Kapitel 111 (Buch 4, 14)

Faust drauf

Als Anna hektisch in den weitläufigen Thronsaal stürmte, war Hjaldrist nicht da. Schwer atmend ließ sie den Blick die Halle entlang wandern und zog sich die Kapuze vom Kopf. Ihre Schritte hallten zwischen den hohen Mauern der Burg in Elfenbaukunst wider. Leise fluchte sie. Verdammt nochmal.

“Wo ist Rist?”, fragte sie eine der Hauswachen, die unweit standen und hielt dafür einen Moment lang inne “Äh. Ich meine… der Jarl.”

“Hm.”, brummte der Krieger mit dem Schulterüberwurf in den Hausfarben “Er ist nicht außer Haus.”

Anna atmete wehleidig aus, konnte mit dieser vagen Antwort nicht allzu viel anfangen. Denn die Burg, durch deren große, schöne Fenster viel Sonnenlicht hereinfiel und in der es immer nach Pavetta‘s süßem Räucherkram duftete, war weitläufig. Sie bedankte sich trotzdem murmelnd und setzte sich umgehend in Bewegung, um weiter zu eilen. Ihre Gedanken rasten dabei und sie bemerkte nicht, wie eigenartig ihr die Huskarle im Saal nachsahen. 

Also... Wo wäre sie gerade, wäre sie Rist? Im Schreibzimmer? In der Bibliothek? Sie würde einfach alle naheliegenden Optionen abklappern müssen, also schlug sie einige Fuß vor dem leeren Jarlsthron den Weg nach rechts ein. Ein bogenförmiger, hoher Durchgang führte hier in einen breiten Korridor, durch den man wiederum den Speisesaal, das Besprechungszimmer, in Schreibstuben, eine Waffenkammer und einen kleinen Zwischenhof, in dem die Jarlsmutter viele farbenfrohe Blumen angepflanzt hatte, erreichte.

“Rist!”, rief Anna ziemlich planlos durch den Gang, als sie einen Atemzug darauf schon halb in Haldorn lief, der sie mit einem zornigen Blick strafte und schweigend an ihr vorbei stapfte. Die überrumpelte Schwertkämpferin war einen Schritt beiseite gewichen und sah dem Skelliger, der zuvor aus dem Esszimmer gegenüber gekommen war, jetzt verblüfft nach. Ihr war klar, dass der Pirat sie nicht sonderlich gut leiden konnte, weil sie sich zum Jahresanfang unmöglich benommen und Hjaldrist im Stich gelassen hatte. Doch gerade eben hatte der Seemann im klingelnden Kettenhemd so richtig furios ausgesehen. So, als habe er zuvor lautstark mit jemandem gezankt. Oh. Moment mal! Anna’s Ausdruck erhellte sich. Und sofort lächelte sie wissend. Als sie schnellen Schrittes weiterging, bog sie in den schmucken Speisesaal ein, in dessen Mitte die Tafel der Jarlsfamilie stand. Doch auch hier war niemand, bis auf einer der schwarzen Hunde der Falchraites. Faul lag er am dicken Teppich unter dem Esstisch und hob den Kopf träge, als Anna eintrat. Stirnrunzelnd fiel ihr Blick auf die halb offenstehende Tür am anderen Ende, die von dekorativen Rundschilden an der Wand gesäumt war. Dort war die Küche, auf die Anna sogleich mit wehendem, rotem Mantel losstolzierte. Und mit jedem Atemzug mehr erschien es ihr logischer Rist dort anzutreffen. Denn erstens fand man die großen, liebenswürdigen Köter Hugin und Munin immer irgendwo in seiner Nähe und zweitens kochte er doch gern.

Der besagte Undviker war tatsächlich da. Mit dem unteren Rücken voran lehnte er an einer der Ablagen neben der Kochstelle und sah ziemlich finster vor sich hin. In einer gusseisernen Pfanne briet irgendetwas und wahrscheinlich wartete der Jarl gerade darauf, dass dieses Essen gar wurde. Nur warum sah er so verdammt entnervt aus? Worüber hatte er mit Haldorn gesprochen? Der zweite, zottelige Hund der Familie saß vor seinem Herrchen und starrte es hoffnungsvoll winselnd an. Wahrscheinlich wollte er ein Stück des späten Mittagessens abhaben.

“Oh, hey.”, wendete sich die Kurzhaarige dezent außer Atem an den Krieger im grünen Rock. Ein erleichtertes Seufzen ihrerseits folgte, als sie sich am Türrahmen abstützte und erst einmal durchschnaufte. Melitele sei Dank müsste sie jetzt nicht mehr wie bescheuert durch die halbe Feste rennen, um ihren Freund zu finden. Ja, zum Glück war er jemand, der gern mal die Schöpfkelle schwang. Diese Ansicht hatte sie schon immer besessen. Und zugegeben: Es sah komisch aus, wie er da, mit seiner Krone am Kopf und der teuren Kleidung, neben dem rußigen Ofen stand. Andere Adelige ließen normalerweise für sich kochen, nur ganz offenbar machte sich Hjaldrist seine dicken Pfannenkuchen mit Speck noch immer am liebsten selbst. Und er sah düster fragend auf, als er unerwartet Gesellschaft bekam. Seine kalte, verstimmte Miene ließ Anna erst vorsichtig innehalten. Doch als der Mann die Jüngere erkannte, wich die Härte gleich aus seinem Gesicht und zurück blieb nur eine merkliche Abgeschlagenheit. Abwartend sah er der Nordländerin entgegen. Und so ermattet, wie er aussah, haderte sie damit ihm erzählen zu wollen, dass die große Werft an der nordwestlichen Küste in Trümmern lag.

“Ich habe dich gesucht.”, entkam es Anna und dies schien ihr Gegenüber irritiert zu stimmen. Ein Funke Verblüffung blitzte in dessen müden Augen auf. Langgezogen atmete der selbsternannte Freizeitkoch aus und schien heute wahrlich kaum einen Nerv mehr für irgendwas zu haben.

“Mh...”, entkam es der Alchemistin zweiflerisch, als sie da zwischen Tür und Angel stand und realisierte, dass sie zum ersten Mal seit Tagen aktiv auf Rist zugekommen war. Vielleicht empfand jener ihren spontanen Küchenbesuch deswegen als so überraschend.

“Du siehst ziemlich fertig aus.”, sprach Anna dann aus und erwähnte das Offensichtliche. Sie hätte sich schlecht gefühlt, hätte sie Hjaldrist nun sofort mit den Toten am Strand konfrontiert. Also wollte sie ihn erst nach seiner Laune fragen, bevor sie sich weiter vorwagte.

“Hm?”, seufzte der Jarl “Ja, bin ich auch...”

“Was ist los…?”, wollte die Novigraderin gleich aufrichtig interessiert wissen “Haldorn kam mir eben ziemlich zornig entgegen. Er ist an mir vorbei und hat mich gerade so nicht grob weggeschubst.”

Ein müdes Augenrollen seitens Rist folgte und er holte Luft für ein betrübtes Stöhnen.

“Ich habe gestern einen Brief zerrissen, in dem man mir die Hochzeit mit irgendeiner Brokvar-Tante aus Spikeroog unterbreitet hat, um angebliche Allianzen zu stärken.”, meinte der Mann erstaunlich offen und Anna blinzelte überwältigt “Und das gefiel meinem Bruder nicht.”

“Oh…”, machte die Kräutersammlerin und musste trocken schlucken. Sie fühlte sich augenblicklich auf eine richtig unwohle Art und Weise betroffen. Es machte ihr die Brust etwas eng. Ihre Augen wanderten unstet und fielen zuletzt auf den brav wartenden Munin, der ganz schwach mit der Rute wedelte.

“Die Diskussion darüber schaukelte sich mal wieder hoch. So, wie immer… aber egal.”, schnappte der Jarl genervt und wandte sich ab, um sich der zischenden Bratpfanne zu widmen. Er fasste nach einem hölzernen Spatel und machte sich daran seinem Pfannenkuchen zu wenden, bevor der noch anbrannte. Anna stand derweil immens verloren da und wusste nicht so recht, was sagen. Abwesend fuhr sie mit dem Daumennagel über eine Handflächennaht ihrer fingerlosen Lederhandschuhe und obwohl es hier unglaublich gut nach angebratenem Bauchspeck roch, verspürte sie kein Bisschen Hunger. Noch immer starrte sie den schwarzen Hund an, der die Hoffnung auf einen Bissen Teig oder Fleisch nicht aufgeben wollte.

“Haldorn will andauernd, dass ich mir irgendein Mädel anlache. Denn andere in meinem Alter hätten ja längst Familien gegründet und so weiter.”, redete der Dunkelhaarige vor sich hin, als müsse all das gerade einfach raus; als habe er sonst keinen, bei dem er sich richtig auskotzen könnte. Er stützte sich mit der freien Linken vor sich auf der Anrichte ab und murrte grimmig.

“Vor unserer Reise nach Bogenwald kam mein Bruder mit einer Kriegerin des Dimun-Clans an und meinte ganz aufgeregt, ich solle gegen sie kämpfen. Er bestand so drängend darauf, dass es schnell anfing verdächtig zu wirken.”, setzte Rist fort “Er war noch nie gut darin seine Absichten zu verbergen.”

“Uh...?”, machte Anna kleinlaut, als sie den Blick nach langem wieder von Munin fortriss, um hochzusehen. Sie betrachtete den älteren Mann im Raum mit gemischten Gefühlen in der Magengrube.

