Kapitel 109 (Buch 4, 12)

DAS MEER MEINTE ES NICHT GUT MIT IHNEN

Als Anna zu sich kam, fühlte sie sich hundeelend und war völlig orientierungslos. Irgendjemand hatte sie an der Schulter gepackt und rüttelte sie sacht. Eine männliche Stimme sagte etwas, doch die gequält stöhnende Frau verstand kein Wort. Zu benommen war sie noch, blinzelte ächzend und richtete den Oberkörper schwerfällig auf. Dies nur, um sich kaum zwei tiefe Atemzüge später zur Seite zu wenden und sich zu übergeben. Mit fahrigen Händen stützte sie sich am Bettrand ab, fasste nach vorn und berührte weiches Leder, hielt sich hustend daran fest. Da war ein Eimer. Jemand hielt ihr das Ding unter die Nase und die verwirrte Novigraderin war heilfroh darüber. Sie fluchte leise, stöhnte, würgte. Melitele sei Dank hatte sie nicht viel im Magen.

“Scheiße…”, flüsterte Anna leise vor sich hin, ehe sie langsam aufsah und ihre glasigen Augen den suchten, der half. Es war schwer zu Atem zu kommen.

“Aldoran.”, entkam es ihr heiser und sie wirkte dabei so überrascht, wie sie es in ihrem momentanen Zustand nur konnte. Denn was suchte der Apotheker hier? Wo waren sie? Die Kriegerin musste ihre vagen Gedanken erst einmal ordnen und setzte sich wieder gerader hin. Ihr gelassener Begleiter reichte ihr ein Stofftaschentuch, damit sie sich über den Mund wischen konnte, und sie dankte ihm murmelnd dafür. Oh, verdammt. Ihr war schwindelig und so übel. Ihr rebellierender Hals schmerzte und der ekelhafte Geschmack nach saurer Galle hing an ihren Lippen.

“Ich habe Wasser mitgebracht. Du solltest etwas trinken.”, schlug Aldoran vor, als er seinen Kübel fortstellte und sich neben Anna auf der Matratze niederließ. Jene war hart und gab unter dem Gewicht des Mannes kaum nach.

“Wie geht es dir, Anna?”

Unschlüssig seufzte die Kurzhaarige auf diese Frage hin und sah sich aus glasigen Augen um. Holzwände, eine verzierte Kommode, ein zweites Bett am anderen Ende des kleinen Raumes. Anna’s rot-schwarz gestreifte Jacke hing über der Lehne des einsamen Stuhls in einer Ecke, ihre Waffen lehnten daneben an der Wand und gesellten sich dabei zu dem Schwert von Lado’s bestem Freund. Forschend linste Anna zu dem Mann, der bei ihr saß und recht zufrieden wirkte. Warum?

“Rist meinte, ich solle dich wecken, Dornröschen.”, erzählte Aldoran und lächelte schief “Ich dachte mir nicht, dass das so gut und prompt funktioniert.”

Ein Mundwinkel der Novigraderin mit den wirren Haaren zuckte zur Seite.

“Du hast mich dafür hoffentlich nicht geküsst.”, gab sie zurück, musste leise husten, doch feixte gar schon wieder “Wobei das den Brechreiz erklären würde...”

“Tse.”, lachte der anwesende Kerl abfällig “Nein. Ich habe dir den dritten meiner Tränke gegeben, der dich, wie geplant, aufwachen ließ.”

Anna taxierte ihren Gefährten eingehend und runzelte die Stirn. Irgendein kryptischer Schlaftrank. Davor jeden Tag Schwalbe und die Giftmischerin war bisher nicht daran gestorben, im Gegenteil. Lado war vor der Abreise aus Bogenwald gar so weit gegangen Anna einen Vorrat an dem roten Hexerabsud anzudrehen, damit es ihr bald besser gehe und sie kein Blut mehr huste. Es hatte funktioniert. Als die Schwertkämpferin das Schiff Haldorns nach zwei Tagen Bettruhe betreten hatte, hatte sie sogar wieder etwas Farbe im Gesicht gehabt und sich gefühlt, als sei sie die Alte. Also… annähernd eben. Es war ihr ganz gut ergangen, wenngleich nur körperlich. Und dann, noch bevor das riesige, skellische Schiff den kleinen Hafen verlassen hatte, hatte sie sich von Aldoran in einen kompliziert künstlichen Schlaf versetzen lassen. Oh, schon seltsam, wie sehr sie diesem Mann dahingehend vertraut hatte. Er hätte schlussendlich alles mit ihr anstellen können, nicht wahr? Und dennoch hatten Lado und er Anna in Bogenwald Obdach geboten. Die beiden Männer waren für sie da gewesen, jeder auf seine Art, und hatten ihr geholfen, obwohl sie in der Schule der Greifen ein wahres Chaos angerichtet hatte. Die Alchemistin hatte all ihre Freunde verraten und dennoch waren diese Leute geblieben, um ihr beizustehen. Das würde sie nie vergessen. Wie könnte sie ihnen heute also noch misstrauen?

“Warum wollte Rist, dass du mich weckst?”, kam Anna auf das eigentliche Thema zurück und suchte Blickkontakt zu Aldoran, der sich mittlerweile wieder erhoben hatte und sich den ledernen Mantel vorne glattstrich “Sind wir auf Undvik angekommen?”

“Hmm?”, machte der Apotheker und musste schmunzeln “Nein. Es wird noch eine Weile dauern, bis wir dort sind.”

Anna ertappte sich dabei sofort nervös zu werden, als Aldoran dies sagte. Gehetzt sah sie ihn an und wunderte sich gleichauf darüber, dass ihre Umgebung nicht schaukelte. Ja, sie saß hier, auf ihrem schmalen Bett, und konnte nicht spüren, dass sich das Schiff bewegte. Es war, als befände sie sich in einem Haus. Doch jetzt, da sie sich darauf besann, vernahm sie das entfernte Brausen der Wellen, die an den Schiffsbug schlugen. Tief atmete die Novigraderin durch. Ohweia.

“Du hast eine knappe Woche geschlafen, Anna. Bis nach Skellige ist es noch einmal so weit. Jedenfalls meinte das der Bruder unseres Jarls.”, erklärte Aldoran bedächtig “Erstaunlich, nicht? Andere Schiffe brauchen für diese lange Überfahrt doppelt so lange.”

Die überforderte Hexerstochter auf der unbequemen Matratze gab einen verunsicherten Laut von sich und zwang sich zu einem gequälten Lächeln. Sie schluckte schwer und war vollends verstummt.

“Aber wie auch immer. Das Wetter kippt und Rist meinte, wir könnten heute Abend in Turbulenzen geraten. Er wollte nicht, dass du dabei ohnmächtig hier liegst.”, klärte Aldoran weiter auf und Anna glaubte, ihr bliebe das Herz stehen.

“Was?”, schnappte sie und saß sofort etwas gerader da “Turbulenzen?”

Allein der Gedanke daran wollte ihr den kalten Schweiß auf die Stirn treiben.

“Keine Sorge.”, lachte der Kumpan Lados schelmisch “Das wird schon.”

Anna holte Luft für einen unruhigen Einspruch, doch der Kräuterkundige ließ sie nicht zu Wort kommen.

“Trink was, hörst du?”, forderte er noch einmal “Und komm nachher in den Mannschaftsraum am Ende des Gangs. Wir wollten gemeinsam essen.”

“Äh…”, entkam es der Kriegerin nurmehr. Dann nickte sie aber und gab sich geschlagen.

“Hier, rechts runter.”, beschrieb Aldoran den Weg zum besagten Raum unter Deck noch knapp, deutete leger gen Tür und schenkte der Frau im Zimmer noch ein aufmunterndes Lächeln. Dann verschwand er auch schon und ließ Anna mit ihren Gedanken allein. Sie sah ihm noch eine Weile lange nach, ehe ihre dunklen Augen damit begannen zu wandern und an dem zweiten Bett hier hängen blieben. Ein paar alte Bücher, ein Salbeibündel und Aldoran’s Hut lagen darauf. Ganz klar hatte der Apotheker die letzte Woche über hier, ganz nah bei seiner ‘Patientin’, geschlafen, um bestmöglich über sie zu wachen. Wenn dieser Kerl etwas in Angriff nahm, dann offenkundig ordentlich. Anna musste schwach lächeln, als sie sich das schief sitzende Hemd gerader auf die hängenden Schultern zog. Und nur langsam rutschte sie an die Bettkante und stellte die Beine davor auf den Grund. Ihre nackten Füße trafen auf einen erstaunlich weichen Webteppich aus blauer Wolle. Sie schlug die Augen nieder und atmete flach aus, zog die Brauen zusammen. Noch immer war ihr Magen vollkommen flau und sie fühlte sich ausgelaugt, durstig, abgekämpft. Mit zittrigen Händen fasste sie nach dem Humpen voller Wasser, der auf ihrem Beistelltischchen stand. Im Nullkommanichts war jener auch geleert und wohlig seufzte Anna auf. Als sie den Zinnkrug von ihren trockenen Lippen sinken ließ, wanderte ihre Aufmerksamkeit über dessen Rand abermals zu ihrer Ausrüstung, die man ihr hingelegt hatte; über Jacke, Umhang und Schwerter. An einem der beiden letzteren blieben die Augen der Novigraderin schlussendlich kleben. Sie hatte das Silberschwert, das Hjaldrist ihr gegeben hatte, in ihre teure, gut schützende Schwertscheide gesteckt und die gewöhnliche Stahlwaffe im Vergleich eher lieblos in eine alte Baumwolldecke gewickelt. Denn obgleich sie sich in Bogenwald so abwehrend verhalten hatte, freute sie sich unsagbar über das Schwert Rists. Es war wunderschön und großartig verarbeitet; perfekt auf sie und ihre Bedürfnisse zugeschnitten. Und vor allem war es ein Geschenk ihres alten Freundes, an dem sie so hing.

…Ein Freund. War Hjaldrist das denn noch oder schon wieder? Anna war sich nicht sicher und sie zweifelte stark. Als sie den Mann vor kurzer Zeit zum ersten Mal wiedergesehen hatte, hatte er sie von Herzen gehasst, ganz sicher. Allein, sein kühler Blick und sein scharfer Ton hatten unglaublich weh getan. Und er hatte, anders als Anna, einen endgültigen Abschied wollen. Eine unerwartete, fürchterliche Situation, aus der die Nordländerin früher einmal ganz schnell geflohen wäre. Lado hatte ihr in Bogenwald sogar dabei helfen wollen das Wiedersehen mit dem wütenden Rist hinauszuzögern. Zu ihr gekommen war der Hexer, hatte sie auffordernd angesehen und sie gefragt, ob sie mit ihm kommen wolle, um Rist aus dem Weg zu gehen. Doch Anna hatte sich geschworen nie wieder wegzurennen. Also war sie direkt auf den Jarl Undviks zumarschiert. Nur dann, als sie vor ihm gestanden hatte, hatte sie keine passenden Worte gefunden, denn sie war in solchen Dingen nie gut gewesen. Gleichzeitig hatte sie mit sich gerungen und sich gegen den Drang erwehren müssen den Skelliger einfach zu umarmen, obwohl er sie so finster angestarrt hatte. Es war das reinste, verschisstenste Gefühlswirrwarr gewesen.

