Kapitel 104 (Buch 4, 7)

SCHWARZE AUGEN, SCHWARZES HAAR

Vadim sah Anna nach, als sie durch das Burgtor verschwand. Aus weiten Augen beobachtete er, wie sie ging und blieb mit einem Mal stehen. Schwer atmend tat er das und seine Lippen standen ihm einen ungläubigen Spalt weit offen. Er wollte das Mädchen noch einmal rufen, doch es war fort. Anna war einfach weg und nach all dem, was sie angerichtet hatte, hatte sie nichts anderes mehr für ihren ‘Onkel’ übriggehabt, als ein hinterhältig geschmunzeltes ‘Tut mir leid’. Der Wolf fasste es nicht. Er wollte es nicht glauben. All das, was in der letzten Stunde geschehen war, wirkte auf ihn wie ein schlimmer Albtraum, aus dem er nicht aufwachen konnte. Anna hatte ihn dreist belogen und böse hintergangen. Sie hatte alle, die gesamte Burgbesatzung, verraten und völlig bewusst einen Dämon beschworen; Einen Teufel! Anna, diese junge Frau, die sonst doch immer so breit und gutmütig gegrinst hatte. Der Wirbelwind, den Vadim von klein auf kannte und von dem er geglaubt hatte, er liebe ihn wie-... ja, wie was? Wie eine Tochter? Nicht ganz. Aber die Gefühle waren stets ähnlich gewesen. Der einäugige Hexer hatte Anna beistehen und sie beschützen wollen. Er hatte viel zu gutmütig geglaubt, die verrückte Abenteurerin habe Vernunft gefunden und genug Köpfchen, um keinen Untergang heraufzubeschwören. Und vor allem hatte Vadim gedacht, er könne ihr blind vertrauen. Anna war für ihn wie... Familie gewesen. Wie etwas, das er auf leiblicher Seite schon früh verloren hatte. Er war nach dem Verlust seiner Engsten ein Straßenkind Vizimas gewesen. Bevor Jaromir ihn gefunden und nach Kaer Morhen gebracht hatte, hatte er nicht mehr an so etwas wie engen, loyalen Zusammenhalt geglaubt. Die Wölfe hatten ihm jedoch bewiesen, dass es noch Gutes in anderen gab; sein Mentor, seine Brüder, Anna. Besonders die Letztere, die immer laut gelacht und ulkigen Blödsinn angestellt hatte. Die, für die er immer eingestanden war, wenn sie den anderen des Rudels irgendwelche dummen Streiche gespielt hatte. Sie hatte eine Kartätsche am Donnerbalken befestigt und Jaromir damit das ganze Scheißhaus um die Ohren gejagt? Vadim hatte den alten Mentor, der danach buchstäblich beschissen ausgesehen hatte, beschwichtigt. Anna hatte Balthar’s Silberschwert gestohlen, um damit irgendwelche Sträucher und Büsche zu zerhacken und dabei so zu tun, als sei sie eine Vatt’ghern? Vadim hatte mit den Schultern gezuckt und seinem verstimmten Zunftgenossen scheinheilig erklärt, dass er nicht wisse, wo dessen Schwert sei. Das Mädchen war nachts in Vadim’s Zimmer gekommen, um ihm Obszönitäten auf die Stirn zu malen? Er hatte sie am folgenden Morgen ausschimpfen wollen, doch stattdessen mit ihr gelacht. Götter, wo war diese kleine Anna nur hin? Was war aus diesem neckischen, doch liebenswürdigen Kind geworden?

Noch immer starrte Vadim dem Burgtor entgegen. Und er ignorierte die beiden Torwachen, die ihn irritiert ansahen. Der wirre Vatt’ghern bemerkte nur am Rande, wie sich hinter ihm, über der Ruinenterrasse, ein riesiger, schwarzer Dämon in die Lüfte erhob. Das Biest kreischte schrill auf, als es die Schwingen ausbreitete und losflog, um Kaer Iwahell vorerst zu verlassen. Womöglich hielt es den Pakt mit dem feigen Elfen ein. Vielleicht flöge es nun tatsächlich zu den Redaniern, um sie alle zu vernichten. Doch was dann? Käme es zurück? 

Menschen liefen unruhig umher und Valerian brüllte fassungslos herum. Die Greifen verfielen in Alarmbereitschaft und mit ihnen auch all deren Verbündete. Das heillose Chaos war ausgebrochen. Doch Vadim stand nur da und sah sprachlos in die Richtung, in die Anna verschwunden war. Er wurde erst aus seinen rasenden Gedanken gerissen, als man ihn direkt ansprach.

“Wo ist die Paktiererin hin?”, brummte jemand. Es war einer der Zwerge.

“Man sollte sie einfangen und richten!”, fand der Kleinere und rümpfte die Nase angewidert.

Ein Schatten huschte über Vadim’s hartes Gesicht.

“Den Kopf abschlagen sollte man der!”, zeterte der Bärtige mit dem Kriegshammer “Dafür, dass sie uns alle manipuliert hat!”

Der anwesende Hexer ballte die Hände zu Fäusten, als er das hörte. Und ohne einen weiteren Kommentar fuhr er plötzlich impulsiv zu dem schnaubenden Zwerg herum und verpasste ihm eine Rechte, die ihn von den Beinen riss. Vadim hob so fest zu, dass der gerüstete Krieger zurückgeworfen wurde, als wöge er überhaupt nichts, und er verzog das Gesicht wütend.

