Kapitel 112 (Buch 4, 15)

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Anna war nach dem Kampf gegen den Meeresriesen Undviks und einem anschließenden, ausgedehnten Bad in der Festung eingeschlafen. Völlig geschafft und so müde, wie an den schlechtesten Tagen der letzten Zeit, hatte sie sich eigentlich nur einmal kurz auf ihr Gästebett legen wollen, um durchzuatmen. Stattdessen war sie binnen Sekunden eingeschlummert und erst jetzt, als es in ihrem Zimmer längst dunkel war, wieder erwacht. Orientierungslos blinzelte sie und setzte sich auf, murrte leise und fasste sich an den schmerzenden Kopf, um den sich eine dicke Bandage wand. In der Auseinandersetzung mit dem Riesen bei der zerstörten Werft hatte sie sich eine prächtige Wunde am Hinterkopf geschlagen und jene bescherte ihr noch immer ein unangenehmes Pochen, das ihr bis in den Scheitel hinauf zog. Der schlaftrunkenen Alchemistin entkam ein schweres Ausatmen und in der Düsternis tastete sie gähnend nach den Zündhölzern, die auf ihrem Nachttischchen lagen, um die Lampe dort zu entfachen. Bei Melitele… wie spät war es bloß? Anna hatte es vorhin nicht einmal mehr bemerkt einzuschlafen, so schnell war sie weg gewesen. Eigentlich hatte sie doch noch mit Rist trinken wollen. Nicht viel, aber ein Anstoßen über den glorreichen Sieg über das ekelhafte Meeresmonster von heute Nachmittag wäre schon angebracht gewesen. Stattdessen hatte die Schwertkämpferin dies aber einfach verpennt. Entnervt seufzend fuhr sie sich mit der Rechten über das Gesicht und erhob sich schwerfällig, um sich anzukleiden. Mehr, als Hemd und die Bruche, die sie in letzter Zeit immer anhatte, wenn sie im Bett herumlungerte, trug sie gerade nicht. 

“Verdammt…”, murmelte sie vor sich hin und ihr Magen kam ihrem folgenden Gejammer grollend zuvor “Bin ich hungrig…”

Heute Morgen hatte die Frau kaum etwas gegessen, denn seit sie nach dem Aufstehen regelmäßig Lado’s Absud trank, war sie einfach immer zu nervös, um in Ruhe zu frühstücken. Ja, tatsächlich musste sie dann erst einmal Spazieren gehen, ehe sie vielleicht ein Stück Brot oder einen Apfel runterbekam. So, wie auch heute. Daher hing ihr der Magen jetzt in den Kniekehlen und protestierte laut. Besser, sie zog sich also an und besorgte sich gleich etwas, das sie sich zwischen die Kiemen klemmen könnte. Mit diesem Vorhaben im Kopf sah sich die Kurzhaarige in ihrem Raum um, den man ihr zugewiesen hatte. Es war das alte, schöne Zimmer von Rist, das sie vor Monaten und nach dem Aufstand in der Stadt zum ersten Mal betreten hatte. Der Jarl selber war angeblich schon im Frühjahr in das Gemach gezogen, das sein Vater einst belegt hatte. Es war wohl größer und für einen Anführer praktischer gelegen, als dieses hier. Aber nun gut. Es war jedenfalls unglaublich toll hier zu sein und nicht in einem der Gästezimmer nahe der Quartiere der Huskarle. Von ihrem Fenster aus konnte Anna das weite Meer und die Schiffe mit den blau-grünen Segeln beobachten. Und wenn sie zur Tür hinaus und die gewundene Treppe nach oben ging, kam sie direkt in die zweistöckige Bibliothek, die voll war mit alten Büchern, staubigen Abschriften und Pergamenten über alles Mögliche. Oft war sie in den letzten Tagen dort gewesen und hatte gelesen. Ein alter, dick bezogener Sessel, der in einer abgelegenen Ecke der Bücherei stand, war zu einem ihrer Lieblingsplätze auf Undvik geworden. Einmal war sie darin sogar eingedöst, so bequem war das Ding mit den breiten Armlehnen. Anna musste sich nur noch an die Größe ihres Raumes gewöhnen. Zwar hatte sie in Kaer Morhen auch ein Burgzimmer besessen, doch jenes wäre mit dem hier nicht vergleichbar gewesen. Damals, in den Bergen Kaedwens hatte die kleine Anna mit einem sehr spartanischen Räumchen nahe dem unheimlichen Keller auskommen müssen. Es war gerade einmal so groß gewesen, dass ein Bett, ein schiefer Schreibtisch und eine alte Kommode hineingepasst hatten. Hier, auf Skellige, hätte man ihr fünf große Betten hinstellen können und im Zimmer mit der hohen Decke wäre es keineswegs eng geworden. Ein schöner Teppich säumte den Boden, dicke Felle die Schlafgelegenheit. An der Wand hing ein Gemälde eines Sonnenunterganges hinter Hindarsfjall und darunter stand ein richtig großer Tisch, auf dem sie längst ihren Alchemie- und Schreibkram ausgebreitet hatte. Zwei Regale boten daneben noch Platz für alles Mögliche, wie Bücher, Werkzeuge oder Fläschchen. Und die Wand an der gegenüberliegenden Seite war nicht kahl, sondern mit einem schönen Banner behängt, das gestickte Schlangenmuster zierten. Ja, bei den Göttern, Anna hatte hier sogar einen kleinen, gekachelten Ofen, denn auf Undvik konnte es schon mal klirrend kalt werden. Es war der reinste Luxus sich in solch einer Umgebung aufzuhalten und gleichauf fühlte sich die Novigraderin auch ein wenig eigenartig. Denn es war ihr durchaus aufgefallen, dass sich Ravello und Aldoran ein Zimmer teilen mussten, das bei Weitem nicht so geräumig und gut ausgestattet war, wie das der Kräuterkundigen. Natürlich hatten auch sie es schön und warm, doch ihre Räumlichkeit erinnerte schon eher an ein Zimmer für temporäre Gäste. Die zwei Männer waren zudem am anderen Ende der Festung untergebracht; nahe den Quartieren der Wachen. Ganz anders, als Anna, die zwischen Bibliothek und der Freiterrasse zum Meer hausen durfte. Es war, als habe man es bewusst eingeplant, dass sie sehr lange blieb. Oder bildete sie sich einfach zu viel ein? 

Nachdem die Frau in Hose und Stiefel geschlüpft war, fasste sie nach der Tranlampe, die sie vorhin entzündet hatte und machte sich auf den Weg nach draußen. Noch etwas verschlafen nahm sie die steinerne Treppe nach unten und ging an dem Ausgang zur großen Terrasse vorbei, die sich über dem schäumenden Wasser des skellischen Meeres erhob. Kurz nach Neujahr war sie hier mit dem Skrugga Sten hereingeschlichen und hatte sich dabei nicht wirklich umgesehen. Doch heute wusste Anna: Bei schönem Wetter konnte man auf den Bänken der Terrasse sitzen und bei frischer Luft und Sonne frühstücken. Pavetta und Rist’s Mutter taten das sehr oft. Auch stand dort, zwischen ein paar Pflanzen, die auch im Winter gediehen, ein Steintischchen mit einem eingemeißelten Schachbrett darauf. Anna hatte bereits gesehen, wie Hjaldrist dort gegen Ravello gespielt hatte.

