Kapitel 115 (Buch 4, 18)

Morgentaubrote und zu viel Met

Die vergangenen zwei Wochen waren hart gewesen. Nachdem Anna es an dem Tag, an dem sie Ahti in den Keller verfolgt hatte, verpasst hatte, ihre sogenannte ‘Medizin’ zu schlucken und daraufhin ohnmächtig geworden war, hatte man ihr dafür eine ordentliche Strafe aufgebrummt. Zwar war es keine Absicht gewesen, dass sie einen Tag lang unauffindbar gewesen und daher auch nicht zur Arbeit gekommen war, dennoch hatte Henrik sie ganz schön zur Sau gemacht. Die Frau hatte nicht gewusst, ob Rist dem Blonden erklärt hatte, was vorgefallen war, doch sie hatte sich auch nicht großmäulig erklärt. Anna hatte die strenge Tirade des obersten Huskarls einfach über sich ergehen lassen und sich dabei wieder so gefühlt, als sei sie zurück in Kaer Morhen. Als stünde Balthar wieder vor ihr und als stauche er sie zusammen, weil sie viel zu unbedacht kämpfe und die Länge ihres Schwertes niemals richtig ausnutze. Es war… ungut gewesen. Doch die verkrampfte Anna hatte, entgegen ihres aufmüpfigen Wesens, brav genickt und sich knapp entschuldigt. Sie hatte nicht Henrik, sondern ihre Stiefelspitzen angesehen, als sie dies getan hatte und einfach klein beigegeben. Schlussendlich war sie nicht hier, um Ärger zu machen oder den Mann anzuschreien, der dafür sorgte, dass sie ihren wichtigen Platz innerhalb der Leibgarde behielt; diese Stelle, die man normalerweise nicht einfach so zugesagt bekam und das erst recht nicht als Ausländer. Die im Grunde sehr dankbare Alchemistin war hier, weil Caer Gvalch’ca ihre zweite Chance war, nachdem sie alles, aber auch wirklich ALLES, vermasselt hatte. Und diese einmalige Gelegenheit wollte sie auf keinen Fall vertun, indem sie ihre neuen Vorgesetzten anschnauzte und einfach tat, was ihr gefiel. Also hatte die einsichtige Novigraderin jeden Tag und auch nachts doppelte Schichten geschoben und die ekelhaften Nachttöpfe der Quartiere geputzt. Beides zusammen oftmals länger, als zwölf Stunden am Tag. Sie war nicht einmal mehr zu etwas anderem gekommen, denn diese Arbeit hatte sie völlig für sich beansprucht und ausgezehrt. Anna hatte Wache geschoben, war die üblichen Wege abgegangen, hatte das verlachte Putzmädchen gespielt, ab und an feindselig motzende Städter aus der Burg geworfen. Und dann, danach, war sie manchmal sogar ins Bett gefallen, ohne vorher noch etwas zu essen. Sie war dafür einfach zu erschöpft gewesen und in einem Bett zu liegen hatte das Allergrößte dargestellt. Nichts war in den vierzehn Tagen, die sich angefühlt hatten, wie ein langer Monat, besser gewesen, als sich einfach einmal hinzulegen und sich nicht mehr zu rühren. Dabei hatte die ächzende Anna oft Muskeln gespürt, von denen sie gedacht hatte, sie seit Kaer Morhen vergessen zu haben. Und sie hatte es gehasst. So gutmütig sie sich auch beweisen wollte, um Rist zu zeigen, dass sie ihn nicht wieder enttäuschen wollte, so war es für sie ein Gewaltakt gewesen sich an ihren strammgezogenen Zeitplan zu halten. Versammlungen der Huskarle, um sich zu besprechen, elend lange Schichten, Töpfe voller Pisse und Scheiße, stundenlange Patrouillen nach einem ewigen Nachtdienst, keine Zeit für anderweitiges… es war viel zu viel gewesen. Anna war demnach heilfroh darüber diese unglaubliche Tortur endlich hinter sich gebracht zu haben. Sie war ob dem auch ein wenig stolz auf sich und heute, als sie zum ersten Mal wieder Zeit hatte, um richtig zu frühstücken, fühlte sie sich, wie der freieste Mensch auf Erden. Und, bei Melitele, sie war tatsächlich auch noch ausgeschlafen!

“Hallo, Anna!”, kam es von hinten und die Angesprochene sah sich nach Merle um, die den Speiseraum betrat, der an die kleine Küche der Jarlsfamilie grenzte. Obwohl sich die Novigraderin jetzt, ganz penibel genommen, zu den Angestellten eben jener zähle, hielt sie sich oft in den Räumlichkeiten auf, die den Falchraites und deren Besuchern vorbehalten wurden. Denn sie war eben nicht nur Mitglied der Hauswächter, sondern auch jemand, der enger mit den Falchraites verbandelt war, als andere. Zumindest mit Hjaldrist. Er war ein guter Freund und in Anna’s Augen der allerbeste, trotz allem, was geschehen war. Dahingehend fühlte sie sich ihm fast wieder so nah, wie früher. Merle stand ihr mittlerweile auch wie eine kleine, hibbelige Schwester gegenüber und Pavetta hatte immer wieder kurz freundlichen Kontakt zu der sozial etwas ungeschickten Nordländerin gesucht. Der Einzige, der ihr noch immer äußerst kritisch gegenüberstand, war Haldorn. Ihm ging Anna erst einmal aus dem Weg, um keinen Streit zu provozieren. War wohl das Beste, denn der Pirat wurde regelmäßig sehr cholerisch, wenn es um sie ging.

“Guten Morgen.”, begrüßte Anna die Jüngere, die zu ihr an den Tisch kam “Du bist früh wach. Die Sonne ging vorhin erst auf.”

“Hmm ja, ich habe viel vor!”, gab Merle zu und setzte sich. Sie hatte einen Teller dabei, auf dem eine Scheibe Brot mit der berüchtigten, salzigen Heringsmarmelade Adlets lag. Der verrückte Druide, der sich noch immer in der Falkenburg aufhielt, hatte davon so viel mitgebracht, dass man damit die halbe Armee versorgen könnte. Hunger, den würde hier erst einmal keiner leiden.

“Ach ja?”, hakte Anna nach und trank den Rest ihres Tees mit Milch leer. Sie lehnte sich zurück und sah das Mädchen bei sich aufmerksam an. Jenes hatte also viel vor?

“Ja!”, nickte Merle ganz aufgeregt “Morgen ist doch das Fest zur Sommersonnenwende!”

“Hm?”, machte die unwissende Novigraderin, die sich unter dem besagten Feiertag nicht allzu viel vorstellen konnte. Natürlich wusste sie, dass die Sonnenwende den Beginn des Sommers und den längsten Tag im Jahr markierte, aber abseits davon hatte sie keine Ahnung von den Festen und Bräuchen, die man hierzulande feierte. Rist hatte ihr früher einmal kurz von einem Eisfest Undviks erzählt, aber das war es auch schon wieder gewesen.

“Machst du morgen denn nicht mit, wenn wir feiern?”, wollte die kleine Schwester des Jarls wissen.

“Ähm. Naja, doch. Also... ich glaube schon?”, entkam es Anna eher vorsichtig. Sie müsste heute Nacht und bis zum Morgengrauen vor den Festungstoren stehen. Abgesehen von einem vormittäglichen Ausschlafen danach hatte sie aber nichts vor. Sie stand am Mittsommertag nicht auf dem Dienstplan der Wache und fragte sich just, ob dies ein Zufall war. Wohl kaum. Sicherlich wollte Hjaldrist, dass sie die Feierlichkeiten der Insel miterlebte, anstatt irgendwo hier, in der Festung, herumzustehen und in die Luft zu starren. Sie musste dieser Annahme wegen schwach lächeln und dankte dem guten Kerl im Geiste dafür.

“Oh, ich will hoffen, dass du mitmachst!”, grinste Merle und lehnte sich leicht vor. Sie erschien ganz aufgeregt.

“Es gibt zu Mittsommer so viel zu tun. Alle unverheirateten Frauen sammeln an dem Tag sieben verschiedene Blumen und legen sie dann, in der kurzen Nacht der Feierlichkeiten, unter ihre Kopfkissen. Und wenn sie dann von einem Mann träumen, wird der ihr Zukünftiger sein!”, grinste das Mädchen mit der Fuchssträhne wölfisch “Ich hoffe also, dass ich von Aroon träumen werde!”

Anna blinzelte irritiert und musste lachen, als sie dies hörte.

“Du hast es wirklich mit diesem Aroon, was?”, kommentierte sie und Merle nickte schnell.

“Ich werde mich vor dem Schlafengehen ganz fest auf ihn konzentrieren, dann träume ich bestimmt von ihm!”, nahm sie sich vor. Ihr Blick blieb an Anna hängen und musterte sie eingehend. Sie überlegte kurz, bevor sie weitersprach.

“Lass uns morgen zusammen Blumen sammeln gehen, Anna! Pavetta hat das sonst immer mit mir gemacht, aber seit dem letzten Herbst ist sie ja mit Ivar verlobt.”, die Kleine runzelte die Stirn und rollte genervt mit den braunen Augen “Deswegen darf sie sich keine Blüten mehr unter das Kissen legen.”

