Kapitel 116 (Buch 4, 19)

Ihr Zimmer war so kalt und traurig

Als Anna am frühen Nachmittag ihren Dienst antrat, fühlte sie sich überraschend wach. Ja, ‘überraschend’. Schlussendlich hatte sie in der vergangenen, feuchtfröhlichen Nacht nicht viel geschlafen und sich heute, nachdem sie sich ganz betreten zurückgezogen hatte, noch übergeben müssen. Sie wusste nicht, warum es ihr so schwindelig und übel geworden war. Entweder ihres Katers wegen oder weil Lado’s Trank ihrem Magen selten gut tat. Womöglich aber auch beides. Anna hatte bisher auch nur einen Apfel gegessen und hatte die Stunden bis zu ihrer Schicht damit verbracht schlapp und ächzend im Bett zu liegen. Und das dieses Mal in ihrem EIGENEN. Geschlafen hatte sie zwar nicht, doch die Augen einfach ein wenig zuzumachen, hatte ihr gereicht, um Henrik jetzt federnden Schrittes abzulösen. Der Kerl hatte viel zu lang gearbeitet; so, wie immer.

“Schönen Tag.”, wünschte die Novigraderin dem müden Hünen mit dem blonden, geölten Bart noch und er nickte ihr zum Abschied zu, ehe er ging. An seiner statt bezog die Kurzhaarige den Posten am Eingangstor zur Festung. Forschend ließ sie ihren Blick schweifen. Das Wetter war auch heute wieder schön und da die Burg auf einer kleinen Anhöhe stand und sich damit über die Stadt erhob, konnte man den im Wind flatternden Festtagsschmuck des gestrigen Tages am Hauptplatz erspähen. Nicht viele Leute waren dort unterwegs. Wahrscheinlich schliefen sich die meisten noch aus. Anna konnte nicht anders, als leicht zu lächeln, wenn sie an den vergangenen, rauschenden Mittsommerabend dachte. Es war faszinierend, wie laut und lustig die Skelliger feiern konnten und dies sogar hier, auf der rauesten Insel des Archipels. Wenn man als Außenstehender Geschichten Undviks hörte, stellte man sich den Ort so feindselig vor; verwüstet, gefährlich und unsäglich karg. Aber dem war nicht so. Es war schön hier, obwohl es oft arschkalt wurde, die Vegetation dementsprechend ausfiel und wahrhaftige Riesen und Zyklopen an den Grenzen gen Süden oder im Meer lauerten. Man musste klug und achtsam sein, wenn man hier überleben wollte. Doch tat man das, war Caer Gvalch’ca ein herrlicher Ort mit herzlichen, gastfreundlichen Menschen. Anna war gerne hier, obwohl es sie früher oder später in den Süden Undviks ziehen würde. Nicht, weil sie weglaufen oder jemandem aus dem Weg gehen wollte, sondern, weil sie es vermisste Monster zu jagen. Es wäre für sie ein kleiner Funke Freiheit als versierter Ungeheuerjäger für die Jarlsfamilie arbeiten zu können, denn im Grunde hatte Anna das innere Drängen danach nie verloren. Obwohl sie zu bleiben gedachte, wollte sie wieder durch die Wildnis laufen und den Nervenkitzel spüren, wenn sie einem Biest nachstellte. Sie vermisste den Wind, der an ihrem Mantel zerrte, und die Herausforderung gegen etwas Größeres, als gegen Menschen, zu bestehen. Zu den Wegewächtern zu gehen, sobald sie wieder gesund wäre, war in ihren naiven Augen ein Kompromiss aus beidem: Aus dem vermeintlich sesshaften Leben auf der Insel, in der Nähe ihres besten Freundes, und der Monsterjagd, die ihr in Fleisch und Blut steckte. Das Lächeln der burschikosen Alchemistin war breiter geworden, während sie daran gedacht hatte. Und sie musste sich einmal mehr über sich selbst wundern, denn sie freute sich richtig. In den letzten Monaten war das selten passiert. Natürlich hatte sie im Frühling ab und an vor sich hin gegrinst, als sie geglaubt hatte, ihrem Ziel bezüglich der Kräuterprobe wieder einen Schritt näher zu sein. Doch… das war etwas Anderes gewesen. Ein Schatten schien ihr Dasein damals, vor Kaer Iwahell, dunkel überlagert zu haben. Denn in dieser Zeit war Anna nicht sie selbst gewesen, sondern grimmig und verbissen, in sich gekehrt und schlecht gelaunt. Als hätte sie eine Rolle in einem miesen Buch gespielt. Jetzt, wo sie wieder zur Vernunft gekommen war, fühlte sie sich hingegen immens befreit, obwohl sie mit ihrer Gesundheit zu kämpfen hatte. Und wenn sie sich heute auf etwas freute, das vor ihr lag, dann tat sie dies wie ein kleines Kind auf seinen nahenden Geburtstag. Das war so neu und es spornte die Kurzhaarige regelrecht an. Früher hatte sie nur ein einziges, großes Ziel gehabt, dem sie entgegengesehen hatte. Heute hatte sie viele kleine.

Anna’s heller Ausdruck war auch dann noch präsent, als sie Rist erblickte. Er stand unweit am Vorhof und unterhielt sich dort mit einem schlanken Mann, der der Novigraderin irgendwoher bekannt vorkam. War der Kerl mit den kurzen, braunen Haaren und dem Lederwams nicht einer der Skrugga? Sie bildete sich ein, dass sie jenen schon einmal gesehen hatte, denn die sogenannten Jarlsschatten, die die Spionage für die Obersten übernahmen, trafen sich ab und an in der Festung oder tauchten wie aus dem Nichts auf, um ihrem Jarl irgendwelche Neuigkeiten zuzumurmeln. Sie waren ein eigenartiges Völkchen und wirkten dennoch so… gewöhnlich. Diese Männer und Frauen, die zu den besten Zuträgern der Inseln zählten, kleideten sich nicht anders, als andere und hatten das Talent völlig zwischen den übrigen Menschen unterzugehen. Anna musterte den Skrugga interessiert, ehe ihr Blick auf Hjaldrist fiel, der angestrengt nachzudenken schien. Und sie wurde etwas unruhig, als sie in diesem Zuge an die vergangene Nacht dachte. Lächerlich, eigentlich, denn es war doch nichts geschehen. Dennoch hatte sie bei dem Schönling mit im Bett geschlafen und wer wusste schon, wie er darüber dachte? Vielleicht hatte er des vielen Mets und Grogs von gestern wegen ja eine Erinnerungslücke und glaubte, zwischen ihnen beiden sei etwas gelaufen. Ja, was, wenn Rist glaubte, dass sie beide miteinander geschlafen hätten? Was dann? Sollte die nervöse Anna dies schnell klären? Sie wollte nicht, dass der Skelliger ihr irgendetwas krummnahm, das sie gar nicht getan hatte. Oder redete sie sich hier gerade ein zu schlechtes Gewissen ein? Sie wusste es nicht. Doch es beschäftigte sie. Denn unter anderem fragte sie sich, was Hjaldrist denken würde, WÄRE irgendwas zwischen ihnen passiert. Wäre es ihm egal oder unangenehm? Jetzt, wo er nichts mehr für seine Freundin empfand, wäre er doch zumindest nicht mehr verletzt, oder? Anna ballte die Hände zu Fäusten und lenkte den Blick von dem Jarl und seinem Skrugga fort. Sie versuchte nicht verzwickt in die Leere vor sich zu sehen, doch es gelang ihr nicht so recht. Denn… sie wollte wissen, was Rist von ihr und dem Gehabe hielt, das im trunkenen Zustand aus ihr hervorbrach. Ob Anna ihm zu anhänglich sei oder nicht, ob sie gestern übertrieben hatte, ob er es bereut hätte, hätte sie ihn flachgelegt, und, und, und. Die Alchemistin konnte ob all dieser Fragen kaum einen intelligenten Gedanken fassen. Denn sie scherte sich so sehr um Rist. Und sie wollte nicht, dass er schlecht von ihr dachte, obwohl sie manchmal alles andere als überlegt oder vorbildlich handelte. Aber was sollte sie machen? So war sie halt.

Als der Jarl und der Skrugga nach ihrem Gespräch nahten, sah Anna wieder aus ihren wirren Gedanken auf und beobachtete, wie die beiden Männer auf das hohe Burgtor zukamen. Der Spion im braunen Wams musterte die Novigraderin in Schwarz-Grün-Blau knapp, lächelte kühl und nickte zum Gruß. Sie erwiderte das Lächeln etwas wärmer, weil ihr das eisige nicht so lag. Und auch Rist suchte Blickkontakt, der Anna ganz kurz erstarren ließ. Sie atmete flach durch, zwang sich zu einem neuerlichen, doch viel verunsicherteren, Lächeln. Sie wollte schon ungewohnt scheu wegsehen, da sprach er sie an.

