Kapitel 108 (Buch 4, 11)

VA FAIL, ELAINE. CAED'MIL FOLIE!

“Und er suchte gestern tatsächlich diese Bogenwald-Hexe auf und meinte, er will mit ihr irgendeinen Blutschwur eingehen!”, beschwerte sich die Bardin in Blau, die mit an Lado’s kleinem Esstisch saß. Hjaldrist runzelte die Stirn, als die Frau schimpfte, wie dämlich Vadim doch sei - das vielleicht sogar zurecht. Der einäugige Wolf war heute Morgen noch da gewesen, um sich anzuhören, was mit Anna los war. Lado uns Hjaldrist hatten ihn aufgeklärt, ihre dunklen Vermutungen dargelegt, und Vadim hatte grimmig gestarrt und langsam genickt. Dann war er gegangen, um nachzudenken und in seinen vielen Aufzeichnungen und dem Bestiarium nachzuschlagen. Seither war er fort. Mittlerweile war es kurz vor Mittag. Und vor wenigen Momenten war die temerische Begleiterin des Hexers aus Kaer Morhen aufgetaucht, um sich lauthals zu beschweren. Anna, die im weiten Leinenhemd herumsaß, war nach ihr hereingekommen, um sich blass zu setzen und stumm einen Krug Wasser an sich heranzuziehen. Da hatte sich Kasia direkt an sie gewandt. Die sehr offene Sängerin trug ein Barrett am Kopf, an dem eine große Feder steckte. Dunkles Haar fiel darunter hervor und ihre geschminkten Augen waren ärgerlich verengt. Gerade, da wirkte sie wahrlich nicht so, als gäbe sie bald wieder Ruhe.

“Einen Blutschwur…?”, fragte die anwesende Giftmischerin mit rauer Kehle nach und der Jarl sah erst zu Kasia, dann zu ihr. Es fühlte sich eigenartig an Anna gegenüber zu sitzen. Hjaldrist war ihren Anblick nicht mehr gewöhnt. Und sie sah sehr, sehr fertig aus, obwohl sie lange geschlafen hatte. Ihr Zustand war augenscheinlich kritischer, als erwartet und der Jarl machte die Lippen skeptisch schmal, als er das erkannte.

“Ja, keine Ahnung, wie man das genau nennt.”, stöhnte die Bardin und war bestimmt nur so aufgebracht, weil sie sich sorgte. Sie scherte sich sehr um Vadim, das hätte ein Blinder bemerkt. Und sie wusste gerade nicht weiter, weswegen sie Anna behelligte. Sie war eine gute Seele, ganz sicher.

“Was haben sie denn genau gesagt…? Ein Schwur kann vieles sein. Erzähl doch mal von vorn.”, hakte Anna weiter nach und ihre Stimme war etwas dünn. Gedanklich war sie nicht so ganz da. Hjaldrist, der seine ‘besonderen’ Fähigkeiten in den letzten Monaten immer besser in den Griff bekommen hatte, bemerkte das. Er fühlte das Wirrwarr im Kopf der matten Novigraderin, die soeben mehr an ihre Gesundheit dachte, als an ihren Ziehonkel. Und er schwieg weiterhin, während Kasia aufgeregt erzählte.

“Wir waren bei den drei Hexen, die in der Nähe im Wald hausen. Lado sagte, sie seien nett. Also wollte Vadim Hilfe bei ihnen suchen, weil er irgendeine Knochenmutter finden will.”, seufzte die Bardin tief “Wir sind also zu ihnen. Ich wartete zwischen Tür und Angel, während Vadim sehr lange mit denen redete. Sie machten irgendetwas mit dem Schädel, den er immer am Gürtel hängen hat und-”

“Was ist mit dem Schädel?”, fragte Hjaldrist jetzt dazwischen. Damals, vor Cintra, hatte der Wolf jenen schon andauernd mit sich herumgetragen. Die Trophäe sah aus, wie ein menschlicher Kopf, der in einem kleinen Sack steckte, den man verschnürt hatte. Es war morbid.

“Angeblich gehörte er einer Tochter oder Schwester der Knochenmutter. Oder so ähnlich. Vadim tötete sie und seither gibt er den Kopf nicht mehr her. Er schleppt ihn permanent mit sich herum.”, erklärte Kasia verzweifelt “Götter, diese Hexer sind so eigenartig…”

Lado räusperte sich pikiert, doch wurde überhört.

“Jedenfalls meinte eine der Hexen - die blonde von den Dreien -, dass sie Vadim in Zukunft weiter beistehen wollen würde. Sie nahm ihn mit in ihr privates Zimmer und ich schwöre, die waren dort STUNDEN drin!”, murrte Kasia und Hjaldrist musste sich fragen, ob sie etwa eifersüchtig war. Es wäre doch naheliegend, so, wie sie sich hier gerade aufregte.

“Die blonde Hexe heißt Rosanna.”, kommentierte Lado wissend “Sie arbeitete schon immer sehr verbissen gegen alles Böse. Wahrscheinlich steht auch die Knochenmutter auf ihrer Liste, wer weiß? Ganz uneigennützig würde sie Vadim sicherlich nicht gegen solch ein riesiges Übel beistehen.”

“Ja, wie auch immer. Ich mag sie nicht.”, gab die Bardin mit der blauen Feder am Hut zu und verschränkte die Arme eng vor der Brust, während sie grantig vor sich hin sah. Ihre Augen wanderten ratlos umher.

“Und was ist nun mit diesem Schwur…?”, fragte Anna.

“Ach ja.”, Kasia schlug die Beine übereinander und lehnte sich zurück “Vadim meinte, er wolle sich durch einen Zauber und Blut an die blonde Hexe binden, damit sie ihm beizeiten auch aus der Ferne beistehen kann.”

“Bitte was…?”, murmelte Lado entrückt “Durch Blut?”

“Ähm.”, machte die Novigraderin am Tisch kritisch.

“Das gefällt mir nicht. Blutzauber und Hexen? Das ist gruselig und voll übertrieben. Keine Ahnung, warum Vadim so verbissen ist, aber ich finde, er sollte seine Jagd aufgeben.”, schnaufte Kasia und an diesem Punkt angekommen, verstand Hjaldrist ihren Unmut vollkommen. Denn das, was Vadim vorhatte, grenzte doch an Wahnsinn. Warum war er dermaßen eingenommen von dem Gedanken irgendeine Knochenmutter - was oder wer auch immer sie war - zu finden?

“Das-... also ich dachte…”, machte Anna jetzt “Ich wusste, dass Vadim der Baba Jaga nachjagt… aber ich erwartete nicht, dass er zu SOLCHEN Mitteln greifen würde. Blutmagie ist eine happige Sache. Wie soll Rosanna ihm denn genau helfen? Will sie ihn am Ende begleiten, oder was?”

“Keine Ahnung.”, Kasia zuckte mit den schmalen Schultern, über denen ein schwarzes, wärmendes Fell lag. Sie roch dezent nach einem süßen Duftwässerchen, das Hjaldrist nicht ganz einordnen konnte. Doch er fand es angenehm.

“Und was ist nun mit dem Schädel?”, fragte Lado besorgt nach.

“Er lag vorhin in seinem Zelt.”, berichtete die Bardin “Und angeblich ist er ungefährlich, nachdem die Hexen irgendein Ritual mit ihm gemacht haben. Man wollte irgendetwas, das darin steckte, austreiben. Götter, das war gruselig...”

“War der Kopf denn je gefährlich…?”, hakte der anwesende Skelliger nach, der es nicht besser wusste. Woher hätte er das auch sollen? Er wurde gerade erst zum ersten Mal mit dieser Thematik konfrontiert.

“Wahrscheinlich.”, murrte Kasia wieder.

“Wenn ich spontan schätzen müsste, dann würde ich sagen, dass abgetrennte Köpfe von mächtigen Hexen auch nach deren Tod noch denken oder sehen können.”, murmelte Anna und pustete in ihren dampfenden Teebecher “Ich habe mal eine Geschichte gehört, die in diese Richtung ging. Darin stahl ein Ritter den abgetrennten Schädel einer Sumpfhexe. Ihr Körper wollte den Kopf zurück und fand den Mann zum Schluss, weil ihre Augen noch sehen konnten und sie daher wusste, wo er sich aufhielt.”