“Ich nahm die Frau bei einem Bier beiseite und fragte sie, was mein Bruder aushecke. Und sie verriet mir bald, dass sie geschworen hätte den ersten Mann zu ehelichen, der sie im Kampf besiege. Noch nie sei so etwas geschehen und sie habe selbst Haldorn geschlagen, der es NATÜRLICH auch versucht hat.”, erklärte der Jarl, gab seinen Pfannenkuchen auf ein zu kleines Holzbrettchen und kippte frischen Teig in das Kochgeschirr am Feuer. War jenes etwa das alte Teil, mit dem er auch früher schon immer das Essen zubereitet hatte?

“Das… klingt eigenartig.”, kommentierte die Novigraderin, obwohl sie nicht wusste, ob sie mit Rist noch viel länger über irgendwelche heiratswilligen Frauen sprechen wollte. Es war ihr zuwider, denn… denn es schmerzte tief in ihr drin. Aber sie ließ sich dies nicht anmerken. Warum hätte sie auch sollen?

“Ja, es WAR seltsam. Ich habe die Herausforderung zum Kampf jedenfalls nicht angenommen. Und Haldorn war richtig wütend auf mich.”, grantelte Hjaldrist vor sich hin und wendete sich endlich wieder um, um unzufrieden zu Anna zu sehen. Sie zwang sich zu einem nervösen Lächeln.

“Lass dich nicht von ihm ärgern.”, meinte die Schwarzhaarige in einem laschen Aufmunterungs-Versuch “Wir leben ja nicht mehr in den Fünfzigern. Wenn du nicht willst, musst du nicht heiraten und-... äh.”

Erst an dem peinlichen Punkt angelangt verstand Anna, wie dumm ihre Worte gerade geklungen hatten. Denn ganz klar MÜSSTE Hjaldrist irgendwann für Nachkommen sorgen. Er war ein Jarl und jemand wie er kam um dies nicht drumherum. Da konnte er sich sträuben, so viel er wollte. Und genau daran dachte der arme Krieger gerade wohl auch, denn seine Miene sprach Bände. Ziemlich widerwillige, zähneknirschende Bände, wohlgemerkt. Oh je. Warum hatte Anna nicht einfach die Klappe halten können? Eine unangenehme Stille legte sich über die Anwesenden und auf einmal wurde Munin wieder zum interessantesten Objekt der gesamten Küche. Doch Hjaldrist war mit seiner Beschwerdetirade längst nicht fertig und durchbrach das Schweigen, als er erkannte, wie betreten seine Kollegin wegen der Familiengründungs-Sache war. 

“Nebenher musste ich mich heute mit Bauern herumschlagen, die sich seit Anfang der Woche hartnäckig um irgendein olles Feld streiten, ein Dutzend fader Briefe beantworten und eine lange, schriftliche Drohung eines redanischen Offiziers lesen. Die Mauer im Westen der Stadt muss repariert werden, ich schlafe schlecht, Merle hat die Hauswand des Bäckers mit Zeichnungen von Schwänzen beschmiert und die Schafe eines Nachbarn sind ausgebrochen und laufen überall in der Stadt herum; weswegen sich auch schon wieder zwei Leute bei mir beschwert haben.”, zählte Hjaldrist wenig begeistert auf “Kurzum: Es ist gerade mal kurz nach Mittag, schätze ich, und ich habe die Schnauze für heute schon gestrichen voll.”

Anna sah dem geschafften Undviker mit mitleidiger Verunsicherung im Bauch entgegen, rieb sich den Nacken, zögerte eine Weile und schob die auffordernden Worte, die noch kommen sollten, in ihrem Mund hin und her.

“Kommst du mit raus?”, fragte sie dann einfach ungeachtet der miesen Stimmung und entgegen aller Erwartungen horchte der Jarl sofort auf. Seine Brauen wanderten hoch und er stand gleich etwas gerader. Es erleichterte die Frau, denn ihr Kumpan wirkte gar, als habe er nur so auf das hier gewartet. Hatte er das denn?

“Es gibt da ein mächtiges Problem und es hat nicht mit faden Briefen, Schafen oder Pimmelzeichnungen zu tun.”, sprach Anna langsam weiter “Versprochen. Obwohl ich letztere schon ganz unterhaltsam finde, zugegeben...”

Mit Mühe verkniff sie sich beim letzten Satz ein Schmunzeln und sah, wie ein Grinsen ebenso an Rist’s einem Mundwinkel zerren wollte.

“Hm? Worum geht es...?”, wollte er sogar neugierig wissen und der Ärger über Haldorn und den Rest wich gänzlich aus seiner Haltung.

“Monster.”, meinte die burschikose Kriegerin vielsagend und in ihrem Unterton schwang eine Herausforderung mit “GROßE Monster.”

Augenblicklich mutete der Skelliger wieder ganz wach an. Sein Interesse war aufgerüttelt worden, so viel war klar. Gleichauf beschlich ihn aber auch eine dunkle Befürchtung. War ihm nicht zu verdenken:

“Wo ist Merle?”, wollte er wissen.

“Beim Stall.”, klärte Anna auf “Sie hat Saov und Apfelstrudel genommen, als ich hierher gerannt bin.”

Hjaldrist atmete beschwichtigt durch, dann schob er seine große Pfanne stumm vom Ofen und fischte nach dem fertigen Pfannenkuchen darin.

“Vorsicht, heiß.”, meinte er und warf Anna das Ding zu. Sie fing es auf und achtete darauf es auf den lederbedeckten Handflächen der fingerlosen Handschuhe und nicht mit den bloßen Fingern zu halten. Rist selbst nahm sich Teigfladen mit Speck Nummer Eins vom Holzbrett, rollte ihn zusammen und steckte ihn sich halb in den Mund, ehe er etwas von ‘Fertigmachen’ nuschelte. Geschäftigen Schrittes setzte er sich in Bewegung und schob sich an seiner Kumpanin vorbei nach draußen. Ein erfreutes Lächeln erhellte Anna’s Gesicht. Dann folgte sie dem eiligen Kerl auch schon. Es dauerte daraufhin keine halbe Stunde, da liefen die beiden in vollen Monturen durch die Haupthalle, um das Tor zu erreichen, das vor die Festung führte. Dort angekommen, wollten Hjaldrist bereits zwei aufmerksame Wachmänner in die Quere kommen.

“Jarl! Gehst du-”, fing einer pflichtbewusst an. Er wollte wohl fragen, ob sein Anführer plante vor die schützenden Stadtmauern zu gehen und daher ein paar Krieger bei sich haben sollte. Schlussendlich durfte ein wichtiger Mann wie Rist eigentlich nicht ganz ohne Teile seiner Truppen vor die Tore, oder? Zumindest ein, zwei Huskarle sollte er schon bei sich haben.

“Ja.”, bestätigte Hjaldrist im Vorbeigehen und sah den Wächter derweil nicht einmal an.

“Soll Henrik-”, entkam es der Wache, doch man ließ sie nicht ausreden.

“Nein.”, maulte der Axtkämpfer und deutete dabei flüchtig gen Anna, die vor ihm die breite Steintreppe gen Hof nahm und sich währenddessen noch beiläufig die Armschiene festzurrte “Hab schon wen.”

Und damit hastete der kurz angebundene Mann seinem Alibi mit dem Silberschwert nach, um über den Vorplatz in die Stadt zu laufen. Im Vergleich zu vor einer Stunde wirkte er dabei richtig beschwingt und so, als habe er die frische Luft und die Aussicht auf ein kleines Abenteuer dringend nötig gehabt. Seine Krieger starrten ihm ungläubig nach und tauschten Blicke aus, als die Monsterjäger aus ihrem Sichtbereich verschwunden waren. Eine von den Wachen murmelte verständnislose Worte und schüttelte das Haupt ungläubig.

 

Anna glitt vom Rücken Saovs und sah sofort suchend auf, als sie den Strand erreicht hatten. Und noch bevor ihr Begleiter von Apfelstrudel gekommen war, hörte sie ihn entrückt durchatmen.

“Scheiße…”, kommentierte der Skelliger das, was er sah. Die Novigraderin äugte von der Seite zu ihm, als sie keine zwanzig Fuß weit entfernt vor dem Trümmerhaufen standen, der einst einmal eine riesige Bootswerft gewesen war. Der Jarl ließ die schön punzierten Zügel seines Pferdes los, ließ Apfelstrudel stehen und ging einige Schritte weit starrend auf das regelrechte Schlachtfeld zu. Anna kam ihm langsam nach und spähte dabei immer wieder prüfend in die nähere Umgebung. Man konnte schließlich nicht achtsam genug sein. Und sie beide schwiegen. Die Kräuterkundige ließ ihrem fassungslosen Freund einfach die Zeit, um zu verstehen, was er hier sah: Zerschmetterte Hüttendächer, zwei unfertige Langschiffe, die man einfach so nieder- und kaputtgetrampelt haben musste. Tote langen ringsum und ihr dunkles Blut war in den Sand gesickert, färbte den Grund stellenweise tiefrot. Und es stank unglaublich beißend nach altem Tod und Verwesung. Anna wurde es beinahe schwindelig, so sehr stach es ihr in der in letzter Zeit so erschreckend empfindlichen Nase. Ein leises Stöhnen entkam ihr, ehe sie sich das grüne Halstuch vor Mund und Nase zog und ein Würgen unterdrückte. Ihre schwarzen Augen waren des quälenden Gestanks wegen ganz glasig geworden. Es war ein peinigendes Problem, das Hjaldrist nicht in dieser Intensität zu haben schien. Er mutete absolut nicht so an, als erdrücke ihn die Luft ringsum regelrecht. Sollte dies Anna beunruhigen?

