Kapitel 117 (Buch 4, 20)

Redanische rachlust

Hjaldrist hielt inne, als er an dem hübsch gerahmten Spiegel vorbeikam, der auf der Kommode nahe seiner Zimmertüre stand. Es war längst früher Abend, als er sich auf den Weg nach unten, zu den Kerkern, machen wollte. Doch bevor der Mann dies tat, hielt ihn der Anblick seines Spiegelbildes auf. Mit kritischer Miene ging er näher, reckte den Hals leicht und zog das lockere Halstuch mit einem Finger beiseite, um seine schmerzende Kehle betrachten zu können. Leicht lehnte er sich dabei vor und besah den roten Striemen, der sich über seine helle Haut zog, unzufrieden. Gestern Abend hatte ihn der verrückte Kerl, über den er richten müsste, in der Taverne angegriffen und ihn einen Mörder genannt. Nur warum? Bei Hemdall, er hatte diesen Mistkerl nicht kommen sehen und war noch weniger darauf vorbereitet gewesen beinahe erwürgt zu werden. Alles war so schnell passiert.

Unwohl rieb sich der Jarl den Hals. Die dicke Schürfwunde, die das raue Tau des Angreifers hinterlassen hatte, brannte und es würde noch eine Weile dauern, bis sie verheilt wäre. Genauso, wie die Wunde an seinem Kopf, die dem Tisch geschuldet war, den er abbekommen hatte. Man hatte sie zum Glück nicht nähen müssen. Dicke Salbe und ein Verband hatten ausgereicht. Leise seufzte der Krieger in der grünen Tunika, riss den Blick wieder von seinem Spiegel fort und rückte sich das grüne Halstuch zurecht, das die wunde Haut darunter verbarg. Es war richtig mies gelaufen gestern, dabei hatte der Abend so vielversprechend begonnen. Hjaldrist hatte unheimlichen Spaß gehabt und hätte gerne noch lange mit Ravello und Anna gewürfelt. Nur dann war der Mann im roten Wams aufgetaucht. Und, bei den Göttern, hätte Anna jenem und ihrem bedrohten Freund keinen Tavernentisch entgegengeworfen, wäre sicherlich viel mehr geschehen. Vielleicht hätte der Größere ihn gar erdrosselt oder bis zur Bewusstlosigkeit gewürgt und verschleppt. Mit einem Falchraite als Geisel hätte der Bastard auf Undvik viel erreicht. Es war also erschreckend gewesen, wie sehr der Fremde mit dem ausländischen Akzent Hjaldrist im Griff gehabt hatte. Wenn er heute daran dachte, jagte ihm ein kalter, unwohler Schauer über den Rücken. Als Jarl, in einer Festung und umgeben von Huskarlen, hatte er sich hier immer so unantastbar gefühlt. Doch das war er nicht immer und dies hatte er gestern leider bemerken müssen. Es ärgerte ihn, denn er war zu naiv gewesen. Oder? Und gleichzeitig war der Langhaarige heilfroh darüber, dass Anna da gewesen war und sofort ordentlich aufgedreht hatte, während der Rest der Tavernenbelegschaft es nicht gewagt hatte sich zu rühren. Niemand anderes, als sie, wäre so dumm und unvorsichtig gewesen den in Rot trotz allem einfach so anzugreifen. Denn was, wenn das mit dem Tisch nicht geklappt hätte? Hätte der Feind seine wüste Drohung dann wahrgemacht und Hjaldrist vor allen Leuten erstickt oder erstochen? Denn letzteres wäre gut möglich gewesen. Der Angreifer hatte ein Langmesser besessen. Eines, das er der kampfbereiten Anna in die Hüfte gerammt hatte, nachdem sie ihm die Fresse hatte einschlagen wollen. Die schmale Klinge hatte schlierig grünlich vor Gift geglänzt und die besagte Novigraderin lag heute mit Fieber im Bett. Es war eine harmlose Folge eines gefährlichen Kampfes, wenn man bedachte, dass jeder andere mit etwas Pech elend am Sewantenöl des Ausländers verreckt wäre. Wobei sich der Skelliger fragen musste, warum es seiner Kumpanin heute verhältnismäßig ‘gut’ ging. Rührte ihre erhöhte Temperatur tatsächlich vom Gift her oder kam sie von ihrer Stichwunde? Schluckte Anna noch immer täglich Toxine, um sich zu immunisieren? Sie hatte im Bogenwald hochheilig geschworen es nicht mehr zu tun, doch Hjaldrist zweifelte daran. So, wie er vieles, das diese Frau tat oder sagte, noch immer außerordentlich skeptisch betrachtete. Er würde später einmal nach ihr sehen. Doch zuerst hatte er vor noch jemanden ganz anderes zu besuchen. Jemanden, der seit gestern Abend im kalten Kerker der Falkenburg saß.

Es dauerte nicht lange, bis Hjaldrist die unterirdischen Gefilde betrat. Er nahm die letzten gewundenen Stufen, die in das tiefe Kerkergewölbe hinunterführten und sah einem langen, steinernen Gang entgegen, in dem sich links und rechts Zellen aneinanderreihten. Bis auf das fahle Fackellicht und den Schein der Öllampe des adeligen Undvikers war es relativ finster hier. Das war es in jedem Kerker. Doch anders, als in anderen Gefängnissen stank es hier nicht penetrant nach Verwesung und faulem Fleisch. Denn wenn jemand hier unten landete, blieb er nie so lange, bis er schwer erkrankte oder starb. Die Falchraites griffen seit jeher direkt, hart und auch korrekt durch, daher hatte man seit einer Ewigkeit keine Leichen mehr aus dem klammen Keller getragen. Es gab hier zudem kaum Ratten, denn ohne Tote gab es kein Futter für sie. Und Hjaldrist freute sich darüber. Auch seines Gewissens wegen. Er hätte es nicht ausgehalten unter seinem schönen Heim ein dunkles Loch zu wissen, in dem verhungernde Menschen vor sich hin siechten und von räudigen Nagern angefressen wurden; wo Gefangene dem Wahnsinn verfielen, den ganzen Tag schrien, oder wochenlang in ihren eigenen Exkrementen lagen. Es wäre ekelhaft und nicht vertretbar. Und obwohl es hier reichlich Platz gab, waren im Moment nur die wenigsten Zellen besetzt. Ruhigen Schrittes ging der Jarl an ihnen vorbei. Etwas weiter vorn, in einer Nische und an einem Tisch saßen im Fackellicht zwei Männer. Einer von ihnen, der namens Flikar, erhob sich, als er seinen Jarl kommen sah, und nickte ihm wissend zu. Hjaldrist schloss zu ihm auf und folgte dem Älteren durch den düsteren Gang. Der rostige Henkel seiner Öllampe quietschte bei jeder Bewegung leise.