Die Frau ging weiter und erreichte nach wenigen Momenten den weitläufigen Thronsaal, den man durchqueren musste, wenn man zur Küche gelangen wollte. Rist war nicht da, sein Thron war leer und nur ein paar Nachtwachen lungerten unweit herum und spielten Karten. Es war sehr spät. Sicherlich schlief der mitgenommene Jarl längst. Anna ging also weiter, durch das Speisezimmer und in die verhältnismäßig kleine Küche. Fackeln brannten an den Wänden und in der Kochstelle glomm noch immer etwas Glut vom Abendessen. Ein Korb mit hiesigem Obst stand auf der Ablage; daneben ein halb verspeister Räucherschinken, Merle’s sogenannte, grässlich nach Senf oder Salz schmeckende ‘Scherzkekse’, mit denen sie Unwissende necken wollte, und ein Brettchen mit Resten frischen Brotes. Man konnte den Falchraites ja nachsagen, was man wollte. Aber hier blieb man niemals hungrig. Immer stand irgendwo irgendetwas zu Essen parat. Rist’s Mutter kümmerte sich persönlich darum und war um das Wohlergehen ihrer Kinder und der Besucher in der Burg bemüht. Selten hatte Anna solch eine fürsorgliche Frau gesehen, die sich so hingebungsvoll um jeden kümmerte. Bestimmt war es sie, die das Brot auf der Ablage selbst gebacken hatte, damit ihre Familie und deren Gäste den großen Räucherschinken nicht ohne Unterlage essen mussten. Was das anging, kam Hjaldrist absolut nach ihr. Wenn er kochte, dann immer für alle, die bei ihm saßen. Und wenn er Pfannenkuchen machte, gab es die mit irgendeinem süßen Sirup und Milch, denn der Undviker mochte keine halben Sachen. Anna musste schmunzeln, als sie daran dachte. Und daran, wie entsetzt er sie angestarrt hatte, als sie erzählte, dass sie sich bis zu ihrer Ankunft in Kaer Iwahell nur von Trockenfleisch, gelegentlich gefangenen, halbgaren Ratten oder dürren Hasen und Dörrobst ernährt hatte. Schlussendlich konnte sie nicht kochen. Es war also ein sehr positiver Nebeneffekt ihres Aufenthaltes hier wieder ordentliches Essen zu bekommen. Doch war es auch keine selbstverständliche Sache jeden Tag zwei warme Mahlzeiten zu kriegen und sich jederzeit in den Vorratskammern bedienen zu dürfen. Anna hatte hier wirklich absolut freie Hand was dies anging, und würde sich irgendwann auch erkenntlich zeigen. Sie hatte ja schon daran gedacht einfach aus Prinzip Geld abzutreten, wenn sie wieder ganz auf den Beinen wäre. Wenn sie wieder regelmäßig losziehen würde, um Aufträge zu erledigen. Nur… andererseits fragte sich die Kriegerin, wie das in näherer Zukunft funktionieren sollte. Sie war hier auf Undvik und nicht am Festland. Sie reiste hier nicht von Ort zu Ort, um in monatelanger Überlebenskunst Auftrag um Auftrag einzusacken. Ob sie also wirklich für die Jarlsfamilie jagen sollte, um ihre Schuld damit irgendwie zu begleichen? Ob sie für Rist arbeiten könnte, so, wie es Merle vorgeschlagen hatte? Der Gedanke daran war doch nicht abwegig, da sie wusste, dass es hier, auf Undvik, nur so vor Monstern wimmelte. Und außerdem… gab es da noch einen bedeutenden Unterschied zu früher, wo sie nichts und niemand hatte halten können: Sie ginge nicht mehr fort. Nicht allein. Sie würde, nein WOLLTE, bleiben und das von ganzem Herzen. Und als Anna so daran dachte, fühlte sie sich zum ersten Mal in ihrem Leben so, als sei sie angekommen. Es war befremdlich, seltsam, irgendwie unerklärlich einschüchternd. Doch gut.

 

Es dauerte nicht lange, bis die Monsterjägerin mit einer Holzschüssel in den Speisesaal zurückkam. Zwei Scheiben Brot, Schinken und einen Apfel hatte sie sich genommen und wollte sich damit an die leere, lange Tafel setzen. Das orange Fackellicht ringsum verströmte einen warmen Schein und flackerte ruhig vor sich hin. Es roch hier, wie immer, nach altem Holz, Fackelruß und Meer. Es war angenehm. Ansonsten war es still. Nur selten hörte man, wie draußen Wachen vorbeimarschierten und sich dabei unterhielten. Und gerade, als Anna ihre Schüssel auf den Esstisch in elfischer Schnitzkunst stellte, öffnete sich die Tür nach draußen und ein Mädchen trat ein. Merle lächelte breit, als sie ihr großes Vorbild erkannte und sie sah aus, als käme sie gerade erst nach Hause. Dabei war es irrsinnig spät.

“Merle!”, erkannte Anna, die innegehalten hatte “Du bist noch nicht im Bett?”

“Nein.”, meinte die Langhaarige keck “Ich war noch bei Aroon.”

Die aufgeweckte Jüngere sagte das, als sei dies völlig selbstverständlich. Anna runzelte die Stirn, doch fragte erstmal nicht weiter nach. Merle nachstierend, die nun auch in der Küche verschwand, um sich einen nächtlichen Imbiss zu besorgen, wunderte sich die Novigraderin ein bisschen. Zögerlich setzte sie sich an den Tisch und als sie sich dann ihren Schinkenbroten zuwendete, kam Rist’s Schwester federnden Ganges wieder. Sie ließ sich bei Anna nieder und biss zufrieden in ein Schinkenstück, das sie in den bloßen Händen hielt.

“Hm.”, machte die Alchemistin und musste schief lächeln, als sich die Undvikerin bei ihr das Räucherfleisch hungrig in den Mund stopfte und sich dann die fettigen Finger ableckte.

“Wer ist denn Aroon?”, wollte sie wissen und brach das gefräßige Schweigen damit.

“Mein Freund.”, erklärte Merle sofort und seufzte einen Herzschlag später schon wehleidig “Oder naja. Einer meiner zwei Freunde.”

Anna verschluckte sich fast an einem Bissen Brot und das aufgeweckte Mädchen am Tisch kicherte laut.

“Ich kann mich halt nicht entscheiden. Die sind beide so süß!”, verkündete sie.

“Aha…”, hüstelte die Ältere und taxierte die Skelligerin mit der Fuchssträhne skeptisch. Und ihr wurde gerade einiges klar: Die 14-Jährige hier musste nachts aus ihrem Fenster geklettert sein, um Reißaus zu nehmen und mit ihrem Freund durch die Gegend zu ziehen. Und nun hatte sie sich an den Wachen vorbei zurück nach Hause geschlichen, nicht wahr? Anna wusste nicht, ob sie lachen oder sich sorgen sollte.

“Ich will hoffen, deine Freunde gehen ordentlich mit dir um.”, sprach sie ihre Gedanken aus, als sie ihr von ihrem Schinkenbrot abbiss.

“Ja klar.”, Merle zuckte mit den Schultern “Wobei Klas manchmal etwas nervt.”

“Warum?”, wollte Anna gleich wissen.

“Er will mich immer vor allen Leuten küssen, aber das mag ich nicht. Schließlich sind wir ja nicht offiziell zusammen.”, beschwerte sich der Wildfang “Ich habe mich ja noch nicht zwischen ihm und Aroon entschieden. Und bevor das nicht passiert ist, knutsche ich nicht in aller Öffentlichkeit herum. Nur dann, wenn keiner zusieht.”

Anna stutzte und versuchte nicht entgeistert auszusehen. Denn wenn sie der jüngsten Falchraite hier so zuhörte, musste sie doch stark befürchten, dass sie und ihre beiden vermeintlichen Freunde es auf Dauer nicht dabei beließen sich nur die Zungen in die Hälse zu stecken. Ob Merle’s Mutter davon wusste? Oder Rist?

“Ähm. Merle…”, wand Anna ein und glaubte der Jüngeren ins Gewissen reden zu müssen. Klar, sie war kein Teil der Familie und am Ende hätte es ihr egal sein können, was ihr kleines Anhängsel tat und was nicht… und dennoch kratzte da ein gewisses Verantwortungsbewusstsein an ihr. Eines, das die Kräuterkundige nicht gekannt hatte, bis sie Merle über den Weg gelaufen war. Denn die Kleine vergötterte sie, sah zu ihr auf. Und genau aus diesem Grund MUSSTE die Novigraderin jetzt doch tadelnde Worte loswerden. Das, obwohl sie wusste, dass SIE niemandem ein großes Vorbild sein sollte. In ihrer Vergangenheit gab es nichts an Schändlichem, das sie nicht getan hatte. Sie hatte Drogen genommen, sich besinnungslos gesoffen, wahllos mit Männern und Frauen geschlafen, sich Gifte in den Rachen gekippt, gemordet. Es erschien einem, wie eine nicht enden wollende Liste. Nur... Merle wusste nicht Bescheid und das war gut so.

“Ich hoffe, du hast nicht vor mit einem deiner Freunde in der Kiste zu landen.”, sprach Anna langsam aus, als sie Merle musterte. Das Mädel war noch viel zu jung.

“Hmm?”, die Langhaarige blinzelte ertappt und ihre Miene erzählte ihrer Gesprächspartnerin viele Dinge, die sie nicht zur Antwort wollte “Äh, naja…”

“Oh, meine Fresse…”, murmelte die Kriegerin vom Festland daraufhin und rieb sich die Schläfe. Wer hätte gedacht, dass sie dieses Gespräch hier einmal führen würde? SIE, die anfangs so weltfremde Idiotin, die einfach einmal mit ihrem besten Freund schlief und sich erst danach fragte, was die Konsequenzen davon sein könnten. Na, immerhin hatte sie daraus gelernt und war heute keine Mutter.

