Kapitel 103 (Buch 4, 6)

KEINE ANDRE SOLL ES SEIN

‘Liebe, Blut, Magie.’ 

‘Es ist da, wo der, dem alles gehört, am liebsten allein ist.’

Diese vagen Worte verfolgten Anna in den kommenden Tagen genauso, wie es das stetige Summen in ihrem brummenden Kopf tat. Und letzteres wurde nicht stiller, im Gegenteil. Zwei Tage nach der Begegnung mit dem eigenartigen Magier in der heruntergekommenen Ruine irgendwo im Nirgendwo, wurde das Säuseln manchmal so laut und schrill, dass es Anna kaum noch aushielt und sich setzen musste. Nicht nurmehr Wotan war ein unsagbar nervöses Elend, sondern auch sie. Doch im Gegenzug zu dem zerstreuten Hexer versuchte Anna dies zu verbergen, denn Vadim hatte permanent ein Auge auf sie. Oft spürte sie seinen musternden Blick unangenehm im Nacken kitzeln und auch Lado stierte zuweilen besorgt. Sie hasste es. Und obwohl der Wolf, der die Alchemistin mit großgezogen hatte, eben jener Geld gegeben und ihr gut zugeredet hatte, wünschte sich Anna, er sei nicht hier. Denn nicht nur, dass er der Novigraderin emotional zu nah gekommen war. Nein, in ihren Augen war er eine Gefahr für sie und ihren weiteren Plan, den sie alleine und im Stillen durchziehen müsste. 

Anna lehnte an der Festungsmauer im Burghof der Greifen, nahe dem Hauptgebäude der hier ansässigen Vatt’ghern, und ließ den Blick unruhig schweifen. Die behandschuhten Hände hatte sie sich tief in die Taschen gesteckt und die Schultern versteift. Sie war unruhig, oh ja, und wie. Niemals in ihrem Leben war sie nervöser gewesen, als jetzt. Denn sie hatte sich unlängst entschlossen: Sie würde tun, was der Magier mit der schönen Stimme wollte. Die jungenhafte Monsterkundige würde den Schutzzauber brechen, der auf dessen wertvoller Goldkette lag und damit alles darauf setzen, dass der mysteriöse Unbekannte ihr dafür half. Denn welch eine Wahl hatte sie am Ende schon? Der schief lächelnde Schönling unter der Kapuze hatte ihr angedroht sie zu töten, sollte sie nicht folgen. Gestern Nacht hatte dieser fürchterliche Gedanke die schlaflose Anna so sehr beherrscht, dass sie hatte flüchten wollen. Sie hatte gedacht, wenn sie von hier entkäme, entfliehe sie auch den Fängen des hinterhältigen Zauberers… doch damit hatte sie so, so falsch gelegen. Anna war trotz der nahe lagernden Redanier alleine nach draußen und in den finsteren Wald gerannt. Schnurstracks war sie losgelaufen, doch umso weiter sie sich dabei von Kaer Iwahell entfernt hatte, desto drängender war die betörende Melodie in ihrem schmerzenden Kopf geworden. Jene hatte sie zurückgeholt und zwang die ‘Gefangene’ jetzt regelrecht in der Nähe der Greifenschule zu bleiben. Diese unsichtbare, erdrückende Macht, die der summende Fremde über Anna hatte, war beängstigend. Und allein daran zu denken machte die Frau in seltenen Momenten der geistigen Klarheit ganz fahrig. Ja, in raren Augenblicken, in denen sie noch rational nachdenken konnte. Denn hatte sie sich am Anfang als bloßes Opfer gesehen, so war sie nun allmählich entschlossen das Richtige zu tun, indem sie sich hier herumtrieb und nach einer Lösung des Rätsels suchte, das der Magier ihr auferlegt hatte. Umso mehr sich Anna in all dies hineinsteigerte, desto inniger glaubte sie selbst, dass sie in dem Mann mit der schönen Stimme einen Verbündeten hätte, der ihr beistehen könnte; Jemanden, der aus ihr eine Hexerin machte und das schon bald. Oh… und das permanente Summen in ihrem Kopf war im Grunde doch so wunderschön. Die wirre Novigraderin lächelte verhalten zufrieden in sich hinein. So lange war sie der Kräuterprobe nun schon nachgelaufen. Und nun… nun hatte sie dahingehend plötzlich solch ein klares Ziel vor Augen. Eines, das auch noch zum Greifen nah war. Sie bräuchte nur das teure Artefakt des Magiers, die goldene Kette. Und nachdem sie eineinhalb Tage lange über die fremden Worte in ihrem Kopf nachgedacht hatte, vermutete sie auch, wo sie jene finden könnte: In Valerian’s Schreibstube. Valerian, dieser lästige Greifenmentor mit dem dümmlich netten Lächeln im Gesicht, war der Herr dieser Festung. Er leitete die hiesige Hexerschule. Und sicherlich war er nirgendwo so gerne für sich, wie in seinem privaten Arbeitszimmer.

‘Es ist da, wo der, dem alles gehört, am liebsten allein ist.’

Anna ließ den Blick noch einmal verschlagen wandern und senkte den Kopf unter ihrer roten Kapuze leicht dabei. Radovids Leute standen just vor den Toren, wollten jene einreißen und so gut wie alle Burgbewohner liefen soeben alarmiert nach vorne, um die belagerte Festung zu beschützen. Selbst Vadim und Lado hatten sich unter die aufgescheuchten, schreienden Hühner gemischt, um draußen gegen die Redanier zu fechten. Die Zwerge waren dort, Aneta, Bertram, alle Söldner, die Greifen… und Valerian. Der alarmierte Grauhaarige war zuletzt schwer bewaffnet über den Hof gerannt, um nun das Burgtor zu halten und laute Befehle zu brüllen. Er schickte seine Leute vor, die das Schlachtfeld gezielt mit Hexerzeichen aufräumten und die Magier dazu anhielten mit Feuer und Eis zu werfen. 

Dies war der Moment, in dem sich auch Anna in Bewegung setzte. Das aber nicht, um kämpfen zu gehen. Anstatt allen anderen zur Hilfe zu eilen, schiss sie auf deren missliche Lage. Die Frau stieß sich von der kalten, efeubewachsenen Wand in ihrem Rücken ab, um loszueilen: Sie lief in den großen Gebäudekomplex der Greifen, in dem sich nicht nur der Speisesaal, Lehr- und Gästezimmer befanden, sondern auch die Schreibstube Valerians. Dort, im ersten Stockwerk, lag diese am Ende des langen Flurs rechterhand. Anna hatte dies durch simples, beiläufiges Nachfragen von einem der hier hausenden Hexer erfahren. 

Also hastete sie Momente später schon zielstrebig durch den Korridor der oberen Etage, um hoffentlich zu finden, was sie zur Erfüllung ihrer Träume bräuchte: Das Artefakt des fremden Magiers. In ihrem Kopf hatte sie sich längst zurechtgelegt, wie sie den Bannzauber des floralen Anhängers zerstören würde. Man hatte sie in Kaer Morhen grundlegend über Rituale unterrichtet und darunter hatten sich natürlich auch jene befunden, mit deren Hilfe man gewisse Flüche oder Zauber brach. Sie müsste sich in der riesigen Bibliothek der Hexerschule der Greifen nur noch einmal in diese Materie hineinlesen uns es wäre doch ein Kinderspiel das, was in der uralten Goldkette schlief, aufzuwecken.

‘Liebe, Blut, Magie.’, hatte man ihr zugeflüstert. Und sicherlich wären diese drei Dinge für das, was Anna tun wollte, genauso wichtig, wie das Wissen über Ritualkreise. Sie würde sich den Kopf später darüber zerbrechen. Denn zuerst und um ihre nächsten Schritte anzugehen, bräuchte die das Artefakt.