“Er hat nicht geredet.”, meinte der Kerkerwächter neben dem dunkelhaarigen Axtkämpfer eisig “Auch nicht, nachdem ich ihn fast ersäuft hätte.”

Hjaldrist verzog keine Miene. Doch tief in seinem Inneren war er froh darüber, dass er selbst niemanden foltern musste. Generell widerstrebten ihm solche Methoden, daher wurden sie hier nur sehr, sehr selten und in verdammt dringenden Angelegenheiten angewandt. Und wenn, dann durch den bärtigen Flikar, der da neben Hjaldrist her ging. Der braunhaarige Mann mittleren Alters hatte früher einmal als Henker gearbeitet und wusste ganz genau, was er tat. Das war vermutlich gut. 

Die beiden Männer hielten am Ende des Ganges vor einer Zelle an und Flikar deutete der letzten Tür entgegen, die dort in der massiven Mauer eingelassen war. Sie war aus dickem Holz und mit einem kleinen Gitterfenster versehen, durch das man in den Raum dahinter spähen konnte. Jener maß etwa zwei mal drei Meter. Der Aufpasser in Grün und Blau reichte seinem Anführer einen kleinen Schlüsselbund.

“Soll ich mit reinkommen?”, fragte er in seinem rauen Ton.

“Nein.”, entgegnete Hjaldrist gleich “Ich komme zurecht.”

“In Ordnung.”

Und damit entsperrte der Jarl die Zellentür zögerlich und betrat den dunklen Raum dahinter. Die hölzerne Türe mit dem dicken, quietschenden Scharnier ließ er einen Spalt weit offenstehen und seine forschenden Augen fixierten den Kerl, der in einer der Ecken stand, gleich. Im flackernden Schein der Öllampe erkannte er die dreckige Kleidung des Fremden, eine Eisenkette am Grund und eine unsäglich finstere Miene.

“Ich hoffe, dir gefällt es hier.”, begrüßte Hjaldrist den neuen Gefangenen ironisch “Für Kriminelle halten wir immer die schönsten Zimmer parat.”

Der Fremde in Rot schnaufte grimmig, doch grinste noch immer. So, als hätte er hier die Kontrolle. Doch, oh, er irrte sich gewaltig.

“Ah, der Jarl lässt sich herab, um mit mir zu sprechen!”, stellte der Mann mit dem nördlichen Akzent fest und entblößte dabei ein Gebiss, in dem ein Schneidezahn fehlte. Das war Anna’s Faust zu verdanken. Hjaldrist schwieg, denn er würde sich von dem Elend im dunklen Kerker nicht aufziehen oder gar beleidigen lassen. Er war zu stolz, um sich auf solch eine Ebene zu begeben und die Maske, die er bei seiner Arbeit manchmal aufsetzen musste, war kühl. Ja, gerade, da war er so anders, als inmitten seiner Freunde oder gegenüber geachteter Bürger. Denn es MUSSTE so sein.

“Warum hast du mich angegriffen? Du hast mich einen Mörder geschimpft. Weswegen?”, fragte der Jarl und das selbstsichere Gegrinse schwand aus der Visage des Ausländers. Vielmehr wurde der vermeintliche Mörder nun abrupt zornig. Seine kleinen Augen waren schmal geworden, sein Ausdruck überaus feindselig. Er überlegte kurz und zu seinem Nachteil waren seine Gedanken in dieser Sekunde kein Geheimnis für den, der ab und an in die Köpfe anderer zu sehen vermochte. Hjaldrist trübte kein Wässerchen und machte in seiner telepathischen Voraussicht einen halben Schritt zurück. Keinen Atemzug später schon stürzte der Gefangene auf ihn los und schlug kampfschreiend nach ihm. Dabei straffte sich die Metallkette, die sich um seinen Fußknöchel legte, und hielt ihn gewaltsam zurück. Um eine, man möchte meinen berechnete, Haaresbreite verfehlte er den wissenden Jarl und brüllte verärgert. Hjaldrist sah dem stumm zu. Es war erstaunlich, wie sehr dieser Fremde ihn zu hassen schien. Dabei kannte er ihn doch nicht einmal.

“Du elender-!”, keuchte der Nordländer rasend und hob erneut angestrengt nach dem regungslosen Undviker mit dem Fellumhang. Seine Faust ging wieder ins Leere. Er keuchte zornig, zerrte an der schweren Kette an seinem Bein und Hjaldrist atmete flach durch, ehe er zum Sprechen ansetzte.

“Hör zu…”, fing er an “Entweder, du redest, oder ich schicke dir Flikar vorbei. Vielleicht hat er ja Lust darauf dieses Mal schlimmere Dinge mit dir anzustellen, als deinen Kopf nur in einen Wasserkübel zu stecken.”

Der im dreckigen, roten Wams hielt inne und seine schiefen Zähne mahlten und knirschten in seiner Wut. Unregelmäßig atmete er und sein Gesicht sah im Öllampenschein aus, wie eine unheimliche, ärgerliche Fratze. Er spuckte aus und dem Inselbewohner direkt vor die Stiefel. Einmal wieder.

