Kapitel 11

Eine wertvolle belohnung

Muschmusch hörte den ganzen Weg über nicht damit auf an dem Gitter seines schmalen Gefängnisses zu nagen, zu fiepen und in der Falle herumzulaufen, wie wild. Hatte er anfangs noch so gleichgültig an dem stinkenden Köderkäse genagt, so fand er gerade keine Ablenkung mehr im Essen. Stattdessen drehte das Tier halb durch, wollte raus und steckte die Nase durch den Gitterdraht hindurch, um bissig nach Anna’s Handschuh zu schnappen. Man hörte die Frau leise fluchen.

“Wie, zur Hölle, hält sich Adlet dieses dumme Tier eigentlich?”, wollte sie wissen. Denn die eigensinnige Maus schien Käfige ganz und gar nicht zu mögen. Die brummige Novigraderin stieg über einen Ast hinweg, der da am Weg lag und sah bereits die Wiese, die sich vor dem Wald auftat. Sie wären bald da.

“Keine Ahnung.”, meinte Rist nahezu amüsiert “Vielleicht gibt er Muschmusch zwischendurch ja Schlaftränke. Oder er beduselt ihn mit seinem Räucherwerk. Wer weiß?”.

“Oh Mann.”, war das einzige, das Anna noch dazu einfiel. Und dann rumste es plötzlich, als fiele etwas vom Himmel. Die Hexerstochter wusste nicht, wie ihr geschah, alles passierte so schnell. Irgendetwas traf sie wuchtig von vorn, warf sie rücklings in den Dreck. Sie hörte Rist irgendetwas rufen, dann ein fremdartiges Grölen. Als sie, am Boden sitzend, den Kopf hob, sah sie nurmehr weißes Fell. Viel Fell. Fell, das zu einem Tier gehörte, das so groß war, wie ein Pferd. Nein, größer sogar! Die Maus, die sich vor wenigen Sekunden noch aufgebracht scharrend in ihrem Käfig befunden hatte, war plötzlich explosionsartig angewachsen, trat mit einer der massigen Pfoten beinah auf die Frau am Boden und bäumte sich auf, warf sich herum. Einen überwältigten Laut von sich gebend, rutschte die sprachlose Anna am Hinterteil zurück. Dass sie dabei in der matschigen Wiese saß, bemerkte sie in dem prekären Moment gar nicht.

“Anna!”, schrie Rist durch das gehetzte Schnarren der Monstermaus hindurch und es hätte nur eine Haaresbreite gefehlt, da hätte Muschmusch ihn mit dem schlagenden Schwanz getroffen.

“Anna, er haut ab!”, brüllte der Mann und dann passierte genau das, was er soeben vorausgesagt hatte. Der weiße, gigantische Nager mit den roten Augen machte kehrt und rannte fluchtartig los. Und Rist, der folgte dem Tier instinktiv und ohne zu zögern. Er wartete nicht darauf, dass sich seine perplexe Freundin vom dreckigen Boden aufrappelte und sich ihm in der plötzlichen, unerwarteten Jagd anschloss. Denn so, wie Anna schien es ihm bereits wie Schuppen von den Augen gefallen zu sein: Adlet hatte mit dem Berserkertrank der skelliger Bärenkrieger experimentiert, um die Formel so anzupassen, dass sie aus Mäusen Kühe machte. Bei Muschmusch hatte das nicht funktioniert und dies aus gutem Grund, wie die Abenteurer später noch erfahren würden. Stattdessen wirkte der Absud auf die weiße Maus so, wie er es bei den Vildkaarlen tat: Jene verwandelten sich nur, wenn sie in Rage gerieten. Und sobald sie sich beruhigten, wurden sie wieder normal. Adlet’s Maus durfte also um keinen Preis entkommen und ihre Panik verlieren. Denn wäre dem so, würde sie schneller wieder schrumpfen als es allen Anwesenden lieb war.

Anna raffte sich hoch und rannte los, um Hjaldrist zu folgen.

“Lauf!”, brüllte sie, während sie wie eine Blöde über Stock und Stein hetzte.

“Ich lauf ja!”, bellte Rist zurück und machte einen Satz über einen kniehohen Felsen, behielt das Gleichgewicht gerade noch so, als es nach dem flachen Stein leicht bergab ging, und eilte weiter durch den rutschigen Matsch, der einem am Rocksaum hoch spritzte. Die beiden Abenteurer jagten der panischen Riesenmaus hinterher, die sich als ganz schön schnell herausstellte. Zwischen Bäumen rannte Muschmusch hindurch, dass es nur so krachte und trampelte dabei Büsche und Sträucher einfach so nieder. Das ängstliche Fiepen des Tiers war dabei kein liebes Mäuspepiepen mehr, sondern glich einem Bärengrölen gepaart mit einem schrillen Kreischen einer Harpyie. Es war ein Ungeheuer, das der verrückte Adlet da geschaffen hatte - zum Glück aber kein sonderlich aggressives, sondern bloß ein übergroßes Fluchttier, das nun panisch dabei war ein Versteck zu finden. Ein Ding der Unmöglichkeit, denn der Körper von Muschmusch war viel größer, als der eines Büffels, sein Schweif an die zwei, drei Meter lang und die Hinterpfoten halb so lang wie ein stämmiger Skelliger.

Anna schob aufgebracht einen dürren Ast beiseite, lief auf eine Steigung zu. Ihre Ausrüstung klapperte bei jedem Schritt rhythmisch und ihr brauner Wollumhang bauschte sich hinter ihr auf. Die Frau legte einen Zahn zu, während Muschmusch den Hügel bereits erklommen hatte, folgte dem Tier und musste an der ärgsten Steigung die Hände zur Hilfe nehmen, um nicht rücklings dorthin zurück zu fallen, woher sie gekommen war. Fahrig fasste sie nach einem welken Büschel Gras, das ihr Gewicht jedoch nicht hielt. Mitsamt der Wurzel riss die Novigraderin es aus, fluchte und fiel beinah wie ein plumper Sandsack zurück. Rist war aber hinter ihr und gab ihr einen Schubs, damit es ihr leichter fiel den Hügel zu erklimmen. Und er folgte ihr schwer atmend, sah am höchsten Punkt angekommen eiligst suchend um sich.

