Kapitel 110 (Buch 4, 13)

Die Geschichte von dem Hexer und dem Jarl

Die Stallungen der Falkenburg waren groß und gar so gut gearbeitet, dass es darin kein bisschen zog. Als Anna vor Monaten fluchtartig von Undvik verschwunden war, hatte sie sich das Gebäude nicht genauer angesehen. Sie hatte sich bloß hektisch ein Pferd genommen und war damit verschwunden. Nun aber, verbrachte sie viel Zeit hier. Denn sie mochte Tiere; mehr als die meisten Menschen sogar und so war es schon immer gewesen. In Kaer Morhen war ihr bester und einziger Freund ein dicker, getigerter Kater namens Rufus gewesen. Die faule, anhängliche Katze hatte nachts immer treu am Fußende des brettharten Bettes der jungen Nordländerin geschlafen. Bedingungslos war er da gewesen und immer gut gelaunt; ganz anders, als die Männer der Wolfsschule, die der jungen Anna das Leben ab und an ganz schön schwer gemacht hatten. Also hatte sie sich am liebsten an den gemächlichen Rufus gehalten, wenn es darum gegangen war zu rasten und sich abends, beim Lesen von Märchenbüchern, die so viel interessanter waren, als Bestiarien, eine gemütliche Zeit zu machen. Der gute, alte Kater war gar so schlau gewesen auch immer dann heranzueilen, wenn sein Frauchen tieftraurig gewesen war. Immer, wenn das Kind hatte weinen müssen, hatte er sich auf ihrem Schoß zusammengerollt und so laut geschnurrt, als wolle er das Schniefen seiner Besitzerin damit übertönen. Anna hatte dann immer lachen müssen, denn sie hatte sich vorgestellt, dass der Kater nur so laut brummte, weil er Hummeln gefressen hatte. Auch heute fand die mehr als zehn Jahre ältere Anna Ruhe bei den Tieren der Jarlsfamilie und der höherrangigen Krieger der Stadt. Am Fuße der Festung lag der große Stall, der sogar stets von zwei bewaffneten Männern bewacht wurde. Ganz anders, als die ungeschützten, normalen Stallungen des Ortes, in denen man als Besucher oder Anwohner einkehren konnte. Dort, so hatte es sich Anna von einem der bärtigen Wachmänner in Blau und Grün erklären lassen, gäbe es nur ein vorlautes Stallmädchen. Die gut abgerichteten Tiere der Anführer waren aber so wertvoll, dass man es nicht riskieren konnte, sie in einem gewöhnlichen Stall wie jenem abzustellen. Man befürchtete nämlich, Diebe könnten sie stehlen. Anna verkniff sich ein Lachen, als sie daran dachte und Apfelstrudel im gleichen Zuge die samtige Schnauze rieb. ER war wohl das kostbarste Tier hier, wie? Oh, die Giftmischerin musste sich gerade grinsend vorstellen, wie gierige Räuber das vermeintlich teure Ross des großen Jarls höchstpersönlich stahlen, nur damit dieser Ackergaul keine fünf Meter weiter stur stehen blieb, wie ein Esel, und keinen Schritt mehr weiter ging. Ergebenes Kriegsross mit makellosem Stammbaum? Von wegen!