“Ich bin kein grausamer Mann. Und wenn du mir ein, zwei Dinge verrätst, köpfen wir dich schnell und schmerzlos, anstatt dich in der Wildnis festzubinden und dich den Tieren zu überlassen.”, meinte der Dunkelhaarige besonnen. Der Mann vor ihm war aufs Äußerste angespannt.

 “Du wolltest mich töten und hast ein Mitglied meiner Leibgarde schwer verwundet und vergiftet.”, setzte Hjaldrist fort “Allein auf ersteres steht auf den Inseln bereits der Tod.”

“Fick dich!”, spie der rüde Ausländer als Antwort. Es kam nicht unerwartet.

“Mhm.”, entkam es dem Jarl daraufhin nur gestellt geduldig und er rieb sich das unrasierte Kinn, als er den Gefangenen taxierte. Ein Jammer, dass dessen Gedanken so sehr von seinem Zorn überschattet waren. Es war daher schier unmöglich kleine Fetzen der Motivation des Fremden aufzuschnappen. Daher müsste Hjaldrist schätzen und kombinieren. Freya sei Dank war er immer schon gut im ‘Raten’ gewesen.

“Du bist ein Redanier.”, fing er an “Du trägst an deinem Wams den weißen Adler. Das fiel auf, denn es verschlägt Leute, wie dich, nicht sehr oft hierher.”

Noch immer blieb der Unbekannte still und seine Versuche sich von der Eisenkette loszureißen, wurden immer halbherziger. Ruhig sah der anwesende Undviker ihm zu.

“Du hast mich einen Mörder genannt. Deswegen vermute ich, dass du mich aus Novigrad kennst. Wobei… nein, das ist zu lange her. Du standest im Krieg vor Kaer Iwahell gegen mich oder die Hexer. Vielleicht hat der Dämon, den letztere geschickt haben, auch deine Leute zerrissen. Oder ich habe dein Schiff versenkt.”, wollte Hjaldrist nach einer Kunstpause wissen “Ich bin nicht dumm. Aber man bräuchte so und so nicht sonderlich viel Grips, um dahinter zu kommen, was ein wütender Redanier ausgerechnet HIER, auf Undvik sucht. Normalerweise verschlägt es nur Handelsschiffe oder Boote der skellischen Clans hierher.”

Wieder Stille. Sie störte den Jarl kaum.

“Du musst kürzlich mit einem dieser seltenen Schiffe gekommen sein, denn sonst hätte ich eher von dir, ‘Dem mit dem Adler am Rücken’, gehört.”, setzte er fort “War auf diesem Schiff eine Frau mit rotblondem Haar?”

Der grollende Ausländer starrte Hjaldrist böse an und versuchte zu verbergen, dass ihn die Worte seines kleineren und wohl jüngeren Gegenübers verblüfften. Welch ein Narr. Immerhin zog er nicht länger an seiner Kette. Doch er schwieg eisern. Verdammt.

“Verstehe...”, sagte der Axtkämpfer nach einer angespannten Weile gespielt gelassen und spielte sein Spielchen um Dominanz weiter “Sag den Wachen Bescheid, wenn du mir etwas ausrichten möchtest. Vielleicht erbarme ich mich ja und komme persönlich, anstatt mir deine Nachrichten über Flikar bringen zu lassen. Denn glaub mir, das wäre dir viel lieber, als alles andere.”

Hjaldrist lächelte noch einmal schmal. Dann wandte er sich einfach ab. Der Ausdruck des ertappten Redaniers allein hatte ihm gerade schon so viel verraten. Und was er aus diesem offenen Buch herausgelesen hatte, beunruhigte ihn irgendwo. Doch er zeigte es nicht.

“Wenn SIE dich nicht umbringt, werde ich es tun!”, schnarrte der Gefangene just, als Hjaldrist dessen kleine Zelle verlassen wollte und der überraschte Skelliger hielt an. Er sah sich aber nicht nach dem Kerl um.

“Hörst du? Sie schneidet erst den Anderling um, dann dich, du Arschficker!”, krähte der Redanier und kicherte, als sei er wahrhaftig wahnsinnig. Und, oh, obwohl er hier solch große Töne spuckte, hatte er keine Ahnung. Oder musste sich Hjaldrist tatsächlich darauf vorbereiten, dass die hinterhältige Svenja kam, um ihm nach dem Leben zu trachten? Er bezweifelte es, trotz allem. Freudlos grinsend schüttelte der Jarl den Kopf. Dann ging er. Er würde den wütenden Redanier morgen noch einmal aufsuchen. Eine weitere Nacht im Gefängnis und die Gesellschaft Flikars würden diesen Mistkerl schon noch weichklopfen, ganz sicher. Und nun, da Hjaldrist wusste, dass jener eindeutig mit einer ganz bestimmten, ehemaligen Skrugga zu tun gehabt hatte, käme der hochmütige Bastard der seltenen ‘Sonderbehandlung’ durch den Kerkermeister nicht mehr aus.

 

Als Hjaldrist das kalte Kellergewölbe Minuten später verließ, war seine Stimmung nicht die beste. Er fühlte sich angespannt und auch irgendwie frustriert, weil der irre Gefangene nicht geredet hatte und daher mehrere vage Annahmen über ihn im Raum standen. Die hervorgeschnauzten Beleidigungen des Unbekannten hätten dem Jarl nicht egaler sein können, doch es beschäftigte ihn, dass der Ausländer Svenja kannte. Woher tat er das? Warum? Und weswegen waren sie zusammen hierhergekommen? Wollte die eine etwa Rache an ihrer Erzfeindin Anna nehmen, die vom Redanier als ‘Anderling’ betitelt worden war? Und gedachte der andere den zu töten, gegen den seine Kameraden im Krieg gefallen waren? Es wäre das Naheliegendste. Und dennoch hoffte Hjaldrist inständig darauf, dass der starrsinnige Nordländer noch verraten würde, was tatsächlich hinter seinem und Svenja’s Auftauchen steckte. Es würde Hjaldrist so viel Zeit und Mühe ersparen.