“Genau an so etwas dachte ich auch gerade. Ich habe ein ganz schlechtes Gefühl bei der Sache…”, brummte Lado und seine Glieder waren merklich angespannt “Wo ist Vadim jetzt, Kasia?”

“Dreimal darfst du raten.”, sagte die Temerierin am Tisch mit bösem Blick und reckte das Kinn beleidigt.

“Bei Rosanna?”, tippte die Viper und die Bänkelsängerin nickte unzufrieden. Lado schüttelte den Kopf fassungslos und fuhr sich einmal mit der Hand über das unrasierte Gesicht. Dann erhob er sich schon.

“Ich gehe zu ihnen.”, sagte der katzenäugige Mann entschlossen “Und dann frage ich Vadim, ob er noch normal in der Birne ist. Er, als HEXER, sollte es doch besser wissen, als irgendwelche verfluchten Köpfe mit sich herumzutragen oder leichtfertig Blutschwüre mit Leuten einzugehen, die er nicht gut kennt. Nichts gegen Rosanna… aber dennoch...”

Lado war daraufhin schon bei seiner Garderobe und nahm dort seinen breiten Waffengurt von einem der Kleiderhaken. Er griff nach seinen zwei Schwertern und eilte dann auch schon hektisch nach draußen, um den Tag zu retten. Kasia sprang auf und lief ihm sogleich aufgeregt nach. Hjaldrist sah den beiden ratlos hinterher. Und wäre er dem Hexer früher auch einmal aufgeregt gefolgt, so blieb er nun sitzen. Im Grunde war die Baba Jaga-Geschichte nicht sein Bier und er wollte Anna nicht dazu animieren sich in diese Angelegenheit einzumischen. Sie war schließlich stets jemand gewesen, der bei Abenteuerchen, wie diesem, ganz vorne dabei gewesen war. Das bekäme ihr zurzeit schlecht.

“Oh Mann…”, sagte die genannte Kräuterkundige leise und sah auf ihr karges, verspätetes Frühstück zurück: Eine Schüssel mit längst kalt gewordenem Rührei und etwas grünem Gemüse darin, das Aldoran der naserümpfenden Frau tadelnd aufgezwungen hatte. Da stand ein kleines Fläschchen mit einem roten Hexertrank auf der Ablage daneben. Lado hatte es Anna hingestellt und sie hatte bei dem Anblick ähnlich verzwickt dreingesehen, wie bei dem Grünzeug ihres Apothekerfreundes. Hjaldrist musterte die Phiole kritisch und blickte dann wieder zu der matten Kurzhaarigen auf. Er musterte ihre Züge, die Narben, den lustlosen Blick. Hm. Anna sagte zwar, sie wolle keine Kräuterprobe mehr und bezeichnete sich selbst nicht als Vatt’ghern… aber was war sie denn nun, nach allem, was ihr widerfahren war? Angeblich konnte sie bedenkenlos hochgiftige Hexerabsude trinken und ihre Haare und Augen waren so verändert. Sie waren dunkel, wie bei pechschwarzen Tieren, deren Fell eigentlich hellere Farbtöne aufweisen sollte. Man konnte dahingehend doch von einer Mutation reden, oder nicht? Es war wie bei Albinos, nur verkehrt herum, und Anna war kein normaler Mensch mehr. Alleine ihre Ausstrahlung war irgendwie… anders. Nicht schlecht, doch verdreht. Der Jarl konnte es sich nicht so recht erklären.

“Vadim sucht die Knochenmutter schon seit Jahren…”, sprach die jüngere Giftmischerin ruhig aus, als sie etwas Ei auf ihre Gabel spießte “Sie hat ihn früher einmal schwer verwundet. Darum die Narbe und das blinde Auge. Und sie hat einen Jungen getötet, den er nach Kaer Morhen bringen wollte. Also… um genau zu sein, zwang sie ihn über irgendeinen Zauber zum Selbstmord.”

“Zum Selbstmord…?”, fragte der aufhorchende Hjaldrist nach, der seinem Gegenüber dankbar dafür war nicht nach einer Aufklärung betteln zu müssen.

“Hm, ja. Der Junge war zuvor Baba Jaga’s Gefangener. Genauso, wie seine Schwester, hatte die Hexe ihn in ihrem Haus im Wald eingesperrt. Sie wollte die Kinder essen und Vadim konnte nicht beide von ihnen retten. Es gab einen harten Kampf und am Ende nahm Vadim den Jungen mit sich, der dabei zusehen hatte müssen, wie die Knochenmutter seine Schwester fraß.”, erzählte Anna mit leicht kratziger Stimme weiter “Vielleicht war es ja auch diese fürchterliche Erinnerung, die ihn dazu brachte sich selbst zu töten. Er sprang jedenfalls von einer Klippe und Vadim kam eine Sekunde zu spät. Er sah den Jungen sterben und macht sich wohl bis heute Vorwürfe deswegen. Das Ganze prägte ihn sehr.”

“Verstehe… dann macht es wohl Sinn, dass Vadim so rachsüchtig ist, wenn es um Baba Jaga geht.”, fand der Skelliger und zog die Brauen zusammen.

“...Wenn man von irgendeinem Ziel besessen ist, tut man manchmal arg dumme Sachen, um es zu erreichen.”, lächelte Anna melancholisch und sah nicht auf. Stattdessen aß sie still etwas von ihrem nach Butter duftendem Frühstück - oder Mittagessen. Sie verkniff sich ein Husten und fasste sich schwer ausatmend an den Brustkorb. Ihr Blick fiel auf das kleine Trankfläschchen am Tisch, als sei jenes ein Feind, und sie griff nicht danach. Offenbar schmeckten Hexertränke nicht sonderlich gut, weswegen Anna den Zeitpunkt, an dem sie Schwalbe trinken würde, hinauszögern wollte. Hjaldrist beobachtete das schweigend. Er konnte gerade nichts für die schwarzhaarige Alchemistin tun und sich nur wieder ein wenig über ihre Worte von gerade eben wundern. Vielleicht hatte sie ja wirklich Vernunft gefunden. Der kritische Undviker zweifelte noch immer stark daran, doch er hoffte, dass die Kranke in nächster Zeit genauso besonnen bliebe, wie sie es im Moment war.

“Ich habe mit Haldorn geredet, Anna.”, warf Hjaldrist ein, als er damit aufhörte die besagte Frau grüblerisch zu taxieren. Sie linste her.

“Er ist nicht begeistert davon, dass du mitkommst… doch er kann auch nichts dagegen sagen, wenn ich es so will. Das weiß er.”, erklärte der Jarl, der heute nach dem Aufstehen eine lange, laute Diskussion mit seinem jüngeren Bruder geführt hatte. Seither ging ihm Haldorn aus dem Weg, doch das würde sich bald legen. Dieser Kerl war zwar schnell einmal beleidigt, doch genauso bald wieder gut gelaunt.

“...Und?”, machte die Giftmischerin und vermeintliche Mutantin.

“Wir wollen in spätestens drei Tagen los. Unsere Mannschaften sind am Hafen und ich will sie nach allem, was in den letzten Wochen geschah, nicht länger dort warten lassen.”, meinte der Skelliger “Fühlst du dich gesund genug, um bald zu gehen?”

“Ja.”, sagte Anna, deren Ausdruck sich erhellte, auffallend schnell “Also… es wird gehen müssen, meine ich.”

Hjaldrist nickte zufrieden.

“Hast du dich bezüglich Aldoran’s Schlaftrank schon entschieden?”, fragte er weiter nach und die Frau bei ihm gab einen zustimmenden Laut von sich.

“Ich werde ihn nehmen.”, sagte sie kühn “Ich… habe keine Angst. Und ich halte heute sehr viel aus, wenn es um Tränke geht. Also ist es mir viel lieber, wenn Aldoran mich einschläfert, bis wir auf Undvik sind.”

“Mhm.”, brummte der Inselbewohner mit den silbern melierten Haaren und rieb sich das Kinn nachdenklich. Er verspürte gemischte Gefühle, wenn er an den Plan des legeren Apothekers dachte, doch die Entscheidung darüber lag bei Anna. Und wenn sie meinte, die Methode des Bogenwalders mit dem Lederhut sei sicher, dann sollte es so sein.

