Kapitel 107 (Buch 4, 10)

GRÜN UND BLAU

Als Anna am späten Abend aus ihrem kleinen Zimmer in Lado’s Zweithaus trat und ins Freie kam, feierte man in der Taverne schon laut und sicherlich waren die halben Gäste dort schon schrecklich betrunken. Die Frau wusste nicht, warum es solch ein Remmidemmi gab, doch wahrscheinlich hatte jemand Geburtstag oder dergleichen. Solche Anlässe wurden hier immer sehr ausgelassen zelebriert. Sie selbst würde sich jedenfalls nicht dorthin begeben, denn mit zu vielen Menschen auf einem Platz hatte sie seit Kaer Iwahell noch mehr Probleme, als sie es früher schon gehabt hatte. Enge machte ihr seit ihrer Entführung genauso Angst, wie die Dunkelheit. Das, obwohl sie sich doch kaum daran erinnern konnte, was der bösartige Fremde mit ihr gemacht hatte. Tja, so war es nun eben. Anna wollte, anstatt sich zur feiernden Meute in die Schänke zu begeben, also in Lado’s Haupthäuschen gehen, allein, denn angeblich hatte der Hexer Eintopf mit Speck gekocht. Aldoran war irgendwann, nachmittags, bei ihr aufgetaucht und hatte die Jüngere dazu animieren wollen aus dem warmen Bett zu kommen, doch sie hatte nicht wollen. Daher nahm sie die hölzerne Treppe nach unten erst jetzt, als sich die Dunkelheit der frühen Nacht über Bogenwald gelegt hatte. Diese Stufen führten an der Außenseite von Lado’s Zweithaus hinab ins Freie. So kam man, über eine kleine Gasse, zur eigentlichen Hütte des Vatt’ghern in der er seine Kochstelle und all seinen Alchemiekram hatte. Sich den Mantel also fröstelnd um den Körper ziehend, beeilte sich Anna, um zur Eingangstüre eben jenes Heims zu gelangen, das in etwa gleich groß war, wie das zweite, in dem es nur Gasträume gab. Relativ gut ausgeruht, doch mit knurrendem Magen griff sie nach der Klinke, öffnete die kleine Pforte und trat ein. Im Vergleich zur eher kühlen Außentemperatur war es hier angenehm warm und Anna atmete wohlig durch. Seit sie aufgewacht war, fröstelte sie. Es war nichts Neues. Neu war aber, dass Hjaldrist am Esstisch Lados saß, als sie in das Haus der Viper kam. Und sofort stockte sie, als sie das bemerkte. Der Skelliger saß mit Aldoran und dem Hexer des Dorfes zusammen. Die Männer schienen ein bisschen zu trinken, Nüsse zu essen und miteinander zu reden. Anna, die keine Gesellschaft und schon gar nicht erst den Jarl Undviks erwartet hatte, senkte den Blick gleich und zögerte. Sie verharrte an Ort und Stelle.

“Ah, da bist du ja.”, lächelte Lado nett und erhob sich “Ich dachte schon, du lässt dich heute gar nicht mehr blicken.”

“Mh.”, entgegnete die wirre Frau kleinlaut und wusste nicht, ob sie bleiben sollte oder nicht. Sie wollte nicht, dass Rist sie erneut so böse ansah und würde eher hungern, als sich zu ihm zu setzen und sich Vorwürfe anzuhören oder sein angewidertes Starren zu ertragen. Denn beides tat weh.

“Komm.”, bat der Vatt’ghern und im Augenwinkel bemerkte Anna, wie er sich daran machte zu seinem Ofen zu gehen, um den Eintopf für sie aufzuwärmen. Er war ein herzensguter Kerl.

“Wie geht es dir?”, wollte Aldoran wissen, der sich auf seinem Stuhl umdrehte und die Novigraderin musterte.

“Geht so.”, machte sie. Dann erst, sah sie wieder richtig zu denen auf, die am Tisch saßen. Rist äugte nicht her, sondern leerte soeben ein Pinnchen Butterlikör. Die von ihren Zweifeln geplagte Alchemistin atmete flach durch. Sollte sie den Axtkämpfer ignorieren? Oder wäre es angebracht ihn zu grüßen? Scheiße, sie hatte keine Ahnung, wie sie mit ihm verfahren sollte. Und dennoch näherte sie sich jetzt langsam. Den wollenen Mantel zog sie dabei nicht aus, denn sie fror noch immer. Schweigend ließ sie sich mit am Esstisch nieder und wagte es kaum zu Hjaldrist hinzusehen. Blöderweise war nur noch der Platz auf dem alten Stuhl neben ihm frei gewesen. Verunsichert rutschte sie ein kleines Stück von dem Undviker fort und am liebsten hätte sie sich die Kapuze ins Gesicht gezogen, um sich vor ihm zu verstecken. Aldoran sagte nichts und beobachtete nur. Und Lado blieb bei seiner Kochstelle stehen, um über das lau gewordene Essen zu wachen, das er wieder erwärmen wollte. Die Atmosphäre war plötzlich angespannt und unangenehm drückend. Anna verging der Appetit und etwas abwesend sah sie dem Öllicht entgegen, das am Tisch stand und tanzend vor sich hin flackerte. An der Decke, an kleinen, eisernen Haken, hingen noch vier weitere Sturmlaternen und sorgten für einen warmen Schein, der den kleinen Raum angenehm ausleuchtete. Anna’s schmale Schultern sanken und sie zupfte sich ein wenig nervös am Verband der linken Hand herum. Sie müsste jenen nachher noch wechseln, denn er klebte schon wieder unschön an ihrer nicht verheilen wollenden Wunde.

“Du kommst mit nach Undvik.”, brach Hjaldrist das ungute Schweigen nach wenigen Wimpernschlägen plötzlich und Anna zuckte zusammen, als sie das vernahm. Sie glaubte, sie habe sich verhört. Meinte er etwa SIE? Nein, das konnte nicht sein.