“Ich wollte mit Merle nach Kräutern und Muscheln suchen.”, sagte die Kurzhaarige leise und aus dem Augenwinkel sah ihr Kollege zu ihr “Dann haben wir das hier gesehen und sind so schnell, als möglich zur Falkenburg zurück.”

Der Jarl sah wieder zur zerstörten Werft zurück. Er sagte noch immer nichts.

“Vorgestern war hier noch alles gut.”, wisperte Anna vor sich hin.

“Die Werft war richtig gut bewacht.”, meinte Hjaldrist nach einer zähen, halben Ewigkeit und schaffte es nicht die Augen von all der Zerstörung fortzureißen. Dabei dachte er sicherlich an genau das, was die Kriegerin neben ihm gleich aussprach:

“Wenn etwas Großes wie aus dem Nichts angreift und die Leute unvorbereitet sind, dann haben sie keine Chance.”, sagte sie mit gesenkter Stimme und sah Rist nur sehr langsam zustimmend nicken.

“Was genau war es wohl…”, murmelte er vor sich hin und machte damit indirekt klar, dass es hier nicht nur vermeintlich einfache Riesen oder Zyklopen gab. Vermutlich gab es von beidem mehrerlei oder auch noch irgendwelche Monstren, die Anna auf Undvik überhaupt nicht vermutete. Wer wusste das schon?

“Keine Ahnung. Ich war vorhin nicht so nah hier, wie jetzt. Merle war dabei und ich wollte sie schnell zurück nach Hause bringen.”, sagte die Giftmischerin “Aber jetzt können wir uns die Gegend ja ansehen.”

“Mhm.”, pflichtete der Landsmann bei und so, wie er sich gab, hatte er ein Gemetzel dieser Art hier noch nicht erlebt. Diese Vermutung bestätigte sich auch sofort.

“Die Ogroiden halten sich sonst weiter im Süden der Insel auf. Dort haben wir viele Posten und die Wegewächter, die sie auf Abstand halten, wenn sie denn überhaupt mal auftauchen.”, erzählte Hjaldrist, als er sich aus seiner Starre löste, um auf das Zentrum der Trümmerwerft zuzugehen “Ich dachte mir nicht, dass sie bis hierher kommen. Und ich frage mich, wie sie das überhaupt schafften. Ja, WIE konnte man sie an der Grenze einfach so übersehen?”

Anna gab einen nachdenklichen Laut von sich, als sie dem Älteren folgte und den Blick über den Boden wandern ließ. Sie stieg über einen toten Mann hinweg, der unnatürlich verdreht zwischen zerbrochenen Planken lag und versuchte ihn nicht zu lange entgeistert anzusehen. Ihre Augen schweiften, bis sie an einem großen Abdruck im Sand hängen blieben, der wie ein nackter Fuß aussah. Nur war jener doppelt so lang, wie sie hoch. Erschreckend. Auch Rist erkannte die Spur und voller Abscheu biss er die Zähne zusammen. Fliegen surrten hier und da vernehmlich. Es war ekelhaft.

“...Der ist groß.”, kommentierte Anna den breiten Fußabdruck richtig. In ihrem Rücken war ein Handwerker grässlich an einem Pfahl aufgespießt worden. Die gierigen Möwen waren längst gekommen, um sich krächzend an dem stinkenden Fleisch zu laben und der Leiche die starren Augen auszupicken. Bestimmt gab es mindestens zwei Dutzend Tote mehr. Und nachdem Anna die Erste war, die dem herrschenden Jarl hiervon berichtet hatte, gab es wohl keine Überlebenden. Die Stille, die nur vom rhythmischen Brausen des Meeres und dem Flügelgeflatter der Seevögel unterbrochen wurde, passte zu dem grausigen Szenario an der sonst so idyllischen Küste.

“Ich verstehe das nicht.”, gab Hjaldrist leise zu, als er mit ernster Miene um sich sah und es nicht verbergen konnte, dass er auf Anhieb keinen guten Plan parat hatte “Wären hier irgendwo Riesen, würden wir sie sehen oder zumindest hören. Oder andersrum. Sie würden uns angreifen. Aber hier ist kein Monster. Es ist viel zu ruhig.”

“Finde ich auch.”, bestätigte die Frau hinter ihrem hochgezogenen Halstuch “Sollen wir das Umland absuchen? Wenn hier irgendein Biest lauert, dann sollte man es schnell beseitigen, anstatt all das hier ratlos abzutun.”

Anna deutete in einer weiten Geste um sich, als sie dies sagte. Auch ihr Ausdruck war hart geworden.

“Du sagst das so, als glaubtest du, du könntest es mit einem Eisriesen aufnehmen.”, stellte der Jarl fest und sah aus, als wisse er nicht, ob er das Ausgesprochene lustig oder bedauernswert finden sollte. Die albtraumhafte Szenerie um ihn her setzte ihm sichtlich zu. Vielleicht fühlte er sich als hiesiger Jarl ja sogar verantwortlich für das Sterben der Leute, obwohl ihn keinerlei Schuld traf.

“Ich? Es mit einem Riesen aufnehmen?”, lachte die Kriegerin leise “Nein. Kann ich nicht. Aber WIR schon, da bin ich mir sicher.”

Rist, der gerade noch etwas von sich geben hatte wollen, schloss nach dieser zuversichtlich freundschaftlichen Aussage den Mund und betrachtete Anna eingehend musternd. Warum? Was dachte er sich denn? Sie lächelte befangen.

“Was?”, machte sie.

“...Nichts.”, entgegnete Rist nach einer quälenden Pause und man sah, wie er das Lächeln seiner schmaleren Begleiterin verhalten erwiderte “Du hast Recht.”

“Tse.”, gluckste sie leise “Sag das nochmal.”

“Hm? Oh! Nein.”

“Och, komm schon.”

“Nein.”

“Hmpf.”

“Also. Was machen wir?”, lenkte der Jarl ab “Hast du irgendwelche Dinge bei dir, die gegen Ogroiden helfen?”

Anna runzelte die Stirn kritisch und wollte Einspruch gegen den abrupten Themenwechsel einlegen, entschied sich dann aber doch um. Die Misere, in der sie steckten, war ernst und gefährlich. Zu spaßen war nicht unbedingt angebracht. Auch dann nicht, wenn man damit die überwältigend beklemmende Atmosphäre mit Humor übertünchen wollte.

“Quen und das Silberschwert.”, sagte Anna demnach lau “Ansonsten habe ich… naja, nichts, fürchte ich. Ich war in den letzten Wochen nicht unbedingt darauf bedacht mich auf harte Kämpfe gegen Monster vorzubereiten. Wenn du verstehst, was ich meine...”

“Mhm.”, machte der Mann unzufrieden, nickte aber voller Verständnis “Dann muss das reichen, was wir haben.”

“Ja.”, die Novigraderin wiegte den Kopf abschätzend “Wir-”

Doch weiter kam sie nicht, denn sie vernahm ein leises Jammern. Es kam von weiter vorn, dem Ufer, an dem so viele, hölzerne Trümmer lagen oder im seichten Wasser schaukelten. Der massive Trägerbalken eines zerstörten Langbootes lag dort traurig im Nass; zwischen angespültem Tang und wild aufgewühltem, rot beflecktem Sand. Und dort, unter dem dicken Holzbalken und mit dem Kopf gerade noch so an Land, lag jemand und stöhnte verzweifelt auf. Anna zuckte zusammen und Hjaldrist lief sofort los, als er das sah. Über umgekippte Kisten hastete er und war schneller bei dem Verletzten, als seine wendige Freundin nachkommen konnte. Als sie zu ihm aufschloss, stützte er das Haupt des älteren Mannes, der unter dem wuchtigen Trägerbalken eingeklemmt war, schon. Er hob dessen Kopf vorsichtig hoch, damit die Brandung dem Verletzten nicht alle paar Sekunden entgegen schwappte und ihn Salzwasser schlucken ließ.

“Oh, Scheiße.”, entkam es Anna abgehetzt, als sie erst den keuchenden Blutenden betrachtete, dann den geraden Holzbalken, der auf dessen Mitte lag. Das Teil war gut eineinhalb Meter breit und halb so lang, wie Haldorn’s Schiff. Nichts desto trotz trat die Frau wacker an das gezimmerte Holz heran und stemmte sich angestrengt dagegen, in der vergeblichen Hoffnung es irgendwie bewegen zu können. Mit aller Kraft drückte sie, doch das verfluchte Teil rührte sich natürlich keinen Deut weit. Es war viel zu schwer und um es zu verschieben oder gar anzuheben, bräuchte man viele starke Krieger.

“Mein Jarl...”, stöhnte der unter den Trümmern begrabene Undviker und seine Augen flimmerten, als er zu Rist aufsah und jenen erkannte. Der bärtige Bootsbauer würde sterben.

“Es-... nein…”, entkam es dem Verwundeten mit dünner Stimme und Anna warf sich erneut mit der Schulter voran an den Balken, dass es nur so polterte. Eine Welle kam und spülte Seetang über den Kopf des japsenden Fremden hinweg. Rist, der selbst im salzigen Nass kniete, schaffte es nicht den armen Kerl davor zu bewahren kurz unterzutauchen und fluchte. Als sich das Meer wieder schäumend zurückzog, hustete und röchelte der Handwerker am Grund, spuckte und würgte. Das Wasser, das von seinen Lippen spritzte, war rot eingefärbt.

“Geh.”, keuchte der Versehrte “Schnell...”

“Rist, hilf mir mal!”, bat Anna derweil und drückte sich mit all ihrem Gewicht gegen den Trägerbalken. Ihr entkam zwischen zusammengebissenen Kiefern ein frustriert-angestrengter Ton.