“Wir ruhen uns noch zwei Tage aus.”, entschloss der Westländer “Und dann ziehen wir los. Lass dich solange nicht von Vadim’s Kopflosigkeit anstecken, hörst du?”

Anna nickte langsam.

“Das… habe ich nicht vor. Keine Sorge. Ich bin nicht in der Verfassung meine Nase in irgendwelche Miseren reinstecken zu können. Und ich will es auch nicht.”, versprach sie. Und sie wirkte schon wieder so ungewohnt vernünftig dabei. Tse. Verkehrte Welt. Sich davon abhaltend den Kopf ungläubig zu schütteln, fasste Hjaldrist nach seinem Krug. Er würde austrinken und sich dann etwas unter die hiesigen Dörfler mischen. Auch Anna fing wieder damit an lustlos in ihrem Essen herumzumatschen. Dies jedoch nicht lange, denn es dauerte nur wenige Augenblicke, bis man von draußen ein lautes Trara vernehmen konnte. Hjaldrist sah auf und seine braunen Augen suchten die Fensterfront des Raumes, durch die man einen guten Blick auf den Hauptplatz Bogenwalds hatte. Vadim war dort und marschierte soeben, verfolgt von Lado und der meckernden Kasia, auf das kleine Haupthaus der Viper zu. Der alarmierte Undviker verengte den Blick und fasste nach seiner Krücke. Auch Anna hob den Kopf irritiert an. Und dann war der einäugige Vatt’ghern aus Kaer Morhen schon da. Er platzte in den Raum und sah dabei alles andere, als froh aus. Ja, im Gegenteil: Er wirkte nahezu panisch. Und plötzlich hielt er einfach auf Anna zu. Hjaldrist erhob sich dank seiner Gehhilfe relativ schnell und kam einen hinkenden Schritt weit vor, denn Vadim mutete an, als wolle er seine Nichte packen. Was wollte er bloß von ihr? Was war los?

“Vadim!”, machte der Skelliger mahnend. Und tatsächlich war der besagte Mutant gleich bei Anna, um sie an der Schulter zu erwischen und sie so dazu zu zwingen sich fragend zu ihm umzusehen.

“Wa-was…?”, keuchte die Novigraderin zerfahren und vor Schreck war ihr die Gabel aus der Hand gefallen. Klappernd fiel das hölzerne Besteck gegen die Tischkante, dann zu Boden.

“Was wird das?”, wollte der kritische Jarl wissen, dem der Blick des Wolfes nicht gefallen mochte. Denn der sah nicht nur zerstreut und aufgebracht aus, sondern auch so, als habe er irgendetwas mit der beachtlich kranken Anna vor.

“Ihr.”, fing der blonde Hexer mit dem blinden Auge grollend an. Er war vollkommen außer sich, als er Anna fest anstarrte.

“Wenn es wahr ist, dass Ihr ein mächtiger Magier seid, dann kommt raus!”, forderte Vadim und die Alchemistin, die er an der Schulter festhielt, sah aus, als verstehe sie die Welt nicht mehr so ganz. Auch Lado kam, gefolgt von Kasia, herein und sein Ausdruck war finster.

“Vadim!”, brummte die Viper warnend.

“Was tust du denn da?”, maulte die Bardin “Lass Anna in Ruhe, ihr geht es nicht gut!”

“WENN Ihr da seid und das hier seht, dann kommt heraus und helft mir! Jetzt! Ich tue dafür alles, was Ihr wollt! Alles!”, bellte Vadim und Anna sah ihn aus ganz großen Augen an. Bei Hemdall, was zum Geier? WAS tat dieser Idiot da?

“Lass das!”, erhob Hjaldrist die Stimme herrisch, doch hier, auf Siofra war er kein Anführer. In Bogenwald war er kein Jarl, dem die Leute gehorchen sollten. Hier war er, wie so viele, ein Niemand ohne politische Macht oder Autorität und daher ignorierte Vadim ihn schlicht.

“Vadim, spinnst du?”, schnarrte Lado, der von hinten kam und den Wolf rücklings an beiden Schultern erwischte. Barsch zog er den Blonden daran zurück und riss ihn dabei fast von den Beinen. Es polterte.

“Es geht um ein Leben!”, schrie Vadim außer sich. Der Hexer aus Kaer Morhen taumelte, gepackt von Lado, zurück und mit der Seite voran an den Türrahmen. Seine Augen suchten Anna noch einmal drängend und er wandte sich ab. Hjaldrist’s Mundwinkel zuckte wütend, als er da stand und sich auf seine Krücke stützte. Und Vadim… der rannte drauflos und davon.

“Was zum…”, flüsterte der versehrte Axtkämpfer und Lado warf ihm einen ernsten Blick zu “Was sollte das denn eben? Lado?”

“Irgendetwas ist mit dieser Rosanna…”, meinte der Glatzköpfige und atmete schwer, denn er war offensichtlich hierher gerannt “Vadim und die anderen beiden Hexen sind deswegen ganz außer sich. Es-”

Der bärtige Mutant hielt inne, als sich Anna erhob und einmal tief durchatmete.

“Anna…”, mahnte Hjaldrist gleich, als er das sah “Halte dich, wie versprochen, aus der Sache raus.”

Die Schwarzhaarige hob den Kopf zögerlich und ihre Augen streiften den Jarl und Lado lieblos. Sie lächelte seicht. Dann gluckste sie amüsiert und ein Schatten legte sich über ihre Miene. Die gesamte Atmosphäre im Haus kippte sofort in eine bedrohliche Richtung.

“Scheiße.”, keuchte der Undviker, als er sofort verstand, was los war, und die Nackenhärchen stellten sich ihm auf. Der Magier aus Verden hatte Vadim tatsächlich gehört. Hieß das… hieß das etwa, dass er durch Anna immer anwesend war? Nein, das durfte doch nicht wahr sein! Und Vadim hatte diesem Arschloch auch noch versprochen, dass er für dessen Hilfe alles tun würde. Dieser verzweifelte Narr!

Ohne ein Wort von sich zu geben, wandte sich die Frau aus Novigrad ab, um auf die Tür zuzugehen. Ihre Art sich zu bewegen war in diesem Moment genauso verändert, wie ihre Mimik. Sie-... nein, DER Fremde in ihrem Körper schritt nahezu grazil voran und ignorierte den starrenden Lado einfach, als er an jenem vorbeiging, um nach draußen zu treten. Hjaldrist sah dem arroganten Magier verdutzt nach und wusste erst nicht, was tun. Doch dann setzte auch er sich in Bewegung, so schnell es sein verwundetes Bein zuließ. Man durfte den Wahnsinnigen, der in Anna steckte, nicht einfach so hier herumlaufen lassen.

“Los!”, keuchte der Jarl an Lado gerichtet und ging hinaus in den Nieselregen. Suchend sah er sich um und bemerkte, wie der Magier bereits den Hauptplatz überquerte, der auf den planen Weg zum Dorftor führte. Es war, als wüsste er genau, wo sich Vadim aufhielt und als wolle er zu ihm. Elfengleich dahinspazierend ging der Fremde an so manchen unbedarften Dörflern, dem Schwarzen Brett und der Wachstube vorbei. Und dann, am Flügeltor im Dorfwall angekommen, stellten sich ihm zwei der pflichtbewussten Wachen in den Weg.

“Mädchen!”, hielt einer der Männer ihn auf “Du solltest nicht in den Wald. Lado sagte, dass er es nicht erlaubt, dass du alleine rausgehst.”

“Ja, bleib hier. Du bist doch krank.”, nickte der zweite Wachmann, der keine Ahnung hatte, mit was oder wem er gerade sprach.

Anna’s Körper hielt an und man sah, wie ihre schwarzen Augen wenig beeindruckt zwischen den Soldaten hin und her wanderten. Es war, als überlege sich ein Raubtier gerade, welches seiner erlegten Beuten es zuerst fressen sollte.

