Kapitel 113 (Buch 4, 16)

Er hatte dennoch nicht vergessen

Hjaldrist hatte in letzter Zeit viel nachgedacht. Über sich, die Leute um ihn herum und darüber, dass sich einige unerwartete Vorhaben in seine Zukunftspläne gemischt hatten. Pläne, die nun auch wieder Anna mit einbezogen, obwohl der Undviker geglaubt hatte, sie nach einem kühlen Abschied in Bogenwald nie wieder zu sehen und sie vor allem auch nie wieder sehen zu WOLLEN. Vor seiner Ankunft in dem Dorf im mystischen Wald hatte er sich mental darauf vorbereitet einer entstellten Frau gegenüberzutreten, die ihn böse anfunkelte und der er guten Gewissens anschuldigende Worte entgegen speien könnte. Einer wilden, abgebrühten Kriegerin in der Blüte ihrer großen, gefährlichen Lebenskrise. Aber so war es nicht gekommen. Anstatt die aggressive, distanzierte Furie anzutreffen, von der Ravello in seinem verzweifelten Brief erzählt hatte, hatte der Jarl ein kleinlautes Häufchen Elend vorgefunden, das sich dann auch noch bei ihm entschuldigen hatte wollen. Dies unheimlich ungeschickt, aber dennoch. Anna war noch nie gut darin gewesen ihre Gefühle auszudrücken und dieses Mal waren jene echt groß gewesen. Es hatte den schlecht gelaunten Undviker grüblerisch gestimmt, als sie herumgestammelt hatte, um sich holprig zu erklären. Denn die, die er wiedergetroffen hatte, war nicht die gewesen, von der er sich liebend gerne für immer verabschiedet hätte. Keine vermeintliche Mörderin mit Verachtung im Blick, die sich stets stur im Recht sah. Sondern annähernd die nette Idiotin, die er von vor der Jahreswende gekannt hatte. Und eine entkräftete, todkranke Anna, die ihren Kopf nurmehr auf den Schultern sitzen hatte, weil ihr Ziehonkel Vadim für sie gebürgt hatte. Diese Frau hatte zum Anfang des Jahres nicht nur ein wildes Durcheinander angerichtet, wenn es um Hjaldrist’s Kopf und Herz ging, sondern auch anderweitig. Sie hatte all ihre Freunde verraten und belogen, weil sie für ihr damaliges Ziel zuletzt über Leichen gegangen war. Und trotzdem war der Skelliger zum Entschluss gekommen ihr eine zweite Chance geben zu wollen und ihr zu helfen. Oh, niemals hätte er es in den letzten Monaten geglaubt, dies tatsächlich einmal zu tun. Er hätte verächtlich oder pikiert gelacht, hätte man ihm erzählt, er würde sich wieder mit Anna vertragen wollen. Doch nun war die Besagte gar wieder hier, auf Undvik. Es war ein erster Schritt in eine gute, versöhnliche Richtung. Dennoch hatte Hjaldrist nicht vergessen. Daher hielt er die Novigraderin oft argwöhnisch im Auge, wenn sie zwischen den loyalen Huskarlen im Thronsaal stand oder sich generell in seiner Nähe aufhielt. Die Frau hatte versprochen zu zeigen, dass sie sich zum Besseren verändert hatte. Der Ehrgeiz schien sie dahingehend gepackt zu halten. Und trotzdem schaffte es Hjaldrist noch nicht ihr ganz zu vertrauen. Dies, obwohl er ihre Worte und Versprechungen gerne von Herzen geglaubt hätte. Denn wenn er sie sah, erkannte er seine beste Freundin von früher wieder. Einen Menschen, mit dem er so viel durchgemacht hatte; richtig schöne, wie auch verdammt üble Zeiten. Und so etwas konnte er nicht einfach wegwerfen und für nichtig erklären. Hjaldrist war in den letzten Monaten vielleicht verbittert und unglaublich zornig gewesen, doch er war kein grausamer, eiskalter Mann, der alte Freunde einfach so hängen ließ. Er war nicht wie die Anna, die ihn nach seiner Krönung einfach so verlassen hatte, ohne ein Wort zu verlieren. Also wollte er seiner alten Freundin wieder vertrauen. Doch würde er das irgendwann wieder völlig können? Er hatte keine Ahnung, konnte nur hoffen. Darauf, dass es seine närrische Kumpanin nicht ein zweites Mal vermasseln würde; dass sie nicht flatterhaft auf die große, letzte Chance schiss, die man ihr hier gerade gab. Denn eine dritte Gelegenheit würde sie, ganz entschieden, nicht bekommen. Der Skelliger war ein wenig unruhig, wenn er daran dachte, dass die Möglichkeit bestand, dass alles erneut schiefging. Denn er hatte sich längst dabei ertappt es ehrlich zu wollen, dass Anna blieb. Er verband so viel mit ihr und wollte nicht, dass all die schönen Erinnerungen wieder von einem dunklen Schatten befallen wurden. Er hatte sie doch gerade erst wieder aus jenem heraus gezogen...