“Sei still!”, grollte der Wolf drohend und spuckte verächtlich aus “Oder ich schwöre dir, ich bring dich um!”

Anna hatte großes Unheil angerichtet und sich verhalten, wie eine verlogene Schlange. Und dennoch verteidigte Vadim sie noch immer. Warum? Er wusste es nicht. Vielleicht, weil er vor seinem geistigen Auge noch immer seine ‘Nichte’ sah, die ihm kurz vor Cintra grinsend gegenübersaß und ihm irrsinnige Geschichten über Honig-stehlende Vildkaarle Skelliges, singende Nymphen nahe Badehäusern und Riesen-Endriagen in Faustkämpfen erzählte. Weil er die Anna im Kopf hatte, die sich beschwipst an ihn gelehnt und schallend gelacht hatte, als ihr Skelliger volltrunken über eine Tavernenbank gestolpert war... Und weil er diese Vorstellung nicht vergessen wollte.

 

*

 

Sechster Monat, erste Woche, Tag 1 des Versuches:

 

Die Versuchsperson ist eine Frau. Nicht optimal, doch besser als nichts. Werde bei ihr anders vorgehen müssen, als bei dem anderen. Habe ihren Körper untersucht: 

Schlank, dennoch kräftig, vermutlich zwischen 19 und 25 Jahre alt. Trug Männerkleidung und das Amulett eines Vatt’ghern.

 

Geringe Mangelerscheinung durch zu einseitige Speisen 

Gute Zähne, doch sehr blasse Schleimhäute

Fruchtbar, keine Jungfrau

Auffallende Gesichtsnarben, vermutlich von Krallen oder Klauen

 

Ich werde ihr den Absud aus Bindekraut verabreichen, um Leber und Nieren auf die Prozedur vorzubereiten. Habe ihr vorerst Schlafmohn-Extrakt gegeben, um in Ruhe arbeiten zu können. Sie kommt dennoch oft zu sich, ist ungewöhnlich wehrhaft und vulgär. Dummes Ding.

 

Tag 2 des Versuches:

 

Sie ist auffallend magieaffin. Das ist ein großer Vorteil für mich. Ist sie elfischer Abstammung? Fragen dahingehend beantwortet sie bloß mit stupiden Beschimpfungen, doch ich werde sie noch gefügig machen.

 

Blutextraktion zur Analyse war erfolgreich. Es ist kein altes Elfenblut vorhanden, jedoch ist ihr Blut sehr dünn. Sie muss vor Kurzem den Kontakt mit starken Giften (Wolfsbann oder Mandragora) überlebt haben. Das ist bemerkenswert. Sollte sie resistent gegen Gifte sein, wird mir dies die Arbeit enorm erleichtern.

 

Tag 3 des Versuches:

 

Sie wurde sehr instabil nach Verabreichung von Bovistmixtur (Krämpfe, Erbrechen, Schweißausbrüche, leichte Blutungen, Ohnmacht). Aderlass und stabilisierende Magie waren unumgänglich, um Schock des Körpers zu mindern. Reflexe sind noch vorhanden. Kein Fieber. Muss anderen Absud versuchen, um ihr Blut aufzubrechen. 

Man muss Ton erst erweichen, bevor man ihn formen kann.

 

Sie hat mich gebissen, als ich sie heute Abend losgekettet habe. Habe ihr dafür ein Messer durch die linke Hand getrieben. Es wird ihr eine Lehre sein. Ihre Wunde soll niemals verheilen.

 

Tag 4 des Versuches:

 

Dehydration tritt ein. Sollte ihr das Kiefer ausrenken, damit sie nicht wieder zubeißt und die Flüssigkeitszugabe erleichtert wird.

 

Eintreten von hohem Fieber, Schüttelfrost, mehrfachem Erbrechen und Mutation einzelner Körpermerkmale nach langsamer Verabreichung (drei Stunden) von angepasster Mixtur der Blutzerspaltung (unter Anderem Balissafrucht, Zaunrübe, Neblingsmutagen) und Einspeisen willensbannender Magie:

Iriden färbten sich nach zehneinhalb Stunden langsam dunkel, sowie die Haare. Haut blieb, anders als bei Ratten und Vögeln, hell. Eine interessante Entdeckung.

Es ist unklar, ob diese Pigmentierung bei menschlichem Organismus permanenter oder temporärer Natur ist und ob sie gesundheitliche Folgen haben wird. Ebenso ist es fraglich, ob die veränderten Merkmale auf die magische Einwirkung der arkanen Einbindung zurückzuführen sind.

 

Weiters folgte Anfall unter starken Halluzinationen, Schüttelfrost und Ausschlag an Armbeugen, Knöcheln und Hals. Objekt sprach im Wahn lange mit einem “Rhis” oder “Rist”. Bei Scheitern des Experiments könnte es möglich sein ihn als neue Versuchsperson anzulocken. Ich muss unbedingt mehr über ihn erfahren.

 

Zwangsernährung sollte eingeleitet werden.

 

Tag 5 des Versuches:

 

Sie bekam eine Erkältung. Vermutlich eine Folge des von Balissamixtur zerstörten Immunsystems.