Die anwesende Kräuterkundige lachte auf dies hin unwohl berührt und fuhr sich mit der Hand durch den Nacken.

“Mh. Ich weiß ja nicht…”, murrte sie etwas kleinlaut “Du hast doch sicher genug Freundinnen, Merle…”

“Aber ich will es mit dir machen.”, lächelte Merle breit und mit einer stummen Herausforderung in der Stimme “Oder hast du etwa Angst?”

“Was?”, entkam es der gut zehn Jahre älteren Schwertkämpferin verdattert “Angst...?”

“Na, davor, dass du von dem Mann träumst, den du später einmal heiraten wirst.”, schnaufte das Mädchen erheitert und Anna sah sie unbeholfen lächelnd an. Ob sie… sich davor fürchtete von einem Kerl zu träumen, der sie in Zukunft angeblich ehelichte? Nein. Denn es gab niemanden, der mit ihr anbandeln würde. Zwar hegte sie nach wie vor sehr starke Gefühle für einen ganz bestimmten Undviker, doch jene waren heute einseitig und daher vergebens. Die närrische Frau hatte es sich ganz übel mit Hjaldrist verspielt und müsste es sich irgendwie aus dem Kopf schlagen ihm jetzt, viel zu spät, näher kommen zu wollen. Anna’s Plan ihr Verliebtsein auszusitzen und so gut zu ignorieren, als möglich, stand demnach nach wie vor und daran würde sich nichts ändern. So sehr es sie auch durcheinander brachte und wehtat, müsste sie vergessen. Und dann, soviel schwor sie sich, würde sie niemandem jemals wieder emotional zu nah treten. Zu heiraten oder mehr war so undenkbar. Und ein Brauch, in dem es darum ging von seinem Zukünftigen zu träumen, war nur eine unbedeutende Idee. Ja, warum sollte Anna also nicht zusammen mit Merle losziehen, um Blumen zu pflücken? Es war doch solch eine harmlose Sache und vielleicht fände sie dabei ja auch noch ein in paar nützliche Kräuter. Die Druiden sagten, Wurzeln, Stängel und Samen, die am Mittsommertag gesammelt wurden, seien besonders wirksam.

“Nein, ich habe keine Angst.”, meinte die Kurzhaarige nach ihrer Pause also “Ich komme mit.”

Merle lachte auf diese Versicherung hin freudig auf und strahlte über das ganze Gesicht.

“Jaaa!”, schnappte das langhaarige Mädchen lachend und riss dabei die Hände in die Luft. Es war unheimlich erheiternd sie so froh zu sehen und unglaublich, wie gerne sie Anna hatte.

“Was macht man zu der Feier morgen denn noch so?”, fragte die Nordländerin bald neugierig nach und die gut gelaunte Merle stand ihr bereitwillig Rede und Antwort. Bisher war sie nicht einmal dazu gekommen ihr Heringsbrot zu essen, so aufgeregt war sie.

“Also der Bäcker sammelt ganz früh Morgentau und mischt ihn in seinen Teig. Daraus backt er dann die kleinen, runden Brote für das Fest.”, erzählte die Jarlsschwester aufgeregt “Die isst man dann mit dem Kümmelkäse, den es nur zu Mittsommer gibt!”

“Kümmelkäse.”, wiederholte die Novigraderin verdutzt. Wer tat denn bitte Kümmel in Käse?

“Und… ähm, es gibt Met und Bier für alle! Unsere Familie spendiert davon ganz viel, damit niemand durstig bleiben muss.”, freute sich Merle und kassierte dafür einen mahnenden Blick. Sofort lachte sie nervös.

“Ich trinke nur ein kleines Bisschen, versprochen!”, hustete das Mädchen kleinmütig.

“Das will ich hoffen…”, grinste Anna wissend “Erinnere dich an das Versprechen, das du mir gegeben hast, du Unholdjägerin in spe.”

“Klar.”, grinste die Langhaarige noch mit gestrafften Schultern “Aber hör mal zu, ich kann dir das morgige Fest noch weiter erklären.”

“Na dann, schieß los.”

“Am großen Platz der Stadt wird ein hoher Baum aufgestellt, um den man herumtanzt. Es gibt Musik und Spiele, um den Sommer willkommen zu heißen.”, plapperte Merle weiter “Alle Frauen bekommen bunte Blumenkränze für ihr Haar und die Männer tragen welche aus Eichenblättern. Jeder hat schöne Gewänder an und ich freue mich schon richtig! Pavetta hat mir nämlich nur für diesen Anlass ein Kleid genäht! Eins in Grün, mit roter Borte! Rot ist nämlich meine Lieblingsfarbe.”

“Das klingt toll.”, lächelte Anna leicht. Tatsächlich war sie nun schon ziemlich gespannt auf das rauschende Fest der Insel. Sie hatte ewig lange keinem mehr beigewohnt und konnte sich, um genau zu sein, auch an keine große Feierlichkeit in den letzten Jahren erinnern, die sie einfach nur sorgenfrei hatte genießen können. Heute, da hatte sie zwar ein riesiges Problem, wenn es um ihre mentale und körperliche Gesundheit ging… doch es war auch eines, über das sie selbst kaum Macht besaß. Es war leider zu groß für sie; der Magier, der sie im Zaum hielt, unauffindbar. Und es gab im Moment nichts, das Anna tun könnte, außer jeden Tag Hexertränke zu sich zu nehmen und darauf zu hoffen, dass alles gut enden würde. Nichts drängte sie voran, machte sie ungeduldig oder bedrohte sie so aktiv, dass sie sich unbedingt wehren oder fortlaufen müsste. Es gab zudem niemanden, der ihr unerwartet Arbeit geben würde, denn ihr Alltag auf Undvik war klipp und klar geregelt. Also könnte sie morgen einfach zu dem Fest und… an nichts weiter denken. Tatsächlich. Anna könnte mit Aldoran und Ravello beisammensitzen und etwas trinken. Merle würde sie auf Trab halten und vielleicht hätte sogar der sonst so geschäftige Rist Zeit für sie. Das wäre wirklich schön…

“Ich hoffe, du hast auch ein tolles Kleid, Anna.”, machte Merle noch und die burschikose Frau sah auf “Nicht, dass du in deinen normalen Klamotten auftauchst.”

“Sag bloß, meine gewöhnliche Ausrüstung gefällt dir nicht…”, grinste Anna auf dies hin schief “Das wäre ja mal was ganz Neues.”

“Waas?”, keuchte die kleine Falchraite betreten und ihr Idol kam aus dem Schmunzeln nicht mehr raus. Es war komisch, wie ernst es Merle mit den hiesigen Festen nahm. Es schien, als seien jene den Skelligern wirklich sehr, sehr wichtig.

 

Am nächsten Tag streiften Anna und Merle erst gegen Mittag umher, was vor allem daran lag, dass die Giftmischerin im Bunde bis in die frühen Morgenstunden gearbeitet und danach erst einmal geschlafen hatte. Nun aber, gingen sie vor der hohen, steinernen Stadtmauer durch das knöchelhohe Gras, um nach hübschen Blumen und Kräutern Ausschau zu halten. Man hatte die beiden Frauen nur deswegen vor die Tore gelassen, weil Anna als Huskarl für die Jarlsschwester bürgte. Während sonst ein jeder vor die Stadt gehen konnte, wann es ihm beliebte, war die wichtige Jarlsfamilie nämlich davon ausgenommen und abgesehen von Hjaldrist, der sich als ‘Held’ ab und an gegen diese strenge Regelung stellen konnte, kamen die wehrlosen Frauen der Familie nicht alleine hinaus. Daher mussten sie, wenn sie einen Ausflug machen wollten, jemanden ihrer Garde bei sich haben, der auf sie aufpasste. So, wie Merle nun Begleitung in Form von Anna hatte. Dass letztere ihre Rüstungsteile nicht trug, war einerlei. Als Versicherung für das Wohlergehen der Jarlsschwester genügte das Silberschwert an ihrer Hüfte. Dies sogar, obwohl sich nur ein Kleid an ihren Körper schmiegte: Das rote, das man ihr einst im Caed Myrkvid geschenkt hatte. Sie raffte dessen vorderen Saum hoch, als sie durch die feuchte Wiese spazierte und den Hals reckte, um nach Blumen zu äugen. Vier verschiedene hatten sie und ihre quirlige Begleiterin schon gefunden. Blieben nurmehr drei und dies war bei der rauen Vegetation Undviks eine richtige Herausforderung. Anna verstand mittlerweile, warum man das Blumensammeln zur Sommersonnenwende als große Aufgabe betrachtete.

“Anna! Hier!”, hörte die Kurzhaarige ihr Anhängsel etwas weiter vorn rufen und ging zu Merle, die gerade mit einem kleinen Strauß lilafarbener Blüten winkte. Erfreut erkannte die Alchemistin das und kam bei der Langhaarigen mit den zwei Zöpfen zum Stehen.

“Das ist wilder Thymian.”, stellte sie positiv überrascht fest und Merle blinzelte fragend “Daraus kann man Tee kochen.”

Skeptisch murrte das Mädchen daraufhin.

