitigem Werkzeug eines Alchemisten, eine große Destille, eine Waage aus Messing, eine kleine Feuerstelle. Anna sah eine freistehende Liege, über die man ein großes Tuch geworfen hatte. Und hätte sie gerade vernünftig nachdenken können, hätte sie erkannt, dass sich unter eben jenem die Form eines Menschen abzeichnete. Es war unverkennbar und das Leinentuch mit Blut befleckt, doch die gebannte Kurzhaarige schaffte es einfach nicht einen klaren Gedanken zu fassen. Sie erkannte das Hässliche in all dem Schönen ringsumher nicht. Für sie waren da keine welken Blumen in den Vasen, kein Blut in so manch einem Fläschchen, keine Bücher über die schwärzesten Rituale. Da waren keine Spinnweben an den alten Regalen und sie roch den Moder und Schimmel nicht. Denn noch immer war da der Mann, der leise summte und sich jetzt zu ihr umwandte, als habe er sie erwartet. Der Schlanke trug eine mehrlagige Robe in Erdfarben und Grün und einen Umhang, dessen Kapuze er sich sehr tief ins schmale Gesicht gezogen hatte, um nicht erkannt zu werden. Im Zwielicht sah Anna helle Haut und ein schiefes Lächeln, das gerade, weiße Zähne entblößte.

“Ach…”, seufzte der Mann mit der schönen Stimme schwärmerisch “Die Liebe ist etwas Schönes, nicht wahr? Oh, ich liebe die Liebe…”

“Was…?”, wisperte die Novigraderin und trat noch etwas näher. Ihre Augen wanderten benommen.

“Die Liebe ist so, so mächtig, Täubchen.”, sagte der vermeintliche Schönling “Und weißt du, was beinahe genauso mächtig ist…?”

Der konfrontierten Frau entkam bloß ein unschlüssiger Laut, als sie sich dazu durchringen konnte wieder vernünftiger zu denken. Da war keine gesummte Melodie mehr, die ihren Kopf vollends vernebelte. Was ging hier vor…? Was machte sie hier? Der Fremde lachte angetan, als seine geheuchelt sanfte Magie seinen verwirrten Gast losließ.

“Der Hass. Wenn etwas genauso viel Kraft hat, wie die Liebe, dann der Hass…”, erzählte er und näherte sich. Er bewegte sich dabei nahezu grazil. Als würde er schweben. Der Fremde faltete die Finger locker ineinander und musterte Anna eingehend. Sie erkannte unheimlich hübsche, grünliche Augen im Schatten der Kapuze. Der Mann, dem sie gehörten, lachte leise und biss sich auf die Unterlippe. Ein amüsierter Ton entkam ihm dabei. Er war ein wenig größer, als Anna, die verunsichert abwich.

“Wer-”, murmelte sie, doch kam nicht weiter. Denn sie wurde unterbrochen. Noch immer hing ihr Denken schleppend nach. Der Gestank nach altem Tod stieg der Alchemistin plötzlich in die Nase; der Geruch nach süßlich-schaler Verwesung und Blut. Sie wollte würgen, doch riss sich am Riemen, um sich keine Blöße zu geben. Wo, verdammte Scheiße, war sie hier? Wie kam sie hierher? Sie erinnerte sich nicht. Wo war Wotan hin?

“Ich weiß, was du liebst.”, sagte der Unbekannte “Ich weiß, was du so gerne haben möchtest…”

Anna’s geteilte Aufmerksamkeit wich abermals durch das hohe, schimmelige Gewölbe und sie verzog das Gesicht irritiert. Dem, der mit ihr sprach, gefiel dies offenbar nicht. Er rümpfte die Nase pikiert, doch wahrte sein gefasstes Auftreten. Er kam einmal um seine sprachlose Gefangene herum und beäugte sie interessiert von oben bis unten, ehe er sich direkt in ihr Blickfeld stellte. Anna zuckte wie ertappt zurück und fasste an ihren Schwertknauf. 