“Wie dich irgendwelche unwissenden Räuber klauen, würde ich zu gerne sehen…”, murmelte die Kurzhaarige dem braunen Wallach zu, der hungrig an ihrem Mantel herumzupfte, weil er wusste, dass Anna Möhren in den Taschen hatte. Um ein wenig Struktur in ihre Tage auf Undvik zu bringen, hatte sie es sich zur Aufgabe gemacht sich nicht nur um ihr Pferd, Saov, zu kümmern, sondern auch Apfelstrudel ab und an kleine Leckereien zuzustecken. Rist war, wie befürchtet, ein unsagbar beschäftigter Mann. Erst recht nun, nachdem er so lange weg gewesen war, hatte er viel Arbeit aufzuholen. An manchen Tagen sah man ihn nur beim späten Abendessen und immer wieder brütete er irgendwo in der Burg über dicken Büchern oder Briefen. Es blieb keine Zeit, um ihn danach zu fragen einfach mal raus zu gehen und der guten alten Zeiten willen Ausschau nach Monstern zu halten. Oder eher… hatte Anna ihn bisher noch nicht darauf angesprochen, obwohl sie es manchmal gerne getan hätte. Seit die Gruppe auf Undvik angekommen war, hatte sie sich eher im Hintergrund gehalten. Sie hatte viel nachdenken müssen. Am meisten über sich selbst. Und auch Hjaldrist hatte angemutet, als müsse er seinem ganz eigenen Kopf nachhängen. Allein. Geschäftig war er oft herumgelaufen, hatte sich mit Leuten getroffen, Reden geschwungen oder war einfach mal stundenlang von der Bildfläche verschwunden. Wer weiß schon wohin? Und Anna hatte dies, wenn sie in der Nähe gewesen war, immer nur stumm beobachtet. Sie wollte nicht stören, keine Unruhe anzetteln und vor allem wieder richtig auf die Beine kommen. Daher ging sie seit einer Woche einem recht ruhigen, stinknormalen Alltag nach: Sie stand auf, aß eine Kleinigkeit, nahm ihre sogenannte ‘Medizin’, traf sich mit Ravello und Aldoran oder unterhielt sich kurz mit Rist, wenn er ausnahmsweise auffindbar war. Und dann ging sie zu den Pferden, fütterte sie und unterhielt sie ein wenig. Diese gutmütigen Tiere brauchten ihren Auslauf tagtäglich, also bemühte sich die schwarzhaarige Frau um lange Ausritte mit Saov. Und immer dann, wenn sie ahnte, dass Hjaldrist keine Zeit für sein Tier hätte, nahm sie Apfelstrudel einfach mit. Es schien, als käme der Braune richtig gerne mit ihr und seinem neuen Kumpel. Wahrscheinlich mochte er den blonden Stalljungen nicht so gern. Und letzterer, wiederum, war dankbar dafür, dass sich Anna so geduldig um ihr Pferd und das des Jarls kümmerte. So hatte die Rotznase nämlich etwas mehr Zeit für die restlichen zwei Dutzend Vierbeiner. Eigentlich, so fand die Alchemistin, sollten all die Pferde eine Weide haben, um ganz frei herumlaufen und an Grasbüscheln rupfen zu können. Nur war das hier, auf der Winterinsel, so gut, wie unmöglich. Die ganze, raue Gegend war gefährlich und nicht nur Wölfe oder weiße Bären tummelten sich hier, sondern auch Zyklopen, Trolle und Eisriesen. Anna selbst hatte noch keine der letzteren gesehen, doch die dick gerüsteten Wachen waren immer merklich nervös, wenn man die riesigen Monstren ansprach. Daneben lauerten an der Küste unzählige Sirenen und Ertrunkene. Nekker-Rudel und alte Neblinge erschienen einem da schon fast als Nebensache. Ein Wunder, dass sich Caer Gvalch’ca hier schon so lange und prächtig hielt. Aber nun gut. In solch einem harschen Gebiet konnte man jedenfalls keine große Pferdeweide anlegen. Die Bestien ringsum würden die Reittiere als leckere Beute ansehen und man käme sicherlich nicht hinterher, wenn man versuchen würde die armen Tiere zu verteidigen. Außerdem neigten Pferde - na, zumindest alle, bis auf Apfelstrudel - dazu sofort laut wiehernd zu fliehen, wenn sie sich erschreckten. Nicht auszudenken, was los wäre, würden die Vierbeiner ein Rudel Wölfe oder einen stampfenden Ogroiden wittern. Sie alle würden wie von der Hornisse gestochen in alle Himmelsrichtungen davonstieben und sich unmöglich wieder einfangen lassen. Also mussten sie leider in den sicheren Ställen stehen.

Anna klaubte nach dem Halfter ihres Pferdes, das da irgendwo neben dessen Box an einem Nagel an der Holzwand hing; direkt neben ihrem Schwertgurt und einer simplen, fast leeren Umhängetasche aus Leinen. Pavetta hatte jene wohlwollend an sie abgetreten, denn Anna wollte die Augen heute nach nützlichen Kräutern zum Sammeln und Trocknen offenhalten. Nahe der Küste gab es zudem Holunderbüsche, die gerade duftend in voller Blüte standen. Die weißen Blütenstöcke dieser hohen Sträucher konnte man entweder backen und essen oder man machte Sirup aus ihnen, der gegen Halsschmerzen half und nebenher auch noch richtig gut schmeckte. 

Apfelstrudel, der praktischerweise in der Box neben Saovs stand und sein Geschirr längst umhatte, schüttelte den Kopf aufgeregt und schnaubte laut. Die einzelnen Abteile der Zucht- und Kriegstiere waren hübsch gezimmert und man hatte farbenfrohe Knotenmuster und blau-grüne Schlangensymbole auf das dunkle Holz gemalt. Die großen Stützpfeiler des Daches, die sich über das ganze Gebäude bogen, bestanden aus dicken, bleichen Walrippen und gaben dem Unterstand eine richtig weitläufige und besondere Optik. Hübsch war es hier. Und es roch angenehm nach frischem Heu. Der Gaul des Jarls reckte den Hals und haschte mit den Zähnen nach Anna’s Jacke.

“Ey. Beruhig dich mal, du Maultier.”, schmunzelte die Kurzhaarige, als Apfelstrudel unzufrieden mit dem Vorderhuf scharrte und zog Saov derweil das Halfter über die pelzigen Ohren “Wir gehen ja gleich raus...”

Da fiel der Kriegerin eine Bewegung auf und jene gehörte nicht zu den Wachleuten weiter vorn. Direkt hinter ihr raschelte das Stroh, das den Boden halb bedeckte und sofort linste Anna über die Schulter zurück. Ein Mädchen stand dort mit hinter dem Rücken verschränkten Händen und war sichtlich aufgeregt. Sie trug eine wattierte Tunika in Blau, einen breiten Ledergürtel, einen gestrickten Schal und hatte die langen, dunklen Haare zu zwei Zöpfen geflochten. Durch einen davon zog sich eine recht markante, fuchsrote Strähne. Die Brauen der Novigraderin wanderten langsam nach oben, als sie verstand.

“Hallo!”, machte das mit den Füßen wippende Mädchen, das kaum älter war, als vierzehn oder fünfzehn. Anna hatte sie damals, nach dem Aufstand und während der Jarlskrönung gesehen. Doch sie kannte sie im Grunde schon näher. Rist hatte seiner Gefährtin nämlich längst von seiner jüngsten Schwester erzählt.