“Passt auf!”, rief Hjaldrist warnend aus dem Hintergrund und einer der verwirrten Wachmänner sah über die Schulter des Magiers zu ihm. Da fuhr die Hand des Irren auf einmal vor. Er packte an die Schläfe des verdutzten Kriegers, murmelte etwas und auf einmal sackte die schwer gerüstete Wache einfach so in sich zusammen. Der Kollege des Ohnmächtigen verfiel ob dem in Hektik und zog das Langschwert, doch der Unbekannte war schneller. Er erwischte den Größeren am Hals, legte den Kopf freudlos lächelnd schräg und starrte bloß. Und als er losließ kippte auch der zweite Krieger auf den feuchten Boden. Über seine Schulter sah der Wahnsinnige in der rot-schwarz gestreiften Jacke zu Hjaldrist zurück. Und seine Lippen verzogen sich zu einem überheblichen Grinsen. Das kalte Wetter passte so gut dazu und der ratlose Undviker stockte unbeholfen. Lado hastete in dieser Zeit schon am sprachlosen Jarl vorbei, um zu dem ruchlosen Magier zu gelangen. Jener zeigte sich davon wenig eingeschüchtert, wendete sich einfach fort und ging weiter, um das Dorf zu verlassen. Ja, der dreckige Bastard drehte einem wütenden Hexer einfach so den Rücken zu. Die entschlossene Viper erreichte ihn und erwischte ihn am Oberarm, um ihn festzuhalten. Lado zog dabei keine Waffe, denn er wollte Anna nicht verletzen. Daher riss er deren Leib nur mit bloßer Körpergewalt an sich heran. Hjaldrist, der mit seiner Krücke nicht so schnell humpeln konnte, erreichte die beiden erst, als Lado plötzlich vor dem Magier zurückwich und den Mann im Frauenkörper entrückt ansah.

“Lado!”, keuchte Hjaldrist verwirrt und bemerkte, dass das Katzenauge seinen Dolch zog.

“Mh. Und jetzt haltet sie Euch an die Kehle.”, lächelte der Fremde und Lado tat wahrhaftig, was jener wollte. Es war erschreckend. Mit zitternder Hand erhob der Vatt’ghern das aufblitzende Messer, um sich dessen scharfe Schneide an den entblößten Hals zu halten. Anna’s Augen indes, wanderten von dem manipulierten Lado fort und hin zu dem Undviker, der nervös neben den abwesend starrenden Hexer kam. Das Gesicht der Kriegerin, die nicht sie selbst war, sah so unsagbar belustigt aus. Doch Hjaldrist ließ sich davon nicht ablenken. Er wollte auch nicht herumbetteln oder hoffnungsvolle Forderungen stellen. Beides hätte nichts gebracht. Also holte er, an seinen Freund aus dem Bogenwald gewandt aus, um jenem die kurze Waffe abrupt aus der Hand zu schlagen. Metallen klirrend fiel der Dolch zu Boden und Lado fuhr erschrocken zusammen, als sei er aus einem Albtraum aufgewacht.

“Lado?”, machte der Skelliger unruhig “Bist du wieder da?”

“Uh… ja…”, stöhnte die blasse Viper und rieb sich die Schläfe “Verdammt…”

Als die beiden Männer folgend wieder aufsahen, hatte der harsche Magier den Platz längst verlassen, um im Wald zu verschwinden. Hjaldrist zischte einen leisen Fluch.

“D’yaebl! Folgen wir ihm...”, entschloss der Inselbewohner, dem es absolut nicht behagte, dass der Fremde gerade Anna’s Körper ‘mitnahm’, um Vadim, diesem Idioten, bei irgendeinem verrückten Plan zu helfen. Es mochte ja sein, dass der, der gerade durch die Alchemistin aus dem Norden handelte, mächtig und gefährlich war. Doch das hieß nicht, dass der betroffene Jarl ihm jetzt nicht zumindest nachstellen wollte. Wie könnte er denn im Dorf sitzen bleiben und so tun, als sei nichts? Also ging er düsteren Blickes los, um dem zielstrebigen Magier hinterher zu kommen.

 

Lado und Hjaldrist folgten dem Fremden, der die Trampelpfade nutzte, um bis zum nicht so weit entlegenen Haus der Hexen zu gelangen. Hemdall sei Dank ging er nicht durch das dichte Unterholz, denn der ächzende Undviker im Bunde hätte mit seinem verletzten Bein kaum querfeldein gehen können. So aber, hielt er schon bald auf dem kleinen Vorplatz der Hexenhütte, die auf einer lauschigen Lichtung des sonst so gefährlichen Bogenwaldes stand. Der Wahnsinnige in Anna hatte früh bemerkt, dass man ihm nachstellte, doch es war ihm einerlei. Offensichtlich sah er nichts und niemanden als Bedrohung an und fühlte sich sicherlich auch noch unantastbar, da er nicht persönlich hier war. Und das schlimme daran? Er hatte damit recht. Niemand der Anwesenden hätte der armen Anna etwas angetan, um den Magier in ihr aufzuhalten. Und damit war dieses Schwein überlegen.

“Was tut er?”, wollte Hjaldrist abgekämpft wissen, als er neben Lado zum Stehen kam. Er atmete tief durch, denn der Weg hierher war anstrengend gewesen und sein rechtes Bein schmerzte schon wieder höllisch. Gepeinigt biss er die Zähne zusammen und blinzelte sich den Nieselregen aus den Augen.

“Er spricht mit Vadim, sieh doch.”, die Viper deutete nach vorn und zu dem Wolf, der vor der Hütte der drei Hexen stand. Aufgebracht sprach der mit dem grinsenden Magier. Dann nickte er zustimmend und führte das Arschloch schon in das kleine Haus hinein, das gesäumt war von Kräuterbeeten. Von dort drin ertönten schon seit vorhin helle Schmerzensschreie einer Frau und diese grauenvollen Geräusche wollten nicht zu der schönen Waldlichtung passen, die umgeben war von Holunderbüschen und wilden Blumen.

“Die, die da schreit... das ist sicher Rosanna. Vielleicht ist sie verletzt...”, murmelte Lado “Komm, Rist. Gehen wir nachsehen.”

Ohne zu zögern folgte der Jarl dem misstrauischen Hexer auf diese Aufforderung hin. Der Psychopath, der Anna’s Körper hatte, war stark und unberechenbar, ja. Aber Hjaldrist hatte keine Angst vor ihm. Und so kamen er und Lado gleich an die hölzerne Waldhütte, deren Türe halb offen stand. Auch Kasia war da und ging vor dem Heim der Frauen des Waldes aufgebracht im Kreis. Sie sagte nichts, als sie den Skelliger und Lado nahen sah, sondern starrte nur weiterhin ratlos vor sich hin.

“Das ist Wahnsinn…”, murmelte sie “Jetzt spielt auch noch Anna mit. Ich glaube es nicht… ich dachte, sie sei klüger...”

Hjaldrist ging an der fassungslosen Bardin, die nichts von der Besessenheit Annas wusste, vorbei, um zum Hütteneingang der Hexen zu gelangen. Er lehnte sich dort an die hölzerne Wand, die teils von blau blühenden Kletterpflanzen überwuchert war, und lauschte aufmerksam. Wieder johlte Rosanna laut und eine ihrer Schwestern versuchte sie zu beruhigen.

“Oh nein…”, hörte man diese zweite Waldfrau mitleidig sagen “Alles wird wieder gut. Hier, halte meine Hand… ach, Rosanna...”

“Ihr Stümper.”, das war Anna’s trockene Stimme “Ihr wolltet einen magischen Schädel unschädlich machen, doch habt dieses Vorhaben fürwahr ganz schön in den Sand gesetzt, nicht wahr?”

“Was soll das heißen?”, schnauzte Vadim aufgebracht.

“Habt Ihr Euch dieses Mädchen denn genauer angesehen?”, schwafelte der Magier in Anna weiter “Sie nimmt ihre Hand nicht von ihrem Gesicht und um das zu bemerken, muss ich wahrlich kein Magieanwender sein. Ich fragte mich, wozu Ihr mich hier braucht. Etwa nur, um Euch darauf hinzuweisen, dass offenkundig etwas mit ihrem Auge ist? Wollt Ihr mich verspotten?”

“Sie hat Schmerzen und wir wissen nicht weiter!”, wehrte sich Vadim.

“Ah, Dana Méadbh…”, seufzte der Fremde wehleidig “Seid Ihr TATSÄCHLICH so dumm?”

“Höre auf uns zu beleidigen und sag uns, was wir tun sollen! Du versprachst zu helfen!”

“Ja. Ja, richtig… das tat ich. Für einen großen Gefallen, nicht wahr?”

“Ja. Also?”

Der Unbekannte lachte leise.