“Da!”, er deutete nach vorn. In die Richtung, in der die weiße Riesenmaus soeben zwischen ein paar dichten Tannen verschwand. Der schwer atmende Mann und seine Freundin nahmen die Beine erneut in die Hände und liefen drauflos. Eine halbe Ewigkeit lang hetzten die zwei Reisenden Muschmusch nach, völlig fertig und durchgeschwitzt. Doch noch immer und wie durch ein Wunder schafften sie es das fliehende Tier im Blick zu behalten. Etwas, das aber nicht viel helfen würde, denn es war schwer anzunehmen, dass Anna und Rist die weiße Maus noch einholen könnten.

“Werf ne Bombe!”, blaffte der Skelliger rüde.

“Bist du wahnsinnig?”, keuchte Anna und trat im Laufen in eine knöchelhohe Wasserlache. Scheiße.

“Nur eine, die blendet!”, forderte der Krieger weiter und rannte neben der Alchemistin her.

“Die fliegt niemals so weit!”, rief die Kurzhaarige und spürte, wie ihr die Seiten damit anfingen zu stechen. Sie atmete in ihrem Stress nämlich falsch. So ein Mist.

“Dann müssen wir sie einkesseln!”, entgegnete der Jarlssohn heiser.

“Wo denn?”, Anna sah nicht zu ihrem Freund hin als sie redete, achtete stattdessen auf den Weg und versuchte Herrin über ihr schlimmer werdendes Seitenstechen zu werden. Tief atmete sie aus, hustete.

“Keine Ahnung!”, stöhnte Hjaldrist und hätte sich gerade wohl sehr gern die dunklen Haare gerauft. Ja, verdammt! Was sollten sie denn machen? Sie könnten nicht ewig rennen. Und sobald sich Muschmusch in sicherer Entfernung wiegen würde, würde er sicherlich wieder abrupt schrumpfen. Dann wäre Anna’s Hoffnung die exakte Rezeptur für die klassische Kräuterprobe zu erhalten erstmal wieder dahin.

“Er ist weg…”, keuchte Rist, als er viele Augenblicke später neben Anna zum Stehen kam und die Hände abgekämpft auf die weichen Knie stützte. Die Frau hatte ebenfalls angehalten, nachdem die große Maus längst aus dem Sichtbereich verschwunden und auch nicht mehr zu hören war. Oh Mist. Oh Kacke! Der armen Nordländerin entkam zwischen zusammengebissenen Kiefern ein unverständlicher Fluch und sie schüttelte den Kopf, wischte sich mit dem Arm den Schweiß von der Stirn. Wie eine Irre war sie mit ihrem Freund durch den Wald gerannt, hatte sich dabei des Öfteren fast auf die Schnauze gelegt, ganz schön nasse Füße bekommen und sich die gute Hose eingesaut. Und wofür? Für nichts.

“Scheiße!”, entkam es Anna auf diesen Gedanken hin nur noch frustriert. Etwas Anderes fiel ihr nicht mehr ein, als Hjaldrist ihr einen Seitenblick zuwarf.

“Was machen wir jetzt?”, wollte er wissen.

“Ich weiß nicht…”, meinte die Novigraderin in einem ohnmächtigen Ton und mit nach wie vor unruhig gehendem Atem. Sie hielt sich die Seite, die noch immer unangenehm stach.

“Ich schätze… wir müssen von vorn beginnen. Eine Falle aufstellen und dann zusehen, dass sich Muschmusch am Ende nicht wieder verwandelt.”, murrte die Frau unglücklich und sah Rist ratlos an, zuckte lethargisch mit den schmalen Schultern. Es entlockte dem Skelliger einen entnervten Laut. Er atmete tief durch, spuckte aus. Die Anstrengung und die kalte Luft hatten auch ihm eine schmerzende Lunge beschert, so schien es.

“Tja.”, meinte er dazu nur mehr mürrisch “Dann gehen wir mal zu Adlet zurück.”

Mit schwerem Kopf nickte Anna, schlug die braunen Augen besiegt nieder. Noch bevor sie jene aber wieder öffnete, hörte sie eine dünne Frauenstimme, die von der Seite her zu ihr herandrang.

“Guten Tag. Ihr Armen seht aus, als wärt ihr vor einem fürchterlichen Monster geflohen.”, eine recht direkte Begrüßung der Fremden, die irgendwo zwischen kahlem Dickicht und dornigen Büschen aufgetaucht war. Anna sah sofort auf und zu jener hin, musterte sie alarmiert, doch wurde schnell wieder ruhiger.

Da stand eine Frau mittleren Alters, mit kastanienbraunem Haar, das zu einem Dutt gebunden war. Sie trug ein einfaches Kleid in Grün und Braun, einen alten Mantel mit einigen, bunten Flicken daran und einen Korb mit rotem Karodeckchen. Aus diesem Korb ragten ein paar Gewächse hervor, ein dicker Baumpilz, etwas Rinde und ein kleiner Bund Schneeglöckchen. Die grünlichen Augen der Dame, die selbst von etwas Entfernung an Waldseen erinnerten, taxierten die Abenteurer eindringlich, doch sie lächelte sanft.

“Ich habe euch schon von weitem gehört und mich gefragt, was hier los sei. Wovor lauft ihr denn weg? Hier auf der Insel gibt es keine gefährlichen Tiere oder Ungeheuer… und die Bären halten derzeit Winterschlaf.”, meinte die Frau und kam näher.

“Wir-... äh.”, fiel Anna dazu nur ein. Ein wenig perplex über die Anwesenheit der besonnenen Skelligerin hatte es ihr sie Sprache verschlagen. Bei Melitele, sie hatte jene zuvor gar nicht bemerkt! So sehr war sie darauf bedacht gewesen dem laufenden Muschmusch nach zu kommen.

“Hast du eine große Maus gesehen?”, fiel Hjaldrist dreist ins Wort und interessierte sich offenbar nicht sehr für die Fremde mit dem Weidenkorb. Jene legte den Kopf fragend schief, lachte irritiert und leise.

“Eine Maus?”, fragte sie, als habe sie nicht richtig gehört.

“Ja, eine riesige, ganz in weiß.”, erklärte der erschöpfte Skelliger schnaufend.

“Nein.”, sagte die Kräutersammlerin zurückhaltend und ein Deut Furcht wollte sich in ihren Unterton mischen “Ich habe noch nie von solchen Mäusen gehört, um ehrlich zu sein. Sind wir etwa in Gefahr?”

“Ich schätze nicht.”, antwortete der Käferschubser schlicht und die Frau im grünen Kleid atmete erleichtert durch.