Vor Valerian’s Stube angelangt, hielt Anna schlussendlich an, um noch einmal aufmerksam horchend um sich zu blicken. Von draußen ertönte tosender Kampflärm, doch hier drin war es still. Das war gut. Die rastlose Kriegerin fasste vorsichtig an die geschmiedete Türklinke des Zimmers, vor dem sie stand. Und als sie jene hinunterdrückte, öffnete sich die hölzerne Tür tatsächlich. Valerian, dieser Idiot, hatte in all seiner Aufregung über den neuerlichen Angriff auf sein Heim nicht abgeschlossen. Erleichtert, doch noch immer bis aufs Äußerste angespannt, trat Anna ein und sah ein Zimmer in dem zwei aneinandergeschobene Bücherregale als Raumteiler fungierten. Vor der 25-Jährigen stand eine antike Tafel mit einem Dutzend Stühlen. Und als sie hektisch und mit wehendem Mantel um jene und die Regale herumging, die die Stube teilten, kam sie in den Part von Valerians Privatgemach, den die gehofft hatte zu entdecken. Da waren ein abgegriffener Schreibtisch, eine schiefe Kommode und ein weiteres Regal voller alchemistischer Zutaten. Präparierte Monstertrophäen hingen an der Wand; ein Flatterer-Schädel, ein ganzer Nekker und das ausgestopfte Haupt eines kleinen Wyvern. Und in einer der Zimmerecken gab es, vor einem großen Fenster, einen vollgestellten Labortisch. Es roch nach Papier und Wachs, nach Vitriol und Rosmarin.

Anna sah sich an diesem Punkt angekommen angespannt suchend um. Sofort ging sie mit wehendem Mantel los, um zum großen Schreibtisch Valerians zu kommen. Sie öffnete dessen Schubladen und fing damit an fieberhaft zwischen Schreib- und Siegelkram, Pergamenten, alten Briefen und Notizheftchen herumzuwühlen. Sie fand aber keine Kette und schloss die Laden wieder. Anna wendete sich ab und fing damit an die kleine Kommode im Raum zu durchsuchen, doch entdeckte auch dort nichts. Zwei Schalen, die im gegenüberliegenden Regal standen, beäugte sie. Die Kurzhaarige stellte binnen weniger Momente den halben Raum auf den Kopf, ehe ihre Augen ein Kästchen einfingen, das auf der Fensterbank hinter dem Alchemietisch ruhte. Sie war so aufgeregt und voller Adrenalin, dass sie zitterte. Zum einen fürchtete sie nämlich, dass irgendjemand käme und sie entdecke. Zum anderen hatte sie Angst davor des Magier’s Kette nicht zu finden. Denn was sollte sie im letzteren Fall nur tun? Sie wüsste nicht, wo sie das goldene Artefakt sonst suchen sollte und das Summen in ihrem Kopf half auch nicht gerade dabei, dass sie sich gut konzentrieren und über weitere Optionen nachdenken könnte. Jetzt, zwei Tage nach dem Treffen mit dem singenden Fremden, machte es die verzauberte Novigraderin schon fast benommen. Und sie wollte nicht wissen, wie es morgen oder übermorgen um sie stünde. Anna ahnte, dass sie gegen die rasende Zeit spielte. Und wäre sie nicht schnell genug, würde sie sterben. Das hatte der Schönling mit der Kapuze ihr lächelnd angedroht. Und mittlerweile nahm sie ihm das mit einem beachtlich flauen Magengefühl ab. Mehr noch: Sie fürchtete sich. Anna wollte nicht sterben. Dafür war sie zu weit gekommen. Und wenn sie bald irgendein finsteres Biest oder einen Fluch über alle hier Anwesenden bringen würde, wäre es eben so. Sie ginge über Leichen, um nicht nur zu überleben, sondern auch eine Hexerin zu werden. Kein Gedanke nahm sie mehr so sehr ein, wie dieser.

Also fasste Anna nun hoffnungsvoll nach der dunklen Metallschatulle am Fensterbrett Valerians. Sie musste sich auf dem Labortisch abstützen und sich strecken, um es zu erreichen. Ein, zwei Gläser fielen dabei um und scharf riechender Alkohest lief über die Tischplatte. Dann nahm die Frau das Kistchen an sich, öffnete es. Und da war sie. Die Kette, die sie verzweifelt gesucht hatte, lag dort auf rotem Samt zwischen einer Käferbrosche und einem weißen Perlenarmband. Als Anna das schlichte Schmuckkästchen so nah bei sich hielt, reagierte ihr Amulett mit einem leichten Vibrieren. Es war eine stumme Warnung, die die Burschikose ignorieren musste. Anna weitete die Augen erst ungläubig über ihren Fund. Doch dann schien ein Stein von ihrem Herzen zu fallen. Ein richtig großer. Erleichtert atmete sie durch und fasste sofort nach dem Artefakt des Magiers, um es sich in die Tasche zu stecken. All die anderen verzauberten Stücke ließ sie in dem Kästchen Valerians, das sie gleich wieder zurück auf den breiten Fenstersims schob. Beiläufig stellte sie die umgekippten Gläschen des Vatt’ghern wieder hin und sah sich nach einem Lappen um, um den verschütteten Alkohest aufzuwischen. Anna dürfte keine Spur hinterlassen, sonst ahnte der Greifenanführer noch, dass jemand hier gewesen war und wurde argwöhnisch. Das durfte nicht geschehen. Also räumte die Vagabundin auf, so gut und so schnell es ging. Sich daraufhin prüfend umblickend, lauschte die Alchemistin ein letztes Mal. Und dann lief sie los, um das Zimmer Valerians zu verlassen, solange er und die anderen noch gegen die Redanier kämpften.

 

Mit dem gefährlichen Artefakt in ihrer Tasche, verbrachte Anna den übrigen Tag in der Bücherei der Greifen, die sich in einem der hohen Festungstürme befand. Sie verhielt sich nebenher, als sei sie sehr krank und daher kampfunfähig, um sich nicht ihres dauernden Fehlens im Krieg gegen die Ewige Flamme erklären zu müssen. Die Kurzhaarige täuschte arge Schwäche und Kopfschmerzen vor. Und dass sie ab und an ein leichter Schwindel einholte, musste sie nicht einmal spielen, denn der wollte sie tatsächlich beherrschen. Nur, dass jener vom Summen in ihrem Schädel kam, verschwieg sie. Und daher fiel es nicht länger auf, dass sie nicht gegen die kleingeistigen Nordlinge stritt, sondern sich in die ruhige Bibliothek der Greifen zurückgezogen hatte. Es war falsch und verlogen. Und vielleicht war dies der böse Kern, der schon immer in Anna gesteckt hatte. Denn nein, sie war kein guter Mensch. Sie hatte Orlan mit morbider Faszination im Blick getötet. Sie hatte nur an die Kräuterprobe der Katzen gedacht, als Joris vor den irren Maskierten hatte fliehen müssen. Als Jugendliche hatte sie gerne Hasen gejagt und jene ausbluten lassen. Und schon als Kind hatte sie sich stark gefühlt, als sie Käfer und Schnecken in einem Wasserkübel ersäuft hatte. Etwas war da in ihr, das seit dem Tod von Hjaldrist’s Onkel wieder wachgerüttelt zu sein schien. Etwas, aus dem sie nun schon seit einem halben Jahr ihre Kraft zog und das sie dazu brachte nurmehr an sich selbst und ihre großen Ziele zu denken. Dieses Finstere drängte sie dazu zu lügen und zu hintergehen. Und bald, wenn sie die Aufgabe des fremden Magiers erledigt hätte, würde sie nichts tun, um das, was in dessen Schmuckstück geruht hatte, aufzuhalten. Sie würde diesem Etwas zusehen, während sie sich darüber freuen würde zu einer Mutantin gemacht zu werden. Und dann? Dann würde sie endlich die Frau sein, die sie damals im Spiegel Märthes, in der Sternenhöhle auf Drakensund, gesehen hatte: Eine vipernäugige Vatt’ghern und die erste ihrer Art.