“Wenn Ihr ihre Hand vor dem Auge fortnehmen würdet, dann würdet Ihr vielleicht sehen, dass etwas darin steckt.”, säuselte der Magier “Ein magisch stark ausstrahlender Splitter Eures geliebten Artefaktes vielleicht. Wer weiß? Ich würde darauf tippen. Ach. Und ich würde ihn bald entfernen und zerstören, denn ich fürchte, eure Ježibaba kann Euch dadurch aufspüren…”

Man hörte den aufgebrachten Vadim etwas Unverständliches murmeln. Dann, während Rosanna wie am Spieß schrie, konnte man hören, wie man sie dazu bringen wollte sich die Finger vor dem Gesicht wegzunehmen; Wie man gut auf sie einredete und Hilfe versprach. Da stapfte Lado schon wütend an Hjaldrist vorbei und in das Hexenhaus. Man hörte es krachen und einen Moment später schon prügelte die sonst so nette Viper Vadim aus der Hütte. Buchstäblich.

“Bist du von Sinnen?”, blaffte der Glatzköpfige, als er den Wolf ins Freie bugsierte. Er stieß Vadim so barsch von sich, dass jener beinahe stürzte und trat einmal nach. 

“Lado!”, rief Kasia erschrocken, die damit aufhörte unweit auf und ab zu gehen.

“Was tust du nur?”, entkam es Lado aufbrausend und dessen Gegenüber starrte erst ganz verwirrt. Doch dann nahm Vadim’s Gesicht wieder die bekannte Härte an und er rümpfte die Nase pikiert.

“Wir retten Rosanna!”, maulte er und nahm einen Stand ein, der verriet, dass er kämpfen würde, würde es der Vipernhexer darauf anlegen. Hjaldrist mischte sich derweil nicht ein. Denn ganz ehrlich? Er wollte nicht zwischen die Fronten geraten, wenn zwei VATT’GHERN aufeinander losgingen. Dennoch ballte er die Faust und betrachtete Vadim grantig. Denn dieser Kerl war hieran schuld. Er war vorhin einfach so zu Anna gekommen und hatte das Übel in ihr herausgefordert. Bei Freya! Dieser Mann hatte sicherlich ein Abkommen mit dem unbekannten Magier geschlossen, damit jener half. Und das war schlecht. Ganz, ganz schlecht.

“Warum? Wovor willst du sie retten?”, knurrte Lado, der Vadim böse gegenüberstand “Warum musst du jetzt den Helden spielen?”

“Weil ich dafür verantwortlich bin, dass es sie erwischt hat!”

“WAS hat sie erwischt?”

Ein gellender Schrei der besagten Waldhexe durchbrach die heftige Diskussion. Und während sie noch weinte und ihre Schwestern liebevoll mit ihr sprachen, kam Anna wieder. Oder nein: Der Magier trat aus der Hütte mit dem Strohdach und sah ziemlich gelassen aus. All das hier kümmerte ihn wenig und relativ unbeteiligt sah er jetzt zwischen den Leuten auf der hübschen Lichtung hin und her. Arrogant rollte er mit den Augen und musste den Kopf schütteln. Blut klebte ihm am Mundwinkel. Und Hjaldrist, der bis gerade eben noch neben der Hüttentür gestanden hatte, ertappte sich dabei einen kleinen Schritt weit zurückzuweichen. Mit einer Miene, die steinern wurde, beobachtete er den überheblichen Kerl und es war so unheimlich befremdlich, wie überzogen nobel sich Anna’s Körper bewegte.

“Ihr Affen.”, sagte ihre Stimme abfällig und ihr Mund verzog sich zu einem selbstgefälligen Grinsen “So gelenkt von Idiotie und Angst seid ihr, dass ihr mit mir verhandelt und ich euch darauf hinweisen muss, dass sie bloß einen Splitter im Auge hat. Ihr alle seid kleine, dumme Kinder, die die Welt nicht verstehen. Und ihr werdet sterben. Sehr bald, vielleicht. Wir werden sehen…”

Und dann sanken die Schultern der Frau plötzlich und sie erstarrte. Hjaldrist verengte den Blick prüfend.

“Arianna?”, fragte er und sie sah orientierungslos um sich, als ihr Husten zurückkehrte, der sie abrupt beutelte. Sie würgte leise, keuchte auf und krümmte sich im Stehen.

“Was… uh...”, wimmerte sie “Was… was ist-”

Kasia eilte sofort herbei, als sie das sah und die beiden sich anfeindenden Hexer hielten inne.

“Anna!”, entkam es der Bardin in Blau besorgt und sie berührte die, die Blut ausspuckte, vorsichtig am Arm “Was ist mit dir, Liebes?”

Hjaldrist fand derweil keine Worte. Das, was er hier mit ansehen musste, war grausam. Seine frühere beste Freundin konnte ohne Kasia als Stütze nicht mehr gerade stehen und wusste überhaupt nicht, wo sie war. Sie rang verzweifelt nach Luft und wirkte vollends verloren. Und dieser Anblick, der dem Jarl erst das Blut in den Adern gefrieren lassen wollte, wandelte sich schnell zu blanker Wut, als er Vadim’s sorgenvolles Gesicht sah. Der Wolf wandte sich von Lado ab und wollte zu den beiden Frauen kommen.

“Anna?”, fragte er mit schlimmer Vorahnung im Ton und Hjaldrist glaubte es nicht. Oh, er fasste es kaum, dass dieser verschissene Hexer, der das hier zu verantworten hatte, nun ankroch und seine ‘Enkelin’ fragen wollte, ob alles gut sei. Natürlich war NICHTS gut!

“Weg von ihr!”, grollte der Jarl, der es nicht länger schaffte sich am Riemen zu reißen. Das hier war Irrsinn. Und vor allem war es zu viel. Viel zu viel. Obwohl Hjaldrist sich auf eine Krücke stützen musste, kam er just auf den größeren Vadim zu, der perplex innegehalten hatte. Der Skelliger hinkte damit direkt zwischen den Wolf und die beiden Frauen. Kasia umarmte Anna gerade und drückte die rau Hustende an sich. Und Hjaldrist, der warf, vor dem Ziehonkel der anwesenden Kranken angekommen, die Gehhilfe beiseite und holte aus. Mit zusammengebissenen Kiefern schlug er zu und traf Vadim direkt im Gesicht. Der Undviker konnte nicht stabil stehen und seine Fingerknöchel protestierten nach der harten Rechten fürchterlich, doch er gab nicht nach. Wieder schlug er mit aller Kraft zu. Zweimal, dreimal.

“Verfluchtes Arschloch!”, blaffte er und musste noch ein weiteres Mal zuboxen, bis der vollkommen überwältigte Wolf reagierte. Die Nase und die Lippe Vadims bluteten leicht, doch abgesehen davon, schienen ihm die Schläge des Normalsterblichen kaum etwas ausgemacht zu haben. Der Hexer packte vor, erwischte Hjaldrist am fellbesetzten Kragen und in diesem Moment, in dem sich alle vergaßen, warf er den Jüngeren von sich, als sei jener ein kleines, federleichtes Püppchen. Der viel schwächere Undviker konnte sich kaum versehen. Er stürzte schwer, Erde, Matsch und Laub wirbelten rings um ihn auf und er rutschte am Ende zwei, drei Meter weiter, ehe er liegenblieb. Er hustete und spuckte Dreck aus, sah aus zornigen Augen auf. Dann war da Lado. Der glatzköpfige Vipernhexer kam vor Vadim und stieß ihn barsch zurück. Er sprach kein Wort, sondern starrte den zweiten Vatt’ghern einfach nur streng an, bis jener wieder aufrecht stand.

“Nein!”, donnerte der Bogenwalder dann “Es ist genug!”

“Bloede pest!”, bellte der Jarl am Boden in seinem Dialekt und, oh, hätte er aufstehen können, wäre er Vadim noch einmal an die Kehle gesprungen. Er verzerrte das Gesicht angewidert.

“Hjaldrist! Schluss!”, schrie Lado böse “Reißt euch jetzt alle zusammen, verdammt nochmal!”