“Ich weiß Bescheid.”, machte er “Und ich habe die Sache vorhin bereits mit Lado und Aldoran besprochen.”

Oh, was? Er meinte sie. Die trockenen Lippen der angesprochenen Giftmischerin standen ihr einen kleinen, überwältigten Deut weit offen. Ihre Augen weiteten sich im Unglauben und sie vergaß gar kurz darauf zu atmen. Geschah das hier gerade wirklich oder war sie einmal wieder eingeschlafen?

“Was…?”, sagte sie leise und sah vorsichtig und von der Seite aus zu dem Jarl hin. Jetzt blickte auch er her. Und obwohl sein Ausdruck streng war, war er nicht finster. War… war das gut? Anna war verwirrt. Undvik? Wirklich? Aber warum-

“Es wird das Beste sein.”, mischte sich Lado jetzt nett ein “Wir haben lange hin und her überlegt, wie man dir helfen könnte, Anna. Und wie man auch andere Leute effektiv vor dir schützen kann.”

Was? Schützen? Die Kurzhaarige verstand nicht und sah höchst irritiert zu dem Vatt’ghern hin. Sie kräuselte die schmalen Brauen.

“Ich… ich tu niemandem was.”, machte sie und war verwundert darüber, dass man ihr das momentan überhaupt zutraute. Sie hatte nicht einmal die Kraft zum Kämpfen oder die Ausdauer bis zum Dorftor zu rennen. Wie sollte sie SO jemandem gefährlich werden?

“Du nicht…”, sagte Lado verschwörerisch “Aber der, der in dir ist, vielleicht.”

“Was?”, keuchte die Abenteurerin. Sie kapierte gar nichts mehr.

“Jemand hat heute Mittag deinen Körper gelenkt, bevor du ohnmächtig wurdest. Er hat mit Rist gesprochen.”, erklärte der Mutant mit der Glatze jetzt und wurde dabei beachtlich ernst. Aufgescheucht sah Anna zu dem besagten Skelliger hin, als erwarte sie eine Bestätigung des Ausgesprochenen, und jener nickte grimmig.

“Er drohte mir. Und allen Anscheins nach ist es der, der dich in Verden entführte.”, meinte der Schönling. Anna indes, wusste nicht was sagen. Sie… sie verstand das hier nicht. Sie war doch nicht besessen!

“Ich… ich hätte doch bemerkt-”, fing sie an, doch ihr ehemals bester Freund schüttelte das Haupt und unterbrach sie bestimmend.

“Nein. Hast du offenbar nicht. Und deswegen kommst du mit.”, entschied er. Und obwohl die anwesende Trankmischerin gerade gerne einen Freudensprung gemacht hätte, weil Hjaldrist sie tatsächlich mit nach Hause nehmen wollte, starrte sie einfach nur entrückt. Denn die Behauptung, dass irgendwer ihren Körper benutzt haben sollte, traf sie überraschend und hart.

“Hjaldrist ist auf Skellige ein mächtiger Mann, Anna.”, setzte Lado wissend fort “Er hat als einziger die Mittel, um uns gut zu unterstützen: Kontakte, Geld, Krieger. Seine Leibgarde ist ungeschlagen und ich hasse es zwar das sagen zu müssen, aber in deren Nähe kann weder dir, noch jemand anderes, etwas passieren. Verstehst du? Hier, in Bogenwald, haben wir kaum Optionen. Dieses Dorf ist am Arsch der Welt.”

“J-ja… aber…”, stammelte die Kurzhaarige, die mit der Situation nicht zurechtkam.

“Nebenher kennt dich Rist so gut, wie niemand sonst.”, erinnerte die bärtige Viper noch und Anna bemerkte, wie der betroffene Skelliger am Tisch dabei wegsah. Er fasste nach der Butterlikör-Pulle und schenkte sich ganz unbeteiligt etwas von dem dickflüssigen Getränk nach.

“Du bist ohne ihn eskaliert.”, setzte Lado seufzend nach “Verzeih mir meine Ehrlichkeit, aber ich glaube, dass es dir alles andere als schlecht täte, wenn du in seiner Nähe wärst.”

Anna wollte etwas sagen, doch konnte nicht. Ihre Zunge lag ihr im trockenen Mund wie Blei. Und vielleicht wurde sie gar ein klein wenig rot, weil das Katzenauge trefflich meinte, sie würde sich bei Hjaldrist besser fühlen, als sonst wo. Der Jarl mit dem Messingschmuck in den langen Haaren aber, schnaubte nur leise und trank. Oh, das hier musste ihn nerven.

“Soweit ich das richtig verstanden habe, macht Hjaldrist auf Undvik die Gesetze.”, meldete sich Aldoran grüblerisch zu Wort, um sich ebenso vernünftig an Anna zu wenden “Du wärst dort so ziemlich immun gegen alle, die dich wegen Kaer Iwahell drankriegen wollen. Diese Winterinsel, wie man sie nennt, ist ein perfektes Exil für jemanden, wie dich. Unter dem Schutz eines Jarls kann dir niemand was.”

“Für jemanden, wie mich…?”, murmelte Anna, obwohl sie doch ahnte, was Aldoran meinte.

“Ja. Ich mag deine vergangenen Taten nicht so verwerflich finden, aber das sehen nicht alle so.”, sagte der Apotheker direkt “Anderenorts und genau genommen auch auf Siofra, kann man dich vieler Dinge beschuldigen: Paktiererei, Diebstahl, Mord, Besessenheit. Und sobald das Gesetz Wind davon bekommt, können dich auch deine Hexerleute nicht mehr beschützen. Wenn sich die Inquisition denkt, dass es eine gute Idee sei hierher zu kommen, sind wir alle am Arsch.”

“Valerian konnte dich auf seinem Grundstück freisprechen und das auch nur, weil er keinen Gegenwind mehr bekam.”, fügte Lado bei “Nur gilt das nicht für die ganze Welt. Verstehst du, Anna?”

