Kapitel 110 (Buch 4, 17)

Heimlicher Kampf gegen Scherzkekse

Ruhig lagen die dunklen Augen des Jarls auf der See, als er sich den wollenen Mantel etwas enger um den Körper zog. Die Wellen schwappten rhythmisch an den flachen Strand und erreichten dabei beinah die Stiefelspitzen Hjaldrists. Eine kalte Brise wehte einem den Geruch nach Salzwasser, Algen und einem neuerlich aufziehenden Regenwetter entgegen. Der Mann war in letzter Zeit nicht oft an der frischen Luft, um einfach nur nichts zu tun. Doch hier war er dennoch, so oft er nur konnte: Er stand am östlichen Ufer der Insel, nahe der Falkenburg. Hierhin kam man über die Tore der Stadt, eine große, ruinenhafte Treppe der Elfen von früher, und einen kurzen Abhang. Die gewohnt kargen Wiesen und die spitzen Felsen liefen hier in einen schönen, menschenleeren Strand aus. Jener war nicht zu weitläufig, denn ringsumher wurde das raue Gebiet schnell steiniger und steiler. Es war ein zerklüftetes, schwer begehbares Umland, das den beiden schwarzen, großen Hunden der Jarlsfamilie soeben kein Hindernis war. Zusammen liefen sie den steilen Hang hinauf und wieder herab. Hugin schnappte sich am Strand ein Stück angeschwemmten Treibholzes, das Munin ihm kläffend stehlen wollte. Wie zwei ausgelassene Welpen spielten sie hier, während deren Herrchen mit dem pelzbesetzten Schulterüberwurf nach wie vor still am Ufer verharrte und in die Weite sah. Hjaldrist ließ ein paar Muscheln gedankenverloren über seine Handfläche wandern. Etwas feuchter Sand klebte noch an ihnen. Der Skelliger hatte die Stücke vorhin eingesammelt und steckte sie sich erst jetzt beiläufig in die tiefe Manteltasche. Sein Blick ließ das weite Meer vor sich derweil nicht los und er wirkte melancholisch, nahezu traurig.

“Er war ein wunderbarer Mann.”, kam eine Frauenstimme von etwas weiter hinten.

Der angesprochene Jarl, der aus seinen Gedanken gerissen wurde, horchte auf und zog die Brauen leicht zusammen. Er sah über die Schulter hinter sich und hin zu der Kriegerin in der grün-blauen Montur des Huskarle seiner Familie. Hart, doch zuversichtlich sah ihn die Wache mit den brünetten, halblangen Haaren an. Matilda’s Sommersprossen wollten nicht so ganz zu ihrem sonst so kantigen Gesicht passen. Mit der messingfarbenen Brosche der Leibgarde am Kragen, Schild und Schwert stand sie unweit am Strand und wartete geduldig. Hjaldrist hatte eigentlich alleine mit seinen Hunden hierher kommen wollen, doch Henrik hatte ihm dann, mit einem wissenden Blick, Matilda mitgeschickt. Der hünenhafte Blonde wusste, dass sich sein Anführer noch immer mit den zu langsam verheilenden Wunden an Seite und Arm herumplagte. Außerdem war er stets der Meinung, Hjaldrist solle niemals alleine vor die hohen, schützenden Tore gehen, weil man nie wusste, wann Riesen angriffen. Zwar drangen jene für gewöhnlich nicht so weit in den Norden der Insel vor, doch seit dem Vorfall bei der Werft war man übervorsichtig und hatte die Wache verstärkt. Die Wegewächter im Süden waren aufs Äußerste angespannt, streiften nun auch an den Stränden entlang, und Hjaldrist setzte zwei Boten zu Pferd ein, um im Notfall sofort Bericht erstattet zu bekommen. Gerade, da war es für den Jarl selbst generell undenkbar einsam spazieren zu gehen. Er war einfach zu wichtig. Und manchmal fühlte er sich, wie ein Vogel in einem sehr hübschen Käfig.