 

Versuchsperson leugnete selbst unter Folter einen “Rhis” oder “Rist” zu kennen. Sie ist eine schlechte Lügnerin, denn schließlich hat sie gestern zu ihm gesprochen. Ich bin auf dem richtigen Weg und sollte ihr ein paar Fingernägel ausreißen.

 

Physische Folter wirkt offenbar nicht. Werde sie in das Loch sperren und lasse sie dort ein paar Tage lange sitzen. Das hervorgerufene, psychische Leiden wird bei ihr effektiver sein, als körperliche Schmerzen.

 

Tag 9 des Versuches:

 

Das Loch macht sie wahnsinnig. Ich wusste, dass Einsamkeit, Hunger und totale Dunkelheit sie nach wenigen Tagen brechen würden. Habe versprochen sie wieder aus ihrem Gefängnis zu holen, wenn sie mir etwas über Rhis erzählt. 

 

Sie gab endlich an, dass Rhistian ihr jüngerer Bruder sei, der in Oxenfurt lebt. Verwunderlich, welch starke Nähe sie jenem gegenüber zeigte, als sie vor drei Tagen im absoluten Wahn mit ihm sprach.

 

Ich werde sie wieder in das Loch werfen und sie heute Nacht dort lassen, bevor ich mein Experiment morgen weiterführe.

 

Tag 10 des Versuches:

 

Ich denke, ich habe es endlich geschafft ihr Blut für Veränderungen zu öffnen. Magisches Aufbrechen und Stabilisieren des Leibes wird folglich nötig sein, um den sicheren Tod zu verhindern.

 

Fatales Versagen von Leber, Hyperventilieren, Kontrollverlust über die Blase und Aussetzen der Atmung für mehr als 100 Sekunden. Leichte Gelbfärbung von Haut und Augenweiß, rötlicher Schaum vor dem Mund. 

Überlebenschancen sanken kurzzeitig auf ein Minimum. Stabilisierte Versuchsperson mittels Herba Zireael und hohem Heilungszauber. Verlust des Verstandes ist möglich, doch nicht von großer Bedeutung für mein Vorhaben. 

 

Eitrige Entzündung der Stichwunde der linken Hand. Geschieht ihr recht.

 

Zweiter Atemstillstand (mehr als 50 Sekunden), verstärkter Speichelfluss, Bluthusten, Orientierungslosigkeit. Erneutes, geistesabwesendes Sprechen mit dem vermeintlichen Bruder aus Oxenfurt. Ich glaube, sie stirbt, doch ich werde sie dennoch markieren.

 

Tag 12 des Versuches:

 

Das Objekt mutet seit vielen Stunden apathisch an und reagiert auf keine äußerlichen Einwirkungen mehr. Schluckreflex ist nicht mehr vorhanden. 

Sie zu fixieren ist folglich nicht mehr notwendig. Womöglich ist sie einfältig geworden, doch noch lebt sie. Das ist beachtlich. Werde ihr in drei Tagen den letzten Absud durch die Adern verabreichen und hoffe, dass ihr hohes Fieber bis dahin verschwunden ist. Es wird ein Erfolg sein, sollte eine Mutation zum Vatt’ghern stattfinden. 

 

Überleben ist nahezu undenkbar, da weiblich. 

Ich hoffe trotzdem auf das Beste, doch werde auch einen Brief an Rhistian verfassen, um ihn hierher zu locken. Männer werden eher zu Vatt’ghern, als Frauen. Und ich brauche unbearbeitetes Fleisch, wenn ich endlich erfolgreich sein will.

 

*

 

In der kommenden Nacht konnte Vadim nicht schlafen. Nachdem er viel zu lange grübelnd im ausladenden Speisesaal der Greifen gesessen hatte, hatte er geglaubt sich hinlegen und für ein paar Stündchen dösen zu können. Doch nein. Obwohl es auf Seiten der Redanier schon lange still zu sein schien - womöglich waren sie ja längst tot -, hatte der grimmige Wolf keine Ruhe gefunden. Es war nämlich, als habe er eine Ahnung. Eine Befürchtung oder Hoffnung, die ihn wachhielt und die er sich selbst nicht erklären konnte. Und daher ging er nun schon seit Stunden im Burghof im Kreis, wie ein Wildtier im Käfig. Immer wieder fiel sein Blick dabei auf das streng bewachte Tor und er hoffte darauf, dass Anna wiederkäme. Gleichzeitig malte er sich aus, was er tun würde, wenn dies wahrhaftig geschähe. Natürlich war es ein utopisches Denken das Mädchen noch einmal zu treffen. Doch was täte Vadim, WENN? Oh, er würde Anna an den schmalen Schultern erwischen und sie kräftig schütteln. Er würde sie grantig anschreien und sie fragen, ob sie denn noch EINEN einzigen richtigen Gedanken fassen könnte. Niemals hatte er es bisher getan, doch der Vatt’ghern glaubte, er würde Anna diesmal zum ersten Mal schlagen. Eine gesalzene Ohrfeige würde er ihr verpassen; nein, zwei. Einmal links, dann rechts, dass es nur so schepperte. Und er würde herumschreien. Oh ja, das würde er. Denn er war unsäglich zornig. So sehr er seine Ziehnichte vor den Zwergen, die sie als Paktiererin betitelt hatten, verteidigt hatte, so war er auch wütend über das, was dieses rastlose Unheil auf zwei Beinen angestellt hatte. Selten war Vadim in seinem Leben dermaßen verstimmt gewesen. Und sicherlich käme Anna nie wieder, weil sie fürchtete einem zutiefst enttäuschten, verärgerten Vadim begegnen zu müssen. 