“Was? Echt? Hm. Aber heute nicht!”, sagte es entschlossen “Die Blumen kommen unter mein Kopfkissen!”

Dann pflückte Merle noch ein paar weitere blühende Thymianstängel und reichte sie Anna, die neben ihr stand und sich mit einem Nicken bedankte. Blieben nur noch zwei Blumensorten. Und auch jene waren irgendwann gefunden. Etwas abseits der Stadt hatten Merle und Anna noch jeweils eine Margerite und etwas Löwenzahn gepflückt und damit genug Pflanzen, um dem Brauch zur Sommersonnenwende gerecht zu werden.

“Sag mal, Anna”, meinte das anwesende Mädchen in dem grünen Leinenkleid beschwingt, als sie sich auf den Rückweg machten “Von wem willst du heute träumen, hm? Ich habe gesagt, dass ich auf Aroon hoffe, aber du hast mir noch keinen Namen verraten!”

“Hm?”, gab die konfrontierte Frau zurück und tat so, als müsse sie ganz naiv über ihre Antwort grübeln “Mal überlegen…”

“Haa? Du musst wirklich darüber nachdenken?”, schnappte die Kleine stirnrunzelnd und musste schelmisch lachen “Aha! Du bist ja doch nicht so brav, wie du immer tust!”

“Vielleicht träume ich… von Ravello.”, log die Frau und Merle brach in lautes Gelächter aus. Aber was hätte sie stattdessen sagen sollen? ‘Ich habe vor kurzem mal geträumt, dass mich dein Bruder auf seinem Thron vögelt. Das war… inspirierend’? Bei Melitele, nein. Merle war schon wild genug und Anna hatte nicht vor dieses Mädel, das ihr so nacheiferte, auf dumme Ideen zu bringen, die Aroon und irgendwelche Stühle beinhielten.

“Was? Im Ernst?”, krähte das Mädchen vollkommen amüsiert “Von DEM?”

“Naja, er hat ein großes Weingut in Beauclair.”, grinste die Schwarzhaarige, die ihre leichtgläubige Gefährtin gerade haltlos veralberte “Mit ihm wäre ich schon gut dran. Und ich habe gehört, seine Familie hat ein Patent auf den wertvollsten Wein Toussaints. Wenn DAS mal nichts ist...”

“Aber er redet immer so komisch!”, beschwerte sich das kichernde Mädchen.

“Über sowas muss man eben hinweg sehen…”, lachte Anna leise und ihr verschmitzter Ausdruck wollte ihre Augen nicht so recht erreichen. 

“Mit meinem Bruder wärst du viel, viel besser dran, als mit einem Weinhändler!”, fand Merle und Anna klappte der Mund augenblicklich zu “Er sagt immer, dass er sich nicht für Frauen interessiert, aber mit dir redet er trotzdem immer sehr viel.”

“...Weil wir Freunde sind.”, tropfte es der Novigraderin als laue Antwort zäh von der Zunge “Und mit Freunden gibt man sich doch gerne ab.”

Sie schluckte schwer, räusperte sich verhalten und wechselte das Thema, um über etwas zu sprechen, das ihr keine Magenschmerzen bereitete. Verflucht nochmal. Kam es ihr nur so vor, oder schwebte ihr die verkackte Sache mit Rist permanent unwohl vor der Nase herum? War das so etwas, wie eine Rache dafür, dass sie ihn damals hatte sitzen lassen?

“Weißt du, was eine Archespore ist, Merle?”, fragte die Kriegerin und die zukünftige Riesentöterin Undviks horchte sofort auf.

“Nein. Was?”, wollte das Mädchen neugierig wissen und ein begeistertes Glitzern legte sich in dessen Augen.

“Das sind verfluchte Pflanzen.”, klärte Anna auf “Man sagt, sie würden an Plätzen wachsen, an denen grausige Morde begangen wurden oder Leute unter großen Qualen starben. In Toussaint gibt es sehr viele davon. Wegen des Klimas dort werden sie richtig, richtig groß...”

Merle gab einen erstaunten Laut von sich und ging dicht neben ihrer vermeintlichen Mentorin her. Sie war kleiner als die Ältere und reichte ihr nur bis zu den Schultern. Demnach musste sie ein Stück weit aufsehen. Ihre Familie war generell nicht sehr hochgewachsen, was an den Elfengenen liegen mochte. Rist war unter ihnen der Größte. Und er war genauso groß wie Anna.

“Echt? Hast du schon einmal eine Archespore gesehen? Wie sehen die aus?”, wollte die unheimlich interessierte Skelligerin wissen “Wie kämpft man gegen sie?”

Anna erzählte der motivierten Merle auf dem Weg zurück in die Stadt alles, was sie über die besagten verfluchten Pflanzenwesen wusste. Wie man am besten gegen jene vorging und welche von deren Komponenten man für die Trankmischerei benutzen konnte. Dass man ihr Gift in geringen Dosen auch in Wundsalben mischen könnte oder sie empfindlich auf Igni reagierten. Und die frühere Vagabundin ertappte sich währenddessen dabei es schmerzlich zu vermissen auf die Monsterjagd zu gehen. Irgendwann, wenn sie wieder gesund wäre, würde sie Hjaldrist darum bitten sie an die südliche Grenze zu schicken, um zu den Wegewächtern zu gehen. Das nahm sich Anna ganz fest vor.

 

Es dauerte, nachdem Merle und Anna in die kleine Stadt zurückgekommen waren, nicht mehr lange, bis es am großen Hauptplatz des Ortes laut und lustig her ging. Die Novigraderin in dem Kleid der Druiden war gerade einmal dazu gekommen ihre teure Waffe zurück in die Burg zu bringen, da hatte sie schon loseilen müssen, um zu den anderen aufzuschließen. Und als sie dann auf den bunt geschmückten Hauptplatz gekommen war, waren dort schon viele Menschen versammelt gewesen, um einer kurzen Ansprache ihres Jarls zuzuhören. Jetzt, kaum eine Stunde später, flossen Met und Bier bereits in Strömen und die Stimmung hätte nicht ausgelassener sein können. Es duftete nach frischem Brot und der annähernd runde Platz war mit bunten Laternen, bemalten Segeltüchern und Girlanden aus feinem Stoff geschmückt worden. In dessen Mitte ragte ein dicker, hoher Baum in die Luft, den man von seinen unteren Ästen befreit hatte. Nurmehr der Wipfel der riesigen Fichte war vorhanden und unter diesem hatte man lange, breite Bänder in Grün und Blau festgeknotet, die heiter im Wind flatterten. Lachende Kinder sprangen um den Baum herum, spielten darunter miteinander und liefen schreiend umher. Bänke und Tische säumten den Platz, damit man gemütlich beisammensitzen konnte, eine Gruppe von Skalden sorgte für lustig hüpfende Musik und das nahezu wolkenlose Wetter war perfekt. Zwar war der Sommer in allen anderen Gefilden viel heißer, als auf Undvik, doch das passte Anna sehr gut in den Kram. Ihr wurde in letzter Zeit nämlich oft etwas schummrig und da käme sie mit großer Hitze nicht zurecht. Ein sehr milder Sommer war also das Beste, das ihr gerade passieren konnte. Zusammen mit Aldoran, Ravello, Merle und Märthe saß sie just an einem der dutzenden Tische und sie stießen mit ihrem ersten Humpen Met an. Adlet unterhielt sich nicht weit entfernt mit einer hübschen Elfe, die Anna nur zu bekannt vorkam, und von Hjaldrist war keine Spur zu sehen. Vermutlich wurde er, so wie immer, von irgendwelchen Leuten belagert oder musste noch irgendetwas Wichtiges erledigen. Er… er fehlte in der illustren Runde rund um Anna. Sehr.

Zwischen all den Leuten erschien auch Pavetta und das zusammen mit ihrem Verlobten Ilvar. Der schlanke Skelliger mit den rotbraunen Haaren und dem gepflegten Bart war ein eher wortkarger Typ und dennoch sympathisch. Er beobachtete lieber, anstatt im Mittelpunkt zu stehen, und galt als sanftmütiger Kerl. Er und Pavetta passten gut zusammen und Rist hätte sich wohl keinen besseren Schwager wünschen können. Die beiden besagten Verlobten hatten Blumen- und Laubkränze über ihre Arme gelegt, als sie sich näherten, und lächelten breit. Merle war die erste, die einen Kranz aus wilden Rosen und Lavendel aufgesetzt bekam und als Pavetta dann zu Anna trat, reichte Ilvar Ravello einen Kopfschmuck aus Eichenblättern.

“Ich hoffe, dir gefällt das Fest.”, meinte Pavetta lieb, als sie Anna sacht an der Schulter berührte, um nach deren Aufmerksamkeit zu haschen. Die Novigraderin sah zu der Stehenden auf, die ihr einen Blumenkranz auf das kurze Haar setzte. Sie beide waren ungefähr gleich alt, doch Rist’s Schwester wirkte so, so viel erwachsener und erhabener, als Anna es tat.

“Die Blumen stehen für das Leben und die Fruchtbarkeit.”, erklärte die Undvikerin, da sie ahnte, dass Anna nicht so viel Ahnung von skellischen Gebräuchen und dem Glauben der Inseln hatte “Heute feiern wir die Natur und stoßen mit den Göttern an.”