Gedankenverloren runzelte der Mann die Stirn, als er das beschriebene Pergament vor sich anstarrte. Das Licht einer flackernden Tranlampe schien auf das Papier und tauchte auch die düstere Umgebung in warme Farben. Es regnete schon seit gestern wie verrückt und dementsprechend fiel kein einziger Sonnenstrahl durch das hohe Fenster herein. Melodisch prasselten Regentropfen an die Scheibe und das unruhige Meer rauschte entfernt.

Hjaldrist saß nun schon seit dem frühen Morgen in seiner Schreibstube, um wichtigen Papierkram zu erledigen, denn leider wurde der niemals weniger. Er hatte heute sogar zwischen Schriftwerken und Briefen gefrühstückt. Nebenher bemühte er sich darum viele Bücher über Besessenheit und Magie zu lesen, um mehr Aufschluss darüber zu bekommen, woher das magische Mal kam, das sich in die Haut seiner besessenen Freundin aus Novigrad gefressen hatte. Kurzum schrieb, überlegte und las er in den letzten Wochen ungemein viel. Noch mehr, als sonst. Eher selten kam er an die frische Luft und wenn, dann fühlte es sich großartig an. Das war irgendwie traurig. Denn hatte er die letzten Jahre stets draußen verbracht und war er damals permanent durch die große Weltgeschichte gereist, so kam er heute kaum vor die Tür, weil ihn seine Verpflichtungen eisern gepackt hielten. Früher, da war er frei wie der Wind durch die Lande gestreift und jetzt hielt ihn alles hier, auf Undvik. Nicht, dass er es verabscheute immer in seiner Burg sitzen zu müssen. Er fand es oftmals sogar echt unterhaltsam über gewisse Gegebenheiten richten zu müssen oder sich mit kniffligen Problemchen auseinanderzusetzen. Letzteres war doch ganz sein Ding. Der Mann freute sich darüber, dass es auch seiner Familie wieder besser ging, seit er wieder da war, und dass man dabei war sich von all dem Tumult der letzten zwei, drei Jahre zu erholen. Auch seine trauernde Mutter kam langsam über den schrecklichen Tod ihres geliebten Ehemannes hinweg. Alles war also gut. Nur… vermisste Hjaldrist das Leben auf der Straße manchmal sehr. Vielleicht hatte er Anna auch deswegen gern in seiner Nähe. Sie erinnerte ihn daran unbeschwert über die weiten Felder zu laufen und nicht zu wissen, wo man als nächstes landen würde. Manchmal, wenn er sie ansah, dachte er an bunte Zirkusfarben, billigen Starkwein, die Jagd und warmen Wüstensand unter den Füßen.

Der Krieger in der grünen Tunika legte den Brief von Übersee beiseite, den ihm Hans Lund hatte zukommen lassen, und fischte nach der braun gescheckten Schreibfeder, die auf seiner Ablage in einem kleinen Tintenfässchen lehnte. Sein Tisch war immer gut aufgeräumt und alles hatte seinen Platz. Genauso, wie die verschiedenen Bücher und Schriftrollen in den hölzernen Regalen an den Wänden. Er wusste, dass er Ordnung halten sollte, um effektiv arbeiten zu können. Und aufräumen, das tat er auch selbst, anstatt die fleißigen Hausmägde putzen zu lassen. Der bodenständige Axtkämpfer mochte es nicht von vorne bis hinten bedient zu werden.