Seufzend durchquerte der Jarl im grünen Rock die große Halle, um in den weitläufigen Korridor zu kommen, der zu den Treppen in die westlichen Räumlichkeiten führte. Gemächlich nahm er die steinernen Stufen und hielt an der Außenterrasse vorbei, auf der Pavetta und Mutter gerade in der Sonne saßen und sich ausgelassen miteinander unterhielten. Eine angenehme Sommerbrise wehte über den kleinen Platz und trieb frische Meeresluft in die Burg herein. Hjaldrist atmete einmal tief durch, als ihn das Lüftchen an der Wange kitzelte und er musste seiner Verwandten wegen lächeln, die gerade lauthals über irgendetwas lachten. Er würde die Frauen nicht stören. Den flüchtigen Blick also wieder abwendend ging Hjaldrist weiter, bis er an die nurmehr unweite Türe des Zimmers seiner Freundin aus Novigrad kam. Kurz überlegte er, ob er sollte, doch dann klopfte er einfach an. Die bekannte Stimme Adlets bat ihn keinen Herzschlag daraufhin doch einzutreten und als der Jarl dies tat, erkannte ihn sein netter Onkel mit einem frohen Lächeln im Gesicht.

“Hallo, hallo!”, machte der verrückte Druide und erhob sich von Anna’s Bettkante. Die kurzhaarige Frau selbst lag mit dem Rücken zur Tür und schlief wohl.

“Hallo Adlet.”, begrüßte Hjaldrist den Kerl mit den getrockneten Hühnerfüßen an der Hutkrempe. Er reckte den Hals ein wenig, um an jenem vorbei gen Anna spähen zu können.

“Es geht dem Mädchen schon besser. Nur das Fieber ist hartnäckig, ja, ja…”, schniefte der gutmütige Adlet und seufzte bedauernd.

“Weißt du, woher es kommt?”, wollte Hjaldrist direkt wissen.

“Was?”

“Na, das Fieber…”

“Von der Wunde.”, meinte der alte Mistelschneider irritiert “Woher sonst?”

“Ich dachte, dass es vielleicht vom Gift kommen könnte…”, gab der Jüngere zu und ging an seinem dunkelhaarigen Onkel vorbei, um Anna besser beäugen zu können. Er spazierte einmal um ihr großes Bett herum, musterte sie dann prüfend. Die Schlummernde war völlig weggetreten und bemerkte ihn nicht. Dass man neben ihr in normaler Lautstärke sprach, störte ihren Schlaf kein bisschen. Das Fieber hatte Anna eine leichte Röte auf die Wangen gemalt und ein feuchtes Tuch lag auf ihrer Schläfe, machte ihr die viel zu dunklen Haare dort etwas nass. Ein kleines Bündel irgendwelcher frischer Kräuter lag zudem auf ihrer Bettdecke. Das war bestimmt irgendein Druidenkram Adlets.

“Das Gift des Redaniers verursacht kein Fieber, Söhnchen.”, klärte der tickende Skelliger in der Fellweste auf “Sondern es macht, dass das Blut Klumpen bildet. Ähnlich, wie es manche Schlangengifte tun.”

“Verstehe…”, murmelte der Jarl, der nicht unbedingt ein Alchemie-Handbuch auf Beinen war. Er kannte manche Toxine und deren Wirkungen, da Anna immer viel damit hantiert hatte. Mit Wolfsbann, Arenaria oder Henkersgift zum Beispiel. Doch er war kein Trankmischer. 

Seine Aufmerksamkeit wich von der Schlafenden fort, durch das Zimmer, über Regal und Tisch. Anna’s Alchemiekiste stand dort in dem kleinen, gewohnten Chaos, das sie pflegte. So war sie schon immer gewesen: Unheimlich unordentlich. Und dennoch hatte sie es immer geschafft einen Überblick zu behalten. Einer ihrer vermeintlich klugen Sprüche war immer gewesen, dass ein Genie das Chaos beherrsche oder so ähnlich. Welch eine dumme Ausrede. Sie hatte sich damit immer davor gedrückt das Zelt aufzuräumen und Hjaldrist, der hatte zwischen all ihren Sachen kaum mehr seine eigenen gefunden.

“Ich weiß nicht, warum sie nicht am Gift gestorben oder zumindest blutkrank geworden ist.”, schniefte Adlet weiter, während sein langhaariger Enkel auf den breiten Schreibtisch im Raum zuhielt “Sie war nur eine Weile sehr blass und ist einmal ohnmächtig geworden. Schüttelfrost hatte sie. Aber das war es auch schon. Das ist eigenartig, ja, ja. Sie hatte vermutlich sehr viel Glück.”

“Nein. Anna hat in der Vergangenheit Gifte geschluckt.”, erklärte Hjaldrist auf dies hin grüblerisch und blieb vor dem Tisch des Gästezimmers stehen, das einmal sein eigenes gewesen war “Und das regelmäßig.”

“Oh!”, entkam es dem jung anmutenden Druiden der Dracheninsel erstaunt und es fiel ihm wie Schuppen von den Augen. Er holte begeistert Luft zum Sprechen. 

“Welch ein Experiment! Riskant, doch sehr interessant!”, staunte er.