“Jarl Halbjørn feiert heute rauschende Feste mit den Ahnen und sieht stolz auf dich herab.”, schloss Matilda noch und lächelte schmal. Sie sah oft so streng aus. Doch sie war eine gutherzige Frau, wie sie es längst bewiesen hatte. Die Große, die Hjaldrist und Anna vor dem Aufstand gegen Orlan in Undvik beherbergt hatte, hatte einst bei den Schildmaiden Arinbjorns gedient. Bei einem der Feste dort hatte sie ihren zukünftigen Mann kennengelernt. Sie hatte sich sofort in Uddvar verliebt, war ihm hierher gefolgt und hatte sich, nachdem sie ihn geheiratet hatte, großmäulig in den Dienst der Falchraites stellen lassen. Man hatte zuerst geglaubt, sie sei übermütig und zu sehr von sich überzeugt, doch das waren Fehlannahmen gewesen. Die Brünette war eine großartige Kämpferin und hatte sich bisher schon viele Male bewiesen. Sie bereicherte die zwanzig - nein, neuerdings einundzwanzig - Huskarle der Falchraites ungemein. Hjaldrist lächelte schwach.

“Danke.”, meinte er und sah auf das Meer zurück “Ich hoffe es…”

Ja, er betete dafür, dass die Götter seinen Vater in die Große Halle aufgenommen hatten, nachdem man jenem vor Jahren genau hier, an diesem Strand, Lebewohl gesagt hatte. Man hatte den Jarl in einer großen Zeremonie auf ein Boot gebettet und ihn dann den Wellen und dem Feuer übergeben. Demnach gab es kein Grab, das Hjaldrist besuchen konnte. Und manchmal bedauerte er das unheimlich. Denn er hatte sich nie von Halbjørn verabschieden können. Zudem war dessen plötzlicher Tod für ihn noch schmerzlich frisch. Erst gegen Ende des letzten Jahres hatte er davon erfahren und während Hjaldrist’s Familie nurmehr selten stark trauerte, glaubte er selber noch immer inmitten einer schlimmen Misere zu stecken, in der er weder vor noch zurück konnte. Es tat noch immer weh an den Abend von vor gut fünf Jahren zurück zu denken, an dem er seinen Vater zum letzten Mal gesehen hatte. Sie beide hatten vor allen Leuten gestritten und das ganz schön heftig. Und dann war Hjaldrist wie ein trotziges Kind gegangen. Oh, hätte er gewusst, was geschehen würde, wäre er das nicht. Er wäre nicht aus dem Speisesaal hinausgestürmt, hätte Erlklamm nicht grimmig an sich gerissen und wäre nicht auf eigene Faust und völlig überstürzt nach Kaer Muire aufgebrochen. Er wäre geblieben, um zu verhindern, was sein größenwahnsinniger Onkel vorgehabt hatte.

Der Mann in der grünen Tunika ließ den Blick sinken und sah auf die schäumenden Wellen hinab, die seine Stiefel erneut erreichten und deren Sohlen und Spitzen ganz nass machten.

Das Letzte, das Hjaldrist damals voller Groll zu seinem Vater gesagt hatte, war ‘Du elender Narr’ gewesen. Und dieser Satz würde ihm nie wieder aus dem Kopf weichen. Es tat ihm leid. Er hatte es nicht so bitterernst gemeint, war doch nur wütend gewesen. Und er wünschte, er hätte vor dem Tod des alten Jarls noch ein einziges Mal mit jenem sprechen können. Tief atmete der Undviker aus und schlug die braunen Augen bedauernd nieder. Er war Matilda in diesem Moment dankbar dafür, dass sie schwieg und sich nicht weiter beteiligte; Dass sie lieber den beiden Hunden am Strand zusah, als dem jungen Anführer ihres Clans.