“Du bist doch aufgeklärt…?”, wollte Anna wissen und Merle nickte schnell. Das war schon einmal ein wenig erleichternd.

“Und…?”, diese Frage seitens der Novigraderin war mehr, als ein schlichtes ‘Und’. Der Blick, mit dem Anna das Mädchen bei sich ansah, verlangte nach einer ausführlichen Antwort. Merle kratzte sich verlegen im Nacken und starrte die dunkle Tischplatte an.

“Ich war mal mit Klas im Bett, weil er drauf bestanden hat.”, gab die Langhaarige leise zu. Und dies kleinmütig, weil sie längst verstanden hatte, dass es Anna, ihrem Idol, nicht gefiel, dass sie freizügig mit Jungs umging. Die Frau aus dem Norden schwieg.

“Aber… aber wir haben uns nur angefasst!”, versprach Merle dann und eine leichte Röte zierte ihr Gesicht.

“Inwiefern?”, hakte Anna hartnäckig nach.

“Wir haben uns ausgezogen und er hat mir zwischen die Beine getatscht…”, gab Merle ehrlich zu “Aber… aber als er weiter gehen wollte, habe ich ihn gehauen. Er war ziemlich wütend deswegen und wollte mich tagelang nicht sehen.”

Anna atmete erleichtert auf, als sie dies hörte. Sie hatte ja schon befürchtet das Mädel hier ließe sich zum Spaß und völlig naiv durchvögeln.

“Klas ist ein Arschloch.”, fand die Alchemistin sofort abschätzig “Lass dich niemals dazu drängen die Beine breit zu machen, hörst du?”

Erst jetzt sah Merle wieder auf und musterte die Ältere aus wachen Augen.

“Sobald ein Kerl irgendetwas gegen deinen Willen machen möchte und dabei nicht darauf hört, was du magst, hau ihm die Fresse ein und lass ihn links liegen.”, riet die barsche Kräutersammlerin entschlossen und die Miene der peinlich berührten Merle erhellte sich wieder “Und außerdem: Du bist noch viel zu jung, Merle. Im Ernst.”

“Das hat Hjaldrist auch mal gesagt...”, murrte die Langhaarige wehmütig. Offensichtlich hatte sie ihren Bruder jedoch nicht so ernst genommen, wie Anna. Verkehrte Welt.

“Und er hat Recht. Widme dich doch anderen Dingen, bevor du damit anfängst jedem beliebigen Jungen hinterher zu laufen. Du bist doch besser, als das. Und glaub mir, erwachsen bist du später lange genug.”

Merle starrte die Kurzhaarige, die hier den Moralapostel spielte, unschlüssig und aus großen Augen an. 

“Oder willst du ganz schnell mal Kinder haben, um die du dich ewig lange kümmern musst? Kleine, sabbernde Schreihälse, wegen denen du rund um die Uhr zuhause bleiben solltest?”, hakte die schlaue Nordländerin nach und Merle gab ob dieser freiheitsraubenden Vorstellung einen empört-überforderten Ton von sich, schüttelte den Kopf heftig.

“Wenn du dich unüberlegt flachlegen lässt, dann passiert das aber ganz schnell.”, sagte Anna noch und ihr Gegenüber war ziemlich entgeistert.

“D-das will ich nicht!”, japste das Mädchen, das den Kopf erst jetzt einzuschalten schien.

“Siehst du…”, lächelte die Kriegerin bei ihr und fischte nach ihrem zweiten belegten Brot. Die Gedanken Merles schienen derweil zu rasen und aufgebracht sah sie drein, ehe sie den Blick auf ein Neues ganz tief sinken ließ und etwas verzwickt vor sich hin sah. Die beiden Anwesenden schwiegen eine ganze Weile und während Anna in aller Seelenruhe aufaß, haderte Rist’s Schwester offensichtlich mit sich und Fragen, die ihr brennend auf der Zunge lagen.

“Anna?”, fragte sie dann irgendwann dünn.

“Mhm?”, entkam es der angesprochenen Frau und sie lehnte sich abwartend zurück.

“Aroon ist echt total lieb zu mir. Und ich hab ihn voll gern…”, gab der Wildfang zu “Was, wenn er mit mir in die Kiste will? Ich will ihn nicht schlagen.”

Anna’s Braue wanderte hoch, doch dann kam sie nicht umhin nachgiebig lächeln zu müssen. Oh, sie fühlte sich gerade so alt. Und anders, als Balthar, der früher immer so über Männer geschimpft hatte, zeigte sich dessen Ziehtochter von einer besseren, offeneren Seite.

“Wenn er dich genauso gern hat, dann wird er warten, bis ihr älter seid und du ganz genau weißt, was du willst.”, glaubte sie “Nicht alle Jungs sind solche Idioten, wie dieser Klas. Man muss trotzdem etwas aufpassen.”

“Mhm…”, machte Merle, verstand wohl und knetete sich die Hände unruhig “Das… das hat Hjaldrist auch gesagt.”

Auf dies hin entkam der anwesenden Monsterjägerin ein erstauntes, wenngleich auch gespielt entrüstetes Lachen.

“Warte mal… du hast deinen großen Bruder nicht ernst genommen und denkst erst jetzt über seine Ratschläge nach, nachdem du dir die Bestätigung von MIR geholt hast?”, fragte sie und das ertappte Mädchen zuckte unangenehm berührt grinsend mit den Schultern.

“Verrate ihm das bloß nicht.”, bat die Jarlsschwester und Anna lachte abermals kopfschüttelnd.

“Vielleicht solltest du in Zukunft einfach so auf Hjaldrist hören, hm?”, schlug sie vor. Und dann war das Thema für sie eigentlich beendet. Die Frau im hellen Leinenhemd nahm sich ihren Apfel und biss hinein. Wieder verging daraufhin eine schweigsame Minute. Und noch einmal fragte Merle danach den Namen der größeren ratlos in die Stille hinein. Was war denn nun schon wieder?

“Warst du schon mal verliebt, Anna?”, wollte die mit der Fuchssträhne wissen und die Angesprochene sah verdattert auf. Beinah wäre ihr ihr Bissen Obst im Hals stecken geblieben.

“Was?”, entkam es ihr und sie konnte leider nicht verbergen, dass sie sich betroffen fühlte.

“Ob du… naja, schon einmal richtig verliebt warst. Ich hab Aroon so gern, aber ich weiß nicht, ob ich ihn liebe.”, erzählte Merle “Wie fühlt sich so etwas denn an?”

Anna ließ den halb aufgegessenen Apfel in ihrer Hand sinken und spürte, wie Unruhe am Rande an ihr kratzte. Irgendwo hatte sie jetzt Angst davor zu antworten, obwohl ihr doch nichts geschähe. Sie räusperte sich leise und zog die Brauen zusammen. Ihre Augen wanderten ein wenig und sie fuhr sich zögerlich über das Kinn. Oh, sie war doch so schlecht mit Worten und sollte beschreiben, wie sich Verliebtsein anfühlte?

“Also…”, murmelte Anna lau und wusste auf Anhieb nicht, was sie von sich geben sollte. Also klaubte sie mühsam nach Worten, während Merle sie ganz erwartungsvoll ansah. So, als sei die Trankmischerin im Raum ein großer, unfehlbarer Mentor. Doch das war sie nicht. Meistens, da war auch sie sehr verunsichert, rast- und planlos. Gerade in letzter Zeit.

“Wenn man jemanden liebt, ist es so, als mache er einen ganz und als gäbe es keine Probleme mehr, die man nicht bewältigen könnte. Darum… darum will man denjenigen auch nicht verlieren.”, fing Anna dann bedächtig an und fühlte sich dabei unergründbar elend “Wenn derjenige den Raum betritt, dann fühlt es sich an, wie ein schöner Frühlingstag nach dem harten Winter. Und manchmal… vergisst man dabei ganz kurz darauf zu atmen, weil einem das Herz einen Hüpfer macht und man sich, äh, freut.”