Hjaldrist zog ein leeres Blatt Papier an sich heran, dachte kurz nach und wollte mit dem Schreiben beginnen, da klopfte es an seiner Tür. Als er aufblickte, betrat Henrik den Raum, in dem es nach alten Büchern und Kerzenwachs roch. Der blonde Hüne hatte dem vorigen Jarl, Hjaldrist’s Vater Halbjørn, schon treu als Huskarl gedient und war bei der Rebellion gegen den größenwahnsinnigen Onkel ganz vorn mit dabei gewesen. Er war ein guter, hart arbeitender Mann mit viel Humor und nahm seinem Boss viel Arbeit ab, wenn es um die Krieger in der Falkenburg ging.

“Henrik.”, stellte Hjaldrist fest und erhob sich etwas schwerfällig. Die Wunden, die ihm der Meeresriese vor drei Wochen beigebracht hatte, verheilten schlecht.

“Ist Arianna bei dir gewesen, um sich freistellen zu lassen?”, wollte der Leibwächter wissen und dessen jüngerer Anführer runzelte die Stirn ratlos “Sie ist nicht zum Wachwechsel aufgetaucht und ich habe keine Ahnung, wo sie steckt.”

Der Jarl hielt inne, als er das hörte. Ein Schatten huschte über sein Gesicht und das vorherrschende, düstere Wetter mochte auf einmal zu seiner abrupt kippenden Laune passen.

“Wann hätte sie da sein sollen? Vielleicht ist sie einfach nur zu spät dran.”, entkam es ihm und er versuchte böse, voreilige Annahmen aus seinem Geist zu verbannen. Es gelang ihm kaum, denn er hatte so schlechte Erfahrungen mit der Frau aus Kaer Morhen gemacht.

“Vor zwei Stunden.”, antwortete Henrik “Ihre beiden Freunde, dieser Ritter und der Alchemist, wissen auch nicht, wo sie steckt. Sie ist nicht in ihrem Zimmer.”

Hjaldrist schwieg auf diese Meldung hin. Und seine Miene war hart geworden. Asche auf sein Haupt, doch er spürte da einen altbekannten, plagenden Groll in seiner Magengrube. Er verdrehte ihm die Eingeweide und flüsterte ihm zu, dass er einmal wieder zu gutmütig gewesen war. Dass sich Anna nicht gebessert hatte, denn Menschen wie sie, die taten das niemals.

“Nimm dir einen Kollegen und sucht sie.”, entkam es dem Jarl nach einem beklemmenden, unangenehmen Schweigen entschlossen “Es stürmt draußen. So weit kann sie also nicht sein.”

Der letzte Satz war mehr Hoffnung, als alles andere. Denn Anna war bisher immer in der Burg geblieben, wenn es geregnet hatte. Wer ging denn schon vor die Tür, wenn es wie aus Eimern schüttete? Nicht einmal sie. Jedenfalls nicht, wenn sie nicht gerade Wachdienst vor den Toren hatte.

“Und wenn ihr sie findet, dann brumm ihr eine gewaltige Strafe auf, hörst du?”, entschied Hjaldrist noch strikt. Denn er sah nicht ein, warum Anna mit ihren Marotten ganz unbeschwert davonkommen sollte. WENN Henrik sie irgendwo aufgabeln sollte, dann könnte sie also was erleben. Alte, gute Freundschaft hin oder her, sie hatte hoch und heilig versprochen verlässlich zu sein, zu bleiben. Und hier ging es um weit mehr, als nur darum Hjaldrist nicht auf die Nerven zu gehen. Die wankelmütige Novigraderin hatte gesagt, sie wolle ihrem angeblich besten Freund zeigen, dass sie sich verändert hatte und er hatte darauf bauen wollen. Und jetzt? Oh, er wurde gerade richtig, richtig zornig. Und war da plötzliche Enttäuschung, die ihm spitz in den Magen stach?

“Alles klar.”, grinste der hochgewachsene Huskarl im Raum, fuhr sich mit der Hand durch den langen, blonden Bart und musste lachen “Dieses Mädel darf die nächsten Tage Doppelschichten schieben und die Nachttöpfe der Quartiere putzen, wenn ich es erwische!”