Erst nach einem langen, nachdenklichen Zögern ging Hjaldrist in die Hocke und klaubte nach einem flachen, beigen Steinchen, das da zwischen Tang und kleinen Muscheln im grauen Sand lag. Er betrachtete es, fuhr gedankenvoll mit dem Daumen darüber und hob den Kopf, um die ruhige See vor sich zu mustern. Früher, als er noch ein Kind gewesen war, hatte sich sein Vater oft Zeit für ihn genommen, obwohl er ein vielbeschäftigter Mann gewesen war. Die Stunden mit seiner geliebten Familie waren ihm heilig gewesen. Alle paar Tage war er mit Hjaldrist, Pavetta, Merle und Haldorn an den Strand gegangen, um ihnen zu zeigen, wie man flache Kiesel über eine unruhige Wasseroberfläche schnippte oder er hatte sie mit zum Angeln genommen. Halbjørn war dahingehend ein warmherziger Vorzeige-Vater gewesen; so, wie er auch in vielen anderen Bereichen geglänzt hatte. Man hatte den schwarzhaarigen Halbelfen, der absolut nicht nach Skelliger ausgesehen, doch sich wie einer verhalten hatte, selten richtig wütend erlebt. Und wenn, dann nicht lange, weil er Zwistigkeiten stets schnell und manchmal mit seinen bloßen Fäusten geklärt hatte. Er hatte immer laut in seiner ganz eigenen, ulkigen Art gelacht, gern mit allen um sich herum getrunken oder gegessen und mit seinen klugen Ratschlägen vielen Landsleuten weitergeholfen. Der bodenständige Kerl mit den schulterlangen Haaren und den ganz schwach spitz zulaufenden Ohren war gastfreundlich gewesen. Und wenn es in der Falkenburg Besucher gegeben hatte, hatte man oft beobachten können, wie der Jarl höchstpersönlich verschwand, um jenen etwas zu Trinken oder zu Essen zu bringen. Schnell hatte er jeden behandelt, wie einen engen Freund und deswegen hatte sich in seiner Nähe jedermann sehr wohl gefühlt. Gleichzeitig hatte man Halbjørn unsagbar respektiert. Denn man hatte gewusst: So großzügig und friedlich er auch gewesen war, so hatte er streng und hart durchgegriffen, wenn man ihn sich zum Feind gemacht hatte. Kriminelle und Mörder hatte er barsch gerichtet und er hatte gekämpft, wie ein Teufel. Einmal hatte Hjaldrist gar mit Schrecken beobachtet, wie er einen gefährlichen Verräter hatte blutadlern lassen. Jeder Gegner, der Halbjørn in der Schlacht seiner Abstammung wegen verlacht hatte, hatte es am Ende bereut den Sohn einer Elfe seiner hübschen Züge wegen zu verspotten. Ja, Halbjørn war ein großartiger Krieger und guter Mann gewesen. Sein ältester Sohn hatte ihn bewundert, obwohl sie beide ab und an ihre Differenzen gehabt hatten. Und Hjaldrist wünschte es sich irgendwann einmal so zu werden, wie er. Denn das war er nicht, fand er. Verhalten seufzte der Dunkelhaarige und erhob sich wieder. Noch einmal sah er auf den hellen Stein in seiner Hand hinab, dann holte er aus und warf jenen flach dem Meer entgegen. Drei, vier Mal sprang der Kiesel über die Wasseroberfläche, bevor er in den seichten Wellen verschwand, und der Jarl lächelte schwach. Es hatte damals Wochen gedauert, bis ihm sein Vater erfolgreich beigebracht hatte Steine auch über unebene Wellen flitschen zu lassen.

“Lass uns gehen.”, sagte Hjaldrist nach einer langen, nostalgischen Pause und sah sich nach Matilda um. Auch sie hatte dem Horizont geistesabwesend entgegengesehen.

Zusammen mit der Frau der Hausgarde, Hugin und Munin machte sich der Axtkämpfer also auf den Weg zurück in die Stadt. Die Wachen grüßten ihn, als er sie passierte, mit einem kurzen Kopfnicken oder einem wohlwollenden Lächeln. Hjaldrist wurde hier zwar als Held gefeiert, der einen großen Tyrannen und einen Meeresriesen erschlagen hatte, doch er war kein König, vor dem ein jeder kroch. Er war viel weniger als das, doch in seinen Augen auch genug. Und manchmal wünschte er es sich sogar, niemand würde ihn kennen. So, wie damals, als er noch allein mit Anna und als vermeintlicher Straßenkämpfer namens ‘Felsen’ losgezogen war, um Monster zu erschlagen. Wo er der wahnsinnigen Kräuterkundigen mit einem schiefen Lächeln hinterher stolziert war, um irgendwelchen Unsinn anzustellen und damit ungeschoren davonzukommen. Doch die Pflicht rief und nebenher war auch seine besagte Freundin keine Unbekannte mehr, die ganz unbedarft reisen könnte. Sie saß hier, genauso, wie ihr alter Weggefährte, fest, denn sie gab vor sich für das ruhige Leben auf den Inseln entschieden zu haben. Ganz genau genommen stand sie gerade, so wie drei andere Huskarle, im Thronsaal, den Hjaldrist just betrat. Sie sah dabei müde und abgeschlagen aus. Erst gestern Abend hatte man sie bewusstlos im Weinkeller liegend vorgefunden und heute arbeitete sie schon wieder. Wie angekündigt hatte Henrik ihr auch gleich eine doppelte Wachschicht als Strafe für ihr gestriges Fehlen aufgebrummt. Und Hjaldrist hatte sich nach einem kurzen Innehalten nicht dagegengestellt. Er wusste zwar, dass die Umstände des Fernbleibens Annas eher unglücklich gewesen waren und sie nicht aus böser Absicht heraus gehandelt hatte, aber dennoch... Sie war unvorsichtig gewesen, hatte allen ringsum einen Schrecken eingejagt, Hjaldrist verärgert. Und vielleicht wäre es ihr eine Lehre die nächsten zwei Wochen über elend lange Dienste schieben und die Nachttöpfe in den Quartieren schrubben zu müssen. Unerwarteterweise lächelte die Alchemistin trotz allem matt, als der Jarl mit seinen treuen Vierbeinern an ihr vorbei hielt, und Hjaldrist’s Blick maß die kurzhaarige Frau flüchtig. Sie hatte ihre Tranktasche am Gürtel befestigt. Dort, direkt neben ihrem silbernen Wolfsmedaillon, das sie niemals ablegte. Das war gut. Sie hatte den nett gemeinten Rat ihres Freundes, immer etwas von ihren lebensrettenden Hexertränken bei sich zu tragen, also angenommen. Auch der Skelliger lächelte, als er dies verstand, und erwiderte Anna’s stummen Gruß damit anerkennend.