Das Mädchen mit den zwei Zöpfen betrachtete die Sprechende auf deren Schilderungen hin aufmerksam und ein begeistertes Glitzern legte sich in seine großen, braunen Augen. Und obwohl sich Anna, die vermeintliche Allwissende in Sachen ‘Männer und Liebe’, gerade dämlich und nackt fühlte, sah es aus, als fände Merle ihre wackeligen Worte unheimlich inspirierend. Verstehe einer diese Kleine...

“So fühlt sich das an? Echt?”, atmete das Mädchen voller Bewunderung und war ganz aufgeregt.

“Echt…”, lächelte die Giftmischerin schwach und musste leicht durchatmen. Sie glaubte den härtesten Part der momentanen Thematik hinter sich gebracht zu haben, doch da fehlte sie gewaltig.

“In wen bist du denn so verknallt, dass du an den Frühling denken musst?”, flötete Merle jetzt nämlich und Anna fühlte sich so, als habe ihr die großmäulige Undvikerin gerade ein dickes Holzbrett vor den Kopf gezimmert “Sag mal!”

“W-was…?”, keuchte die bedrängte Schwertkämpferin unwohl.

“Vielleicht in den mit dem Hut, der so oft bei dir ist?”, schätzte Merle und grinste kokett “Oder… oh! In meinen Bruder?”

Anna öffnete den unsagbar trocken gewordenen Mund, als wolle sie etwas sagen. Doch ihr fiel nichts Passendes ein und daher schloss sie die Lippen wieder. Ja, gerade, da herrschte in ihrem dummen Brummschädel gähnende Leere. Ihr Blick musste Bände sprechen, doch sie wusste nicht, ob ein junges Mädchen diese aufgeklappten Romane zu deuten wusste. Hoffentlich nicht.

“Hmm!”, machte die 14-Jährige, setzte zu einem Drängen an, doch hielt inne, weil irgendjemand kam. Als Anna den Blick fragend hob, stand Rist im Zimmer. Und sie glaubte in diesem verheerenden Moment, ihr bliebe das Herz stehen. Es war gerade schockierender diesen Undviker zu erblicken, als dabei zuzusehen, wie ein muschelbewachsener Meeresriese aus der See hervorstieg.

“Da bist du.”, stellte der Jarl, der seine Krone vergessen hatte, brummend fest, als er seine Schwester aus forschenden Augen fixierte. Oh. Oh, verdammt. Er hatte gerade doch nicht gehört, was Anna gesagt hatte? Er hatte von dem Gespräch gerade eben doch nichts mitbekommen? Die atemlose Frau in Männerkleidung sank ein wenig auf ihrem Stuhl zusammen und musste trocken schlucken. Nervös starrte sie den Kerl in der grünen Tunika an und ihre dunklen Augen folgten ihm penibel. Doch der Schönling trübte wie immer kein Wässerchen und hatte erst einmal nur seine abenteuerlustige, kleine Schwester im Blick.

“Äh! Äh, ja, da bin ich!”, lachte Merle und sie war im Gegensatz zu Anna kein bisschen aufgewühlt. Dabei hätte es gerade SIE sein sollen, die ein schlechtes Gewissen hatte, weil sie spät nachts verschwunden war, um einen Jungen zu treffen.

Rist kam etwas schwerfällig an den massiven Tisch und maß Merle noch eines wissenden, schiefen Blickes, doch sagte nichts weiter. Er stellte eine Flasche auf die Ablage und wandte sich dann an seine gequält abwartende Kumpanin aus Novigrad. Anna lächelte verdammt verunsichert, obwohl sie eine gelassene Miene wahren wollte. Frühlingstag, hm? Gerade war das hier eher ein sengender Hochsommertag ohne Schatten. Verdammter Mist, war ihr gerade warm geworden und das nicht auf angenehme Art und Weise.

“Noch oder schon wieder wach?”, wollte der Jarl wissen, als er der armen Frau etwas müde zulächelte. So gelassen, wie er war, hatte er ihre Worte über Liebeskram wohl nicht gehört und ihre alles sagende Visage bei Merle’s neugierigem Nachfragen nicht gesehen. Welch ein Glück! Er setzte sich und ächzte dabei leise. Bestimmt schmerzten seine Wunden von heute Nachmittag höllisch.

“WIEDER wach.”, gab die Schwarzhaarige zurück und entspannte sich etwas “Ich habe mich gewaschen und bin dann ins Bett gefallen, wie ne Tote…”

“Mh.”, nickte Hjaldrist verständnisvoll und schob Anna seine mitgebrachte Flasche zu, in der eine gelbliche Flüssigkeit schwappte. Merle beobachtete dies höchst interessiert.

“Der Met.”, erklärte der geschaffte Mann knapp “Ich konnte nicht schlafen und du warst nicht in deinem Zimmer.” 

Die Monsterjägerin an der Tafel betrachtete den Jarl auf die Aussage bezüglich ihres verlassenen Zimmers eigenartig und die fantasievolle Merle begann damit bedeutsam breit zu grinsen. Zwischen den beiden Älteren sah sie hin und her und dachte sich ganz sicher sonst was.

“Wir wollten doch anstoßen.”, erklärte sich der Mann, der sicherlich wieder ob seiner Albträume erwacht war “Oder… naja, trinken wir den Met einfach aus der Flasche. Ich habe nicht den Geist dazu noch einmal aufzustehen und Gläser zu holen. Ich bin ziemlich am Arsch.”

“Gut.”, meinte Anna leise glucksend.

“Ihr habt zusammen einen Riesen getötet, der Flossen im Gesicht hatte!”, erinnerte sich Merle plötzlich richtig “Die Soldaten haben erzählt, dass der es war, der die große Werft zerstört hat.”

“Ja, genau.”, nickte Anna, während Rist die Metflasche entkorkte und kritisch prüfend an dem sündhaft teuren Gesöff darin roch.

“Das ist so aufregend!”, schwärmte Merle seufzend weiter “Ich wünschte, ich wäre dabei gewesen!”

“Mh… das bezweifle ich.”, gab die Novigraderin zurück “Der Kampf war ganz schön gefährlich und du wärst uns keine große Hilfe gewesen.”

“Pah! Irgendwann stelle ich mich auch den Riesen!”, verkündete die Langhaarige mit ungebrochenem Ehrgeiz in der Stimme und geschwellter Brust “Dann werden die Skalden auch über mich singen und nicht nur über meinen Bruder!”

“Ach, es gibt Lieder über ihn?”, fragte die unwissende Novigraderin. Sie hatte ihre Tage auf Undvik bisher nicht in den Tavernen, sondern in ihrem Zimmer oder dem Stall, verbracht und daher hatte sie auch keine Ahnung davon, dass man Rist besang. Die Vorstellung wirkte auf sie so obskur und sie würde sich wohl nie daran gewöhnen, dass der Käferschubser in seinem Ansehen so, so hochgeklettert war und sich auch seinem wahren Stand gemäß verhielt. Früher, da war er doch nur ein vermeintlich dahergelaufener, dreckiger Straßenkämpfer gewesen. Einer mit Stammbaum, aber dennoch. Anna’s Lieblingsidiot und bester Freund, mit dem man Leute beim Würfeln übers Ohr hauen konnte. Und jetzt… also… naja, er war doch immer noch er selbst, aber irgendwie anders. Die Leute kannten ihn nun und seine Verpflichtungen hatten sich verschoben. Es war kompliziert darüber nachzusinnen.

“Lieder? Oh, ja, die gibt es!”, nickte Merle “Er ist ja auch der Jarl! Und ein Held!”

“Ich bin anwesend.”, brummte Hjaldrist solange und nippte an seiner frisch abgestaubten Metflasche “Redet nicht in der dritten Person über mich.”

Dessen freche Schwester überhörte ihn geflissentlich.

“Ich kann dir die Lieder ja mal vorsingen, Anna!”, strahlte sie “Und ich kann dazu Gitarre spielen!”

“Äh ja, mach das.”, lachte die Novigraderin und hatte ihre plagende Nervosität längst wieder vergessen. Rist räusperte sich vernehmlich, um nach ihrer Aufmerksamkeit zu haschen, und schob ihr den Honigwein zu. Dankend nahm die Kriegerin jenen entgegen.

“Kriege ich auch was davon?”, wollte Merle gleich übermütig wissen und kassierte einen anschuldigenden Blick seitens ihres Bruders.

“Glaubst du denn, du hast es dir verdient?”, fragte er mit einem sehr wissenden Unterton und das wilde Mädchen, das heute nicht nur abgehauen war, sondern unlängst auch Pimmel auf Nachbar’s Wände gezeichnet hatte, zuckte ertappt zusammen.