Rist hatte sich folgend nicht zu sehr um die betretene Anna geschert und man hatte ihm dafür wohl auch kaum böse sein können. Und so innig er seine ehemalige Freundin für ihr Verschwinden von Undvik gehasst hatte, so hatte sie sich wiederum darum bemühen wollen ihm zu zeigen, dass es ihr leidtat; alles. Dass sie ehrlich bedauerte, was sie angestellt hatte und heute nicht mehr die von früher war. Die geknickte Schwarzhaarige hatte dem kritischen Inselbewohner erklären wollen, dass sie geflohen war, weil sie seine Gefühle im Grunde erwidert, sich aber vor ihnen gefürchtet, hatte. Doch sie hatte es nicht geschafft. Beinah wäre es ihr herausgerutscht, dass sie sich heute ganz sicher war ihn noch immer zu lieben. Dass sie am liebsten die Zeit zurückdrehen würde, um ihm zum Jahreswechsel ein ‘Ich dich auch.’ zu sagen. Doch sie hatte sich dieses schwere Geständnis verkniffen. Denn wer war sie denn jetzt noch das Recht dazu zu haben dies auszusprechen? Es wäre lächerlich und unangebracht gewesen. Mit ihren vergangenen Taten hatte sie ihre große Chance darauf mit ihrem besten Freund zusammen zu kommen vertan. Rist hielt heute nicht mehr so viel von ihr. Und das würde sich bestimmt nicht mehr ändern, so traurig es Anna auch stimmte. Es war eine ungemein schmerzende Tatsache und… und wohl eine Ironie des Schicksals, dass sie sich nun in genau der herzbrechenden Situation befand, durch die sich Hjaldrist früher einmal hatte quälen müssen. Er hatte seine Freundin geliebt. Und sie hatte ihn links liegen lassen, weil sie geglaubt hatte, es sei für alle das Beste. So groß Rist’s Zuneigung aber auch gewesen war, so war sie dann, irgendwann, verloschen. Einfach so. Im echten Leben war es eben nicht, wie in den schillernden Märchen und wahre, ewige Liebe war wohl eine Lüge. Also hatte sich Anna dazu entschlossen ihre innere Misere einfach auszusitzen. Sie würde die Zeit walten lassen… und irgendwann würde sie ihre Gefühle für Rist vergessen. So, wie auch er vergessen hatte. Oder?

Die Nase leise hochziehend und sich mit dem Ärmel des zu großen Hemdes flüchtig über die feuchte Wange wischend stand Anna auf. Eine Närrin schalt sie sich und atmete durch, einmal, zweimal. Dann straffte sie die Schultern und blinzelte sich eine letzte, stumme Träne aus dem Augenwinkel. Wie pathetisch.

“Also gut…”, wisperte sie sich ermutigend zu, räusperte sich, um die enge Kehle frei zu bekommen, und sah sich nach ihrer Kleidung um. Mehr, als Bruche und Hemd trug sie schließlich nicht und SO wollte sie nicht unbedingt bei den anderen auftauchen. Also ging sie mit vorsichtigen Schritten zu der Kommode im Raum, auf der einige Teile ihrer Ausrüstung lagen. Anna’s Knie waren butterweich und erzählten davon, dass die kranke Frau eine Woche lang nur komatös schlafend im Bett verbracht hatte. Sie stöhnte entnervt, als sie mühsam in ihre Hose schlüpfte. Und nach wie vor schunkelte das Zimmer nicht. Vielleicht hatte Aldoran sie ja nur veralbern wollen. Ja, womöglich hatten sie längst in Undvik’s Hafen angelegt und der verdammte Apotheker lachte sich jetzt über die ängstliche Anna ins Fäustchen. Das hätte zu diesem Halunken gepasst.

Die Novigraderin fasste nach wattierter Jacke und Mantel, schlüpfte in beides und das eher schlampig, als recht. Flüchtig fuhr sie sich mit den Händen durch die schwarzen Haare, um jene etwas zu bändigen, und rieb sich die schmerzenden Augen. Hoffentlich sähe man es ihr gleich nicht an, dass sie kurz geheult hatte. Oh Mann. Noch einmal zog sie die Nase hoch, versuchte ihre plötzliche Bitterkeit auszublenden und überlegte kurz, ob sie ein Schwert mitnehmen sollte. Sie entschied sich dagegen. Abgesehen davon, dass hier, am Schiff, keinerlei Gefahr drohte und sicherlich genug Bewaffnete herumliefen, sah sich Anna nicht dazu imstande zu kämpfen. Also beließ sie es bei wenigen Kleidungsstücken und ihren Stiefeln. Erst, als sie sich nach letzteren bückte, die da vor ihrem Bett standen, fiel ihr der Fellumhang auf, der neben ihrer Ersatzkleidung über dem Fußende der Schlafgelegenheit hing und sie hielt inne. Der Überwurf gehörte Rist. War er etwa hier gewesen? Die Miene der etwas blassen Frau erhellte sich ein wenig und sie wollte nach dem braun melierten Fell fassen, um es dem Axtkämpfer gleich mitzubringen. Doch wieder stockte sie in ihrem Tun und ließ die Hand grüblerisch sinken. Es war vielleicht dämlich, doch sie ließ den Schulterüberwurf an seinem Platz. So müsste ihn Hjaldrist später abholen kommen.

 

Als Anna später in den Mannschaftsraum kam, der tatsächlich einem wahrhaftigen großen Zimmer unter Deck glich, saßen die anderen schon beisammen. Da waren Ravello, der gerade Wein nachschenkte, Aldoran und vier Leute der Crew. Haldorn sah unglaublich unzufrieden auf, als er die geschwächte Novigraderin erkannte, und stieß seinem Bruder in die Seite, um ihn auf Anna aufmerksam zu machen. Rist, der zwischen den Leuten auf einer langen Holzbank herumlungerte, sah daraufhin zu ihr und hob die Brauen überrascht.

“Ach. Guten Morgen, Sonnenschein.”, ließ er dann hören und grinste lasch dabei. Auch Ravello sah sich jetzt nach seiner Kumpanin um und fing damit an zu strahlen, wie ein Honigkuchenpferd.

“Anna!”, machte der Ritter aufgeregt und rutschte auf der Sitzbank ein Stück beiseite, um bereitwillig Platz zwischen sich und Rist zu machen “Setz dich zu uns!”

Die Angesprochene nickte und näherte sich langsam, um an den langen Tisch zu kommen. Derweil erhob sich Haldorn demonstrativ und ging wortlos. Es war eine tonlose Botschaft. Skeptisch sah die Schwertkämpferin dem Skelliger, der sie ganz offenkundig nicht leiden konnte, nach.

“Beachte ihn nicht.”, kommentierte Rist gleichmütig “Der kriegt sich schon noch ein.”

“Du siehst gut aus!”, plapperte Ravello umgehend weiter und riss die Aufmerksamkeit der kleinmütigen Novigraderin damit auf sich zurück “Du bist schon gar nicht mehr so blass!”

“Echt…?”, wollte Anna wissen und zweifelte damit an den Worten ihres Freundes, der mit dem Kinn gen Platz neben sich deutete. Sie folgte dieser zweiten Aufforderung sich zu setzen diesmal auch und ließ sich schwerfällig zwischen dem Beauclairer und Hjaldrist nieder. Sogleich schob Ravello Anna gutmütig etwas dampfenden Möhren-Eintopf zu.

“Wir haben ihr jeden Tag das Zeug von Lado eingeflößt.”, erklärte Aldoran nach Ravello’s Worten “Der Hexer meinte, es hilft. Und das hat es wohl.”

Anna, die nach einem der hölzernen Löffel auf der Ablage klaubte, musste lächeln und sah zu dem Apotheker auf. Die Frage danach, wen er genau mit ‘Wir’ meinte, klärte sich gleich, als der Kerl ganz knapp in Rist’s Richtung nickte. Der Undviker, wiederum, fing den Blick der einzigen Frau der Runde daraufhin recht gelassen auf. So, als sei es selbstverständlich, dass auch er sich gelegentlich um die schlummernde Anna gekümmert hatte. Ja, tatsächlich war er also ab und an bei ihr gewesen. Das hatte sie ehrlich gesagt nicht erwartet. Denn noch immer war sie sich mehr als nur unsicher, wenn es um die Gesinnung des Jarls ging. Er war doch so unglaublich zornig und enttäuscht gewesen. Wie konnte er jetzt so tun, als habe Anna ihn nie so behandelt, als sei er ihr das Unwichtigste der Welt? Dankbarkeit machte der Kurzhaarigen das Herz ein wenig leichter. Dennoch fühlte sie sich am Rande sehr schlecht. Dies musste an ihrem plagenden Gewissen liegen, das ihr seit Monaten immer wieder zuflüsterte, welch ein schlechter Mensch sie doch war.

“Wie geht es dir?”, hakte Ravello nach und brachte Anna damit endlich dazu von Hjaldrist fortzusehen “Willst du einen Schluck Wein?”

“Geht so.”, entgegnete die Jüngere aufrichtig “Mir ist noch ziemlich schlecht, also gehe ich es mal langsam an… aber danke.”

Der nette Ritter lachte leise in sich hinein.

“Wie du meinst. Aber wisse: Ein Schluck Est Est ist gut für und gegen alles.”, meinte der Mann in der blauen, silbern bestickten Tunika besserwisserisch und erhob einen Zeigefinger belehrend “Das hat mein Vater stets gesagt.”

“‘Für und gegen alles’, was?”, grinste Rist schnaufend und fischte nach seinem Becher, ehe er Ravello einen schiefen Blick zuwarf “Ah ja.”

Aldoran musste auflachen und Anna stimmte glucksend ein. Und während sie so mit ihren Engsten beisammensaß und vor allem den anderen lauschte, als sie vorsichtig aß, vergaß sie gar die Tatsache, dass sie sich soeben auf einem Schiff befand. Doch daran, dass sie gerade irgendwo auf hoher See war, erinnerte man sie nach dem Essen schon bald. Denn Hjaldrist erhob sich, seufzte einmal langgezogen aus und holte Luft zum Reden.

“Ich sehe mal nach den Leuten oben. Nicht, dass Haldorn uns noch gegen einen Felsen fährt.”, sagte er und es war mehr eine Floskel, als dass er es ernst meinte, das sah man ihm an. Dennoch versteifte sich Anna sofort. Und hätte sie nicht längst mit dem Essen aufgehört, wäre ihr der Hunger auf leckeren Eintopf mit Brot spätestens jetzt gehörig vergangen.

“Hm.”, entkam es Rist, als er innehielt und NATÜRLICH bemerkte er die Nervosität seiner Kollegin “Hey.”

“Mh?”, bekam die gerade so heraus und hob den Blick eingeschüchtert.

“Kommst du mit?”, wollte der Skelliger wissen und konnte sich gerade noch so ein wissendes Grinsen verkneifen.

“Was?”, keuchte Anna auf diese Frage hin entsetzt “Nein. Besser nicht.”

“Wieso? Ich hatte dir doch erzählt, dass unsere Schiffe nicht so herumschaukeln, wie die Nussschalen der Cintrianer.”

“Ja… ja, hast du.”

“Und? Schaukeln wir gerade?”

“Nein.”

“Na, siehst du. Also komm. Du solltest dich wenigstens einmal in deinem Leben an eine Reling trauen. Frische Luft tut dir zudem sicher gut.”