“Verdammt!”, fluchte sie verbissen.

“Nein, g-geht.”, wollte der Mann im Sand abermals und dies mit so viel Nachdruck in der brechenden Stimme, wie er nur aufbekam “Er kommt.”

“Was? Wer kommt?”, maulte Anna.

“Wir gehen jetzt nirgendwo hin.”, versprach der Jarl, der den ohnehin schon Sterbenden nicht auch noch elend ertrinken lassen wollte. Er war ein guter Kerl; viel mehr, als so manch andere. War er immer schon gewesen.

“Aus dem… Wasser…”, jammerte der Blutende, dessen protestierende Eingeweide ungnädig zerquetscht worden waren. Es würde nurmehr wenige elende Herzschläge dauern, bis er starb.

“Er… er ist… er ist im Wass-”, röchelte der Handwerker mit dem buschigen Bart und verdrehte die Augen kraftlos. Anna hielt inne und hob den Blick gen Meer, als sie die letzte Warnung des Sterbenden hörte. Auch Rist stutzte heftig. Da war es schon zu spät. Eine weitere Welle kam und dieses Mal war sie höher und heftiger, als alle anderen zuvor. Sie brach schulterhoch über den hockenden Axtkämpfer herein, der sich noch immer über seinen armen Landsmann beugte. Und die ächzende Anna wurde durch den Wasserschwall, der ihr hart gegen die Hüfte platschte, beinah umgerissen. Sie wankte, fand gerade noch so einen sicheren Stand. Ein weiteres Schwappen und ein lautes Rauschen. Die Möwen stoben ängstlich krächzend davon. Und dann erhob sich etwas aus dem unruhigen Wasser unweit von hier. Wie ein Berg aus bläulichem Fleisch tauchte es aus dem dunklen Meer vor der undviker Küste auf. Anna weitete die Augen sprachlos, als es ihr den Atem verschlug. Sie sah einen großen, warzigen Buckel und riesige, schwielige Hände, deren Rücken über und über mit Muscheln bewachsen waren. Wie bei einem alten Schiffsrumpf spannten sie sich über die fahle Haut des Wesens, das sogleich einen weiten, schwerfälligen Schritt auf das Ufer zu machte. Noch ein Schritt und es stand nur noch bis zur Körpermitte in der platschenden See.

“Rist!”, keuchte Anna überfordert und ihre Worte überschlugen sich “Schlecht! Ganz schlecht!”

Auch der angesprochene, nasse Jarl stand jetzt wieder. Entsetzt und wie gebannt sah er dem zu, der da auf sie beide zu kam: Es war ein Riese, wie ihn selbst Anna nicht aus ihren dicken, staubigen Büchern kannte. Ein großes, hünenhaftes und breites Biest, dessen Bart aussah, wie aufgefächerte Fischflossen. Ledrige Kiemen zuckten hinter dessen kleinen Ohren und er trug ein Fischernetz und alte, löchrige Segeltuchfetzen, wie einen übergroßen Lendenschurz. Ein morsches Steuerrad hatte sich in dem besagten Netz verfangen und das massive, lange Schiffsruder, dass der brummende Ogroide in der rechten Pranke hielt, sah zwischen seinen dicken Fingern aus, wie ein einfacher Stock. Tang fiel ihm von den breiten Schultern und der Kopf, der niedriger lag, als der muschelbedeckte, gebeugte Buckel, war grausig. Die schnaufende Nase des Monstrums war so flach, wie dessen Wangen und in seinem Mund prangten zwei Reihen spitzer Fischzähne. Ein grollender Laut verließ die Kehle des Riesen und seine stechend hellen Augen fielen glotzend auf Anna und Hjaldrist. Die beiden waren wie zu Eissäulen erstarrt, als sie da wadenhoch im Wasser standen.

“Bei Hemdall!”, atmete der in der grünen Tunika fahrig.

“Kacke!”, fand seine geschockte Kumpanin, der mittlerweile auch nichts anderes mehr einfiel.

Und dann brüllte der imposante Meeresriese so laut, dass es nur so in den Ohren klingelte. Überfordert schrie die zusammenfahrende Anna auf und wich sofort zurück. Rist tat es ihr umgehend gleich, als ihnen eine neuere, kniehohe Welle entgegenbrandete und den nassen Sand aufwühlte.

“Raus!”, blaffte der entgeisterte Mann und meinte damit das kalte Wasser, denn jenes war im Moment der größte Verbündete des bulligen Seeungeheuers “Raus, raus!”

Das ließ sich die Novigraderin in der gestreiften Jacke nicht noch einmal sagen. Sie lief los und aus dem wadenhohen Meer gen Strand. Sie watete dafür mühsam und so schnell es ging, trat in Schlamm und dann ENDLICH auf ebenen Sand. Sie machte einen Satz über die glitschigen Algen, sprang über Trümmer und eine zerrissene Leiche, zog gleichauf ihr Schwert und sah sich dann achtsam nach Hjaldrist um. Der war schon bei ihr und wandte sich wieder dem Riesen zu, als sie sich weit genug vom Ufer entfernt hatten. Das Monster, wiederum, kam mit weiten Schritten an Land und zerstampfte dabei den verletzten, hoffentlich längst toten Skelliger unter dem Trägerbalken des zerschmetterten Langschiffs. Das dicke Holz zersplitterte unter dem massigen Fuß des Riesen in hunderte Stücke und knickte mit einem lauten Knacken ein. Der reglose Körper des Handwerkers verschwand zermalmt zwischen feuchtem Sand, Holz und Seegras. Sein Blut färbte die schäumende Gischt verheißungsvoll rot und man hörte, wie der Jarl entgeistert in seinem Dialekt fluchte. Anna beschrieb umgehend Quen. Der knurrende Riese begann auf einmal zu laufen und seine Bewegung ließ den Boden erzittern. Laut grölte das Monster auf, salziger Geifer spritzte und Hjaldrist gab einen zornigen Kampfschrei als Antwort. Er hatte Erlklamm gezogen und hielt die schöne Waffe fest gepackt, war mehr als nur bereit zu kämpfen.

“Pass auf!”, schrie die wachsame Alchemistin aus vollster Kehle und das riesige Ruder aus gestrichenem, dunklem Holz ging auf sie und ihren Freund hernieder. Sie beide mussten sich regelrecht zur Seite werfen, um nicht davon erschlagen zu werden. Der bösartige Meeresriese maulte donnernd, als er erkannte, dass er die kleinen Menschen verfehlt hatte. Er ärgerte sich zusehends, hob wieder zu und Anna hastete schreiend unter dem kraftvollen Schlag hinweg. Nicht auszudenken, was geschähe, würde das meterlange Ruder sie oder Rist treffen. Der heftige Schlag würde ihnen alle Knochen brechen, ganz sicher. Der mächtige Riese, der größer war, als ein Haus, grollte, stampfte und trat nach dem Jarl. Doch jener ließ sich davon nicht einschüchtern, ganz im Gegenteil. Hatte er vor wenigen Momenten noch so verdammt ratlos ausgesehen, so war sein Blick just zielstrebig und hintergründig finster. Hatte der gerüstete Mann die Beine eben noch in die Hand genommen, um wie ein gehetztes Reh an Land zu laufen, so machte er jetzt kehrt. Er rannte vom Kampfsinn gepackt direkt auf die muschelbesetzte Bestie mit der fahlblauen Haut zu. Anna sah all dem gescheucht zu und setzte sich ebenso in Bewegung, da ihr die Zeit zum Nachdenken oder Durchatmen fehlte. Ockerfarbener Sand wirbelte auf, als der Riese nach Rist trat und der knapp verfehlte Skelliger seitwärts strauchelte. Doch souverän fing er sich, kam vor und schlug Erlklamm mit aller Kraft in den Fuß des Übergroßen, der rasend aufheulte. Dunkelgrünes Blut floss und machte den sandigen Boden ganz matschig. Mit der freien Hand schlug das übermenschliche, fischig stinkende Ding aus der See nach dem Jarl und streifte ihn am Rande mit den hornigen Fingerspitzen. Deren brüchige Nägel waren lang und ungerade. Man hörte Stoff vernehmlich reißen und der Mantel des Axtkämpfers wehte zerfetzt im gähnenden Seewind. Rist stürzte fast, keuchte laut auf, torkelte zurück und brüllte dem Ungetüm drohende, feindselige Worte entgegen. Die kantigen Fingernägel des Ogroiden hatten ihn seitlich erwischt, wie messerscharfe Klauen, und Blut tropfte ihm über die linke Hand. Er mutete an, als bemerke er dies gar nicht. Oh ja, es war, als stachle ihn die Wut des Monsters mehr und mehr an. Rist hatte nur noch jenes im Blick und sah aus, wie ein zähnebleckendes Raubtier kurz vor dem Erlegen seiner Beute. Da war Anna schon bei ihm und versuchte sich einen einigermaßen brauchbaren Überblick über die prekäre Lage zu verschaffen. Schnell wanderten ihre schwarzen Augen über den brummenden Riesen, über ihren Freund, dessen Waffe, die behindernden Trümmerstücke ringsumher.

“Lenk ihn ab!”, rief sie dann entschlossen, doch Rist’s Aufmerksamkeit blieb starr und angriffslustig auf den überstarken Ogroiden gerichtet. Wie besessen hielt er seine Axt mit beiden Händen fest und sah aus, als setze er gleich zum Sprung an.