Die Konfrontierte senkte den Blick gedankenvoll auf die Tischplatte vor sich. Was sollte sie gegen diese Argumente noch sagen? Sie waren wahr. Und außerdem…

“Ihr… müsst mich nicht erst überzeugen.”, sprach sie aus “Ich… ich freue mich darüber, dass ich mit Rist gehen kann. Wirklich. Sehr.”

Man sah, wie der wortkarge Skelliger kurz damit aufhörte zu trinken und aus den Augenwinkeln zu der Frau linste. Sein Ausdruck verriet nicht, was er gerade dachte oder wie er sich fühlte.

“Ich wollte immer nach Undvik zurück.”, gab Anna zu “Und ich habe auch eingewilligt überwacht zu werden. Ich habe Mist gebaut. Großen Mist. Und dafür will ich auch geradestehen… oder büßen. Aber ich verstehe nicht, was ihr meint, wenn ihr sagt, dass… dass irgendwer meinen Körper benutzt hat…”

“Das durchblicken wir auch noch nicht, Kleine.”, sagte Lado nachgiebig “Aber wir werden uns darum kümmern mehr in Erfahrung zu bringen. Das schwöre ich dir. Und solange gehst du mit Hjaldrist und tust brav, was er dir sagt.”

“Ich bin kein kleines Kind…”, beschwerte sich die Schwarzhaarige brummig “Ich weiß, dass ich auf euch hören sollte. Das tue ich doch schon seit Verden. Oder nicht?”

Der wenig überzeugte Undviker, dessen Krone irgendwo am Tisch herumlag, hob eine Braue skeptisch an, doch verkniff sich einen Kommentar und blieb weiterhin stumm.

“Das stimmt.”, seufzte Lado “Entschuldige…”

Anna lächelte schwach. Dann sah sie wieder vorsichtig zu Rist hin, der sich nachdenklich über das Kinn fuhr. Lado rührte solange in dem Eintopf am Herd herum und fing damit an nach einer sauberen Schüssel zu suchen. Aldoran zog eine Zeitung an sich heran, die vor ihm lag und beäugte deren erste Seite eher teilnahmslos.

“Rist…?”, sprach Anna ihren damalig engsten Freund an und dies zum ersten Mal seit dem Vorfall heute Mittag direkt. Sie tat sich unsagbar schwer damit. Doch zumindest schenkte der Inselbewohner ihr diesmal keinen allzu eiskalten Blick.

“Was ist?”, fragte er sogar mit relativ neutral anmutender Gesinnung.

“Willst du das überhaupt…?”, hakte die Monsterkundige ratlos nach “Dass ich… mitkomme?”

“Er schlug es überhaupt erst vor.”, grinste Aldoran sogleich in seine Zeitung und Anna verengte die dunklen Augen verwirrt. Der Jarl hielt sich sichtlich davon ab mit den Augen zu rollen und zuckte mit den Schultern.

“Oh…”, machte die Frau leise und Lado kam wieder, um ihr etwas zu essen hinzustellen.

“Glaubst du, du überstehst eine Schifffahrt nach Skellige?”, fragte das Katzenauge besorgt “Du bist schwer krank. Und auf Booten wirst du noch kränker. Die Reise von Kaer Iwahell hierher war schon eine Katastrophe.”

Anna sah verzwickt zu Lado hin, als jener seine berechtigten Bedenken aussprach. Sie konnte sich nur zu gut an die Überfahrt aus Verden erinnern. Es war grauenvoll gewesen und die totenblasse Novigraderin hin und her gerissen zwischen Fieber, Bluthusten und Seekrankheit. Die halbe Zeit war sie halb weggetreten gewesen und noch einmal wollte sie das nicht erleben müssen. Gleichzeitig sehnte sie sich danach mit Rist zu gehen. Also was tun? Sie wollte auf keinen Fall hierbleiben.

“Vergleicht eure Schiffe nicht mit denen von Skellige.”, brummte der besagte Jarl pikiert “Auf einem Drachenboot spürt man den Wellengang kaum. Das Schiff von meinem Bruder ist zudem groß und unglaublich stabil.”

Anna runzelte die Stirn kritisch.

“Also darauf würde ich jetzt nicht bauen…”, zweifelte Aldoran an und auch der Hexer sah ungläubig aus.

“Ich bin Skelliger, Aldoran. Und wenn ich dir sage, dass unsere Schiffe nicht so wild herumschaukeln, wie eure, dann glaub mir das.”

“Ja, ja, schon gut…”, lachte der Apotheker und winkte ab “Aber ich glaube trotzdem, dass es gut wäre, wenn Anna irgendein Mittelchen bekommt, damit sie ruhiger ist. Alleine die Nervosität brächte sie doch um. Sie ist am Ende und ein kleiner Schubs reicht, um sich umzuwerfen. Buchstäblich.”

Anna verzerrte das Gesicht unzufrieden.

“Dann segle doch mit.”, kam es seitens Lado und Aldoran hob verdutzt den Kopf.

“Was?”, machte er.

“Du spielst schon seit einer Woche den Leibarzt und die starke Schulter für Anna. Also begleite sie doch.”, schlug die Viper lächelnd vor und setzte sich jetzt auch wieder mit an den Tisch. Verdattert blickte die Frau, um die es ging, zwischen den Männern hin und her. Und sie sah auch, wie Hjaldrist erst wenig angetan wirkte. Konnte er Aldoran vielleicht nicht leiden?

“Hm.”, murrte der Apotheker Bogenwalds und rückte sich die Brille auf der Nase zurecht “Ich? Nach Skellige reisen? Ich war da noch nie…”

“Dann wird es Zeit.”, lachte Lado “Ich bin mir sicher, dir gefällt es dort.”

“Meinst du?”, machte der Kahlgeschorene und wirkte gleich etwas zuversichtlicher. Er grübelte eine Weile, doch dann nickte er.

“Also schön.”, beschloss Aldoran “Wenn es allen recht ist, dann komme ich als Anna’s ‘Doktor’ mit nach Undvik.”