“Was macht Ihr hier?”, fragte Anna jetzt dazwischen und meinte damit natürlich die Dame mit dem Dutt. Jene mutete schon wieder etwas konfus an. Denn eigentlich sollte es doch logisch sein, was sie hier tat, oder? Man sah es doch. Und außerdem...

“Ich? Ich lebe hier.”, erzählte sie und bemühte sich um ein erneutes Lächeln, das ihre Verunsicherung jedoch nicht überspielen konnte. Ihr Blick streifte die teuren, teils kunstvoll geschmiedeten Waffen der Abenteurer und blieb schlussendlich an dem silbernen Wolfsmedaillon hängen, das Anna an ihrem Gürtel trug.

“Mein Name ist Märthe.”, fügte die Frau noch hinzu und die Gesichter der anderen Anwesenden erhellten sich etwas.

“Oh!”, entkam es Anna “Adlet’s Freundin!”

Die Fremde, die nun nicht mehr allzu fremd erschien, nickte langsam und wirkte überrascht darüber, dass man sie vom Hören-Sagen kannte. Wahrscheinlich wunderte sie sich auch der seltsamen Tatsache wegen, dass die beiden Jüngeren hier mit dem eigenbrötlerischen Adlet zu tun hatten.

“Ihr kennt ihn?”, fragte die Kräutersammlerin befangen nach. Sie schien eine vorsichtige Person zu sein, zart besaitet und ein wenig schüchtern. Sie hatte sicherlich äußerst selten mit Fremden zu tun.

“Ja, wir sind momentan zu Besuch.”, versicherte Anna und die Druidin vor ihr betrachtete sie von Mal zu Mal mit eigenartigerem Blick. Denn es war abwegig, dass jemand wie der ‘Große Naturphilosoph’ Hindarsfjalls, Adlet, Besucher bekam. Er war schließlich ein Eremit auf einer vermeintlich einsamen Insel. Niemand von außen besuchte ihn sonst.

“Ähm, das hier ist Adlet’s Enkel Rist. Und ich bin Anna.”, stellte sich die Novigraderin etwas spät vor und deutete dabei auch auf ihren stumm abwartenden Begleiter, um ihn mit einzubinden. Märthe machte daraufhin große Augen.

“Oh!”, staunte sie “Und deswegen hat Adlet euch darum gebeten seine Maus einzufangen? Gab es wieder Komplikationen mit seinen Experimenten?”

“Kann man so sagen, ja.”, tönte Rist unzufrieden und verschränkte die Arme vor der Brust. Die Druidin in dem schlichten Kleid musste unweigerlich lachen; es klang liebenswürdig und sanftmütig. Die Frau war sympathisch und ganz offensichtlich kein Bisschen verrückt. Schwer vorstellbar, dass sie sich so gut mit Rist’s schrägem Onkel verstand. Aber manchmal, da zogen sich Gegensätze ja bekanntlich an.

“Ich verstehe.”, lächelte die Dame nett, sah zwischen den beiden Jüngeren hin und her, zögerte lang. Dann aber näherte sie sich leichtfüßig. Anna fiel es auf, dass Märthe stark nach Alchemiezutaten und Kräutern roch. Nach Thymian, Kerbel, Lakritz und Rebis. Vor allem aber nach Thymian.

“Hier.”, sagte die Mistelschneiderin dann auf einmal und hielt ihren Korb vorsichtig ein Stückchen weit hoch, damit man einen guten Blick auf das erhaschen konnte, was sich darin befand. Hjaldrist kam schnell zu den Frauen, linste zusammen mit Anna neugierig in das Weidenkörbchen. Und dort, zwischen Schneeglöckchen und etwas Baumrinde, saß Muschmusch. Das kleine, weiße Fellknäuel schien wieder absolut ruhig zu sein, ganz plötzlich, und putzte sich mit den Vorderpfoten das dreckige Köpfchen.

“Waas?”, entkam es Anna im langgezogenen Flüsterton und sie staunte nicht schlecht. Und auch ihr Freund weitete die braunen Augen und blickte etwas fassungslos zur tierfreundlichen Märthe auf, die nach wie vor liebevoll lächelte.

“Ich war misstrauisch, weil ich euch nicht kannte. Aber nachdem ihr Freunde, nein, Familie von Adlet seid… nun ja.”, erklärte sich Märthe, die Muschmusch vor fremden Bedrohungen hatte schützen wollen, sogleich betreten. Freunden aber, denen zeigte sie sich offenherziger.

“Er ist wieder klein!”, platzte es aus Hjaldrist heraus und Anna nickte “So schnell?”

Die hübsche Kräutersammlerin mit dem Weidenkorb lächelte rätselhaft.

 

“Märthe!”, Adlet machte ein ganz schön dummes Gesicht, als seine beiden Gäste zusammen mit Märthe bei ihm auftauchten. Sofort bat er seine ruhige Druidenkollegin in seine Hütte und quasselte etwas von Rosinenbrot und Kräutertee. Dabei warf er auch Anna einen drängenden Blick zu, sah forschend zu Rist.

“Was ist mit Muschmusch?”, murmelte der Onkel dem Jüngeren so leise zu, als wolle er nicht, dass Märthe dies mitbekam. Jene hörte aber augenscheinlich ganz gut, sah zu Adelt zurück und räusperte sich vernehmlich. Sofort zuckte der schräge Druide zusammen, als sei er ein Dieb, den man auf frischer Tat ertappt hatte. Sein groteskes Käppchen mit dem getrockneten Vogelfuß daran rutschte ihm schief auf die Stirn und er musste es wieder geraderücken.

“Die Maus ist hier.”, antwortete die Kräutersammlerin anstatt der jüngeren Abenteurer und hob ihren Weidenkorb demonstrativ ein Stückchen weit an, schob das rote Karodeckchen darauf beiseite. Adlet bekam große Augen und hatte er zuvor noch so verkrampft gewirkt, so bekam seine Miene gleich einen besänftigten Ausdruck. Der Mann mit den weichen Zügen eilte zu dem kleinen Korb und sah hinein, erkannte seine weiße Maus und wirkte unsäglich angetan.