“Rist!”, mahnte Anna, doch ihr unvorsichtiger Kollege wollte nicht auf sie hören. Stattdessen ging ein Ruck durch seinen Leib und wieder hielt er auf den Riesen zu. Die Novigraderin beobachtete dies zerfahren. Das, was hier passierte, entsetzte sie am Rande; aber sie kannte das Verhalten des älteren Jarls doch. Sie hatte nicht oft miterlebt, wie dieser Mann völlig ausrastete, doch das musste man auch nicht, um das ganz bestimmte Feuer in dessen Augen wiederzuerkennen. Es war eigenartig. Und es passierte stets nur unter gewissen Umständen, die die Giftmischerin noch nicht so recht zu deuten wusste.

“Also schön!”, keuchte Anna wackelig und war jetzt schon außer Atem. Das war die Quittung dafür, dass sie ewig lange nicht mehr richtig gekämpft hatte. Sie hatte absolut keine Ausdauer mehr, was vielleicht auch ein Stück weit mit ihren angeschlagenen Lungen zu tun haben mochte, die gerade unangenehm brannten.

“Dann lenke ICH ihn halt ab.”, sprach die Kurzhaarige zu sich selbst, denn Hjaldrist hörte ja nicht zu. Sie atmete einmal tief durch und lief, sich Selbstsicherheit einredend, los. Sie war in Kaer Morhen aufgewachsen und zwar keine Hexerin, doch von den Katzenaugen trainiert worden. Ein dummer Ogroide jagte ihr keine Angst ein. Ja, er bereitete ihr keine Furcht und sie und Rist würden die Sache hier genauso gut hinter sich bringen, wie den Kampf gegen den Mantikor in Dattelgrund, die Schlacht gegen den Hungrigen Baron oder den Auftrag mit den vier Gabelschwänzen Blandares. Das schreckliche, bucklige Meeresmonster brachte ihr keine Furcht bei, denn ihr alter, geliebter Begleiter war endlich wieder bei ihr. 

Der laute Kampf war das reinste Chaos. Der warzige Riese brüllte und schlug wie ein Berserker um sich, wütete verheerend. Er stampfte, trat und wollte seine Gegner mit dem Langschiffsruder erschlagen. Anna wich ab, sah blaue, glänzende Haut auf sich zukommen, stolperte beiseite, schlug brüllend mit dem Schwert zu. Da war Blut. Irgendetwas wollte auf sie niedergehen und sie lief geduckt zur Seite. Ihr Atem ging unregelmäßig und schwer, doch das Adrenalin in ihrem unsagbar angespannten Körper stachelte sie an. Da war Rist. Er zog seine wertvolle Waffe gerade aus dem wunden Knöchel des Riesen, der schmerzlich gellte und verärgert schnaufte. Der gerade so fremd anmutende Undviker setzte vor und wirkte wie von Sinnen. Er war viel zu offensiv und achtete kein Bisschen auf seine Deckung. Anna entkam einem weiteren Ruderschlag nur mühsam und rief ihrem Freund durch das markerschütternde Riesengegröle zu.

“Rist! Die Zehen!”, bellte sie rau und tatsächlich traf der wilde Blick des Inselbewohners sie kurz “Ohne sie verliert er das Gleichgewicht!”

Dann hetzte sie auch schon wieder los und ihr Weg, der sie auf das knurrende Monster zu führte, glich dem reinsten Parkourlauf. Sie trat auf irgendetwas Nachgiebiges, Weiches und wollte gar nicht darüber nachdenken, was oder wer es war. Beinah stolperte sie, weil sie sich den Fuß in einer tiefen Mulde im Sand vertrat. Dann sprang sie mit schmerzendem Knöchel vor, biss die Zähne fest zusammen und schnitt mir der unheimlich scharf geschliffenen Silberklinge in dicke Haut und Knochen. Mehr grünliches Blut floss und der zusammenzuckende Riese drehte vollkommen durch, als er einen seiner großen Zehen der Frau wegen verlor. Er bäumte sich auf und sprang in die Höhe, um einen Wimpernschlag später auf Anna niederzugehen. Sie wich in Hjaldrist’s Richtung aus, fiel ihm nahezu rücklings entgegen und die Bestie landete knapp vor den zwei Menschen, die abermals taumelten, weil der unebene Boden heftig erzitterte. Planken zerbarsten und aufgeblähte Leichname zerplatzten unter den Fersen des monumentalen Ungeheuers. Es stank bestialisch und stechend. Der obskure Ogroide sog die Luft zwischen seinen spitzen, langen Fischzähnen ein. Er blähte die Backen und als er folglich ausatmete, spuckte er einen Schwall Salzwassers, der die unvorbereiteten Monsterjäger wie ein dickes Brett traf. Anna wendete sich ab, hatte den Arm schützend erhoben und die Augen zugekniffen. Sie ließ ihr Schwert nicht los und spürte, wie das scharfe Wasser des Monstrums in kleinen Schürfwunden brannte, wie Feuer. Sie stöhnte gequält und ihr entkamen unverständliche Worte. Der Riese grollte auf ein Neues und es klang wie Donner bei einem reißenden Unwetter. Aufgerieben hob Anna den Kopf und ihre Haare hingen ihr nass tropfend in die Stirn. Rist, der wutentbrannt vor ihr stand, fasste unheimlich barsch an ihre Schulter, um sie beiseite zu drängen. Dem durchweichten Jarl entkam ein grantiger Laut, als er seinen Widersacher schon wieder im Blick hatte, und das mordlüsterne Funkeln in seinen dunklen Augen mochte seiner jüngeren Kumpanin nicht gefallen. Aber es blieb keine Zeit, um sich darum zu kümmern. Denn der angestachelte Riese mit den neun Zehen holte abermals schwungvoll mit dem Schiffsruder aus. Wie für einen Schwinger von rechts riss er das lange Holz neben sich. Anstatt ob dem in weiser Voraussicht auszuweichen, rannte Hjaldrist jetzt auf den Feind zu. Wusste Melitele, warum. Man durfte nicht grübeln, musste handeln. Und das tat Anna. Die Frau mit der Kettenweste stob ihrem Kumpan hinterher und das so schnell sie nur konnte. Denn sie wollte das verhindern, was drohte gleich zu geschehen. Mit einem letzten, heiseren Atemzug nahm sie all ihre Kraft zusammen und hechtete vor. Der warme Schein von Quen glomm in ihrem Augenwinkel, begleitete sie und versprach ihr, dass ihr nichts geschähe. Blind baute sie auf dieses Gelöbnis, denn was blieb ihr auch anderes übrig? Ihre flachen Stiefel strafen auf den niedergetrampelten Sand und als sie herumfuhr, kam Anna, wie ein lebender Schutzwall, direkt zwischen das schmetternde Ruder des Meeresriesen und den Jarl der Insel. Einen Moment lang wusste die getroffene Monsterjägerin nicht, was geschah. Ein dumpfer, harter Aufprall, ein lautes klirren magischer Energie und ein Klingeln in den Ohren. Orange Scherben barsten zischend zu allen Seiten davon, wie tausende, glimmende Glasscherben. Mit voller Wucht warf es Anna seitlings gegen Rist und sie beide wurden wie ein Wirrwarr aus Lederrüstung, Gliedmaßen, schepperndem Metall und abgenutztem Stoff meterweit fortgeschleudert. Die kleinen Menschen kamen ächzend am Grund auf, dass Sand und Holzsplitter von Trümmern nur so aufwirbelten, und rollten noch ein ganzes Stück weiter. Orientierungslos stöhnte Anna, als ihr geworfener Körper irgendwo neben dem des Undvikers zum Stillstand gekommen war. Sie kam halb hoch und sackte dann doch nochmal nieder. Anna wusste gerade kaum, wo oben und unten war. Sie konnte ein paar Sekunden lange nicht atmen und spuckte körnigen Sand aus, der zwischen ihren Zähnen knirschte. Ihre Seite schmerzte, wie nach einem harten Boxhieb und verkündete heute noch blau und rot anzulaufen. Dennoch kam die Kräutersammlerin irgendwie auf die Füße, denn sie durfte auf keinen Fall liegen bleiben. Nicht jetzt, denn man hätte sie zertreten, wie ein mickriges Insekt. Sie blinzelte benommen, hatte Dreck an der Wange kleben und Blut im Blick. Sie… sie musste sich den Kopf angeschlagen haben, nachdem ihr arkanes Schild verloschen war. Mühsam wischte sie sich über die Augen und schüttelte das brummende Haupt. Dann riss ein Monsterbrüllen Anna gewaltsam in das gefährliche Hier und Jetzt zurück. Aus großen Augen und mit schlimmer Befürchtung im Blick, sah sie sich sofort nach Rist um, doch ihre Angst war unbegründet gewesen. Auch er stand schon wieder einigermaßen gerade und sein Kampfgeist war ungebrochen. Bewundernswert, wenngleich er sich wie im blinden Blutrausch verhielt. Sein linker Ärmel und Handschuh waren mittlerweile rot durchweicht und klebten ihm feucht an der Haut. Verirrte Strähnen seiner sonst so ordentlich zurückgeflochtenen Haare hingen Hjaldrist nass im Gesicht und sein Mundwinkel zuckte unsagbar zornig. Gerade, da schien er keine Orientierungslosigkeit und keinerlei Schmerz zu kennen. Und keine Dankbarkeit für jemanden, der sich zwischen ihn und ein todbringendes Bootsruder gestellt hatte. Er kannte nur den erbitterten Kampf auf Leben und Tod. Es war, als sei er ein tollwütiger Köter, den man auf einen Hasen losgelassen hatte. Nur, dass dieses Karnickel leider kein kleiner Nager war, sondern ein monströser Ogroide aus dem weiten Meer, der mit der freien Pranke nach einem zur Hälfte zerrissenen Beiboot griff, das da elend am Strand herumlag. Er warf das ächzende Bootsteil furios nach Rist und sehr knapp schlug es berstend vor dessen Füßen ein. Unbeeindruckt setzte sich der Jarl in Bewegung und stieg, Erlklamm’s Griff krampfhaft umklammert, über das halbe Boot hinweg. Das mit erhobenem Haupt und dunkler Miene. Es war beinahe so, als führe seine Waffe ihn. Und in diesem Moment eilte auch Anna wieder los. 