Ein wenig perplex sah die Nordländerin zu Pavetta auf, die so geduldig und nett mit ihr sprach. Rist’s Schwester war eine schöne Frau und ihr Lächeln ansteckend.

“Danke.”, machte Anna und rückte sich den Kranz aus Birkenzweigen und wilden Sommerblumen gerade “Für die Blumen. Und, ähm… für alles.”

Pavetta musste angetan lachen, als sie dies hörte und drückte die Schulter der Sitzenden noch einmal sanft. Dann sah sie sich schon nach Ilvar um, um sich mit ihm zusammen daran zu machen die restlichen Mittsommerkränze auszuteilen, die sie für Freunde und Familienmitglieder geflochten hatten. Anna sah den beiden froh nach.

“Bei meiner Ehre! Dieser Honigwein ist vorzüglich!”, staunte Ravello und Aldoran schnaufte amüsiert, als der Blondschopf verblüfft in seinen Becher sah. Die Alchemistin am Tisch linste zu den Männern zurück. Sie musste grinsen.

“Tja. Wenn die Skelliger etwas gut können, dann sich auf die Fressen hauen und Met ansetzen.”, sagte Anna wissend und nahm auch einen tiefen Schluck von dem süßlichen Gebräu. Merle saß neben ihr und führte sich Kirschsaft zu Gemüte. Es war erstaunlich, wie unkompliziert sie gerade war. Weniger überraschend kam es, dass sie immer wieder prüfend zwischen dem Beauclairer am Tisch und dessen kurzhaariger Freundin hin und her spähte. Offenkundig hatte sie nicht vergessen, dass Anna heute Mittag gemeint hatte, sie würde in der kommenden Nacht sicherlich von Ravello träumen.

“Vergiss die Schiffe nicht, Anna.”, warf eben jener ein “Sie sind beachtlich!”

“Äh!”, presste die Frau daher gezwungenermaßen hervor “Auf… Schiffe, die erst schaukeln, wenn ein heftiges Unwetter tobt! Und auf denen nicht mal ICH kotzen muss!”

“Jawoll!”, pflichtete der Ritter aus Toussaint bei und prostete Anna zu. Märthe lachte solange belustigt und schien sich zwischen den Jüngeren sehr wohl zu fühlen, obwohl sie nicht so viel zum Gesprächsthema beitrug. Es war wirklich angenehm hier zu sitzen und einfach einmal etwas Spaß zu haben. In den letzten Tagen hatte Anna viel zu selten mit ihren Engsten gesprochen und dies wollte sie heute nachholen. Aldoran fragte sie irgendwann, was ein Göttling sei und sie beantwortete ihm dies ausführlich. Ravello klugscheißerte über Rotwein und Räucherwürste und Märthe warf ihr geheimes Rezept für Fenchel-Brot in die Runde. Dazu passend kamen die Morgentau-Brötchen an den langen Tisch, von denen Merle am gestrigen Tag erzählt hatte, und der erstaunlich leckere, weiche Kümmelkäse ließ nicht zu lange auf sich warten. Der, den man hingegen am längsten vermisste, war Rist. Doch auch er tauchte irgendwann, nach gefühlten drei, vier Stunden, bei seinen Kumpanen auf und sah aus, als sei er schon ein wenig angeheitert. Bestimmt hatte ihn ein jeder in der näheren Umgebung auf einen Umtrunk eingeladen. Seine Krone hatte der Anführer der Clans längst gegen einen Blätterkranz ausgetauscht.

“Bei Freya’s Titten...”, kam es seitens des schief lächelnden Jarls zum Gruße “Macht mal Platz da…”

Und mit diesen auffordernden Worten quetschte er sich zwischen Merle und Anna auf die hölzerne Bank. Ein wohliges Seufzen entkam ihm, als er endlich saß und ehe er den Blick suchend über den Tisch wandern ließ. Er entdeckte dabei den Krug seiner jüngeren Kollegin aus Novigrad und zog jenen einfach dreist an sich heran. Ganz kurz musterte er den Blumenkranz auf deren Haupt interessiert, dann kam er auch schon auf seinen Gemütszustand zurück.

“Leute können manchmal echt anstrengend sein, das sage ich euch…”, meinte er, dann trank er einen Schluck und schob Anna ihren Zinnkrug wieder zu “Da kommt dieser Bauer einfach zu mir und will schon wieder über sein bescheuertes Feld reden. Gerade vorhin. HIER. Der sollte sich mal entspannen...”

Der arme Skelliger rieb sich die Schläfe, überlegte kurz und fischte dann noch einmal entnervt stöhnend nach dem Trinkgefäß seiner Freundin. Anna, der man hier den Wein wegsoff, gab einen protestierenden Laut von sich.

“Welcher Bauer?”, fragte Ravello.

“Na, der mit dem Tidtborg-Feld.”, erläuterte Rist augenrollend und brummte “Dass man nicht einmal auf einem Fest seine Ruhe hat…”

Der unwissende Ritter aus Beauclair warf Anna einen fragenden Blick zu, doch sie deutete ihm an bloß nicht weiter nachzuhaken. Zum Glück verstand er diesen Wink und hielt die Klappe.

“Wo hast du denn die ganze Zeit über gesteckt, Rist?”, wollte Anna wissen “Du bist nach deiner Rede verschwunden und ich dachte schon, wir kämen heute gar nicht mehr dazu zusammen zu trinken.”

“Ah.”, der hübsche Skelliger zuckte die Achseln “Haldorn, seine Leute und ich haben noch die Boote an den Strand gezogen.”

Die Frau runzelte die Stirn und blinzelte verwirrt. Sie stahl sich ihren Zinnkrug zurück.

“Welche Boote?”, wollte sie neugierig wissen.

“Zu Mittsommer werden kleinere, ausgediente Boote verbrannt.”, erklärte der Mann “Das macht man jedes Jahr so. Man holt die Wracks an Land und spät nachts gibt es dann ein abschließendes, großes Feuer.”

“Genau! Das ist immer richtig riesig!”, lächelte Merle breit und erwischte dabei den Arm ihres Bruders, der neben ihr saß. Froh drückte sie jenen und wollte gar nicht mehr loslassen.

“Ich freue mich echt darüber, dass ihr alle dabei seid!”, meinte sie jauchzend und die Miene Annas wollte weicher werden, als sie dies hörte und sah, wie sich die kleine Skelligerin an ihrem großen Bruder festhielt. Das heutige Fest war die erste Sommersonnenwende seit fünf Jahren, die Merle wieder zusammen mit Hjaldrist feierte. Sie musste sich wirklich von Herzen freuen ihn bei sich zu haben und ihn nicht so, wie fälschlich angekündigt, tot zu wissen. Rist lebte und war wieder hier, im Kreis seiner gutherzigen Familie, die ihn über alles liebte. Auch für ihn musste der heutige Tag richtig schön sein, nicht wahr? Anna fragte sich ja, wie es ihren Angehörigen gerade ging… Vadim, Jaromir und auch denen in Novigrad. Oh, sie müsste ihrem Bruder Niklas endlich einmal wieder schreiben. Er war der einzige der Familie, der neben Anna noch lesen konnte und trug ihre Briefe immer der Mutter und den restlichen drei Geschwistern vor. Jedenfalls hatte er in einem seiner Antwortschreiben einmal davon erzählt. Die Alchemistin im roten Kleid konnte es sich nur zu gut vorstellen, wie er aufgeregt zu dem kleinen Fischerhäuschen in der Vorstadt lief, um dort allen Anna’s Nachrichten vorzutragen. Die Besagte musste schwach lächeln, als sie daran dachte, und wurde ein wenig melancholisch dabei. Irgendwann einmal, da würde sie zurück nach Novigrad reisen, um ihre Familie zu besuchen, anstatt jener bloß Briefe oder Geld zu schicken. Ob Niklas noch immer bei der Stadtwache arbeitete? Er wäre sicherlich schrecklich stolz auf seine kleine Schwester, wenn er erführe, dass sie nun bei der Hausgarde eines Jarls Skelliges diente. Und dann… dann würde ihm alles aus dem dämlichen Gesicht fallen, wenn Anna ihm schmunzelnd sagen würde, dass genau dieser Adelige Hjaldrist sei.

“Hey, warum das Grinsen, Flohbeutel?”, kam es von der Seite und die aufblickende Alchemistin sah in die forschenden Augen ihres besagten, blaublütigen Kumpanen “Lass uns mal an deinen lustigen Vorstellungen teilhaben!”

“Oh.”, machte Anna ertappt und holte Luft für eine kleine Lüge “Ich fragte mich gerade nur, ob du den heutigen Tag überstehen wirst, ohne am Ende schlafend unter dieser Bank hier zu liegen...”

Sie deutete nach unten und Rist verengte den Blick mit einem belustigten Schnauben.

“Ey. Ich habe mich seit einer Ewigkeit nicht mehr so richtig betrunken.”, beschwerte er sich halbernst “Lass mir also meinen Spaß. Heute ist mein freier Tag und dem nächsten, der mir mit Tidtborg-Feldern kommt, dem haue ich auf’s Maul.”