Anna gab einen unwohlen Laut von sich und wollte den Kopf heftig schütteln. Sie hielt jedoch inne, als der grenz-wölfische, irgendwo belustigte Ausdruck des Undvikers einem netteren Lächeln wich. Durch die Nase atmete die Kriegerin flach durch und spürte die Blicke aller anderen gespannt auf sich liegen.

“Komm schon, Angsthase.”, bat Rist in seiner wieder aufgegriffenen Mission Anna beweisen zu wollen, dass Schiffe das Großartigste der Welt waren. Und allein, dass er dies so offensichtlich wollte, ließ sie weich werden. Denn es bedeutete, dass sie ihm nicht einerlei war. Und dass er sich ihr nicht nur verpflichtet fühlte, weil sie schwer krank war und sie zwei früher einmal viel miteinander erlebt hatten. Es war ein kleines Bisschen wie eine Art Annäherung oder Versöhnung und die Giftmischerin erfasste sie, obwohl es darum ging an Deck eines fahrenden Drecksschiffes zu gehen. Oh, Melitele, steh ihr bei…

“In Ordnung…”, sagte Anna leise und stand auf. Aldoran und Ravello tauschten derweil verblüffte Blicke aus, zuckten die Schultern. Und Hjaldrist sah aus, als habe er gerade einen harten Wettstreit gewonnen. Mit einem zufriedenen Ausdruck im Gesicht wartete er darauf, dass seine Gefährtin zu ihm aufschloss und dann gingen sie, um den langen Korridor zu nehmen, der an all den Zimmern vorbeiführte, in denen die Leute an Bord schliefen. Anna hatte schon wieder vergessen, wie man diese Räumlichkeiten auf Schiffen genau nannte. Kombüsen? Oder so ähnlich.

“Das… Schiff ist ganz schön groß.”, kommentierte Anna aus Ermangelung anderer Themen und um das unangenehme Schweigen zu brechen. Sie hatte sich unwohl dabei gefühlt einfach nur so neben dem stillen Rist her zu gehen. Ein Gefühl, das sie nicht kannte. Denn eigentlich hatten sie sich früher doch so oft angeschwiegen und dies nicht auf negative Art und Weise. Es war immer ganz locker und wohlig gewesen; nicht so, wie jetzt, wo sich die Kriegerin schuldig für das zähe Schweigen fühlte.

“Hm?”, Hjaldrist ging am Ende des Ganges auf eine breite Treppe zu, die nach oben führte. Deren Geländer war kunstvoll geschnitzt worden und erinnerte ein wenig an eine übergroße Schlange, die einem ihren Körper darbot, um sich daran festzuhalten. Hübsch. Anna mochte Reptilien ganz gern.

“Die ‘Seeschlange’ ist nicht das größte Schiff… aber im Moment das bequemste der Überreste der Flotte, behaupte ich mal.”, gab der Jarl im grünen Rock ruhig zu “Die Kriegsschiffe sind größer, als das hier, und auch schneller. Sie bieten Platz für bis zu 60 Mann. Nur haben wir darauf keine Kajüten und keinen schönen Platz, um in Ruhe zusammen zu essen.”

Anna blinzelte irritiert. Und natürlich musste sie nicht weiter nachfragen, ehe ihr wissender Kumpan sie schon in allen Einzelheiten aufklärte. Er hatte schon immer gern über Boote gefachsimpelt, ob man ihm zuhören wollte oder nicht.

“Nachts segelt man selten, wenn man im Krieg ist. Daher schläft man an Land, wenn man mit einem großen Langboot unterwegs ist, um gegen den Feind zu schlagen.”, erzählte Hjaldrist und zum ersten Mal hörte ihm Anna dabei tatsächlich interessiert zu. Mochte sein, dass er sie in der Vergangenheit schon einmal über verschiedene Schiffstypen und dergleichen aufgeklärt hatte, nur hatte sie ihn dabei meist ignoriert oder stöhnend mit den Augen gerollt.

“Nachtsüber lagert man an Stränden. Dabei wird der Mast eines Kriegsschiffes umgelegt und das ganze Ding wird überzeltet.”, erzählte der Undviker weiter “Und unter den Planen kann man getrost und vor Regen geschützt schlafen. In Schlafsäcken, wohlgemerkt. Denn Betten gibt es dort keine.”

“Oh.”, machte Anna.

“Daher sind wir hier auch auf keinem reinen Kriegsschiff, sondern auf Haldorn’s… nennen wir es einmal ‘Boot zum Angeben’.”, grinste der Krieger in sich hinein und hatte die halbe, dunkel gestrichene Treppe bereits hinter sich gelassen. Die Alchemistin aus dem Norden folgte ihm nach wie vor ziemlich verunsichert. Von oben konnte man das Meer schon richtig laut rauschen hören. Einschüchternd. Anna schluckte trocken. Was… was machte sie hier überhaupt?

“Mein Schiff war viel schöner, als die ‘Seeschlange’ aber naja…”, seufzte Hjaldrist dann noch ein wenig wehleidig. Anna’s Ausdruck rutschte in eine schuldbewusste Richtung.

“Das mit deinem Boot und deinen Leuten tut mir sehr leid.”, sagte sie und brachte ihren älteren Begleiter damit dazu stehen zu bleiben. Kurz vor dem Ende der Treppe hielt er an, zögerte erst und sah sich zu ihr um. Er konnte nicht verbergen, dass es ihn verwunderte, was Anna gerade gesagt hatte.

“Warum entschuldigst du dich schon wieder?”, wollte er wissen “Du kannst nichts dafür.”

“Du selbst hast Undvik im Endeffekt doch nur verlassen, weil Ravello dir geschrieben hat. Er hat mir von dem Brief erzählt.”, erwähnte die Trankmischerin. Auf diese direkte Aussage hin verstummte Hjaldrist. Sein Blick maß Anna und er schien zu überlegen. Dann atmete er aber tief aus und schüttelte das Haupt leicht, auf dem die Jarlskrone seines Vaters saß. Ob Rist Halbjørn vermisste? Bestimmt. Die Miene der Kurzhaarigen verrutschte erst ins Nachdenkliche, dann wurde sie am Rande traurig.

“Hör auf dich andauernd zu entschuldigen, du Idiotin.”, sprach Rist dann ungewohnt patzig in die Stille hinein und es war sofort klar, dass er damit nicht nur die Beteuerung bezüglich seiner alten Mannschaft und seines Schiffes meinte. Hinter seiner Aufforderung steckte mehr, als das. Er klang gar etwas verärgert.

“Dieses ganze Gejammer geht mir auf die Nerven.”, sagte er noch und was er da von sich gab, passte nicht zu ihm. Der Mann, den man eigentlich als eher sensibel und einfühlsam kannte, ballte die Fäuste und Anna wagte es gerade nicht ihm geradeaus in die Augen zu sehen. 

“Ich-”, fing sie mit hängendem Kopf an, aber wusste nicht, was sie dem hinzufügen sollte. Ja, was ‘Ich’? Was sollte sie denn schon sagen, wenn Hjaldrist sie zornig anstarrte und ihr herrisch befahl ihm nicht mehr zu beteuern, dass ihr alles leidtat? Dass sie die Zeit am liebsten zurückdrehen würde? Das konnte sie ja auch nicht. Es war ein lächerlicher Wunsch.

“Hm.”, brummte der Jarl noch und betrachtete die unbeholfene Frau bei sich eindringlich. Dann lachte er kurz. Vielleicht wollte er dabei ja trocken oder abfällig klingen, doch schaffte es nicht ganz. Zum Glück. Das ließ ahnen, dass er der Nordländerin einfach nur die Augen öffnen wollte und nicht wirklich wütend war. 

“Hör auf andauernd nur zu reden, Arianna. Wir sind in spätestens zehn Tagen auf Skellige und dort gelten Taten mehr als Worte, das weißt du.”, gab der Undviker von sich “Und außerdem…”

Die burschikose Kriegerin blickte vorsichtig auf, schloss den Mund und sah Hjaldrist stumm an. Sie solle ‘tun anstatt zu reden’? Das hatte er in Bogenwald schon gesagt. Nur was sollte sie zuletzt machen, um zu beweisen, dass sie nie wieder weglaufen würde? Sie wusste doch nicht einmal, ob ihr ehemals bester Freund sie jetzt überhaupt in seiner Nähe haben wollte. Vielleicht sah er es ja doch nur als seine obskure Pflicht an die vermeintlich Besessene zu unterstützen, weil sie damals, nachdem der Basilisk ihn erwischt hatte, auch nicht von seiner Seite gewichen war. Alles hatte Anna damals für ihn getan und das wochenlang. Wahrscheinlich dachte Hjaldrist also, sie erwarte so etwas auch von ihm. Der Kerl hatte sich bis heute ja nicht wirklich erklärt und… ach… es war kompliziert.

“Du hast früher doch auch nicht so viel geredet.”, erinnerte sich der Jarl “Manchmal hast du nicht einmal lange nachgedacht, bevor du etwas getan hast. Einfach so.”

“Ich weiß.”, gab Anna kleinlaut bei.

“Du sagst andauernd, du seist nicht mehr ‘Die von früher’. Aber weißt du was? ‘Die von heute’ gefällt mir nicht. Sie nervt mich. Denn sie heult nur rum, anstatt einfach selbstsicher voran zu gehen und alles besser zu machen. Ja, ich hätte ein Stück weit gern die alte Anna zurück. Verstehst du das?”

“Was…?”

“Denke einfach mal drüber nach, du Trantüte.”, sagte Rist streng, doch an seinen Lippen zog schon wieder ein mattes Lächeln. Seine Mitreisende schaffte es nicht sonderlich gut Blickkontakt zu halten, denn sie fühlte sich nach wie vor bescheuert und ohnmächtig.

“Und jetzt komm…”, meinte der Krieger gutmütig und deutete Anna mit einer Handgeste an ihm weiter nach oben zu folgen.

Der weitläufige Blick, der sich der tief ächzenden Novigraderin Momente später schon bot, war beängstigend. Als sie nach Hjaldrist an Deck kam, sah sie einem unendlich erscheinenden Meer entgegen. Über ihrem Kopf bauschte sich ein riesiges Segel in Blau und Grün, während der Wind das Schiff über die großen, schäumenden Wellen trug. Waren letztere größer, spritzte deren Gischt gar bis zur Reling hoch. Etwas blass linste die Frau nach vorn, an den Planken entlang. Das Boot war mindestens fünfundzwanzig Meter lang und halb so breit. Viele Männer tummelten sich hier und irgendwo dazwischen rief Haldorn gerade irgendwelche Befehle an einen ‘Dalgur’, der ‘endlich seinen Arsch hochkriegen’ solle. Anna stand indes wie festgewurzelt da und musste sich am schmucken Ende des geschnitzten Treppengeländers festhalten. Hier, auf diesem riesigen Boot und inmitten des unendlich tiefen, schwarzen Wassers darunter, fühlte sie sich so, so winzig und verloren. Was, wenn eine große Welle über das Schiff hier hinweg schwappen würde? Selbst der beste Schwimmer würde in dem reißenden Meer ringsum ertrinken. Anna’s Hände zitterten leicht und sie kam nicht umhin sich vorzustellen, welche Viecher in den Tiefen der See hausten oder leben könnten. Riesige Kraken, Kelpies, Wale...

“Oh je…”, murmelte sie immer wieder leise vor sich hin und noch immer wanderte ihr Blick vollends überfordert. Was sollte sie jetzt nur tun? Sie konnte sich kaum rühren.