“Hallo, Merle.”, gab die Trankmischerin also zurück und konnte sich eines wissenden Lächelns nicht erwehren. Die Jüngere weitete die braunen Augen abrupt, als sie realisierte, dass Anna tatsächlich wusste, wer sie war. Sofort legte sich ein sanftes Rot auf ihre Wangen und sie trat nervös von einem Fuß auf den anderen. Tief holte sie Luft, um zu Sprechen.

“Du bist Anna!”, entkam es der Kleinen dann in einem schrecklichen, skelliger Akzent und sie fing damit an zu strahlen, wie die Sommersonne “Ich… äh, wollte dir schon länger Hallo sagen, aber habe mich nicht getraut.”

Die Novigraderin stutzte ungläubig und ein belustigter Laut entkam ihr. Sie hatte geglaubt, Merle sei ein lauter Wildfang und kein schüchternes Mäuschen. 

“Was?”, machte sie daher zurecht verblüfft “Warum?”

“Uhm. Nur so.”, redete sich das Mädchen heraus, doch Anna glaubte es besser zu wissen. Merle, wie sie da aufgebracht an ihrem Ärmelsaum herumzuppelte, war ja wirklich süß.  Beim Sprechen hatte man gesehen, dass ihr ein kleines Eck eines Schneidezahns fehlte. Sicherlich hatte sie sich dieses einmal bei irgendeiner abenteuerlichen Dummheit ausgeschlagen. Die Größere gluckste erheitert und rollte leicht mit den Augen.

“Ich beiße nicht, weißt du...”, erklärte Anna weiter und musste sich darüber wundern, wie ähnlich Merle Hjaldrist und Pavetta hinsichtlich ihres Aussehens war. Hätte man den Jarl der Insel oder dessen zweite Schwester in eine 14-Jährige verwandelt, dann hätten sie sicherlich so ausgesehen, wie Anna’s hibbeliges Gegenüber. 

“Aha! Gut zu wissen.”, sagte Merle auf die halbernste Aussage hin und traute sich näher heran. Es schien, als taue die junge Skelligerin ja richtig schnell auf. Das war gut. Mit zu scheuen Leuten kam Anna nämlich gar nicht gut zurecht.

“Mein großer Bruder hat gesagt, dass du eine Hexerin bist.”, plapperte die Aufgeregte gleich großmäulig weiter “Stimmt das?”

“Mh. Nein… aber so etwas Ähnliches, denke ich.”, gab Anna ganz offen zu, anstatt Merle zu belügen, um besser dazustehen. Nichts desto trotz himmelte die Undvikerin ihre größere Gesprächspartnerin weiterhin an. Ihre unerklärliche Bewunderung für die momentan viel zu schlanke Alchemistin schien ungebrochen.

“Und du jagst Monster?”, wollte sie wissen “Hjaldrist hat gesagt, dass sowas mit Silberwaffen besser geht. Warum? Und warum hast du dir die Haare gefärbt? Sie waren vorher echt schön.”

“Ha. Ich sehe schon… dein Bruder hat dir wohl so einiges von unseren Abenteuern erzählt, was?”, schmunzelte Anna, doch musste sich auch ganz schön wundern. Sie hätte sich nicht gedacht, dass Rist in den vergangenen Monaten so offen über seine alte Kumpanin aus Novigrad gesprochen hatte. Denn sie selbst hatte es nach der Jahreswende kaum über das Herz gebracht über den hübschen Skelliger zu erzählen. Und wenn sie betrunken gewesen war, hatte sie sogar geflennt, wenn man sie dahingehend ausquetschen hatte wollen. Oder sie war verdammt aggressiv geworden. So, wie an dem Tag, an dem sie den neugierigen Ravello in Spalla wüst attackiert hatte. Es beruhigte sie, dass Hjaldrist dieses abwehrende Verhalten offenbar nicht geteilt hatte. Er war schon immer der Vernünftigere von ihnen beiden gewesen.

“Ja, hat er!”, lächelte Merle “Und er hat gesagt, dass ihr sogar einmal gegen ein Werschwein gekämpft habt, das sich als Baron getarnt hat. Und dass ihr in der Wüste wart.”

“Das stimmt.”, meinte Anna gutmütig und wurde bei all den Erinnerungen an früher richtig nostalgisch. Damals, in Vizima oder Serrikanien war alles noch so gut gewesen. Sie sah von Merle fort und der braunen, weichen Nase Saov’s entgegen, der ungeduldig schnaubte. Etwas wehmütig lächelte die burschikose Frau, doch wendete die Worte nach einem kurzen, flachen Durchatmen schon an die abwartende Schwester Rist’s zurück.

“Hey...”, machte sie und sah von der Seite aus zu Merle, die sie ganz erwartungsvoll anstarrte und an einem ihrer Zopfenden herumfummelte “Willst du mitkommen?”

“Huch?”, staunte das Mädchen sofort “Wohin?”

“Ich wollte mit Saov und Apfelstrudel raus und an der Küste entlang. Muscheln und Kräuter sammeln.”, erklärte die Trankmischerin nett “Wenn du möchtest, kannst du mein Pferd reiten.”