“Komm nach deinem Dienst zu mir.”, bat der Undviker ruhig “Wir müssen über etwas reden, Anna.”

Anna’s armes Herz sackte ihr abrupt in die Hose und sie glaubte, sie müsse augenblicklich tot umfallen. Überwältigt blinzelte sie und starrte sprachlos. Oh nein.

“In Ordnung?”, wollte Rist wissen. Um seine Freundin anzureden, war er sogar stehen geblieben und sein Skrugga wartete derweil ungeduldig auf ihn.

“Äh.”, stotterte Anna sichtlich nervös und schluckte trocken. Sie riss sich am Riemen und versuchte so gelassen, als möglich zu antworten.

“Klar.”, machte sie, obwohl ihr der kalte Schweiß auszubrechen drohte. Hjaldrist nickte daraufhin nur knapp und sein Ausdruck war dabei sehr, sehr ernst. Das… das war nicht gut. Ganz und gar nicht gut. Und Anna verkniff sich gewaltsam ein vorschnell hervorgeplappertes ‘Es tut mir leid’. Obwohl sie doch ahnte, worüber Rist mit ihr sprechen wollte, wollte sie sich nicht lächerlich machen und damit anfangen vor dem Jarlsschatten herumzustammeln. Sie könnte sich später, unter vier Augen, vor ihrem Gefährten rechtfertigen. Für gestern Nacht. Vor ihm könnte sie sich dabei blamieren, ohne daran denken zu müssen, dass ein Zuträger zusah.

“Gut…”, meinte Hjaldrist nurmehr “Bis später.”

Dann verschwand er mit dem Spion der Familie in die Burg und ließ Anna mit einem richtig schlechten Magengefühl und kalten, feuchten Händen zurück. Sechs Stunden! Sechs Stunden müsste sie nun hier stehen und sich den brummenden Kopf darüber zermartern, was sie Hjaldrist später, am Abend sagen sollte. Und mit jeder Minute mehr, die sie dabei gedankenverloren Wache stehen müsste, würde ihre Unruhe schlimmer werden, ganz sicher.

 

Als Anna ihren Posten abends verließ, war sie am Ende und dies nicht körperlich. Zwar taten ihr die Beine etwas weh, doch das war Firlefanz im Vergleich zu ihren armen Nerven, die aufzugeben drohten. Stundenlang hatte sie nachgedacht: Über Rist’s so ernsten Blick vom Nachmittag, dessen bestimmende Worte, den vergangenen Abend, die Jahreswende in Kaer Trolde, ihre gesamte, freundschaftliche Beziehung zueinander. Sie hatte daran denken müssen, wie sehr sie ihrem Kumpan mit ihrer Flucht von Undvik damals wehgetan haben musste. Dass er sie danach gehasst hatte und sie nun so dreist war sich einzugestehen unglaublich viel für ihn zu empfinden. Anna hatte gestern daran gedacht, dass sie alles dafür tun würde, um noch einmal bei ihm übernachten zu können. Wie kindisch. Und sie hatte stundenlang vor sich hin gestarrt und sich dabei gefragt, ob es überhaupt gut war, was sie momentan tat. Ob es vielleicht klüger wäre, sie mache gleich reinen Tisch, bevor Rist dies vorhatte. Es wäre nämlich leichter, wenn sie ihm einfach sagte, wie sehr sie ihn noch immer mochte, nein, liebte. Und dass sie es, wenn sie betrunken war, aus genau diesem Grund nicht schaffte alleine zu schlafen. Genau, es wäre klug, wenn sie all das loswerden und dann versprechen würde, dass es rein gar nichts änderte. Dass Anna keine Ansprüche stellte, vergessen wollte und dass alles wieder so, wie vor drei, vier Jahren werden sollte. Ja, es wäre weniger schmerzhaft Rist einfach aufzuklären und die heikle Lage dann sofort zu entschärfen, ehe der telepathisch veranlagte Jarl die Nordländerin konfrontierte und ihr sagte, sie solle sich bloß keine Hoffnungen machen. Obwohl beides demselben Sinn entsprach, wollte Anna nicht hören, wie ihr Freund sagte, dass sie sich distanzieren solle und dass er ihre Gefühle nicht mehr erwiderte. Dass sie nervte oder dergleichen. Denn sie wusste: Sie würde heulen, wie ein Schlosshund, würde sie das doch so Offenkundige aus dem Mund dieses Kerls hören. Und das wollte sie nicht. Es war irgendwie absurd.

Also ging die Giftmischerin nun absolut aufgebracht durch die Große Halle und versuchte nicht geknickt auszusehen. Sie straffte die Schultern, obwohl sie sich am liebsten versteckt hätte, und nahm es sich ganz fest vor Hjaldrist gleich zu sagen, dass sie tiefe Gefühle für ihn hegte. Einfach so. Sie würde es schaffen, hatte in ihrem Leben doch schon viel schlimmere Dinge gesagt oder getan. Anna… Anna hatte gegen eine Bruxa gekämpft und sich davor nicht so zerfahren gefühlt, wie jetzt. Sie war in die Höhle eines Mantikors spaziert und hatte die Füße dabei nicht dermaßen verunsichert voreinander gesetzt, wie in diesem Augenblick, als sie auf den Jarlsthron zuging. Scheiße. Eigentlich wollte sie weglaufen. Und dieser Drang zerrte umso mehr an ihr, als sie erkannte, dass Hjaldrist da war. Er saß dort, an seinem Platz, und las gerade irgendeinen Wisch. Der Mann horchte auf, als er die Alchemistin nahen hörte. Ihre Ausrüstung klapperte bei jedem Schritt.

“Ah…”, machte der Ältere, als er die Frau erkannte und sie glaubte, ihr Herz bliebe ihr stehen. Entgegen der donnernden Stimme in ihrem Kopf, die ihr befahl wegzurennen, hielt sie vor Rist an und versuchte ihm geradeaus entgegen zu sehen. Ihre Hände zitterten ein wenig.

“Da… bin ich.”, entkam es der Frau und es war unsäglich anstrengend dabei so normal und unwissend wie möglich zu klingen.

“Mhm.”, machte Rist, faltete das Papier in seinen Händen zusammen und steckte es sich in die Tasche. Dann erhob er sich und kam auf seine Freundin zu. Unruhig wechselte sie das Standbein.

“Komm…”, bat der Jarl und deutete Anna an mit ihm zu kommen “Reden wir woanders.”

Mechanisch nickte die Kriegerin und folgte Hjaldrist brav. Und als sie verstand, dass es gleich soweit sei und sie die Bombe platzen lassen würde, wurde es ihr kalt und heiß zugleich. Stumm ging sie neben dem Skelliger her, bis sie nach ihm in dessen Schreibstube trat. Dort angekommen rieb sich der Jarl das Kinn nachdenklich, ging auf seinen massiven Schreibtisch zu und lehnte sich dann an dessen Kante. Dies Anna zugewandt und wieder todernsten Blickes. Die Kurzhaarige, wiederum, hielt inne und blieb an Ort und Stelle stehen. Tief atmete sie durch, spornte sich mental an und redete sich ein, dass schon alles gut werden würde. Oh, war es Rist damals, zu Neujahr, etwa auch so ergangen, wie ihr gerade? Wie hatte er es nur geschafft zu Atem zu kommen, verdammt? Anna wollte weg. Ihr Herz schlug ihr bis zum Hals und ihre Kehle wurde trocken.

“Das wird dir jetzt gleich nicht gefallen...”, fing der Jarl an, weil die Stimme der Anwesenden noch nicht so recht wollte “Aber ich wollte es dir gleich sagen.”

Bitte nicht.

“Äh, Rist.”, unterbrach die aufgekratzte Monsterjägerin diese Worte in ihrer Verzweiflung gehetzt “Ich, uhm…”

Der Mann, der ob dem innehalten musste, hob eine Braue fragend an, doch an seinem harten Ausdruck änderte sich nicht viel. War er wütend?

“Ich liebe”, atmete Anna “Mittsommer.”

Oh, Götter! Was?

“Das Fest gestern... war echt gut. Ähm…”, stammelte die Novigraderin ungeschickt und wusste nicht, ob sie gerade blass oder rot geworden war “Danke für… alles.”