“Wer… wer bist du…?”, murmelte die Novigraderin unbehaglich. Ihre Atmung beschleunigte sich und als sie wieder damit anfing unruhig um sich zu sehen, streckte der Mann vor ihr eine Hand nach ihr aus, um sie ihr an die Wange zu legen. Anna erstarrte. Die Finger, die ihre Haut berührten zwangen sie dazu.

“Du willst so sein, wie DIE.”, lächelte der Fremde falsch “Eine Vatt’ghern möchtest du werden, nicht wahr? Und das schon so, so lange. Du hast viel dafür geopfert. Ach, welch eine Hingabe!”

Anna weitete die braunen Augen verdattert und schaffte es nicht sich der Berührung des Kerls mit der angenehmen Stimme zu entziehen. Es war, als fessle er sie mit bloßen Blicken. Er drängte ihr ein eigenartiges Gefühl auf. Eines, das sie dazu brachte zu bleiben und zu wollen, dass… dass er sie anfasste. Mehr. Und dies nicht nur im Gesicht. Anna ekelte sich genauso davor, wie sie nichts dagegen tun konnte sich zu dem vermeintlichen Magier hingezogen zu fühlen. Und er ließ sie nicht gehen. Die Falle war zugeschnappt und sie, diese Närrin, verstand das viel zu spät.

“Hab keine Angst. Ich mache dich zur Hexerin, Täubchen.”, versprach der Mann plötzlich und sah sein Gegenüber an, als fasziniere Anna ihn vollkommen. Seine Fingerspitzen strichen sachte an ihrer Wange hinab, ehe sie das Kinn der erschaudernden Kriegerin zu fassen bekamen. Das Gesicht der Kleineren so festhaltend, drehte er es leicht, um es sich zu besehen. Anna war für den Fremden nichts weiter als ein Objekt. Sie wusste das, doch fand ihn, seine Stimme und seine Berührungen dennoch so… wohltuend. Oh, sie war so wirr.

“Zur Hexerin…? Ich… ich bin eine Frau.”, kommentierte sie und ließ die Hand an ihrem Schwertgriff sinken, denn der Unbekannte wollte es so.

“Na und?”, schmunzelte er und nahm die warmen Finger endlich wieder von der Wange der Kriegerin. Sie sah ihn entrückt an und glaubte nicht, was hier geschah. Sollte Anna Angst bekommen? Vermutlich.

“Frauen… Frauen können nicht einfach so einer Kräuterprobe unterzogen werden.”, murmelte die Alchemistin, die dieser Angelegenheit nun schon seit über sechs Jahren wenig erfolgreich hinterherjagte.

“Doch, das können sie.”, sagte der Fremde vollkommen unbeschwert “Und ich zeige dir wie, wenn du mir einen großen Gefallen tust.”

Verdattert starrte die nervöse Braunhaarige und ehe sie überhaupt antworten konnte, reichte der Magier mit der sanften Stimme ihr etwas. Wie aus dem Nichts erschien in seiner Hand eine goldene Kette mit einem Anhänger in Form einer geschwungenen Blumenranke. Sie war hübsch und erinnerte an Elfensachen.

“Befreie, was in diesem Artefakt gefangen ist, Täubchen.”, wollte der Fremde und lachte leise “Befreie es in der Burg der Greifen und ich mache dich zur Vatt’ghern. Erledige meinen Auftrag nicht und ich töte dich auf die grauenvollste Weise, die mir einfällt. Und glaube mir, ich bin sehr, sehr erfinderisch.”