Hjaldrist taxierte den Mann im Ledermantel eindringlich. Dann lockerte sich seine skeptische Miene jedoch allmählich und er gab einen gleichgültigen Ton von sich.

“Na schön. Soll mir egal sein.”, meinte er “Ich werde nicht rund um die Uhr auf Anna aufpassen können. Und ich will es auch nicht. Ich habe andere Dinge zu tun.”

“Dann ist es abgemacht!”, lächelte Aldoran breit und wandte sich daraufhin an die Frau im Raum “Ich mische dir etwas zusammen, das dich tagelang schlafen lässt. So bekommst du nichts von der Schifffahrt mit.”

“Ich glaube, das ist keine gute Idee.”, wand Rist ein “Ich bin kein Trankmischer, so wie ihr drei, aber sicherlich ist so etwas alles andere als gesund.”

“Das ist wahr.”, bestätigte Lado.

“Solange ich so die Reise verschlafe, soll mir das egal sein…”, murmelte Anda indes und Aldoran schenkte ihr einen dankenden Blick.

“Unterschätze das nicht, Anna.”, warnte der Vatt’ghern “Wenn ich richtigliege, will Aldoran etwas mischen, das man ‘Dornröschen’ nennt. Es besteht aus dreierlei Absuden: Der erste schläfert einen ein, der zweite lähmt den Körper und der dritte dient dem Aufwecken. Wenn nur einer davon falsch dosiert wird, riskiert man es geisteskrank zu werden oder zu sterben…”

Hjaldrist’s Blick verfinsterte sich auf diese Äußerung hin und tadelnd schielte er in die Richtung des völlig lockeren Apothekers, der die Augen grinsend verdrehte.

“Ich weiß, was ich tue, Lado!”, wehrte sich der Bogenwalder “Ich mache in der Alchemie keine Fehler. Das habe ich noch nie und das weißt du.”

“Ja… und dennoch…”, stöhnte die Viper.

“Ich werde die Tränke brauen und dann soll Anna entscheiden.”, schlug Aldoran vor “Oder?”

Lado runzelte die Stirn tief und Anna nickte leicht. Als sie zu Rist hinsah, befürchtete die Frau, dass er sich über sie lustig machen würde. Sie erwartete einen gemeinen Spruch, in dem der abweisende Krieger sie als unzurechnungsfähig titulierte. Doch diese Befürchtung bestätigte sich nicht. Allen Erwartungen zum Trotz nickte auch er langsam.

“Sie ist erwachsen und soll ihre eigenen Entscheidungen treffen.”, fand er und Anna’s Miene lichtete sich in positiver Überraschung “Es ist genug, wenn wir sie überwachen und quasi einsperren. Überlasst es doch ihr selbst, ob Aldoran sie in einen künstlichen Schlaf versetzen soll, oder nicht.”

Auf dies hin sagte keiner mehr ein Wort. Der Apotheker im Zimmer war zufrieden und Lado zu unsicher, als dass er nun selbstbewusst protestiert hätte. Vielleicht sah er ja auch ein, was Rist gesagt hatte. Und Anna, die kam mit den Worten des Jarls genauso überein, wie es Aldoran tat. Sie ließ den Blick noch einmal zwischen den drei Männern schweifen und fühlte sich erleichtert. Ja, tatsächlich. Und es tat nach dem heutigen Tag so gut sich wieder etwas entspannen zu können. Zwar vertrug sie sich noch lange nicht wieder mit Hjaldrist, doch wenn er sie mitnahm und sie auf Undvik einquartierte, dann würde es doch sicherlich so kommen, dass sie wieder normal miteinander sprechen könnten. Oder würde sich der Skelliger dann einfach nie blicken lassen und Anna weiterhin bösen Blickes taxieren? Ach, man würde ja sehen. Alleine, dass die Novigraderin mit zurück durfte, war solch ein Lichtblick für sie, dass sie ihre schmerzende Linke, ihre brennenden Lungen und die Müdigkeit vergaß. Sie versuchte sich auch nicht länger zu sehr davon durcheinander bringen zu lassen, dass man behauptete, sie sei besessen oder auf irgendeine ähnliche Weise fremdgesteuert. Gerade, da hatte sie nur die Reise nach Skellige im Blick. Die und ihren ehemals besten Kumpel, der wieder dazu übergegangen war still mit Lado Butterlikör zu trinken und Walnüsse zu knacken. Und als sie ihn so von der Seite ansah, wusste sie, dass sich an ihren Gefühlen für ihn nichts geändert hatte. Ja, er konnte sie vielleicht nicht mehr leiden, doch das änderte nichts daran, dass Anna Rist noch gern hatte. Nein, mehr als das. Und… sie freute sich. Sie freute sich, fühlte sich irgendwie befreit, und das zum ersten Mal seit langem. Trotz allem. Denn wie war das noch gewesen? Die kleinen Ziele waren das, was heute zählte.

 

“Ich geh in die Taverne.”, sagte Aldoran irgendwann zielstrebig in die Stille hinein und Anna, die ihren Eintopf schon zur Hälfte leer gegessen hatte, sah von ihrer Schüssel auf. Als sie das tat, erkannte sie, wie der Apotheker Lado einen hintergründigen Blick zuwarf. Sie kapierte erst nicht. Doch dann, als der Hexer breit lächelnd nickte und sich ein Schmunzeln verkneifen musste, realisierte sie allmählich, dass die beiden Männer, die ihr seit einer Woche Obdach boten, nicht ‘einfach so’ gehen wollten. Wäre nur Anna hier gewesen, wären sie geblieben. Sie war aber nicht alleine, Hjaldrist war auch da, und daher gingen sie.

“Ja, ich komme mit.”, meinte das Katzenauge scheinheilig “Wir könnten Karten spielen.”