 

Es geschah am Tag darauf, dass Anna bemerkte, dass man ihr nachstellte. Die in sich gekehrte Kurzhaarige kam gerade aus dem großen Bibliotheksturm, als ihr ein Mann ins Auge stach, der dort, nahe dem Ausgang, verharrte und sie ganz offenkundig anstarrte. Er lehnte nicht unbefangen an der Wand und gab sich auch nicht unauffällig. Das tat er schon seit heute Morgen nicht, als er Anna im Speisesaal beim Frühstück beobachtet hatte. Die narbengesichtige Frau, die es hasste angegafft zu werden, hatte gesehen, wie der schmale Elf immer wieder in ihre Richtung geäugt hatte. Nervös hatte er dabei ausgesehen und immer wieder weggelinst, als Anna verstimmt vom Essen aufgeblickt hatte. Und nun stand dieser Arsch da und glotzte. Er stand augenscheinlich ziemlich neben sich, doch das ignorierte die verärgerte Kriegerin. Sie hielt inne und suchte abrupt Blickkontakt. Ihre braunen Augen verengte sie feindselig. Konnte es etwa sein, dass das Spitzohr IRGENDETWAS wusste? Hatte es sie dabei gesehen, wie sie in Valerian’s Schreibstube geschlichen war oder bemerkt, dass sie kürzlich eine Ritualbeschreibung aus einem der Bücher der Bibliothek gerissen hatte, um sie mit sich zu nehmen?

“Was ist?”, fragte die Frau patzig “Hör auf mir nachzulaufen.”

Der stierende Elf mit den langen, braunen Haaren, die er sich im Nacken zusammengeflochten hatte, fuhr zusammen wie ein Dieb, den man auf frischer Tat erwischt hatte. Oh, wie ungeschickt musste man sein?

“Wa-was?”, keuchte er und Anna verzog den Mund zornig. Sie war noch nie gefasster Natur gewesen, doch seit sie das drohende Summen unter ihrem Scheitel begleitete und sie wusste, dass sie ihren momentanen Plan auf keinen Fall in den Sand setzen dürfte, war sie irrsinnig schnell aus der Ruhe zu bringen. Cholerisch war sie und das selbst für ihre Verhältnisse extrem. Besonders dann, wenn sie ahnte, dass man sie verraten könnte; Wenn die Gefahr bestand, dass jemand zu Valerian lief und ihn warnte. Schlussendlich saß sein Feind längst nicht nur mehr vor der Burg. Anna und ihre gestohlene Ritualanleitung, mit der sie das Siegel eines finsteren Artefaktes brechen wollte, war vielleicht sogar ein Teil des Untergangs Kaer Iwahells. Und niemand wusste das. NOCH nicht. Die hinterlistige, so veränderte Schwertkämpferin wollte, dass dies so blieb.

“Warum stellst du mir nach?”, brummte die Braunhaarige mit der Fuchssträhne und hielt jetzt auf den Elfen zu, der grün-graue Kleidung trug und gerade so aussah, als fiele er gleich in Ohnmacht. Er hatte zwei Kurzschwerter bei sich, war aber offensichtlich ein feiges Arschloch, das Angst vor einer angeblich einfachen Vagabundin hatte. Und er konnte sich auch kaum versehen, da war Anna schon vor ihm und erwischte ihn barsch am breiten Stehkragen. Anstatt sich jedoch zu wehren, erhob das Spitzohr defensiv die Hände und weitete die blauen Augen angstvoll.

“I-ich… ich habe ihn gesehen…”, atmete der Kerl schnell, doch Anna ließ ihn nicht los und würgte ihn beinahe schon.

“Wen?”, fragte sie bedrohlich leise.

“Den… den Mann mit der schönen Stimme…”, gab der Elf zu und die aufbrausende Kriegerin verengte die Augen prüfend. Sie legte den Kopf leicht schräg und hielt den Typen so fest am Kragen, dass ihre Fingerknöchel weiß hervortraten.

“Du… du bist die Frau, die sein möchte, wie ein Mann…”, stammelte der Kerl weiter, um seine Haut zu retten, und seine Worte überschlugen sich, wenn er einmal nicht stotterte “U-und ich… ich…”

“Ja? Weiter.”, knurrte Anna böse.

“Ich liebe dich.”, jammerte das elende Spitzohr. Ganz, ganz weit zogen sich die schmalen Brauen der brutalen Frau auf diese Äußerung zusammen und sie ließ den Elfen sofort frei, als habe sie ein widerliches Stück Dreck angefasst. Einen halben Schritt weit wich sie zurück und beäugte den etwa gleich großen Mann mit einer Mischung aus Verwirrtheit und Widerwillen im Gesicht. Er wiederum, sah die angeekelte Anna aus ganz großen Augen an. Noch nie im Leben hatten sie beide miteinander geredet. Und dennoch stand er da und sagte, er liebe sie? Was sollte das werden? Was hatte er vor?

“Ich… ich muss dir helfen.”, sprach der Elf mit dem langen Zopf mit gesenkter Stimme weiter und war so aufgeregt, dass er sichtlich mit sich rang. Er fummelte nervös am bestickten Saum seiner grauen Tunika herum. Eine leichte Röte lag auf seinen Wangen. Lächerlich.

“Er hat gesagt… dass du mich auch lieben wirst, wenn ich dir beistehe…”, flüsterte er schon fast. Und Anna, die den Langhaarigen eingehend betrachtete, verstand mit einem Mal. Ah. Liebe. Der summende Magier aus den nächtlichen Ruinen musste diesen Elfen hier manipuliert haben, um Anna einen Komplizen bereitzustellen. Oder? Anders konnte sie sich all das hier nicht erklären. Liebe war auch die größte Sorge, die die Novigraderin gehabt hatte, wenn es um die ‘Zutaten’ für das bevorstehende Ritual ging. Blut hatte sie. Sie würde sich einfach die Hand aufschneiden. Magie war auch kein großes Problem, denn sie hatte einen Draht dazu. Nur Liebe… Anna hatte nicht gewusst, wie sie an diese kommen sollte. Sie hatte kurz daran gedacht Vadim zu involvieren, da der sie auf eine gewisse Art liebte. Doch wie hätte sie einen alten und erfahrenen Hexer dazu bringen sollen ihr bei einem schwarzmagischen Ritual zu helfen, in dem es darum ging irgendetwas freizulassen, das einst bestimmt aus guten Gründen gebannt worden war? Dies wäre gehörig in die Hose gegangen, ganz bestimmt. Der vernünftige Vadim hätte Anna aufgehalten und sie an die Greifen verraten.

“Wie heißt du?”, fragte die Kurzhaarige ihr Gegenüber nun, das sie noch immer ganz mitgenommen ansah.

“Sariel…”, entgegnete der Elf schüchtern.

“Mh…”, machte sie und musste leicht lächeln. Hätte sie sich selbst dabei gesehen, hätte sie nicht geglaubt, wie verschlagen sie dabei aussah. Das hier war nicht die Anna, die vor sechs, sieben Jahren aus Kaedwen geflohen war, um ganz kühn nach einer Kräuterprobe für Frauen zu forschen und auf ein großes Abenteuer zu gehen. Das hier war jemand, der zu viel erlebt hatte, nur mehr einen Schritt von seinem Lebensziel entfernt und daher zu allem entschlossen war. Dieser jemand war durch und durch manipuliert, gefährlich, bösartig.

“Wir werden zusammen sein, wenn wir all das hinter uns haben...”, lächelte Anna kühl und bemerkte mit Zufriedenheit im Blick, wie hoffnungsvoll Sariel plötzlich wurde.

“W-wirklich?”, er glaubte seinen Ohren kaum.

“Ja, wirklich. Aber es ist wichtig, dass du niemandem sagst, dass du mir hilfst, in Ordnung?”

“Ja… ja, natürlich.”, stotterte der Braunhaarige und versuchte sich an einem Lächeln “Wobei soll ich dir denn beistehen?”

“Sei einfach da, wenn ich dich rufe…”, bat die selbstsichere Alchemistin noch “Es wird nicht mehr lange dauern.”