Anna war auf ein Neues vollkommen erstarrt, ihr Gesicht steinern. Und sie wusste nicht, ob sie einer lauernden Panik nachgeben oder überwältigt sein sollte. Sie wusste gerade gar nichts mehr, denn da stand jemand vor ihr, der ihr stures Weltbild plötzlich angetan lachend umwarf. Er versprach ihr schulterzuckend sie zur Hexerin zu machen, einfach so. Es stank zum Himmel und die Drohung des Schönlings war ein herbes Todesurteil. Gleichzeitig keimte Hoffnung in der burschikosen Trankmischerin. Denn ja, was, wenn dieser Magier es tatsächlich schaffte Leute einfach so zu Hexern zu machen? Womöglich war er es, der auch Wotan hatte mutieren lassen. Nur wieso? Und… warum bedrohte er Anna so wüst? Weil er wusste, dass sie ihn beschimpfen und sein ‘großzügiges Angebot’ wohl ausschlagen würde, täte er es nicht?

“Überlege es dir.”, lächelte der Kerl liebreizend und übergab der Kleineren seine filigrane Goldkette “Befreie es und bekomme, was du so sehr liebst. Oder stirb.”

Anna entkam ein erschrockener Laut, als sie die Augen weit aufschlug und mit einem Mal hochschreckte. Fahrig sah sie um sich und auf ihre offene Hand, in der die goldene Kette des Magiers lag.

“Anna?”, hörte sie Wotan derweil beklommen fragen “Bist du dir sicher, dass alles in Ordnung ist? Hast du Kopfweh?”

Entrückt sah die Schwertkämpferin auf. Sie saß wieder auf der kleinen Bank im Burghof der Greifen. So, als sei sie nie weg gewesen, lungerte sie neben dem Lockenkopf in der vormittäglichen Frühlingssonne herum. Abermals senkte sie die Augen auf ihre Finger. Und die Kette war fort.

“Äh…”, atmete sie und spürte die Katzenaugen ihres Gegenübers auf sich liegen. Die zittrige Frau ermahnte sich im Geiste zur Fassung und schluckte trocken. Und als sie Wotan nun wieder ansah, tat sie das mit einem unglaublich unguten Magengefühl.

“Alles… gut.”, machte sie langsam.

“Hm.”, der Mann runzelte die Stirn, dann nickte er.

Das Summen. Es war noch immer da. Es wurde leiser, doch es blieb, wie eine melodische, böse Warnung. Anna’s Herz klopfte ihr bis zum Hals und sie erhob sich.

‘Liebe, Blut, Magie.’, hörte sie die schöne Stimme gespenstisch flüstern und zwang sich dazu sich nicht auffallend aufgebracht und paranoid umzusehen. Denn noch immer betrachtete Wotan sie besorgt.

‘Es ist da, wo der, dem alles gehört, am liebsten allein ist.’, wisperte ihr der Magier zu.

“Ich muss mal wohin.”, redete sich die Alchemistin heraus, der der kalte Schweiß ausbrach “Bis dann, Wotan.”

“Bis später, Anna.”, verabschiedete sich der Nichtsahnende nett. Und damit setzte sich die Nordländerin fluchtartig in Bewegung, um einen ruhigen Ort zu finden. Sie… sie müsste ihre Gedanken ordnen, sich wieder beruhigen, gegen die dunkle Angst in ihrem schmerzenden Bauch ankämpfen. Und sie wollte allein sein.

Doch daraus wurde nichts. Denn Anna hatte den Hof noch nicht einmal völlig überquert, als sie beinahe in Vadim lief, der ihr auffordernd starrend in die Quere kam.

“Anna.”, sagte er und die zusammenfahrende Jüngere erschrak fürchterlich. Beinahe strauchelte sie ob dem zurück. Sie erntete dafür einen skeptischen Blick und wich dem einen, sehenden Auge des blonden Wolfes vehement aus, als sie sich hastig an ihm vorbeischieben wollte. Aber Vadim ließ sie nicht. Er erwischte Anna nicht grob, doch bestimmend am Oberarm und hielt sie fest, wie ein Schraubstock. Er hatte nicht einmal Mühe dabei.