“Waas?”, atmete die Jüngere mit der eingefärbten Fuchssträhne aufgekratzt und so, als werde gerade ihr allergrößter Traum wahr “Echt? Ja bitte!”

Anna lachte leise in sich hinein und nickte auffordernd in die Richtung ihres wartenden Vierbeiners. Kurzum winkte sie Merle zu sich und drückte ihr die Zügel des unbezahlbaren Tieres in die Hand. Das Mädchen sah indes aus, als hätte es am liebsten schreiend einen Freudensprung durch die Decke gemacht. Stolz klammerte sich Merle an die geflochtenen Lederzügel Saovs und sah sich nach ihrem großen Idol um. Niemals hätte sich Anna gedacht SO ETWAS nochmal erleben zu dürfen. Sollte sie sich dämlich fühlen?

“Weiß deine Mutter, wo du bist?”, fiel es ihr dann noch ein, als sie Apfelstrudel aus seiner Box holte. Freudig nestelte das Pferd an der Kapuze der Frau herum, der es wichtig war es sich nicht mit der Jarlsfamilie zu verscherzen. Außerdem wusste sie nicht, wie Hjaldrist’s Mutter heute zu ihr stand. Zwar hatte Anna dabei geholfen den bösartigen Onkel ihres Freundes zu stürzen und auf Undvik wieder für Frieden zu sorgen… und dennoch. Sie war danach einfach gegangen und hatte ihren damals besten Freund im Stich gelassen. Und: Die Monate davor war Anna für die Familie Rists wie ein Phantom gewesen. Eine vermeintliche Hexerin, die den Jarlssohn dazu anstachelte mit ihr auf gefährliche Reisen zu gehen und eine Frau aus der Gosse, die jenem im schlimmsten Fall noch schöne Augen machte, um an Reichtum zu gelangen. So war dem aber nicht gewesen. Also… nicht ganz. Sie hatte niemals böse Absichten gehabt. Nur hatte sie keine Ahnung, wie die Jarlsmutter das sah. Demnach wäre es ihr lieb, Merle klärte ab, ob sie überhaupt vor die schützenden Tore durfte und dies zusammen mit einer eigenartigen Monsterjägerin aus dem Norden.

“Äh!”, machte Merle, zögerte mit ihrer Antwort, doch entschloss sich dazu nicht zu lügen “Nein, weiß sie nicht. Ich habe ihr eigentlich gesagt, dass ich Silvie besuche.”

“Dann solltest du ihr erklären, was du tatsächlich vorhast, bevor sie sich noch um dich sorgt.”

“Ach, die macht sich schon keine Sorgen! Ich bin oft unterwegs. Auch nachts und das allein!”

Anna runzelte die Stirn, überlegte kurz. Dann seufzte sie amüsiert. Es passte vielleicht nicht zu ihr, doch sie mimte die Verantwortungsbewusste. Die Kriegerin wollte keinen Ärger.

“Sag ihr Bescheid, Merle.”, bestand die Kräuterkundige dann unnachgiebig “Ich warte auch auf dich.”

“Aber…”, jammerte die Langhaarige und zog eine enttäuschte Schnute. Sie war wohl ein Adelskind der verwöhnten Sorte, wie? Nicht verwunderlich, schließlich war sie das Küken der vier Geschwister. Und sie mochte große Abenteuer und Heldengeschichten, so viel stand fest. Womöglich dachte sie gerade auch, Anna wolle sie herumkommandieren und ihr alle Spaßigkeiten versagen. Deshalb mutete sie so patzig an und starrte finster.

“Hm.”, machte die Kurzhaarige, als sie die Kleinere taxierte und deren Miene einfach überging. Dann kam ihr ein Kompromiss in den Sinn, der anders, als ihr Beharren davor, schon eher zu ihr passte.

“Sag mal. Bist du schon einmal auf einem Pferd in die Burg geritten?”, wollte die Novigraderin schelmisch wissen und Merle wurde hellhörig.

“Zu Fuß dauert es wohl eine Weile, bis wir uns für unseren Spaziergang wieder treffen können. Aber wenn du einfach zu deiner Mutter reitest, dann bist du wieder hier, ehe wir uns versehen können. Und glaub mir: Saov macht sowas mit.”, meinte Anna und sah, wie haltlose Begeisterung in den großen, braunen Augen Merles funkelte. Richtig zappelig wurde die Jüngere und fing damit an breit zu grinsen.

“Au! Au ja, das klingt lustig!”, befand der kleine Rebell.

“Na, siehst du. Ich wette, die Wachen werden auch einen ganz schönen Schrecken kriegen, wenn du die Treppe hochgetrabt kommst.”, lachte die Alchemistin noch einmal und Rist’s Schwester zog den braven Wallach mit dem einen weißen Huf schon schadenfroh kichernd hinter sich her.

“Bis gleich!”, flötete sie nurmehr und Anna konnte nicht damit aufhören schief zu lächeln. Langsam schüttelte sie den Kopf und fragte sich, ob das, was gleich in der Falkenburg geschähe, noch auf sie zurückfallen würde. Man würde sehen. Sie hoffte nur, dass die Burgbesatzung einen Sinn für harmlosen Schabernack hatte und Saov nicht noch in den Thronsaal kackte.