“Ich würde es eher leichtsinnig nennen…”, murmelte der vernünftige Jarl unzufrieden vor sich hin und seine dunklen Augen wanderten über Anna’s Sachen, die auf der großen Ablage vor ihm verstreut lagen: Ein kleiner Mörser mit irgendwelchen Krümeln darin, ein Gewürzbündel, eine halbvolle Teetasse, schlampig beschriebenes Papier, zerknülltes Pergament, ein ledernes Notizbuch, ein angekauter Stift, ein Brief mit gebrochenem Siegel. Manches davon haschte nur so nach der drängenden Neugierde des interessierten Undvikers, doch er rührte es nicht an. Er würde nicht grundlos in anderer Leute Schriftwerke herumschnüffeln. Auch nicht in Annas. Und dennoch müsste er sich, ohne böswillig spionieren zu wollen, einmal einem ganz bestimmten Ding widmen, das da stand: Dem Alchemiezeug der Novigraderin. Jene hatte ihm die Holzkiste im Bogenwald verzweifelt anbieten wollen, damit er alles darin wegwarf. Natürlich hatte er das nicht getan, denn wer oder was war er denn? Dennoch nahm er es sich heraus jetzt einfach einen prüfenden Blick in das Behältnis zu werfen. Der gelegentliche Monsterjäger zögerte erst, streckte die Hand dann aber aus und zog die hölzerne Kiste auf der Tischfläche dichter an sich heran. Man konnte das praktische Teil, das einer Art Nähkoffer glich, wie Pavetta einen besaß, nach hinten aufklappen und genau dies tat Hjaldrist nun. Er öffnete das rechteckige Kästchen und sofort kamen klimpernde Glasfläschchen und anderer Trankmischer-Kram zum Vorschein. Da waren Pülverchen, Flüssigkeiten, Samen, getrocknete Pflanzen, Tinte, Steinchen, mehr Zettelwerk. Es war ein gewohnter Anblick, denn der Axtkämpfer sah sich Anna’s gestrichenes Holzkästchen, dessen Inhalt vermutlich dutzende Goldstücke wert war, nicht zum ersten Mal genauer an. Und dennoch fehlte dem gewohnten Bild etwas: Die Phiolen mit dem bräunlichen Gift, das sich die just tief schlafende Nordländerin früher immer tagtäglich in den protestierenden Rachen gekippt hatte. Stattdessen erkannte Hjaldrist ein paar leere Fläschchen, in denen noch ein Rest des roten Absuds Lados zu erkennen war. Da waren auch welche, die noch voll waren und diverse andere gut beschriftete Mittel. Waffenöl, Mandragora-Auszug für’s Schnapsbrennen und eine lila Flüssigkeit, die dem stockenden Skelliger recht… anzügliche Bilder in Erinnerung rief, die er eigentlich vergessen wollte. Da war noch das Zeug, das verhinderte, dass Frauen schwanger wurden, Sekrete von irgendwelchen Viechern oder der auffallend gelbe Extrakt, mit dem Anna einmal Durftwässerchen für Ravello angerührt hatte. Skeptisch verengte Hjaldrist den Blick, fasste nach einem kleinen, rötlich befüllten Fläschchen und betrachtete es grüblerisch. Er entkorkte es vorsichtig und roch daran. Sofort stach ihm ein unheimlich scharfer Geruch in die Nase und brachte ihn zum Husten. Ja, das war der verdammte Hexertrank, den Balthar ihm damals, im Wald hinter der Burg Sturmfels, in stark verdünnter Form eingeflößt hatte. Eindeutig.

“Suchst du etwas, Junge?”, wollte Adlet geduldig wissen und trat neben Hjaldrist, der nicht zu ihm aufsah, sondern die leere Glasflasche mit dem restlichen Tropfen Schwalbe darin verschloss und wieder achtsam in die Holzkiste zurücklegte. Seine Augen waren just ganz glasig geworden und der beißende Geruch klang noch in seiner Nase nach. Ekelhaft. Wie bekam man davon nur eine ganze Phiole runter?

“Ja… ich habe etwas gesucht.”, gab der Jüngere mit dem zurückgeflochtenen Haar nach einem kurzen Schweigen zu und sein Onkel betrachtete ihn nach wie vor aufmerksam “Aber ich hab es nicht gefunden. Obwohl ich mich frage wo es ist, weil man es nicht einfach so wegschütten sollte.”

Nun musste der Mistelschneider leise lachen.

“Du bist ja eigenartig, Junge.”, stellte gerade ER fest und der Jarl maß ihn mit einem Blick. Er wollte gerade Luft für einen sarkastischen Kommentar holen, da kam ihm die Stimme der burschikosen Frau auf dem Bett zuvor. Sie hatte sich zwar nicht gerührt, doch war ganz offensichtlich erwacht. Oder hatte sie sich in den letzten Minuten nur schlafend gestellt? Hjaldrist sah sich kritisch zu ihr um, als man sie irgendwo zwischen Kissen und feuchtem Tuch murmeln hörte. Nervosität wollte nach ihm haschen, denn obwohl er zuvor so selbstbewusst nach der hochheiligen Alchemiekiste seiner vertrauensseligen Kollegin gefischt hatte, fühlte er sich doch einen Deut weit, wie ein Einbrecher. Wie jemand, der eine rückfällige Drogensüchtige kontrollieren musste. Es war falsch. War er zu argwöhnisch?

“Uh. Ich hab Hunger...”, jammerte Anna leise zu sich selbst und sofort ließ die Anspannung, die den Undviker gerade erfüllen hatte wollen, nach. Erleichtert atmete er aus und musste schief lächeln, als er das leise Gemecker hörte.

“Scheiße…”, schnaufte der Haufen aus Decke, Fell und Adlet’s Kräutern wehleidig “Aua… ich will nicht aufstehen… Adlet…?”

“Ooh!”, der hilfsbereite Druide im Raum setzte sich sofort in Bewegung und ging in seiner Rolle als verantwortungsbewusster Betreuer voll auf “Bleib liegen, Kindchen! Ich bringe dir ein Brot mit Heringsmarmelade!”

Nun jammerte Anna nurmehr lauter.