“I-in Ordnung!”, nickte der Mann zuversichtlich und Anna fragte sich, ob ein Liebeszauber auf ihm lag oder ob der Magier mit der schönen Stimme ihm irgendetwas verabreicht hatte, das ihn glauben ließ, er verehre sie “Ich vertraue dir, Frau Arianna.”

“Danke, Sariel.”, machte Anna noch, ehe sie schon an dem Elfen vorbeiging, um ihn links liegen zu lassen und sich auf den Weg in den Ruinenteil der Hexerschule zu machen. Die beiden zugänglichen Ebenen dort - die Terrasse und der Trainingsplatz - erschienen ihr als gute Ritualorte. Besonders Erstere wollte sie sich genauer ansehen. Wenn sie den Bann der verfluchten Goldkette dort brechen würde, würde sie niemand stören. Der Platz am hinteren Ende des Grundstückes war vom Burghof aus kaum ersichtlich und nur eine alte, schmale Treppe führte dort hinauf. Demnach war er nicht gut zugänglich, was wiederum bedeutete, dass man Anna nicht so schnell und einfach stören könnte, würde man das wollen. Also hielt die Frau bald guter Dinge auf die nahen, überwucherten Ruinen zu. Sie durchquerte deren kleinen Vorplatz, spazierte über die Wiese voller wilder Margeriten und kam vor den halb eingebrochenen Burgteil, dessen sehr schmale Treppe noch intakt war und auf die Sonnenterrasse führte. Vorsichtig betrat Anna die erste, schiefe Stufe eben jener und erklomm sie. Oben, auf dem menschenleeren Platz angekommen, von dem aus man einen weiten Überblick über den Wald hinter der Festung hatte, wanderte ihr Blick prüfend. Etwa zehn mal zehn Meter war die Terrasse groß und das war ausreichend. Hier und da wuchs Unkraut zwischen den Fugen des gepflasterten Bodens, doch ansonsten war der Platz tatsächlich gut für das, was Anna vorhatte. Sie ging ein paar Schritte und bückte sich, um die Pflänzchen, die aus dem Stein wucherten, auszureißen und Moos penibel fortzuzupfen. Ein Ritualplatz musste nämlich so sauber sein, wie nur möglich. Wenn man einen Bannkreis zog, in dem man Flüche sprechen oder brechen wollte, durfte keinerlei Dreck oder Eindringling stören. Die Zeichen, die man mit Kreide oder Kohle am Grund zog, sollten, wenn es ging, nicht durchbrochen werden. Und die gelehrte Alchemistin würde heute nichts dem Zufall überlassen. Sie trat ein paar kleine Steinchen beiseite und klaubte einen Zweig vom Boden, fegte mit den Sohlen etwas Sand fort und betrachtete die Terrasse abermals prüfend. Sie lächelte abwesend, und das Summen in ihrem Hirn begleitete ihr Tun sanft und zustimmend. Sehr bald wäre es vorbei. Ja, zeitnah wäre sie eine Vatt’ghern. Alles hatte sie dafür aufgegeben und bald wäre es so weit.

 

Anna nahm die kleine Treppe, die von der Sonnenterrasse hinab auf den Ruinenvorplatz mit den weißen Margeriten führte, bald wieder. Sie wollte sich gleich in die riesige Küche der Hexerschule begeben, um etwas von der Kohle zu stehlen, die man brauchte, um die Kochstelle anzuheizen. Ein Stückchen davon sollte genügen, damit sie ihren Ritualkreis ziehen könnte und es wäre einfach daran zu kommen. Denn sollte jemand Anna sehen, würde sie einfach vorgeben hungrig zu sein. Wer verdächtigte schon jemanden, der auf der Suche nach Essen zwischen Ofen und Anrichte herumsuchte? Niemand. Oder jedenfalls wägte sich Anna noch in absoluter Sicherheit, bis sie den Fuß der Treppe zum grasbewachsenen Vorhof erreichte. Denn als sie dort ankam, stand sie plötzlich einer Gruppe von Männern mit steinernen Gesichtern gegenüber; Einer Truppe von Kerlen mit blank gezogenen Schwertern, wohlgemerkt. Sofort stockte die Trankmischerin in ihrem Tun und ihre geweiteten Augen wanderten. Der erste, ungute Gedanke, der ihr jetzt kam, galt Sariel. Hatte dieser Bastard sie etwa verraten? Nein, oder? War sie zu gutgläubig gewesen?

“Arianna.”, brummte Vadim, der ihr mit gut zehn weiteren Kämpfern gegenüberstand. Offenbar hatten die Männer auf sie gewartet. Sie standen in einem Halbkreis um sie und Anna hatte die teils zerfallene Ruine der Greifen im Rücken. Sie käme also nicht davon. Sofort begann ihr Blick zu wandern und nach einem schnellen Fluchtweg zu suchen. Dort, zwischen zweien der mies gelaunten Krieger, war der Abstand größer, als zwischen den restlichen. Wenn die Ungeheuerjägerin mit einem Mal lossprinten würde, könnte sie sich mit Glück durch die Lücke hindurch drängen, wenn sie nur das Element der Überraschung nutzte.

“Sag uns sofort, was du im Schilde führst.”, forderte Vadim rau und alle elf Augenpaare am Platz waren starr und finster auf sie gerichtet. Anna ertrug dies kaum und wusste noch nicht so recht, was tun. Sie lenkte den Blick zu dem grantigen Wolf und gab sich kühl. Es fiel ihr beachtlich schwer.

“Was?”, machte sie scheinheilig “Was soll ich vorhaben? Und was soll das hier?”

“Wir haben dich beobachtet. Lüg mich nicht an.”, sagte der Hexer böse. Auch Lado war da, doch keiner der Greifen. Die restlichen Kerle waren allesamt Söldner. Auch zwei der Zwerge waren anwesend und hielten ihre schweren Kriegshämmer entschlossen mit beiden Händen fest. Sie wirkten wie zwei angekettete Kampfhunde, die darauf warteten auf ihre Beute losgelassen zu werden.

“Wie?”, stellte sich Anna dumm und ihr Herz begann mit einem Mal wie wild zu rasen. Oh, warum hatte sie vorhin mit Sariel geredet anstatt ihn einfach abzustechen und seine Leiche zu beseitigen? Es war doch klar gewesen, dass dieser Mistkerl gleich losliefe, um zu petzen. Nur… warum hatte er vom Mann mit der schönen Stimme gewusst? Das machte keinen Sinn.

“Ich führe nichts im Schilde, Vadim.”, beteuerte die Novigraderin in der rot-schwarzen Jacke “Ich habe mir gerade nur die Ruine hier angesehen, mehr nicht.”

“Denkst du, ich bin dumm?”, konterte der Vatt’ghern “Während wir alles dafür tun diese Zunft zu schützen, schleichst du alleine herum. Du bist nervös und wirkst absolut paranoid. Und man sah, wie du etwas aus der Bücherei gestohlen hast. Eine Seite aus Malkarius’ Buch über Bannzauber. Was hast du dazu zu sagen?”

Scheiße. Anna presste die Kiefer knirschend aufeinander und schluckte trocken. Ihre braunen Augen wichen erneut hektisch durch die Runde und suchten den großen Abstand zwischen den einen beiden Mietklingen abermals. Sollte sie versuchen zu entkommen? Nein. Nein, das hätte nur so nach ‘schuldig’ geschrien. Vielleicht… vielleicht sollte sie weiter schauspielern und versuchen das Ruder noch einmal herumzureißen? Was sollte sie sonst tun? Bei Melitele, sie war ihrem Ziel so, so nah. Ihr Plan sollte nicht HIERAN scheitern.

“...Also gut.”, seufzte sie demnach und senkte den Blick betreten “Ich rede mit dir, Vadim. Aber unter vier Augen. Du weißt genau, dass ich es nicht leiden kann, wenn mich so viele Leute angaffen...”

“Was?”, murrte einer der bärtigen Zwerge pikiert. Doch der anwesende Wolf brachte ihn mit einer kurzen Geste zum Schweigen. Ernsten Gesichts überlegte er gut und schien mit sich zu hadern. Doch dann gab er nach.