Der Kampf setzte sich tosend laut fort. Geschrei, Grölen, Stampfen. Rist hatte sich die Worte seiner Freundin gemerkt, obwohl er nicht er selbst zu sein schien, und schaffte es dem wasserspuckenden Riesen den zweiten großen Zeh abzuhacken: Einmal schlug er dafür mit der geschliffenen Axt zu, wie ein Holzfäller, der einen mächtigen Stamm zerteilen wollte, zweimal. Erlklamm grub sich durch zentimeterdicke Haut und Knochen. Das Monstrum der Küste johle schmerzlich auf und geriet schwer ins Wanken, hinkte zur Seite und der Jarl folgte ihm mit grimmiger Zufriedenheit im Blick. Anna setzte an dem adeligen Mann vorbei, ließ das in der Nachmittagssonne aufblitzende Silberschwert durch die Luft sausen. Man hörte, wie die scharfe Klinge metallen sirrte und sah Wimpernschläge darauf, wie Monsterblut spritzte. Das Schwert hatte sich beißend durch zähes Fleisch unter dem Riesenknie gefressen und das Silber in dessen Legierung kroch in Windeseile an dem sehnigen Gliedmaß hoch, färbte die Adern darin dunkel und ließ sie anschwellend hervortreten. Die aufgebrachte Novigraderin raffte all ihren Mut zusammen, umfasste den gewickelten Waffengriff fester und lief mit dem Ort des langen Schwertes voran gegen das Monsterbein, das dreimal so breit war, wie sie selbst. Sie schrie aus vollster Kehle und die Schneide durchstieß den muschelbewachsenen Unterschenkel. Mit ihrem ganzen Gewicht trieb die Frau sie bis zum Heft durch Sehnen und Muskeln und wollte das Schwert dann impulsiv nach unten hebeln. Der modrig stinkende Riese strauchelte schwerfällig. Rist war zur Stelle, sprang plötzlich und erreichte mit der freien Linken das Fischernetz, das sich um die Hüfte des Ogroiden legte und jenem bis zu den Knien reichte. Er zog sich hoch, stellte einen Fuß in eine der großen Hanfschlaufen und als Anna alarmiert aufsah, kletterte der lebensmüde Jarl schon an dem groben Netz hoch. Der Riese mit dem brustlangen Flossenbart fuhr herum und zeigte sich von dieser unerwarteten Aktion vollends verwirrt. Abgelenkt von dem Schmerz in seinem Bein schenkte er dem schlauen Rist aber zu wenig Beachtung und versuchte Anna durch Zutreten auf Abstand zu bekommen. Er hob den Fuß an und entriss der Kriegerin damit das Schwert, das noch tief im Riesenbein steckte. Durch die ruckartige Aufwärtsbewegung spritzte fischiges Blut aus dem Zehstumpf und rieselte wie makabrer Regen auf die Nordländerin hinab.

“Nein!”, schnappte sie überfordert, doch zu spät. Sie konnte ihre Waffe nicht mehr erreichen und sah, einen mächtigen Fußballen auf sich zu sausen. Geistesgegenwärtig stolperte sie zurück, landete ächzend am Kreuz und rollte sich hektisch zur Seite fort, um dem sicheren Tod zu entkommen. Der Fuß des Gegners ging neben ihr hernieder, wie ein rumsender Felsbrocken, und trampelte ihr purpurnes Mantelende in den Sand. Anna stöhnte schockiert, kam halb hoch und zerrte an ihrem wollenen Überwurf, auf dem der Ogroide jetzt stand. Sie wand sich herum, löste die Schließe des wärmenden Mantels mit fahrigen Fingern, glitt aus jenem heraus und stürzte planlos davon. Reflexartig fasste sie bei ihrem ungeschickten Ausweichmanöver nach einem Brett, das da lag und warf es dem stark humpelnden Riesen entgegen.

“Du Missgeburt!”, schimpfte sie dabei wütend und glich das Fehlen ihres Bastardschwertes mit diesem verbalen Angriff aus. Doch gleich straffte sie die schmalen Schultern und hatte die teure Silberwaffe wieder im Blick. Hjaldrist hatte derweil den Gürtel des Ogroiden erreicht, der aus einem dicken, gewundenen Segeltau bestand, und hielt sich mit einer Hand daran fest. Mit der anderen trieb er dem Monster Erlklamm in den Bauch. Ein dröhnender Schmerzensschrei brach über die Küste und Anna glaubte, die gesamte Umgebung vibriere ob dem. Der versehrte Meeresriese fuchtelte wild herum und schlug jetzt nach dem viel kleineren Rist, dessen Waffe den langen Taugürtel des Wesens durchtrennte. Mit dem dicken Seil noch immer in der Linken sprang er vom Netz und entkam nur so dem heftigen Hieb des Riesen. Jener schlug sich folgend selbst in die verletzte Magengrube und krümmte sich, spuckte Salzwasser und gurgelte überwältigt. Hjaldrist landete wie durch ein Wunder auf beiden Beinen im Sand und zerrte wie wahnsinnig an dem Seilgurt des Monsters, riss das halbe Fischernetz und die schimmeligen Segelfetzen mit. Er zog mit voller Kraft und sah sich zähneknirschend nach Anna um. Sie kam ihm sogleich zur Hilfe und vergaß ihr Schwert für diese Zeit. Beherzt packte sie mit an, zerrte an Schiffstau und dem enormen Fischernetz, in dem ein Steuerrad hing. Und als beide lang genug waren, rannte sie los, um damit den Ogroiden zu umkreisen. Hjaldrist hatte ihr diesen brillanten Plan nicht erst erklären müssen, denn sie hatte dieses Manöver schon einmal gesehen. Damals im Hafen Undviks, hatten die zwei ruppigen Wegewächter genau so einen Zyklopen zu Fall gebracht. 

Der bedrängte Riese stampfte wütend, blutete, und verhedderte sich mit dem verwundeten Bein in Netz und Tau. Das Steuerrad fiel krachend zu Boden. Das Meeresungeheuer taumelte, stolperte endlich über das grobe Seil, stürzte. Als der Riese mit der buckligen Hinterseite am Grund aufkam, war es, als fiele eine Burg in sich zusammen. Es krachte und der Boden erbebte heftig. Anna ließ die Stolperfalle der Bestie sofort los und sprang über deren verdrehten Fuß hinweg, um du dem Schenkel zu gelangen, in dem ihr Bastardschwert aus Silber und Meteoritenstahl dunkle Blutgefäße schlug. Das halbe Bein des Riesen war schon pechschwarz und drohte ob des Hexerschwertes abzufaulen. Ruckartig zog Anna die grün triefende Klinge mit den glimmenden Runen darin an sich und sah atemlos auf. Ihr Blickfeld war enger geworden und sie versuchte mühsam zu Atem zu kommen. Ein lautes Knacken. Rist stand auf der breiten Brust des rücklings gefallenen Riesen und hatte ihm Erlklamm in die ungeschützte Kehle getrieben. Mit rasendem Zorn im Ausdruck riss er die Waffe aus schmatzender Luftröhre und Nackenwirbeln, holte beidhändig aus und schlug noch einmal wuchtig zu. Wieder ein Krachen von Knochen und springbrunnenähnliches Sprudeln von fischigem Riesenblut. Noch einmal ging Erlklamm mordlustig nieder, ein viertes und ein fünftes Mal. So, als bekäme die rachsüchtige Axt niemals genug. Dem durchgeschnittenen Hals des Seemonsters entkam ein letztes, feuchtes Pfeifen und dessen hässlicher Kopf mit der platten Nase kippte lose zur Seite. Dann war es still. Anna weitete die Augen in morbider Faszination und erleichternde Freude wollte schlussendlich nach ihr haschen und sie schütteln. Denn es war vorbei. Es war vorbei! Ihre Schritte waren ob ihres vertretenen Knöchels etwas wackelig und ihre Knie weich, als sie los eilte, um zu Rist zu kommen. Jener sprang gerade finsteren Blickes von der Ogroidenbrust an den Strand und sah sich prüfend nach Anna um, als bemerke er sie erst jetzt. Er spuckte rot und angewidert aus, rümpfte die Nase widerwillig.

“Wir haben es geschafft!”, keuchte die abgeschlagene Kurzhaarige und wollte Arm und Schwert triumphierend in die Höhe reißen. Oh, welch ein Sieg! Sie dachte sogar darüber nach ihrem heldenhaften Kollegen einfach freudvoll jauchzend um den Hals zu fallen. Doch sie hielt abrupt inne, denn irgendetwas stimmte nicht. Hjaldrist sah aus, als wolle er seine Verbündete als nächstes zerfleischen. Als sähe er sie als sein nächstes Opfer an. Oder bildete sie sich das nur ein?

“Rist?”, Anna hielt sofort in vager Ahnung inne und ihr Körper versteifte sich. Noch nie hatte Hjaldrist sie so argwillig angesehen und sein Atem ging noch immer schwer und stoßweise. Monsterblut tropfte ihm vom unrasierten Kinn.

“Rist!”, bat die Alchemistin mit bittendem Nachdruck “Was ist?”