“Nicht schon wieder… Adlet! Nein… warte. Ich habe noch Trockeno-”, stöhnte sie, doch konnte ihre Bitte nicht zu Ende bringen. Denn der angesprochene Alchemist kannte kein Erbarmen und eilte bereits zielstrebig los, verschwand. Vermutlich hatte der Kerl Anna bisher ja richtig gut und regelmäßig mit seiner ach so heißgeliebten Marmelade versorgt. Ein leises, langgezogenes Seufzen des Deckenhaufens unterstrich diese Annahme und Hjaldrist konnte sich eines belustigten Schmunzelns nicht erwehren. Noch einmal linste er flüchtig zur offenstehenden Alchemiekiste seiner Kumpanin hin und schloss sie vorsichtig. Erst, als die fiebrige Frau am Bett das leise Klappern hörte, das dies begleitete, bemerkte sie, dass sie Besuch hatte. Irgendwo zwischen Kissen und Schaffell hob sich ein Kopf mit einem schiefsitzenden, nassen Lappen als Bedeckung.

“Ich glaube, das ist seine ganz eigene Art dich dazu zu motivieren schnell wieder gesund zu werden.”, kommentierte Hjaldrist witzelnd und Anna richtete den Oberkörper schwerfällig auf. Sie wirkte über die Anwesenheit des Jarls erstaunt. Ihr mattes Gesicht erhellte sich ein kleines Bisschen.

“Er quält dich so lange mit seiner Marmelade, bis du aufstehst und lieber wieder deinem Alltag nachgehst, anstatt hier herumzuliegen.”, feixte der Krieger und wandte sich vom Schreibtisch ab, um ein paar Schritte weit auf das Bett zuzugehen. Am dicken Teppich davor hielt er an. Anna musste heiser lachen, als sie seine Worte hörte. 

“Du meinst, er ist eigentlich ein hinterlistiger, böser Mann?”, fragte die Kranke und setzte sich mühsam hin. Ihre Haltung war merkbar schief und sie kniff ein Auge leicht zusammen. Doch sie grinste, als sie sich den feuchten Lappen vom Kopf nahm. Sie wäre bald wieder gesund, ganz sicher. Unkraut verging schließlich nicht.

“Ja.”, gab Hjaldrist ganz selbstsicher zurück und Anna’s Lächeln, so müde es auch war, war ansteckend.

“Wie geht es dir?”, hakte der Ältere gleich nach. Die Kurzhaarige war zwar nicht in bester Verfassung, doch sie hatte weit mehr Farbe, als noch vor einigen Wochen im Bogenwald. Ja, sie sah im Vergleich zu damals richtig, richtig gut aus, obwohl sie sich ein böses Fieber eingefangen hatte. Das war beruhigend. Jedenfalls für eine Weile.

“Wie es mir geht? Scheiße. Meine ganze Seite tut weh, verdammt.”, entkam es der krächzenden Frau ehrlich “Und ich hasse es im Bett bleiben zu müssen. Adlet und Aldoran zwingen mich regelrecht dazu.”

“Es ist leider das Klügste.”, fand der Jarl mit mahnendem Unterton und musste dies nicht weiter kommentieren. Anna nickte nach einem knappen Zögern leicht.

“Ja, ich weiß.”, seufzte sie entnervt und sah zur Seite fort, um verstimmt vor sich hin zu blicken. Sie rutschte mit dem Rücken voran an ihr hölzernes Bettende, um sich zurücklehnen zu können und zog die Knie ein Stück weit an. Die Hand hatte sie unter der Decke an ihrer frisch vernähten Wunde liegen. Sie schlug die schwarzen Augen kurz nieder. Ihr Hemd war, wie immer, etwas zu weit und hing ihr von der linken Schulter. Das arkane Mal, das Anna dort, knapp unter dem Schlüsselbein trug, blitzte hinter dem großzügigen Ausschnitt hervor und Hjaldrist verengte die Augen leicht, als er dies sah. Dieses Ding war nicht blasser geworden. Und auf ihn wirkte es wie eine stumme Drohung; wie eine dunkle Vorahnung, die ihn schadenfroh auslachte.

“Ging das Messer tief?”, wollte Hjaldrist wieder ernster wissen und blickte auf, versuchte nicht weiter an den Magier in Anna’s Kopf zu denken. Er war gestern nicht dabei gewesen, als man seine blutende Freundin behandelt hatte, denn der Heiler der Familie und Pavetta hatten ihn nach seiner Rückkehr sofort besorgt belagert. Anna aber, war mit zusammengebissenen Zähnen und etwas gekrümmt mit Aldoran mitgegangen.

“Mh?”, machte die Frau im Bett “Nein. Die Klinge blieb im Knochen stecken und ging daher nicht durch. Ich hatte echt Glück. Wahrscheinlich baute der Fremde darauf mich beiläufig zu vergiften anstatt gezielt zu erdolchen. Hat wohl nicht funktioniert...”

Anna wandte den Kopf mit den vom Schlafen wirren Haaren ein Stückchen, um wieder zu Hjaldrist sehen zu können. Tief atmete sie durch und obwohl das Fieber sie zum Schwitzen brachte, schien die Trankmischerin zu frieren. Denn sie zog sich die wollene Decke just bis zum Kinn hoch. Dann wurde ihre Miene zweiflerisch. Sie setzte zum Reden an, schaffte es aber erst beim zweiten Versuch.

“Du wolltest nach mir sehen...?”, hakte sie verunsichert nach und Hjaldrist zog die Brauen zusammen. Was sollte diese dumme Frage denn nun plötzlich?

“Ja, was sonst?”, wollte er sogleich wissen “Ich kam doch nicht vorbei, um dich zum Wachdienst vor das Tor zu schicken, du Dummkopf.”

“Hm.”, die direkte Antwort seitens des Undvikers schien Anna froh zu stimmen. Sie lächelte zufrieden.

“Du bist komisch.”, stellte der langhaarige Mann in dem Zuge noch fest “Warum fragst du mich so etwas?”

“Weil…”, die Novigraderin musste offenbar erst einmal wieder nach passenden Worten suchen “Weil… du heute manchmal anders wirkst. Anders, als früher.”