“Verdammt, Anna. Was ist?”, wollte er wissen “Sprich endlich mit mir...”

“Nein.”, entkam es der Frau panisch “Lass mich los!”

“Nein...” kam es genauso abwehrend zurück. Und auf dies hin wollte sich Anna Vadim’s Griff einfach entreißen, doch er war ein Hexer und damit so viel stärker als sie. Der völlig verwirrten Trankmischerin entkam ein frustrierter Laut, als sie am Arm des anderen zerrte und er dadurch so barsch zupackte, dass es wehtat. Eine Sekunde darauf kam es so, wie es in letzter Zeit immer kam, wenn man Anna zu sehr bedrängte: Sie wurde zornig. Abrupt rutschte ihre Fassungslosigkeit über das Treffen mit dem Magier und ihre Angst vor eben jenem in eine wütende Richtung. Es war, als lege man einen Hebel um. Und war Anna früher zwar schon immer etwas rüde gewesen, so reagierte sie jetzt auffallend aggressiv und wie von Sinnen.

“Lass mich los, du Hurensohn!”, blaffte sie und hob den Blick plötzlich. Ihre braunen Augen waren böse verengt, als sie ihren Ziehonkel anschrie und sich gegen ihn stemmte.

“Lass mich los!”, brüllte sie und alle, die zurzeit am Burghof oder in dessen Nähe waren, reckten die Hälse alarmiert. Schnell erkannten sie jedoch, dass ihnen keine Gefahr drohte, Und demnach glotzten sie nur sensationslüstern.

“Anna!”, keuchte Vadim vollkommen überrumpelt von dem abrupten Stimmungswechsel der blassen Jüngeren. Und tatsächlich ließ er sie los. Sie indes, zog ihr Schwert und verzerrte das Gesicht zu einer verärgerten Maske. Die Frau in der gestreiften Jacke machte einen Schritt zurück. Das aber nur, um Schwung zu holen und Vadim direkt und ohne jegliche Vorwarnung anzugreifen. Gerade so wich der Wolf der scharfen Stahlklinge aus, die irrsinnig knapp an seinem Gesicht vorbeisirrte. Er betrachtete Anna dabei nicht nur mehr besorgt, sondern absolut perplex. Der Mann packte reflexartig nach vorn, um an die Waffenhand seiner Gegnerin zu gelangen, doch die entging dem gekonnt und sah dem verdutzten Vadim bitterböse entgegen. Hätte er zuvor nicht so schnell reagiert, hätte er nun ein Schwert im Schädel stecken.

“Lass mich”, keuchte Anna bitterböse “In Ruhe! Lass mich endlich in Frieden!”

Damit nahm sie wieder Abstand, doch senkte das Langschwert nicht, dessen Ort sie direkt auf den Hexer gerichtet ließ. Anna schluckte schwer, als ihre viel zu enge Brust sie daran erinnerte, dass ‘ihr Onkel Vadim’ ihr einst sehr viel bedeutet hatte. Und dann wandte sie sich zitternd durchatmend herum, um schnellen Schrittes zu gehen. Vadim aber, ließ sich das nicht einfach so gefallen. Er kam der Jüngeren sogleich nach und erwischte sie flink von hinten. Er packte die Schmalere, hielt sie fest und die Alchemistin schrie auf. Mittlerweile gehörte ihnen die Aufmerksamkeit der halben Burgbesatzung.

“Beruhige dich.”, hörte Anna neben ihrem rechten Ohr “Anna, komm sofort runter.”

Vadim fasste vor und ergriff das Handgelenk ihrer Rechten. Er drückte so fest zu, dass die Kurzhaarige schmerzvoll aufstöhnte und das Schwert fallen ließ. Metallen klirrend landete es zu ihren Füßen.

“Ruhig jetzt.”, beschwor der Vatt’ghern mit dem Schädel am Gürtel abermals geduldig, obwohl sein Ausdruck im Moment nicht finsterer hätte sein können “Und lass uns miteinander sprechen. Bitte, Arianna.”