 

Erst gegen Abend kam Hjaldrist dazu das zu tun, was er sich den ganzen Tag über schon vorgenommen hatte: Er wollte in den Keller, um nach dem angeblichen Göttling zu sehen, der dort hauste und zu gerne Sachen stibitzte. Eigentlich hatte er Anna fragen wollen, ob sie mitkäme, denn sie hatte bereits mit dem Wesen gesprochen, das sich in der Burg versteckte. Außerdem hätte er sich ganz gern etwas mit ihr unterhalten, zugegeben. Doch die Frau hatte sich nach ihrem anstrengenden Tag, an dem sie sich die Beine in den Bauch gestanden hatte, bereits geschlafen. Also nahm Hjaldrist die schmale Treppe in die unteren, klammen Gewölbe nun allein. Dies mit den paar Muscheln in der Rechten, die er heute Morgen am Strand gesammelt hatte, und einem Öllicht in der Linken. Sein Weg führte ihn durch einen verwinkelten Lagerraum, bis zu dem hinteren Weinkeller, in dem man Anna gestern entdeckt hatte. Suchend sah er um sich und versuchte sich nicht zu laut zu bewegen. Er schlich fast schon. Seine Augen waren prüfend verengt, als sie im Feuerschein schweiften und an den beiden Kisten hängen blieben, hinter denen man seine blutspuckende Freundin aus Novigrad unlängst hervorgefischt hatte. Und er ging näher, als er Luft zum Sprechen holte.

“Ich weiß, dass du hier bist.”, sagte er ruhig “Du brauchst dich nicht zu fürchten…”

Der langhaarige Jarl kam bei den Kisten in der hintersten Ecke zum Stehen und äugte vorsichtig darüber hinweg. Da lag ein alter Holzhammer am Boden und er musste wissend schmunzeln. Hatte Anna nicht leise lachend erzählt, dass man sie mit solch einem Werkzeug attackiert habe?

“Ich habe hier etwas für dich.”, meinte der Mann nett und öffnete die Hand mit den Muscheln darin. Kurzum legte er die drei schönen Schalen auf eine der alten Lagerkisten. Es waren zwei aufgefächerte Muscheln in Weiß und eine bräunliche, die aussah, wie ein gedrehtes Türmchen. Hjaldrist wich ein paar Schritte weit zurück, lehnte sich mit dem Rücken voran an eines der Weinregale und wartete gespannt ab. Ob er erfolgreich wäre? Er war so neugierig.

“Ich bin Rist.”, sagte er und verwendete dabei absichtlich den Spitznamen, den ihm eine gewisse Frau aus dem Norden gegeben hatte “Anna hat dir gestern von mir erzählt…”

Stille. Sie legte sich zäh über das kühle Kellerabteil und der Mann mit der schmalen Krone am Haupt verschränkte die Arme abwartend. Dann kam ein Geräusch aus genau der Ecke, der er entgegensah. Der Deckel eines der Weinfässer an der Wand ruckelte und klappte einen schmalen Spalt weit auf. Durch den Schlitz, konnte man zwei goldene, große Augen hervorspähen sehen. Der Jarl hob die Brauen verblüfft an.