Nun zuckte auch die zweite Braue des lauschenden Jarls nach oben. Und, Melitele sei Dank, rutschte seine Miene endlich in eine sanftere Richtung. Ein leichtes Lächeln zog an seinen Mundwinkeln und es tat so, so gut, dass er leise lachen musste. In Anna’s Ohren klang es wie Musik.

“Äh, bitte.”, entgegnete er und dies klang mehr nach einer Frage, als nach einer Antwort. Das Verhalten der Schwarzhaarigen irritierte den Krieger ganz augenscheinlich. Es war ihm nicht zu verdenken. Ach, sie war so eine Närrin. Warum war sie nur so feige? Sie hätte sich gerade selbst ohrfeigen können. Ihre schmalen Schultern sanken.

“Also…”, entkam es ihr lau “Ja… es war lustig.”

Anna war enttäuscht. Von sich selber. Am liebsten hätte sie geflennt.

“Das stimmt.”, sagte Rist gelassen “Mittsommer ist immer eine recht große Sache. Ich hatte es auf unseren Reisen immer vermisst, zugegeben.”

Leicht nickte die Kräuterkundige und unterdrückte den Drang sich an den Nägeln herumzukauen. Stattdessen wollte sie die Hände in den Taschen vergraben, doch ihr dunkler Gambeson hatte natürlich keine, verdammt. Also blieb ihr nichts Anderes übrig, als die Zähne zusammenzubeißen und sich irgendwie darauf zu besinnen wieder gelassener zu werden. Ja, ganz ruhig jetzt.

“Aber wie auch immer…”, seufzte Rist und verschränkte die Arme vor der Brust “Zurück zum unangenehmen Part.”

Anna starrte den Jarl abwartend an, denn etwas Anderes brachte sie jetzt nicht mehr zustande. Und sie hoffte darauf, dass das hier gleich nicht zu hart werden würde. Dass sie nicht heulen müsste, wie ein kleines Mädchen, wenn Rist ihr eine Abfuhr gab. Sie war doch stark, sie war erwachsen. Warum fühlte sie sich just aber nicht so? Sie kam sich vor, wie ein Verbrecher, den man zum Schafott führte.

“Svenja ist hier.”, eröffnete Hjaldrist dann plötzlich und Anna, die ein paar schnelle Herzschläge brauchte, um zu verstehen, stutzte. Ihr fiel alles aus dem Gesicht.

“Was?”, keuchte sie.

“Der Schatten, der heute bei mir war, meint sie gesehen zu haben.”, erzählte Rist weiter und seine Kollegin, die es endlich schaffte sich aus ihrer Starre zu lösen, sah ihn entrückt an. Vergessen war erst einmal das, was ihr die Schultern eben noch so schwer gemacht hatte.

“Wo?”, fragte sie.

“Nahe dem Hafen.”, meinte Rist und verengte die Augen unzufrieden grüblerisch “Ich habe die Spione auf der Insel sofort auf sie angesetzt, um mich dessen zu versichern, dass sie es tatsächlich ist. Das Problem ist nur: Es sind gerade nur zwei Skrugga hier und Svenja ist gut. Und damit meine ich RICHTIG gut.”

“Ich dachte damals in Novigrad ja, wir seien sie los…”, murmelte Anna und wollte nicht fassen, was sie hörte “Wir hatten ihr solch einen Schrecken eingejagt.”

“Mh.”, brummte der Jarl zweiflerisch “Wir hätten sie töten sollen.”

Die Schwertkämpferin, die just an das selbe gedacht hatte, sah schweigend auf und taxierte Hjaldrist eingehend. Wäre Svenja nicht gewesen, dann wären einige, schlimme Dinge niemals geschehen. Und hätte diese hinterhältige Frau nicht bereitwillig mitgewirkt, hätte es Anna vor ein paar Monaten nicht von Skellige fort geschafft. Vielleicht… vielleicht wäre die burschikose Monsterjägerin geblieben, hätte die Ex-Spionin ihr nicht so verschlagen geholfen. Womöglich wäre Kaer Iwahell niemals passiert. Sie hätte Rist nicht allein gelassen. Oder?

“Wenn hier, auf Undvik, jemand einen anderen aus Rachsucht heraus vergiftet, absticht oder wenn dieser jemand einen anderen entführt und ihn unter Drogen setzt um ihn zu-”, Hjaldrist, der betroffen und zornig zugleich aussah, stockte und seine Lippen wurden schmal. Er atmete einmal durch, ehe er weitersprach. Es war nachvollziehbar. Was Svenja einst in Novigrad getan hatte, war hart.

“Dann stirbt er.”, sagte der Jarl ungewohnt kühl “Wir binden ihn an einen Pfahl in den Bergen und lassen ihn dort mit den wilden Tieren allein. Oder wir stoßen ihn über die südliche Grenze, wo die Monster auf ihn warten. Und manchmal benutzen wir das Loch, werfen ihn dort hinein und-”

Rist hielt inne, als er Anna’s beklommenen Blick bemerkte, nachdem er das ‘Loch’ erwähnt hatte. Und erst an dem Punkt angelangt realisierte er wohl, dass sie mit den sogenannten ‘Angstlöchern’, die auch am Festland als Hinrichtungsmethoden galten, nichts Gutes verband. Unwohl senkte Anna den Blick und versuchte nicht an den Fremden zu denken, der sie im Frühling entführt hatte.

“Tut mir leid.”, sagte Rist und seufzte leise “Ich habe nicht nachgedacht.”

“Schon gut.”, lächelte die Novigraderin schmal und räusperte sich leise. Damit keine ungemütliche Stille aufkam, sprach sie weiter.

“Du hast schon Recht. Wir hätten sie umbringen sollen, waren aber wohl zu nett, was?”, machte sie und blickte wieder auf.

“Ja. Manchmal waren wir das vielleicht.”, nickte der Skelliger und atmete tief durch die Nase aus.

“Also… was sollen wir tun?”, wollte Anna wissen “Was, wenn es tatsächlich Svenja ist?”

“Dann wird sie versuchen uns blöder zu kommen, als sie es jemals tat.”, antwortete Rist “Vielleicht hat sie Wind davon bekommen, dass du wieder hier bist und es passt ihr nicht. Womöglich hat es aber auch andere Gründe. Doch es soll mir einerlei sein. Sie ist hier nicht willkommen und eine Kriminelle.”

Die Alchemistin gab einen kritischen Ton von sich und stand längst nicht mehr völlig verkrampft herum. Sie fing gar damit an leicht auf und ab zu gehen und ihr Freund sah ihr nachdenklich dabei zu.

“Wir werden einfach aufmerksam sein. Ich sage den Huskarlen, dass sie die Augen offenhalten sollen.”, entschloss Hjaldrist “Das muss reichen, denn mehr kann man wohl kaum tun.”

“Jemand sollte in der Nähe der Küche stehen.”, warf Anna noch ein “Und im Weinkeller. Nicht, dass diese Schnepfe Gift ins Essen oder die Getränke mischt. Ich traue ihr kein Stück.”

“Sollte man vielleicht bedenken.”, nickte der Jarl.

“Abgesehen davon können wir wohl wirklich nichts machen.”, entkam es der Kurzhaarigen noch “Wie du schon sagtest, ist Svenja richtig gut auf ihrem Gebiet. Ich sage es nicht gerne, aber so ist es nun mal. Sie hat es früher einmal sogar geschafft mich aus dem Kerker hier heraus zu schleusen. Sie… sie hat im Winter dafür gesorgt, dass ich von hier wegkomme. WENN diese Frau etwas will, dann zieht sie es hart durch.”

“Ich glaube, sie will DICH, Anna.”, fiel es Rist dazu ein und er sah dabei nicht sehr glücklich aus “Ich bezweifle, dass sie mir oder meiner Familie etwas zuleide tut. Du weißt wieso.”

“Tse.”, lachte Anna freudlos “Dann wünsche ich ihr viel Glück dabei mir an den Kragen zu wollen. Denn dieses Mal bringe ich sie wirklich um.”

Hjaldrist zögerte nach diesen selbstsicheren Worten eine Weile, taxierte sein Gegenüber ruhig und schob seine Antwort in seinem Mund hin und her. Doch dann, nach seiner Denkpause, nickte er langsam.

“Tu das.”, sagte er “Niemand wird dich dabei aufhalten, das versichere ich dir.”

Ein kaltes Lächeln huschte über die Züge der Kämpferin, als sie sich nach dem Axtkämpfer umsah. Ein stummer Dank lag in ihrem Blick. Ja, obwohl sie beide im Grunde noch die Alten waren, hatten sie sich doch verändert. Irgendwie. Zum Guten? Das war die Frage.

“Rist?”, fragte Anna nach einer Weile in die Stille hinein.