Ravello lachte auf diese Äußerung hin leise in sich hinein und schenkte Anna nach, damit sie dem durstigen Jarl ihren Humpen schmunzelnd zuschieben konnte. Er selbst hatte seinen nämlich irgendwo vergessen, so schien es.

 

Der Nachmittag nahm seinen Lauf und entgegen Anna’s Erwartungen hielt sich Hjaldrist wacker. Es mutete bald so an, als habe er einen angenehmen Alkoholpegel gefunden, den er auch hielt. Damit war er bester Laune, doch nicht haltlos betrunken. Ganz anders, als Ravello, der nach weniger Zeit einfach so und mit dem Kopf am Tisch eingeschlafen war. Aldoran hatte den schnarchenden Ritter mit seinem ledernen Hut, einem angebissenen Brot, einer leeren Flasche und einem zerknüllten Blatt Papier dekoriert, während sich Anna und Hjaldrist seit einer geraumen Zeit so gut miteinander unterhielten, wie schon lange nicht mehr. Die Novigraderin mit der gelockerten Zunge hatte ihrem besten Freund in der letzten Stunde erzählt, wie sie es geschafft hatte einen Gabelschwanz mit Kartätschen, die sie in einer Teigwanne befestigt hatte, zu töten. Gefolgt war die Geschichte rund um die tiefen Narben in ihrem Gesicht und ihre Zeit in der Armee der Nilfgaarder. Die kurzhaarige Frau hatte Rist einfach alles erklärt. Dass sie es damals, nach ihrer Flucht von hier, versucht hatte, wieder nach Undvik zu kommen und erkannt hatte, dass es kein Zurück mehr gäbe. Dass sie nach Angren gegangen war und Ravello dort wieder getroffen hätte. Sie hatte ihm von kleineren Aufträgen in dieser Zeit erzählt, von der Albino-Bruxa, uralten Neblingen, Nekker-Nestern und Dörflern, die einen nur mit Mehl bezahlten; Von einem Zeugl in der Kanalisation Spallas, Ertrunkenen und Barghesten. Und von einem Kartenspiel mit einer Stadtwache, bei dem sie einen ausrangierten Bogen gewonnen hatte.

“...Ich war danach so betrunken, dass ich bei Saov in den Stallungen geschlafen habe.”, endete die Kräuterkundige ihre Erzählung über ihren kurzen Aufenthalt in Rivien “Aber das machte nichts. Ich hatte nicht mehr viel Geld über und habe mir damit das Tavernenzimmer erspart.”

Rist lachte, als er das hörte, doch maß Anna auch mit einem wissenden Blick. Spätestens jetzt konnte er es sich sicherlich zu gut vorstellen, wie seine Freundin gelebt haben musste, als sie alleine umhergereist war. Und, Scheiße, dieses einsame Leben bei wenig Essen und langen Märschen war richtig anstrengend gewesen. Anna war froh heute genau da zu sein, wo sie soeben saß: Auf Undvik und im Kreis ihrer Freunde. Bei Hjaldrist.

“Du warst ja, wie der Hexer Gerd!”, warf Merle ein und musste grinsen “Der hatte auch nie Geld!”

Anna hielt inne, als das vorlaute Mädchen dies sagte und musste lachen.

“Ach ja…”, machte sie abfällig, als sie sich an die Geschichte des Bärenhexers Skelliges erinnerte und spürte den schiefen Blick Rists an sich kleben. Sich ganz offensichtlich einen sehr dummen Kommentar verkneifend, fasste der breit schmunzelnde Undviker auf ein Neues nach dem Krug seiner Kumpanin aus dem Norden.

 

Das große Feuer am späten Abend gestaltete sich als imposant. Unzählige Menschen der Winterinsel waren zum nordwestlichen Strand spaziert, um den Flammen im Zwielicht der Mittsommernacht zuzusehen. Es war ein wahres Spektakel die uralten, kaputten Boote brennen zu sehen und auch Anna beobachtete das Geschehen aus großen, staunenden Augen. Das knackende, knisternde Feuer hier am Strand, mit dem Meer dahinter und dem halbdunklen Himmel darüber, war wunderschön. Es warf einen tanzenden, orangen Schein auf die Gesichter der Anwesenden, die lachten, tanzten und tranken. Glutfunken stoben verspielt umher und es roch angenehm nach Salzwasser, brennendem Eichenholz und Harz. Die meisten Undviker hatten ihre bis zum Rand gefüllten Bierhumpen oder Flaschen mitgebracht, andere hatten sogar kleine, hölzerne Bollerwägen voller Schnaps bis hierher gezogen. Die Stimmung war, in dieser Nacht, die nicht ganz dunkel werden würde, nach wie vor sehr ausgelassen und heiter.

“Diese Leute machen sich wirklich eine richtig große Mühe rund um dieses Fest hier.”, gab Aldoran, der neben Anna stand, das Offenkundige von sich. Sie riss den Blick vom Mittsommerfeuer fort und sah zu dem Apotheker hin. Auch Adlet und Märthe waren hier, während Rist gerade etwas abseits bei seinem Bruder stand und sich beschwingt mit jenem unterhielt.

“Natürlich!”, antwortete der Druidenonkel der Falchraites froh “Der Mittsommer ist nach dem Eisfest einer der wichtigsten Feiertage der Inseln!”

“Und der schönste, wie ich finde.”, fügte Märthe dem gutmütig lächelnd hinzu.

“Verstehe.”, nickte der Mann aus dem Bogenwald. Anna linste über dessen Schulter zu Henrik und Matilda, die in ihren vollen Monturen und schwer bewaffnet Wache hielten. Fast die ganze Garde und Stadtwache war hier versammelt und beobachtete die Umgebung genau. Auch deren Mitglieder, die heute frei hatten, kamen aus dieser umsichtigen Aufmerksamkeit nicht so ganz heraus und Anna ertappte sich ebenso dabei an den Meeresriesen zu denken, gegen den sie und Hjaldrist hier, an diesem Strand, gekämpft hatten.

Doch es passierte nichts. Das lockere, laute Fest nahm an der friedlichen Küste seinen Lauf und viele Feiernde tanzten mittlerweile mit bloßen Füßen um das große Feuer. Auch Anna hatte sich die Stiefel längst ausgezogen, um die Zehen in den weichen Sand zu stecken. Anders, als viele andere, tanzte sie aber nicht, sondern beobachtete das lustige Geschehen lieber. Zusammen mit Aldoran saß sie am Rande und sie tranken miteinander. Rist’s Großtante, Ehillea, hatte sich ebenso zu ihnen gesellt. Die schöne, blonde Elfe, die einst im Caed Myrkvid auf den Plan getreten war, hatte Anna vorhin freudig begrüßt. Sie beide hatten sich ein wenig über dies und das unterhalten, ohne dabei zu tief zu greifen, denn sie waren dafür schon etwas zu betrunken und ernste Themen hatten am Mittsommerabend keinen Platz. Also saßen sie nun im grauen Sand und sahen der tanzenden, lachenden Meute zu. Zwei Skalden sorgten für gute Musik und immer wieder kam jemand mit einem scheppernden Bollerwagen vorbei, um reichlich Met nachzuschenken. Merle hüpfte mit ihrem Aroon um die emporzüngelnden Flammen, Pavetta und Ilvar schlossen sich ihnen an und jeder von ihnen lachte laut. Es war richtig erheiternd und schön hier zu sein. Anna kam aus dem Lächeln gar nicht mehr heraus. Jenes wurde umso breiter, als Rist wiederkam, nachdem er sich von der grölenden Runde um seinen jüngeren Bruder gelöst hatte. Und er wankte dabei beachtlich.

“Da is aber jemand betrunken!”, erkannte Anna richtig, als sich der Jarl bei Ehillea, Aldoran und ihr niederließ. Dabei tat sie sich selbst schon ein wenig mit dem Reden schwer.

“Hätt mich ja echt gewundert, wenn nich!”, gluckste der augenrollende Undviker schlagfertig “Die Kumpels von Haldorn haben Grog in ihren Met gemischt. Mann, das haut vielleicht rein! Aber es schmeckt so gut...”

Die drei anderen Anwesenden lachten dieser Schilderung wegen belustigt auf und niemand maß den Kerl, dem der Rum die Röte auf die Wangen getrieben hatte, mit eigenartigen Blicken. Denn hier, auf Skellige, durfte sich auch ein Jarl einmal ordentlich unter den Tisch saufen. Man mochte gar meinen, dies gehöre zur herzlichen und feierwütigen Kultur des Westens. 