“Anna.”, konnte sie Hjaldrist sagen hören. Er war schon wieder bei ihr und fasste nach ihrem Ärmel, um daran zu ziehen.

“Komm. Das Meer ist gerade noch richtig ruhig.”, fand er hartnäckig.

“R-ruhig?”, keuchte die Novigraderin und verspürte das dringende Bedürfnis danach sich setzen zu wollen. Obwohl das Schiff tatsächlich ruhig im Wasser lag, zugegeben, haschte eine unerklärliche Panik nach ihr. Noch nie war sie während einer Schifffahrt NICHT seekrank gewesen. Vielleicht hatte sie deswegen Angst. Denn nun, da ihr nicht speiübel war, war dafür genug Platz.

“Lass die doch!”, konnte mal Haldorn blaffen hören “Soll sie doch in ihre Kajüte zurück und sich wieder einschläfern lassen! Tse. Eine Skelligerin würde sich nicht so bescheuert aufführen...”

Anna biss sich fest auf die Innenseiten der Wangen, als sie dies vernahm, doch sah nicht zu dem schnippischen, jüngeren Bruder Hjaldrists hin. Das, was jener da gerade gefordert hatte, glich einer Flucht. Und die Kurzhaarige hatte sich doch geschworen nie wieder wegzulaufen. Erst recht nicht dann, wenn der, den sie noch immer als ihren Seelenverwandten ansah, wollte, dass sie ihm folgte. Also fasste sie sich ein Herz und holte einmal tief Luft. Augen zu und durch. Mit ein wenig mehr Entschlossenheit im Bauch haschte die Trankmischerin also nach der Hand, die gerade noch fordernd an ihrem hellen Ärmel gezupft hatte. Rist erstarrte kurz, als dies geschah, doch schlug die kalten Finger Annas nicht fort.

“Ich... mach mir sonst in die Hose, Rist.”, erklärte die ihr Tun und hoffte nicht noch so rot anzulaufen, wie eine Tomate. Sie hatte die Hand dieses Kämpfers schon oft festgehalten. Aber dieses Mal besaß es, verdammt nochmal, das Potential dazu sie aus der Fassung zu bringen.

“Allein gehe ich sicher nicht bis an das Geländer.”, schloss die Betretene ihre Erklärung noch atemlos und klammerte schon fast.

“...Reling.”, korrigierte der Jarl, seufzte dann aber schon nachgiebig und musste grinsen. Und bestimmt kam es ihm recht, dass die nervöse Frau seine Hand jetzt nicht losließ, denn er konnte sie daran problem- und erbarmungslos bis zum Bootsrand ziehen. Haldorn beobachtete dies grimmig und wendete sich verständnislos kopfschüttelnd ab, als die beiden anderen ihr Ziel erreichten.

“Ach du Scheiße.”, keuchte Anna, als sie dann direkt an der Reling stand und hinab, in das rauschende Meer sah, das rhythmisch gegen den Schiffskörper toste. Es sah aus, als schwebe das Boot auf dem Wasser ganz schön auf und ab, doch man spürte dies kaum. Und während Rist heiter lachen musste, krallte sich seine Kollegin entsetzt an das glatte Holz vor sich. Trotz allem riss sie die Aufmerksamkeit aber nicht vom großen Meer fort; im Gegenteil. Vorsichtig hob Anna den Blick dem Horizont entgegen, der die Sonne schon bald verschlucken würde. Deren helle Strahlen wichen langsam einem warmen Orange und im Rücken des Schiffes zogen dunkle, blauschwarze Wolken auf. In der Ferne konnte es man unter ihnen schon regnen sehen. Dieser arge Kontrast sah… schön aus. Anna’s Miene lockerte sich ein wenig. Hjaldrist stützte die Unterarme auf die Reling und folgte ihren großen Augen.

“Und? Schlimm?”, wollte er mit einer gewissen Erwartung im Unterton wissen. Normalerweise hätte die Frau neben ihm sofort energisch genickt, doch gerade, da erwischte sie sich dabei keine direkte Antwort zu haben. Schlimm? Nein, eigentlich… war das hier nicht so verheerend, wie erwartet. Der Seewind wehte stärker, doch das war nicht unangenehm, denn nun, im Sommer, war er nahezu warm. Nach Salz duftend strich er Anna über das Gesicht und fuhr ihr durch die dunklen Haare. Es war… angenehm. Und obwohl die Schwarzhaarige schon immer Angst vor dem Meer gehabt hatte, mochte sie den Geruch von eben jenem sehr. Ihre angespannten Glieder lockerten sich allmählich und die Brise brachte ein paar Tropfen Gischt mit sich, die einen salzig an der Wange kitzelten. Es war nicht schlimm. Und Anna musste tatsächlich ein wenig lächeln. Ein Ausdruck, der auch dem Jarl Undviks Antwort genug war. Zufrieden und vielleicht auch auf eine gewisse Weise erleichtert sah er seiner Begleiterin dabei zu, wie sie die Wellen im Sonnenuntergang interessiert musterte. Aldoran würde die Kurzhaarige für den Rest der Überfahrt nicht mehr in einen erzwungenen, risikoreichen Schlaf schicken müssen, so viel stand fest. Und vielleicht würde Anna bald auch völlig angstfrei und allein auf dem Deck des großen skellischen Schiffes stehen, um aufgeregt Ausschau nach Delfinen zu halten.

 

Wenn ein Skelliger selbstsicher voraussagte, dass auf See ein Unwetter kam, dann kam eines. Und wenn dieser Westländer dabei seine Leute schon Stunden im Voraus warnte, dann besaß das besagte Gewitter das Potential dazu sich zu einer richtigen Katastrophe zu entwickeln. So viel würde Anna später noch verstehen...

Nach ihrem kleinen, wagemutigen ‘Ausflug’ an Deck war sie wieder in ihre Kajüte verschwunden, um sich etwas hinzulegen. Lange hatte sie davor noch den Wellen im warmen Schein der untergehenden Sonne zugesehen und sich dabei Rist’s Ausführungen über das Meer angehört. Doch am Ende waren ihre Aufmerksamkeit eingeknickt und ihre Knie zu wackelig geworden. Aldoran’s Schlafmittel steckten der Kräutersammlerin noch immer in den Knochen und sie hatte sich mehr als nur abgeschlagen gefühlt. Geschlafen, das hatte sie aber nicht und noch immer döste sie in Seitenlage, mit angezogenen Beinen und der Decke bis zur Nase. Dabei fühlte sie sich trotz allem besser, als nach ihrem Erwachen von vor wenigen Stunden. Ihr war nicht länger kotzübel oder schwindelig und außerdem hatte sie über Hjaldrist’s Worte nachgedacht. So beschäftigt hatten jene sie, dass sie nicht eingeschlummert war. Der pragmatische Mann hatte gesagt, Anna solle Taten statt Worten sprechen lassen; dass er sich ein Stück weit seine alte Freundin zurückwünschte. Und obwohl er anfangs so wütend und verstimmt geklungen hatte, hatte er es gut gemeint. Er hatte Anna eine kurze Standpauke gehalten und dann, Momente später und an Deck, schon wieder über das weite Wasser und Boote gelächelt. Vielleicht war er ja doch mehr Skelliger, als es optisch den Anschein machte. Er regte sich erst auf und war schmerzhaft direkt, wenn ihn irgendetwas wahrhaftig aufregte, nur dann war die Diskussion für ihn auch schon wieder abgehakt. Herumzudrucksen, wenn man sich ärgerte, und nachtragend zu starren waren eben kein Ding der Inseln und dies war der nun befreiteren Anna abermals mehr als nur bewusst geworden. Und sie hatte überlegt. Seit Bogenwald war es doch so gewesen, als verfolge sie ihr schlechtes Gewissen, wie ein Rudel hungriger Wölfe. Es hatte tagelang den Anschein gemacht, als habe es die nervöse Giftmischerin eilig damit nach Rist’s Vergebung zu klauben. Nur funktionierte so etwas nicht von einem Tag auf den anderen. Sie hatte in ihrem Stress in Bogenwald gedacht, ihr ehemals bester Freund ginge wieder und das ohne sie. Aber das war er nicht. Er hatte Anna einfach mit sich genommen und ihr damit bewusst viel Zeit gegeben, um sich zu beweisen. Oder sah sie das falsch? Sie müsste ihm nicht kleinmütig bettelnd nachlaufen und unbedingt versuchen ihm zu gefallen. Die Frau könnte einfach nur DA sein und damit zeigen, dass sie nie wieder verschwinden würde. Jedenfalls nicht, wenn Hjaldrist das nicht so wollte. Ja, solange er ihr nicht sagte, sie solle gehen, würde sie das auch nicht tun. Sie hatte durch ihre schweren Missetaten gelernt und wollte auch sich selbst beweisen erwachsener geworden zu sein. Oft war sie ihrer Starrköpfigkeit wegen auf die Schnauze gefallen, doch das, was seit der Jahreswende geschehen war, hatte einem einzigen, großen Chaos geglichen. Anna war so dumm gewesen dies nicht rechtzeitig zu erkennen. Naivität, gepaart mit zu viel Ehrgeiz und Starrsinn, war selten gut. Und jetzt musste die Frau all die Folgen ihrer verwerflichen Taten ausbaden. Und der Ausgang dieser Misere war noch ungewiss. Doch sie hatte wieder liebe Leute um sich herum und ihnen würde sie zeigen, dass sie deren Beistand und Hilfe nicht als selbstverständlich ansah. Denn das war es keinesfalls. Vadim hatte in Kaer Iwahell Recht gehabt: Anna’s Stärke waren immer ihre treuen Freunde gewesen. Und gerade jetzt, wo es ihr dreckig erging, zeigte sich dies auf ein Neues. Alleine, da wäre sie nun nicht hier. Sondern tot. Man hätte sie noch auf Kaer Iwahell hinrichten lassen oder sie wäre auf der Flucht vor dem wütenden Mob der Greifenschule an ihrem Bluthusten gestorben, ganz sicher. Irgendwo in der Gosse wäre sie verreckt. Einsam. Nun aber, war sie hier. Zusammen mit einem Kerl, den sie nicht einmal so lange kannte, der aber für sie wie ein Leibarzt waltete; mit Ravello, der ihr nicht von der Seite gewichen war, obwohl sie ihm damals hysterisch angedroht hatte ihn abzustechen; und mit Rist. Es erschien nach allem so surreal und viel zu gut, um wahr zu sein. Krankheit, Angst vor dem, was käme und Besessenheit hin oder her... Anna ging es heute so gut, wie schon seit Monaten nicht mehr. Und das mochte was heißen.

Als ein heftiger Ruck durch den Raum ging, schreckte die Besagte aus ihrem seichten Schlaf hoch und richtete sich sofort wie eine Eins in ihrem Bett auf, um sich alarmiert umzuwenden. Noch einmal schien das gesamte Schiff zu erbeben und die drei langen Waffen, die unweit an der Holzwand lehnten, fielen scheppernd zu Boden.

“Holla!”, machte Aldoran erstaunt, der auf seinem Bett herumsaß und gerade in aller Ruhe gelesen haben musste, denn er hatte ein paar Schriften und einen dicken Wälzer auf seinem Schoß liegen. Anna entkam indes ein verunsichertes Stöhnen.