“Was denn?”

“Wegen gestern…”, sagte die Kurzhaarige leiser und ihre dunklen Augen wichen denen ihres aufmerksamen Gesprächspartners einen Deut weit aus “Ich war zu betrunken. Ich wollte nicht… naja-”

“Alle waren zu betrunken.”, entgegnete der Jarl ganz pragmatisch “Du hättest mich heute Morgen nach dem Aufstehen sehen sollen. Ich war noch immer völlig fertig und dachte, ich muss kotzen, als ich in der frühmorgendlichen Beratung mit Henrik saß.”

“Das… das meinte ich nicht…”, murmelte die Kräuterkundige seufzend. Sie schluckte trocken, fuhr sich mit der Hand ratlos durch den Nacken und versuchte sich an einem leisen Lachen. Jenes versagte aber mittendrin und wurde zu einem eher nervösen, abfälligen Laut. Zu einem, den man von sich gab, wenn man dabei zusah, wie irgendjemand irgendetwas ziemlich Dummes anstellte. Und das Schlimme daran war, dass Hjaldrist einfach schwieg. Also blieb Anna nichts Anderes übrig, als ihre Ansprache alleine fortzusetzen. Ohne witzelnden Kommentar seitens ihres Freundes und ohne ein Nachfragen, welches ihr die Sache erleichtert hätte. Verlegen blickte die Novigraderin also auf, runzelte die Stirn leicht. Der Mann vor ihr starrte sie noch immer abwartend an, doch man sah ihm an, dass er ganz genau wusste, worum es ging. Oder dass er zumindest eine ungefähre Ahnung hatte. Eine, die ihm vielleicht nicht so recht behagen wollte, denn seine Miene verriet ihn. Da war ein kleines Stück Unsicherheit und Unruhe. Anna hatte dies nur zu oft in den Augen Rist’s gesehen und obwohl er, seit er hier als Jarl waltete, manchmal so nüchtern und erwachsen rüberkam, war da gerade jetzt ein Funke von seinem typischen ‘Auweia’. Von diesem ‘Auweia’, das ihm immer dann über das Gesicht huschte, wenn Ravello ihn schelmisch lachend dazu zwang ein Bordell zu betreten oder wenn ihm irgendwer viel, viel zu nah kam. Und Anna, oh, die war schon immer jemand gewesen, der Rist’s verunsichertes ‘Auweia’ unheimlich unterhaltsam gefunden hatte. Das tat sie bis heute. Es brachte sie tatsächlich dazu verhalten zu lachen.

“Es ist nichts passiert!”, sagte sie schnell und hob die Hände beschwichtigend. Warum fand sie es so ungemein erleichternd, dass Hjaldrist nach diesen Worten so aussah, als fiele ihm ein Stein vom Herzen? Es sollte die in ihn Vernarrte eigentlich missmutig stimmen, aber das tat es nicht. Denn ihr Gegenüber löste sich endlich aus der angespannten Haltung, anstatt zornig zu sein. Der Undviker war seiner Kumpanin nicht böse. Mehr hätte sie sich von ihm eigentlich nicht wünschen können.

“Ich, ähm, habe dich nur ins Bett gebracht. Du warst nämlich ziemlich am Ende und hast sogar in die eine blaue Vase in der ersten Etage gekotzt.”, klärte Anna auf, denn das schuldete sie Rist gerade wohl “Immerhin war ich noch ein klein wenig nüchterner, als du.”

“Wunder geschehen ab und zu, man möchte es kaum glauben…”, kommentierte der Skelliger den letzten Satz. Er grinste schon wieder und die Alchemistin schnaubte gespielt beleidigt.

“Du bist ein Arsch.”, fand sie.

“Und du redest mit deinem Jarl.”

“Oh, Verzeihung, Eure Arschigkeit!”

“Schon besser.”

Was folgte war ein kurzes Austauschen von bedeutsam amüsierten Blicken, die keiner weiteren Erklärung bedurften. Es war schön, dass das zwischen den beiden ehemaligen Gabelschwanztötern noch so gut funktionierte. Anna’s schiefes Lächeln schwand jedoch schnell, als sie ihre Erklärung über die gestrige Nacht beenden wollte. Sie verschränkte die Arme locker vor der Brust, als wolle sie sich damit unbewusst vor irgendetwas schützen, und klaubte kurz nach Worten.

“Ich wollte nicht gehen, nachdem ich dir ins Bett geholfen hatte. Also… dachte ich, es sei eine gute Idee bei dir zu schlafen.”, gab sie zu “Ich… bin zu gesellig, wenn ich betrunken bin. Tut mir leid, Rist.”

Der Jarl maß die Kriegerin auf diese ehrlichen Worte hin mit einem Blick, den Anna nicht ganz recht einordnen konnte. Sie fühlte sich jedenfalls nicht sehr wohl, als er sie betrachtete und offenkundig über eine direkte Entgegnung nachdachte.

“Ich glaube, ich habe den Part verpasst, in dem du böswillig irgendetwas angestellt hast, wofür du dich entschuldigen müsstest.”, meinte er und spielte die Sorgen seines Gegenübers damit weit herunter “Aber ja, du wirst ‘gesellig’, wenn du säufst. So warst du schon immer und vielleicht solltest du daran arbeiten nicht ganz so arg aufzudrehen. Irgendwann fällst du damit sicherlich auf die Nase und wachst im Bett von irgendeinem widerlichen Kerl auf. Oder gar nicht mehr. Das habe ich dir schon mal gesagt, weißt du noch?”

Anna holte Luft für einen protestierenden Einwand, doch entschloss sich gleich dazu besser zu schweigen. Sie schloss den Mund und betrachtete ihr Gegenüber unzufrieden. Am liebsten hätte sie geschnappt, dass sie sicherlich nicht mit irgendeinem dahergelaufenen Bastard mitgehen würde, sondern nur mit Hjaldrist. Sie hatte ihre Sorgen in den letzten Monaten oft im Alkohol ertränkt und hatte sich trotzdem nie jemanden für eine kurze Nacht angelacht. Ein einziges Mal, kurz nach ihrer Flucht von Undvik, hatte sie ein Mädel abgeschleppt, doch das auch nur, weil sie herausfinden hatte wollen, ob es mit der so sei, wie mit ihrem verlorenen, besten Freund. Sie hatte sich damals ein letztes Pinnchen Wodka hinuntergewürgt, sich ordentlich was an Fisstech durch die Nase gezogen und der Bardin in Blau ein wenig Honig ums Maul geschmiert, damit jene mit ihr käme. Als große Monsterjägerin hatte sich Anna aufgespielt, so, wie der größte Prolet, und es hatte gezogen. Kasia hatte sich nur zu bereitwillig aus ihrer Kleidung schälen lassen und das, was gefolgt war, war nicht ansatzweise so gewesen, wie das mit Rist. Und dies hatte nichts mit damit zu tun, dass er ein Mann war und die Bardin eine Frau. Sondern damit, dass Anna ihn schon damals geliebt hatte. Daher hatte sie das beinahe Schäferstündchen mit Kasia sofort bereut, sich eine Idiotin geschimpft, und war noch grimmiger geworden. Sie war am Tag danach regelrecht ausgerastet, hatte sich mit dem Türsteher der Taverne angelegt und ihn beinahe umgebracht. Ach… schlimme Zeiten. Aber auch Zeiten, in denen sie sehr viel über sich selbst erfahren hatte. 

“Ich werde mit niemandem mitgehen, so wie früher. Keine Sorge.”, entgegnete Anna jetzt nur noch knapp und versuchte dabei nicht schnippisch zu klingen. Rist meinte es ja nur gut mit ihr und wusste es auch nicht besser. Er hatte keine Ahnung. Denn die Novigraderin war zu feige, um ihm zu eröffnen, wie es in ihr drin aussah. Also lächelte sie nur traurig und schlug die Augen nieder.

“Gibt es noch etwas…?”, fragte sie “Ich würde sonst gehen.”

“Mh.”, brummte der Jarl und wirkte nicht besonders zufrieden. Wahrscheinlich passte ihm die vorige Antwort seiner Kollegin nicht.

“Ja, es gibt noch was.”, sagte er und Anna blickte fragend auf “Du bist hier nun schon etwas mehr, als einen Monat im Dienst. Und du hast dich echt gut angestellt, Anna.”

Die Kurzhaarige betrachtete Rist abwartend. Worauf wollte er hinaus?

“Wache zu stehen und ab und an Leute rauszuwerfen oder deine Familie zu begleiten ist nun nicht so schwer.”, meinte sie etwas planlos.