Und als das Feuer am Strand dann irgendwann langsam erlosch, war Rist tatsächlich jenseits von Gut und Böse. Dies aber keinesfalls in negativer Manier, denn die Laune der Schnapsdrossel in Grün hätte besser und unterhaltsamer nicht sein können. Als er, zusammen mit Ehillea, Aldoran und Anna, den holprigen Weg zurück zur Falkenburg nahm, redete er, wie ein Wasserfall, obwohl seine Worte nicht mehr gerade aus seinem Mund herauskommen wollten. Irgendetwas über Kriegsschiffe plapperte er, weil sich der lallende Apotheker im Bunde dahingehend auf eine Diskussion mit ihm eingelassen hatte. Keiner der Gruppe ging mehr gerade, selbst die Elfen-Großtante mit den Batist-Höschen nicht. Sie kicherte ob ihrer dümmlichen, männlichen Gefährten immer wieder und musste den Kopf schütteln, als Aldoran Hjaldrist weismachen wollte, dass es schnellere und längere Schiffe gäbe als skellische Langboote. Der empörte Jarl, wiederum, argumentierte stur dagegen, da Langboote, doch das ‘Lang’ im Namen hätten und daher unverkennbar die längsten Schiffe seien. Anna schnaufte erheitert und mischte sich nicht ein. Sie hatte so und so schon genug damit zu tun auf der unebenen Wiese gen Burg nicht über ihre eigenen Füße zu fallen. Der bunte Blumenkranz hing ihr schief vom Kopf und sie bemerkte das nicht einmal mehr. Als der Weg einmal kurz steiler wurde, packte sie von hinten an Hjaldrist’s Gürtel, um sich ächzend mitziehen zu lassen, und hätte den laut meckernden Schönling damit fast zu Fall gebracht. Alleine, so war sie ganz fest der Meinung, hätte sie den unüberwindbaren Berg kaum erklimmen können. Es glich einem Wunder, dass es die kleine Gruppe später überhaupt noch in die Stadt zurück und bis zum Festungstor schaffte. Die Wachen an der Pforte verkniffen sich gewaltsam das Grinsen, als Aldoran, Rist und Anna laut herummaulend nahten. Irgendwo, unterwegs, mussten sie Ehillea verloren haben, aber sei’s drum.

“Und ich hab dem Lado gesagt…”, meinte der besoffene Apotheker mit dem Blätterkranz am Lederhut “Dass er übertreibt! Mit Igni und so, meine ich!”

“Find ich auch.”, nuschelte der Jarl neben ihm energisch nickend “So oft, wie der das macht, isses ja schon nimmer… äh, inte… interessant!”

“Genau!”, lallte der Bogenwalder weiter “Soller doch Zauberer auf Kinderge… geburtstagen werden!”

Anna, der dazu nichts Intelligentes einfiel, lachte nur laut und grunzte dabei fast.

“Schade, dasser nich da is!”, fand Rist wehleidig, sprang dann aber gleich in die Richtung eines ganz anderen Themas: “Boah, bin ich müde… ich gehör sowas von ins… in die Kiste.”

Dabei bemerkte der taumelige Narr nicht, wie sich Aldoran beiläufig an Anna wandte und es ihr auftrug den hochgelobten Jarl und Helden Undviks, der nicht mehr zurechnungsfähig sei, doch wohlbehalten ins Bett zu bringen. Das Wort ‘Zurechnungsfähig’ gelang dem Apotheker erst nach vier Anläufen, während er versuchte wissend zu grinsen. Und das ‘Wohlbehalten’ hatte einen ganz mehrdeutigen Beigeschmack.

“Was?”, meinte die besoffene Frau, an der die hintergründige Mimik und Tonart Aldorans komplett vorbeischossen “Wieso denn ICH?”

Sie war im Moment nicht mehr die Hellste, doch wer im Bunde war das schon?

“Weil du ja so’n Leibwächter bist. Da musste auf ihn aufpassen!”, grunzte der stellvertretende Bürgermeister “Ich geh jetzt jedenfalls. Gute Nacht euch zweien.”

Derweil unterhielt sich Rist mit sich selber. Laut denkend fragte er sich, wie viel es wohl koste, sich einen Thron schnitzen zu lassen, dessen Armlehnen wie Schlangenköpfe aussahen. Er realisierte gar nicht, dass sich der erschöpfte Aldoran verabschiedet hatte und Anna damit vollkommen im Stich ließ. Jene sah sich just unbeholfen nach dem Kerl in der grünen Tunika um und versuchte ihn nur einmal, anstatt dreimal zu sehen. Den Blick zu fokussieren war aber leider nicht mehr drin und daher stöhnte sie überfordert. Bei Melitele’s Unterbuchse, war ihr schummrig. Hoffentlich müsste sie heute nicht noch kotzen...

“Ich mag Schlangen.”, schloss Rist seinen grüblerischen Monolog über Schnitzereien selbstsicher und die Novigraderin sah zu, dass sie eilig durch die große Halle strauchelte, um zu ihm aufzuschließen. Und während sie das tat, machten die vorigen Worte Aldorans in ihrem Dummschädel allmählich Sinn. Denn es war nicht nur so, dass der taumelige Hjaldrist so anmutete, als käme er allein nicht mehr in seine Gemächer, sondern seine Freundin ertappte sich in ihrem momentanen Zustand dabei ihn unbedingt begleiten zu wollen. Wie Schuppen fiel ihr diese verwegene Idee von den Augen. So war sie eben. Ein, zwei Humpen Bier zu viel und sie wurde anhänglicher, als es ihr guttat. Aber nun gut, für Hjaldrist war es eigentlich keine negative Tatsache, dass die schwankende Anna nicht von seiner Seite wich. Denn nur ihr hatte er es am Ende zu verdanken sein großes Bett überhaupt zu erreichen. Auf dem Weg dorthin hatte er sich nämlich einmal in eine Vase übergeben müssen und wäre dann, hätte Anna ihn nicht feste wachgetreten, auf der Treppe, die in das obere Stockwerk der nördlichen Trakte führte, eingeschlafen.

“Urgh…”, keuchte die Schwertkämpferin geschafft, als sie mit Hjaldrist vor dessen Schlafgelegenheit kam und den halb weggetretenen Jarl endlich loslassen konnte, damit er sich schwerfällig hinlegte “Dabei hab ich erst mor… morgen wieder Dienst...”

Wie hatten es die beiden ehemaligen Vagabunden überhaupt bis hierher geschafft? An die Hälfte der langen Strecke zwischen Strand und Schlafzimmer konnte sich Anna nicht einmal mehr erinnern. Sie wollte angestrengt darüber nachdenken, während Rist irgendetwas Unverständliches vor sich hin murrte, doch es wollte ihr absolut nicht gelingen. Der kaputte Skelliger lag da rücklings auf der weichen Matratze, zwischen einem zotteligen Eisbärenfell und hübschen Kissen, und seine Beine baumelten noch von der breiten Bettkante. Seinen Eichenlaubkranz Pavettas hatte er irgendwo verloren und so, wie er da hing, würde er sich heute kein Stück mehr rühren, solange er nicht müsste. Er nuschelte ein verunglücktes ‘Danke, Anna’ - na, immerhin erkannte er sie noch! - fuhr sich stöhnend über das matte Gesicht und verstummte dann. Und anstatt einen blöden Witz zu schnappen und zu gehen oder ihrem Kollegen noch die wadenhohen Stiefel auszuziehen, damit er sich ordentlich unter seine Bettdecke verkriechen konnte, stand Anna jetzt einfach nur da. Ein wenig, wie bestellt und nicht abgeholt tat sie das und ihre vom vielen Alkohol glasigen Augen hingen starr an Hjaldrist. Ihre schmalen Schultern sanken ein Stück weit, als sie zu spät verstand, dass sie richtig gaffte und es nicht schaffte damit aufzuhören. Denn… der Anblick, der sich vor ihr ausbreitete, erinnerte sie stichelnd daran, was sie von ihrem Freund hielt. Zu viel. Viel zu viel. Und gleichauf bemerkte sie: Das hier, dieser seltene Moment, war eine Gelegenheit, die sich ihr so, so offensichtlich darbot. Viele Frauen hätten die Situation im Zimmer des völlig betrunkenen und daher entwaffneten Jarls ausgenutzt. Und, Asche auf ihr Haupt, aber Anna dachte plötzlich sehr intensiv darüber nach genau dies zu tun. Rist war völlig hinüber und würde gerade alles bereitwillig mitmachen, würde man ihn nur ein wenig dazu animieren. Die burschikose Alchemistin wusste zudem genau, wie sie das bewerkstelligen könnte, denn sie kannte diesen Mann wohl besser, als es ihm heute lieb wäre. Auch war sie nicht wie er, dieser viel zu gute und anständige Idiot. Anna war kein braves Schäfchen, keine Romantikerin, keine scheue Jungfrau, und das schon gar nicht, wenn es um ihr wildes Kopfkino bezüglich Rists ging, auf den sie es abgesehen hatte. Ja, ein jeder, der so tickte, wie sie, hätte die Gelegenheit nun am Schopfe gepackt und schamlos ausgenutzt. Erst recht, wenn der Alkohol mitmischte und einem so vertrauensvoll einflüsterte, dass man doch nur einmal lebte. Und die kranke Anna, die würde vielleicht sogar bald sterben, wer wusste das schon? Vielleicht hatte sie ja gar nicht mehr so viel Zeit und würde es morgen bitter bereuen, wenn sie jetzt nicht über den Mann kommen würde, den sie liebte, um ihn innig zu küssen und mehr. Sie müsste nur ein paar kleine Hebelchen umlegen und könnte haben, wonach sie sich in letzter Zeit und im Stillen so oft sehnte.