Oder jedenfalls glaubte der Wolf das bis jetzt noch. Denn als hätte er es irgendwo, tief in sich drin, gewusst, gerieten die Torwachen bald schon in Unruhe.

“Da kommt wer.”, meinte einer.

“Der ist allein.”, ein anderer.

“Oh, warte. Ist das nicht dieses Mädel?”, grollte der Dritte “Lasst sie nicht rein! Kalle, die Armbrust!”

“Wir knallen sie ab.”

Vadim erstarrte für einen Augenblick wie zur Eissäule und glaubte seinen Ohren kaum. Doch dann, als einer der gerüsteten Männer am Tor eben jene Pforte öffnete und seine schwere Schusswaffe anlegte, sprintete der Hexer bereits los. Abrupt pumpte Adrenalin durch seine Adern und bescherte ihm ein heißes und kaltes Gefühl zugleich. Sein Mund wurde ihm ganz trocken und seine Augen weiteten sich im Unglauben.

“Nein!”, bellte er und der Armbrustschütze hielt verwirrt inne. Als sich der Torwächter zu Vadim umsah, war der Katzenäugige schon da und drängelte sich schubsend an ihm vorbei nach draußen. Und dort, im Schein des Mondes und inmitten des großen Weges, kam eine Frau. Kurzes Haar, eine gestreifte Jacke. Vadim biss die Zähne knirschend zusammen und haderte arg mit sich. Tief holte er durch die Nase Luft, um zu einer wüsten Konfrontation anzusetzen, da bemerkte er, dass Anna arg strauchelte. Man hörte, wie sie kehlig einatmete, erstickt um Hilfe flehte und dann einfach schwer zu Boden ging. Vadim glaubte, ihm bliebe das Herz stehen. Und er dachte nicht nach, bevor er sich abermals in Bewegung setzte. All das hier könnte eine Falle sein, ja. Er vertraute Anna nach ihren Missetaten nicht mehr. Und dennoch konnte der breitschultrige Mann nicht anders, als sofort zu ihr zu eilen. Irgendetwas stimmte nicht. Und er verfluchte sich selbst dafür, dass er noch solch einen klaren Beschützerinstinkt empfand, wenn es um die Kleine ging. Zwölf Jahre, in denen man sich oft gedankenvoll um ein Kind kümmerte, vergaß man eben nicht einfach so. Und auch, wenn eben jenes Kind einen auf das Übelste hinterging, so war es doch noch immer ein Teil von einem. 

“Arianna!”, keuchte der eilende Krieger, als er bei der viel Jüngeren anhielt. Sie röchelte und hustete und sofort ging der besorgte Hexer vor ihr in die Knie. Der bebende Körper der Frau krampfte und ihr raues Stöhnen klang erschreckend. Da war viel Blut vor den offenstehenden Lippen der schmalen Monsterjägerin und sie schaffte es kaum die flimmernden Augen aufzuhalten. Und oh, sie stank nach Gift. Sie roch so penetrant danach, dass es Vadim beinahe schwindelig wurde. Er fluchte zwischen zusammengebissenen Zähnen und fasste nach Anna. Sie war eiskalt und jammerte laut auf. Sie schrie, als der zittrige Wolf sie hochhob und spuckte ihm schaumiges Blut auf die Lederrüstung. Es ging dem sonst so hartgesottenen, abgebrühten Vadim durch Mark und Bein. Was hatte diese Idiotin nur angestellt?

“Oh kurwa...”, presste der schwer schluckende Temerier hervor und lief schon los. Er zögerte keine Sekunde lange und mit Anna am Arm lief er zurück zum Burgtor, wo sich ihm sofort zwei Wachen in den Weg stellten.

“Die kommt hier nicht mehr rein!”, maulte einer der übermotivierten Krieger herrisch.

“Weg da!”, schnarrte der aufgerüttelte Vadim, der auf Befehle schiss, und war dabei offenbar so angsteinflößend, dass man es sich schnell anders überlegte und ihm aus dem Weg ging. Also eilte der aufgebrachte Wolf zurück auf den Burghof und schrie hilfesuchend nach Lado und Valerian. Er wusste, dass zumindest die Viper noch wach sein musste oder sich gerade bettfertig machte. Sie beide hatten vor knapp einer halben Stunde noch ein paar leise Worte gewechselt. Zwei Schüler der Greifen kamen aus dem Hauptgebäude der Festung gelaufen und auch einer der Söldner war noch wach, als Vadim kam. Anna klammerte sich so fest und krampfhaft an ihn, dass es schmerzte. Sie würgte und flehte dünn, bevor sie in eine gefährliche Schnappatmung überging. Und aus Ermangelung anderer Ideen, verschwendete Vadim keine Zeit mehr und legte die Frau einfach in das Gras vor dem großen, vierstöckigen Schulkomplex der hiesigen Zunft. Im Schein der Fackeln an dessen Außenfassade, sah Vadim dem Gesicht Annas erschrocken entgegen. Sie war unglaublich fahl und ihre Lippen bläulich angelaufen. Ihre dunklen Haare klebten ihr feucht an der Stirn und ihre schmerzlich zusammengekniffenen Augen lagen in tiefen, dunklen Höhlen. Das Mädchen sah absolut ausgemergelt aus und ihre Kleidung war so verdreckt, als sei sie wochenlang alleine im Wald gewesen. Sie erinnerte an eine Leiche. Und sie roch stechend bitter. Nach Toxinen und nach… nach alten Innereien. Oh, was, verdammte Scheiße, geschah hier bloß? Was hatte Anna sich angetan?