Der hitzige Mann machte einen impulsiven Schritt auf sie zu und hielt Erlklamm dabei so fest, dass seine Hand zitterte. Sein Blick war stechend, die Miene steinern und zu einer Maske aus unerklärlichem Zorn und Rachlust verzogen. Anna stammelte irgendetwas und wich langsam zurück. Hjaldrist starrte sie an, als stecke ein wahrhaftiger Dämon in ihm. Und in diesem heiklen Augenblick tat Anna das, was sie just als einzige Option ansah: Sie warf ihrem so veränderten Kumpan das gravierte Silberschwert vor die Füße, um die freien Hände abwehrend erheben zu können. Als wolle sie ein Tier beschwichtigen, tat sie das und blieb stehen, versuchte keine Angst zu zeigen. Doch… doch die hatte sie gerade. Und was für eine!

“Hey…”, atmete sie leise und zog den Kopf einen Deut weit ein, um absolut wehrlos zu wirken “Ich... ich bin’s doch: Anna.”

Und als sie so defensiv und mit dennoch offener Deckung vor ihm stand, hielt der Jarl endlich inne. Oh, allen Göttern sei Dank! Erlklamm sank ein verunsichertes Stück weit; genauso, wie es die Schultern des anwesenden Mannes taten. Die Giftmischerin hielt den Atem an und ließ die kalten, feuchten Hände weiterhin beschwichtigend erhoben. Sie schluckte schwer und ihr armes Herz pochte so heftig, dass es wehtat. Rist zog die Brauen zusammen und legte den Kopf einen Deut schräg, als sich sein feindseliger Ausdruck auflockerte. Und dann schien ihm irgendetwas wie Schuppen von den Augen zu fallen. Er schüttelte den Kopf zögerlich und ungläubig. Stumm stand er vor seiner Freundin, sah sie wissend und mit einer wortlosen Entschuldigung im Blick an. Erleichtert seufzte die Kurzhaarige auf und zögerlich ließ sie die zitternden Finger sinken. Alles war gut.

“Mann...”, machte sie und lachte kraftlos “Du hast mir gerade echt einen Schrecken eingejagt. Mach das nie wieder, sonst fliegt dir eine Kartätsche um die Ohren. Hörst du?”

Die Augenbrauen des Jarls wanderten verblüfft über diese scherzhafte Aussage nach oben. Bestimmt hatte er erwartet, dass Anna eine sofortige Rechtfertigung hören wollte. Oder eine Entschuldigung vielleicht. Doch das tat sie nicht. Ein müdes Lächeln zierte Rist’s Lippen daraufhin und obwohl er mitgenommen, verdreckt und so aussah, als habe man ihn gerade aus der stürmischen See gezogen, war er hübsch. Anna gab ein leises, zerfahrenes Lachen von sich, dann wendete sie sich halb ab, um sich mit einer Hand über das Gesicht zu fahren. An Ort und Stelle ließ sie sich dann nieder und atmete geschafft durch.

“Bei Melitele’s Arsch…”, krächzte sie und musste die flimmernden Augen niederschlagen. Schwäche klaubte nach ihr, als das Adrenalin ging, und machte sie ganz fahrig. Ihr ganzer Brustkorb schmerzte höllisch und sie fühlte sich so kurzatmig.

“Das war knapp. Richtig knapp…”, meinte die Schwarzhaarige und spürte, wie sich Rist bald neben sie setzte. Den toten Riesen im Rücken ließ er sich zurück, in den feuchten Sand fallen und stöhnte schmerzverzerrt. Trotzdem grinste er zufrieden, als sich Anna nach ihm umsah. Seine Zähne waren schwach rot gefärbt, denn wahrscheinlich hatte er sich während des Kampfes auf die Zunge gebissen, und sein linker Arm sah auch alles andere als gut aus. Rist ballte die Finger der unversehrten Rechten und die Frau bei ihm beobachtete, wie er ihr die Faust dann plötzlich erwartungsvoll hinhielt. Ihre Miene verrutschte, als sie dabei plötzliche Bilder von vor Jahren einholten:

[style type="italic"]Felsen, nein, ‚Hjaldrist‘, hob eine Faust an und hielt sie der Frau neben sich auffordernd entgegen. Wieder runzelte die Novigraderin unschlüssig die Stirn und betrachtete die ihr gezeigten, leicht blutigen Knöchel fragend. Ein irritierter Laut verließ ihre Lippen. Was sollte das hier werden?

“Hä?”, machte sie.

“Du musst mit deiner Faust dagegen hauen, Idiotin...“, brummte der Skelliger gespielt tadelnd und atmete noch immer ganz unregelmäßig. Er sah mies aus, doch lächelte schon wieder. Na, immerhin.

“Ah...“, murmelte die entrückte Kurzhaarige, die die beschriebene Geste bisher nicht gekannt hatte, betreten. Sie war manchmal eben noch immer etwas weltfremd, hatte in der Vergangenheit weder Freunde außerhalb von Kaer Morhen besessen, noch viel auf unterschiedlichste Grußformen gegeben. Sie ballte die behandschuhte Rechte locker und boxte damit herzlich gegen die Faust ihres unglaublich erledigten Kampfgefährten. Man musste ihr dies nicht weiter erklären, denn sie ahnte, was der leichte Schlag von Faust gegen Faust hieß. Ja, wahrscheinlich machte man das unter Freunden so.[/style]

Anna lächelte schief, doch diese wissende Heiterkeit entgleiste mehr und mehr in eine melancholische Richtung, als sie zögerte. Dann gab sie dem Riesentöter mit einem wehleidigen Stechen in der Brust und einem Kratzen in der engen Kehle die Siegerfaust. Er schnaubte anerkennend und ließ die Hand dann, mit abgekämpft geschlossenen Augen, zurück in den Sand sinken. Und Anna wusste solange nicht, warum ihr der Blick ungemein glasig wurde: Weil sie die unheimlich enge Freundschaft zu ihrem geliebten Seelenverwandten nach Neujahr einfach töricht weggeworfen hatte und ihr das heute so, so leidtat? Oder weil sie gerade, trotz all ihrer grauenvollen Missetaten, wieder halbwegs unbeschwert neben Hjaldrist sitzen durfte und sie diese Tatsache rührte? Vielleicht war es ja beides, was sie Sekunden später dazu drängte das matte Gesicht in den dreckigen Handflächen zu vergraben. Anna war entkräftet, verletzt und auf einmal peinlich weinerlich. Doch gerade, da war sie dennoch... glücklich.

Rist fragte nicht nach, als er bemerkte, wie die zutiefst erleichterte Frau neben ihm stumm in ihre Handschuhe flennte. Und sie war ihm dafür sicher mindestens genauso dankbar, wie er ihr, weil sie ihn nicht auf seinen verheerenden, unheimlichen Kampfesrausch angesprochen hatte. Der Mann blieb einfach nur geschafft liegen und versuchte sich wieder zu fassen, runter zu kommen. Mit einem zugekniffenen Auge betastete er, im Sand liegend, seine verwundete Seite und den blutigen Arm. Und erst, als sich auch Anna wieder merklich beruhigt hatte, gab er ein abgeschlagenes Stöhnen von sich.

“Ich weiß ja nicht, wie’s dir geht…”, es war schön Rist wieder normal reden zu hören, anstatt zu sehen, wie er wutentbrannt schrie und blutlüstern starrte “Aber ich hätte jetzt gern was zu Trinken.”

Von der Seite aus sah die ein letztes Mal schniefende Monsterjägerin zu dem Jarl hin und ein kleines Lachen entkam ihr.

“Ja, ich auch…”, gab sie schwach nickend zu und räusperte sich, um den Hals wieder frei zu bekommen.

“Wir haben im Keller scheißteuren Met.”, ächzte der Verwundete und drehte Anna bei seinem indirekten Angebot den dreckigen Kopf mit den nassen Haaren zu “Fünf Kronen die Flasche. Wenn das Zeug nicht schmeckt, segle ich höchstpersönlich nach Faroe und hole mir den Händler, der uns den Dreck verkauft hat.”

Anna gluckste schon wieder erheitert.

“Und du nanntest mich immer verschwenderisch…”, kommentierte sie den sündhaft teuren Meteinkauf.

“Hey, ich hab das Geld. Du nicht.”, beschwerte sich der Mann am Boden und Anna rieb sich die schmerzende Seite. Sie würde aber nicht jammern. Dank ihrer stümperhaften Magie hätte sie jetzt nur einen großen Bluterguss, anstatt mit zerschmetterten Knochen zwischen all den anderen Toten zu liegen.

“Ich bin ja auch kein Thronfurzer.”, feixte die Kurzhaarige und Rist entfleuchte ein kurzes, gespielt empörtes Auflachen.

“Stimmt. Du bist die Pennerkönigin der leeren Geldkatzen.”, pflichtete er abfällig witzelnd bei und verzog das Gesicht, weil es ihm offenbar schmerzte zu lachen. Hatten seine Rippen bei dem Hieb des Riesen etwas abbekommen…? Wahrscheinlich.

Anna verkniff sich ein Schmunzeln und schüttelte den Kopf. Ihr Ausdruck blieb, trotz der harmlosen Beleidigungen, weich und sie blickte wieder fort, um geschafft vor sich hin zu sehen. Ihr Kopf tat irrsinnig weh und geronnenes Blut klebte ihr an der Stirn. Ihr armer Knöchel pochte unangenehm und sie fühlte sich, als sei sie einmal im vollen Tempo um die ganze Insel gerannt. Oh, die Vorstellung bald aus der Vollmontur zu schlüpfen, zu baden, etwas mit ihrem Lieblingsskelliger zu trinken und sich dabei nicht mehr rühren zu müssen wurde immer sympathischer. Von wasserspuckenden, grollenden Riesen hatte Anna für heute nämlich entschieden genug.