“Also gut. Wir reden.”, sagte Vadim entnervt schnaufend und sah in die Runde, um sich gleich an seine missmutigen Begleiter zu richten “Lasst uns solange allein.”

“Wie? Nein, ich will auch hören, was das Mädel zu sagen hat!”, maulte der eine Zwerg starrsinnig und sein Kollege nickte stur. War ja klar.

“Ich werde nichts sagen, solange ihr hier seid.”, brummte Anna starrsinnig und verschränkte die Arme vor der Brust. Im Geiste bat sie dafür, dass all die fremden Söldner und Lado gingen.

“Burol, Zagroff… bitte.”, brummte Vadim “Das hier ist kein Spielchen. Ich werde mit Anna reden und euch später aufklären. Aber nun geht. Ich habe alles im Griff und ich kenne sie gut.”

Die unzufriedenen Zwerge murrten einen leisen Protest. Doch dann winkten sie beleidigt ab und gingen. Lado und die anderen folgten ihnen allmählich. Und tatsächlich ließen sie die Leute aus Kaer Morhen allein. Welch ein Glück. Nun musste Anna nurmehr Vadim loswerden. Nur wie…?

Abwartend sah der einäugige Mutant die Jüngere jetzt an und stemmte sich die Hände in die Seiten, die in fingerlosen Handschuhen steckten.

“Also?”, machte er und nickte Anna auffordernd zu “Sprich.”

“Ich…”, fing die bedrängte Giftmischerin an, während ihr unsteter Blick gesenkt über den Boden wanderte und sie versuchte sich einen spontanen Plan zurechtzulegen, um all das hier zu lösen. Ja, was sollte sie jetzt bloß machen?

“Anna…”, seufzte Vadim “Ich baue auf dein Wort. Und ich hoffe, du vertraust mir genauso, wie ich dir. Wir Wölfe sind eine Familie. Und wenn wir nicht zueinanderstehen, was dann?”

Die 25-jährige Frau sah auf und gab sich dabei scheu. Es war eine Rolle, zu der sie sich prompt entschloss. Denn sobald ihr Gegenüber das Wort ‘Vertrauen’ in den Mund genommen hatte, hatte sie gewusst, was tun. Das, was sie gleich machen würde, wäre nach der Sache mit Hjaldrist der größte Verrat, den sie jemals begehen würde.

“Vadim…”, seufzte die Kurzhaarige und tat so, als kämpfe sie innerlich mit sich. Dabei zeichnete sich vor ihrem geistigen Auge solch eine klare Linie ab. Am liebsten hätte sie zufrieden gegrinst. Doch sie fiel nicht aus dem geschauspielerten Charakter, der armen, ängstlichen Anna, heraus.

“Ich weiß nicht, wie ich dir das erklären soll…”, sagte die ehrlose Kriegerin und kratzte sich am Hinterkopf “Ich vertraue dir. Und mit unserem letzten Gespräch hast du… hast du mir auch gezeigt, dass wir noch immer irgendwie… zusammengehören. Aber-”

“Aber was? Rede schon, Kind…”, gab der Vatt’ghern mit dem Schädel am Gürtel ungeduldig zurück und betrachtete Anna längst nicht mehr wütend. Da war große Sorge in seinem Blick, als er die Hand nach ihrem Oberarm ausstreckte, um die Kleinere auffordernd daran zu berühren. Sie ließ dies zu, obwohl sie am liebsten abgewichen wäre.

“Ich konnte früher immer mit dir reden. Über alles.”, fing die Trankmischerin an und hatte nurmehr zwei Dinge in ihrem Kopf: Die Kräuterprobe und das warnende Summen, das ihr mit einem grausamen Tod drohte.

“Mit dir und Jaromir habe ich so viel gesprochen… denn mit Balthar ging das nicht.”, sagte Anna.

“Ja… und du kannst auch heute noch mit mir reden. Also erkläre mir endlich, was los ist. Warum bist du ständig so aufgelöst?”, wollte der Mann mit der bemerkenswert harten Schale und dem viel zu weichen Kern wissen. Er würde hierauf hereinfallen, nicht wahr? Dieser Tor.

“Die Greifen sind nicht unsere Verbündeten.”, entkam es der Schwertkämpferin jetzt und sie suchte beklommen Blickkontakt “Ich glaube, sie haben euch nicht umsonst hierhergelockt.”

“Was? Was redest du da?”

“Valerian hatte ein Artefakt. Ein unglaublich böses. Und ich denke… nein, ich bin mir sicher, dass es Unheil anzieht. Solange es hier ist, werden die Kämpfe nicht aufhören und mehr Leute werden sterben.”

“Wie? Ein Artefakt? Wo ist es jetzt?”, fragte Vadim hektisch nach.

“Ich habe es. Und… ich will es reinigen. Nur dafür brauchte ich die Ritualbeschreibung aus dem Buch in der Bibliothek. Ja, ich gebe es zu: Ich habe den Plan gestohlen. Das aber nur, um gegen schlimme Machenschaften zu stehen. Oh, Vadim, bitte erzähle den Greifen nichts davon…”, sagte Anna flehentlich.

Der Hexer weitete die Augen überwältigt und betrachtete die tückische Vagabundin fassungslos. Sie wahrte eine besorgte, verunsicherte Miene.

“Ich wollte dich nicht einweihen, weil-”, stammelte die Kriegerin gekonnt herum “Ich wollte nicht, dass man mich wieder eine Närrin nennt. Damals hat mich immer jeder als kleines Kind angesehen. Balthar verlachte mich, als ich ihm erzählte eine Hexerin werden zu wollen. Er weiß, dass ich die Kräuterprobe erforsche, Vadim, und er hat mir all das schlecht geredet. Aber ich bin nicht dumm. Und… und ich will nur Gutes tun…”

“Aber Anna…”, machte Vadim nachgiebig stöhnend “ICH habe dich damals, vor Cintra, doch nicht ausgelacht, als du mir deine Pläne verraten hast. Ich habe dir alles Gute gewünscht, nicht? Und das meinte ich auch so.”

“Ich… ich weiß…”, sagte die Kämpferin leise und zupfte sich nervös an etwas Nagelhaut herum “Aber-... ach, es tut mir leid. Ich hatte einfach Angst, dass Valerian bemerkt, dass seine Kette fehlt und mich aufhalten will.”

“Hm…”, der anwesende Vatt’ghern fuhr sich grüblerisch durch den Bart, ehe er zu einem Entschluss zu kommen schien “Was brauchst du denn, um die Kette zu reinigen? Kennst du dich damit aus?”

“Ich habe in den letzten zwei Tagen viel gelesen… und ich glaube, ich weiß, wie es funktioniert. Früher, da habt ihr mir ja auch gezeigt, wie man Rituale anleitet… also bin ich mir relativ sicher.”, gab Anna zurück, als ihr Ziehonkel tatsächlich mental einknickte. Er war ein gutmütiger Volltrottel und sollte lernen, dass man niemandem vertrauen sollte. NIEMANDEM.

“Und ich habe soweit alles. Ich muss nurmehr das Ritual durchführen.”, erklärte die Braunhaarige weiter und ihr Herz machte bei dem Gedanken daran einen Sprung. Bald. Bald wäre es so weit.

“Kann ich dir irgendwie helfen?”, bot sich Vadim direkt an und das war mehr, als sich das finstere Schwarz in der Abenteurerin erhofft hatte. Sogleich nickte sie.

“Du könntest Wache halten…”, schlug sie vor “Hier, am Fuße der Treppe zur Terrasse, damit mich niemand stört. Das ist wirklich, wirklich wichtig. Denn ein kleiner Fehler und das Reinigungsritual funktioniert nicht. Und ich will nicht wissen, was dann geschieht.”

“Alles klar. Niemand wird dich unterbrechen, versprochen.”, lächelte Vadim leicht “Wann willst du loslegen?”