Die gepackte Giftmischerin biss die Zähne zusammen und atmete schwer durch die Nase ein und aus. Doch sie fügte sich. Gerade, da blieb ihr doch kaum eine Wahl. Also ließ sie die Hände sinken und stemmte sich nicht mehr so stark gegen Vadim, wie noch zuvor.

“Ja? Wir reden.”, murmelte ihr Ziehonkel ihr langsam zu “Ich lasse dich jetzt los.”

Und das tat der Einäugige dann auch. Langsam ließ er die aufgebrachte Anna wieder frei und sie blieb tatsächlich an Ort und Stelle stehen. Sie war längst nicht ruhig, doch wieder einigermaßen bei Sinnen. Einer ihrer Mundwinkel zuckte grantig, als Vadim neben sie kam und sie leise seufzend ansah. Sie erwiderte seinen Blick nicht und das leise Summen zwischen ihren Schläfen machte sie wahnsinnig.

“Komm…”, bat der Vatt’ghern und ging los. Und Anna folgte ihm widerwillig, aber doch. Zögerlich bückte sie sich nach ihrem Schwert und hob es wieder auf, bevor sie dem Wolf nachging und mit ihm aus der Sichtweite aller Schaulustigen schwand. Vadim ging einmal halb um die Greifen-Festung herum, ehe er dort in der Wiese angekommen, anhielt und sich abwartend nach Anna umsah. Jene blieb in sicherer Entfernung stehen und schwieg, als sie ihr Schwert fortsteckte. Sie bemerkte, wie der Hexer, der knappe vier, fünf Meter entfernt im knöchelhohen Gras stand Worte in seinem Mund hin und her schob, ehe er sie ausspuckte. So, wie Anna, war er nie der allzu große Redner gewesen.

“Ich habe gestern mit Lado gesprochen.”, begann er die unwohle Unterhaltung dann “Er war vor einem halben Jahr in Skellige.”

Anna ballte die Hände zu Fäusten und blieb weiterhin still.

“Er hat mir erzählt, was passiert ist. Dass du alleine von Undvik verschwunden bist, nachdem Rist zum Jarl wurde.”, gab Vadim direkt zu “Und nun? Bildest du dir ein, dass du eine große Einzelgängerin bist?”

Noch immer sagte die vor den Kopf gestoßene Novigraderin nichts, sondern sah das Katzenauge einfach nur mit harter Miene an. Sie wollte nicht, dass die Phrasen, die Vadim von sich gab, an sie herankämen. Doch das taten sie. Oh ja, das taten sie.

“Anna… das hier”, der Mutant mit den kahlrasierten Kopfseiten wies auf sein Gegenüber “Bist doch nicht du. Sieh dich nur an, wie du dich deinen Freunden und mir, deiner FAMILIE, gegenüber verhältst. Findest du das gut?”

“Ich brauche euch nicht.”, entkam es der Kriegerin gleich.

“Ach ja? Warum nicht? Was, verdammt nochmal, soll das alles?”, wollte der Hexer wissen “Und warum hast du dich nicht einmal von Rist verabschiedet? Er war doch dein engster Freund, oder nicht? Damals, vor Cintra, hast du noch so groß von ihm geredet und erzählt, dass ihr für immer Seite an Seite gegen Monster kämpfen wollt.”

Anna ballte die Fäuste fester. Sie hielt es nicht aus, wenn jemand Hjaldrist’s Namen in den Mund nahm. Denn jener erinnerte sie an den riesengroßen Fehler, den sie zu Neujahr begangen hatte. Er erinnerte sie an die kalte Nacht, in der sie in Riedbrune schmerzlich verstanden hatte, dass sie nie wieder nach Skellige zurück könnte, wenn sie ihren eigenen Weg gehen wollte. Und er erinnerte sie an den breit grinsenden Undviker, der gewesen war, wie die Frühlingssonne.