“Da bist du.”, stellte er fest und sah, wie das Wesen im leeren Weinfass nickte, denn dessen Deckel hob und senkte sich dabei.

“Ja. Ich wohne hier und das sind mein Fass und meine persönlichen Kisten.”, hörte der Krieger eine Kinderstimme bestimmend sagen “Du hast davon schon genug.”

Hjaldrist musste nachgiebig lachen.

“Keine Sorge, du kannst die Kisten behalten.”, meinte er und die goldenen Augen starrten ihn skeptisch an. Nur allmählich begannen sie zu wandern und fielen auf die drei Muscheln, die unweit auf der einen maroden Holzkiste lagen. Der Göttling blinzelte erstaunt und schien sich zu freuen.

“Die sind für mich?”, kam die hohe Stimme aus dem Fass.

“Ja.”, entgegnete Hjaldrist “Ich habe sie heute am Strand gefunden. Und ich habe gehört, du magst solche Dinge.”

Das Wesen im Weinfass gab einen bewundernden Laut von sich und der Holzdeckel ging etwas weiter auf. Man erkannte dunkles, wirres Haar und eine bläulich-graue Haut. Kleine Kinderhände warfen den Fassdeckel schließlich zur Seite und zum Vorschein kam ein Göttling, der aussah, wie ein junges Mädchen in einem abgetragenen, moosgrünen Hemdchen. Sie kletterte aus dem Weinbehältnis und huschte zu der Holzkiste, um nach ihren Geschenken zu klauben. Auf die Zehenspitzen stellen musste sie sich dafür. Hjaldrist beobachtete das aufmerksam, ließ sie, und schwieg solange. Erst, als sich der Göttling mit den Muscheln in den Händen zu ihm umsah, lächelte er.

“Danke!”, meinte das Wesen mit dem skellischen Akzent “Die sind schön!”

“Bitte.”, antwortete der Jarl gutmütig und beobachtete, wie der Göttling auf die hüfthohe Kiste kletterte, um sich leger auf deren Rand zu setzen. Aus seinen großen Augen sah er den wartenden Undviker an und war jetzt offenkundig dazu bereit sich zu unterhalten.

“Wie heißt du?”, fragte Hjaldrist nach.

“Ahti.”, machte der Göttling mit den wuscheligen Haaren und spielte derweil mit der Turmmuschel “Und ich habe keinen blöden Nachnamen, so wie du. Leute wie ich haben die nie.”

“Verstehe…”, grinste der Jarl verhalten “Und wie kommt es, dass du hier lebst?”

“Mir gefällt es hier.”, gab der Göttling erwarteterweise ganz ‘aufschlussreich’ zurück “Ich mag den Kuchen, den deine Mutter backt. Und die silbernen Knöpfe von dem Mädchen mit der Karottensträhne.”

Erneut musste der anwesende Krieger lachen und er schüttelte das Haupt ungläubig. Und ehe er dazu kam weitere Fragen zu stellen, plapperte Ahti schon weiter.

“Deine Freundin ist sehr nett. Sie hat mir ein Buch und eine Kastanie geschenkt. Und sie hat mir Geschichten von Lin erzählt.”, meinte sie “Ich habe gehört, dass ihr zusammen ein großes Abenteuer erlebt habt. Und dass Lin als großer Held gestorben ist und jetzt als allererster Göttling in Valhall mit den Göttern spielt.”

Hjaldrist sah auf und musterte das Wesen, das ihm gegenübersaß. Er sagte nichts.

“Anna hat mir erklärt, dass ihr zusammen böse Monster und gemeine Menschen verhauen habt. Und sie hat gemeint, ihr wärt bei einem riesengroßen Strand gewesen, den man ‘Wüste’ nennt. Und dass mir Datteln sicher schmecken würden, denn ich mag süße Sachen.”, maulte Ahti weiter “Die Geschichte war voll spannend. Nur dann musste Anna husten und ist umgefallen. Ich habe mich ganz schön erschrocken und bin weggerannt, denn da war Blut. Dann kam ich wieder und sie hat sich nicht mehr bewegt. Ich habe ihr nicht helfen können.”

“Mh.”, machte der Jarl leise “Ich weiß.”

“Was ist mit ihr?”, fragte Ahti neugierig “Ist sie krank? Passt du deswegen auf sie auf?”