“Anna!”, der Wolf tätschelte der Frau die Wange fest “Hörst du mich? Arianna! Kind!”

Jemand kam angelaufen und murmelte Unverständliches. Einen Moment darauf kam der aufgescheuchte Lado neben Vadim und Anna in die Hocke. Ohne nachzufragen beugte sich die Viper gleich vor, um die kollabierende Ungeheuerjägerin im feuchten Gras zu betrachten. Sie schrie abermals wie am Spieß und warf den Kopf herum. Selten hatte sich Vadim so unbeholfen gefühlt.

“Was machen wir?”, keuchte er “Lado? Was sollen wir tun?”

“Was ist mit ihr los? Was ist mit ihren Haaren?”, stammelte die Viper verdutzt, doch der Wolf hatte keine Antwort für sie parat. Haare? Ja, Anna’s Haare waren beinahe schwarz. Warum?

“Sie war vor dem Tor. Sie… sie kam gerade eben wieder.”, sagte Vadim und zuckte erschrocken zusammen, als Anna einen Schwall Blut hervorhustete. Es war schrecklich. Es war so dermaßen fürchterlich, dass der alte, abgehärtete Vatt’ghern sich dabei ertappte die Luft anhalten zu müssen. Anna weinte irgendetwas. Sie streckte das Kreuz leicht durch, wand sich zur Seite. Mit der schwer entzündeten Linken fasste sie sich zittrig an das Gesicht. Die Frau atmete heiser ein, ihre Augen verdrehten sich. Und dann war es auf einmal vorbei. Sie wurde ganz still. Ihr Körper erschlaffte langsam und hörte damit auf sich zu wehren. Der Kopf der Kurzhaarigen sank kraftlos nieder, nachdem sie noch ein paar wenige Male vergeblich nach Atem gerungen hatte.

“...Anna?”, wisperte Vadim.

Keine Reaktion. Und abrupt legte er die Finger prüfend an Anna’s Halsschlagader. Kein Puls. Da war nichts.

“Scheiße!”, zischte er wie von Sinnen und kam sofort über die Jüngere, um sie wieder auf den Rücken zu drehen. Er legte die Hände aufeinander und stemmte jene auf das Brustbein der Leblosen. Der Hexer drückte gegen den Brustkorb Annas; dreimal, viermal, zwanzig Mal. Er beugte sich ihrem Gesicht entgegen, zwang ihr den blutigen Mund auf und hielt ihr die Nase zu. Zweimal beatmete er sie und besudelte sich dabei die eigenen Lippen rot, doch nichts passierte. Die junge Frau lag einfach nur da, in der Wiese, und alle ringsum starrten entrückt und betroffen. Selbst der schaulustige Söldner, ein kantiger Hüne, hielt sich die Hand fassungslos vor den Mund. Vadim stand am Rande der Panik, denn er wusste nicht weiter.

“Lado.”, entkam es ihm bang “Lado, sie stirbt. Sie stirbt!”

Die grün-goldenen Augen der Viper wanderten ebenso empört und ratlos.

“Oh nein… was tun...”, keuchte der glatzköpfige Hexer, als denke er laut. Und wie hätte er auch weiterwissen können? Wie hätte er besser helfen können, als Vadim, der nun ausholte und mit der Faust einmal kräftig auf Anna’s Brustkorb schlug, um ihr Herz, das aufgegeben hatte, zu animieren?

“Anna!”, flehte er dabei “Oh, nicht auch noch du… stirb bitte nicht…”

“Vadim, ich hab ne Idee.”, sprach Lado gezwungen gefasst dazwischen, denn einer musste doch versuchen Ruhe zu bewahren. Er hatte sich zwei kleine Fläschchen aus dem Trankgürtel gezogen, in dem zum einen ein rotes Elixier und zum anderen eine grüne Tinktur schwappten. Hektisch schüttete er die Hälfte des Inhalts von jedem der beiden fort und mischte die Reste seiner Tränke in einer der Phiolen zusammen. Noch einmal ließ Vadim indes die Faust auf Anna’s Brustbein niedergehen und hörte, wie eine Rippe brach. Oder waren es mehr? Egal. Lado fasste von der Seite aus nach dem Arm Vadims und hielt ihn damit davon ab noch einmal zuzuschlagen.

“Vadim!”, blaffte der sonst so freundliche Hexer aus dem Bogenwald streng “Hier.”

Und damit drückte er dem keuchenden Wolf das Fläschchen in die Hand, in dem er einen Atemzug zuvor zwei Hexerabsude zusammengepanscht hatte.