“Muschmusch!”, stellte er freudig fest und fasste zwischen Schneeglöckchen und Baumpilz, um das kleine, pelzige Tier hervor zu fischen. Als es zappelig auf seiner Hand saß, betrachtete er es eingehend und nickte zufrieden. Aus dem Augenwinkel linste er wissend zu Anna hin und die damit konfrontierte Novigraderin wusste, was sich der Druide gerade dachte. Ja, er nahm nun sicher stark an, dass Märthe die gesuchte Maus gefunden hatte - was auch stimmte. Nicht Anna, deren wichtige Aufgabe dies eigentlich gewesen war. Als der Hexerstochter das gewahr wurde, wurde ihr Ausdruck härter und sie schluckte trocken, wurde nervös. Denn schließlich ging es hier nach wie vor um ihr heiliges Kräuterproben-Rezept. Um ein Hoffen auf eine Formel, das ihr hier gerade wie Sand zwischen den kalten Fingern hindurch rieselte. Enttäuschung wollte sich schon in der flauen Magengrube der Kurzhaarigen breitmachen, doch dann sprach die gute Märthe. Und was sie sagte, zerschlug Anna’s vage Befürchtungen und dunkle Annahmen sofort:

“Die beiden Jungspunde hier haben Muschmusch eingefangen. Doch er hat sie beißen wollen, daher haben wir ihn in meinen Korb gesetzt.”, log die wohlwollende Frau mit den kastanienbraunen Haaren ohne schlechtes Gewissen.

“Ooh!”, machte Adlet daraufhin positiv überrascht, blickte zu den beiden Vagabunden, dann zurück zu Märthe. Seine weiße Versuchsmaus war ihm mittlerweile in den weiten Ärmel gekrochen, um es sich dort bequem zu machen. Es schien den Alten nicht zu stören.

“Und ich befürchtete schon, du kamst ihnen zuvor, liebe Märthe.”, lachte Adlet schniefend.

“Nein, nein. Ich war bloß in der Gegend und habe Zutaten für meine Heiltränke gesammelt.”

Anna’s Gesichtsausdruck erhellte sich ungemein und sie fing damit an zu lächeln, als hätte man sie soeben von einer schrecklichen Pein erlöst. Auch Hjaldrist schien erleichtert zu sein und entspannte die zuvor so unruhig geballten Fäuste wieder. Er atmete tief aus.

“Aber sag, Adlet, was hast du denn bitteschön mit Muschmusch gemacht?”, wollte die skeptische Druidin wissen.

“Na, den Kuhtrank habe ich getestet.”, erwiderte der kauzige Mann und bat die anwesenden Drei beiläufig an seinen antiken Tisch.

“Die Maus ist ein Männchen, mein Lieber.”, stellte Märthe belehrend klar und Adlet gegenüber schien sie ein wenig rauer zu sein. Hier war sie keineswegs schüchtern und wisperte auch nicht.

“Jaja, ich weiß.”

“Adlet. Kühe sind weibliche Rinder.”

“Ja.”, der eigenbrötlerische Druide nickte hastig. Es schien in seinem wirren Kopf auch dann nicht zu klicken, als sich Anna und Hjaldrist bereits die Hände vor die entgeisterten Gesichter schlugen. Märthe sah ihn unter hochgezogenen Augenbrauen an. Sie setzte sich an den abgegriffenen Esstisch, stellte ihren Kräuterkorb neben sich am Boden ab. Es roch nach Thymian.

“Eine männliche Maus kann nicht zur weiblichen Kuh werden. Das ist so klar, wie die Tatsache, dass Eins und Eins zusammengezählt Zwei ergeben.”, warf die Frau mit den grünen Augen ein, als sei sie eine Professorin der oxenfurter Akademie. Und es war so logisch. Selbst Anna oder Rist hätten darauf kommen können, dass man das Geschlecht eines zu mutierenden Tieres nicht veränderte, indem man ihm einen Trank einflößte, der nur die Gattung des Wesens verformen sollte. Die skelliger Bärenkrieger wurden durch ihre Absude doch auch nicht zu Amazonen.

“Oooh…”, Adlet schien endlich, ENDLICH, ein Lichtlein aufzugehen. Er starrte Märthe an, als hätte sie ihm gerade einen weiteren, großen Durchbruch in seiner Forschung ermöglicht. Oweia. Der Onkel hier schien also nicht nur etwas komisch im Kopf zu sein, sondern auch noch vergesslich und zerstreut.

“Verstehst du? Und wir haben die Formel doch für weibliche Mäuse angepasst. Bies-Geifer statt Gabelschwanzsekret, Mistelzweig statt Zaunrübe und Haarschleierlinge statt Spitzwegerich!”, klärte Märthe streng auf und Adlet nickte wissend, hektisch.

“Ja, ja, ich weiß!”, versicherte er hüstelnd “Wie konnte ich das nur vergessen? Ojemine...”

“Du wirst wohl alt.”, lachte die sanftmütige Druidin nun anstatt ihrem Freund eine böse Standpauke zu halten. Dabei lächelte sie schon wieder und schüttelte nachgiebig den Kopf.

“Komm, mach uns etwas Tee, Adlet. Und gib mir das Rosinenbrot her, ich schneide es für uns alle klein.”, seufzte sie.

Während Märthe sich also daran machte das besagte Brot zu schneiden und der geschäftige Adlet im Hintergrund leise summend Teewasser aufsetzte, trat allmählich wieder eine gemütliche Ruhe ein. Anna hatte sich für einige Momente in das kleine Nebenzimmer zurückgezogen - das eigentliche Schlafzimmer des irren Onkels -, um sich umzuziehen. Schließlich hatte sie sich die lederverstärkte Hose auf der Jagd nach Muschmusch ganz schön eingesaut. Zurück in den Hauptraum der Hütte mit dem moosbedeckten Strohdach kam die Frau etwas später in einer simplen Stoffhose aus Leinen und in einem geborgten, etwas zu großen Hemd ihres undviker Begleiters. Denn sie selber hatte keine Oberteile mehr übrig, die nicht völlig ramponiert waren. Anna müsste also nicht nur zum Schuster, sondern auch zum Schneider. DAS würde wieder viel Geld kosten. Besser, sie und Hjaldrist suchten sich demnächst ein paar lohnende Aufträge.

“Ich verkaufe oder tausche meine Tränke vor allem an die Priesterinnen des Freya-Tempels. Sie leben auch auf Hindarsfjall, auf der Hauptinsel. Mit dem Boot fährt man dort etwa eine Stunde hin, wenn der Wind gut weht. Es ist nicht so weit.”, erzählte Märthe Rist, während sich Anna zu ihnen an den Tisch setzte. Aufmerksam sah auch die Hexerstochter zu der offenen Druidin hin.