“Mag sein. Doch es ist sehr wichtig.”, antwortete der Skelliger “Und bis auf einmal warst du immer verlässlich. Das hatte ich anfangs nicht erwartet. Ich glaubte, du würdest nach ein paar Tagen alles hinwerfen oder herumjammern, weil es dir zu langweilig wird. Ich hatte mir dich nicht bei den Huskarlen vorstellen können, ganz ehrlich, doch tatsächlich fügst du dich gut ein.”

Anna blieb daraufhin stumm. Sie hatte Hjaldrist also davon überzeugt Dienstpläne einhalten zu können? Das war gut, oder? Schwach lächelte sie.

“Du hast also gute Arbeit geleistet. Und meine Leute werden einmal im Monat bezahlt...”, setzte der Inselbewohner fort, doch wurde unterbrochen.

“Ich kann hier wohnen und werde verköstigt, Rist. Du brauchst mir kein Geld zu geben.”, sprach Anna dazwischen.

“Vielleicht siehst du das so, aber ich nicht. Du bist bei der Garde eingestellt und ALLE, die das sind, bekommen ihren Sold und das pünktlich. Außerdem… wie viel Geld hast du im Moment?”

“Ähm… naja… also-”

“Siehst du. Was, wenn du dir irgendetwas kaufen willst oder musst? Bestimmt hast du auch noch Schulden bei Ravello. Er hat mir erzählt, dass er dir das Geld für dein neues Stahlschwert geliehen hat, nachdem dir dein altes in Angren gestohlen wurde.”

Wieder schwieg die Frau ertappt.

“Also nimm deinen Lohn einfach an. Spare das Geld, wenn du es mal nicht brauchen solltest. Denn irgendwann wirst du es benötigen, glaub mir.”, fand der Landsmann “Und wenn du denkst dich irgendwie erkenntlich zeigen zu müssen, dann tu das außerhalb deiner Arbeit.”

Anna sah Rist auf dies hin eine Weile lange an. Dann nickte sie aber und gab sich geschlagen. Es brachte den ziemlich korrekten Jarl dazu zufrieden zu lächeln.

 

Der kommende, nicht vergehen wollende Abend war schlimm. Denn es hatte nach ihrem Eintreten keine Minute gedauert, da hatte sich Anna in ihrem Zimmer schrecklich einsam gefühlt. So, wie ihr die Vorstellung des Raumes gestern, im Suff, kalt und traurig vorgekommen war, so war er dies jetzt auch tatsächlich und sie hasste es. Und als sie da so allein auf ihrem Bett saß und versuchte sich auf das Buch auf ihren Knien zu konzentrieren, kam sie nicht umhin sich absolut bedrückt zu fühlen. Denn sie hatte es vermasselt heute ein klärendes Gespräch mit Rist zu führen. Bestimmt wäre jenes befreiend, wenngleich schmerzhaft, gewesen. Sie hätte sich just nicht mehr solch einen großen Kopf machen müssen und war sich sicher, dass ihr Freund relativ erwachsen reagiert hätte. Denn er war nicht, wie Anna. Er wäre nicht fortgerannt und hätte stattdessen versucht ruhig mit ihr zu sprechen. Darin war ER immer gut gewesen. Und dennoch hatte die sonst so abenteuerlustige Monsterkundige nicht den Mut gefunden, ihm einfach drei simple Worte entgegen zu werfen. Stattdessen hatte sie gemurmelt, dass sie den Mittsommer liebte. Was ja auch stimmte. Aber dennoch. Und jetzt saß sie da und schimpfte sich selbst eine Idiotin, zog die Beine an und vergrub das Gesicht stöhnend in ihrem Buch über Heilkräuter. Und so verharrte sie dann auch eine halbe Ewigkeit lange, während die Stille in ihrem Zimmer sie zu erschlagen drohte. Ihre schwarzen Haare waren noch etwas feucht, da sie sich vorhin gewaschen hatte und mehr, als ein lockeres Hemd und eine Stoffhose trug sie nicht. Eigentlich hatte sie sich auch längst hinlegen wollen, doch sie wusste: Sie könnte nicht einschlafen. Anna wollte nicht allein sein. In den letzten Monaten hatte sie immer so darauf gepocht einzelgängerisch umher zu ziehen, hatte jeden von sich gestoßen, Ravello dabei sogar schlimm verwundet und jetzt? Nun fühlte sie sich elend, weil sie sich selbst, der Stille und ihren Gedanken überlassen war. Was sollte sie also tun? Sie könnte nicht weiter hier sitzen. Es machte sie noch verrückt. Sich auf Trankrezepte zu konzentrieren und endlich mehr über Heilung zu lernen, funktionierte nicht. Denn ihr Kopf schweifte andauernd fort und sie verfluchte diese Tatsache.

Was sollte Anna also anstellen? Sollte sie Ravello und Aldoran suchen? Oder vielleicht wollte Merle ihr ja etwas Gesellschaft leisten. Das quirlige Mädchen hatte gemeint, es würde der Älteren das Gitarrespielen ein wenig zeigen. Oder… oder sollte Anna Hjaldrist fragen, ob er Lust auf ein paar Runden Gwent hätte? Nein. Der Undviker hätte nach seinem harten Tag voller Gespräche mit irgendwelchen Leuten sicher gern ein wenig Ruhe und Anna wollte ihn nicht stören. 

…Nicht stören‘, oh, früher hätte sie diese schräge Angst niemals gehabt. Es war ihr egal gewesen ob Rist Zeit gehabt hatte oder nicht; ob er Lust darauf gehabt hatte irgendetwas zu unternehmen oder in Frieden gelassen werden wollte. Seine Freundin hatte ihn immer ganz dreist behelligt, wenn ihr danach gewesen war und sich nicht so viele Gedanken gemacht. Sie waren schließlich engste Freunde gewesen. Auch andersherum hatte es so funktioniert: Hatte Anna nach einem langen Abend ausschlafen wollen und Hjaldrist nicht, hatte er sie aufgeweckt und sie so lange genervt, bis sie sich brummig angezogen hatte. Es war so normal gewesen. Und jetzt? Was, zum Geier, war es, das Anna andauernd dazu brachte sich so übrig zu fühlen? War es ihr schlechtes Gewissen, das sie ab und an noch plagte? Oder die Tatsache, dass sie es sich eingestanden hatte Hjaldrist zu lieben und ihm deswegen bewusst gefallen wollte? Sie wollte nichts falsch machen. Und es war so lächerlich, nicht? Bei Melitele, sie hatte kürzlich ja sogar einmal darüber nachgedacht sich die Haare wachsen zu lassen, weil Rist früher auf Drakensund einmal gemeint hatte, Anna sei viel zu jungenhaft. War das nicht vollkommen verquer? Wo war denn bloß ihr Stolz hin?

Ein neuerliches, entnervtes Stöhnen entkam der Frau, die da auf den zotteligen Schaffellen saß. Dann rührte sie sich endlich wieder und legte das dicke Kräuterbuch fort. Anna erhob sich, sah sich etwas ratlos im großen Zimmer um, in dem nur eine einzige Tranlampe brannte: Die auf ihrem Nachttischchen. Der Rest des Raumes war längst ziemlich dunkel, obwohl die Nacht nach Mittsommer nicht gänzlich schwarz war. Es würde dauern, bis die mondlosen Abende wieder richtig finster sein würden.

Also… was sollte Anna tun? Es war spät und sie sollte daher besser nicht zu Merle gehen. Die Kleine sollte schlafen anstatt spät abends noch mit Erwachsenen umherzuziehen und Unternehmungen zu starten. Also blieben nur Ravello, Aldoran und Rist. Die Schwertkämpferin könnte doch alle drei fragen, ob sie Lust darauf hätten etwas zu machen. Auch… auch Hjaldrist. Womöglich wollten die Kerle raus an die frische Luft. In der Stadt gab es auch nachts was zu tun und die große Taverne nahe dem Hauptplatz war immer sehr belebt. Man müsste sich ja nicht gleich wieder in die Ohnmacht saufen, könnte nur gemütlich beisammensitzen und Karten spielen oder würfeln, der Musik lauschen und sich unterhalten. Ja, das klang gut. Und wenn Anna gleich an Hjaldrist’s Tür klopfen würde, würde sie sich nicht im Stillen fragen, ob sie störte. Sie würde es einfach tun, denn was sollte schon geschehen? Der Jarl könnte ‚Nein‘ sagen. Und das wäre doch nicht schlimm, obwohl die Alchemistin es schon etwas bedauern würde, sollte er sie abwimmeln. Schlussendlich war sie gern in seiner Nähe. Aber man würde sehen…

Sich also Jacke und Mantel überziehend, stieg Anna bald in ihre Stiefel und schloss jene. Ihr Gürtel folgte, dann der Waffengurt. Silber wurde durch Stahl ersetzt, ein Schal umgelegt, Handschuhe angezogen. Und dann zog es die Novigraderin auch schon aus ihrem Zimmer, in dem sie sich nach der kurzen Nacht bei Rist so verdammt einsam gefühlt hatte. Sie nahm die steinerne Treppe nach unten, grüßte einen der Huskarle, der da nahe der Außenterrasse stand. Und dann lief sie in Ravello. Verdutzt hielt sie inne, als der Ritter ihr in legerer Kleidung und blauem Wollmantel auf den Stufen entgegenkam und genauso verblüfft aussah, wie seine Freundin.