Anna wurde ganz aufgeregt, als der Mutant sie dies fragte. Denn es führte ihr vor Augen, dass sie jederzeit beginnen könnte, wenn sie nur wollte. Sie hatte die Kette, Blut, Liebe und Magie. Und dank der Anleitung aus dem antiquarischen Bannzauber-Buch der Bibliothek wusste sie auch, wofür sie all diese ‘Zutaten’ genau bräuchte: Die Magiequelle wurde benötigt, um den Bannkreis aufrecht zu erhalten und einen Schutzwall gegen äußere Einflüsse zu bilden. Das Blut aktivierte den Ritualspruch, den Anna ablesen müsste. Und der, der sie liebte, zog dabei alles auf sich, dass am Schluss aus der Goldkette käme. Dieses Ding, was auch immer es war, flöge nur so auf starke Zugetanheit. Und Sariel würde somit all das Übel für Anna abfangen. Blind vor künstlichem Gefühl würde er ihr Schild sein und dabei mit großer Wahrscheinlichkeit sterben. Der Novigraderin selbst würde nichts geschehen und das allein war, was zählte. Sie würde am Ende und nach geschlagenen sechs Jahren der verzweifelten Suche als katzenäugige Mutantin dastehen.

“...Lass es uns gleich tun.”, entschloss Anna auf einmal, denn sie wollte nicht länger warten, und Vadim’s Miene wurde wieder etwas härter “Umso schneller wir dieses… widerliche Artefakt unschädlich machen, desto besser. Oder?”

“Mhm. Vermutlich hast du recht.”, glaubte der alte Wolf “Ich sage Lado, dass er uns helfen soll. Er würde dir auch gerne beistehen und macht sich seit unserer Ankunft hier große Sorgen um dich.”

“Bist du dir sicher…?”, zweifelte die Kleinere.

“Ja. Bin ich. Ich kläre ihn auf und bringe ihn her.”

“Also gut… wir treffen uns in einer halben Stunde genau hier.”, machte Anna zögerlich und mit gemischten Bauchgefühlen sah sie ihrem hilfsbereiten Ziehonkel daraufhin nach. Lado war ein gutmütiger Idiot, doch würde er bedingungslos und ohne nachzuhaken helfen? Oh, Götter, Anna war so, so aufgewühlt. Was tat sie hier eigentlich…?  Zweifelte sie gar ein wenig?

 

Mit etwas gestohlener Kohle in der Tasche und Sariel, den Anna vor Minuten im Burghof gefunden hatte, wartete die Besagte später auf die beiden Hexer, die sie unterstützen wollten. Und obwohl sie skeptisch gewesen war, wurde sie nicht enttäuscht, als Vadim und Lado Momente später am Fuße der schmalen Treppe zur Ruinenterrasse ankamen. So wie Vadim, wirkte auch die Viper ernst und entschlossen. Die Nachmittagssonne stand tief in den Rücken der Männer, als sie bei Anna und dem Elfen, der glaubte die burschikose Vagabundin zu lieben, anhielten.

“Hier sind wir.”, meinte der Krieger aus Kaer Morhen und auch Lado nickte Anna zu.

“Vadim hat mir alles erzählt.”, sagte der glatzköpfige Hexer “Wir fragten uns in den letzten Tagen, was nur mit dir los sei. JETZT ist mir einiges klar…”

“Du willst also helfen?”, fragte die Novigraderin und gab sich gespielt offen und freundlich. Doch tatsächlich fühlte sie sich aufgekratzt und wirr. Sie freute sich auf das, was gleich käme genauso, wie sie es auch fürchtete. Das ziehende Summen in ihrem Kopf war lauernd leise geworden und schien ungeduldig zu warten. Anna würde es nicht enttäuschen. Sie DÜRFTE nicht.

“Ja, ich helfe.”, versprach Lado nett “Schließlich sind wir Freunde. Und ich muss noch gut machen, dass ich damals zu spät nach Undvik kam, was? Tut mir übrigens leid. Ich bekam damals nicht so schnell ein Schiff zur Wintersinsel.”

“Mh, ja. Danke.”, lächelte die Trankmischerin leicht und Sariel sah verunsichert zwischen den beiden Vatt’ghern hin und her. Doch er schwieg und fasste nervös nach einer Hand Annas. Sie zuckte beinah zusammen, als sie die kalten, feuchten Finger spürte, die sich um die ihren legten. Oh, es widerte sie an und am liebsten hätte sie dem aufdringlichen Elfen alle Zähne ausgeschlagen. Doch sie hielt sich im Zaum. Denn Sariel musste bleiben. UNBEDINGT. Sie bräuchte ihn gleich dringend und daher spielte sie mit und biss sich so fest auf die Innenseiten der Wangen, dass es wehtat. Vadim und Lado bemerkten es natürlich, dass Anna und das planlose Spitzohr Händchen hielten. Und irritiert runzelten sie die Stirne.

“...Oh.”, machte Lado leise, als ereile ihn eine Erkenntnis. Er wusste noch nicht, dass er mit eben jener falsch lag. Vadim räusperte sich und bereute es gerade sicherlich, dass er Anna Geld für eine Bootsfahrt gegeben hatte. Bestimmt dachte er jetzt, sie wolle wegen Sariel nicht zu Rist zurück. Oh, wie sehr er sich irrte! Denn so gern wäre die Trankmischerin mit dem unruhig klopfenden Herzen hiernach nach Undvik gesegelt. Sie wäre schnell zu Hjaldrist gelaufen und hätte ihm voller Freude gezeigt, dass sie zu einer wahren Hexerin geworden war. Und sie hätte sich auf Knien entschuldigt. Danach-

Ja, was hätte sie getan, hätte Rist ihr verziehen? Wäre sie diesmal in seiner Nähe geblieben? Ja. Ja, das wäre sie, denn auch sie hätte ihren Traum verwirklicht. Aber Vergebung und Versöhnung waren ein Wunschdenken.

“Also… los.”, sagte sie knapp, schüttelte die Erinnerungen an Hjaldrist ab und wandte sich zum Gehen. Zusammen mit dem lästigen Elfen mit der ekelhaft feuchten Hand, kam sie auf die schwer zugängliche Treppe zur Terrasse und bemerkte, oben angekommen, dass Vadim ihr gefolgt war. Sariel’s kalte Finger loslassend, sah sie sich nach dem Mutanten um. Fragend taxierte sie ihn und er klärte sie sofort auf.

“Ich werde hier oben aufpassen.”, eröffnete Vadim und eine leichte Brise bauschte seinen Mantel “Lado sieht zu, dass kein anderer hier hochkommt. Und ich achte auf dich, sollte etwas schieflaufen.”

Verdammt. Das gefiel Anna nicht. Und dennoch lächelte sie schwach.

“Ah.”, machte sie “Danke.”

Zuversichtlich nickte der nette Vatt’ghern und begab sich folgend in eine der Ecken der Terrasse, die soeben von den letzten Sonnenstrahlen des Tages erhellt wurde. Er zog sein Silberschwert und lehnte sich an das steinerne Geländer, das den Platz umgab. Der Wind wehte lau über die Terrasse und erzählte von einem nahen Sommer. Die besagte Frau atmete einmal tief durch, straffte die Schultern. Und dann… dann machte sie sich ans verwerfliche Werk. Mit unglaublich fahrigen Fingern zog sie sich die gestohlene Buchseite mit der Ritualanleitung darauf aus der Tasche und bat Sariel darum kurz etwas Platz zu machen. Sie glaubte, ihr würde schwindelig werden, als sie zur Kohle griff, um den Bannkreis zu zeichnen, den sie auf der Buchseite vor sich sah. Anna war so zerfahren, dass sie dabei einmal ihr Zeichenwerkzeug verlor und zwei Anläufe brauchte, um alle Symbole innerhalb des dunkelmagischen Kreises richtig nachzumalen. Die unsteten Augen auf die Anleitung in ihrer Linken gerichtet, vervollständigte sie das geometrische Bildnis, das etwa drei mal drei Meter maß, dann. Es war ein Kreis mit einem Dreieck darin. Jeweils eine arkane Rune beschrieb jede von dessen Spitzen: Da war ein kleiner Kreis für Blut, eine ovale Spirale für die Magie und zwei ineinander verschränkte Wellen für die Liebe. Und in der Mitte von alledem beschrieb ein Kreuz, versehen mit zwei Häkchen und zwei Doppelstrichen den Punkt, an dem man das unschätzbar wertvolle Artefakt des summenden Magiers ablegen sollte. Anna sah auf, als sie den Bannkreis aus Kohle vollendet hatte, um jenen zu betrachten und alle Zeichnungen noch einmal ganz genau zu überprüfen. Und sie winkte Sariel nebenher lieblos zu sich.