Hjaldrist nickte zustimmend. Und das, obwohl er gerade Grund zur Befürchtung hatte Anna nicht so schnell wieder zu sehen. Es war eine dunkle, kriechende Ahnung, die sich auch bestätigen sollte. Denn Henrik fand die abgängige Alchemistin nicht. Nach Stunden der vergeblichen Suche war er wieder bei Hjaldrist aufgetaucht und hatte bloß mit den breiten Schultern zucken können. Und jetzt stand der Jarl mit stockfinsterer Miene in dem Raum, den man der Vermissten zugewiesen hatte; in seinem früheren Schlafzimmer. Er hatte anfänglich eigentlich nicht nach ihr suchen wollen, denn dies bedeutete sich in genau dieselbe missliche Lage zurückzuversetzen, wie zum Jahresanfang. In eine erbärmliche Situation, in der man gehetzt durch die riesige Festung lief und mit Trauer feststellen musste, dass einen die engste Freundin und Liebe des Lebens rücksichtslos links liegen gelassen hatte. Doch Anna’s heutiges Fehlen hatte dem Axtkämpfer einfach keine Ruhe gelassen. Wie hätte es das im Endeffekt auch können? Wer war Hjaldrist denn, dass es ihn kalt ließ, wenn es hieß, dass die problematische Nordländerin schon den ganzen Tag über fehlte? Er war also hierhin, in deren Gästezimmer, gekommen, um sich prüfend umzusehen. Und das, was er dabei erblickte, gefiel ihm ganz und gar nicht. Zwar lag hier und da Schreibzeug herum und auch die Uniform der Wache hing über einer Stuhllehne; der Raum sah bewohnt aus. Doch Anna’s Alltagskleidung war fort. Ihre Stiefel und vor allem ihr Rucksack waren nicht zu sehen. Auch das Stahlschwert war weg. Die sündhaft teure Silberklinge aber, lag einsam auf der unweiten Kommode, wie eine stumme Botschaft an den Menschen, der sie hatte anfertigen lassen. Oh, das sollte doch sicher ein schlechter Scherz sein? Anna, diese elende Idiotin! Wo war sie hin? Und warum? Weswegen war sie ein zweites Mal weggerannt? Das war sie doch? Hjaldrist trat an das Fenster, als ihm diese Fragen durch den Kopf rasten und er spähte mit zusammengepressten Lippen und steinernem Ausdruck hinaus auf das unruhige Meer, über dem die Wolken brachen. Sein Blick suchte, während sich sein Stolz wütend aufbäumte. Da war kein Schiff. Natürlich nicht. Bei dem heutigen Sauwetter legten nur Verrückte ab. Anna saß also erst einmal auf dieser Insel fest. Denn dieses Mal gab es keinen ruchlosen, bestechlichen Piraten mehr, der sie sicher über die weite See brächte. Alrik war tot.

Nichts desto trotz würde der Jarl Henrik später noch einmal losschicken, um in Hafennähe nach dem Ausreißer aus dem Norden zu sehen. Denn, oh, es würde dem grantigen Hjaldrist so egal, als möglich, sein, sollte diese Frau es einmal wieder geplant haben abschiedslos zu gehen. Nur würde sie dieses Mal nicht ungeschoren davonkommen und sich damit wortlos aus der Affäre ziehen können, das schwor er sich in diesem Moment. Wenn Arianna wahrhaftig dabei war von Skellige zu verschwinden und Hjaldrist sie in die Finger bekäme, dann sah es schlecht für sie aus. Ganz, ganz schlecht.

 

Am kommenden Abend, kurz bevor der brummige Hjaldrist schon daran dachte ins Bett zu gehen, tauchte eine aufgeregte Hausmagd im simplen, beigen Wollkleid bei ihm auf. Es gab hier in der Falkenburg zwei von jenen, die etwas mit dem Aufräumen und Putzen halfen und das richtig gerne. Ab und an, wenn der Jarl oder dessen Mutter das nicht taten, durften sie sogar kochen. Und eine von ihnen stand jetzt total aufgelöst im Thronsaal und sah aus, als sei sie hierher gerannt. Sie stützte sich auf die Knie und atmete schwer.

“Britta.”, stellte der Jarl fest, der eigentlich gerade dabei gewesen war zu gehen “Was ist denn mit dir los?”

“I-im Keller!”, atmete die arme Frau mit den rotbraunen, geflochtenen Haaren aufgeregt “Deine Freundin aus Redanien! Ich weiß nicht, was mit ihr ist!”