 

Es dauerte keine Stunde, da kam Merle zum Stall am Fuß der schönen Burg zurück. Das langhaarige Mädchen trieb Saov im wilden Galopp den Hang herunter und Anna erhob sich, als sie dessen Hufgetrappel hörte. Sie hatte wartend vor den Stallungen auf der Wiese gesessen und ihr Versprechen, nicht ohne ihre Begleiterin zu gehen, somit gehalten. Apfelstrudel hatte neben ihr an dem dürren Gras herumgekaut und hob den Kopf wachsam lauschend, als er seinen Pferdekumpan und Merle kommen sah.

“Anna!”, rief die Jarlsschwester mit den im Wind flatternden Zöpfen schon von Weitem und lachte heiter dabei. Offenbar hatte sie die Erlaubnis bekommen die Ausländerin zu begleiten. Wäre dem nicht so, hätte ihr Gesicht ausgesehen, wie zehn Tage Regenwetter. Stattdessen johlte sie triumphierend. Das… kam zugegebenermaßen unerwartet.

“Wie blöd die alle gestarrt haben!”, kicherte Merle, als sie atemlos bei Anna ankam, Saov zügelte und katzengleich von dessen Rücken glitt. Sie klatschte einmal begeistert in die Hände, hüpfte und lachte sich ins Fäustchen.

“Alle waren da!”, meinte das freudige Mädchen “Hjaldrist, Pavetta, Dalgur und dein Ritterfreund, der andauernd Wein trinkt!”

“Und?”, schmunzelte Anna.

“Mein Bruder hat geglaubt, ich hätte dein Pferd stibitzt, aber ich habe ihm gesagt, dass du es mir guten Gewissens ausgeliehen hast und ihm Grüße bestellst.”, erklärte Merle “Und Mutter hat ausgesehen, als falle sie vor Schreck tot um, als ich in die Küche geritten bin. Saov hat all die Kartoffeln für den Eintopf aufgefressen!”

“Ach du Schande…”, lachte die anwesende Trankmischerin auf “Das war es dann wohl mit meinem Gästezimmer bei euch. Ich suche mir schon mal einen Zeltplatz.”

“Ah, was!”, strahlte Merle froh und erwischte Anna zuversichtlich an einer Hand, drückte jene dankbar “Mutter hat nach ihrem anfänglichen Schreck Tränen gelacht und ich habe Hjaldrist zum ersten Mal seit Tagen so RICHTIG breit grinsen sehen! Er wollte streng sein, aber hat es nicht geschafft.”

“Ah, da bin ich aber beruhigt…”, griente die Schwertkämpferin “Aber ich wundere mich ja trotzdem ein bisschen darüber, dass deine Mutter dich mit mir gehen lässt, ganz ehrlich.”

“Warum?”, wollte die Jarlsschwester wissen.

“Naja. Ich kann mir vorstellen, dass ich auf sie nicht sonderlich… normal im Kopf wirke.”

“Hmm? Nein, sie findet dich echt nett und hat sich die Tage auch Sorgen gemacht, weil du manchmal so blass und traurig ausgesehen hast.”

Anna’s Ausdruck verrutschte und wurde ein Stück weit ernster, als sie dies hörte. Dann lächelte sie aber schon wieder schwach. Dieses Lächeln erreichte ihre dunklen Augen nur schleppend.

“Wirklich?”, machte sie.

“Ja. Ich glaube, die würde gerne mal mit dir reden, aber du gehst immer jedem aus dem Weg. Warum eigentlich?”, fragte Merle in ihrem schwer verständlichen Akzent weiter, stemmte sich die Hände in die Taille und war einfach nur ehrlich.

“Ich gehe doch niemandem aus dem Weg…”, erklärte die Giftmischerin seufzend “Ich… bin nur nicht so gut mit Leuten. Außerdem hat deine Mutter, so wie Rist, sicherlich genug zu tun.”

Jedenfalls sagte ihr dies ihr schlechtes Gewissen. In ihren Augen taten die anderen schon so viel für sie, da wollte sie keinem noch mehr zur Last fallen.

“Mutter und viel zu tun? Nein. Eigentlich nicht.”, maulte Merle grinsend “Sie kümmert sich manchmal um Briefe und so, aber sonst sitzt sie immer nur mit Pavetta rum und stickt. Voll langweilig! Angeblich war sie einmal eine ziemlich tolle Faustkämpferin, aber daran zweifle ich echt stark!”

Anna runzelte die Stirn tief. Sie wollte etwas sagen, da erinnerte Apfelstrudel sie laut schnaufend daran, dass er auch noch da war. Er wollte endlich los, anstatt noch weiter darauf zu warten endlich am Strand, im weichen Sand, entlang laufen zu dürfen. Vielleicht sollten die beiden Frauen hier also los und sich dann auf dem Weg weiter miteinander unterhalten und dies lange. Merle sah nämlich so aus, als platze sie gleich. So viele aufgeregte Fragen lagen ihr auf der Zunge. Und jene wurde die etwa 14-Jährige dann auch los, als sie und Anna später mit den Pferden auf die Küste zu hielten. Ein geschwungener Weg führte zwischen ein paar Felsen und Tannengruppen dorthin, denn in der Nähe des Strandes befand sich eine Bootswerft. Anna hatte jene schon vor ein paar Tagen gesehen und die großen, unfertigen Schiffskelette von Weitem bestaunt.