“Schwalbe für die Wunden. Donner für den Kreislauf. Gib ihr das.”, forderte Lado streng und war tatsächlich der einzige, der einen halbwegs klaren Kopf bewahrte. Unschlüssig betrachtete Vadim seinen Kollegen und wollte sich gegen den wahnwitzigen Plan aussprechen einer Normalsterblichen einen hochgiftigen Hexertrank einzuflößen. Doch dann ermahnte er sich selbst und verstand, dass Anna doch eh schon aufgehört hatte zu atmen. Sie würde sterben, so oder so. Warum sollte man ihr also keine bräunliche Mixtur aus Donner und Schwalbe in den Rachen zwängen und zumindest versuchen sie damit zu retten? Der Blick des planlosen Temeriers wurde wieder härter. Und mit einem Mal wandte er sich Anna zu. Er schüttelte das Trankfläschchen Lados kurz, um die Zutaten darin noch einmal gut miteinander zu vermischen. Dann zog er den Korken, der die Trankphiole verschloss, mit den Zähnen aus eben jener. Er packte an den Kiefer der Sterbenden und öffnete ihren Mund. Die gesamte, stechend scharf riechende ‘Donnerschwalbe’ leerte er Anna daraufhin in die Kehle. Einfach so. Er riss den Trinkschlauch von seinem ledernen Gürtel und kippte Wasser hinterher. Das in der Hoffnung, der starke Hexertrank lande schnell im Magen der jungen Frau. Dabei ging er nicht allzu gründlich und gelassen vor. Nass lief es Anna daher über das rot verschmierte Gesicht und in den Kragen. Und dann… dann zog sich Vadim von der Liegenden zurück. Er setzte sich wieder gerader hin und krallte sich mit großer Hoffnung im Blick an seinen Wasserschlauch. Lado war neben ihm und starrte genauso nervös. Auch Valerian war längst auf den nächtlichen Tumult aufmerksam geworden und eilte just aus dem Hauptgebäude seiner Schule auf den großen Burghof. Und es wurde totenstill. Die Anspannung in den Gliedern Vadims ließ nicht nach und immer wieder bat er sich selbst stumm zur Fassung. Lado klopfte ihm im brüderlichen Beistand die Schulter und verstand sicherlich, dass es gerade nicht ging, dass der sonst so kühle Wolf eine gewohnt steinerne Miene wahrte.

Und dann, ganz plötzlich, regte sich Anna ein wenig. Ja, tatsächlich. Schwach und rasselnd atmete sie ein und wieder aus. Und mit einem Mal, schreckte sie auf. Sie fuhr regelrecht hoch, johlte panisch und war vollkommen verwirrt. Die Frau gab einen Schmerzenslaut von sich und spuckte rot aus, wollte fluchtartig auf die Knie kommen, doch schaffte es nicht. Sie kam nicht einmal auf alle Viere, ehe sie wieder niederging und dabei gequält stöhnte und sich krümmte. Vadim starrte atemlos. Und Lado kam Anna sofort zur Hilfe.

“Anna!”, entkam es der Viper “Anna, alles ist gut. Beruhige dich. Alles ist gut.”

Die ächzende Frau am Grund schlug orientierungslos nach Lado, doch jener fasste nach ihrer Hand und hielt sie fest. Erst dann schien sich die Liegende wieder allmählich zu beruhigen. Sie keuchte schwer und blinzelte benommen, sah zu Lado auf und hustete heiser.

“Was…?”, lallte sie tonlos “Was ist…?”

“Bei den Göttern…”, sagte Lado erleichtert “Es hat funktioniert! Anna, du lebst.”

“Ja…”, machte die Kurzhaarige mit der kratzigen Stimme konfus “Ich-... au… Scheiße… wie viel habe ich gesoffen…?”

Der Schlangenhexer stutzte. Und Vadim reckte den Hals perplex um Anna genauer zu betrachten. Ihre Augen. Ihre Iriden waren nicht vertraut braun, sondern pechschwarz. Oder sah das nur jetzt, im Zwielicht, so aus? Sie wollte den Oberkörper schwerfällig aufrichten, doch schaffte es nicht und fasste sich gepeinigt an die Brust, als sie sich zurück ins Gras sinken ließ. Ihre versehrten Rippen meldeten sich sicherlich zu Wort.

“Ah, verdammt. Wo ist… Rist?”, keuchte Anna leise und Lado warf Vadim einen hintergründigen Blick zu. Der Wolf schaffte es noch immer nicht irgendetwas zu tun, also übernahm die Viper das für ihn.

“Anna… Rist ist nicht hier.”, erklärte der Glatzköpfige geduldig und sah dabei nicht allzu glücklich aus. Dies hier fiel ihm nicht leicht und das war verständlich.

“Was…?”, wisperte die Blutige im Gras “Wer… bist du überhaupt…?”

“...Mein Name ist Lado. Ich bin ein Freund.”, erklärte der Vatt’ghern, der neben der verwirrten Anna hockte, unwohl berührt “Und Rist ist auf Skellige.”

Man sah, wie die Frau mit dem schmerzverzerrten Gesicht nicht so recht verstehen wollte. Sie stieß den Atem zwischen zusammengepressten Zähnen aus, musste wieder leise husten und verschluckte sich dabei beinahe. Die Zauberin aus Nilfgaard lief im knöchellangen Nachthemd heran und sah sich alarmiert um, ehe ihr Blick auf der Gruppe bei Anna hängen blieb. Schnell kam sie näher.