Auf dies hin wurde es ruhiger. Kasia stand empört am Rande und hielt Anna fest, die das Gesicht an deren Schulter vergraben hatte. Die gutmütige Bardin hatte einen Teil ihres dunkelblauen Umhangs um die bibbernde Novigraderin gelegt, die leise keuchte und schniefte. Ihre Weste mit dem weiten Ausschnitt war rot bespuckt, doch es scherte sie nicht. Vadim’s Glieder entspannten sich allmählich wieder etwas, als sein Blick ratlos wanderte. Lado stand mit einhalterbietend erhobenen Händen da und Hjaldrist, der saß mit wirren Haaren, in denen Laub hing, im Dreck und die kalte Feuchte kroch ihm unangenehm durch die Hose. Seine Zähne mahlten und seine braunen Augen waren grimmig verengt. Doch er ermahnte sich im Geiste dazu sich wieder zu besinnen. Er hatte seinen Standpunkt gerade klar machen können. Zwar hatte er Vadim, diesem harten Brocken, kaum geschadet, doch das war ihm einerlei. Es hatte GUT getan ihm ein paar Mal hintereinander in die dumme Fresse zu hauen. Und als der Jarl daran dachte, wieso er das getan hatte, wich seine Aufmerksamkeit auf die entkräftete Anna zurück, die man hier und heute missbraucht hatte, um einen Zauberer zu beschwören. Kasia fragte die Hustende gerade ganz leise etwas und die Kurzhaarige nickte wehleidig. Daraufhin setzten sich die Frauen in Bewegung, um zurück zum Dorf zu gehen. Die Bänkelsängerin stützte die Alchemistin dabei.

“Unglaublich. Ihr seid alle so überzeugt von euch selbst.”, schnaubte die sanftmütige Temerierin im Vorbeigehen und strafte die Männer dabei mit Blicken “Ihr glaubt die ganz tollen Helden zu sein oder euch aufs Maul hauen zu müssen und lasst eine völlig aufgelöste Frau dabei links liegen. Schämt euch.”

Und damit wandte die Bardin den vorwurfsvollen Blick ab und verschwand mit Anna, die nicht einmal mehr aufgesehen hatte. Die drei Verbliebenen sahen ihnen schweigend nach. Vadim schnaubte bald verärgert und wendete sich ab, um nach Rosanna zu sehen, die mit dem Schreien aufgehört hatte. Lado schüttelte den Kopf augenrollend und winkte ab. Und Hjaldrist war der einzige, der die Worte Kasias nun nicht einfach beleidigt abtat. Denn… irgendwo hatte sie recht. Es fühlte sich irgendwie befremdlich an Anna in das Frauenklischee einzuordnen und sich dabei denken zu müssen: ‘Gut, dass sie Kasia hat’. Denn wer, wenn nicht die, hätte sich gerade einfühlsam um das Nervenbündel gekümmert? Vadim, der eben jenes schamlos ausgenutzt hatte? Oh, sicherlich nicht. Lado? Der hätte Anna nur halbherzig den Rücken getätschelt und ihr Likör eingeflößt. Hjaldrist? ...Nein. Einfach nur nein. Der Undviker atmete tief durch und schlug die Augen nieder, als er sich ein Blatt aus den regenfeuchten Haaren zupfte. Und er nahm die helfende Hand des Vipernhexers vor ihm Sekunden später an, der ihn auf die Beine zog.

 

“Wie geht es ihr…?”, von allen Beteiligten war Hjaldrist vielleicht der einzige, der nach Anna fragte, als er Kasia des Abends sah. Die Bänkelsängerin war ihm soeben am kleinen Hauptplatz vor der Taverne entgegengekommen. Sie trug eine Laute bei sich und war offenbar auf dem Weg in die gut besuchte Schänke.

“Warum fragst du sie nicht selber?”, fragte die schwarzhaarige Temerierin kritisch nach “Ja, ich bin hier diejenige, die überhaupt nichts mehr verstand, sich aber um Anna kümmern musste. Ich fragte mich: ‘Warum hustet sie Blut? Was ist nur mit ihr los? Interessiert das hier keinen?’”

“Kasia…”, wand der Jarl seufzend ein “Es ist gut. Ich hab’s kapiert.”

“Das glaube ich nicht.”, konterte die Sängerin mit dem dunklen Schulterfell skeptisch “Wäre dem nämlich so, würdest du persönlich zu ihr gehen und sie ansprechen. Das tust du aber nicht. Warum?”

Ja, warum? Eine gute Frage. Vielleicht war daran der Funke Widerwillen in dem Langhaarigen Schuld, der sich noch immer gegen die Idee stemmte Anna mit nach Skellige zu nehmen. Der, der befürchtete, sie könne wieder so werden, wie kurz nach der Jahreswende.

“Ihr tut immer alle so, als sei Anna wie ihr. Weil sie immer die Starke mimt, nehmt ihr es ihr absolut ab, dass sie so, so ‘männlich’ und robust ist, oder?”, fragte Kasia nach “Das ist sie aber nicht. Und ich wünschte es mir für sie, sie hätte jemanden, der das auch versteht. Sie tut mir nämlich echt leid, Hjaldrist.”

Der konfrontierte Undviker schwieg und atmete tief durch die Nase aus. Er wechselte das unbehagliche Thema gleich, denn er hatte wenig Lust darauf Kasia darüber aufzuklären, warum er Anna nicht bemuttern konnte. Es ging einfach nicht. Hjaldrist wollte der Alchemistin aus dem Norden nicht wieder zu nah kommen. Und so schrecklich es auch war sie leiden zu sehen, so war diese Chaotin auch selbst schuld an ihrem Übel. 

“Was ist mit Vadim?”, fragte er also.

“Der kam erst vorhin von den Hexen zurück und hat sich hingelegt. Offenbar geht es Rosanna gut. Bei diesem Ritual, in dem man Vadim’s Schädeltrophäe hatte ‚exorzieren‘ wollen, löste sich wohl ein Splitter aus dem Knochen und traf das Auge der blonden Waldschnepfe. Und der wiederum, wurde nun auch entfernt und gereinigt, oder so.”, murrte die Bardin “Keine Ahnung, was Vadim nun weiterhin vorhat. Er spricht ja nicht mit mir. Aber Anna hat mit mir geredet, Hjaldrist. Ich weiß nun, was mit ihr los ist und warum sie heute Nachmittag, in der Hexenhütte, so unpassend arrogant palavert hat. Und wenn Vadim diese Angelegenheit nun hinter seine scheiß Knochenmutter stellt, dann kann er sich was anhören!”

Hjaldrist taxierte die selbstbewusste Frau vor sich unschlüssig. Sie hatte keine Angst?

“Tse. Aber wie auch immer… ich gehe mich jetzt betrinken.”, sagte die Temerierin bestimmend “Das brauche ich nach dem heutigen Tag. Schönen Abend noch.”

Und damit hielt Kasia an dem Skelliger vorbei, um mit wehendem Mantel zum ‘Torkelnden Schurken’ zu gelangen. Hjaldrist sah ihr nachdenklich hinterher, als er einen Wimpernschlag darauf jemanden nach ihm rufen hörte.

“Bei meiner Ehre!”, vernahm der Mann mit den zurückgeflochtenen Haaren und sah sofort auf “Rist, bist das du?”

Verblüfft sah sich der Jarl nach der bekannten Stimme um und sah, wie sein alter Freund Ravello nahte. Zusammen mit ein paar anderen Reisenden und Leto kam er in der Abenddämmerung vom Dorftor her und sein Gesicht erhellte sich.

“Oh, das BIST du!”, strahlte der Beauclairer in Weiß und Blau sogleich und beschleunigte den Schritt, um zu dem beachtlich überraschten Undviker aufzuschließen. Sofort umarmten sich die beiden brüderlich.

“Ravello!”, freute sich Hjaldrist vollkommen irritiert “Äh. Dass ich dich noch einmal sehe!”

“Ha! Ich schrieb dir doch, dass wir uns hier treffen!”, lachte der Toussainter laut “Es hat nur etwas länger gedauert und… uhm…”

Der Blonde ließ den etwas kleineren Skelliger wieder los und sein Gesicht wurde abrupt härter. Er wich Hjaldrist’s Blick aus und schluckte schwer, als seine Augen irgendeinen Fleck im Gras suchten. 

“Ich… ich fürchte… ich habe Anna verloren. Also, nein, ich meine…”, stammelte der Ritter und wurde auf einmal ganz kleinlaut. Seine Miene wich in eine traurige Richtung und er musste tief durchatmen, während er den Kopf ungläubig schüttelte.