Augenblicklich erstarrte der Krieger wie zur Eisstaue und starrte die aufgebrachte Britta entrückt an. Einer seiner Mundwinkel wollte zur Seite zucken.

“Was?”, entkam es ihm leise und er konnte seine Überraschung nicht verbergen. Denn er hatte mittlerweile wahrhaftig damit gerechnet, Anna sei wieder fort. Henrik hatte nämlich die halbe Insel auf den Kopf gestellt und sie nicht entdeckt. Und nun kam eine einfache Magd hier an und sagte, sie habe Anna angetroffen? HIER im Keller und einfach so?

“Wo ist sie?”, fragte er streng und seine Kehle war ihm ganz trocken geworden. Unruhe packte ihn und ließ ihn nicht mehr los. Denn die Sache stank doch bis zum Himmel. Warum sollte Anna im tiefen Keller der Festung sein und der lieben Britta Angst einjagen? Eine ganz üble Ahnung beschlich den Jarl und dieses Mal hatte sie nicht mit panischen Fluchtversuchen und gebrochenen Herzen zu tun. Dieses Mal, das kam ihm ein gefährlicher, böswilliger Mann in den Sinn. Einer, der die Alchemistin aus Novigrad lenken konnte, wie ein Puppenspieler seine Marionette.

“I-im Weinkeller, mein Jarl.”, stotterte die arme Britta gleich und war völlig schockiert “Ich führe dich hin!”

“In Ordnung.”, nickte Hjaldrist sofort und mit einem üblen Gefühl im Bauch. Er winkte zwei der aufhorchenden Wachen im Saal zu sich, denn man konnte schlussendlich nie wissen. Wenn er gleich dem namenlosen Magier gegenüberstehen müsste, hatte er lieber zwei Huskarle dabei, die Britta beschützten und von dort unten fortbrachten. Denn er wusste ganz genau, wozu dieses Dreckschwein in Anna imstande war.

Doch es kam ganz anders. Als Hjaldrist nach Britta in den großen Weinkeller trat, in dem sich Regale mit dutzenden Fässern oder Flaschen mit Alkoholika türmten, fand er keine grimmig zufriedene Anna mit einem bösen Plan im Sinn vor. Niemand grinste ihm schadenfroh entgegen oder warf magisches Eis nach ihm. Denn seine Freundin war dort am Boden und rührte sich kein Stückchen. Dies in einer der hintersten, dunklen Ecken, die vom Fackelschein nicht gut ausgeleuchtet wurden. Deswegen hatte man die Frau nicht auf Anhieb gefunden. Seitlich und mit dem Rücken zu den Leuten lag sie dort an der Wand; irgendwo hinter zwei Lagerkisten. Britta war zu ihr gelaufen, um bei ihr in die Hocke zu gehen und die Besinnungslose besorgt an der Schulter zu berühren. Doch die schlaffe Kräutersammlerin am harten, kalten Grund reagierte nicht. Vielmehr lag sie da, wie tot und dieser unerwartete und grausige Anblick ließ den vortretenden Jarl stutzen. Mit den beiden Huskarlen im Rücken stockte er in seinem Tun und sein zuvor so entschlossener Ausdruck wich einem ratlosen Starren. Er ließ Erlklamm sinken, die er fest mit den Fingern der Rechten umklammert hielt. Britta sah just zu ihm auf und wirkte hilfesuchend. Sie war schon immer eine liebevolle Frau gewesen, die sich viel um andere scherte.

“Ich konnte sie nicht alleine hinauftragen!”, erklärte die Rothaarige “Sie wacht nicht auf. Ich weiß nicht, was mit ihr ist!”