“Anna. Was ist das Letzte, woran du dich erinnerst?”, wollte Lado wissen und seine Ruhe war bemerkenswert.

“Ich-... ich weiß nicht…”, stöhnte die benommene Frau vor ihm leise und musste sich räuspern “Ah… es tut weh. Ich glaube… ich glaube meine Rippen sind gebrochen...”

“War Rist bei dir?”

“Ja…”

“Was habt ihr gemacht?”

“Warum ist er wieder auf Skellige…?”, fragte Anna langsam und hatte die zitternde Hand nach wie vor leidend am Brustkorb liegen. Schwalbe richtete zwar viel, doch ließ schwer gebrochene Knochen nicht einfach so wieder zusammenwachsen.

“Das… erkläre ich dir später. Kannst du aufstehen? Schau, Aneta ist da. Sie kann dich heilen. Sie ist eine Zauberin.”, wich Lado der irritierten Frage der Liegenden aus. Doch er kam damit nicht weit.

“Rist würde mich nie alleine lassen. Er ist… er ist mein bester Freund…”, jammerte Anna und sah Lado wehleidig an. Sie zog die Nase hoch und sah aus, als müsse sie am Rande gegen die Ohnmacht kämpfen.

“Anna…”, wollte der Hexer seufzend besänftigen und erhob die Hände leicht.

“Wo ist er…? Wo ist Rist?”, wisperte Anna, die vielleicht realisierte, dass ihr engster Kumpan tatsächlich nicht hier war. Denn wäre er das, wäre er doch schon längst zur Stelle, um dumme Witze zu machen oder zu helfen. Er war auf Undvik und die Frau aus Kaer Morhen war vor ihm weggelaufen. Sie hatte ihm einfach eiskalt den Rücken gekehrt, ohne Abschied, und niemand brachte es übers Herz dies gerade auszusprechen. Vadim beobachtete die Tragödie vor dem Greifengebäude also nur stumm und sein Kopf schaffte es noch immer nicht die unwirklich erscheinende Situation ganz zu begreifen. Er musterte Anna, versuchte sich einen Reim auf deren Worte zu machen und konnte dieser Verräterin in dieser Sekunde nicht böse sein. Denn… denn sie erinnerte sich nicht. In ihrem Kopf war sie gerade ganz woanders und es schien ihr das Herz zu brechen, dass Hjaldrist nicht da war, um ihr in ihrer misslichen Lage beizustehen. Man erkannte, wie Lado die Schultern sinken ließ und die behandschuhten Finger unbeholfen tröstend nach der entkräfteten Frau ausstreckte, die erwarteter Weise damit anfing zu heulen. Verdreckt, vollgeblutet und einfach nur elend lag sie da am kalten Boden und presste sich die Hände vor das bleiche Gesicht. Stark zitterte sie und zog die Beine an, atmete tief ein und aus und versuchte sich wohl zu beruhigen. Doch sie schaffte es nicht. Ihre Lage überwältigte sie zu sehr und sie vermochte nicht zu verstehen, was passierte. Sie fühlte sich sicherlich verloren, umgeben von Fremden an einem ihr unbekannten Ort. Und weil Anna nichts anderes tun konnte, weinte sie leise. Es tat Vadim in der Seele weh Zeuge davon zu sein.

“Oh nein…”, hörte man Valerian mitfühlend sagen, obwohl er einer derjenigen war, die Anna unglaublich böse sein sollten. Schlussendlich hatte sie ihn dreist bestohlen und auf seiner Festung einen Dämon freigelassen. Stattdessen stand er jedoch da und sah mitfühlend aus.

“Was ist mit ihr…?”, fragte Aneta, die mit vom Schlafen etwas wirren Haaren neben den alten Greifenmentor kam “Valerian?”

“Ich bin mir nicht sicher…”, murmelte der Graue “Aber… bringt sie erstmal rein, ja? Gebt ihr einen geschützten Platz im Lazarett, heilt sie und untersucht sie gut. Ich hole meine Tochter. Sie wird helfen, Aneta.”

Vadim sah schweigend auf, als er Valerian dies sagen hörte. Und er war diesem Mann, mit dessen Ansichten er sonst wenig anfangen konnte, in dieser Sekunde endlos dankbar für dessen Verständnis und die Hilfe. Nicht jeder, ja, nur WENIGE, hätten jetzt so gehandelt, wie er.

 

Man brachte Anna folgend in die kleine, provisorische Krankenstation der Greifenschule. Auf eine der zehn Liegen im Raum, der vor der Belagerung durch Redanien eine Abstellkammer für Mobiliar gewesen war, verfrachtete man sie. Vadim musste die viel zu dünne Jüngere tragen, weil sie selbst nicht stehen konnte. Die gequält stöhnende Abenteurerin, deren Haare tatsächlich auffallend schwarz waren und der die rotbraune Strähne ob dem fehlte, war schwerfällig und müde. Sie hustete und immer wieder kam ihr dabei Blut hoch. Doch sie lebte und das zählte. Vadim wich ihr nicht von der Seite, als Aneta loslief, um eine Schüssel mit Wasser und frische Tücher zu holen. Lado blieb ebenso. Und es dauerte nicht lange, da tauchte auch der sanftmütige Valerian wieder auf. Er hatte seine Ziehtochter bei sich, Mei. Diese humorvolle Zauberin hatte eigentlich eine Vorliebe für prunkvollen Kopfschmuck, doch wie Aneta, trug sie just bloß einen Mantel über ihrer simplen Nachtkleidung. Sie musste hierher gerannt sein, so, wie sie aussah. Vadim, der neben Anna’s schmaler Krankenliege auf einem Stuhl saß, beobachtete, wie Mei heraneilte und die Augen besorgt wandern ließ.