“Bei dieser Gelegenheit besorge ich auch immer Lebensmittel und all die Dinge, die man hier, auf der Dracheninsel nicht bekommt.”, lächelte die Frau mit dem Dutt.

“Du setzt ganz allein mit dem Boot über? Das ist mutig.”, meinte Rist und wirkte etwas verblüfft dabei “Das Meer kann ganz schön tückisch sein.”

“Und gleichzeitig bin ich auf Skellige geboren. Wer wären wir denn, wenn wir nicht mit der See zurechtkämen?”, fragte Märthe, schnitt eine weitere Scheibe Rosinenbrot zurecht und schenkte dem Jarlssohn ein warmherziges Lächeln.

“Dracheninsel?”, fragte Anna dazwischen, wechselte damit völlig das Thema und die Kräutersammlerin nickte sogleich.

“Ja. Unter welchem Namen kanntet ihr diesen Ort hier denn?”, wollte Märthe interessiert wissen.

“Äh naja… als ‘Das ist die Insel, wo wir hin müssen’?”, erklärte die Novigraderin kleinmütig, lächelte verlegen und kratzte sich am Hinterkopf. Hjaldrist, der neben ihr auf der schiefen Bank saß, wirkte noch betretener. Denn schließlich war er ein Landsmann. Anna nicht. Offenbar hatte auch er nicht gewusst, dass man die kleine Insel hier als Dracheninsel bezeichnete. Oder?

“Drakensund. So nennen die Skelliger die Umgebung.”, klärte Märthe nett auf und drapierte das klein geschnittene Brot, das süßlich roch und beim Schneiden ganz schön gekrümelt hatte, auf einem ovalen Holzteller. Sie schob die Speise in die Mitte der hölzernen Ablage, damit jeder zugreifen könnte.

“Warum?”, fragten Rist und Anna wie im Chor. Sie warfen sich dieser Tatsache wegen dumme Blicke zu.

“Geduld…”, mahnte die braunhaarige Druidin mit den Waldsee-Augen sanft “Ich erzähle euch die Sage um Drakensund gern, wenn ihr das wollt.”

Die jüngeren Abenteurer nickten gespannt, redeten nicht mehr eilig dazwischen und warteten einfach nur ab. Adlet kam zurück an den Tisch, stellte ein rostiges Tablett ab, auf dem eine metallene Teekanne und fünf Becher aus dunklem Holz standen. Jedem schob er einen davon hin. Selbst der unbesetzte Platz ihm gegenüber bekam einen. Dann begann die kluge Märthe damit zu sprechen.

“Es begab sich einst, dass ein wohlhabender Jarl im Norden von Hindarsfjall lebte. Sein Name war Janne Erik Heymaey. Eines Tages klopfte ein armer, betagter Mann an die Tür der großen Festung des Jarls und bat um Essen und Almosen. Doch der alte Bettler wurde fortgescheucht und man drohte ihm wüst mit dem Schwert. Da wurde der Arme grantig und hob die Faust wütend in die Höhe. Er versprach in zwanzig Tagen wieder zu kommen und dabei etwas für den kaltherzigen Jarl Janne Erik mit zu bringen. Tatsächlich kam das Männchen nach drei Wochen wieder, doch es war nicht allein. An einer roten Schnur führte es einen grünen Drachen mit spitzen Zähnen und großem Maul hinter sich her. Der Atem des Tieres namens Myrgtabrakke war Feuer und sein langer Schweif schlug ganze Häuser nieder. Die Männer des Jarls flohen vor Angst und der Bettler lachte, als sein geflügelter Drache die Burg des Janne Erik zerschlug. Dann ging das Männchen wieder, zufrieden und mit Myrgtabrakke an dem roten Band. Als der Alte verschwand, begann es zu blitzen und zu donnern und zu regnen, wie aus Eimern. Es schüttete so viel und so lange, dass eine tosende Flut über das Land des Jarls kam und er mitsamt seinem Clan nach Süden fliehen musste. Sein Land und seine Festung wurden überschwemmt und liegen auch heute noch tief am Meeresgrund. Genau auf dem, der zwischen der Hauptinsel Hindarsfjalls und der Dracheninsel liegt. Die Dracheninsel, die bekam ihren Namen später von den Skelligern, weil man glaubt, dass sich das Männchen und sein Drache hierher zurückgezogen haben, um in einer tiefen Höhle zu hausen, die von funkelnden Sternen erhellt wird. Niemand, selbst Fremde nicht, trauen sich hierher, denn der alte Bettler ist nachtragend und Myrgtabrakke launisch. Doch wer es schafft den Drachen und den Armen zu besiegen, findet in deren Höhle einen Schatzhort von unvorstellbarem Wert, mit glitzernden Juwelen und Waffen, die niemals stumpf werden.”, erzählte die Kräuterkundige ruhig und so fesselnd, dass die beeindruckte Anna ihr wie gebannt entgegensah.

“Hier lebt ein Drache...?”, wollte die burschikose Trankmischerin wissen und klang dabei sehr naiv. Märthe und Adlet mussten lachen.

“Der Sage nach, ja. Doch bisher haben wir weder ihn noch das alte Männchen mit der roten Schnur gefunden.”, erklärte Märthe amüsiert und schürzte sich beim Lachen die Lippen mit einer Hand.

“Es ist ja auch nur ein Märchen.”, fügte Hjaldrist belehrend hinzu und zuckte mit den Schultern. Dennoch lächelte er und wirkte sichtlich begeistert von Märthe’s Erzählkünsten.

“Jedenfalls ist mir nun klar, warum diese Insel hier so einsam ist. Und warum hier nicht so viele Menschen leben.”, meinte er und seine Begleiterin aus Novigrad nickte beipflichtend.

“Ach. Es liegt wohl auch daran, dass es hier einfach zu abgeschieden ist, nehme ich an.”, gluckste die anwesende Druidin mit dem kastanienbraunen Haar “Wie gesagt muss man sogar mit dem Boot über das Meer, um an einige Lebensmittel zu bekommen. Ich denke, dass Orte wie die Drakensund nur etwas für Einsiedler, wie uns sind.”

Die ältere Dame nickte während ihrer letzten Worte gen Adlet, der soeben jedem etwas Kräutertee einschenkte. Selbst in den sechsten Becher, der niemandem gehörte, goss er großzügig etwas von dem Getränk, das dampfte und angenehm nach Kamille und Lindenblüten duftete.