“Es kann dir egal sein, von wem ich mich verabschiede und von wem nicht.”, wehrte sich Anna weiterhin kühl “Ich bin kein Kind mehr und brauche keinen Unterricht im ‘Benehmen’.”

“Egal? Nein. Nein, nicht, wenn du plötzlich nicht mehr du selber bist.”, wand Vadim ein “Anna… du warst früher nie so. Du warst immer so lustig und kameradschaftlich. Und dafür habe ich dich in Cintra sehr bewundert. Du warst von Anfang an… eigen und dennoch hast du stets Leute um dich geschart. Menschen, wie Rist und die, von denen ihr mir damals erzählt habt. Der Beauclairer, der verschissene Kater und dessen Frau... Diese Leute haben dich stark gemacht. Ja, Arianna, dein Umgang mit deinen Freunden war immer deine Stärke. Und ich habe dich um sie beneidet, denn ich weiß, wie es ist, einsam durch die Welt zu ziehen.”

Die Augen der Novigraderin wichen zur Seite und suchten einen beliebigen Fleck an der Burgmauer.

“Du hast mir vor Cintra erklärt, dass du Aard wirken kannst. Weißt du noch?”, erinnerte Vadim “Du wolltest es mir zeigen und brülltest ‘Aard’. Daraufhin hat mich dein ulkiger Freund aus Skellige beinahe von den Beinen gerissen. Und genau das ist, wovon ich hier gerade rede. Verstehst du das?”

Noch immer stierte die Konfrontierte dem Mauerwerk entgegen. Sie hatte den Atem kurz angehalten.

“Glaube mir, wenn ich dir sage, dass es schlimm ist ein Einzelgänger zu sein. Früher, da dachte ich so wie du. Doch heute weiß ich es besser. Und ich wünschte mir, ich hätte solche Freunde, wie du sie hast. Ich würde mein ‘echtes’ Aard sofort gegen eines eintauschen, das auf zwei Beinen läuft und mir gegenüber ein loyaler Freund ist.”, öffnete sich der Vatt’ghern mit dem sonst so grimmigen Gesicht und sah dabei beinahe schon wehleidig aus. Das hier war ehrlich. Anna verstand das. Und dennoch wollte sie nichts damit anfangen.

“Ich habe diese Freunde nicht mehr, Vadim.”, sagte sie und sah zu dem Älteren zurück. Ihr war schlecht. Sie wollte weg.

“Ich bin alleine effektiver. Bindungen halten einen bloß fest.”, meinte Anna und es war, als habe sie diese Worte auswendig gelernt.

“Was?”, machte der breitschultrige Hexer jetzt “Was redest du denn da? Du hast mich und Lado. Und du hast Rist.”

Die Kurzhaarige lachte abfällig auf, als Vadim Hjaldrist’s Namen schon wieder nannte. Ihre Augen wurden glasig und sie konnte nichts dagegen tun. Das hier tat weh.

“Nein. Oh, nein.”, machte sie bestimmend “Lass Rist da raus. Der WAR mal ein Freund.”

“Sei nicht so harsch.”, brummte der Mutant “Weder zu ihm, noch zu dir selbst.”

“Wie? Was denn?”, gestikulierte Anna und sie kämpfte gegen ihre Stimme an, die plötzlich brechen wollte “Rist hasst mich, Vadim! Du hast ja keine Ahnung!”

“Ich bin mir sicher, dass er das nicht-”

“Er hat mir gesagt, dass er mich liebt!”, warf die Frau ihrem verblüfften Ziehonkel mit einem Mal vor die Füße und ihre Kehle war ganz eng, als sie das aussprach “Was glaubst du also, wie er nun von mir denkt, hm? Nach all dem, was ich getan habe? Nachdem ich mich verhalten habe wie ein elendes Arschloch? Oh, Vadim, ich wollte zurück, das sage ich dir. Ich wollte von ganzem Herzen zurück.”