“Ist das da dein Silberschwert?”, fragte Merle, als sie gen Waffe deutete, die die anwesende Alchemistin bei sich hatte. Kurz vor dem Antritt des kleinen Ausfluges hatte sie sich dessen Gehänge noch umgeschnallt, denn unbewaffnet auszureiten war HIER keine gute Idee. Anna nickte.

“Ja.”, antwortete sie und es erschien ihr nur logisch, dass sie auf Undvik eher mit einer silbernen Klinge, als mit einem Stahlschwert herumstromerte. Es gäbe hier keine Menschen, die sie erschlagen müsste und vor Wölfen oder Bären fürchtete sie sich nicht zu sehr. Etwas ganz Anderes waren aber die fauchenden Monster der See oder die bulligen Ogroiden an Land. DENEN wollte sich nicht mit Stahl begegnen müssen. Und ihre Schwertscheide hatte leider nur Platz für eine ihrer Waffen.

“Glaubst du, wir treffen auf Monster?”, fragte Merle ganz aufgeregt und hoffte sicher darauf das angesprochene Silberschwert samt Besitzerin einmal in Aktion zu sehen. Anna musste nachgiebig grinsen.

“Vielleicht.”, sagte sie und sah von der Seite aus zu der Jüngeren hin “Brennst du etwa darauf?”

“Naja.”, gab die Schwester Rists dann zu “Ich würde auch gerne einmal Monsterjägerin werden!”

Anna verschluckte sich fast an der eigenen Spucke, als sie das hörte. Doch sollte sie die Antwort Merles überhaupt überraschen? Eigentlich nicht.

“Ist das so?”, entkam es ihr “Diese Berufung ist gefährlich.”

“Na und? Ich bin stark! Und irgendwann werde ich die größte Eisriesentöterin Undviks sein! Viel besser, als dieser Hjalmar An Craite!”, fand Merle stur und Anna konnte nicht anders, als zu lachen. Doch sie klang dabei nicht böse, eher heiter. Das Gehabe der kleineren Skelligerin erinnerte sie ein wenig an sich selbst und war ungemein unterhaltend.

“Na dann.”, machte die Frau aus dem Norden und versuchte die junge Inselbewohnerin ernst zu nehmen “Da hast du aber noch einen harten Weg vor dir, hm? Weißt du denn, wie man mit einem Schwert umgeht?”

“Nein. Aber ich kämpfe mit einer Axt. So wie Haldorn und Hjaldrist auch!”, sagte das Mädchen mit geschwollener Brust, hatte aber ganz offensichtlich keine Waffe dabei. Anna biss sich auf die trockene Unterlippe, um sich ein neuerliches Grinsen zu verkneifen. Merle bemerkte das und ihre Aussagen wurden ein wenig wackeliger.

“Ähm… Ich bekomme die demnächst! Also die Axt.”, erklärte sie sich hüstelnd “Haldorn hat gesagt, er bezahlt sie mir und unterrichtet mich dann am Burghof. Vielleicht nimmt er mich mal auf einen Raubzug mit und ich kann die Riesenkraken von Nahem sehen.”

“Du scheinst ja gut mit ihm auszukommen.”, stellte Anna fest.

“Hmm, naja. Eigentlich war Hjaldrist immer mein Lieblingsbruder, aber er hat, seit er Jarl ist, nicht mehr so viel Zeit. Und… naja… in den letzten Monaten war er oft sehr schlecht drauf und hat mich fortgeschickt.”, erzählte die Jüngere etwas geknickt und kratzte sich am Hinterkopf, während sie mit einer Hand Saov’s lange Zügel hielt. Anna beobachtete dies mit mitleidiger Miene. Sie holte Luft, um etwas Aufmunterndes zu sagen, da plapperte Merle schon weiter.

“Ich glaube, er war richtig, richtig wütend auf dich, weißt du. Weil du damals abgehauen bist, ohne Tschüss zu sagen. Er hat sogar einmal geweint, das habe ich gesehen.”, sagte das schmerzlich aufrichtige Mädchen ganz frei heraus “Aber seit ihr zurück seid, lächelt er ab und an wieder und wirkt viel lockerer. So, wie heute, als ich mit Saov in den Thronsaal geritten bin.”

Bei Melitele. Die Rotznase schien die direkte, skellische Mentalität ja geradezu zu leben. Die Novigraderin schluckte trocken und wich dem Blick der Kleineren aus. Jene lenkte das Pferd neben ihr her und sah neugierig zu Anna herüber. Und die Alchemistin, wiederum, schlug die Augen schuldbewusst nieder und erwehrte sich eines leisen Seufzens.

“Vertragt ihr euch jetzt wieder, Anna?”, wollte Merle wissen “Du bist nun schließlich wieder da und gehst nie wieder weg, oder?”

Die Konfrontierte sah auf und ihr Blick suchte die gesprächige 14-Jährige wieder.

“Bitte bleib.”, bat jene hoffnungsvoll lächelnd und Anna’s Miene lockerte sich allmählich. Sie betrachtete die Langhaarige überrascht. Schwärmerei hin oder her, Merle kannte Anna doch gar nicht. Warum hing sie also so an ihr?