Oh, aber Hjaldrist tat das. Und der Gedanke daran, warum seine Kumpanin in der gestreiften Jacke bewusstlos dalag und nicht zu sich kam, war angsteinflößend. Hatte er sich die letzten Stunden über noch so immens geärgert, so brach just plagende Sorge über ihn herein. Er dachte gerade nicht darüber nach, was zum Geier Anna hier unten gesucht hatte und was sie gedacht hatte hier zu tun. Gerade, da wollte er sie nur zu Aldoran oder Adlet bringen, damit die ihr helfen würden. Das… das könnten die Männer doch? Knapp deutete Hjaldrist mit dem Kinn gen Anna und einer seiner Huskarle machte sich sofort daran zu der Jüngeren zu gehen und sie vom Boden aufzuheben. Blass hing sie in dessen Armen und der anwesende Jarl starrte nur. Früher, da hätte ER seine Freundin vom dreckigen Grund geklaubt und fest an sich gedrückt. Er hätte versucht sie wachzurütteln und sich vollkommen verrückt gemacht, weil er nicht wollte, dass es seiner großen Liebe schlecht ging. Er wäre ganz hartnäckig an ihrer Seite geblieben. Nur jetzt… da stand er nur da und sah dem größeren Huskarl dabei zu, wie jener die Kranke festhielt. Sie hatte Blut vorm Mund stehen und sah aus, wie eine wahrhaftige Tote. Es war erschreckend und Hjaldrist glaubte, ihm bliebe das Herz noch stehen.

“Bringt sie… in ihr Zimmer…”, brachte er hervor “Und Britta… sag doch Adlet Bescheid. Bitte.”

Die Hausmagd nickte sogleich pflichtbewusst, raffte ihr helles Kleid vorn ein Stück und eilte dann zu dem Wachmann, der mit Anna auf den Armen ging. Hjaldrist sah ihnen ohnmächtig nach. Unbeholfen, weil er sich selbst gerade so fremd vorkam. Es war ein eigenartiges, unwohles Gefühl. Eines, das ihn lange zögern ließ, bevor er sich in Bewegung setzte, um ebenfalls wieder nach oben zu gehen.

 

“Du solltest nicht lachen, Töchterchen!”, näselte Adlet, als Hjaldrist viel später und zusammen mit Ravello in Anna’s Zimmer kam “Es ist wahr, dass Hühnerfüße großen Segen bringen. Daher solltest du in Geflügelsuppe baden.”

“Ich esse die aber lieber...”, hörte man die Novigraderin dünn sagen “Reicht das nicht?”

Ihre Stimme war brüchig und heiser vom Husten, doch ihr Unterton schon wieder belustigt. Dem Jarl fiel ein Stein vom Herzen, als er das bemerkte. Auch Aldoran und Märthe waren da. Und obwohl Anna noch unheimlich blass um die Nase war und als bemitleidenswertes Häufchen unter zwei Decken und einem Fell auf ihrem Bett saß, schien sie sich durch ihre Gesellschaft gut unterhalten zu fühlen. War ihr beim ulkigen Adlet aber auch nicht zu verdenken.

“Hey...”, machte Hjaldrist, als er mit dem Ritter aus Toussaint zu der Runde trat und seine Augen dann auf Anna fielen “Du sieht mies aus.”

Man hörte die Angesprochene abfällig lachen und mit den schwarzen Augen rollen. Bei Hemdall, es war gut sie so zu sehen. Auch Ravello atmete erleichtert auf und lächelte breit.

“Ich weiß.”, gab die Kräuterkundige zurück und ehe sie weiterreden konnte, kam ihr der Jarl zuvor.

“Was hast du im Keller gesucht?”, wollte er wissen “Wir dachten, du seist wieder durchgebrannt, ehe dich Britta gefunden hat. Ich war richtig sauer… mach das bloß nie wieder.”

Man sah die angeschlagene Monsterjägerin auf diese ehrliche Äußerung hin schwer schlucken und sie sah schuldbewusst fort, auf ihre Knie. Ravello und Adlet warfen Hjaldrist strafende Blicke zu.

“Tut mir leid.”, seufzte sie “Ich kam nicht mehr dazu meine Medizin zu nehmen…”

“Was?”, fragte Hjaldrist gleich zweiflerisch “Warum nicht? Du hattest vor deiner Wachschicht nichts zu tun und wirst so etwas Wichtiges doch nicht vergessen haben?”

“Ach, Junge. Lass sie doch einmal erzählen! Sie hat ein Abenteuer erlebt!”, warf Adlet schniefend ein und brachte seinen Enkel damit zum Schweigen.

“Abenteuer?”, fragte Ravello sofort neugierig und der Druide, der auf Anna’s Matratze saß, nickte eifrig. Märthe kicherte leise hinter vorgehaltener Hand.