“Äääh…”, machte Merle und Anna versuchte nicht zu breit zu schmunzeln. Sie sah fort und machte sich grinsend daran ihren halben Apfel aufzuessen.

“Aber-”, wollte sich das Mädchen rechtfertigen und Rist, der sich strenger gab, als er es eigentlich war, starrte es wenig begeistert an. Nun, da sein Vater nicht mehr hier war, musste er nämlich dessen Rolle übernehmen. Jedenfalls, wenn es um Merle ging, die man ganz augenscheinlich nur ungemein schwer im Zaum halten konnte.

“Du hast vor vier Tagen so viel getrunken, dass ich dich von der Straße aufsammeln musste. Die Nachbarn haben daraufhin sich die Mäuler zerrissen.”, erinnerte sich der Jarl brummig “Du bekommst erst einmal keinen einzigen Schluck mehr. Es geht nicht ein, dass du jede Woche feierst, als seist du längst bei den Göttern.”

Anna, die von ihrem grünen Obst abbiss, hob die Brauen nach dieser Beschwerde weit und lenkte den eingehenden Blick auf Merle zurück, die eingeschnappt vor sich hin sah. Die 14-Jährige lief also nicht nur mit frühreifen Jungs herum, sondern besoff sich auch regelmäßig? Das war bedenklich. Sehr sogar. Der Ausdruck der Alchemistin wurde demnach viel ernster. Ob Merle eskalierte, weil sie ihren Vater vermisste?

“Hast du mich verstanden, Merle?”, schloss der Jarl seine mahnende Ansprache und würde keine Widerrede dulden. Gut, dass er hart durchgreifen wollte. Nur ob es irgendetwas brächte? Sicherlich war seine Schwester zu rebellisch, als dass sie folgte.

“Ja, ja…”, murmelte Merle knurrig vor sich hin und brachte ihren gezwungenermaßen harten Bruder damit zum Seufzen. Sie erhob sich zickig und wollte schon steifen, schnellen Schrittes gehen.

“Ey, Merle.”, wand Anna jedoch spontan ein und brachte die Langhaarige damit dazu noch einmal widerwillig innezuhalten. Die Langhaarige wandte sich halb zu ihrem geliebten Vorbild um. Ihr Ausdruck war trotzdem finster.

“Du willst doch eine Monsterjägerin werden.”, sagte die burschikose Frau gutmütig und sah, wie die Kleine hellhörig wurde und fragend blinzelte. Das war ja einfach gewesen.

“Weißt du, Riesentöter in Ausbildung trinken keinen Tropfen Alkohol.”, lächelte Anna hintergründig “Wenn du diesen Weg also gehen willst, dann verhalte dich auch so, ja?”

Merle standen die Lippen verblüfft ein Stückchen weit offen und sie schien sich keinen Reim auf das machen zu können, was gerade geschah. Also klärte die Ältere sie auf:

“Benimm dich und ich bringe dir ein paar Dinge über Monster bei.”, schlug sie diplomatisch vor “Du könntest dir meine Bücher durchlesen und ich würde dich ein bisschen über Ertrunkene und Trolle unterrichten. Wie wäre das?”

Das verdutzte Gesicht Merles entgleiste. Hjaldrist, der mit dem Rücken zu seiner Schwester saß, sah Anna derweil abwartend an und ließ sie reden. Er schwieg, zog die Metflasche wieder an sich und nahm einen tiefen Schluck daraus.

“Das… das wäre toll!”, atmete Merle dann endlich zur Antwort und erschien kein Bisschen mehr traurig. Sie konnte ihr Glück wohl nicht fassen.

“Na dann beachte den Monsterjäger-Verhaltenskodex und geh ins Bett.”, mischte sich der anwesende Jarl ein und zum Glück sah Merle nicht, wie amüsiert er dabei in sich hinein grinste “Riesenschlächter müssen immer gut ausgeruht sein.”

“Das stimmt. Hjaldrist ist auch einer, also hör auf ihn.”, bestätigte Anna das und wahrte eine ernste, pflichtbewusste Miene. Es dauerte daraufhin keine zwei Atemzüge mehr, bis Merle geschäftig verschwand.

“Tse…”, lachte Anna leise, nachdem sie ihre starre Maske abgelegt hatte “Das war leicht.”

Rist taxierte sie erheitert und nickte.

“Danke.”, entkam es ihm dann sogleich “Auf mich oder Mutter hört sie meistens nicht. Aber an dir hat sie echt nen Narren gefressen.”

“Das habe ich bemerkt…”, sagte die Schwarzhaarige und ließ sich den Met wieder zuschieben. Dann schwieg sie, lehnte sich zurück und atmete wohlig aus. Der Honigwein von Faroe war richtig gut. Und das mochte was heißen, denn Anna mochte klebrig süßes Zeug normalerweise nicht so gern.

“Die Tränke von Lado helfen offenbar wirklich…”, fiel es Hjaldrist dann auf einmal ein - warum auch immer - und Anna verengte die Augen fragend. Wollte der Mann gerade auf irgendetwas anspielen?

“Er ist ein großartiger Trankmischer. Ich habe selten einen getroffen, der besser ist, als er.”, kommentierte die Frau bloß.

“Und das Zeug ist wirklich die originale Schwalbe?”, wollte der Jarl wissen. Er hatte die Unterarme am Tisch liegen, um sich darauf abzustützen. Unter dem Ärmel von einem davon blitzte ein heller Verband hervor. Anna nickte.

“Ja… ja, jedenfalls sagte er mir das.”, meinte die konfrontierte Frau ein bisschen argwöhnisch “Das und ein wenig Weißer Honig. Er hat beides miteinander vermischt und deswegen sieht meine… ähm, ‘Medizin’ nicht so tiefrot aus, wie die Schwalbe von den anderen.”

“Aber es sind Hexertränke.”, entkam es dem Mann.

“Äh, ja. Warum?”, murmelte Anna verunsichert, doch Rist musterte sie nur schon wieder so seltsam. Wollte er irgendetwas bestimmtes von ihr hören? Sie legte ihr abgenagtes Apfelkerngehäuse in die leere Schüssel vor sich.

“Worauf willst du hinaus, Rist?”

“Vielleicht hat sich dein Wunschtraum ja doch teils erfüllt, hm?”

“Was…? Nein. Nur, weil mich Hexertränke nicht umbringen, heißt das nicht viel. Außerdem schaffe ich nicht mehr als einen am Tag. Mir geht es auch verdammt dreckig, wenn ich darauf vergesse den ‘Pegel’ zu halten.”

“Verstehe…”, entkam es Hjaldrist und in seinem Blick lag ein Funke einer bösen Befürchtung. Doch er überging sie einfach, anstatt sie auszusprechen. Vielleicht wollte er keinen Schwermut lostreten.

“Du hast dich heute jedenfalls echt gut gehalten. Ich dachte mir nicht, dass du es schaffst gegen solch ein großes Monster zu kämpfen, ohne danach bluthustend umzufallen.”, sagte er ehrlich und bekam den wertvollen Met wieder. Anna schnaufte belustigt und schlug die Augen nieder.

“Das glaubte ich ehrlich gesagt auch nicht. Aber es hat ganz gut funktioniert, was?”, gab sie zu und wollte dem noch was beifügen, da sprach ihr Gegenüber dreist dazwischen.

“Danke, Anna.”, kam es seitens des ruhigen Undvikers und die Kurzhaarige hielt irritiert inne “Du hast dich vor mich geworfen, als mich der Riese mit dem Ruder erschlagen wollte. Das war verdammt mutig.”

“Oh…”, lächelte die Kriegerin betreten und linste zur Seite fort. Unterbewusst und etwas versteift rieb sie sich das linke Handgelenk an dem, unter dem langen Hemdärmel, eine vielsagende Tätowierung aus Novigrad prangte. Es war nur ein einfaches Bild auf Haut und bedeutete doch so viel mehr. Ob es Hjaldrist heute bereute auch solch ein Zeichen zu tragen und das auch noch an derselben Stelle, wie sie? Vielleicht hatte er das Ding in den letzten Monaten ja sogar gehasst.

“Ich hatte ja Quen. Darum ging es schon klar. Hätte ich etwa zulassen sollen, dass er dich zu Hackfleisch verarbeitet?”, wollte Anna wissen.

“Nein. Trotzdem.”, sagte der direkte Inselbewohner “Ich wollte mich am Strand schon bei dir bedanken, aber dann kam mein Bruder und… naja. Du warst eh dort.”