“Fangen wir an…”, sagte sie und ihre Stimme war ganz wackelig. Ihr Herz schlug so schnell, dass es sie beinahe wahnsinnig machte, als sie die Hand nach dem Elfen ausstreckte. Doch jener rührte sich nicht vom Fleck.

“I-ist das wirklich eine gute Idee?”, stammelte er auf einmal und wich ab “Ich… ich liebe dich… a-aber…”

“Sariel, komm her.”

“Ich habe Angst.”

Vadim verengte die Augen skeptisch und die elektrisierende Anspannung in der Luft wurde unerträglich. Die Luft wurde dicker und die Gemüter fiebriger.

“Ich dachte, du liebst mich.”, warf Anna dem Spitzohr vor und klammernder Ärger keimte in ihr auf. Oh, sie hatte es nicht bis zu diesem Punkt geschafft, um mit einem Schisser zu streiten! Sie war ihrer so lange erträumten Mutation so, so nah und Sariel würde sie nun nicht hängen lassen. Oh nein, er würde bleiben.

“Das… das tue ich. Ich liebe dich. Aber...”, jammerte der Elf in Grau und Grün und ganz plötzlich machte er kehrt und lief davon. Ja, er rannte einfach, als wüsste er auf einmal, dass es um sein Leben ging. Anna verzog das Gesicht wütend und erhob die Stimme herrisch.

“Vadim!”, blaffte sie und deutete mit dem Kinn in die Richtung des Fliehenden “Hole diesen Narren SOFORT wieder!”

Überrumpelt von diesem bestimmenden, auffallend zornigen Verhalten, zögerte der Hexer und blinzelte irritiert. Doch er traute Anna noch immer so sehr, dass er ihr verqueres Getue abtat und loshetzte, um dem armen Sariel zu folgen. Er kam nicht einmal bis zur Hälfte der Treppe nach unten, als es am Vorplatz schon klatschte. Sariel schrie überwältigt, Lado maulte herum. Und die wartende Giftmischerin im Bannkreis lächelte grimmig-zufrieden. Sie atmete unregelmäßig und fröstelte, obwohl der späte Nachmittag frühlingshaft lau war. Wäre sie nur auf Undvik geblieben.

“Geh wieder hoch!”, brummte Lado laut.

“Ah, au, lass mich!”, beschwerte sich der Elf unten, an der Treppe, und auch Vadim mischte sich ein.

“Du kommst mit.”, schnarrte der Wolf entschlossen und man hörte, wie er den Angsthasen folglich wieder die Stufen nach oben schleppte. Es dauerte nur wenige Momente, da schubste der Hexer den weinerlichen Elfen zur starrenden Anna in den noch nicht aktivierten Bannkreis. Völlig verunsichert sah sich das Spitzohr um.

“Aber w-was, wenn etwas Schlimmes passiert…?”, keuchte er. Seine Nase blutete und er zog sie vorsichtig hoch.

“Wir werden hiernach zusammen sein.”, log Anna ohne Sariel anzusehen und schaffte es damit den heillos Verliebten zu beruhigen. Er schluckte nurmehr schwer und streckte die Hand nach ihrem Gesicht aus, doch sie fasste an den Arm des Braunhaarigen und hielt ihn somit auf. Sie HASSTE es von Fremden angefasst zu werden.

“Später.”, sagte sie und versuchte nicht ungehalten grantig zu klingen “Konzentriere dich jetzt endlich.”

“Also gut…”, flüsterte der Tor. Und dann setzte Anna ihr Tun endlich fort. Sie konnte zwei Stimmen von unten hören, die Lado verwirrt fragten, was hier vor sich ginge. Eine davon gehörte Valerian. Verdammt. Sich die Goldkette aus der Tasche ziehend, beeilte sich die Monsterjägerin jetzt. Denn es war nurmehr eine Sache von Sekunden, bis der Leiter der hiesigen Zunft hier auftauchte und sähe, was Sache war. Lado könnte jemanden wie ihn nicht aufhalten.

“Was macht ihr da oben?”, hörte Anna den Alten fragen.

“Ich glaube, die führen was im Schilde!”, das war einer der Zwerge “Dieses Mädchen war mir von Anfang an suspekt!”

Überreizt legte Anna nun das glänzende Artefakt in die Mitte des Bannkreises und bugsierte Sariel hektisch an die Ecke, die mit der Liebesrune versehen war. Die Ritualanleitung noch immer in der Linken haltend, zog sie ihren scharf geschliffenen Dolch und als Vadim das sah, kam er ein, zwei Schritte vor. Verwirrt gaffte er die in der nahen Dämmerung aufblitzende Klinge an.

“Anna?”, fragte er kritisch, doch sie antwortete nicht. Die Ritualbuchseite zwischen Zeige- und Mittelfinger der Linken klemmend, öffnete sie die genannte Hand und zog sich die Silberwaffe ruckartig über deren entblößte Fläche. Schmerzlich stöhnte sie, biss die Zähne zusammen und ließ das lange Messer achtlos fallen, als sie an die Ecke kam, die die Blutrune beschrieb. Die aufgebrachte Frau hob die aufgeschnittene, blutende Hand über eben jene und rot tropfte es auf schwarze Kohle.

“Anna! Warum Blut?”, keuchte Vadim jetzt in schlimmer Vorahnung und kam heran. Augenblicklich fuhr Anna herum, kam auf die Knie und presste ihre Rechte auf das Zeichen für Magie. Und in genau dieser Sekunde schlug ein bläulich zuckender Wall um sie herum ein. Ihr Ziehonkel hielt sofort inne und sah dem arkanen Schild ungläubig entgegen, der ihn nun von der trennte, von der er geglaubt hatte sie so gut zu kennen. Anna sah nicht zu ihm auf. In ihrer bebenden Linken, die nach wie vor stark blutete und heftig zitterte, hielt sie ihre Ritualanleitung und holte Luft zum Lesen.

“Ich hoffe du weißt, was du tust! Arianna. Ich vertraue dir.”, hörte die Kurzhaarige Vadim laut sagen. Da waren Schritte und Rüstungsgeschepper. Valerian und die anderen kamen zu spät. Die bläulich zuckende Magiekuppel über Sariel’s und Anna’s Köpfen rauschte und schwirrte leise und ein pfeifender Wind begleitete sie.

“Vadim!”, bellte der alte Greif am Platz und schlug die Arme über dem Kopf zusammen “Was soll das hier? Was tut ihr?”

“Sei still, Valerian!”, konterte der Wolf, der die Augen vor dem verschließen wollte, was Anna, SEINE Anna, gerade tat “Du Verräter!”

Und die Vagabundin mit der schmerzenden Hand begann zu rezitieren, was auf ihrer blutbesudelten Buchseite aus der Bibliothek stand. Der magische Wall ringsum zehrte jetzt schon gnadenlos an ihr und sie blinzelte benommen. Ein Geschmack, der stechend an vergammeltes Fleisch und Zimt erinnerte, machte sich in ihrem Mund breit.

“Spiorad gu bheil thu air fhuadach, cluinn mi”, atmete Anna und verstand kein Wort von alledem, als sie sich gewaltsam am Riemen riss und des ekelhaften Aromas auf ihrer Zunge nicht würgte “Bidh thu a 'cadal fada, ach, ähm, an-diugh tha mi gad dhùisg.”