“Oder Trinkspiele.”, schlug Aldoran grinsend vor und war so schnell bei der Tür, dass man sich kaum versehen konnte. Er nahm seinen Hut von der Garderobe und setzte ihn sich auf, ehe Lado bereits zu ihm aufschloss und dabei eine Flasche seines großen Butterlikör-Vorrates mitnahm.

“Bis später!”, sagte der Vatt’ghern lächelnd und sah noch einmal zu dem Skelliger und Anna zurück. Letztere versuchte sich an einem hilfesuchenden Starren, doch es half nichts. Bevor sie etwas von sich geben konnte, waren Aldoran und Lado, ihre ‘Rückendeckung vor wütenden Skelligern’, fort. Und sie und Hjaldrist alleine. Oje. Schnell senkte die Kurzhaarige die Aufmerksamkeit geschäftig auf ihr lauwarmes Essen. Der andere wirkte im Gegenzug zu ihr sehr gelassen. Es war, als könnte er kein Wässerchen trüben, während sich die Giftmischerin schon wieder von ihrem schlechten Gewissen erschlagen fühlte. Noch nie hatte es sich so, so unwohl angefühlt neben Rist zu sitzen. Und dabei zu schweigen machte diese kleine Misere auch nicht besser. Etwas versteift schöpfte sich Anna Eintopf auf den hölzernen Löffel. Götter, fühlte sie sich winzig.

“...Ich war in Verden.”, sagte Hjaldrist dann plötzlich ganz offen und brach die höchst unangenehme Stille dabei ruhig “Wir segelten die Jaruga hoch, um den Redaniern den Herzogsweg gen Kaer Iwahell abzuschneiden. Dort ist es passiert.”

Anna sah beachtlich verwundert auf und ließ das geschnitzte Essbesteck sinken. Sie suchte erst etwas ratlos Blickkontakt, dann wanderten ihre dunklen Augen an dem verwundeten Undviker hinab und zu dessen rechten Bein. Sie glaubte dabei kaum, was ihr Gegenüber gerade von sich gegeben hatte. Rist’s Leute waren die gewesen, die Lado damals angesprochen hatte? Als er und die anderen auf Anna, Bertram und Aneta getroffen waren, hatte er Skelliger erwähnt, die vom Meer aus helfen würden. Oh, hätte Anna DAS gewusst…

“Sie… haben dein Schiff versenkt?”, fragte die Nordländerin nach und blickte wieder auf. Es war schwer Rist anzusehen und sie war im Geiste unheimlich dankbar dafür, dass er sie nicht länger absolut anschuldigend angaffte. Der Mann wirkte gar ein wenig müde.

“Nicht direkt. Ich habe es selbst zu Schrott gesegelt.”, seufzte der Krieger und Anna zog die Brauen fragend zusammen. Sie musste nicht lange auf eine Erklärung warten.

“Ich habe die Brücke ihrer Versorgungsstrecke damit eingerissen. Daher knickte auch der Mast um.”, machte er und langsam tat sich vor dem geistigen Auge der Schwarzhaarigen ein Bild auf. Sie sah betroffen fort und zurück auf ihr Essen.

“Viele Menschen starben an dem Tag.”, erinnerte sich Hjaldrist “Auch meine halbe Mannschaft.”

“Das tut mir leid…”, murmelte Anna.

“Hm. Ist ja nicht deine Schuld. Und hör damit auf dich andauernd zu entschuldigen. Das passt nicht zu dir.”, brummte der Axtkämpfer bärbeißig und die Frau musste sich ein weiteres Beteuern verkneifen. Stattdessen atmete sie bloß tief durch die Nase aus. Ob Rist sich hier gerade nur mit ihr unterhielt, weil er wusste, dass er in kommender Zeit mit Anna zurechtkommen müsste?

“Du musst nicht hierbleiben.”, sagte sie, als ihr dies durch den Kopf ging “Du kannst auch zu Aldoran, Lado und deinem Bruder in die Taverne gehen.”

“Ich weiß.”, kam es knapp zurück. Und dabei blieb es auch. Der Jarl erhob sich nicht, sondern saß weiterhin da und sah vor sich hin, während er eine Walnuss zwischen den Fingern drehte. Ob seine Gedanken gerade auch im Kreis rannten? Oder war es ihm schlicht egal, dass Anna neben ihm saß und planlos in ihrer dicken Suppe herumstocherte? Oh, sie war so nervös. Und sie hatte das drängende Gefühl irgendetwas sagen zu müssen. Nur was? Eigentlich hatte die Nordländerin enorm viele Fragen, die sie Hjaldrist stellen wollte. Sie beide hatten sich über ein halbes Jahr lang nicht gesehen und es war so viel passiert. Und dennoch fühlte sich keine Frage in ihrem Kopf angebracht an. Nun ja, jedenfalls keine, außer eine ganz bestimmte:

“...Rist?”, entkam es Anna und sie sah fast schon schüchtern von ihrem Essen auf.

“Hm?”, machte der Mann mürrisch.

“Hast du Lust zu würfeln…?”

Die Brauen des Jarls wanderten auf dies hin langsam in die Höhe. Er betrachtete die verunsicherte Novigraderin und da war ein Funke Überraschung in seinem Blick. Nahezu perplex blinzelte er und einen ganz kurzen Augenblick lange war da der alte Käferschubser von früher. Aber eben nur für eine Sekunde. Denn dann kam der neue Clananführer zurück und schnaufte leise.

“Nein…”, antwortete er und Anna versuchte nicht enttäuscht auszusehen “Ich gehe ins Bett.”

Und damit fischte Rist nach seiner Krone, setzte sie sich auf und machte Anstalten aufstehen zu wollen. Die erwartungsvolle Alchemistin schloss den Mund und sah auf ihren Gemüseeintopf mit Speck zurück. Bei Melitele, war sie dumm. Das war gerade eben echt peinlich gewesen. Anna sah nicht auf, als sich Rist seinen dunkelblauen Mantel von der Stuhllehne nahm, um ihn sich umzulegen. Er fasste nach seiner Krücke, die neben ihm am Tisch gelehnt hatte und erhob sich mühsam. Die burschikose Nordländerin fühlte sich derweil wie ein begossener Köter. Und sie rechnete eigentlich nicht damit, dass der Jarl noch etwas sagen würde. Doch dann holte er Luft für ein paar letzte Worte.