“Ich gehe nicht wieder weg.”, versicherte die Novigraderin nach einer knappen Pause ruhig “Und ich weiß noch nicht, ob Hjaldrist und ich uns wieder so ganz vertragen, denn schließlich war ich ein ziemliches Arschloch. Aber das wird schon wieder. So etwas braucht Zeit. Das habe ich auch erst vor Kurzem realisiert…”

“Ha!”, lachte Merle triumphierend und nickte schnell “Mach dir da keine Sorgen! Ich bin mir ganz sicher, dass er sich sehr darüber freut, dass du da bist und dich immer so lieb um Apfelstrudel kümmerst. Und du bist doch eine Kriegerin. Du könntest ihn fragen, ob er noch eine Leibwache braucht. Dann würdet ihr euch auch öfter sehen!”

Wieder musste Anna erheitert glucksen. Ja, Merle war niedlich.

“Meinst du?”, wollte sie leichthin wissen, doch ertappte sich dabei die Idee des Wildfangs mit den Zöpfen nicht als ganz so abwegig zu empfinden. Vielleicht… vielleicht könnte sie ja wirklich mehr tun, als sich um die Tiere im Stall zu kümmern. Ob sie Rist darauf ansprechen sollte?

“Weißt du, manchmal muss mein Bruder zu richtig faden Besprechungen gehen. Zu denen müsstest du ihn als Huskarl begleiten. Und du müsstest dir während seiner geschwollenen Reden die Beine in den Bauch stehen. Aber naja, jeder Beruf hat doch so seine Schattenseiten, oder?”, quasselte das Mädchen der Insel vor sich hin “Und, oh. Kennst du eigentlich die Geschichte von dem Hexer Gerd und Torgeir dem Roten?”

“Also-”, wollte Anna antworten, doch die redselige Schwester Rists begann einfach zu erzählen und ihre Augen strahlten, als sie sprach. Sie liebte heroische Geschichten ihres Landes und Hexer faszinierten sie.

“Gerd kam einst nach Ard Skellig, um einen großen, bösen Drachen zu erschlagen. Es gibt ein Lied darüber, das davon erzählt, wie heldenhaft er das getan hat. Viele Leute verehrten ihn dafür und er bekam hier so viele Aufträge, dass er sich kaum davor retten konnte. Einer davon kam vom Jarl von An Skellig. Das war Torgeir der Rote. Die beide verstanden sich prächtig und tranken Met und kämpften zusammen. Sie wurden allerbeste Freunde und Torgeir bat Gerd darum mit ihm zusammen eine Striege zu töten.”, sinnierte Merle vor sich hin und musste breit lächeln. Bestimmt stellte sie sich die beiden Männer gerade im Geiste vor. Und Anna lauschte einfach nur stumm, obwohl sie schon einmal am Rande von der Legende von Gerd, dem Bärenhexer, gehört hatte. Sie wollte Merle das aufgeregte Erzählen nicht verderben.

“Leider konnte Gerd den Auftrag für die Striege aber nicht gleich annehmen, da er noch ein paar Sirenen für Jorgen Eisenhand erschlagen musste. Sein bester Freund sah das ein, doch wollte nicht, dass Gerd alleine ging. Torgeir selbst war sehr beschäftigt, da gab er dem Hexer einen seiner besten Huskarle mit: Olven. Als Dank zeigte Gerd dem Jarl, wie man eine richtige, magische Hexerrüstung schmiedete. Unglaublich, oder?”, setzte die 14-Jährige begeistert fort und ihre Worte sprudelten aus ihr hervor, wie ein Wasserfall “Also… ähm. Gerd und Olven segelten halt nach Spikeroog, um die berüchtigte Sirenenhöhle zu finden und dort gegen die große Melusine zu kämpfen. Das war die Mutter der Biester, die gar Kinder gefressen hat. Hunderte geflügelte Monster fielen Gerd und seinen Begleiter an, doch der legendäre Hexer war so schnell, dass er alle Sirenen mit seiner Armbrust erschießen konnte, ehe sie ihn überhaupt erreichten. Stell dir nur vor! Und dann hat er auch noch Melusine geköpft. Mit seinem Silberschwert!”

Anna schmunzelte in sich hinein, doch sagte nach wie vor nichts. Das, was Merle da erzählte, war bestimmt nur eine aufgeblasene Geschichte über einen Vatt’ghern, der zu Anfang seiner Reise auf Skellige einen Wyvern oder einen Gabelschwanz erschlagen hatte. Nur die enge Freundschaft zwischen ihm und dem Jarl war sicherlich echt gewesen. Oder jedenfalls hoffte die Trankmischerin das. Womöglich, weil sie sich dabei erwischte sich den Leuten aus der Legende ähnlich zu fühlen.

“Olven, der beste Krieger seines Dorfes, hatte leider nicht so viel Glück. Er starb und Gerd reiste zu Eisenhand, um seine Belohnung zu kassieren. Er bekam sauviele Goldmünzen, doch verspielte sie alle noch am selben Abend. Sogar sein Stahlschwert musste daran glauben. Denn er war zwar ein großer Held im Kampf, doch wenn es um Alkohol und Gwent ging, wurde er schwach. Aber das macht nichts. Viele werden das.”

“Wohl wahr.”, brummte Anna leise, räusperte sich.