“Nein! Tu das nicht!”, schrie Valerian völlig außer sich und auch Sariel verfiel in blanke Panik. Er wollte aus dem Bannkreis fliehen, doch konnte nicht. Er lief gegen den magischen Schild, der das Innen vor dem Außen schützte, und verbrannte sich dabei fürchterlich die Hand und den Arm. Es blitzte und zwischte dabei nur so. Gequält stöhnte der Elf und wankte.

“Fàg do phrìosan agus till don t-saoghal againn.”, sprach Anna indes weiter und sackte ein Stück weit nieder, während die Magie, die den Schutzwall aufrechterhielt, unkontrolliert durch sie fuhr. Es tat weh. Es fühlte sich an, als zerrte etwas an ihren Sehnen und Muskeln. Als krieche ihr schneidendes Metall durch die Venen. Als sei da kochende Säure in ihr. Sie bibberte, presste die Kiefer aufeinander und ihr Blickfeld verschwamm, als es ihr der unbekannten Schmerzen wegen Wasser in die Augen trieb. Nur noch ein Satz. Sie bräuchte nurmehr einen Satz!

“Tha thu… thu saor an-asgaidh, thig agus… a-agus gabh ris an ìobairt a thairgse dhut...”, flüsterte Anna, denn sie vermochte es nicht mehr viel lauter zu reden. Sie war jetzt, nach wenigen Momenten schon, vollkommen heiser und abgekämpft. Und mit einem Mal ließ der arkane Fluss nach, der harsch und brennend an ihr gezerrt hatte. Plötzlich brach die Barriere, explodierte nahezu und ihre magischen Funken sprühten fauchend in alle Richtungen davon. Blauer Qualm sackte hernieder und stob auseinander, als lebe er. Anna musste sich mit beiden Händen am Grund abstützen und atmete schwer und stoßweise. Sariel schrie johlend auf und da war das Flügelschlagen häutiger Schwingen. Schwere Pranken kamen über die Ruinenmauer herauf und etwas Großes schälte sich aus schwarzem Nebel, als das Artefakt des summenden Magiers mit einem kleinen Knackgeräusch zerbrach. Menschen, auch die am entfernten Burghof, schrien erschrocken auf. Vadim fluchte laut. Valerian stöhnte überwältigt und furchtsam. Und als Anna ermattet aufsah, erblickte sie einen wahren Teufel. Die riesenhafte Kreatur war schwarz wie die Nacht und stierte sie aus rot glühenden Augen an. Zwei gedrehte Hörnerpaare schmiegten sich an deren kahlen Schädel und sie ging auf fünf langen Beinen. Die Flügel, die anmuteten wie die einer Fledermaus, streckte das Monstrum und verzog das Maul zu einem dreckigen Grinsen. Da waren viele spitze Reihen von Zähnen und eine gespaltene Zunge. Das Fell am sehnigen Körper des Dämons sah aus, als sei es feucht und verklebt. Und es stank nach faulen Eiern und verkommenem Fisch. Irgendwo übergab sich jemand und geduckt, wie eine lauernde Raubkatze kam der riesige Teufel vor, um prüfend an Anna zu schnuppern. Die gammelig stinkende Luft, die er durch die Nase ausblies, fühlte sich an, wie warmer Wind. Anna erstarrte vor Respekt und war dermaßen überrumpelt, dass sie nicht einmal auf den schalen Gestank in der Luft achtete. Und aus großen Augen beobachtete sie dann, wie der Dämon auf einmal herumfuhr, um sich vor Sariel aufzubauen, der aussah, als erleide er gleich einen Herzstillstand. Der schreiende Elf war blass und fiel auf sein Hinterteil. Er rutschte auf jenem zurück, flehte um Gnade und nicht einmal die versammelten Hexer trauten sich vor, um die beschworene Kreatur anzugreifen. Die Aura, die jene ausstrahlte, war erdrückend und grauenvoll. Das hier war kein normales Monster. Es war etwas völlig anderes.

“Was wünscht du dir?”, flüsterte eine Stimme, die von der Bestie stammte, kehlig “Was willst du, Liebender?”

“Wa-was?”, keuchte der Elf überfordert.

“Du riefst mich.”, grinste der Teufel mit dem unnatürlich breiten Maul und züngelte mit seiner Schlangenzunge “Was ist also dein Wunsch? Wovor hast du Angst?”

Anna betrachtete diese albtraumhafte, surreale Szene sprachlos. Und gleichzeitig war das, was soeben passierte, eine Bestätigung dafür, dass Sariel als ihr Schild funktionierte. Wäre er just nicht, müsste SIE nun einen vermeintlichen Handel mit deiner Schattenkreatur eingehen. Nun aber, saß sie hier. Das unbehelligt und, bis auf ihre zerschnittene Hand, völlig unbeschadet.

“I-ich… ich habe Angst vor… vor den Redaniern.”, plapperte Sariel in seiner Not und ohne nachzudenken.

“Sollen sie sterben? Allesamt?”, zischte der Teufel vorfreudig und leckte sich die langen Zähne.

“J-ja.”, jammerte der Elf “A-aber tu mir nichts!”

“Dann ist es besiegelt.”, grinste das Vieh wissend.

“Be-besiegelt? Was ist be-besiegelt?”, stotterte der Langhaarige am Grund.

‘Vor das Burgtor, Täubchen.’, mischte sich ein plötzlich drängendes Flüstern in Anna’s Kopf ein und sie schreckte sofort hoch. Gleich sah sie aufgewühlt um sich. Und gerade, da waren alle so sehr von dem Dämon bei Sariel abgelenkt, dass niemand auf sie achtete. Niemand außer Vadim jedenfalls, der fassungslos starrte und nur schleppend verstand, dass man ihn dreist belogen und hintergangen hatte; Dass ihn ein Mensch, dem er blind vertrauen hatte wollen, ausgenutzt hatte. Dies beutelte ihn gerade so sehr, dass er sich nicht rühren konnte. Und Anna, die lief los. Sie erhob sich holprig und hetzte davon, wich dabei allen Anwesenden aus und lief die schmale Treppe gen Vorhof hinab. Nurmehr eins hatte sie im Kopf: Das Burgtor. Sie müsste raus und weg von hier. Sie wäre bald eine Hexerin. Ja, es war soweit. Ihre Suche hatte ein Ende. Sie hatte es vollbracht.

So schnell sie nur konnte, hetzte die Frau mit der Fuchssträhne an Lado und den anderen Gaffenden vorbei und sah das massive Tor schon bald. Da hörte sie Vadim hinter sich am weitläufigen Hof.

“Anna!”, brüllte er aus vollster Kehle und kam näher. Aber oh, er würde die, die er einst aufwachsen gesehen hatte, nun nicht mehr aufhalten. Die erwartungsvolle Novigraderin war ihrem Ziel nah, so nah. Nein, sie hatte es längst erreicht und es fehlte nurmehr ein Fingerschnippen ihres Verbündeten, der so schön singen konnte. Sie lächelte befreit. Und als sie sich ein letztes Mal nach Vadim umsah, der sie aufhalten wollte, musste sie schief grinsen.

“Tut mir leid!”, lachte sie kühl und wusste nicht so recht, warum sie die Situation dermaßen amüsierte. Vielleicht war sie ja nicht sie selbst. Ja, sie war ein fürchterlicher Jemand. Und sie lachte ausgelassen, als sie einen Herzschlag später an den verwirrten Torwachen durch die halb offenstehende Pforte nach draußen rannte. Sie stob voran, hastete dem Forst entgegen und Schwärze umfing sie mit einem Mal. Sie fühlte sich, als fiele sie tief und als risse sie irgendetwas mit sich. Es ging so schnell, Anna konnte nicht einmal mehr überwältigt aufschreien. 

Und dann… dann war da nichts mehr. Nurmehr ein leises, sanftes Lied über Elaine’s Herz, das dem schönen Magier mit der lockenden Stimme gehörte.

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