Noch immer hingen die schwarzen Augen der Frau auf dem, der da vor ihr am Bett lag und aussah, als schliefe er gleich ein. Und verdammt nochmal, er sah dabei so bildhübsch aus, dass es der Monsterjägerin ganz schwindelig wurde. Tief und langgezogen atmete Anna durch, taxierte den älteren Undviker nervös. Und sie fing dabei an sich nüchterner zu fühlen, denn das Adrenalin wünschte ihr gerade einen guten Abend. Das war gut, wenn man vorhatte jemanden dreist flachzulegen, fand der Alkohol. Denn so erinnerte man sich am nächsten Tag noch an den Spaß, anstatt nicht mehr zu wissen, was man nachts getrieben hatte. Etwas, das Anna wirklich lieber wäre, denn wer behielt gewisse Bilder nicht gerne im Kopf, wenn-

Oh. Oh, Götter! Die Augen der angetrunkenen Frau begannen leicht zu wandern. Sie stutzte, hielt den Atem einen schnellen Herzschlag lange an und ballte die kalten, feuchten Finger zu Fäusten. Was… was tat Anna hier überhaupt? WAS tat sie hier, verdammt? Sie zwang sich dazu den unsteten Blick endgültig von Hjaldrist fortzureißen und zog die Brauen weit zusammen, als sie in die Leere sah. Ein kleiner Schatten wollte über ihr Gesicht huschen und sie schüttelte den Kopf langsam und ungläubig über sich selbst; Über diese unglaubliche Art, die sie an den Tag legen konnte, wenn sie getrunken hatte. Ein leises Seufzen entkam der Kriegerin, dann sah sie nahezu kleinmütig zu dem Kerl am Bett zurück. Ihr war gerade unheimlich warm und kalt zugleich geworden und sie überlegte geschäftig, fummelte sich unruhig an den Säumen der aufwändig geschneiderten Ärmel herum. Denn Anna, die sich wie eine Einbrecherin fühlte, wusste: Sie sollte nicht länger bleiben. Doch sie WOLLTE. Und in diesem prekären Augenblick rasten ihr dutzende Ausreden und Rechtfertigungen dafür durch den dusseligen Kopf. An einer davon krallte sich die betrunkene Novigraderin dann hastig fest: Rist hatte viel zu viel gesoffen. Ja, was, wenn er sich später noch einmal übergeben müsste? Wenn jemand hier, bei ihm, wäre, bekäme er dabei sofort Hilfe. Die verzwickte Miene der Frau im roten Kleid lichtete sich ein wenig, als ihr diese dumme Idee in den verqueren Sinn kam. Oh ja, sie würde den Teufel tun ihren Freund falsch anzufassen. Anregend vieldeutige Gedanken hin oder her; was hatte sie sich gerade eben bloß gedacht? Sie war doch keine Vergewaltigerin auf der Suche nach Frischfleisch. Rist war ihr bester Freund und sie liebte ihn, sie wollte ihn niemals selbstgefällig ausnutzen und wünschte ihm nur das Beste. Anna… Anna würde also einfach so hierbleiben und zur Not helfen. Sie würde nicht lüstern starren, nichts tun, bloß da sein. Genau. Denn die traurige Vorstellung ihres Gästezimmers wirkte gerade so einsam und kalt. Früher, da hatten Rist und sie außerdem auch so oft zusammen in einem Bett geschlafen, nicht wahr? Es wäre schon in Ordnung, wenn sie bliebe. Nur heute Nacht. Und die Betrunkene würde ihre gierigen Finger bei sich behalten. Das nahm sie sich ganz eisern vor.

 

Ein kühler Luftzug, der Anna’s Wange streifte, weckte sie Stunden später. Leise murrend drehte sie den Kopf von diesem Lüftchen fort und vergrub das Gesicht brummig im dunklen Haar von jemandem, der da vor ihr lag. Dessen Körper hob und senkte sich unter dem Arm der anschmiegsamen Frau ruhig und regelmäßig, war angenehm warm. Anna wollte wohlig ausatmen und noch näher rutschen, da ging ein abrupter Ruck durch ihren Körper und sie erstarrte für wenige Sekunden lange wie zur Eissäule. Sie vergaß sogar darauf zu Atmen, als sie das unheimlich bequeme Bett unter sich spürte. Da war ein dichtes Bärenfell, das ihren Nacken kitzelte, und ein weiches Kissen unter ihrem Kopf. Scheiße. Abrupt ließ die im Hier und Jetzt ankommende Kriegerin den vor sich los, schreckte heftig zurück und fiel dabei von der Bettkante, an der sie leider so nah gelegen hatte. Sie ruderte einmal kurz mit den Armen, um Halt zu finden, doch das half ihr nicht. Kurzum machte die völlig entrückte Anna harte, polternde Bekanntschaft mit dem Boden vor Hjaldrist’s Bett. Dies mit einem überforderten Laut auf den Lippen und so vielen Gedanken, die sie nicht fassen konnte. Nein, verdammt! Das hier war nicht gut. Ganz und gar nicht gut. Den Oberkörper, von dem das rote Kleid eher schief, als recht hing, zögerlich aufrichtend, spähte die Kurzhaarige dem gezimmerten Bettgestell vor sich entgegen und schluckte trocken. Ihr armes Herz raste und, ach, sie war keineswegs gläubig, aber gerade, da schickte sie stumme Stoßgebete gen Himmel. Vielleicht erhörte sie dort oben ja jemand und zauberte sie ganz, ganz schnell weit weg von hier und ihrer misslichen Lage. Oh, hoffentlich schlief Rist so fest, dass er das hier alles gerade nicht mitbekam. Und HOFFENTLICH war er in der letzten Nacht zu betrunken gewesen, um sich heute noch an irgendetwas zu erinnern. Anna… Anna würde in dem Fall einfach rausschleichen, sich ganz schnell hinterrücks aus dem Staub machen und sich dann, irgendwo vor Caer Gvalch’ca, ein tiefes, dunkles Loch graben, in das sie sich setzen könnte. Ah, Kacke!

Die nervöse Alchemistin horchte, doch der schlummernde Jarl rührte sich kein Stück und kein Stoff raschelte. Also reckte sie mutig den Hals, um vorsichtig über die Bettkante spähen zu können. Und als sie dies tat, stutzte sie. Ein leises, abfälliges ‘Oh’ verließ ihre trockenen Lippen, denn der, mit dem sie vor wenigen Augenblicken so eng gekuschelt hatte, war zum Glück - oder leider, je nachdem - nicht der, für den sie ihn gehalten hatte. Nicht Rist lag da ausgestreckt auf seinem Bett, sondern Hugin, einer der riesigen, schwarzen Hunde der Familie. Der faule Köter lag brav da und sein Schwanz zuckte ein wenig, als Anna ihn perplex anstarrte. Doch abgesehen davon gedachte er nicht sich zu rühren. Er schmatzte, gab etwas von sich, das sich wie ein müdes Seufzen anhörte, und döste weiter. Und die aufgebrachte Novigraderin saß völlig zerfahren am Bettvorleger und musste erst einmal verstehen, was hier passierte. Lange starrte sie Hugin einfach nur verblüfft an und rührte sich dabei nicht vom Fleck. So, als fürchte sie, ihr könne etwas Böses geschehen, sollte sie sich bewegen. Ihr Kopf arbeitete derweil auf Hochtouren, als sie krampfhaft versuchte sich an den vergangenen, viel zu flüssigen Abend zu erinnern.

Gestern… gestern war nichts passiert, oder? Sie, Aldoran, Hjaldrist und Ehillea hatten am Strand gefeiert… und dann? Irgendwann waren Rist und Anna allein die Treppe hoch getaumelt, die hierherführte. Der trunkene Undviker war dabei einmal sogar eingeschlafen und dann… dann waren sie hier, im Schlafzimmer gewesen. Die Novigraderin hatte dem betrunkenen Jarl ins Bett geholfen. Und… und sie wusste nicht mehr genau, was danach passiert war, doch sie erinnerte sich daran an wilde, unangebrachte Dinge gedacht zu haben. Anna hatte-… sie hatte auf Hjaldrist’s Schoß klettern wollen, um ihn aufdringlich zu küssen und ihn beharrlich davon zu überzeugen mit ihr zu schlafen. Einfach so. Dabei hatte sie ihm zuflüstern wollen, dass es doch nur zum Spaß sei, so wie früher. Was sie wirklich fühlte und dass viel, viel mehr hinter allem steckte, hätte sie natürlich verschwiegen. Aber-

Oh, bei allem, was Anna lieb war… WAS hatte sie getan? Die entnervte Frau sah prüfend an sich runter, hatte noch all ihre Kleidung und sogar die etwas sandigen Stiefel an. Sie hatte es nicht so mit Unterwäsche, trug daher auch keine unter dem Kleid aus dem Caed Myrkvid, dennoch deutete nichts darauf hin, dass sie das, was sie sich im Suff in den Kopf gesetzt hatte, auch wirklich durchgezogen hatte. Sie… sie roch nicht nach Rist, ihr tat nichts weh, da waren keine verheißungsvollen nassen Flecken an Kleid oder den Laken. Um sich des letzteren zu vergewissern, lugte die errötete Nordländerin penibel prüfend gen Bett, zögerte lange, streckte die Hände daraufhin aus und kam sich wahnsinnig bescheuert vor, als sie die Matratze forschend betastete.