“Ich fragte mich ja schon, wann es losgeht… der Himmel war vor einer Stunde schon richtig schwarz.”, kommentierte der Apotheker und auf diese Meldung hätte seine aufgebrachte Zimmergenossin auch ganz gut verzichten können. Sie brummte entnervt und setzte sich ordentlicher hin, schwang die Beine vor das Bett. Anna hatte sich Jacke, Hose und Stiefel vorhin nicht wieder ausgezogen, denn sie hatte ihrer Müdigkeit wegen unheimlich gefroren. Gut. Denn so war sie nun bereit; wofür auch immer. Ein dumpfes Ächzen von dickem Holz zog durch den Schiffsrumpf, dann sank der Raum ein Stück weit nach vorn ab. Anna’s Wasserkrug rutschte ob dem vom Beistelltisch und Aldoran klappte sein Buch zu, um es zögerlich fort zu legen. Sekunden später kippte das Zimmer abermals und diesmal in die andere Richtung.

“Oh nein…”, murmelte Anna und krallte sich an die Bettkante “Wieso?”

Sie hörte ihren Gefährten aus Bogenwald leise lachen, während ihr Zinnkrug über den Boden rollte und am Ende an das Bettgestell schepperte.

“Mach dir keine Sorgen. Ein Schiff wie dieses hier versinkt nicht so schnell.”, glaubte Aldoran “Draußen tobt eben ein Gewitter, da wirft es einem schon mal das Geschirr vom Tisch.”

Die ängstliche Alchemistin sagte daraufhin gar nichts. Sie fragte sich bloß im Stillen, wie verheerend das Unwetter bloß sein musste, dass sie es selbst hier, unter Deck, dermaßen stark spürte. Die Wellen waren heute Abend, als Hjaldrist ihr von Langschiffen und Fischerbooten erzählt hatte, schon hoch gewesen, nur man hatte dies überhaupt nicht mitbekommen. Es hatte sich angefühlt, als bewege sich die ‘Seeschlange’ keinen Deut weit. Doch jetzt…

Wieder wollte der Raum nach vorn hin abfallen, wurde dann aber plötzlich nach rechts gerissen. Anna gab einen erschrockenen Laut von sich und Aldoran hielt seinen Hut fest, damit ihm jener nicht noch vom Kopf rutschte. Sie beide tauschten Blicke aus, bevor Ravello in das knarrende Zimmer platzte und beinah fiel, weil das Schiff so sehr schaukelte.

“Bei meiner Ehre!”, entkam es dem Ritter atemlos “Geht es euch beiden gut?”

Anna blinzelte irritiert, nickte.

“Noch. Ja.”, meinte sie und sah, wie der schwitzende Blondschopf zu ihr kam, um sich eng neben ihr auf das Bett zu setzen. Der Angsthase aus Beauclair wollte gerade nicht allein sein und nur deswegen war er hierhergeeilt. Das war verständlich.

“Ich wollte mich gerade schlafen legen, als es losging.”, plapperte der Weinkenner vor sich hin “Ich dachte ja nicht, dass ein Unwetter dieses Boot hier so herumwerfen könnte.”

“Ist wohl ein sehr starkes Gewitter.”, schätzte Aldoran “Sollen wir mal nachsehen?”

“Was?”, schnappte Ravello entsetzt “Nein. Ich bleibe hier unten, wo es sicher ist! Ich will nicht von Bord geweht werden!”

Der viel gelassenere Apotheker im Bunde schmunzelte, doch auch ihm sah man an, dass er allmählich ein wenig aufgeregter wurde. Man konnte die reißenden Wellen im Vergleich zur relativ ruhigen See von früher gerade sehr laut vernehmen. Es brauste und rauschte nur so und der Sturm begleitete dies verheißungsvoll heulend. Es toste so laut, dass man die Stimmen der Leute an Deck kaum noch hören konnte, obwohl sie lauthals brüllten. Anna wollte das Herz gen Knie sacken, als ihr dies gewahr wurde. Denn… war Rist gerade etwa da oben? Sofort wurde sie noch unruhiger und begann sich zu sorgen. Ihr Magen verdrehte sich und sie war sich sicher, dass es nicht an ihrer Seekrankheit lag.

“Was ist denn?”, wollte Aldoran ernster wissen, als er die plötzlich so bleiche Miene seiner Kollegin sah “Brauchst du einen Eimer?”

“Was?”, murmelte Anna “Uh, nein.”

“Glaubst du, Hjaldrist ist gerade an Deck…?”, sprach Ravello ihre Befürchtung dann einen Herzschlag später schon mit dunkler Vorahnung im Ton aus.

“Vermutlich.”, entgegnete der Apotheker ihm gegenüber schulterzuckend “Er und sein Bruder haben hier das Sagen. Also werden sie sich wohl kaum unter Deck verkrochen haben. Jedenfalls Rist nicht. Bei Haldorn bin ich mir nicht so sicher. Ich glaube, der tut immer nur so stark.”

Der kleine Raum hob und senkte sich heftig, wandte sich nach links und das hölzerne, gähnende Knarren der Planken erfüllte das Zimmer schon wieder verheißungsvoll. Und dennoch stand Anna nun schneller auf, als man sich versehen konnte.

“Ich gehe nachsehen.”, entschloss sie schnell und ihre Worte überschlugen sich dabei fast. Sie spürte, wie sie das Adrenalin in ihrem Blut noch wahnsinnig machte.

“Bitte, was?”, keuchte Ravello empört.

“Äh…”, machte Aldoran unschlüssig “Bist du dir sicher, dass du JETZT da rauf willst?”

“N-nein.”, brachte Anna wackelig hervor und musste einen sicheren Stand einnehmen, um nicht noch ein Opfer der Fliehkraft zu werden “Ich muss trotzdem hoch.”

“Rist kommt schon zurecht.”, fand Aldoran “Der stammt von den Inseln und ist Scheißwetter am Meer sicherlich gewöhnt.”

Die zittrige Schwertkämpferin hielt auf diese vermeintliche Wahrheit hin inne und sah den Mann mit dem Hut befangen an. Denn er hatte wohl recht. Dennoch machte sie sich unsagbare Sorgen. Wie konnte sie denn hier sitzen und abwarten, während Hjaldrist da oben, im Sturm war? Vielleicht brauchte er ja sogar Hilfe, wer wusste das schon? Und früher, da hatten sie beide sich doch auch immer ungefragt beigestanden. Dies war ein drängender Gedankenzug, der Anna schlussendlich dazu brachte sich einfach in Bewegung zu setzen. Auf schwankendem Grund lief sie folgend den Korridor entlang und wurde einmal wuchtig zur Seite geworfen, als das Schiff eine erneute Wende zu machen schien. Hart kam die Kurzhaarige mit der Schulter voran an der Wand auf, doch ignorierte das und stieß sich leise jammernd von jener ab. Sie hastete weiter, der Treppe mit dem gestrichenen Schlangengeländer entgegen, und das stürmische Heulen von oben wurde immer lauter. Da waren Stimmen, die herumschrien, um sich im Unwetter zu verständigen. Ein schwerfälliger Krieger der Mannschaft kam Anna klitschnass entgegen und hatte einen offenkundig verletzten, blutenden Kollegen dabei. Erst irritiert, dann mit entrückt offenstehenden Lippen, machte die schlankere Novigraderin den beiden Männern auf der Holztreppe Platz. Und dann, wenige Schritte später, kam sie an Deck. Kurz stolperte sie zur Seite, fing sich, ging voran und hob den Blick aus großen Augen. Eine monströse Welle kam soeben auf die ‘Seeschlange’ zu und sie war so hoch, dass man den schwarzen Himmel dahinter kaum noch sah. Anna entkam ein erstickter Schrei und sie wehrte sich krampfhaft gegen den Drang sofort wieder umdrehen und nach unten verschwinden zu wollen. Der Wind peitschte ihr den strömenden Regen ungnädig entgegen und sie wusste nicht, was lauter war: Das Rauschen des schäumenden Wassers oder der pfeifende, schneidende Sturm. Das ganze, riesige Schiff neigte sich nach oben, der dunklen Monsterwelle entgegen. Der Bug wurde hochgehoben und die ‘Seeschlange’ segelte direkt dem meterhohen Wasser entgegen. Ein heftiger Blitz zerriss die Nacht, Donner grollte auf und ein Mann weiter vorn hielt sich am dicken Mast fest. Ein anderer stürzte und man hörte, wie jemand Befehle bellte. Das war Rist. Der Axtkämpfer in der grünen Tunika packte weiter vorn gerade an eines der langen, an Schiff und Segel befestigten Taue und schien den Knoten darin lösen zu wollen. Gleichzeitig gestikulierte er, um zwei von seinen Leuten anzudeuten, dass sie sich um das festgezurrte Segeltau auf der gegenüberliegenden Seite kümmern sollten. Anna hatte nicht viel Ahnung von der Seefahrt, aber vermutlich wollte man das übergroße, blau-grüne Tuch irgendwie… lockerer machen? Warum? Drohte der harsche Wind es noch zu zerreißen? Vielleicht.

Die ‘Seeschlange’ bäumte sich der riesigen Welle vor sich weiter entgegen. Überreizt blickte Anna auf, taumelte einen Schritt weit, versuchte mühsam stehen zu bleiben und sah, wie sich Hjaldrist weiter vorne mit dem Arm bei dem noch straffen Seil einhakte. Der Mann duckte sich, als ginge er in Deckung. Und sofort dämmerte es der Novigraderin, wieso. In dieser Sekunde wurde ihr sofort gewahr, was gleich passieren sollte. Ein Ruck ging durch ihren angstvoll erstarrten Körper und sie hetzte dem Mast vor sich blind entgegen, an den sich schon einer der Skelliger klammerte und den kahlen Kopf einzog. Seile waren um diesen breiten Pfosten gewickelt worden, um Kisten oder Fässer daran zu befestigen und diese Taue waren es, die Anna nun im geweiteten Blick hatte. Ein Schrei entkam ihrer Kehle, als das Schiff abermals ruckte und ihr der Boden einen Atemzug lang unter den Füßen weggezogen wurde. Sogleich landete sie aber wieder unsanft, ging in die Knie und packte nach vorn, um nach den rauen, gewickelten Seilen zu fassen. Mit beiden Händen klammerte sie sich daran fest und das gerade noch rechtzeitig. Denn die schwarze Riesenwelle schlug just über dem Boot hernieder und traf Schiff und Mannschaft bretthart. Es ging unglaublich schnell: Ein Rumsen, ein Branden, ein barsches Zerren am Körper. Wasser, Dunkelheit, in den Augen brennendes Salz. Und dann sackte der Bug der ‘Seeschlange’ auf einmal wieder ab. Das gesamte Boot ging nahezu vornüber, als Anna nach Luft rang und die geröteten Augen wieder aufschlug. Sie war durch und durch nass und wagte es gerade noch nicht, die rettenden Taue am Mast wieder loszulassen. Als sie den Kopf anhob und sich entsetzt nach Rist umsah, stand der schon wieder und starrte in die Richtung des Strickes, den seine Leute vor Sekunden noch hatten lösen wollen. Die zwei hünenhaften Männer waren fort und man hörte ihn im tosenden Sturm zwar nicht, doch sah den Jarl laut fluchen. Suchend sah er sich um und als sein prüfender Blick auf einmal auf Anna fiel, fuhr sie zusammen, wie ein Dieb, den man auf frischer Tat ertappt hatte. Anstatt jedoch anschuldigend oder entrüstet zu starren, wirkte Hjaldrist irgendwie befreit. Und so, als habe er eine Idee. Er rief den Namen der Novigraderin gleich und nickte auffordernd in die Richtung des zweiten Seils, vor dem vorhin noch zwei Krieger gestanden hatten. Ein unheilvolles Flattern des großen Segels begleitete das und jenes riss an dem halb gelösten Strick. 