Hjaldrist schwieg auf diese Aussage hin eine Weile und er wusste nicht, was er antworten sollte. Und wenn er so darüber nachdachte, hatte die Alchemistin mit den fieberroten Wangen schon recht. Sie hatten sich beide verändert. Nur was hatte dies damit zu tun, dass der eine den anderen wohlauf wissen wollte? Dachte die Idiotin hier etwa, Hjaldrist hege einen Groll gegen sie und wünsche ihr das Schlimmste?

“Oder… vielleicht bilde ich es mir nur ein.”, lächelte Anna nervös, um die Situation zu entschärfen, und senkte den Blick betreten. Sie hielt sich das feuchte Tuch wieder an die Stirn und das sicherlich nur, um gerade irgendetwas zu tun zu haben. Die Schwertkämpferin kam sich sichtlich dämlich vor und sah nicht wieder auf. Sie seufzte verhalten.

“Ich… muss mich noch an die ganze Jarls-Sache gewöhnen, denke ich…”, murmelte die Frau im locker sitzenden Hemd dann noch ehrlich und Hjaldrist’s Brauen wanderten allmählich in die Höhe. Er konnte nicht anders, als auf diese aufrichtigen, doch blödsinnigen Aussagen hin leise lachen zu müssen.

“Bei Freya’s Titten...”, fing er gleich ungläubig an und es amüsierte ihn irgendwo, wie verlegen Anna nun herumsaß und das halbe Gesicht in ihrem feuchten Lappen versteckte. Sie gab sich ja beinahe schon mädchenhaft. Das war selten.

“Nur, weil ich heute andere Aufgaben und eine Krone am Kopf habe, heißt das nicht, dass ich ein komplett anderer Mensch bin, Anna. Und du weißt zudem genau, dass ich nicht zu lange sehr nachtragend bin. Ich bin doch nicht Haldorn.”, sagte der Undviker bedeutsam und stemmte sich eine Hand in die Seite “Du tust ja fast so, als würden wir uns erst seit ein paar Wochen kennen. Dabei sind es wie viele Jahre?”

“Fünf.”, murmelte Anna und ihr Gesprächspartner schmunzelte noch immer. Das aber, ohne es böse zu meinen. Was war gerade nur mit der anwesenden Giftmischerin los? Das Fieber machte sie ja ganz wirr und es wäre wohl vernünftig, wenn sie gleich weiterschlafen würde. Hjaldrist wollte dahingehend gerade etwas sagen, da kam Adlet zurück. Mit einem mit Broten beladenen Teller stolzierte er froh herein. Kurzum stellte er das nach Fisch riechende Essen auf dem Bett seiner ‘Patientin’ ab und nahm ihr ihren nassen Lappen weg, der bestimmt längst nicht mehr kühl war. Man sah, wie die stumme Nordländerin dies mit verzwickter Miene zuließ und dann ehrfürchtig in die Richtung der Heringsbrote schielte. Ein hilfesuchender Blick gen Hjaldrist folgte und der Axtkämpfer hatte große Mühe damit sich ein sehr breites Grinsen zu verkneifen.

“Iss, Kind.”, meinte Adlet und tätschelte der armen Anna die Schulter “Danach bekommst du noch meinen guten Schafgarben-Tee und morgen sieht die Welt schon wieder viel, viel besser aus!”

“Mh…”, murrte die Kurzhaarige widerstrebend, doch nickte geschlagen. Ihr Wille wieder auf die Beine zu kommen war sicherlich stärker, als die Abscheu davor den ganzen Tag Fischbrote essen zu müssen. 

“Ich lasse euch dann mal wieder allein…”, warf Hjaldrist von der Seite aus ein. Besser war das wohl. Der wirre Druide im Raum nickte und wünschte seinem ältesten Enkel einen schönen Abend. Nur Anna, die schwieg. Man hörte sie erst, als ihr Kollege mit dem Fellumhang die Türe erreichte. Und was sie loswurde, war kein Abschiedsgruß.

“Rist?”, schnappte sie ein wenig gescheucht “Spielen wir noch eine Runde Gwent?”

Das kam überraschend. Der angesprochene Teilzeit-Monsterjäger hielt inne und sah über seine Schulter zurück. Wollte sich die Novigraderin durch das Kartenspielen etwa vor Adlet’s salzigen Broten drücken?

“Wir… kamen gestern nicht mehr dazu.”, fügte die Kranke noch bei und fröstelte leicht “Und ich kann gleich sicherlich nicht wieder schnell einschlafen… es ist noch so hell draußen.”

Der anwesende Druide sah interessiert zwischen den beiden Jüngeren hin und her und rückte sich eines seiner Hühnerfüßchen zurecht. Er lächelte längst wieder auf seine sanfte, leicht dümmliche Art. Hjaldrist schnaufte nachgiebig amüsiert.

“Also wenn es mir zu hell ist, dann lege ich mir immer eine meiner Socken über die Augen.”, erklärte der Druide neunmalklug “Damit ist es dunkel und man schlummert, wie ein Neugeborenes.”

Anna sagte dazu nichts und Hjaldrist, dem die Socken-Sache längst bekannt war, wunderte sich nicht. Er überging die Aussage seines Verwandten also einfach.

“Gwent? Schön.”, meinte er, denn er spielte doch immer ganz gern “Warum nicht? Ich habe aber keine Karten da.”

“Das macht nichts.”, befand die heisere Frau am Bett und sah unsagbar erfreut aus “Ich habe genug Karten, damit man zwei Decks daraus machen kann.”

“Also gut…”, nickte der Jarl und bestand nicht darauf seinen eigenen Kartensatz zu holen. In dem kommenden Spiel ginge es schlussendlich nicht darum, dass jemand gewann. Soviel hätte er verstanden. Anna wollte nur eine andere Gesellschaft neben Adlet haben, das hätte ein Blinder bemerkt. Und wäre die frierende Kriegerin besserer Gesundheit gewesen, hätte sie gerade bestimmt gestrahlt, anstatt bloß müde zu lächeln.