Der überraschte Vatt’ghern starrte und fand keine Worte.

“Aber es geht nicht! Und auch, wenn ich mir eine Überfahrt nach Undvik leisten KÖNNTE, wäre ich sehr dumm dort aufzukreuzen.”, fand die aufgerüttelte Frau und bemerkte erst, dass sie damit angefangen hatte zu heulen, als sie sich eine dicke Träne von der Wange wischen musste. Redete sie sich hier gerade in Rage oder was sollte das?

“Es ist vorbei! Ich habe einen Weg gewählt, den ich… den ich alleine gehen muss! Und… und das wars...”, keuchte Anna noch, ehe ihr ein heiseres Schluchzen entkam und sie sich fort drehte, damit Vadim sie nicht so sah. Sie hob sich den dreckigen Ärmel vor das Gesicht und weinte in sich hinein. Es war peinlich. Und sie hoffte, der Wolf ginge endlich. Doch noch immer war er da, verflucht. Und noch schlimmer: Er näherte sich und berührte die Jüngere an der Schulter. Sie wich davor zurück und vergrub das nasse Gesicht tiefer an ihrem Arm. Ihre Schultern bebten und ihre Hände zitterten. Und sie hasste ihren Ziehonkel für DAS hier. Denn warum hatte er sie gerade jetzt an all das erinnern müssen, was sie auszublenden versuchte? Warum konfrontierte er sie mit einem Thema, mit dem sie irgendwie abschließen wollte? Ach, Anna wollte nicht vergessen. Sie leugnete ihre Fehler nicht und tat auch nicht so, als sähe sie Hjaldrist in einem schlechten Licht. Sie schätzte ihn hoch und er war der einzige Mensch auf dieser Welt, gegenüber dem sie ein schlechtes Gewissen verspürte. Sie liebte ihn. Ja, sie liebte Rist noch immer und das wurde ihr gerade einmal wieder schmerzlich bewusst. Dennoch gehörte er zur Vergangenheit. Anna hatte es sich mit ihm so sehr verscherzt, dass es naiv und einfach nur unmöglich wäre daran zu denken zu ihm zurückzugehen und darauf zu hoffen, dass er einem einfach so verzieh. Für das, was Anna getan hatte, gab es keine Entschuldigung. Und ihr Weg zur Kräuterprobe führte nicht gen Westen.

“Anna…”, konnte die Besagte Vadim seufzen hören “Brauchst du Geld?”

“Geh weg…”, jammerte sie leise und versuchte sich gewaltsam am Riemen zu reißen, doch der Mann überging das.

“Wenn es nur am Geld liegt, helfe ich dir. Komm, ich gebe dir etwas und du machst dich auf den Weg zurück nach Skellige. Du gehst zu Rist, entschuldigst dich bei ihm und dann wird das schon wieder...”, riet Vadim. Man hörte daraufhin, wie der Größere in seiner Tasche herumwühlte. Dann vernahm man das Klimpern von Münzen.

“Ich bin nicht reich, aber eine Überfahrt von Cintra nach Undvik oder Ard Skellig ist drin…”, kommentierte der Wolf mit dem harten Gesicht gutmütig und Anna sah nicht auf. Sie konnte nicht, denn ihre Gefühle schüttelten sie dafür zu sehr. Da war eine Hand an ihrem Gürtel. Fremde Finger öffneten die kleine Ledertasche, die daran befestigt war. Und gerade, da war sie so entkräftet, dass sie nicht einmal stur und feindselig murren konnte. Anna ließ es einfach zu, dass Vadim ihr die abgenutzte Tasche aufzog und hörte, wie klingelndes Geld darin verschwand. Der alte Hexer sagte daraufhin nichts mehr, sondern drückte Anna’s Schulter bloß noch einmal im stummen Beistand. Dann ließ er sie allein.

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