“Ja, ja”, lachte der so jung aussehende Eremit belustigt “Wir leben am Pickel am Arsch von Skellige!”

“Adlet!”, mahnte Märthe den Mann nach dieser obszönen Aussage, doch konnte sich eines belustigten Schmunzelns trotzdem nicht erwehren. Und hätte jemand durch das Fenster der abgelegenen Hütte auf Drakensund gelinst, hätte er vier Leute erblickt, die gemeinsam lachten. Er hätte gesehen, wie ein Mann mit einem seltsamen Hütchen einem jüngeren auf die Schulter klopfte und wie jener dann den Becher hob und sich alle mit dampfendem Tee zuprosteten. Der Fremde hätte erkannt, wie die ältere Frau mit dem Dutt der jüngeren etwas Brot reichte. Und wie die ganze Gruppe locker und gut gelaunt beisammensaß. Doch natürlich sah niemand durch das dreckige Fenster der Hütte mit dem moosbewachsenen Dach. Denn die Dracheninsel lag einsam im reißenden Meer und kein Skelliger traute sich hierher. Nicht einmal Fremde kamen zu Besuch, weil sie sich vor dem Männchen und Myrgtabrakke fürchteten.

 

Anna sah Adlet aufmerksam zu, als der Alte ein Blatt Papier auf den Tisch legte, ein Tintenfässchen entkorkte und ein kleines Ledermäppchen öffnete, in dem sich eine braun gescheckte Schreibfeder befand. Er zog sie hervor und fuhr sich mit dem gefiederten Ende des Schreibgerätes nachdenklich über das glatte Kinn. Dann gab er einen grüblerischen Laut von sich.

Märthe war vor etwa zwei, drei Stunden gegangen und die beiden Abenteurer waren wieder mit dem eigenbrötlerischen Einsiedler allein. Anna hatte jenen bald auf die Kräuterprobe angesprochen, deren Formel sie als Belohnung für das Wiederfinden Muschmuschs erhalten sollte. Und Adlet hatte genickt und versichert, dass er ihr alles aufschreiben würde, was er wusste. Die Rezeptur sei lang und die Abmessungen der Ingredienzen müssten penibel geschehen. Ein Tröpfchen einer bestimmten Zutat zu viel, ein Kräuterstängel zu wenig oder ein leicht erhöhter Alkoholgehalt der Absude und sie wären nutzlos oder gar absolut tödlich. Also giftiger, als sie es ohnehin schon waren.

“Also, mal sehen…”, flötete Adlet zuversichtlich und tunkte die Federspitze in die Tinte, strich sie am Rand des Tintenfässchens ab und setzte sie auf das knitterige Pergament vor sich. Mit leise kratzendem Geräusch wanderte die Feder dann über das fleckige Papier. Auch Hjaldrist lehnte sich etwas vor, um seinem schniefenden Onkel auf die Finger schauen zu können.

“Man nehme die Drüse eines Mantikors und entziehe ihr die Säure…”, fing Adlet an und schrieb, was er da laut und wissend aussprach. Seine Handschrift war überraschend schön und zog sich in schwarzer Tinten schwungvoll über das fleckige Papier.

“Hmmm… Während die Drüsenhaut mindestens zehn Tage in der Sonne getrocknet werden muss, wird das Säurensekret aufgefangen und bewahrt…”, sinnierte der Druide weiter und Anna machte große Augen, als sie ihm aufmerksam lauschte und zwischen dem Alten und seinem Geschreibe hin und her sah. Der Eremit ließ den Blick noch einmal schweifen und hörte nicht damit auf zu reden. Mit der gescheckten Feder fuhr er sich erneut über das rasierte Kinn, setzte sie dann jedoch nicht mehr auf das Pergament, sondern zuppelte sich lieber ein rotes Lederbändchen zurecht, das er an seinem rechten Handgelenk trug.

“Nach der Drüsentrocknung zerstampfe und zerreibe man die Trockenhaut zusammen mit einem Bund Spitzwegerich und koche beide Ingredienzen zusammen mit zehn Unzen Wasser über dem Feuer auf, ja, ja.”, sprach er und tickte. Abwartend starrte Anna ihn an.

“Elf Momente müssen dabei vergehen, ehe man den Absud von der Flamme nimmt. Er wird mit der Schale der Alraunenwurzel vermischt und nach einer Ziehzeit von drei Wochen durch ein sauberes Tuch gesiebt.”, entkam es dem skelliger Druiden wissend. Noch immer schrieb er nicht und die Zeilen, die er zuvor verfasst hatte, waren bereits getrocknet. Anna blinzelte irritiert. Ganz im Gegensatz zu ihr schritt ihr Freund Rist aber ein:

“Onkel.”, fing er ernst an “Du vergisst gerade auf’s Schreiben”

Adlet lenkte die Aufmerksamkeit auf diesen Hinweis hin wirr auf seinen Enkel, zog die schön geformten Brauen hoch und gab einen überraschten Laut von sich. Dann musste er leise und herzlich lachen.

“Oh!”, machte er und Anna glaubte, der wirre Einsiedler veralbere sie beide gerade. Doch das tat er nicht. Er war so zerstreut, dass er wirklich auf das Schreiben vergessen hatte.

“Ooh, ja, ich sollte die Details niederschreiben, ich Dummkopf…”, lächelte der alte Trankmischer und Hjaldrist warf Anna einen entnervten Seitenblick zu. Jene kratzte sich ratlos am Hinterkopf. Oh je.

“Also… noch einmal!”, dieses Mal setzte Adlet seine Schreibfeder endlich wieder auf das alte Pergament, nachdem er sie großzügig in Tinte getaucht und abgestrichen hatte. Er räusperte sich und fing noch einmal bei den Kräutern von früher an. Erst nach ein paar weiteren Ausführungen über die Bitterkeit diverser Wurzeln und das Auskochen von dem Pilz Kartoffelbovist, endete der Alchemist endlich. Zufrieden sah er auf und Anna’s hoffnungsvolle Augen glänzten freudig.

“Das, Mädchen, ist die Formel für den ersten Trank. Man nennt ihn ‘Muttertränen’.”, merkte der kauzige Kerl an, stellte seine Feder in das Tintenfass und fasste nach seiner Teetasse. Bedacht nahm er einen Schluck des duftenden Kräutertees, den er stark gezuckert hatte. Dann aber setzte er sein Tun fort.