“Huch!“, machte er “Wo willst du denn hin?“

“Äh“, entkam es der Kurzhaarigen “Zu euch. Und… du?“

“Oh!“, sagte der Beauclairer ”Zu dir.“

Anna blinzelte überrascht und musste irritiert lächeln.

“Warum?“, wollte sie gleich wissen.

“Wir wollten noch ein wenig raus. Das Wetter ist schön und uns langweilig.“, eröffnete Ravello und Anna freute sich richtig, als sie dies vernahm.

“Daran hätte ich auch gedacht!“, entkam es ihr gleich erleichtert und sie ging zu dem Ritter, der ihr andeutete mitzukommen. Er lachte froh.

“Na dann los!“, meinte er und seine burschikose Begleiterin ließ sich das nicht zweimal sagen. Welch ein Zufall, dass Ravello und Aldoran an dasselbe gedacht hatten, wie sie! Frohen Mutes stolzierte sie also neben ihrem Kumpan aus Toussaint her, der ihr im Gehen ein Stück stark gewürztes Trockenfleisch zusteckte. So war er eben; immer darauf bedacht, dass jeder genug aß. Und wenn es um Anna ging, war er seit Spalla richtig aufmerksam. Denn damals hatte sie stets schlecht gegessen und auch heute war sie noch etwas zu dünn für ihre Verhältnisse. Dagegen arbeitete der gutmütige Blondschopf seit Kaer Iwahell an. Grinsend nahm die dankbare Kriegerin das Trockenfleisch entgegen und steckte es in den Mund. Und als sie und Ravello dann in die Große Halle einbogen, wartete dort nicht Aldoran auf sie, sondern Rist. Er hatte seine Krone nicht auf und trug über seiner grünen Tunika nicht viel mehr, als seinen Mantel, fingerlose Handschuhe und ein wärmendes Halstuch. Es ließ ihn so gewöhnlich aussehen. Kurz erhob er die Hand zum Gruß, als er seine zwei Kumpane sah und Anna verschluckte sich beinah an dem pikanten Dörrfleisch.

“Ich war schneller!“, grinste der Undviker Ravello zu und der Ritter lachte gespielt empört.

“Aber auch nur, weil ich noch Anna geholt habe!“, beschwerte sich der Weiße Hase und auch der angesprochenen Frau entkam jetzt ein amüsiertes Glucksen. 

“Und du weißt sicherlich, was man über Männer sagt, die immer schneller sind.”, fügte der Blonde noch bei und entlockte Hjaldrist damit einen Wimpernschlag lang dessen ‘Auweia’-Gesicht. Anna sah zwischen den feixenden Männern hin und her, als sie dem Beauclairer gen Jarl folgte und, oh, das hier war solch ein vertrautes Bild. Es erinnerte sie an früher. An die Zeit vor Serrikanien, in der sie drei noch zusammen durch die Gegend gezogen waren. Sie hatten bei knisternden Lagerfeuern zusammen billigen Fusel getrunken. Ravello und Anna hatten über Rezepturen für duftende Kosmetika gebrütet, während Rist ihnen gelangweilt zugesehen hatte. Der axtschwingende Skelliger und seine laute Freundin waren blind in den Kampf gestürzt und der feige Ravello hatte ihnen nachgebrüllt, dass er ihre Rücken decken würde, was natürlich jedes Mal eine Lüge gewesen war. Es waren schöne, erheiternde Bilder. Und sicherlich dachten Anna’s beide Gefährten just auch an sie.

 

Keine halbe Stunde später saßen die drei Freunde in der Taverne am Hauptplatz und würfelten, als sei seit Novigrad kein Jahr vergangen. Die Atmosphäre war gut und die restlichen Gäste beachteten Anna, Rist und Ravello kaum, obwohl einer von ihnen der war, der sonst stets nahe dem Thron in der Falkenburg aufzufinden war. Hjaldrist saß mit dem Rücken zum weitläufigen Schankraum und hatte sich die Kapuze beim Betreten des Hauses nicht vom Kopf gezogen. Zwar half das nicht zu gut dagegen nicht erkannt zu werden, doch es verhinderte auch, dass die Leute per se gafften oder mit einem reden wollten. Eine weite Kapuze und eine abgewandte Haltung signalisierten genug. Der Jarl wollte in Ruhe um Geld spielen und nichts war so dringend, dass ihm heute noch wer zwischen seine kurzweiligen Pläne funken könnte. Mochte man an diesem Punkt jedenfalls glauben, doch es sollte sich bald ändern.

“Das gibt’s doch nicht!”, maulte Anna pikiert, als ihr Gegenüber schon zum vierten Mal in Folge gewann und die kupfernen Münzen am ledernen Glückshaus-Spielbrettchen breit grinsend an sich heranzog.

“Hör auf so gut zu würfeln!”, meinte sie und Rist lachte schadenfroh, als er den Gewinn einsackte.

“Hör auf so schlecht zu würfeln.”, konterte er geschickt und Ravello rollte belustigt mit den Augen, als er seinen neuen Einsatz auf den Tisch schnippte. Es war ein Silber und damit eine stumme Herausforderung zu mehr verschwenderischen Mut beim Spielen. Rist stieg darauf natürlich sofort ein. Denn ER hatte ja eine Schatzkammer im Keller.

“Hast du noch Geld? Soll ich dir was leihen?”, fragte Ravello Anna nett murmelnd von der Seite aus und wollte ihr ein paar Kupfer zuschieben, doch sie schüttelte den Kopf. Kurzum zog sie sich eine Silbermünze aus der Tasche. Dabei spürte sie den wissenden Blick Hjaldrists auf sich kleben. Ja, er hatte heute Abend einmal wieder Recht gehabt. Es war eine gute Idee gewesen den Huskarl-Monatslohn anzunehmen. Und jener fiel auch noch richtig gut aus, da die Garde einen höheren Sold erhielt, als eine stinknormale Stadtwache. Vielleicht waren die Falchraites aber auch nur großzügig oder der generelle Soldatenlohn auf den Inseln lohnender, als im Norden. So oder so hatte Anna selten so viel verdient, wie jetzt. Natürlich hatte sie früher manchmal Aufträge erledigt, die ihr gutes Geld eingebracht hatten. Doch jene waren keine regelmäßigen, sicheren Einkommen gewesen. Und wenn man sie versoffen oder verspielt hatte, hatte man nicht gewusst, wann man sich das nächste Mal etwas Warmes zu Essen oder ein Bett leisten könnte. Dahingehend ging es Anna auf Undvik also richtig, richtig gut. Sie fürchtete weder Hunger, noch Kälte oder nächtliche Angriffe, während sie schlief. Und sie verstand, dass das sesshafte Leben und eine feste Anstellung auch ihre Vorteile hatten. Ungewohnte Vorteile, die ihr bisher eher fremd gewesen waren, sich aber durchaus als angenehm herausstellten. Zumindest zurzeit, wo sie manchmal viel Ruhe brauchte und nicht durch die Wildnis stromern könnte, ohne, dass sie befürchten müsste Blut zu husten oder ohnmächtig zu werden, sich übergeben zu müssen oder viel zu tief zu schlafen.

“Hey, du bist dran.”, forderte Rist Anna auf und riss sie damit aus ihren abschweifenden Gedanken. Sofort fischte sie nach dem kleinen Würfelbecher und warf die Knochenwürfelchen in jenen, um sie beherzt zu schütteln und auf das Spielbrett zu leeren.

“Die Zehn muss gehn!”, grinste Ravello und Anna legte brummend eine Münze auf das Spielfeld mit der besagten Nummer. Dann reichte sie den ledernen Würfelbecher an den Ritter weiter.

“Ich habe übrigens über das Zeug nachgedacht, das du für mich verkaufst.”, fiel es der Novigraderin beiläufig ein und der Beauclairer horchte auf.