“Morgen.”, sagte er und Anna äugte fragend zu ihm “Dann würfle ich gern.”

Und damit wollte er sich abwenden. Aus seinem Plan sich hinlegen zu gehen, wurde so schnell aber nichts. Denn im nächsten Atemzug platzte Haldorn schon in das kleine, gemütliche Haus und sah dabei alles andere als glücklich aus. Anna erschrak, als er die Türe impulsiv aufriss und mitsamt dem eingewickelten Silberschwert unter dem Arm hereingepoltert kam. Er ließ die Türe sperrangelweit offen, weswegen ihn ein kühler Luftzug begleitete.

“Spinnst du?”, maulte der raue Skelliger und die anwesende Frau fixierte sofort wieder ihre tönerne Eintopfschüssel “Stimmt es, was dieser Aldoran sagt?”

Man hörte Hjaldrist entnervt stöhnen.

“Ja.”, sagte er.

“Was zum-?”, empörte sich Haldorn und musste erst einmal Worte finden “Wie-... WARUM?”

“Ich erkläre es dir, wenn du dich beruhigst.”, gab der Ältere viel besonnener zurück.

“Nein, sicher nicht.”, brummte sein Bruder “Du hast gesagt, du verabschiedest dich von ihr! Und dass wir OHNE sie zurück nach Undvik segeln! Hast du mich etwa belogen?”

“Nein, habe ich nicht. Die Gegebenheiten haben sich nur stark geändert.”, antwortete Hjaldrist und Anna, die halb mit dem Rücken zu den Männern dasaß, stierte in ihren Eintopf.

“Was, ‘geändert’? Was soll sich denn daran geändert haben, dass die dich verarscht hat?”, beschwerte sich der jüngere Undviker grantig.

“Nichts. Aber wie gesagt erkläre ich es dir, wenn du runterkommst.”

“Pah!”

“Haldorn… zwinge mich nicht dazu einen auf Jarl machen und dir dein Maul verbieten zu müssen.”

“Was denn? Sie will ja nicht einmal das Schwert! So undankbar ist die!”

“Tja.”

Man hörte schnelle Schritte und wie Haldorn über die knarrenden Dielen hereingetrampelt kam. Der dunkelhaarige Krieger kam direkt an den Tisch und warf Anna das Bündel in Grün und Blau hin. Sie zog den Kopf ein, als es schepperte.

“Bist dir wohl zu gut dafür!”, warf er böse vor “Mein Bruder ist viel zu nett!”

Stumm sah die blasse Giftmischerin auf.

“Warum nimmst du es nicht, ha?”, wollte der junge Falchraite wissen “Sag schon!”

“...es war kein Auftrag. Ich nehme von Freunden keine Bezahlung an.”, sagte die Schwarzhaarige leise und wiederholte damit das, was sie heute Mittag in der Taverne von sich gegeben hatte.

“Was? Welcher Auftrag?”, maulte der verärgerte Undviker “Weißt du überhaupt, wie lang wir hierher gesegelt sind, Weibsbild? Fast vier Wochen! Und das mit einer erschöpften Mannschaft und einem schwer verwundeten Jarl!”

Anna verstummte wieder. Es tat ihr leid, aber nur wegen dieser Szene hier würde sie ihren Standpunkt zu Freundschaftsdiensten nicht ändern. Sie wollte nicht, dass Rist ihr irgendwelchen Sold gab. Der Mann schuldete ihr nichts.

“Eine undankbare Närrin bist du!”, spie Haldorn und sein Bruder tat nichts dagegen. Vielleicht war er ja derselben Meinung wie der Seeräuber und sein Schweigen eine tonlose Zustimmung. Anna’s Blick sank leicht zur Seite fort. Sie, so reumütig sie auch war, würde nichts mehr entgegnen und stur bleiben. Sie hatte keine Lust auf dies hier.

“Tse.”, schnaubte der Pirat noch abschätzig. Dann machte er kehrt, um davonzurauschen. Mit wehendem Pelzmantel verließ er die Hütte und schimpfte, draußen angekommen, schon wieder ungläubig vor sich hin. Rist lief Haldorn noch nicht hinterher. Stattdessen stand er da und schien nachzudenken. Noch einmal sah er zu Anna zurück, die mit leicht angezogenen Schultern und ziemlich angespannt dasaß. Sie atmete tief aus und ihre Lungen zogen unangenehm stechend, weswegen sie leise keuchen musste.

“...Ich bin nicht undankbar.”, sagte sie mit gesenkter Stimme und ohne den Kopf zu heben “Ich habe Scheiße gebaut… ja. Aber wie soll ich beweisen, dass es mir leidtut, damit nicht jeder absolut wütend auf mich ist...?”

“Vielleicht wäre es klug zu handeln, anstatt nur zu reden.”, sagte der anwesende Jarl trocken.

“Und wie?”, murmelte Anna vor sich hin und fühlte sich längst wieder elend “Was soll ich denn machen?”

“Ich weiß es nicht. Lass dir etwas einfallen.”, machte Rist unbeteiligt.

“Und… glaubst du mir dann…?”, fragte sich die Sitzende.

“Das kann ich dir nicht sagen. Wie schon gesagt hast du mein Vertrauen missbraucht. Und so schnell verzeihe ich nicht. Gerade DIR nicht, Arianna.”

Die Kräuterkundige schluckte schwer, doch nickte schwach. Sie schlug die schwarzen Augen nieder und nahm alles so hin. Entwaffnend ohnmächtig fühlte sie sich gerade. Und dann kam ihr ein Einfall.

“Meine Alchemiekiste steht oben in meinem Zimmer. Ich schlafe über dem Gastraum, den man euch beiden gegeben hat.”, fing die Schwarzhaarige lethargisch an “Geh hoch. Nimm das Zeug. Wirf es weg. Es ist mir egal.”