“Kommen wir also zu dem zweiten Absud: Dem Queckensaft…”, sagte er, rückte sich das Hähnchenfuß-Hütchen zurecht und schniefte abermals leise, bevor er mit spitzen Fingern nach seinem Schreibgerät griff.

Etwa eine halbe Stunde später erst, nach vielen Erklärungen über gewisse Pflanzen und komplizierte alchemistische Herangehensweisen, überreichte Adlet Anna die Formel, die in ihren Augen der größte Schatz auf Erden war. Dankend und strahlend, wie die Sommersonne, nahm sie jene entgegen und zweifelte dabei nicht daran, dass Adlet die Rezeptur durcheinandergebracht haben könnte. Obwohl er jene aus dem Kopf heraus zu Papier gebracht hatte und es bekannt war, wie verwirrt er war, vertraute die Frau dem Onkel. Sie nickte anerkennend, ließ den Blick dann auf das Pergament in ihren Händen fallen. Dabei sah sie aus wie ein kleines Kind, das endlich ein heiß ersehntes, so hart gewünschtes Geburtstagsgeschenk bekommen hatte. Und in ihrem Innern, da sah es freilich noch überschwänglicher aus. Die Novigraderin hatte sich selten so sehr gefreut; ihr Herz machte einen Sprung und am liebsten wäre sie vor Begeisterung mitgehüpft. Doch sie versuchte sich halbwegs zu fassen, räusperte sich.

“Adlet”, fiel ihr dann noch ein “Die Sache, die Märthe über weibliche Mäuse gesagt hat… über diese Anpassung eures Trankes. Könntest du das wiederholen? Ich würde es mir gerne notieren.”

Erwartungsvoll sah die Ausländerin den Onkel auf diese Bitte hin an. Jener nickte wie selbstverständlich und schob der Jüngeren sein Schreibzeug zu. Beherzt fasste Anna nach der schönen Schreibfeder.

“Bies-Geifer statt Gabelschwanzsekret, Mistelzweig statt Zaunrübe und Haarschleierlinge statt Spitzwegerich.”, diktierte Adlet langsam und die kurzhaarige Novigraderin kritzelte diese Zutaten in einer Randbemerkung neben die geschwungene Schrift des geduldigen Druiden. Sie selbst hatte im Gegenzug eine richtige Sauklaue. Doch das war einerlei. Außer ihr müsste das hier eh niemand lesen können.

Nachdem Anna also ihre Notizen hingeschrieben hatte, stellte sie die Schreibfeder in deren Fässchen zurück und betrachtete das wertvolle Papier vor sich am Tisch noch einmal, als glaube sie nicht, dass es tatsächlich existierte. Dann hob sie den Kopf, fixierte Adlet dankbaren Blickes. Was folgte war eine enge Umarmung für den positiv überrascht lachenden Druiden. Eine ehrliche und herzliche auch noch dazu.

 

*

 

Es verging beinah ein halbes Jahr, in dem sich Anna kaum von der kleinen Dracheninsel entfernte. Es war relativ spontan gewesen, ungeplant, doch nach einer Einladung seitens des gastfreundlichen Adlet hatte sie sich dazu entschlossen bei jenem zu bleiben und zu lernen. Denn sie war keine herausragende Alchemistin gewesen, bloß jemand, der hier und da einmal Tränke aus Hexerbüchern nachgebraut hatte. Um etwas Großes, wie die Kräuterprobe zusammenmischen zu können, verlangte es aber viel Können. Können, das die junge Novigraderin ganz klar nicht besessen hatte. Also hatte der wirre Adlet sie wie einen Lehrling aufgenommen und auch Märthe war oft vorbeigekommen, um nach der kurzhaarigen Frau und deren Fortschritten zu sehen. Sie hatte Anna wertvolle Dinge beibringen können; über Wurzeln, Kräuter, Tinkturen und Monstereingeweide. Kurzum: Die Skelligerin und ihr ungleicher Freund Adlet waren Anna gute Mentoren gewesen. Dies an die sechs Monate lang. Oder waren es sieben?

Auch Hjaldrist war nicht verschwunden. Zwar war er sehr oft nach Hindarsfjall oder gar Kaer Trolde aufgebrochen - denn er hatte kein halbes Jahr stillsitzen und seiner ambitionierten Kumpanin dabei zusehen können, wie sie langweilige Tränke zu mischen versuchte -, doch er war immer wieder zurück nach Drakensund gekommen. Wie Anna, hatte er in dieser Zeit bei seinem Onkel gelebt. Er hatte jenem dabei geholfen Holz zu hacken, hatte gejagt und Adlet wo es ging handwerklich unter die Arme gegriffen. Das oftmals für eine ganze Woche im Monat. Dann war er wieder verschwunden, um irgendwelche Dinge auf den Hauptinseln zu erledigen oder um sich kleine Abenteuer zu suchen. Oft hatte er von gewissen Geschehnissen erzählt und bedauert, dass Anna sie wegen ihrem ‘blöden Alchemiekram’ verpasst hatte.

Doch nach dem besagten halben Jahr, so fand Adlet, sei die gelehrige Hexerstochter gut dafür gewappnet Experimente hinsichtlich der Kräuterprobe durchzuführen. Das hieß: Absude zu mischen, die den drei Tränken der Probe der Gräser ähnlich waren. Denn sie hatte bewiesen, dass sie sich mit Mineralien und Gewächsen auskannte und Absude oder Gifte auf den Milliliter genau richtig zubereiten konnte. Ihr letztes Projekt war schließlich etwas gewesen, das sehr nah an den Vildkaarltrank der Skelliger herankam. Mit dem Unterschied, dass der Absud am Immunsystem und an gewissen anderen Zellen ansetzte, anstatt aus einem einen Bären zu machen. Die Tinktur, so glaubte man, käme einer sehr schwachen, niedrig dosierten Kräuterprobe nahe. Wie ein Hundertstel der eigentlichen Probe sollte der Trank wirken und Anna könnte damit testen, inwiefern sie die Zutaten vertrug oder nicht. Es war einigermaßen ungefährlich. Jedenfalls in der trockenen Theorie und wenn man es nicht so eng sah. Daher war die Novigraderin wild entschlossen es zu versuchen und zwar an sich selbst. Natürlich. An wem denn sonst?