“Also… ich bin gestern irgendwie voll früh, naja, beim Lesen eingeschlafen. An meinem Tisch. Irgendwer hat mir heute Morgen mein Buch unter dem Kopf weggezogen. Ich hatte mich richtig erschrocken...”, erinnerte sich Anna jetzt und der Jarl kam kritischen Blickes näher, um ihr aufmerksam zuzuhören. Er stemmte sich die Hände abwartend in die Taille und Adlet grinste verdächtig freudig.

“Ich hatte mein Schwert noch an dem Tisch lehnen, denn ich hatte es schleifen müssen. Also habe ich danach gegriffen und bin aufgesprungen, um den Eindringling gleich blöd zu kommen, wegen dem mein Kopf auf die Tischplatte geknallt ist.”, hüstelte die Burschikose.

“Eindringling?”, fragte Hjaldrist wirr dazwischen “War Merle hier?”

“Nein.”, sagte die Alchemistin, die unter ihrem Deckenstapel wohl nurmehr Hemd und Unterkleidung trug, und hob den Blick wieder. Sie fing an müde, doch breit zu lächeln und Hjaldrist fragte sich, warum sie so froh aussah.

“Sie war kleiner, als Merle.”, meinte sie “Und sie stopfte sich mein Buch in meinen Rucksack. Als ich mit dem Schwert in der Hand aufgestanden bin, hat sie sich ganz schön erschrocken und ist mit meinen Sachen losgerannt. Ich, wiederum, bin hinterher. Denn wer wäre das nicht?”

“Wie bitte?”, Hjaldrist taxierte die Blasse unschlüssig “Wovon redest du da, Anna?”

Adlet lachte. Ravello sah verwirrt zwischen allen Anwesenden hin und her. Sein Blick blieb an Aldoran hängen und der müde Apotheker zuckte bloß mit den Schultern.

“Ihr habt einen Göttling im Keller, Rist.”, eröffnete die Frau dann und dem Skelliger wollte alles aus dem Gesicht fallen. Er wusste gar nicht, was sagen, also erklärte sich seine Freundin mit den dunklen Augenringen und der hörbar rauen Kehle weiter.

“Ich bin ihr einfach hinterher. Schließlich hatte sie mein Zeug und außerdem wollte ich unbedingt mit ihr sprechen, als ich auf halbem Wege realisiert habe, was sie ist. Göttlinge sind wirklich gut darin nicht gesehen zu werden. Daher wundert es mich auch nicht, dass die Wachen sie nicht bemerkt haben.”, lachte Anna leise und musste verhalten husten. Sie fasste sich dabei an die Brust und verzog das Gesicht, als habe sie Schmerzen. Es dauerte ein paar Atemzüge, bis sie weitersprechen konnte.

“Ich… ich habe sie dann kurz verloren, nachdem ich ihr in den Keller gefolgt bin. Ich musste eine Weile suchen, bis ich meinen Rucksack im hinteren Weinkeller wiederentdeckt habe. Als ich das tat, war auch der Göttling dort. Sie wollte mein Gepäck gar nicht loslassen und wollte mich mit einem Holzhammer attackieren. Mit einem von denen, mit denen man die Metfässer anschlägt…”

Der Jarl blinzelte verblüfft. Er hatte sich mittlerweile zu Anna und Adlet auf die Bettkante gesetzt, um seiner Freundin verwundert zu lauschen. Seine Ellbogen hatte er auf die Knie gestützt und starrte die Frau neben sich abwartend an. Aldoran lehnte unweit mit verschränkten Armen am Schreibtisch und Märthe hatte daneben auf dem Stuhl Platz genommen. Nur Ravello stand noch verdutzt herum. Sie alle schwiegen gespannt.

“Irgendwann habe ich es geschafft die Kleine zu beruhigen und habe ihr erzählt, dass ich einmal einen anderen Göttling gekannt habe. Ich habe erwähnt, wie er mit uns gekommen ist, um Abenteuer zu erleben…”, sprach Anna weiter und der Blick, den sie Hjaldrist dabei schenkte, war vielsagend melancholisch “Es hat sie fasziniert und sie hat mir dann auch ganz offen gesagt, dass sie nur die Kastanie aus meinem Rucksack stehlen wollte, da sie solche Dinge sammelt. Und mein Buch, das ich am Vorabend gelesen hatte, weil darin so schöne Bilder seien.”