“Er hasst mich.”, erinnerte sich die Frau “Ziemlich sogar.”

“Kann sein.”, stimmte der Jarl nickend zu “Aber das wird vergehen. Er ist normalerweise nicht sehr nachtragend...”

Anna gab einen zweiflerischen Laut von sich.

“Rist?”, entkam es Anna dünn und es fiel ihr sehr schwer Blickkontakt zu halten, denn die bekannte Unruhe fischte nach ihr. Dennoch bemühte sie sich nicht wegzusehen. Trocken schluckend fummelte sie sich am Ärmelsaum herum. Da war ein loser Faden, der partout nicht abreißen wollte. Ihn knüllte sie abwesend zwischen Zeigefinger und Daumen. Fragend blickte der Jarl drein.

“Ich würde… ich würde gerne für dich arbeiten.”, sagte sie dann tapfer und frei heraus “Also… nicht so formell. Ich sagte doch, ich nehme kein Geld von dir. Ich meinte eher, dass ich mich hier gerne nützlich machen würde. Irgendwie.”

Hjaldrist wirkte erstaunt, als er die Flasche von seinen Lippen absetzte und den Met in seinem Mund hinunter schluckte. Eine seiner Augenbrauen zuckte nach oben.

“Ich könnte ja Wachschichten halten. Oder… oder ich gehe vor die Tore und sehe zu, dass das nahe Umland sicher vor Monstern ist.”, schlug die Novigraderin vor und ihr verdammtes Herz schlug ihr schon wieder bis zum Hals. Denn was, wenn ihr Gesprächspartner ‘Nein’ sagen würde? Sie hatte sich den ganzen letzten Tag über gefragt, wie sie das hier ab besten ansprechen könnte. Einen richtigen, innerlichen Stress hatte sie sich eingeredet und nun saß sie hier und spuckte die Worte einfach aus. Es tat gut sie loszuwerden.

“Weißt du, ich fühle mich hier irgendwie, wie ein Schmarotzer. Das will ich nicht. Deswegen würde ich gern etwas tun, damit ich zeigen kann, dass ich dankbar bin.”

Der Jarl sah Anna unverändert verblüfft und prüfend an. Er schien zu überlegen. Und die Monsterjägerin, die fühlte sich gerade sehr, sehr dämlich, weil sie sich nicht sicher war, ob man ihre Denkweise überhaupt nachvollziehen konnte. Rist hatte ihr, Aldoran und Ravello vor kurzem einmal gesagt, dass sie drei sich einfach wie zuhause fühlen sollten. Aber Anna wollte das nicht, bevor sie selbst nicht irgendetwas beitragen könnte. Machte das im Kopf Rists Sinn? Hoffentlich.

“Ich könnte auch zur Grenze und dort mit nach Riesen Ausschau halten…”, fand die Frau und ihre Phrasen überschlugen sich fast “Ich würde jeden Tag zurückkommen und dir Bericht erstatten, damit du weißt, was im Süden so los ist.”

Und vor allem wollte sie ihren Freund dadurch wieder öfter sehen. Nicht so, wie in den letzten Tagen, wo man Glück gebraucht hatte, um ihm überhaupt über den Weg zu laufen. Am allerliebsten hätte sie eine persönliche Leibwache gemimt, so, wie es auch Merle beschrieben hatte. Doch das sprach sie nicht aus. Denn was hätte sie sagen sollen? ‘Stelle mich bitte in deinen Dienst, ich will wieder öfter bei dir sein’?

Als Anna geendet hatte, blickte sie Hjaldrist noch immer zerfahren entgegen und das Hoffen in ihrem Blick ließ jenen dann auch endlich reagieren. Er lächelte ein wenig, doch nicht überzeugt. Hatte Anna etwas Falsches gesagt? Sie biss sich angespannt auf die Lippe.

“Hm…”, machte der Jarl “Ich verstehe.”

Er verstand? Wirklich? Das Herz seiner Kollegin machte einen Sprung und ihr Ausdruck lockerte sich ein wenig. Erwartungsvoll ballte sie die Finger am Schoß.

“Aber…”, gab der Mann zu bedenken und dieses Wort mochte Anna gerade nicht gefallen “Aber vielleicht solltest du wieder richtig auf die Beine kommen, bevor du allein da raus gehst und gezielt gegen Monster kämpfst. Tut mir leid, dass ich das jetzt so sage, aber ich kann dich momentan nicht guten Gewissens an die Grenze oder in die Wälder schicken.”

Anna senkte den Blick, atmete bedauernd aus und Rist legte eine nachdenkliche Pause ein.

“Du kannst dich aber hier, in der Festung, nützlich machen, wenn du willst. Ja, warum sollte ich etwas dagegen haben?”, gab der Jarl locker von sich und die Alchemistin spitzte die Ohren “Wenn du es wirklich möchtest, dann gehe zur Leibwache. Die Huskarle bewachen die Festung und meine Familie. Sie sind die Elite, doch mit deiner Ausbildung passt du da schon rein.”

Die Nordländerin hob den Blick wieder an und ein befreites Lächeln zierte ihr Gesicht. Hätte man ihr vor einem Jahr erzählt, sie würde sich einmal darüber freuen, dass man sie in die Wachbelegschaft eines Ortes einbeziehen wolle, hätte sie nur abfällig gelacht und mit den Augen gerollt. Nie im Leben hätte sie sich an solch einen geregelten Beruf binden lassen. Aber nun saß sie da und freute sich, wie ein kleines Kind.

“Und vielleicht… könnte ich ab und an auch etwas Begleitung gebrauchen. Jemanden, der unterhaltsamen Scheißdreck redet, wenn ich vor die Stadt gehe, anstatt mir pflichtbewusst und ernst hinterher zu stiefeln. Meine Leute hier sind manchmal echt etwas steif, weißt du.”, sagte der Jarl noch “Aber darüber reden wir noch. Später. Ich will nämlich erst sehen, wie du tatsächlich als Wache hier arbeitest und ob du es schaffst einen Zeitplan zu beachten. So etwas ist wichtig.”

“Zweifelst du denn daran, dass ich das kann?”, wollte die Giftmischerin wissen, doch ihre erleichterte Haltung schwand nicht mehr. DAS hier war gerade ein weit größerer Erfolg, als der heutige Sieg über den Meeresriesen. Trotz allen Bedenken seitens Rist. Anna’s Ehrgeiz war gepackt worden.

“Ob ich zweifle? Nein, nicht direkt. Oder eher: Ich bin mir nicht sicher.”, gab Hjaldrist ganz offen zu und reichte Anna den Met großzügig über den Tisch “Ich will mich davon überzeugen, dass du es ernst meinst, Anna. Und ich will nicht lügen: Ich habe mein Vertrauen in dich verloren. Ich weiß momentan also nicht, ob ich dir und deinen Worten auf Dauer trauen kann. Ob du wirklich bleibst oder einfach wieder gehst. Bei Jörmungandr, ich hatte nicht einmal daran gedacht dich nach meinem Besuch in Bogenwald noch einmal wieder zu sehen. Ich wollte Lebewohl sagen. Dennoch sitzen wir jetzt hier und betrinken unseren gemeinsamen Sieg über einen Riesen. Und du erzählst mir, dass du für Undvik arbeiten möchtest, um dich gut in eine funktionierende Gesellschaft einzufügen. Nimm es mir nicht übel, aber dein Verhalten überrascht mich sehr. Ich finde es gut, traue ihm aber auch noch nicht über den Weg.”

Anna nickte nurmehr, als sie dies hörte. Und zugegeben, es kam nicht unerwartet. Gleichzeitig erinnerte sie sich daran, was sie sich geschworen hatte: Sie wollte Taten sprechen und die Zeit walten lassen. Wenn es darum ging bei den Huskarlen einzusteigen, würde sie genau dies und nichts Anderes tun. Sie war nun auf Skellige. Und deswegen kramte sie nicht länger nach weinerlichen Entschuldigungen und dutzenden ‘Abers’. Sondern sie drängte sich zu einem zuversichtlichen Lächeln und atmete einmal tief durch, straffte die schmalen Schultern.

“Ich werde dich nicht enttäuschen.”, sagte sie entschlossen und sah, wie ihr Gegenüber zufrieden nickte “Versprochen.”