“Was?”, fragte der Skelliger mit der Jarlskrone am Kopf verwirrt.

“Schmeiß all den Kram ins Feuer oder sonst wo hin. Vielleicht hilft es dir ja dabei meinen Worten im Ansatz zu glauben. Ich… nehme kein Gift mehr. Und ich muss auch keine Kräuterprobe mehr erforschen… ich will das alles nicht länger. Und ich möchte, dass man das versteht.”

“Das werde ich nicht tun.”, kam es schlicht zurück und Anna biss die Zähne zusammen. Sie fühlte sich mit jedem Moment, den sie hier saß, kleiner, dümmer und unbeholfener. Also verfiel sie lieber wieder in verzweifeltes Schweigen, bevor sie noch mehr aussprach, das man als Blödsinn ansehen könnte. Ach, was sollte sie machen? Hjaldrist meinte, sie solle Handeln, anstatt zu Versprechen. Nur wie denn? Sie hatte keinen Schimmer und das frustrierte sie. Gerade konnte sie rein gar nichts tun, außer im Bett zu liegen und Blut hochzuröcheln. Großartig war das, ganz toll.

“Und wegen dem Schwert…”, fing Rist noch einmal an “Ich nehme an, du hast dir das Tuch, in das es eingeschlagen ist, noch nicht genau angesehen.”

Anna, die es heute nicht mehr schaffte einen positiven Gedanken zu fassen, sah weiter ermattet vor sich hin. Ihre etwas glasigen Augen wanderten zu dem eingepackten Schwert, das vor ihr auf der angekrümelten Ablage ruhte. Grün und Blau. Der Plaid-Stoff war derselbe, wie ihn Rist und alle seines Clans als Schärpen, Überwürfe oder Schals trugen, um sich als zugehörig und loyal auszuzeichnen.

“Tu das mal. Und dann überdenke, was die Waffe für dich bedeuten könnte.”, riet der Jarl zum Abschied. Und damit ging er. Nachdem er die Schwelle arg hinkend übertreten hatte, schloss er die Türe leise hinter sich und ließ Anna mit ihrem brummenden Schädel, dem länglichen Tuch in den Clanfarben der Falchraites und dem wertvollsten Silberschwert, das sie je gesehen hatte, allein.

 

Es dauerte vielleicht eine Stunde, wenn nicht etwas mehr, bis auch Anna zurück in ihr Bett gehen wollte. Obwohl sie vor dem Essen noch recht wach gewesen war, war sie nun schon wieder müde und dies besorgte sie nicht einmal mehr. Es war momentan normal, dass sie sich schnell abgeschlagen fühlte. Also wollte sie es Hjaldrist gleichtun und schlafen gehen. Als sie Lado’s Haupthäuschen daher verließ, tat sie das mit dem in Stoff eingeschlagenen Silberschwert in den Händen. Ja, tatsächlich hatte sie es an sich genommen und gedachte es in ihrem Zimmer zu Stahlschwert, Messer und Rüstung zu legen. Denn sie hatte nachgedacht. Rist hatte Anna, bevor er sie für heute allein gelassen hatte, empfohlen sich das Tuch, in das er das Langschwert eingewickelt hatte, noch einmal genauer zu besehen. Und dass sie daraufhin überlegen sollte, was die Silberwaffe für sie sein könnte, wenn schon keine Bezahlung. Und das hatte Anna getan. Die Novigraderin hatte noch in Ruhe eine Tasse Tee getrunken und ein paar Nüsse gegessen, während sie das Bündel aus Undvik vor sich auf der Tischplatte angestarrt hatte, als wisse sie nicht, was sie von ihm halten sollte. Dabei hatte sie sich in Erinnerung gerufen, was Schärpen in Hausfarben auf den Inseln für deren jeweilige Träger bedeuteten. In erster Linie hatte sie dabei die Krieger und Schildmaiden der Clans im Kopf gehabt. Wachen in etwa, wiesen sich mit den Familienfarben ihres Jarls aus, um klar erkennbar zu sein. Doch Anna war es auch klar gewesen, dass Hjaldrist NICHT mit dem Ziel hierhergekommen war sie zurück zur Winterinsel zu holen oder einzustellen. Bei Melitele! Die Frau war nicht dumm und hatte den Widerwillen im Gesicht des älteren Westländers gesehen, als sie sich zum ersten Mal wieder getroffen hatten. Niemand konnte ihr also erzählen, dass er mit der Idee nach Bogenwald gekommen war, dass sich Anna die ‘Verpackung’ ihres ‘Solds’ als Schärpe um die Mitte wickeln könnte. Und als sie ausgehend davon weiter gegrübelt hatte, hatte sie eine zweite Bedeutung der skellischen Plaids gefunden: Sie waren ein persönliches Bekenntnis. Wenn man sie trug, war dies doch wie ein Versprechen, oder nicht? Hjaldrist hatte Anna vorgeschlagen zu handeln, anstatt zu reden. Sie wollte alles, was sie vermasselt hatte, wieder gut machen und ihr ehemals engster Freund würde sie mit nach Undvik nehmen. Was könnte da also näherliegen als der Versuch zu zeigen, dass man es dieses Mal ernst meinte; Sich zu bekennen, Neues anzunehmen und sich Mühe zu geben, auch, wenn man gerade nicht die Stärkste oder Aktivste war? Also hielt die Alchemistin das Silberschwert fest, als sie die kleine Gasse nahm, die zum Zweithaus Lados führte. Und dies tat sie mittlerweile so, wie es sich für die teure Waffe gehörte: Als sei sie ein Schatz. Die Klinge und auch der blau-grüne Stoff waren für sie und nach dem heutigen Abend keine hohe Bezahlung für einen Auftrag mehr. Denn von Freunden nahm sie so etwas nicht an. Sondern sie waren ihre neue Ausrüstung für das, was sie in Zukunft besser machen wollte: Für das ‘Handeln’ und nicht das ‘Reden’. Oh, vielleicht ginge es ihr bald ja tatsächlich ein wenig besser und sie könnte sich auf dem kalten Undvik irgendwie nützlich machen. Nicht als Kriegerin, aber vielleicht in irgendwelchen theoretischen oder alchemistischen Monstersachen. Auf der Winterinsel gab es doch eine Ogroiden-Plage, nicht? Anna kannte sich gut mit solchen Viechern aus und wusste, wie man starke Waffenöle mischte, die diese Biester schneller zu Fall brachten. Hjaldrist, wenn er es denn wollte, könnte dahingehend auf sie zählen. Und Anna hoffte inständig, dass er vorhatte sie irgendwie einzubinden, anstatt sie links liegen zu lassen.