An diesem Punkt angekommen konnte auch Hjaldrist nicht anders, als schief Lächeln zu müssen. Im Keller der Burg hauste also ein Göttling, der gerne Kastanien und dergleichen stibitzte? Das erklärte einiges. Denn in den letzten Wochen war es immer wieder einmal dazu gekommen, dass unbedeutende Dinge einfach so verschwunden waren. Bürsten, ein kleiner Spiegel, eine Kette, dekorative Muscheln oder ein Brief eines schleimigen Händlers aus Cintra zum Beispiel.

“Und dann…”, Anna zog die Brauen zusammen und sah frustriert vor sich hin “Mir ist schwindelig geworden. Ich bekam keine Luft mehr. Der Göttling hat sich wohl erschreckt, ich weiß nicht. Ähm. Ich… hätte Lado’s Absud trinken sollen, bevor ich loslief. Aber dann hätte ich den Göttling sicher nicht wieder gefunden.”

“Mh.”, machte Hjaldrist gedankenvoll. Anna hätte tatsächlich besser vorbereitet sein sollen, da hatte sie Recht. Nur konnte man ihr gerade zu böse sein?

“Du solltest in Zukunft etwas von Lado’s Trank in deiner Gürteltasche haben, Anna.”, fand der Undviker seufzend “Ich will nicht nochmal sehen, dass du wegen deiner Unvorsichtigkeit irgendwo umkippst. Verstanden? Es jagt nicht nur allen einen großen Schrecken ein, sondern es geht auch um deine Gesundheit. Sei nicht leichtsinnig.”

“Du musst nicht so mit mir reden, Rist.”, kam es als Antwort zurück “Ich weiß, dass es blöd war.”

“Ich meine es nur gut, Dummkopf.”, setzte der Jarl noch murrend nach “Henrik hat war ärgerlich, weil du nicht zur Arbeit gekommen bist. Und dann haben sich alle gesorgt, weil du wie eine Leiche im Keller herumlagst.”

“Ich weiß.”, entkam es der Alchemistin nochmal etwas patzig und man hörte ihr an, dass sie sich belehrt fühlte. Sie hatte es noch nie gemocht, wie ein Kind behandelt zu werden und irgendwie war es gerade auf eine unerklärliche Weise beruhigend zu merken, dass sie irgendwo noch die Alte war. Auch, wenn ihre kindische Starrsinnigkeit früher oft genervt hatte.

“Ich werde meine Medizin in Zukunft bei mir tragen. Für alle Fälle.”, schloss die Jüngere dann noch unerwartet einsichtig.

Medizin. Ein eigenartiger Ausdruck für ein Mittel, das einen gewaltsam auf den Beinen hielt, fand Hjaldrist. Und gleichzeitig hatte sich seine vage Befürchtung rund um Anna’s Zustand leider bestätigt: Gäbe es Lado’s Gebräu nicht, stünde es mittlerweile schlecht um sie. Sehr schlecht. Der wahnsinnige Magier auf Kaer Iwahell hatte ihr ihren Wunsch doch sicherlich auf verdrehte Weise erfüllt, oder? Sie konnte sich zwar kaum an die Prozedur erinnern, doch es war so naheliegend. Hatte dieser Bastard eine verquere Kräuterprobe an ihr ausprobiert, die sie nun langsam sterben ließ? So, wie auch die normale Probe der Kräuter kleine Jungen tötete? Hjaldrist sah von der Seite aus stumm zu seiner Freundin hin, die der gutmütige Adlet schon wieder in Beschlag hatte. Der dunkelhaarige Druide tätschelte ihr die blasse Wange und erzählte irgendetwas von Hühnersuppe mit Pfeffer und Salbei, während Aldoran den Kopf ungläubig schüttelte. Anna lachte, doch sah dabei so verdammt krank aus.

Oh, sie war so töricht gewesen. Die Frau tat Hjaldrist unheimlich leid und gleichzeitig ärgerte er sich unsagbar darüber, dass sie im Frühjahr so unbedacht gehandelt und sich auf einen vermeintlichen Dämon eingelassen hatte. Daher besah er Anna gerade auch mit gemischten Gefühlen in der Magengegend. Gern hätte er sie umarmt und gesagt, dass ‘alles schon wieder gut werden würde’ und gleichauf verspürte er gerade auch den Drang dazu ihr Eine für ihre grenzenlose Dummheit zu verpassen. Ach, wo sollte all das hier noch enden? Er wusste es nicht.

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