“Mach es fest!”, hörte Anna Rist brüllen und es glich einem Wunder, dass er die sonst so seekranke Frau gerade mit solch einer Aufgabe betrauen wollte “Sonst nimmt der Wind es mit sich!”.

“W-was?”, stotterte sie vor sich hin, doch wusste, dass sie sich jetzt unbedingt fassen müsste. Ihr Freund brauchte tatsächlich Hilfe, weil Teile der Mannschaft entweder von Bord gespült, verletzt oder anderweitig beschäftigt waren. Anna schluckte einmal trocken. Doch dann eilte sie auch schon los. Erst halb auf allen Vieren, dann rennend. Sie fiel der taillenhohen Reling regelrecht entgegen, als sie bei dem Tau ankam, an dem das flatternde Segel wie verrückt zerrte. So, wie ein wildes Tier, das man irgendwo festgebunden hatte, beutelte es sich und riss am Strick. Rist brüllte irgendetwas und abrupt riss der Wind fester an dem rauen Seil, das ein, zwei Mal um einen dicken Holzknauf gewickelt und vermutlich auch irgendwann einmal verknotet worden war. Nur Knoten gab es keinen mehr. Und das Segeltau drohte gerade vollends zu entgleiten. Geistesgegenwärtig packte Anna also an das nurmehr kurze Ende des Hanfseiles und hielt es fest. Sie war derweil heilfroh über die Vorrichtung, um die man das dumme Ding geschlungen hatte, denn gäbe es sie nicht, hätte das viel zu starke Segel sie gerade einfach von Deck gezerrt. So aber, konnte sie sich noch mit aller Kraft gegen die Reling stemmen und versuchen das Tau wieder ein Stück weit an sich heranzuziehen. Einmal entkam der Frau jenes fast wieder, als ein harter Stoß von rechts kam und eine kleinere Welle über ihren Kopf hinweg schwappte. Es blieb nicht einmal Zeit, um über die Situation nachzudenken. Anna hatte keine Angst mehr und keine Übelkeit haschte nach ihr; sie funktionierte einfach nur und hielt das Segel hier planlos, doch so gut es ging an Ort und Stelle. Ach, sie hatte doch keine Ahnung von alldem hier! Ratlos und ein Stück verzweifelt wollte sie triefend nass nach Rist rufen, doch auf einmal war er schon da und erwischte das Tau, das Anna so krampfhaft umklammerte. Ohne ein Wort zu verlieren, sah er einmal prüfend nach oben, schien irgendetwas abzuschätzen, nahm der Novigraderin das Seil ab, gab ihm etwas mehr Luft und verknotete es dann an dem dicken Holzknauf, dessen Name die Burschikose nicht kannte. Anna wollte ein erleichtertes Aufseufzen entkommen, ein ‘Oh Scheiße, Melitele sei Dank!’, doch sie kam nicht einmal dazu dafür Luft zu holen. Es war, als mache das Boot einen erneuten Satz und die überrumpelte Kriegerin wankte zurück, stürzte und landete schmerzhaft auf ihrem Allerwertesten. Gischt oder Regen spritzte und auch Rist hatte große Mühe damit stehen zu bleiben. Anna sah nurmehr, wie er impulsiv nach ihr fasste, sie am Gürtel erwischte. Und dann wurde es abermals schwarz um sie herum. Gierig reißendes Wasser brach über die ‘Seeschlange’ herein und brauste über das Deck hinweg, spülte Lagerkisten und einen unvorsichtigen Mann hinfort, als wögen sie nichts. Die arme Alchemistin wurde gen Grund gepresst und spürte, wie sich Hjaldrist neben ihr geduckt hielt. Sie beide wurden nur deshalb nicht gen Schiffsrumpf geschwemmt, weil sich der Skelliger noch an dem Tau festhielt, das er soeben kompliziert verknotet hatte. Anna hörte ihn husten und spuckte selbst Salzwasser aus. Laut keuchte sie und kam halb hoch, fasste nach oben, an die Reling, und wollte sich daran hochziehen. Doch ihre Finger rutschten an dem nassen Holz ab. Da durchbrach ein lautes Kreischen die schlimme Nacht. Die Kurzhaarige weitete die Augen und sie dachte, ihr Herz bliebe ihr just stehen. Prompt hob sie den nassen Kopf und richtete den fassungslosen Blick gen Himmel. Eine große Gestalt breitete dort oben, zwischen den dunklen Wolken, die von einem zuckenden Blitz durchbrochen wurden, die ledrigen Schwingen aus. Jene hatten eine Spannweite von geschätzten sechs Metern, wenn nicht mehr, und ihr langer, geschuppter Schweif, peitschte bedrohlich. Wieder ein schriller Schrei, der nur so in den Ohren Klingelte, dann schoss die Kreatur schon auf das gequälte Schiff hernieder. Das was kam, war keine Sirene, so viel war Anna sofort klar. Ein großes, aufgerissenes, lippenloses Maul prangte im Gesicht des Wesens und nahm jenes beinahe vollkommen ein. Man sah nurmehr spitze, gierige Fischzähne. Aufgefächerte Flossen zuckten aufgeregt hinter den grün-bläulichen Schwingen und zwei gierige Klauen reckten sich vor.

“Scheiße.”, keuchte Anna und war so fahrig, dass sie nicht auf die Beine kam.

“Anna?”, rief Rist drängend durch den Sturm und so, als wolle er, dass die Angesprochene die heikle Situation sofort erklärte. Schlussendlich kannte sie ihr Bestiarium doch in- und auswendig und es wäre wohl gelogen gewesen, hätte der Jarl behauptet, ihm wurde das hier gerade nicht zu viel.

“Die ist nicht allein!”, schnappte die wissende Trankmischerin und als könne sie damit in die Zukunft sehen, schossen zwei weitere der finsteren Seemonster zwischen den dicken Wolken hervor. Ekhidnas jagten immer in der Gruppe. Laut schnatterten und schrien sie. Die erste Bestie hatte das Schiffsgeländer bereits erreicht und hob die Krallen in das schöne Holz, riss aggressiv fauchend daran. Das zweite Monstrum tauchte in das wilde Meer ringsum, um einen der ertrunkenen Skelliger von dort heraus zu fischen und ihm einen Arm abzufetzen. Irgendwo hörte man jemanden, der dies mit ansah, entsetzt den Namen des Toten schreien.

“Verdammte-!”, stöhnte Hjaldrist, der da neben Anna kauerte und den Kopf einzog, weil eine weitere, kleinere Welle über den Bug hinweg schwappte. Der Jarl erwischte seine Kollegin am Oberarm und haschte damit nach ihrer unbedingten Aufmerksamkeit. Ernst sah er ihr direkt in die Augen und was gleich käme, wäre keine Bitte.

“Hol dein Schwert!”, rief er durch den gähnenden Sturm.

“Was?”, gab Anna genauso laut zurück “Ich lasse dich hier jetzt nicht-”

“Hole das Schwert!”, blaffte der Mann sie an und die jüngere Kriegerin zuckte zusammen. Schwer atmete sie aus und blinzelte sich den Regen angestrengt aus den schwarzen Augen. Ganz kurz nickte sie dann einsichtig, wollte gehen, doch stockte kurz in ihrem Tun, als sie aufstand.

“Dein Zimmer!”, rief sie Rist zu, der Erlklamm schon kampfbereit festhielt “Wo schläfst du?”

“Was? Warum?”

“Wo ist es?”

“Neben deinem, rechts!”

Anna stutzte und ihre Brauen wanderten hoch, als sie dies vernahm. Ein Schlag der Wellen gegen die Schiffsseite bugsierte sie und Hjaldrist an die Reling und die Kräuterkundige ächzte laut. Dann raffte sie sich endlich zusammen.

“Bin gleich wieder da!”, versprach Anna. Sie sah kurz auf, spähte forschend nach den Ekhidnas und den gefährlichen Wellen weiter vorn. Und dann, in einem günstigen Moment, lief sie los. So schnell sie ihre Füße über die nassen Planken tragen konnten, rannte sie und erhob den Arm schützend über dem Kopf, als ihr Wasser entgegenspritzte. Eines der Meeresmonster stürzte mit angelegten Schwingen auf sie herab, wie ein Raubvogel, und gerade noch so schaffte es die erschrocken schreiende Frau sich unter dem Angriff fort zu ducken. Auf schaukelndem Grund erreichte sie die feuchte Treppe nach unten dann, eilte, stolperte auf den letzten beiden Stufen und fiel unsanft polternd über ihre eigenen Füße. Es klatschte nass, als sie den Boden am Fuß des Abgangs erreichte und hart gegen das Holz schlug. Für einen Moment presste ihr der plötzliche, schmerzliche Aufprall die Luft aus den Lungen und sie stöhnte überwältigt, blinzelte zerfahren. Als sie sich mit zusammengebissenen Kiefern herumrollte, um auf die Knie zu kommen, fasste sie in kaltes Nass. Das Wasser stand hier unten bereits ein paar wenige Zentimeter hoch. Es musste durch den Treppengang herunter geschwappt sein. Jedenfalls hoffte Anna dies inständig. Leise schimpfte sie vor sich hin, als sie sich auf die Beine hievte, strauchelte seitwärts und musste sich an der Wand abstützen. Die Augen zukneifend versuchte sie einem lauernden, bekannten Schwindelgefühl Herr zu werden und schob sich weiter durch den Gang. Irgendwer lief an ihr vorbei und nach oben, rief nach diesem Dalgur, mit dem Haldorn heute Abend schon geschimpft hatte. Anna erreichte ihre Kajüte Augenblicke später. Aldoran und Ravello waren gerade dabei all ihr Hab und Gut auf die Betten zu verfrachten und über den gefluteten Boden zu schimpfen.

“Anna!”, schnappte Aldoran “Wo kommt das ganze Wasser her? Was ist los?”

“Keine Zeit!”, stöhnte die Kurzhaarige und verschwand gleich wieder, nachdem sie ihr Silberschwert aus dessen Scheide gefischt hatte. Noch einmal blinzelte sie benommen, doch versuchte sich gewaltsam am Riemen zu reißen. Ihr Körper wollte nicht mehr so richtig, war noch zu geschwächt. Doch SIE wollte. Sie MÜSSTE. Also stolperte sie weiter, in das größere Zimmer nebenan, und hektisch begann sie damit zu suchen. Fellumhang, Buckler, Rucksack, Landkarten, Besteck, Schachspiel. Wo war Rist’s dummes Horn, verdammt nochmal? Sie wand sich um, ließ den rastlosen Blick weiter schweifen; über das relativ große Bett, den antiken Schreibtisch, den schönen Schrank. Und dort, an einem kleinen Haken und neben einem schmalen Gürtel, hing das, was die nasse Monsterjägerin suchte. Ein erleichterter Laut verließ ihre Lippen sogleich, als sie sich das Artefakt krallte, das Hjaldrist einst von Märthe bekommen hatte. Dann, ein sehr tiefes Durchatmen später, lief sie erneut los.