Nein, es war nichts passiert. Und jetzt, wo sie ganz angestrengt nachdachte, kamen ihr die Bilder zurück in den Sinn, in denen sie sich vor Stunden zum dösigen Rist gesetzt hatte. Sie hatte sich den Blumenkranz vom Kopf genommen und ihr war richtig schummrig gewesen. Und als sie sich hingelegt hatte, hatte sie das in einem vorsichtigen Abstand zu ihrem Freund getan. Ja, sie hatte die Hand auf seine Schulter legen wollen, um ihn irgendwie bei sich zu spüren, wenn sie einschlief. Doch sie hatte es am Ende gelassen. Momente später schon musste sie eingenickt sein und hatte bis jetzt geschlafen, wie ein Stein. Der Frau entkam daher ein tiefes, langgezogenes und erleichtertes Ausatmen, als sie den Kopf gegen den Matratzenrand sinken ließ. Wie eine getretene Idiotin saß sie da am Grund, das Gesicht an der Schlafgelegenheit und die Hände noch immer ausgestreckt am sauberen Laken.

“Scheiße, Arianna...”, wisperte sie sich selbst verstimmt zu “Hör auf mit solchen Sachen… das hätte SO schief gehen können...”

Es dauerte eine ganze Weile, bis sich die Verkaterte wieder gefangen hatte und den brummenden Kopf mit den wirren, schwarzen Haaren anhob. Ihr kleinmütiger Blick wanderte daraufhin, streifte den schlafenden Hugin, die schöne, dicke Bettdecke, Regale, Schränke, den Schreibtisch, die schmucken Fenster. Zwei von jenen reichten bis zum Grund, standen einen Spalt weit offen und sahen aus, wie Türen. Offenkundig hatte Rist einen richtig großen Balkon. Der Luftzug von vorhin musste von dort gekommen sein, denn man hatte die elfisch anmutenden Glaspforten ein wenig offengelassen, um frische Luft im Zimmer zu haben. Oder hatte ein bestimmter Jemand sie heute Morgen, nach dem Aufstehen, erst geöffnet, um zu lüften? 

Anna setzte sich etwas gerader hin und sie drehte den Kopf, um sich weiter umsehen zu können. Denn obwohl sie gewusst hatte, dass Hjaldrist hier, im Norden der Festung, schlief, hatte sie dessen neues Zimmer noch nie von innen gesehen. Und, Melitele, es war schön. Da, an einem Ende des Raumes, war eine kleine Treppe mit einem Dutzend schmaler Stufen, die auf eine mannshohe, offene Empore führten. An der Wand dort oben reihten sich hölzerne Bücherregale aneinander und von dem geschwungenen Geländer der Empore fiel ein Banner in den Hausfarben herab. Es gab einen großen Kamin, einen hübschen Waffenständer, an dem Erlklamm just lehnte, schmucke Gemälde an den Wänden. Und so wunderbar dieses Schlafzimmer damit wirkte, so musste man sich hier, allein, doch fast verloren fühlen. Jedenfalls hätte Anna nicht gewusst, was sie mit all dem Platz anfangen sollte, hätte sie hier gewohnt. Aber wie auch immer…

Leise ächzend erhob sich die wieder ruhigere Alchemistin endlich vom harten Boden und strich sich das rote Kleid vorne glatt. Beiläufig fuhr sie sich mit der Hand durch die vom Schlafen verstrubbelten Haare und rieb sich die schmerzenden Augen. Besser, sie ging jetzt. Sie hatte hier doch eigentlich nichts verloren. Und sie wollte nicht hier sein, wenn ihr bester Freund wiederkehrte. Tief atmete die Kurzhaarige durch, als ihr Kreislauf hingegen fand, dass sie bleiben sollte und ihr die Knie ganz weich wurden. Taumelig setzte sie sich auf die Bettkante zurück und fasste sich leise fluchend an das blasse Gesicht. Oh. Das… das gerade kam nicht von ihrem Kater. Ein eigenartig metallener Geschmack lag Anna plötzlich auf der Zunge und blind tastete sie an ihrem Gürtel entlang, bis ihre suchenden Finger die Tranktasche dort erreichten. Rist hatte Recht gehabt. Es war eine gute Idee Lado’s Mixturen immer bei sich zu tragen…

Anna versuchte Ruhe zu bewahren, als ihr das springende Herz zu rasen begann und ihre Hände ganz feucht und zittrig wurden. Sie schluckte mehrmals, in der Hoffnung den eigenartigen Geschmack auf ihrer schalen Zunge loszuwerden und zog sich ein kleines Fläschchen aus dem Trankgürtel, um es mit den Zähnen zu entkorken. Orientierungslosigkeit haschte schadenfroh nach ihr, doch die geistesgegenwärtige Novigraderin kam jener zuvor. Mit widerwilligem Gesichtsausdruck kippte sie sich verdünnte Schwalbe in den Rachen, legte ihre Phiole fort und verkrampfte sich, als sie der grausige Geschmack schüttelte. Leise musste sie husten. Dann spürte sie etwas Kaltes, Feuchtes an ihrer Rechten. Hugin war näher gerobbt, um sie ganz groß von unten her anzusehen. Mit der Schnauze stupste er ihren Handrücken an und leckte Anna einmal mit der riesigen Zunge über die kalten Finger, als wolle er sie damit trösten. Ein Verhalten, das die Frau mit der angesabberten Hand dazu brachte heiser lachen zu müssen, obwohl sie sich ob ihres verdrehten, schmerzenden Magens gerade gern hingelegt und gewürgt hätte. Scheiße. Hexertränke, obwohl jene sie irgendwie am Leben zu halten schienen, taten ihr ganz und gar nicht gut.

“Braver Hund…”, krächzte Anna und verkniff sich ein weiteres, angewidertes Keuchen. Stattdessen streichelte sie über den schwarzen Kopf des gutmütigen Rüden und kraulte ihm als Dank für seinen lieben Beistand hinter dem pelzigen Ohr. Dass es sich so anfühlte, als wolle ihr Lado’s Trank die Innereien verbrühen, wurde so fast zur Nebensache. Schwer seufzend ließ sich Anna niedersinken, um den Kopf auf Hugin zu betten und den Arm eng um das schwanzwedelnde, weiche Tier zu legen. Die Frau schlug die ganz glasig gewordenen Augen nieder und ihre Miene rutschte in eine bedauernde Richtung. Sie schluckte schwer und würde noch ein paar kleine Momente lange hierbleiben.

 

Nachdem Lado’s Absud angeschlagen und Anna wieder auf die Beine gebracht hatte, machte sich die Frau daran Hjaldrist’s großes Schlafzimmer endlich zu verlassen. Sich einen frohen Mut einredend und mit dem hechelnden Hugin auf den Fersen, öffnete sie die angelehnte Tür, die nach draußen, in den breiten Gang führte. Dort angekommen, lief sie in Haldorn. Großartig.

Der Bruder des Jarls hielt sofort verdattert inne, als ihm die verschlafene Frau im zerknitterten Kleid entgegenkam. Ungläubig musterte er sie von oben bis unten und dachte sich wahrscheinlich sonst was. Denn es war mehr als nur offensichtlich, dass sie nicht im Dienst und daher auf Patrouille war. Anna, indes, starrte ebenfalls nur ziemlich erschrocken und wagte es kaum sich zu rühren. Ein ‘Guten Morgen’ wollte ihren Mund ganz naiv verlassen, doch sie schloss jenen gerade noch rechtzeitig. Oh, was sollte sie jetzt tun? DAS hier war… unangenehm.

“Äh.”, entkam es der ratlosen Frau “Es ist nicht so, wie es aussieht-... also, ich meine…”

“Wo ist mein Bruder?”, schnappte der Pirat patzig und schnitt Anna damit das Wort ab. Sein strafender Blick sprach Bände.

“Ich weiß nicht.”, antwortete die nervöse Schwarzhaarige dünn und bekam als Antwort nur ein feindseliges Murren. Oh, der etwas ältere Undviker vor ihr sah aus, als hätte er ihr gerade am liebsten Eine verpasst. Dabei hatte Anna doch nichts getan! Also… beinahe hätte sie es in der vergangenen Nacht gewagt den hiesigen Jarl im Rausch dazu aufzufordern ihr das Hirn aus der bescheuerten Birne zu bumsen. Aber eben nur beinahe. Und obwohl sie sich gerade am liebsten gerechtfertigt hätte, packte sie ihre Vernunft, die mit dem Ausnüchtern zurückgekehrt war, und sagte ihr jetzt besser ganz schnell zu verschwinden. Denn am Morgen Eine vom wütenden Jarlsbruder zu kassieren, war nicht unbedingt etwas, wonach sich Anna sehnte. Also wich sie dessen finsterem Blick aus und schob sich ein ‘Entschuldige mich’ murmelnd an ihm vorbei. Tatsächlich ließ Haldorn die Kräuterkundige auch gehen. Welch ein Glück!

Kommentare zu Kapitel 115

Kommentare: 0