“Krank? Ja, so etwas in der Art.”, seufzte der Inselbewohner und seine Gesprächspartnerin mit der fahl bläulichen Haut legte die Stirn in tiefe Falten, als sie die nackten Füße von der Holzkiste baumeln ließ.

“Ihre Augen sind böse.”, meinte der Göttling dann noch murrend und Hjaldrist horchte auf “Und trotzdem ist sie lieb. Das ist komisch.”

“Was meinst du damit?”, hakte der Jarl langsam nach, doch Ahti zuckte nur die Achseln.

“Bringst du mir noch mehr Muscheln? Ich kann mit einer Nadel Löcher in sie machen und Ketten daraus basteln.”, sagte sie dann und wechselte damit sprunghaft das heikle Thema. Vorfreudig strahlte das Wesen und sprang von seiner Kiste. Mit federnden Schritten kam es vor den Größeren und sah hoffnungsvoll zu ihm auf.

“Wenn du mir mehr Muscheln bringst, mache ich dir vielleicht auch eine Kette daraus!”

“Was?”, machte Hjaldrist “Oh. Hm… vielleicht bringe ich dir noch welche, ja. Aber nur, wenn du mir versprichst nichts mehr zu stehlen.”

Empört sah der Göttling drein und machte den Blick kritisch eng.

“Hmm?”, machte er ganz pikiert und stemmte sich die Hände in die Seiten “Ich stehle nicht! Ich leihe mir nur Sachen!”

Auf diese schlagfertige Äußerung hin wusste Hjaldrist nicht mehr, was sagen. Er kam auch gar nicht zum Nachdenken, denn Ahti zeigte sich als unsagbar gesprächig.

“Können wir Freunde sein, Rist?”, fragte sie naiv “So, wie du, Anna und Lin?”

Der Jarl blinzelte auf dieses Angebot hin irritiert, musste aber gleich wieder schief lächeln. Amüsiert schnaufte er.

“Wenn du willst.”, gab er zurück und das kleine Wesen vor ihm strahlte freudig “Wenn du die Finger von meinen Sachen lässt und niemanden erschreckst, dann können wir Freunde sein.”

Warum hätte Hjaldrist Ahti auch enttäuschen sollen? Er hatte nicht vor sie aus dem Weinkeller zu verbannen und sie aus der Burg zu jagen. Denn wenn er auf seinen Reisen mit der Monsterjägerin aus Novigrad etwas gelernt hatte, dann, dass Ungeheuer manchmal menschlicher waren, als wahrhaftige Menschen. Und dass sie einem zumeist gar nicht schaden wollten. Vor allem verspielte Göttlinge nicht. Und auch, wenn das skellische Exemplar hier ein wenig frech war, so gab es keinerlei Grund ihm feindselig zu begegnen.

“Ich habe sogar eine Aufgabe für dich, Ahti.”, fiel es dem klugen Undviker dann auch noch ganz schelmisch ein “Eine Art Schatzsuche.”

“Echt? Worum geht es?”, wollte die Kleine wissen und klatschte erfreut in die Hände. Sie kam näher, fasste nach einem Ärmelzipfel ihres Gegenübers und zupfte ungeduldig daran. Ahti schien richtig darauf zu brennen auf ein spannendes Abenteuer in der Falkenburg geschickt zu werden.

“Meine Schwester Merle, die, mit der ‘Karottensträhne’, backt manchmal Kekse.”, erklärte Hjaldrist verschwörerisch “Sie verteilt die immer überall und schummelt sie unter ganz gewöhnliche Bäckereien. Diese Dinger schmecken aber scheußlich nach Senf, Salz oder brennen so sehr im Mund, dass man einen halben Tag lang nichts anderes mehr schmeckt. Mein Bruder musste sich wegen einem dieser Kekse sogar einmal übergeben.”

Ahti lachte laut auf, als sie dies hörte. Der Gedanke an dieses Gebäck schien ihr zu gefallen.

“Finde diese Kekse und sorge dafür, dass sie verschwinden, ja? Du kannst damit ja Fische oder die Möwen füttern gehen.”, bat Hjaldrist und verkniff sich in diesem heimlichen Krieg gegen die fürchterlichen ‘Scherzkekse’ seiner jüngsten Schwester ein zu breites, triumphierendes Grinsen. Denn der aufgeregte Göttling vor ihm nickte eifrig.

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