 

Was folgte, war ein Herumgeklaube in einer Monsterkartensammlung und der Versuch zwei Kartensätze daraus zusammenzustellen; eine erste Spielrunde und eine zweite. Hjaldrist saß mittlerweile im Schneidersitz auf der bequemen Matratze seiner Gegnerin, die ihm gegenüber herumlungerte und gerade die fünf Karten auf ihrer Hand studierte. Adlet war nicht da und hatte sich solange entschuldigt. Er wollte später noch einmal nach Anna sehen.

“Hmm…”, der Jarl betrachtete die Monsterkarten in seinen Händen nachdenklich, pickte eine davon heraus und legte sie vor sich auf das Laken. Wenige Atemzüge später schon, platzierte die kranke Novigraderin ihre und lächelte schief, weil sie im Moment viel mehr Punkte hatte. Sie wischte ein paar Kräuterblätter Adlet’s fort, die im Weg lagen.

“Ich hätte mein eigenes Deck holen sollen…”, brummte der Undviker, doch war nicht wirklich genervt “Dann hätte ich dich in Grund und Boden gespielt.”

“Ach ja?”, lachte die Nordländerin und ihre Stimme war vom Fieber ganz brüchig “Das will ich demnächst mal sehen.”

“Oh, das wirst du.”, grinste Hjaldrist selbstsicher “Und dieses Mal werde ich nicht mit dem Rücken zum Schankraum sitzen, damit man mich einfach so und unerwartet vom Spielen abhalten kann.”

“Ah, das wäre klug, ja...”, witzelte die Frau mit, doch da war auch Bedenken in ihren leicht glasigen Augen. Sie beobachtete aufmerksam, wie ihr Gegenspieler die nächste Karte ablegte und durch deren Spezialfähigkeit drei weitere Monster ins Spiel bringen durfte.

“Sag mal.”, fing Anna dann gleich an “Hast du… mit dem fremden Kerl aus der Taverne sprechen können?”

Der befragte Skelliger hielt inne und sah von seinen Karten auf. Er atmete einmal tief durch die Nase aus, nickte dann.

“Ja. Vorhin.”, bestätigte er “Er hat mir nicht viel verraten, doch das, was ich herausgefunden habe, reichte mir erstmal.”

“Und?”

“Es sieht so aus, als sei er irgendwie mit Svenja verbandelt. Er schrie herum und meinte, sie würde erst dich und dann mich umschneiden.”, erzählte der Axtkämpfer skeptisch “Aber wer weiß, wie viel man auf diese Worte geben kann. Ich hoffe, er spricht in den nächsten Tagen offener mit uns.”

Die Frau am großen Bett runzelte die Stirn und sah aus, als sorge sie sich. Verständlich.

“Kommt er aus Redanien? Wegen dem Adler an seiner Weste.”, wollte sie wissen und der Undviker nickte. 

“Ja. Und daher glaube ich, dass sein Auftauchen mit der Seeschlacht bei Kaer Iwahell zusammenhängt. Womit auch sonst?”, meinte Hjaldrist noch “Aber mal sehen. Ich bin mir sicher, wir kriegen noch ein paar Informationen aus ihm heraus. Und vielleicht verrät er uns ja etwas über unsere Lieblingsfreundin...”

“Hoffentlich.”, fand Anna, ehe sie leise seufzte und die Aufmerksamkeit wieder zurück auf die Karten vor sich sinken ließ. Schwer zu sagen, ob ihre Gedanken dabei wirklich erneut auf das Spiel gerichtet waren oder noch dem gefangenen Redanier nachhingen. Doch Hjaldrist sprach das Thema nicht weiter an. Es war besser ein Geständnis des Ausländers abzuwarten, anstatt sich nun vollkommen verrückt zu machen, indem man viel zu viel nachdachte. 

Es dauerte noch eine Weile, bis Anna die Gwent-Runde gewann und ihr Kumpan sie zur Revanche herausforderte, die sie müde, aber doch, annahm. Irgendwann waren sich die ehemaligen Vagabunden ebenbürtig und hingen in einer neuen, abschließenden Partie. Eine Runde, die aber zu keinem Ende kommen würde. Denn irgendwann, als Hjaldrist abwartend von seinem Blatt aufsah, war Anna einfach eingeschlafen. Oder jedenfalls hoffte der Undviker dies, als er erkannte, dass sie, eingemummt in ihre dicke Decke und mit den jetzt aufgedeckten Karten am Schoß, da hing und nicht mehr reagierte. Sogleich fühlte sich der Skelliger wacher und legte seine geborgten Monsterkarten beiseite.

“Anna?”, fragte er vorsichtig, doch bekam keine Antwort. Seine dunklen Augen taxierten die Kurzhaarige eingehend. Sie war nicht blass. Da war kein Blut an ihrem Mund. Der Jarl fasste nach vorn und zog an der Decke, die sich die schief am Kopfteil lehnende Jüngere um die Schultern gelegt hatte. Er ruckelte einmal fest daran und Anna zuckte heftig zusammen.

“Hm?”, machte sie verschlafen und blinzelte angestrengt “Was...? Bin ich dran?”

Erleichtert atmete Hjaldrist durch. Beinah hätte ihm seine fiebrige Gegenspielerin hier einen Schrecken eingejagt. Denn im Augenblick wusste man bei ihr doch nie und der Gedanke daran, dass sie einfach bewusstlos wurde, war nicht abwegig.

“Ich glaube, wir spielen ein andermal weiter, hm?”, kommentierte er die schlaftrunkene Miene seiner Freundin grinsend und sie war noch immer ganz wirr.

“Mh.”, machte sie zustimmend, obwohl sie sicherlich nicht wusste, wovon Hjaldrist gerade geredet hatte. Er nahm es einfach hin und fing damit an die Karten am Bett zusammenzusammeln. Als er nach denen fischte, die vor Anna herumlagen, war die Besagte schon wieder dabei einzunicken.

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