“Also schön.”, Anna’s ernster Blick hing an den beiden kleinen Phiolen, die da vor ihr am Tisch lagen. Zusammen mit dem guten Adlet und Rist, der gerade erst vom Fischen zurückgekommen war und nun ganz schön nervös aus der Wäsche sah, saß die hoffnungsvolle Frau in der Hütte des alten Druiden. In den kleinen Glasbehältnissen vor ihr befanden sich zähflüssige Mixturen. Die eine war grünlich, die zweite milchig weiß; die erste der kleine Auszug einer ‘Pseudo-Kräuterprobe’, die andere ein Mittelchen, das den Magen etwas vor dem scharfen Absud schützen sollte. Denn man wusste ja nie. Und egal, wie schwach konzentriert die genmanipulierende Mischung in Phiole Eins war, war sie dennoch Gift. Ein Toxin, das Anna zuvor noch nie zu sich genommen hatte, denn kein Mensch, der bei klarem Verstand oder guter geistiger Gesundheit war, tat dies. Die sture Novigraderin aber, die stand just knapp davor sich etwas in den Rachen zu kippen, von dessen Wirkung sie nicht überzeugt und deren Wirksamkeit sie sich nicht sicher war.

“Wir haben die Formel so angepasst, dass sie von weiblichen Immunsystemen ausgehalten werden sollte und die Konzentration ist so schwach, dass ich im schlimmsten Fall nur hohes Fieber bekomme.”, fasste die nervöse Anna so selbstsicher zusammen, wie sie es in diesem Augenblick nur konnte. Adlet, der mit am Tisch saß, nickte schniefend.

“In der Theorie ist dem so, ja, ja.”, pflichtete er zuversichtlich bei “Es wird gutgehen. Nimm zuerst das Magenmittel, dann das andere. So wie besprochen, Mädchen. Wir passen auf dich auf.”

Anders als die Novigraderin und der ältere Skelliger, sah Rist nicht ganz so glücklich aus. Er kaute sich schon die ganze Zeit etwas geplagt auf den ohnehin schon recht kurzen Fingernägeln herum. Seine Aufgabe wäre es seine Freundin gleich festzuhalten, sollte sie unter dem Einfluss des am Tisch liegenden Absuds unerwarteter Weise durchdrehen oder versuchen jemanden der Anwesenden abrupt aggressiv anzugreifen. Ein Gedanke, der dem grüblerischen Hjaldrist nicht zu gefallen schien, doch sie waren hier an einem Punkt angelangt, an dem es kein Zurück mehr gab. Oder? Ja, für Anna gab es jetzt kein Schwanzeinziehen mehr; nicht nach all der Arbeit, die sie in den letzten Monaten in das Studieren der Alchemie und der Trankmischerei gesteckt hatte. Alles hatte zu dem heutigen Tag hingeführt. Zu dem, an dem die zielstrebige, wahnsinnige Nordländerin zum ersten Mal in ihrem Leben Gift schlucken würde.

Also streckte die braunhaarige Frau die kalte, feuchte Hand zögerlich nach dem Magenmittel aus, nahm die Phiole an sich und entkorkte sie mit den Zähnen, um sich den Inhalt des Röhrchens folgend in den Rachen zu kippen. Das milchige Zeug schmeckte etwas bitter, doch vor allem süßlich. Wusste der Teufel, was Adlet alles in diesen ekligen Trank gemischt hatte. Dann warteten sie. Erst, als der Onkel Rists Anna zuversichtlich auffordernd zunickte, griff die Frau nach dem zweiten Fläschchen, um den kleinen Korken aus jenem heraus zu fummeln. Ihr Blick fiel noch einmal auf ihren besten Kumpel, der ihr äußerst aufgebracht gegenübersaß, dann trank sie den dreckig grünlichen Absud in einem Zug aus. 

Adlet beugte sich, die Unterarme am abgegriffenen Tisch, etwas vor und starrte Anna aufmerksam abwartend an. Und Hjaldrist mutete nicht weniger nervös an, als vorher und bewegte ein Bein unter dem Tisch auf und ab, wie eine eilige Nähmaschine. Sie schwiegen und die Stille, die sich über sie legte, war drängend und erwartungsschwer. Doch… es geschah nichts. Anna sah den beiden stummen Männern unverändert entgegen, saß ruhig auf ihrem Platz. Eine Minute lang, zwei, drei. So lange, bis sich ihre Miene schon zu einem unglücklichen Ausdruck verzog und sie gefrustet Luft holte, um sich selbst eine Närrin zu schelten. Ja, sie musste einen Fehler gemacht haben. Irgendwo, irgendwie. Sie und Adlet mussten den Trank zu schwach angemischt haben und wahrscheinlich vertrug die Kräuterkundige viel mehr von dem Gift, als erwartet. Es wirkte also nicht, verdammt. War alles umsonst gewesen? Waren ihre Bemühungen am Ende vergebens?

“Es funktioniert nicht.”, murmelte die Frau und einer ihrer Mundwinkel zuckte genervt. Sie bemerkte nicht, wie Adlet auf einmal große Augen machte und Rist so aussah, als wolle er von seinem Platz hochspringen. Zur selben Zeit blinzelte die Frau, der die Farbe restlos aus dem Gesicht gewichen war, überfordert und stockte augenblicklich in ihrem Tun. Ein schaler Geschmack machte sich in ihrem Mund breit, klebte ihr die staubtrocken gewordene Zuge an den Gaumen. Sie atmete tief ein und sah kleine, weiße Pünktchen, die damit anfingen am Rande ihres Sichtfeldes herum zu hüpfen. Ihr Blick wurde eng und ihre Pupillen so weit, dass man das Haselnussbraun darin kaum noch sehen konnte. All die Bilder vor ihr verschwammen zu einem Wirrwarr aus bunten Farben und undeutbaren Formen. Da war ein lautes Sausen in ihrem rechten Ohr und ihr war übel, so übel. Anna musste trocken würgen. Mechanisch stand sie auf, wie von Sinnen, und taumelte dabei, wie eine Betrunkene. Dann umarmte sie ganz plötzlich die klamme Schwärze. Sie bemerkte es nicht einmal mehr, wie sie fiel und harte Bekanntschaft mit dem Bärenfell-belegten Holzboden machte. Sie hörte nicht mehr, wie Hjaldrist irgendetwas rief und Adlet besorgt auf knarrenden Dielen näherkam. Die Alchemistin spürte nicht, wie ihr bester Freund sie eng an sich zog und aufgelöst mit ihr sprach. Denn die süße Ohnmacht ließ sie nicht wieder los.

 

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