“Das ‘Zeug’? Anna!”, beschwerte er sich empört “Das nennt man Kosmetik!”

“Ja, wie auch immer. Ich hatte vorgestern, beim Essen, eine Idee.”

“Aha?”, machte Ravello und wurde ganz hellhörig. Er hatte innegehalten, um seine einfallsreiche Freundin gespannt zu mustern.

“Das Zeug muss sicherlich nicht immer nach Blumen oder Kräutern riechen, damit es gut ankommt.”, eröffnete Anna ihren Plan also und nun sah auch der anwesende Jarl neugierig auf. Gespannt sah er zwischen seinen beiden Spielkumpanen hin und her. Ob es ihn überraschte, dass die Alchemistin wieder damit angefangen hatte Cremchen und Wässerchen für den Charmeur aus dem Süden anzurühren?

“Hmm?”, Ravello legte den Kopf skeptisch schräg “Wonach soll es denn dann riechen? Nach Wein? Das fände ich gut!”

“Bah, nein! Ich dachte mir, ich mische etwas, das nach Essen riecht.”, schmunzelte die Kurzhaarige froh und meinte dies tatsächlich ernst. Sie war gar etwas stolz darauf, dass ihr dieser Einfall kürzlich gekommen war.

“Bitte, was? Essen? Das ist wieder typisch für dich!”, kicherte der Blonde und auch Rist lachte laut auf.

“Lacht nicht!”, maulte die Schwarzhaarige und lächelte nach wie vor schief “Ich meine doch nicht Braten, Käse oder Fischsuppe!”

“Was denn dann?”, wollte der erheiterte Mann aus Toussaint wissen und dachte wohl, man veralbere ihn haltlos.

“Also ich fände Speck-Knödel gut!”, scherzte Hjaldrist und war ungemein belustigt. Dieser Depp.

“Ihr seid bescheuert, alle beide!”, beschwerte sich Anna und versuchte dabei todernst zu wirken. Es gelang ihr absolut nicht.

“Ich habe an karamellisierten Zucker gedacht. Ihr wisst schon. Das Zeug, das man in Beauclair manchmal über Äpfel gibt. Ich finde das richtig lecker.”, meinte sie und das Gesicht Ravellos erhellte sich abrupt. Man konnte förmlich sehen, wie ihm die Idee für seinen neuesten Werbespruch in den Sinn kam.

“Oh!”, atmete er und holte dann tief Luft. Ein leises ‘Oh je’ seitens Hjaldrist begleitete das.

“‘Ravello! Nichts macht deine Küsse süßer!’”, flötete der Ritter und der Skelliger am Tisch verdrehte die Augen weit und amüsiert schnaubend “‘Lippen wie Zucker! Nimm Ravello!”

“Ach, du Schande…”, fand auch Anna, doch Ravello, der wäre nun nicht mehr aufzuhalten. Sicherlich plante er in seinem fantasievollen Kopf nun schon, wie die Etiketten für seine Cremedöschen aussehen sollten und wie er hübsche Damen am besten von Zuckergeschmack in der Lippenpflege überzeugen könnte. Was das anging, war er ein wahrlicher… ähm… Geschäftsmann. Und seine Kosmetikmischerin war so, so froh darüber nichts mit dem Vertrieb ihrer alchemistischen Schandtaten zu tun zu haben. Es wäre ihr nämlich einfach zu peinlich.

“Also-”, fing sie an und wollte einen dummen Witz über Zuckerlippen von sich geben, doch sie verstummte sofort, als jemand hinter Rist trat. Anna saß dem Schönling am Tisch direkt gegenüber und erblickte den Mann, der hinter dem Jarl anhielt, daher gleich. Fragend blinzelte sie, denn der glattrasierte Typ im roten Wams und dem braunen Kapuzenmantel aus Wolle starrte den Hinterkopf Hjaldrists auffallend grimmig an. Die Frau zog die Brauen leicht zusammen, denn der Fremde verursachte ein ungutes Gefühl in ihrer Magengegend. Sie wusste nicht weswegen dem so war, doch sofort spannten sich ihre Glieder an und sie holte Luft, um Rist’s Namen warnend zu schnappen, da war es schon zu spät. Es ging verdammt schnell: Der im roten Wams fasste vor, hatte plötzlich etwas in der Hand. Hjaldrist wollte herumfahren, doch kam schon nicht mehr dazu. Ravello gab einen erschrockenen Laut von sich und sprang auf. Da war ein Seil und ein lautes Schnappen nach Luft seitens des Jarls, als sich jenes gegen seine Kehle drückte. Von hinten hatte der Fremde das Tau um den Hals Rists geworfen und es blitzschnell festgezogen. Mit einem grimmig zufriedenen Ausdruck im Gesicht wich der Kerl ab, zerrte den gewürgten Skelliger, der gar nicht wusste wie ihm geschah, damit rücklings von der schmalen Bank. Würgend und angestrengt nach Luft schnappend hatte Rist an das Hanfseil gepackt, das sich über seinem Halstuch an seine Kehle drängte und er versuchte die Beine widerwillig an der gezimmerten Holzbank einzuhaken, zu treten oder irgendwie aufzustehen, um sich umzuwenden. Doch es gelang nicht. Der Große hinter ihm hatte ihn sofort versiert im Zaum und in seinem Kampf nach Atem kam der Jarl sicherlich nicht dazu einen klaren Gedanken zu fassen. Die Tavernengäste ringsum hatten sich erhoben, starrten und ein Tumult brach aus. Drei Axtkämpfer hatten ihre Waffen gezogen, eine Frau ihren Dolch. Der Skalde hörte just mit seinem Flötenspiel auf, stöhnte verdattert, und Anna, die wollte mit dem Schwert in der Hand über den Tisch kommen, um den Fremden augenblicklich zu attackieren.

“Halt!”, bellte jener aber und seine donnernde Stimme klang bestimmend “Kommt näher und ich töte ihn an Ort und Stelle!”

Sofort hielten die Novigraderin, die drei Axtkämpfer und die Frau mit dem Dolch inne. Das ganze Geschehen in der Schänke geriet ins Stocken und kaum jemand wagte es sich zu rühren. Nur ein heiseres Keuchen seitens Rist durchbrach die angespannte Stille. Mit dem Kreuz voran an den feindseligen Kerl gezwängt hing er da. Das mit dem Kopf auf dessen Taillenhöhe; weder stehend, noch sitzend. Wie jemand, den man in ein Folterwerkzeug eingespannt hatte. Und es war erschreckend. Hjaldrist wollte nach hinten fassen, um den Fremden irgendwie zu packen. Doch es gelang ihm nicht. Seine fahrigen Finger glitten an dem rauen Tau ab und er sah aus, als trete er gleich weg. Der Arme wollte auf die Beine kommen, bekam dafür aber einen harschen Tritt. Anna sah dem mit geweiteten Augen zu und wusste absolut gehetzt nicht, was sie jetzt tun sollte. Eine falsche Bewegung und Rotwams würde so fest zuziehen, dass es zu spät sei. Und, oh, er sah KRÄFTIG aus. Hjaldrist war mit ihm verglichen richtig zierlich.

“Lass ihn in Ruhe!”, protestierte Ravello unbeholfen “Du Schurke!”

Anna’ Herz raste und ihre Augen wanderten aufgebracht, während ihr die Lippen einen kleinen Spalt weit offenstanden.

“Legt die Waffen weg! Na los! Und rührt euch nicht!”, blaffte der Fremde und ruckte einmal demonstrativ an seinem Seil. Hjaldrist gab etwas von sich, das sich wie ein überfordertes, hervorgepresstes Stöhnen anhörte. Sein Blick flimmerte. Und ohne weiter darüber nachzudenken warf Anna ihr Schwert fort. Die anderen ringsum taten es ihr gleich und wichen zurück. Stahl klapperte auf die Holzdielen. Rotwams wirkte ob dem zufrieden. Doch in der nächsten Sekunde fasste die Alchemistin schon nach hinten, an ihren Gürtel. Denn dort hatte sie ein Messer versteckt.

“Nein! Hände auf den Tisch!”, krakelte der Fremde, der Rist wieder etwas mehr Luft gab. Doch es reichte bei weitem nicht, dass sich der desorientierte Skelliger befreien könnte oder sich wieder fing. Anna zuckte heftig zusammen, atmete durch und hob die Hände kurz beschwichtigend an. Dann ließ sie die Handflächen zögerlich auf die Tischplatte vor sich sinken. Scheiße.