“Gerd kam später zu Torgeir zurück, der ihn freudig mit einem großen Fest empfing. Und zusammen kämpften sie am Ende gegen die große Striege und gegen die Nilfgaarder.”, beendete die Langhaarige noch “Ich mag die Geschichte! Man sagt, dass der Jarl im Kampf gegen die ollen Schwarzen eine Hexerrüstung trug, die ihn vor allen bösen Flüchen und Feinden beschützte. Dank ihr und seinem besten Freund, der ihm als Leibwächter nie wieder von der Seite wich, wurde er uralt.”

“Hmmm.”, meinte Anna und achtete auf den Weg weiter vorn. Man konnte den Strand schon von Weitem sehen und das unruhige Meer brausen hören. Vielmehr kroch ihr jedoch eine unerklärliche Nervosität am Kreuz empor, stellte ihr die Nackenhärchen auf. Denn es roch bestialisch nach Blut. Süßlich-metallen lag der Gestank in der salzigen Luft. Bemerkte Merle das gar nicht? Prüfend linste Anna zu der Besagten hin, die unbeschwert anmutete.

“Hast du auch eine Hexerrüstung?”, fragte das Mädchen, dem der Atem wohl nie ausging, und schien nichts zu riechen. Bildete sich die Novigraderin den beißenden Gestank also nur ein? Götter, warum wurde es ihr gerade so anders zumute?

“Nein, habe ich nicht.”, entgegnete Anna ihrer Gesprächspartnerin ein klein wenig abwesend und richtete den Blick wieder nach vorn, verengte die Augen forschend “Ich glaube, so eine könnte ich mir kaum leisten...”

“Meinst du?”, fragte die Jarlsschwester erstaunt “Wie teuer ist es sich solch eine Rüstung anfertigen zu lassen?”

Nein, Anna bildete sich den Blutgeruch nicht ein, den die Meeresbrise mit sich brachte. Zwar sah sie nichts, das eine Gefahr darstellen könnte und dennoch spannten sich ihre Glieder nervös an. Eine ganz üble Ahnung beschlich sie, wie ein siebter Sinn.

“Merle?”, entkam es ihr.

“Was denn?”, die Kleine klang verunsichert, denn sie hatte bemerkt, dass irgendetwas an dem Verhalten ihres großen Vorbildes nicht stimmen wollte. Von einem Mal aufs Andere war Anna todernst geworden und dies ließ ihre aufmerksame Begleiterin skeptisch werden.

“Bleib am Pferd. Und sei still.”, forderte Anna, als sie selbst vom Rücken Apfelstrudels rutschte. Sie drückte Merle dessen Zügel daraufhin in die Hand und fasste nach Saov’s Halfter um ihn mitsamt der verwirrten Skelligerin hinter sich her zu führen. So hätte sie jene am besten im Griff.

“Wie…?”, flüsterte die Langhaarige “Warum? Was ist?”

“Ich habe kein gutes Gefühl...”, erklärte sich die Ausländerin und erwähnte dabei nicht, dass es für sie so sehr nach Tod stank, dass sie angewidert erschaudern und beinahe gar würgen musste. Mehr als nur eigenartig kam ihr dies vor und langsam ging sie weiter, achtete darauf, dass sie Saov nicht losließ, um Merle so nah, als möglich, bei sich zu haben. Sie wollte dem Pferd zur Not einen Klaps verpassen können, damit es mitsamt dem Mädchen von Dannen lief. Nicht auszudenken, geschähe Merle jetzt etwas! Alleine der Gedanke daran ließ Anna überfordert blinzeln. Und als sie endlich zwischen den Bäumen hervorkam und ihre Stiefel in weichen Küstensand traten, sah sie, was hier buchstäblich bis zum Himmel stank: Die Werft. Die Giftmischerin hörte Merle entsetzt aufatmen, als sie die Augen starr gen Strand richtete. Zwar waren die großen Werkstätten noch relativ weit entfernt, doch selbst von hier aus konnte man sehen, das von ihnen nurmehr Ruinen übrig waren. Die halbfertigen Schiffe waren zertrümmert worden und die Hütten der Handwerker waren regelrecht dem Erdboden gleichgemacht. DAS war nicht das Werk von Ertrunkenen oder Ekhidnas.

“Wir reiten zur Burg zurück, so schnell wir können.”, sagte Anna herrisch in die Stille hinein.

“Aber… wir könnten doch-”, widersprach Merle tapfer. Sicherlich wollte sie nun zusammen mit ihrer ‘Hexerin’ aufklären, warum die Bootswerft zerstört worden war und man von Weitem keinen Menschen mehr dort ausmachen konnte. Anders als sie ahnte die besagte Monsterjägerin aber schon, was geschehen war. Und sie befürchtete, dass der oder die Verursacher für das Massaker noch in der Nähe sein könnten. Scheiße.

“Nein, können wir nicht.”, sagte Anna bestimmend und sah zu Merle auf, die abrupt verstummte. Wenn hier irgendwo Riesen oder Zyklopen waren, müsste Rist’s Schwester sofort in die schützende Festung zurück. Man konnte kein Risiko eingehen und selbst Anna war nicht so dumm sich hier allein mit einem Kind gegen riesige Ogroide zu stellen oder neugierig in deren Gebiet herumzulaufen. Sie bräuchte ganz dringend versierte Hilfe. Und sie wusste schon ganz genau von wem.

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