Anna ging, dick in ihren roten Mantel gehüllt, auf die kleine, hölzerne Außentreppe zu, die in ihr Zimmer im Obergeschoss des zweiten Hauses der Viper führte, als sie unweit eine bekannte Stimme hörte.

“Ich musste es tun.”, das war Vadim “Es gab keinen anderen Weg.”

“Das ist doch bescheuert!”, blökte eine Frau ganz außer sich. Kasia. Anna hatte sie im Frühjahr, vor Angren, in irgendeiner heruntergekommenen Kaschemme kennengelernt und ihre Miene wurde hart, als sie daran dachte. Die raue Alchemistin hatte sich damals vollkommen zulaufen lassen und Fisstech genommen, um zu vergessen. Niemals hätte sie gedacht, dass irgendwer sie an diesem Abend behelligen würde, denn ihre Laune war sichtlich beschissen gewesen. Doch Kasia, die damals als gefeierte Bardin im Gasthaus aufgetreten war, hatte sich irgendwann zu ihr gesellt. Die überdrehte Temerierin mit der blauen Gugel und der zweifarbigen Hose hatte der vollkommen abgeschossenen Anna gesagt, dass sie ‘doch nicht so finster dreinsehen’ sollte und einen Arm leger um sie gelegt. Sie hatte sie auf ein Bier eingeladen. Dann war da ein Gedankenloch. Und das nächste, woran sich die burschikose Nordländerin erinnerte war, dass sie gegen irgendetwas kämpfte, wegrennen musste, Kopf und Kragen riskierte und Kasia erst ängstlich schrie, dann lachte. Wieder eine Erinnerungslücke. Anna verlor ihren Silberdolch irgendeiner Wette wegen gegen die kichernde Bardin aus Temerien. Und dann, etwas selbstgemachtes Fisstech später, hatte Anna die halbnackte Kasia von sich gezwängt, weil sie für sich erkannt hatte, dass es mit niemandem so war, wie mit Rist. Wahrscheinlich hatte sie mit der lustigen Temerierin herumgemacht. Sie wusste es nicht mehr so genau. Doch zum Glück war sie rechtzeitig wieder halbwegs zu Sinnen gekommen und hatte sich mit noch mieserer Laune, als zuvor, abgewendet, ehe ihr die Sängerin mit dem dunklen Zopf an die Wäsche gehen hatte können. So hatte sich Anna zumindest ein ziemlich betretenes Wiedersehen an Bord des Schiffes aus Verden erspart. Kasia war dort nämlich an Bord gewesen und hatte ihre alte Bekannte sofort sehr kokett begrüßt, ehe sie erkannt hatte, dass es der Schwarzhaarigen absolut nicht gut ging. Und irgendwoher schien die Bardin auch Vadim zu kennen. Doch diese Geschichte hatte Anna verschlafen. Vielleicht würde sie bei Gelegenheit einmal nachfragen.

“Einen Blutpakt, Vadim! Mit DER?”, schnaufte die sonst so fröhliche Bardin verärgert und Anna, die unweit des Platzes stand, auf dem sich Vadim und die Temerierin gerade stritten, spitzte die Ohren.

“Sie wird mir helfen.”, brummte der Wolf entschlossen “Sie ist eine mächtige Frau und weiß, wie die Hexen ticken. Sie ist selbst eine.”

“Argh.”, keuchte Kasia “Mach doch, was du willst! Ich gehe jetzt in die Taverne und habe endlich etwas Spaß!”

Vadim schwieg und die lauschende Giftmischerin mit dem blassen Gesicht runzelte die Stirn. Wovon hatten ihr grimmiger Ziehonkel und sein Liebchen gerade geredet? Blutpakt? Hexen? Mächtige Frauen? Wahrscheinlich ging es um Vadim’s Suche nach der Knochenmutter. Seit Jahren suchte er verbissen nach dieser ‘Baba Jaga’, um sie zu töten. Er war schier besessen davon. Doch diese uralte Hexe war stets wie vom Erdboden verschluckt. Manchmal fragte sich Anna gar, ob es nicht besser wäre, Vadim vergäße, was dieses Weib ihm einst angetan hatte: Ein Mündel des Hexers hatte sie getötet und nur wenige wussten das. Der von seinen Erinnerungen gequälte Vatt’ghern sprach nämlich nie darüber, weil er so sehr darunter litt. Baba Jaga hatte ihm damals auch seine hässliche Gesichtsnarbe und das blinde Auge eingebracht. Er hatte es Anna, Jaromir und Balthar irgendwann im Winter in Kaer Morhen anvertraut. Aber das war nun schon JAHRE her. Offensichtlich ließ er das Thema noch immer nicht ruhen. Schwierig. Doch vielleicht sollte sich Anna darüber keinen allzu großen Kopf machen. Zwar sorgte sie sich irgendwo um Vadim, doch sie hatte auch selbst große Probleme, mit denen sie zurechtkommen müsste. Außerdem würde der Mutant so und so nicht mit ihr sprechen, wenn es um Baba Jaga ging. Bezüglich dieses Themas war er für gewöhnlich immer sehr… für sich. Also würde sie Vadim in Ruhe lassen. Wäre wohl am besten so.

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