“Was willst du?”, erhob sie die Stimme endlich und schaffte es kaum vom halb strangulierten Rist fortzusehen. Wahrscheinlich hatte der Unbekannte vor den Jarl zu entführen. Denn hätte er ihn töten wollen, hätte er das doch längst getan. Aber warum? Was hatte er vor? Wollte er Geld?

“Was ich will?”, lachte der Mann im braunen Wollmantel und noch immer wollte sich der kraftloser werdende Undviker in dessen Mangel erwehren. Rist japste, wollte nach hinten schlagen und bekam dafür solch einen harten Knietritt ins Steißbein, dass er wieder niedersackte. Es war grauenvoll und Anna glaubte, sie fühle den Schmerz ihres engsten Freundes ebenso.

“Rache will ich!”, maulte der Bastard selbstsüchtig und Anna’s Mundwinkel zuckte verstimmt zur Seite. Immer wieder wichen ihre Augen von ihm zu Rist und wieder zurück. Ihre wirren Gedanken rasten.

“Du bist ein dreckiger Halunke!”, schimpfte Ravello “Er ist ein Fürst! Man wird dich dafür hinrichten!”

“Ach ja?”, lachte Rotwams unbeeindruckt und die Novigraderin im Bunde hörte dem kaum noch zu. Sie starrte gen Hjaldrist, der aussah, als verliere er gleich das Bewusstsein. Und als ein plötzlicher Ruck durch ihren Körper ging, entschuldigte sie sich im Geiste bei ihm. Für das, was gleich kommen sollte. Vielleicht hörte er ihre Gedanken ja einmal wieder, dann müsste sie später nicht betreten vor ihm stehen und sich deswegen schlecht fühlen, weil sie ihm einen Tisch an den Kopf geworfen hatte. Kurzum drehte die geistesgegenwärtige Frau die Hände auf der Tischplatte und packte an die Kante der Ablage. Ohne überhaupt weiter darüber nachzudenken, nahm sie alle Kraft zusammen, ging leicht in die Knie, um Schwung zu holen, und warf das Möbelstück vor. Zum Glück war jenes nicht zu massiv oder groß. Auch stand der Fremde gerade einmal drei Armlängen entfernt. Es rumste und polterte, der Tisch kippte dem Arschloch entgegen, traf ihn und den Jarl der Insel. Dies kam so überraschend, dass der im roten Wams zurücktaumelte und den Halt am Tau verlor, welches er um den Kragen seiner Geisel festgezurrt hatte. Und auf einmal geriet alles ringsumher in neuerliche Bewegung. Ravello eilte los, um zu Hjaldrist zu kommen und Anna ging auf den Fremden los, ohne vorher nach ihrem Schwert am Grund zu fassen. Die drei Axtkämpfer grollten böse und die Frau mit dem Dolch wollte der Alchemistin mit den schwarzen Haaren zu Hilfe kommen. Man konnte sich kaum versehen, da lag der Unbekannte am Boden und Anna war über ihm. Sie schlug zu, haute ihm die Nase damit blutig, doch wurde im nächsten Moment schon abgeworfen. Eine Hand packte in ihr Haar und zog ihren Kopf hoch, um jenen zurück, gen Grund, zu schmettern. Doch sie stemmte sich dagegen, fuhr herum und versetzte ihrem größeren Gegner einen Ellbogenhieb in die Seite. Sie kam blind auf die Beine, trat zu, stürzte wütend vor. Irgendetwas grub sich stechend in ihre Hüfte. Egal. Noch einmal schlug sie auf ihren Gegner ein, kassierte einen rechten Haken, strauchelte zurück und schimpfte Laut.

“Hurensohn!”, maulte sie zornig und biss die Zähne fest zusammen. Ihr Hemd klebte sich knapp über ihrem Hosenbund feucht an ihre Haut. Verdammte Kacke. Anna spuckte angewidert aus und zog endlich das Messer, das hinten, in ihrem Gürtel steckte.

“Komm her, ich stech dich ab, du Arschloch!”, grollte sie und kam vor, hob zu und riss dem Fremden ruckartig eine Wunde am Arm. Sie hörte, wie Hjaldrist ihren Namen herrisch rief, doch sie sah sich nicht nach ihm um. Gerade war sie wie eine aggressive, fauchende Katze.

“Anna!”, kam es mit Nachdruck der heiseren Stimme und der Jarl blaffte irgendetwas davon, dass er Rotwams lebend haben wollen würde. Einen knappen Atemzug später schon erwischte sie jemand von hinten und zwei der Axtkämpfer in der Taverne rangen den Unbekannten zu Boden. Anna gab einen verärgerten Laut von sich, als sie das sah, doch wehrte sich auch nicht gegen die Hände, die sie bestimmend vom Geschehen fort zogen. Denn sie gehörten Rist. Und die Kurzhaarige wand sich gleich aus seinem harten Griff, als sie das erkannte. Jeden anderen, den hätte sie impulsiv geschlagen, so aufgebracht, wie sie soeben war. Doch ihm tat sie nichts. Schwer atmete sie und ließ das befleckte Messer in ihrer Rechten sinken, sah zu den Axtkämpfern und dem Fremden zurück. Letzterer gab sich gerade widerstandslos geschlagen. Offenbar war er schlau genug sich nicht gegen zwei Hünen der Inseln zu wehren. Und er war so dreist, dass er gar finster grinste. Blutend sah er zu Hjaldrist auf, spuckte ihm rot und verachtend entgegen.

“Mörder!”, keuchte er “Du wirst noch bekommen, was du verdienst!”

Der konfrontierte Jarl, der noch ein wenig blass um die Nase war, schwieg und sah dem am Boden mit harter Miene entgegen. Ravello trat zu Rist und sah ihn besorgt an.

“Bringt ihn zur den Wachen. Sie werden ihn einsperren.”, entschloss Hjaldrist gezwungen gelassen “Wir kümmern uns morgen um ihn.”

Und damit zerrten die zwei Tavernengäste Rotwams hinaus, um ihn den Huskarlen zu übergeben. Seine Zukunft sah nach dem, was er hier getan hatte, nicht rosig aus, das stand fest. Er würde sterben.

“Wer war das?”, plapperte Ravello sofort “Bei meiner Ehre! Dieser Mistkerl!”

“Ich weiß es nicht…”, gab Rist mit gesenkter Stimme zu. Er hatte Blut an der Stirn kleben und fasste sich prüfend an den Kopf. 

“Aber ich werde es schon herausfinden…”, schloss er schmerzverzerrt. Anna blieb derweil stumm und kam wieder zu Atem, sah an sich runter. Ein warmer, roter Fleck machte ihr das Hemd über dem schmalen Gürtel ganz nass und etwas Blut lief ihr über die Hose hinab.

“Mist…”, stöhnte sie leise und legte die freie Hand vorsichtig an die Stichwunde knapp oberhalb ihres Hüftknochens. DAS hatte ihr gerade noch gefehlt.

“Anna?”, konnte sie ihren blonden Begleiter von der Seite aus fragen hören “Du blutest ja!”

“Geht schon.”, atmete sie und verzog das Gesicht leicht. Immerhin konnte sie stehen und musste sich nicht setzen. In der Vergangenheit hatte sie schon schlimmere Verletzungen eingesteckt, also hob sie den Kopf wieder, um lieber besorgt in die Richtung ihres besten Freundes zu spähen. Er war näher gekommen und sah ihretwegen nicht minder beunruhigt aus. Die Wunde an seiner Schläfe blutete. Wahrscheinlich hatte er den Tisch tatsächlich an den Kopf bekommen und nun steckte Ravello ihm sein Stofftaschentuch zu, damit sich Rist jenes an die Verletzung pressen könnte. Ansonsten war der Undviker wohlauf. Welch ein Glück!

“Ist alles gut?”, fragte Anna nach. Sie wollte sich schon des Tisches wegen entschuldigen, doch dann fiel ihr ein, dass Rist sie doch immer tadelte, wenn sie alles bedauerte. Also klaubte sie stattdessen nach einem blöden Kommentar.

“Du hast echt nen harten Schädel.”, grinste sie schwach “Jeden anderen hätte die Holzplatte etwas länger umgehauen. Lagst du ÜBERHAUPT kurz flach?”

“Tse…”, lachte der Jarl leise und drückte sich Ravello’s blaues Tuch an seine frische Platzwunde “‘Felsen’. Schon vergessen?”

“Ach ja…”, die Kurzhaarige, die sich die Hüfte gepeinigt hielt, rollte abfällig amüsiert schnaubend mit den Augen. Und es ärgerte sie, als sie spürte, wie es ihr ein wenig übel wurde. Vielleicht… vielleicht sollte sie sich doch hinsetzen. Nur für eine kleine Weile.

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