 

*

 

Es vergingen zwei Wochen, in denen nichts wirklich Aufregendes passierte. Hjaldrist war nach wie vor so viel beschäftigt, wie nach seiner Rückkehr nach Skellige, obwohl er vom Kampf gegen den Meeresriesen schlecht verheilende Wunden davongetragen hatte. Besonders sein Arm schien ihm ziemlich viel Unwohl zu bereiten, denn er schonte ihn, wann es nur ging. Und Anna hatte sich mittlerweile tatsächlich bei der Hauswache eingelebt. Schon einen Tag nach ihrem nächtlichen Gespräch mit Rist, hatte der seine Kumpanin aus dem Norden guten Gewissens zu den Huskarlen geschickt. Diese Leute waren keine gewöhnlichen Wachmänner, sondern richtig abgebrühte Kerle und Frauen, zwischen denen sich Anna irgendwie sehr klein vorkam. Dennoch stand sie diesen hünenhaften Kriegern und durchtrainierten Frauen in nichts nach. Zwar waren jene hart ausgebildete Kämpfer, doch auch die Novigraderin hatte ein langes Training durchlaufen und jahrelang Monstren gejagt. Dass sie dem als Held gefeierten Jarl dabei geholfen hatte einen Riesen umzulegen, verschaffte ihr am Ende auch den nötigen Respekt, um von einem auf den anderen Tag als neues, unerwartetes Mitglied der Hausgarde aufzutauchen und auch noch akzeptiert zu werden. Es war noch etwas ungewohnt mit diesen Leuten zusammenzuarbeiten und einen strikten Zeitplan zu beachten, doch Anna freute sich über diese Gelegenheit sich zu beweisen. Und es stimmte sie nebenher auch zufrieden, dass Hjaldrist sie dabei nicht schonte. Er behandelte sie, wie all die anderen Huskarle der Burg, wies ihr oftmals Nachtschichten zu oder ließ sie stundenlang in der Kälte vor dem Festungstor stehen. Das einzige, das auffiel, war, dass er der Frau immer wieder Wachdienste im Thronsaal oder vor seiner Schreibkammer aufdrückte. Genau dort, wo auch er sich zumeist aufhielt, und daher hatten sie in den letzten Tagen oft nebenher über Triviales sprechen können. Auch heute lehnte Anna an einer der Säulen in dem weitläufigen Hauptsaal der Falkenburg, an deren Ende und drei Stufen höher der Jarlsthron stand. Heiter hatte sie ihren Tag hier heute angefangen, denn als sie zum Wachwechsel aufgetaucht war, hatte ihr ihr Freund zum Gruß lächelnd zugenickt. Es war schön hier zu sein, auch wenn dies bedeutete vom Mittag bis zum Abend an einem einzigen Ort zu bleiben und sich nur dann fort bewegen zu dürfen, wenn ein anderer Huskarl solange für einen einsprang. Die Soldaten der hiesigen Festung nahmen ihre Aufgaben schließlich ernst und waren keine schlampigen Stadtwachen. Wenn sie arbeiteten, dann richtig. Und dies gab Anna’s neuem Alltag viel Struktur. Unglaublich, dass sie die im Moment sogar brauchte, um nicht noch verrückt zu werden. Denn wenn sie zu lange irgendwo alleine herumsaß und nichts zu tun hatte, fing sie an zu grübeln. Und wenn sie zu viel nachdachte, kamen ihr zu viele Probleme in den Sinn. Dass sie ihr früheres Lebensziel verloren hatte, das all ihr Tun bestimmt hatte, machte sie ratlos und dass sie glaubte besessen zu sein, machte das nicht besser. Oft hatte sie Angst. Und manchmal hatte sie Albträume von Röhrchen und Nadeln unter der Haut; von schwarzen Löchern, in die man sie warf, und von dem Mann, der sie auszog und sie untersuchte, obwohl sie flehte, er solle damit aufhören. Diese grausamen Bilder verfolgten Anna dann. Genau deswegen ging die sonst so Freiheitsliebende gerade so gern einer festen Arbeit nach und machte ab und an gar Überstunden. Denn das lenkte sie ab und brachte sie auf schönere Gedanken. Erst recht, wenn sie, so wie jetzt, in der Nähe des Jarls verweilen konnte, dem sie immer wieder einmal flüchtige Blicke zuwarf. Dies stets nur dann, wenn sie glaubte, er bemerke es nicht.

Hjaldrist lehnte auf seinem Thron und sah just einem untersetzten Bauern entgegen, der vor ihm stand und wild gestikulierte.

“Und ich habe gesagt: Das Tidtborg-Feld gehört mir!”, maulte der dickliche Skelliger furios “Und dass du, Jarl, gesagt hast, ich hätte Recht! Trotzdem hat er mir meine Scheune angezündet! Sie ist bis zu den Grundmauern niedergebrannt!”

“Nein. Ich sagte vorgestern nicht, du hättest Recht...”, seufzte Rist und schien dieses ollen Themas mehr als nur überdrüssig zu sein “Ich sagte: Teilt das Feld in zwei gleich große Landstriche. Du bekommst den nördlichen, Brun den südlichen.”

“Was?”, schnappte der Dicke empört schnaufend und Anna versuchte nicht zu lachen, als sie wegsah. Der Blick einer zweiten, großgewachsenen Wache im Raum streifte sie genauso amüsiert. Das war Henrik. Der große, bullige Kämpfer mit der Glatze und dem blonden Rauschebart, der bei dem Aufstand nach Neujahr geholfen hatte. Dieser Hauptmann der Huskarle hatte Pranken, wie ein Bär, und war gerade der frische Champion der Faustkämpfe Undviks. Gleichzeitig war er heute Hjaldrist’s rechte Hand, wenn es um das Militär ging. Schlussendlich konnte der vielbeschäftigte Jarl nicht alles alleine regeln. Anna, die jetzt hier lebte und viel mehr von allem mitbekam, schätzte Henrik auf etwa 35 Jahre und glaubte gehört zu haben, er lebe mit seiner Frau und zwei kleinen Töchtern am Rande der Stadt. Er war ein harter, strenger Typ, doch auch sehr nett, wenn man ihm nicht auf die Nerven ging. Ein Skelliger, wie er im Buche stand, eben. Er trank jeden unter den Tisch und wenn er lachte, dann klang es wie Donnergrollen. Anna hatte den Mann richtig gern, obwohl er sie in ihren ersten Tagen bei den Huskarlen oft laut zurechtgestutzt hatte. So, wie sie, trug er einen dunklen Gambeson und eine Schärpe in den Clanfarben. Ja, die sonst so eigenwillige Frau hatte nicht einmal Anstalten gemacht im Dienst ihre eigene Kleidung tragen zu wollen und so als roter Fleck zwischen all den blau-grün-schwarzen Huskarlen herauszustechen. Ohne Widerrede hatte sie die Klamotte angenommen, die Henrik ihr am ersten Tag ernsten Blickes gegeben hatte. Und die trug sie jetzt auch. Die Wächter der Festung hatten zwar keine richtige Uniform. Jeder trug eigene Hemden, Hosen, Schulterfelle oder Schuhe, Waffen und Rüstungsteile. Nur der schwarze Gambeson und die Schärpe in den Hausfarben waren ein Muss; genauso, wie eine kleine, messingfarbene Brosche in der Form einer Schlange, die sich um ein Schwert wand, an den Krägen und Mänteln der Krieger. So konnte man die Wachleute der Falkenburg immer gut von einfachen Besuchern des Jarlshauses unterscheiden. Auch dann, wenn jene ebenso Blau und Grün trugen.

“Ich sagte, ihr sollt euch das Land gerecht aufteilen.”, erinnerte Hjaldrist weiter vorn bestimmend und starrte den Bauern mit der Wampe vor sich entnervt an “Was ist so schwierig daran? Ihr schreit herum und streitet wegen ein paar Metern Land, als wärt ihr kleine Kinder. Ich glaube, da steckt mehr dahinter und euch interessiert das Feld im Grunde gar nicht.”

Der Dicke vor dem Jarlsthron erstarrte ertappt und man sah, wie er trocken schlucken musste. Er schwitzte aus allen Poren.

“Eure persönlichen Differenzen sollen mir egal sein, Mikkal. Es geht mich nichts an, sollte einer von euch mit der Frau des jeweiligen anderen geschlafen und dadurch Unruhe angezettelt haben. Das ist euer Ding.”, entkam es dem Anführer und er klang so, so wissend dabei. Anna ahnte, warum. Und obwohl der Schönling mit der Krone der Sohn des Besuchers sein hätte können, wirkte er so viel erwachsener, als Mikkal.