Als Anna wieder an Deck kam, schlug Rist mit seiner wertvollen Axt nach einer Ekhidna. Wahrscheinlich hatte das Biest ihn angegriffen und er setzte sich nun zur Wehr, indem er auf schunkelndem Untergrund wankend zuhackte. Er streifte das Monster jedoch nur und verärgert aufkreischend erhob sich die große Geflügelte wieder in die Lüfte. Anna sah ihr nach und mit Entsetzen musste sie feststellen, dass dort mindestens fünf weitere dieser Bestien ihre Kreise zogen. Der Sturmwind machte ihnen dabei nicht so viel aus, wie man vermuten mochte. Leider. Anna hetzte auf Rist zu, der sich soeben zu ihr umwandte. Ein halbes Dutzend seiner Leute und Haldorn waren auch da. Ohne jene groß zu beachten, drückte die Trankmischerin dem Jarl dessen Rufhorn in die freie Hand und sah sich sogleich wieder nach den Meereswesen am Himmel um. Die Lage war so heikel, dass Haldorn nicht einmal ein böses Wort über die Anwesenheit der ungeliebten Novigraderin verlor. Etwas Wasser kam von der Seite, als zwei Männer dem Segel des Schiffes noch mehr Seil gaben. Eine Welle von links ließ all die Versammelten beinahe stürzen. Eines der Seemonster holte sich einen der schreienden Krieger. Eine weitere, viel größere Welle zwang die Menschen dazu in Deckung zu gehen. Die Lage war hoffnungslos. Wie, in aller Welt, sollten die Leute an Bord in solch einem Unwetter gegen ein Rudel von Ekhidnas bestehen? Selbst Anna fühlte sich aufgelöst und mehr, als sich gegen die gefährlichen Attacken der fliegenden Monstren zu wehren, war nicht drin. Man konnte in diesem Wetter keine Bomben nach den Bestien werfen und nur darauf hoffen, dass Hjaldrist’s Horn sie genau dann zu Fall brächte, wenn sie sich über dem Schiff befänden. So etwas war bei den wankelmütig flatternden Viechern kaum möglich und wenn die Mannschaft der ‘Seeschlange’ heute nicht viel Glück hätte, wäre sie hoffnungslos verloren.

“Jetzt!”, brüllte Anna, die den Blick nach wie vor taxierend nach oben gerichtet hielt und ihr Freund aus dem Wesen zögerte nicht damit das Horn von Märthe ertönen zu lassen. Zwei der Ekhidnas stürzten daraufhin verwirrt schreiend hernieder und an Deck. Eine davon rappelte sich viel zu schnell wieder auf und floh über die Reling in das rettende Nass. Doch ihre Gefährtin starb unter den Äxten ihrer vielzähligen Widersacher. Dann ein heftiger Wellengang. Der Bug des Schiffes wurde empor gerissen und die Novigraderin schaffte es gerade noch so nicht umzufallen. Sie hob mit der Waffe gegen eines der Monster, das mit den langen Klauen nach ihr haschen wollte, und trennte ihm ein paar Finger ab. Die Ekhidna schreckte zurück, doch kam gleich wieder und schlug mit dem langen Schweif nach Anna. Die taumelige Frau wich ab, wand sich herum und stach zu. Doch leider in die Leere, da sie sich ob des Regens, der ihr wie ein Sturzbach entgegenkam, nicht gut orientieren konnte. Ein weiterer Schlag, Anna trat zu und ihre Silberklinge traf Monsterfleisch. Die Schwarzhaarige wollte noch einmal nachstechen, doch stattdessen wurde sie beiseite bugsiert. Hjaldrist rief nach ihr, sie hörte sein Horn und wie irgendetwas dumpf auf den Schiffsboden krachte. Männer grölten laut und kämpften angestrengt. Sirenen hatten den Braten gerochen und kamen ihren großen Schwestern zu Hilfe. Und das Meer, das meinte es nicht gut mit der ‘Seeschlange’. Anna war es kurz schwarz vor Augen geworden und als sie wieder aufsah, hielt Rist ihren Ärmel fest und sah sie gehetzt an.

“Geh nach unten!”, forderte er drängend, da er längst verstanden hatte, dass die abgekämpfte Nordländerin schwächelte “Na los!”

Verwirrt blinzelte die burschikose Frau, nickte zögerlich. Gehen? Ja, sie müsste gehen, Hjaldrist hatte Recht. Ein Rucken ließ sie beide kurz straucheln. Und auf einmal war da wieder eines der geflügelten Biester. Anna sah es nicht sofort, doch erkannte den überwältigten Blick ihres besten Freundes. Erschrocken starrte er auf einen Punkt hinter seiner Gefährtin, deren Arm er noch bestimmend festhielt. Das Monstrum, das dort genaht war, erfasste Anna keine Sekunde später schon ruckartig von hinten. Krallen packten abrupt zu und auf einmal fiel die ganze Welt in ein klammes Schwarz.

 

Ein Herumfahren, ein weiter Schwerthieb und die kreischende Kreatur verlor ihren Torso. Blut im Regen, zertrennte Flügel, Schreie. Diese Leute hier waren so jämmerlich. Der Magier rümpfte die Nase angewidert und ließ die silberne Klinge wieder sinken. Seine Haltung war stolz und seinem Stand angemessen, als er sich dem Jarl zuwendete, der ihn unsicher ansah. 

“Anna?”, fragte der Skelliger.

Ach, dieser kleine Mann wusste nichts, nicht wahr? Ob der Magier ihn jetzt und hier töten sollte? Mh, nein. Der dumme Junge würde ihm später sicherlich noch Spaß bereiten, also hielt er seine Abscheu jenem gegenüber im Zaum.

“Beiseite.”, forderte der Magier mit einer Kühle, die die Stimme des Mädchens sonst nie überkam, und lächelte schmal. Seine schwarzen Augen bohrten sich durch den Schädel des torhaften Skelligers mit dem viel zu großen Mundwerk. Und endlich schien der Kleine zu verstehen. Lieblos lachte der Magiebegabte und sah, wie die Menschen im Rücken des Jarls gegen die Havfru kämpften. Gegen jene und das launische Meer.

Ungeachtet allem schloss er die Augen, um sich auf das zu besinnen, was ihn umgab. Wasser. Es würde heute sein bester Freund sein. Ach, wie er es bedauerte nicht selbst anwesend sein zu können. Denn er war so viel stärker, wenn er das Mädchen nicht als Kanal benutzte. Doch sie war magieaffin, mehr sogar, als sie glaubte. Und das sollte genügen.

Der Magier spürte das Nass ringsumher. Oh, es war überall. Unter ihm, in der Luft, die er tief einatmete. Und in dem wilden Element hing so viel Kraft. Es trug in dieser Nacht Zerstörung und Tod mit sich und davon so viel, dass der Mann aufgeregt grinsen musste. Er neigte den Kopf etwas, knackte mit dem Nacken. Und dann, von einem Moment auf den nächsten, riss er die freie, linke Hand nach vorn. Es war, als finge er den strömenden Regen vor sich ab und klirrend verwandelten sich die dicken Tropfen in schneidendes Eis, das er einem der vielen Monster in hunderten, messerscharfen Splittern entgegen schleuderte. Er ballte die Finger, öffnete die Augen und sah den geflügelten Feinden mordlüstern entgegen. Sie würden ihm das Mädchen und seinen Unterhalter aus Undvik nicht nehmen, denn die gehörten ihm. Ihm allein. Und er teilte nicht gern. Er holte aus, wisperte stumme Formeln und beschwor die Kälte, seine alte Verbündete, hervor. Eisblumen kletterten über feuchtes Holz, packten nach zwei Geflügelten und rissen sie nieder. All die Feuchtigkeit in der Umgebung wollte erstarren und der herrische Magier lenkte sie, erlaubte ihr ihr Vorhaben oder versagte es ihr. Und er lachte dabei mit der Stimme des Mädchens aus dem Norden. Wie eine Wahnsinnige sah sie aus, wie sie da unerschütterlich an Deck stand. Eine der Meeresbestien schoss auf sie zu, wie ein hungriger Pfeil. Doch sie erreichte den dünnen Körper nicht, denn jener wand sich fast schon tänzelnd herum und wischte mit der bloßen Hand eine Eiswand vor sich, gegen die die Havfru prallte, wie gegen eine dicke Steinmauer. Das Monster schlug sich dabei den Schädel ein und fiel auf Deck, zappelte unkontrolliert und das Mädchen stach zu. Ach, Schwerter waren so primitiv, doch bereiteten dennoch Spaß, nicht wahr?

Zwei Sirenen. Sie stürzten wegen des Klanges des Hornwall-Horns vom Himmel. Klirrendes Eis grub sich dann in ihre erstarrenden, knackenden Körper. Die kleinen Menschen zerschlugen sie mit ihren Äxten und die grotesken Eisstatuetten zerschellten, wie zersplitterndes Glas. Und Anna lachte. Immer wieder tat sie das; bis die letzte Ekhidna starb.

Als sie endlich verstummte, erschauderte und folglich arg zusammenfuhr, war alles vorbei. Die Augen der Novigraderin flimmerten unstet, als sie Rist entgegensah, der sofort vor ihr zurückwich. Er tat dies so, als könne man sich an Anna verbrennen. Auch Haldorn hielt großen Abstand und dessen Mannschaft raunte und tuschelte. Das Unwetter ringsum hatte sich wieder ein wenig gelegt. Zwar schwankte das Schiff noch, doch keine Welle war noch so riesengroß, dass sie über das skellische Boot hereinbrechen könnte. Die ‘Seeschlange’ hielt sich also wieder einigermaßen gut auf dem Wasser, während es stark regnete und die dunklen Wolken den Himmel schwarzblau einfärbten. Es blitzte in der Ferne und es dauerte viele Atemzüge, bis das dazugehörige Donnergrollen die umliegende Gegend erreichte. Zwei tote, verdrehte Ekhidnas lagen an Bord, drei kleinere Sirenen unweit neben ihnen. Eis glitzerte an den Schiffsgeländern und dem Mast, biss sich an einem Segelzipfel fest und bedeckte Teile des Bodens. Kein Flügelschlagen erfüllte die Lüfte mehr, kein Kreischen, kein Kampfgetümmel. Stattdessen schwiegen alle und starrten. Und Anna… stand. Sie stand einfach völlig losgelöst da, mit hängenden Schultern, und sah dem finster glotzenden Hjaldrist verdattert entgegen, weil er gerade mehrere Schritte weit vor ihr zurückgewichen war. Die dunklen Augen der Frau wanderten und der metallene Geschmack nach Blut hing ihr an den trockenen Lippen. Zerfahren sah sie von Haldorn zu Rist, zu ersterem zurück und dann zu den anderen Skelligern. Niemand, bis auf der Jarl, schien sich hier gerade einen Reim auf das machen zu können, was passiert war. Und Anna ereilten finstere Befürchtungen. Ihr Mund stand ihr einen kleinen Spalt weit offen und das eingeritzte, magische Mal unter ihrem Hemd juckte unangenehm.