“Rist. Sie… sie zog tatsächlich in den Krieg. So, wie ich des im Brief an dich beschrieben hatte.”, sagte Ravello mit gesenkter Stimme “Und die Truppen der Nilfgaarder, bei denen sie war, wurden vor dem Pontar-”

“Hase, es ist alles gut.”, fiel der Jarl dem gerüsteten Beauclairer ins Wort und jener sah fragend auf “Anna ist hier. Ich weiß nicht, wie es dazu kam, doch sie landete in Verden und kam danach direkt nach Siofra.”

“Wa-was? Echt?”, stotterte der Blondschopf und seine blauen Augen wurden ganz groß “Wo ist sie? Vertragt ihr euch wieder? Und was ist mit deinem Bein?”

“Es… ist schwierig.”, sagte Hjaldrist direkt “Und Anna schläft wohl.”

“Was? Um diese Uhrzeit?”, fragte Ravello skeptisch “Ah, ich würde ja vorschlagen, wir wecken sie, aber ich fürchte, das ist keine gute Idee.”

“Doch…”, machte Hjaldrist jetzt zögerlich langsam “Doch, ich denke, es wäre eine gute Idee.”

“Hä?”, machte der Ritter und musterte den viel ernsteren Jarl jetzt eindringlich “Warte mal. Du siehst aus, das würde irgendetwas nicht stimmen. Oder eher mit Anna. Warum schläft sie schon und wieso würde sie uns NICHT an die Hälse springen, wie ein wildgewordener Teufel?”

Der Undviker überlegte hin und her. Doch dann lächelte er schwach und legte seinem Freund die Hand auf die Schulter.

“Komm mit.”, sagte er “Du wirst ja sehen…”

Und damit deutete Hjaldrist Ravello an sich vorerst aus der neu angekommenen Reisegruppe zu lösen und ihm zu folgen. In der nahenden Düsternis des Abends hinkte er voran und auf das Zweithaus Lados zu. Seine braunen Augen suchten die kleine, schiefe Treppe die an der hinteren Außenfassade des Heims nach oben, in den ersten Stock führte. Anna’s Zimmer befand sich dort. Und er und Ravello würden der Kranken nun einfach einen Besuch abstatten. Sicherlich munterte die Anwesenheit des Hasen Anna auf.

“Wo gehen wir hin?”, fragte der Weiberheld neugierig, als der Jarl die Holzstufen seines verletzten Beines wegen sehr schwerfällig und umständlich nahm. Hjaldrist antwortete nicht, sondern klopfte, oben angekommen, an die Türe des Gastzimmers, das die Novigraderin belegte. Unter dem Türschlitz schien Licht hindurch, doch das hieß nichts. Angeblich blies Anna ihre Lampe ja nicht mehr aus, bevor sie sich zum Schlafen hinlegte. Es konnte also gut sein, dass Ravello und Hjaldrist die Frau tatsächlich wecken würden. Oder auch nicht…

“Ja?”, konnte man es leise vernehmen und der Undviker straffte die Schultern, bevor er eintrat. Er kam in einen kleinen Raum, in dem eine Kommode und ein Schreibtisch mit einer Kerze darauf standen. Da war ein Bett und auf eben jenem saß Anna. Mit dem Rücken voran lehnte sie an der Wand, an der ihre Schlafgelegenheit stand, und hatte sich dick in eine Decke eingewickelt. Ein Buch lag auf ihrem Schoß und eine Tranlampe stand neben ihr auf der Matratze, als sie aufsah und ihr Blick verwundert auf Ravello fiel, der nach Hjaldrist eintrat. Der weiß-blaue Ritter hielt sofort inne, als er die veränderte und blasse Trankmischerin erkannte. Doch Anna, die erst etwas perplex ausgesehen hatte, begann tatsächlich damit ehrlich und überrascht zu lächeln.

“Ravello!”, atmete sie verwundert und war vom Husten ganz heiser. Gleich schälte sie sich aus ihrer Decke und fiel in ihrer plötzlichen Hektik beinahe aus dem schmalen Bett. Der Ritter derweil, wusste nicht, wie er handeln sollte. Es war so, als glaube er nicht, dass Anna gerade froh über sein Erscheinen war. Hjaldrist verkniff sich ein Schmunzeln und wendete sich ab, um die Türe zu schließen und die Ofenwärme damit im Zimmer zu halten. Anna kam auf die Beine und auf Ravello zu. Erst taumelte sie ein bisschen, doch dann bekam sich ihr Kreislauf sichtlich ein und sie trat sofort vor den Beauclairer, der sie merklich verwirrt betrachtete. Doch er sprach ihr Äußeres nicht an.

“Anna…”, entkam es ihm ratlos “Ich dachte mir ja nicht, dass ich dich hier antreffe…”

Die kleinere Frau lächelte noch immer, doch ein klein wenig Bitterkeit mischte sich jetzt in ihre Miene, als sie Luft zum Sprechen holte.

“Uh… ja… wie auch immer.”, machte sie betreten und schluckte trocken “Ravello, entschuldige bitte.”

“Wie?”

“Ich war gemein zu dir. Es tut mir leid…”, meinte sie reumütig und Hjaldrist beobachtete dies schweigend “Ich wollte niemanden in meiner Nähe haben und wusste nicht, wie ich dich sonst verscheuchen sollte…”

Der Beauclairer lachte gutmütig und sichtlich positiv überrascht auf.

“Ah. Schon gut!”, sagte er “Jeder hat doch mal miese Laune!”

“M-miese Laune…?”, murmelte Anna verdattert und dann wurde sie auch schon kameradschaftlich umarmt. Der rüstungsklappernde Ravello drückte sie erleichtert seufzend an sich und hob sie dabei kurz ein Stückchen weit hoch. Man hörte Anna ächzen.

“Ach, es tut gut dich zu sehen!”, seufzte der Blonde langgezogen “Ich hatte mir Sorgen gemacht, nachdem ich hörte, dass die Truppen der Schwarzen niedergemetzelt wurden. Götter, in jeder Taverne hat man davon geredet! Und ich dachte, du wärst auch umgekommen!”

Die kurzhaarige Monsterjägerin brachte gerade nicht viel mehr hervor, als verwirrtes Gemurmel. Ganz offensichtlich überrumpelte Ravello’s warmherzige Reaktion sie vollkommen. Und mit noch ganz irritiertem Gesicht erwiderte sie seine Umarmung schließlich.

“Ich habe dein Pferd mitgenommen. Du ließest es damals in den Stallungen nahe Ellander, weißt du noch?”, plapperte Ravello weiter “Ähm, also… mein Gaul kam um, als ich an den Schlachtfeldern vorbei wollte. Ein Ghul hat ihn niedergerissen und darum...äh.”

Der Toussainter ließ Anna wieder los und kratzte sich verlegen am Hinterkopf, als er sie ansah und so aufrichtig sprach.

“Darum dachte ich mir, ich nehme deinen Braunen.”, hüstelte der Blondschopf “Es war also nicht ganz uneigennützig...”

Die anwesende Frau sah Ravello groß an und schien ihr Glück kaum zu fassen.

“Du hast Saov mitgebracht?”, fragte sie, als habe sie sich zuvor verhört und Ravello nickte hastig.

“Ja, er steht im Hafen. Die hiesigen Leute rieten mir davon ab den Bogenwald zu Pferd zu durchqueren, also überließ ich ihn dem Stallburschen. Meine anderen Reisebegleiter haben ihre Tiere auch dort gelassen.”, erklärte der Ritter nett “Ein tolles Ross hast du. Bei meiner Ehre, ich habe noch nie ein Pferd gesehen, das in schweren Situationen so ruhig bleibt.”