“Teilt euer Feld auf und gebt Ruhe, oder... ich beanspruche die Wiese einfach für mich. Wir brauchen so und so noch einen Hauptgewinn für das Sommerfest und der Sieger freut sich sicherlich über ein Achtel Hektar Land.”

Der nervöse, schwitzende Bauer wusste schon gar nicht mehr, was er sagen sollte. So betroffen und peinlich berührt war er gerade. Es war einfach nur großartig Rist bei der Arbeit zuzusehen und zu beobachten, wie er seine telepathischen Fähigkeiten nutzte, um Lügner bloßzustellen.

“Ich werde zudem nach Bron schicken lassen. Er wird eine gerechte Strafe dafür bekommen, dass er dein Haus angezündet hat.”, versprach der Jarl noch und ließ im lächerlich verqueren Anliegen Gerechtigkeit walten “Und jetzt tu mir einen Gefallen und geh, bevor ich anfange mich WIRKLICH zu ärgern.”

Der Bittsteller im Saal zuckte heftig zusammen, als diese letzten Worte fielen. Und dann machte er sich auch schon mit einem kurzen ‘Ja, mein Jarl’ auf den spröden Lippen davon. Rist sah dem Kerl stirnrunzelnd nach und rieb sich schwer seufzend die Schläfe. Erst, als der Bauer verschwunden war, holte er Luft zum Reden.

“Werft ihn bitte von den Klippen, sollte er nochmal auftauchen, ja?”, wandte sich der arme Kerl stöhnend an die Wachen im Raum und Anna und Henrik glucksten belustigt “Wie oft ist der jetzt schon hier gewesen, um über seinen Nachbarn und das dumme Feld zu schimpfen?”

“Sieben Mal.”, antwortete Henrik wissend und seine Kollegin aus Novigrad konnte nicht anders als endlich aufzulachen. Ein dritter Huskarl, der unweit und nahe dem Ausgang stand, grunzte ebenso amüsiert in sich hinein.

“Meine Fresse.”, fiel es Hjaldrist dazu nurmehr ein und er sank auf seinem Thron zusammen “Als hätten wir keine größeren Probleme… so wie eine kaputte Werft, Eisriesen und ein Loch in der Stadtmauer zum Beispiel.”

“Geduld mit stumpfen Leuten ist eine Tugend, mein Jarl.”, gab Henrik feixend zurück und diese Aussage wirkte doppelt komisch, weil er Rist nur selten als ‘seinen Jarl’ bezeichnete. Hier war man schlussendlich die meiste Zeit per ‘Du’ und wichtige Männer, wie der blonde Hüne benutzten den Vornamen ihres Anführers. Dementsprechend entnervt starrte der besagte Undviker mit der Krone am Haupt auch zu dem Großen hin. Doch sein Mundwinkel zuckte schon wieder mit einer wölfischen Begeisterung, die verriet, dass gleich eine schlagfertige Antwort käme. Eine, die Rist nicht mehr aussprechen konnte, denn ein neuerlicher Besucher kam in den Saal. Und als der Jarl ihn erkannte, erhob er sich abrupt von seiner Sitzgelegenheit und sein Gesicht erhellte sich ungemein.

“Adlet!”, lächelte er breit. Hinter dem besagen Druiden kam Märthe in die Halle und sah frohen Mutes um sich. Die beiden hatten sich seit Neujahr kein Bisschen verändert und der alte Onkel Hjaldrists sah mit seinen feinen Zügen noch immer so aus, als sei er keine Vierzig.

“Ah, mein Junge! Schön dich zu sehen!”, näselte der Mann mit dem Hut, an dem zwei getrocknete Hähnchenfüße steckten. Anna sah auf und holte unglaublich erfreut Luft.

“Oh!”, machte sie und strahlte sofort über das ganze Gesicht. Sie wurde ganz hibbelig, hatte den eigenbrötlerischen Adlet und die gute Märthe schlussendlich ewig nicht gesehen. Oder eher: Nachdem sie die zwei während der Krönung Rists erblickt hatte, hatte sie nicht mehr mit ihnen gesprochen. Anna war stattdessen grimmig von der Insel verschwunden. Jetzt aber, hatte sie große Lust ihrem alten Mentor und dessen besonderer Freundin Hallo zu sagen. Also eilte sie sofort auf die beiden zu. Henrik beobachtete dies skeptisch, doch ließ seine neue Wache walten. Er kannte die eigenartigen Besucher längst und ahnte vielleicht, dass die Novigraderin jenen nahe stand, so, wie sie sich gerade gab. Fragend sah sich Adlet nach Anna um und begann damit überrascht zu lächeln, als er sie nach einem kurzen Stirnrunzeln erkannte.

“Anna! Mädchen!”, stellte er froh fest und musste seinen Hut festhalten “Dass man dich nochmal sieht!”

Märthe umarmte die jüngere Alchemistin sofort mütterlich, ehe sie Platz machte, damit auch Adlet sie einmal in seiner unbeholfen eigenartigen Art an sich drücken konnte. Der Druide erfasste seine damalige Schülerin dann an den Oberarmen, um sie sanft von sich zu drücken, und sah sie aus großen, braunen Augen an.

“Ho, du hast aber schön mit den Neblingsmutagenen übertrieben, hm?”, fragte er, als er in die geschwärzten Augen Annas sah “Aber steht dir, ja, ja. Sehr gut.”

“Adlet!”, mahnte Märthe betreten lachend und musste den Kopf schütteln. Dann richtete auch sie ein paar Worte an die Kurzhaarige:

“Es ist wirklich schön, dass du wieder da bist. Wenn es dir besser geht, musst du uns mal besuchen kommen. Muschmusch ist jetzt eine Kuh!”

Auch Hjaldrist kam jetzt an die kleine Gruppe herangeeilt und ließ sich von seinen geliebten Verwandten drücken. Zwar war Märthe, nun ja, kein Mensch, doch er behandelte sie, als sei sie seine wahrhaftige Tante.

“Du bist aber groß geworden!”, fand der schniefende Adlet, als er die Hand seines Enkels festhielt und jene dümmlich grinsend drückte. Er wollte gar nicht mehr loslassen. Rist lächelte verwirrt. Märthe, indes, überging die Äußerung einfach.

“Tut uns leid, dass wir nicht eher kommen konnten.”, bedauerte sie wehmütig “Der Eingang meiner Höhle wurde verschüttet und ich kam tagelang nicht raus.”

“Das stimmt! Ich habe eine neue Form der Salpeter-Kartätsche getestet, nur habe ich deren Sprengkraft eindeutig überschätzt und sie hat ein kleines Erdbeben ausgelöst.”, erklärte Adlet mit stolz geschwellter Brust “Es hat daraufhin eine Weile gedauert, bis ich Märthe freigeschaufelt hatte. Sie hat auch gegraben, von innen, aber da war echt viel Geröll. Ach, na ja.”

Hjaldrist und Anna tauschten bedeutsame Blicke aus, doch schwiegen. Die geschädigte Freundin des Druiden lachte nur nachgiebig.

“Jedenfalls sind wir jetzt hier und können helfen, nachdem du uns geschrieben hast.”, sagte sie und der Jarl nickte, bedankte sich dafür. Der tickende Druidenonkel hatte dessen Hand endlich wieder freigegeben und lächelte zufrieden.

“Kommt erstmal richtig an.”, riet Hjaldrist gastfreundlich “Anna zeigt euch eure Zimmer. Es sind dieselben, wie immer. Und später können wir ja gemeinsam essen. Mutter und die Mädels freuen sich bestimmt riesig über euren Besuch.”

Dass die angesprochene Novigraderin dabei diejenige sein sollte, die Adlet und Märthe begleitete, war pure Absicht. Rist nickte gen Druide und Drachenfrau, während er seiner strahlenden Kumpanin einen hintergründigen Blick zuwarf. Nie im Leben hätte er die Kurzhaarige vor den anderen Huskarlen offen bevormundet, daher tat er dies immer so versteckt, wie jetzt. Hätte er das nicht so geschickt getan, hätte man seine Freundin sicher sehr bald nicht mehr ernst genommen und einen verhätschelten Liebling des Jarls geschimpft, sie belacht und ausgeschlossen. Seine Augen sagten Anna daher bloß stumm, dass sie sich um ihre Freunde von Drakensund kümmern sollte und sich dabei ruhig Zeit lassen könnte. Und die Schwertkämpferin würde sich das nicht zweimal sagen lassen. Sie nickte beschwingt und wandte sich dann an Adlet und Märthe, um mit ihnen zu gehen.

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