“E-es…”, fing die Trankmischerin an “Was-”

Die harte Miene Hjaldrists wurde sofort lockerer, als er die ganz plötzliche Verwirrtheit seiner Kollegin bemerkte. Es war, als fiele ihm ein Stein vom Herzen und endlich trat er wieder etwas näher. Die Hände hob er leicht an, als denke er darüber nach sie Anna hinzureichen, doch er ließ es dann doch bleiben. Stattdessen trat er nur vor sie und musterte ihren Ausdruck, als suche er darin nach irgendetwas. Anna ballte die Hände zu Fäusten und bemühte sich darum nicht verzweifelt auszusehen.

“Bei Hemdall!”, schnauzte Haldorn dazwischen und richtete sich damit direkt vorwurfsvoll an seinen Bruder “Eine Zauberin? Im Ernst? Warum hast du uns das nicht gesagt?”

Anna schluckte schwer und wusste nicht was sagen oder was tun. Sie fühlte sich gerade wie ein kleines Kind, das man irgendwo in der Fremde stehen gelassen hatte. Oh, wenn Haldorn nur wüsste…

“Gehen wir zu Aldoran und Ravello.”, schlug der triefend nasse Rist leise vor, als er vor der Novigraderin stand und sie auffordernd, doch sanft am Unterarm berührte “Komm.”

“Hjaldrist!”, drängte dessen unzufriedener Bruder weiter und raufte sich die kurzen Haare “Es bringt Unglück Zauberinnen an Bord zu haben, das weißt du! Oh… ich glaub‘s ja nicht!”

Ein Schatten huschte über das Gesicht des Jarls, als er das hörte und er sah von seiner Gefährtin fort, um seinem jüngeren Bruder einen Schulterblick zuzuwerfen.

“Halt einfach einmal den Rand, ja?”, bat er nicht gerade nett “Wir unterhalten uns später.”

“Das will ich hoffen!”, maulte Haldorn beleidigt “Bestimmt sind wir nur wegen ihr in den Sturm geraten! Sicherlich gehörten die Monster zu ihr! Sie ist ein Fluch, Bruder, sieh das doch endlich ein!”

Die hier versammelte, ratlose Mannschaft äugte zwischen den beiden Adeligen hin und her. Anders als Haldorn, schienen die ganzen Krieger aber keine direkte Abscheu für Anna zu empfinden. Sie wussten vielleicht nicht, wie sie mit der prekären Situation umgehen sollten, doch waren nicht per se böse auf sie.

Völlig verloren sah die klitschnasse Novigraderin den fertigen Jarl vor sich an. Sie musste leise husten, fasste sich dabei an die schmerzende Brust. In ihrer Rechten hielt sie noch immer das Silberschwert aus Skellige.

“Habe ich-”, wollte sie keuchen, doch der ältere Krieger antwortete ihr, bevor sie ihre Frage fertig aussprechen konnte. So, als habe er ihre Gedanken gelesen und womöglich hatte er das ja sogar einmal wieder getan.

“Nein. Hast du nicht. Komm jetzt.”, sagte der durchweichte Kämpfer leise und legte der wirren Frau eine Hand auf die Schulter, um sie dazu zu animieren sich mit ihm abzuwenden und sich zurückzuziehen. Und das taten sie dann auch. Anna’s Atem ging schwer, als sie die Holztreppe nach unten nahm und sich dabei am Schlangengeländer festhalten musste. Sie war ganz konfus und ihre Lungen brannten unsäglich. Anna kannte diesen Schmerz bereits zu gut und wollte den Hustenreiz ignorieren, der damit kam und nichts Gutes verhieß. Enttäuschung machte sich derweil in ihr breit; über den Geschmack nach Blut in ihrem Mund.

“Ich dachte…”, atmete sie heiser, hustete verhalten “Ich dachte, es ginge wieder…”

“Aldoran gibt dir gleich etwas, dann wird das schon…”, meinte Hjaldrist und bestimmt zwang er sich nur dazu so ruhig zu klingen. Anna, obwohl sie zweifelte, nickte schwach und hielt sich die Hand vor den Mund, als sie beinahe würgen musste. Sie bemerkte den Seitenblick ihres Begleiters nicht, der ihr zuvor noch das Schwert abgenommen hatte, um es für sie zu tragen.

“Aldoran!”, rief Rist dann bald donnernd und die japsende Novigraderin wurde ihrer Zimmertüre entgegen geschoben. Der besagte Apotheker kam Momente später aus dem großen Mannschaftsraum angelaufen, bewaffnet mit einem Besen und einem großen Lappen.

“Da bin ich!”, verkündete er und folgte dem Jarl und dem Elend auf zwei Beinen in die kleine Kajüte. Das Kehrwerkzeug und den Lappen, mit denen er den Fußboden später wohl trockenwischen wollte, stellte er sofort ab und kam zu Anna, die sich leicht gebeugt auf ihrer Bettkante niederließ. Aldoran sah fragend zu Rist hin und jener nickte vielsagend. Dann seufzte der Apotheker bedauernd, ehe er damit anfing nach den Tränken Lados zu suchen, die er sicher in seinem Rucksack aufbewahrte.

“Warum bist du vorhin überhaupt nach oben gekommen?”, wollte Rist wissen, als er sich neben Anna setzte und sie sah kleinlaut zu ihm hin, schwieg. Melitele sei Dank hatte er aber offenbar keine Antwort erwartet.

“Das war ziemlich mutig, dafür, dass du heute Abend nicht alleine an die Reling treten konntest.”, meinte der Mann ehrlich “Du hast sehr geholfen, obwohl die Aktion ziemlich kopflos war. Danke.”

Anna runzelte die Stirn, als sie das hörte. Verwundert musterte sie ihren tropfenden Kumpanen und kam nicht umhin ein wenig lächeln zu müssen. Mühsam verkniff sie sich ein neuerliches Husten. Letzteres würde sie gleich nicht mehr quälen, denn Aldoran kam vor sie und reichte ihr eine kleine Phiole mit einer rötlichen Flüssigkeit darin. Schwalbe. Dankend nahm Anna das Fläschchen mit spitzen Fingern entgegen und fing einen argwöhnischen Blick seitens Rist auf, als sie es entkorkte und den scharf riechenden Inhalt in einem Zug austrank. Wie flüssige Glut bahnte sich das Scheißzeug seinen Weg in sie, kratzte schmerzend im Hals und breitete sich wie sengendes Feuer in ihrem armen Magen aus. Der Geschmack, der dies begleitete, war unbeschreiblich grauenvoll. Anna schüttelte es und sie hielt den Atem an, verzog den Mund angewidert und kniff ein Auge gepeinigt zu, als sie ihren eigenen Puls in den Ohren pochen hörte. Eigenartigerweise musste sie dieses Mal nicht würgen oder röcheln und der mittlerweile erfahrene Aldoran reichte ihr seinen Wasserschlauch, damit sie gleich etwas trinken könnte.

“Bei Freya’s Arsch...”, brummte Rist, dem die Szene nicht gefallen mochte.

“Das Hexerzeug von Lado eben.”, erklärte Aldoran locker, setzte sich auf sein Bett und beobachtete die gemarterte Anna ruhig “Solange es hilft…”

Hjaldrist schwieg und presste die Lippen wenig begeistert zusammen. Und seine Kumpanin kam allmählich wieder zu Atem. Das Brennen in ihrem Körper ließ nach, das Rauschen in ihren Ohren schwand und ihr Sichtfeld wurde wieder weiter. Seufzend rieb sie sich die feucht gewordenen Augen und entspannte sich wieder etwas mehr, als sie bemerkte, dass sie es überstanden hatte.

“Alles gut…”, sagte sie dann mit rauer Kehle, damit sich Rist nicht noch mehr ärgerte “Mir geht es gleich viel besser...”

“Mh.”, murrte der Jarl kritisch und ließ es auch dabei bleiben “Du solltest dich hinlegen, Anna.”

“Nein…”, protestierte sie leise “Später.”

Denn tatsächlich fühlte sie sich nach dem, was sie gerade genommen hatte, etwas aufgekratzt. Oder eher: Gesund. So gesund, wie sie sich momentan selten fühlte, und dies brachte sie auf. Wirklich umgehen konnte sie mit dem Gefühl noch nicht, doch versuchte es zumindest zu ignorieren. Ja, sie sollte sich einfach darüber freuen kein Blut mehr husten zu müssen, oder? Tief atmete sie durch.

“...Was ist vorhin passiert?”, fragte sie daraufhin vorsichtig und sah den Skelliger im Raum verunsichert an.

“Der Magier hat geholfen.”, meinte der direkt “Und… es ist mir echt zuwider es auszusprechen, aber wäre er nicht gewesen, hätten wir einige Männer mehr verloren.”

Anna verengte die Augen prüfend, um Hjaldrist anzustarren. Er hielt dem Blick stand und die Trankmischerin seufzte frustriert. Das… was da in ihr drin war, beängstigte sie. Es ärgerte die Kurzhaarige, ließ sie so ratlos zurück. Sie hasste es. Sie verabscheute diesen Magier für das, was er ihr angetan hatte und noch immer tat. Und vor allem grämte sie sich, weil sie selbst schuld an allem war. Oh, sie hatte besser werden wollen und frei. Doch worin hatte dieser utopische Lebenswunsch resultiert? In DEM hier.

“Denke nicht zu viel darüber nach. Es bringt ja nichts. Und weißt du was?”, sagte Rist in die Stille hinein und sah Anna einen Wimpernschlag später schon so wissend an, als spräche er gar nicht mehr mit ihr. Seine zuvor noch so abgekämpfte, doch irgendwo freundliche Miene, rutschte in eine feindselige Richtung und es war klar, wen er hier gerade erreichen wollte. Anna biss die Zähne zusammen und hatte enorme Mühe damit weiterhin Blickkontakt zu halten. Sie mochte es nicht, wie der Undviker sie ansah. Es machte sie krank.

“Ich werde dich kriegen, du Schwein. Und dann drehe ich dir höchstpersönlich den Hals um, das schwöre ich dir...”, versprach Hjaldrist mit dunklem Unterton und sein Gegenüber schwieg einfach nur. Was hätte die schwarzhaarige Schwertkämpferin auch tun oder sagen sollen? Dass sie nicht wollte, dass sich ihr Freund wegen ihr in solch eine immense Gefahr begab? Es wäre vergeblich gewesen, denn noch nie hatte sie diesen Kerl so entschlossen gesehen. Was blieb also? Ein ‘Danke’? In ihrer Ratlosigkeit nickte Anna also einfach nur wieder und ließ den Blick schließlich sinken. Sie hatte Angst, doch längst nicht mehr um sich selbst. Unruhig knetete sie sich die Hände und klaubte nach Worten.

“...Umarmt mich mal jemand?”, murmelte sie dann vor sich hin und ihr Versuch die beklemmende Situation mit ihrem dummen Humor zu überspielen, funktionierte nicht besonders gut. Sie wollte leise lachen, aber schniefte stattdessen. Aldoran und Rist tauschten auf diese Worte hin wohl Blicke aus und ein, zwei Atemzüge lang geschah nichts. Doch dann spürte die Kurzhaarige ganz unerwartet Rist’s Hand an ihrem Rücken. Es folgte keine Umarmung. Wahrscheinlich war dies auch zu viel verlangt, wenn man bedachte, was noch zwischen den ehemals allerbesten Freunden stand. Trotzdem beruhigten Anna die Finger, die sie durch ihre nasse Kleidung hindurch spürte, ungemein und für einen Augenblick glaubte sie wahrhaftig, es würde alles wieder gut werden. Aber würde es das denn?

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