“Was ist los?”, fragte die Dame mit dem kupferfarbenen Haar, das sie sich in all der Aufregung nur schlampig zusammengebunden hatte. Es war eigenartig eine Magierin, die sonst stets auf ein geschniegeltes Auftreten bedacht war, SO zu sehen. Sie stank soeben nicht einmal nach ihrem penetranten Duftwässerchen.

“Vadim brachte Anna vorhin in den Hof.”, erklärte Lado betroffen. Valerian blieb solange im Hintergrund stehen und beobachtete die Szene still.

“Sie… sie zeigte dieselben Erscheinungen, wie Wotan.”, erklärte die aufgebrachte Viper knapp und Mei runzelte die Stirn perplex. Sie kam näher und hielt erst, als sie vor der Pritsche stand, auf die man Anna gebettet hatte. Ein bedauernder Laut entkam ihr.

“Ach, du Schande…”, flüsterte sie “Armes Kind…”

Die Zauberin streckte die Hand aus, um die narbige Wange der Verwundeten zu befühlen. Ihr Blick taxierte Anna dabei einfühlsam. Und ihre Miene wurde traurig, da die Kurzhaarige noch immer leise weinte. Und hatte das gequälte Mädchen vor Minuten nur von Rist geredet, so sagte sie just nichts mehr. Sie stand zwischen Ohnmacht und Verzweiflung, heulte und trat dabei fast weg. Die Kraft ging ihr aus und Vadim hoffte, sie bliebe halbwegs stabil. Noch einmal wollte er sie nicht reanimieren müssen. Nie wieder wollte er das.

“Anna?”, fragte Mei die Liegende lieb und beugte sich etwas zu ihr, um ihr selbstsicher in die Augen blicken zu können “Wir werden dir helfen, ja? Alles wird gut. Du wirst sehen. Deine Schmerzen sind sehr bald vorüber.”

Die Magierin im grünen Mantel streichelte der Blassen durch das kurze, verdreckte Haar und ließ die Hand dann mütterlich darauf liegen, bis Aneta mit frischem Wasser und einem Lappen kam. Die kleine Nilfgaarderin lief mit wehendem Nachtkleid heran und stellte die Wasserschale auf der Liege Annas ab. Vadim senkte den Blick fort, als die Frauen ihr die Jacke Momente später auszogen und es schafften, dass sich die schmerzlich Stöhnende schief hinsetzte. Während Aneta die benebelte Anna dabei stützte, wrang Mei einen feuchten Lappen über der gebrachten Wasserschale aus und wusch der Schwarzhaarigen das verschmierte Gesicht.

“Erinnerst du dich an etwas, Anna?”, fragte sie nett “Du musst nicht reden. Aber wenn dir etwas einfällt, dann sprich mit uns...”

Vadim sah nicht auf. Er stützte die Unterarme auf die Knie und starrte vor sich hin. Und Lado ging, als man der leise jammernden Anna das fleckige Hemd auszog. Valerian ging ebenso vor die Türe, um nicht zu stören. Aber Vadim, der blieb. Er würde nämlich den Teufel tun die Seite seines Familienmitglieds jetzt zu verlassen. Und er sah auch nicht auf. Anna war kein kleines Mädchen mehr. Sie war eine Frau und er würde sie nicht anblicken, wenn man sie entkleidete.

“Erinnern? Ich… ich weiß nicht…”, sagte die aufgewühlte Kriegerin mit brechender Stimme.

“Ach, alles gut…”, beschwichtigte Mei, doch Anna tat die Frage von vorhin deswegen nicht einfach ab.

“Da… war ein Mann.”, stammelte sie vor sich hin “Er… er hat mich in ein dunkles Loch geworfen. Und er hat mir… er hat mir Röhrchen reingesteckt… überall...”

Vadim presste die trockenen Lippen zusammen, als er das hörte und spürte, wie rasende Wut in ihm emporkroch. Ärger über diesen Unbekannten, der Anna offenbar entführt und weiß der Teufel was mit ihr angestellt hatte. Der Vatt’ghern ballte die Hände zu Fäusten und verzog das harte Gesicht angewidert.

“Es war-... ich weiß es nicht mehr…”, weinte die Kurzhaarige leise. Und hätte ihr Ziehonkel aufgesehen, hätte er bemerkt, wie Mei Anna umarmte. Wie die nette Zauberin und Ziehtochter Valerians das schmutzige Elend vorsichtig an sich drückte.

“Shht.”, machte Mei “Der Mann ist weg. Und wir werden nicht zulassen, dass er dir noch einmal etwas tut, hörst du? Du bist jetzt in Sicherheit.”

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