Hjaldrist bemerkte, wie Anna just aus den Augenwinkeln zu ihm sah und dabei anmutete, als habe sie ein ganz, ganz übles Gewissen. Schlussendlich hatte sie Saov damals, auf Undvik, mehr oder weniger gestohlen. Wenn man es denn so nennen konnte. Dennoch wahrte der Jarl eine gleichgültige Miene und warf dies der Frau jetzt nicht vor. Er sprach auch nicht auffallend wissend an, dass das Pferd der Alchemistin ein wertvolles Schlachtross war, das darauf ausgebildet worden war selbstsicher auf Riesen, Zyklopen oder Trolle loszugaloppieren. Und dass Saov deswegen so gelassen erschien. Der Skelliger, der sich auf seine Gehhilfe stützte, sah unbekümmert fort und ließ den Blick durch den Raum schweifen, während Ravello schon wieder damit anfing zu plappern. Der Mann erzählte von den vergangenen, harten Wochen, in denen er erst allein umhergereist war und sich dann ein paar Leuten angeschlossen hatte, die ebenso nach Siofra wollten. Und dass er nicht beleidigt war von zuhause fort zu sein, weil er sich dort ein Mädel angelacht hatte, das ihm viel zu anhänglich war. Anna sagte währenddessen kein Wort. Man hörte sie hin und wieder leise lachen.

Hjaldrist, der sich derweil umsah, erkannte, dass die Nordländerin sein Silberschwert endlich angenommen hatte. Es lag unweit und neben der Stahlklinge der Frau auf der Kommode. Da waren das altbekannte Alchemiekästchen Annas, das irgendwo unangerührt in einer Ecke stand, ein paar Bücher, Kleidungsstücke, zerknüllte Pergamente, Holzscheite für den Ofen an einer der Zimmerwände, benutztes Essbesteck. Es war das übliche Chaos. Und obwohl der Skelliger Unordnung nicht besonders mochte, tat es unerklärlich gut es zu sehen. Denn es war etwas, das von der ‘alten Anna’ geblieben war und ihm so vertraut.

“...Also, Anna. Was sagst du dazu, wenn wir uns einfach einen gemütlichen Abend machen und du mir alles erzählst? Du warst in Angren so wortkarg und ich will endlich ALLES hören.”, schlug Ravello nach seiner langen Ansprache vor und man sah seine jüngere Freundin nicken.

“Ja… das können wir machen.”, meinte sie und wirkte tatsächlich froh über die Idee des Angsthasen. Ob sie in letzter Zeit oft alleine gewesen war? Trotz Lado und Aldoran? Sicherlich tat es ihr gut Ravello zu sehen, der ihr keinerlei Vorwürfe machte und einfach nur quatschen wollte. Dieser dämliche, doch freundliche und loyale Kerl musste gerade ein ziemlicher Lichtblick sein.

“Prima!”, grinste der Ritter und sah sich jetzt auch nach dem bisher ungefragten Hjaldrist um “Du MUSST dich auch zu uns gesellen. Lass uns etwas trinken und plaudern. Bestimmt gibt es Heldengeschichten aus deiner Heimat, nun, wo du am Thron sitzt.”

“Hm?”, der etwas abwesende Undviker, der gerade den Einband eines Buches über Alchemie in der Farbenlehre betrachtet hatte, sah auf “Äh. Klar.”

Ravello lächelte so breit, wie man es von ihm kannte. Er schlug die Handflächen lachend aufeinander und machte kehrt.

“Ich organisiere mir einen Schlafplatz und lege meine Rüstung ab. Dann komme ich wieder und bringe Wein aus der Heimat mit! Denn ich nehme nicht an, dass Anna heute noch vor die Türe will!”, entschloss er und die betroffene Frau, die nicht mehr anhatte, als Hemd, Leinenhose und dicke Socken, fuhr sich mit der Hand durch den Nacken. Sie linste ertappt fort. Und dann war Ravello auch schon auf und davon.

“...Naja.”, machte die Novigraderin “Wir wollten sowieso noch würfeln.”

Hjaldrist äugte forschend in ihre Richtung, als sie etwas verplant hersah. Von oben bis unten betrachtete er sie kurz.

“Mhm. Geht es dir wieder besser…?”, wollte der Mann wissen, der es allmählich aufgab Anna eine absolut kalte Schulter zu zeigen. Natürlich hasste er sie noch irgendwo. Und dennoch war er kein Unmensch. Das war er nie gewesen. Und wie hatte ihn seine frühere beste Freundin einmal bezeichnet? Als ‘zu gut’? Ja, vielleicht war er das ja. Hjaldrist sah jedenfalls nicht ein, warum er das Angebot zusammen zu trinken und zu würfeln ausschlagen sollte, nur, weil Anna ein Teil davon war und es seltsam war sie anzusehen. Um so etwas zu tun war er einfach nicht bissig oder nachtragend genug. Er holte sich seine Energie gerne aus Positivem und nicht aus irgendwelchen Dramen.

“Hm, ja, es geht wieder.”, nickte die Kranke jetzt “Und… ich glaube es euch nun auch, dass da irgendwer in mir ist, der mich lenkt. Das war unglaublich angsteinflößend vorhin. Ich kannte mich überhaupt nicht mehr aus...”

“Kann ich mir denken.”, gab Hjaldrist zurück und sah, wie sich Anna zu ihrem Bett zurückbegab, um sich leise seufzend auf dessen Kante niederzulassen. Es roch hier drin ganz schwach nach dem Kräutertee, den sie seit jeher kochte. Angenehm.

“Ich dachte mir nie, dass Vadim-”, fing die Giftmischerin trübselig an, aber der Jarl unterbrach sie gleich.

“Zerbrich dir nicht den Kopf. In drei Tagen sind wir unterwegs nach Undvik und dann kann es dir egal sein, was dein Onkel tut.”, riet er “So entschlossen wie der ist, denkt er, er allein hat Recht. Aber dem ist nicht so.”, glaubte der Langhaarige besonnen. Dann hinkte er zu dem Schreibtisch, der im Raum stand, und ließ sich auf den Stuhl davor sinken. Leise murrte er und lehnte seine Krücke an die Tischkante. Flüchtig streifte sein neugieriger Blick die Papiere und Bücher auf der Ablage.

“Mh, ja...”, machte Anna nurmehr und ließ das Thema ‘Vadim’ vorerst ruhen. Sie tat gut daran. Denn heute sollte sie sich keinen Kummer mehr einreden. Der gute, alte Ravello war da und sie würden mit diesem Idioten aus Toussaint trinken und sich einfach eine lockere Zeit machen. Das ganz ohne Vorwürfe, Geschichten von Knochenmüttern oder Mutmaßungen über Magier aus Verden. Wenigstens heute und in den Stunden des ausklingenden Tages, wollte Hjaldrist seine Ruhe vor alledem haben.

 

In den kommenden zwei Tagen blieben weitere unangenehme ‘Besuche’ des verrückten Magiers in Anna aus. Die ungesund keuchende Frau verbrachte die meiste Zeit im Bett, während Hjaldrist viel mit Ravello, Leto und Haldorn beisammensaß. Vadim und Kasia reisten früh ab, um angeblich nach Oxenfurt zu gehen. Mit seiner tadelnden, temerischen Bardin im Nacken hatte der Wolf mit dem schlechten Gewissen geschworen nach Hinweisen bezüglich Anna’s Zustand suchen zu wollen und vorgeschlagen sich im Spätsommer wieder im Bogenwald zusammenzufinden, um Neuigkeiten und Pläne auszutauschen. Lado kümmerte sich um einen Vorrat an Schwalbe für Anna, der mindestens bis zum besagten Wiedersehen halten sollte: Er braute den echten Hexertrank, den die alchemistisch versierte Novigraderin nurmehr mit Wasser und Alkohest strecken müsste, bevor sie ihn nahm. Aldoran indes, bereitete ebenso seine drei ‘Dornröschen’-Absude vor und packte seinen gesamten Trankmischerkram ein, um auf der Winterinsel gut gerüstet zu sein. Auch Ravello, der sich nicht von seinen alten Freunden lösen wollte, entschloss sich spontan dazu mit nach Undvik zu segeln. Dies vielleicht auch, um dem auf ihn wartenden Mädchen in seiner Heimat ganz feige zu entgehen.

Und so legten die Skelliger, der Apotheker Bogenwalds, der Angsthase aus Beauclair und Anna am dritten Tag aus Siofra ab. Eine lange Überfahrt von zwei, drei Wochen lag vor ihnen. Und Hjaldrist hoffte inständig, dass sie unterwegs auf keine Komplikationen stoßen würden. Von denen hatte er in den vergangenen eineinhalb Monaten wahrlich genug erfahren müssen. Der abgekämpfte Jarl sehnte sich nach einer ruhigen Zeit. Und nach seinem Zuhause.

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