“Anna?”, fragte der anwesende Jarl am Grund nach einiger Zeit ganz plötzlich in die Stille hinein und hörte sich an, als wolle er irgendetwas Wichtiges sagen. Aus dem Augenwinkel linste die Angesprochene zu ihm, doch Rist kam nicht dazu weiter zu reden. Denn Hufgetrappel näherte sich. Und es gehörte nicht zu nur einem einzigen Pferd. Sofort spitzten die Monsterjäger die Ohren. Hjaldrist setzte sich mühsam auf und reckte den Hals, um gen Küste zu spähen. Da kamen Reiter und ihnen voran trabte der unverkennbare, große Schimmel Haldorns. Etwa ein Dutzend Männer begleiteten ihn und entweder gehörten sie zur Wache der Feste oder zu seiner eigenen Mannschaft. Man musste das Gebrüll des Riesen der See bis in das Zentrum Caer Gvalch’cas vernommen haben. Die achtsamen Krieger der Burg hatten derweil gewusst, dass ihr gelobter Anführer allein mit der verrückten Hexerin losgezogen war und sicherlich hatte man demnach nur Eins und Eins zusammengezählt. Man war hier, um nach ihm zusehen und ihm im Ernstfall treu im Kampf beizustehen. Nur war diese erbitterte Schlacht längst vorbei.

“Oh…”, machte Anna tonlos, als sie die vielen Skelliger kommen sah und wurde sofort nervös. Hjaldrist aber, seufzte nur genervt und hätte wohl gern mit den Augen gerollt.

“Ich fragte mich ja schon, wie ich es in meinem Zustand schaffen soll den Kopf des Riesen in die Burg zu tragen…”, kommentierte er trocken “Das hat sich hiermit wohl erledigt.”

Es dauerte keine Minute, da waren die Reiter hier und sprangen angespannt von ihren Rössern. Entrückt sahen sie sich um, musterten die vielen Leichen und die kaputte Werft. Haldorn lief suchend voran und rief sorgenvoll nach seinem Bruder. Jener meldete sich zwar nicht, doch man fand ihn dennoch schnell. Denn der Kadaver des fahlblauen Meeresmonsters lag nicht weit von ihm und fiel natürlich auf.

“Hjaldrist!”, rief Haldorn mit übler Ahnung im Ton und kam schnurstracks angelaufen. Der Jarl, der der direkten Konfrontation nicht mehr auskäme, erhob sich schwerfällig und auch Anna kam auf die Beine. Anstatt darauf zu warten, dass die ganzen Undviker vor sie traten, machte sie sich lieber daran sich unruhig abzuwenden und sich unbeteiligt nach ihrem Silberschwert umzusehen. Die Waffe lag einige Meter weit entfernt im Sand, denn sie hatte jene Rist vorhin vor die Füße geworfen, um gute Absichten zu signalisieren. Ziemlich geschäftig ging sie zu der teuren Klinge und ließ den Rücken Haldorn zugewandt. War besser so.

“Was zum Geier?”, mehr fiel dem aufgebrachten Haldorn nicht ein, als er vom toten Riesen zu Anna und dann zu seinem älteren Bruder sah. Auch die Wachen und Krieger im Bunde staunten nicht schlecht und tuschelten beeindruckt über das leblose Meeresungetüm.

“Hmm?”, machte Rist und spielte die zugespitzte Lage mit seiner lockeren Haltung herunter “Ihr kommt zu spät. Anna und ich haben uns schon um das Monster gekümmert.”

Die Kurzhaarige spürte den bissigen Blick Haldorns unangenehm im Nacken stechen und kaute sich auf der trockenen Unterlippe herum.

“Was?”, schnappte der raue Seeräuber und die Tatsache, dass hier ein enormer, geköpfter Riese herumlag, interessierte ihn erst einmal nicht. Oder jedenfalls machte es den Anschein.

“Kaum ist diese Frau wieder hier, wirst du übermütig!”, maulte der Kerl sofort.

Die besagte Kämpferin sah sich nach wie vor nicht zu den anderen um und wischte mit dem Ärmel über ihre verschmierte Silberklinge. Ihr Gesicht war hart geworden und sie ließ ihr runenbesetztes Schwert in die Lederscheide gleiten.

“Haldorn. Halt die Klappe.”, hörte sie Rist brummen.

“Was denn? Es stimmt doch, was ich sage! Du suchst dir einfach irgendwelche gefährliche Monster und denkst nicht daran deine Leute mit dir zu nehmen! Du hast so viele gut ausgebildete Männer hinter dir: Skelliger, die sich hier wie in ihrer Hosentasche auskennen und unschlagbar sind! Doch was tust du? Du lässt dich von der Wahnsinnigen da drüben bezirzen und gehst ALLEIN mit ihr vor die Tore.”

Eine kurze Pause entstand, ehe Haldorn furios weiterredete, um seinem Ärger Luft zu machen. Vielleicht hatte er ja Recht damit, dass es unvorsichtig gewesen war zu zweit an den bedrohten Strand zu gehen. Dennoch ärgerte es Anna was er hier sagte. Und WIE er es von sich gab stieß ihr vor den Kopf. Sie kam sich vor, wie ein Stück Dreck.

“Mag sein, dass sie eine Zauberin ist, aber dennoch! Weißt du denn, wie es auf deine Leute wirkt, wenn du dich verhalten hast? Sie ist eine flatterhafte Ausländerin, der man nicht trauen kann! Du hast schon einmal auf sie gebaut und was ist passiert? Sie ist einfach so verschwunden! Und wer hat dann für dich gekämpft? Deine loyalen Krieger. Und nicht sie!”

Anna’s Blick sank weit und sie presste die Lippen aufeinander. Ihre unsteten Augen wanderten und suchten den roten Wollmantel, den sie sich ausziehen hatte müssen, weil der Meeresriese im vorigen Kampf darauf gestanden hatte. Langsam ging sie zu dem Kleidungsstück, um still danach zu klauben. Derweil setzte Haldorn seine Tirade fort.

“Wegen ihr hast du den Brief aus Spikeroog gestern zerrissen und nicht mit Jutta kämpfen wollen! Alle bemühen sich um dich, doch wofür? Hjaldrist, ich mache mir Sorgen um dich! Du bist mein Bruder. Und diese Frau dort ist ein Fluch und bringt nur Pech.”

Anna nahm ihren nassen Umhang an sich und legte ihn sich über einen Arm. Als sie über die Schulter vorsichtig zu den anwesenden Brüdern sah, warf Rist ihr einen Blick zu, der so viel bedeutete, wie ‘Hörst du, was der Idiot für einen Stuss redet?’. Sie atmete einmal tief durch und anstatt auf das genervte Starren einzugehen, nickte sie nur in die Richtung, in der die Burg lag. Es war sowas wie ein besiegtes ‘Ich geh dann schon mal. Bis später’, denn gerade, da hielt die Monsterjägerin es hier nicht mehr aus. Und wer war sie denn sich mit dem Jarlsbruder anzulegen? Sie hatte persönlich nichts gegen Haldorn und wollte die Abneigung, die er ihr gegenüber empfand, nicht noch weiter anstacheln. So gern sie ihm einfach einmal aufs Maul gehauen hätte, so fragte sie sich, was sie tun könnte, damit der Seefahrer ihr gegenüber endlich einmal offener und freundlicher gesinnt wurde. Schlussendlich gedachte sie zu bleiben und wollte dabei kein unwohles Gefühl im Bauch haben, weil Haldorn sie hasste. Vielleicht… vielleicht sollte sie einfach einmal mit ihm zusammen trinken. Reden lag ihnen beiden doch nicht.

“Hast du gehört? Du solltest sie wieder dahin zurückschicken, wo sie hergekommen ist und endlich zur Vernunft kommen!”, ermahnte der harte Pirat am Strand weiter. Anna sah, wie die Krieger ringsum verunsichert starrten oder Blicke austauschten. Sie selbst musste trocken schlucken, als sie befangen dastand und sich an ihrem feuchten Mantel festhielt. Was hier gerade geschah, war viel mehr, als nur eine simple Zwistigkeit zwischen Brüdern. Es war ein unbedachtes, von Ärger geleitetes Bloßstellen zweier Leute. Zum einen warf Haldorn Anna’s Ruf bei denen, die sie noch nicht kannten, in den Wind und sagte ihr immer wieder großes Übel nach. Und zum anderen behandelte er seinen JARL gerade vor allen so, als sei jener ein kleines, dummes Kind. Eine ungeheure Anspannung lag also über dem Ort und Rist, der zuvor noch so gelassen ausgesehen hatte, war mittlerweile sichtlich verstimmt. Kurzum holte er aus und verpasste seinem jüngeren Bruder eine Rechte, die sich gesalzen hatte. Anna zuckte heftig zusammen und auch die anderen Zuseher ringsum machten große Augen und hielten die Luft an. Manche von ihnen gehörten ganz offenkundig zur Mannschaft Haldorns, doch sie griffen nicht ein.

“Nein, Haldorn. Ich habe nicht darüber nachzudenken, wie ich mich verhalte. DU solltest einmal bedenken, mit WEM du hier sprichst.”, sagte der Axtkämpfer in der grünen Tunika gezwungen ruhig “Und über all den Rest sprechen wir später noch, das kann ich dir versprechen.” 

Und damit war die Diskussion für ihn gegessen. Er strafte seinen verdatterten Bruder noch eines vorwurfsvollen Blickes, dann wendete er sich ab, um zu gehen.

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