Kapitel 118 (Buch 4, 21)

Einhundert Jahre und ein Tag Unglück und Tod

'Schwesterherz,

 

danke für deinen langen Brief. Wir haben uns so sehr darüber gefreut, zumal du ungewohnt lange nichts mehr von dir hören gelassen hast. Mutter hat sogar vor Rührung geweint, denn sie hatte befürchtet, dir sei etwas zugestoßen.

Es ist schön, dass es dir gut geht und dass du Arbeit auf Skellige gefunden hast. Das auch noch bei einem Jarl. Unglaublich! Ich bin richtig stolz auf dich! Verschlägt es dich denn einmal wieder nach Novigrad? Es wäre wundervoll dich in Person zu sehen, anstatt nur zu schreiben. Die Lage ist hier zwar noch immer ungeheuer angespannt und die Kirche hat meiner Meinung nach viel zu viel zu sagen… doch abgesehen davon kann man in der Stadt viel Spaß haben. Ich würde gerne mal mit dir trinken gehen. Dann könnten wir zwei Wachleute bei einem Bier fachsimpeln. Wie wäre das? Bringe doch auch deinen Freund mit. Ihr seid doch noch zusammen? Ist er auch auf Skellige? Er war doch von dort. Ach, du musst mir einmal mehr über euch erzählen. Du bist dahingehend immer viel zu still. Korinna ist auch so neugierig.

 

Bei uns ist soweit alles in Ordnung. Karin und Verena sind richtig groß geworden. Du würdest sie wohl kaum wiedererkennen. Und auch Hannes wird langsam ruhiger. Endlich. Er ging mir mit seinem jugendlichen Gehabe ja sehr oft ziemlich auf die Nerven. Er fragte sogar einmal nach deinem Freund, stell dir nur vor. Rist scheint es ihm irgendwo angetan zu haben und er fängt gerade damit an sich brennend für die Inseln zu interessieren. Er meinte, er wolle Novigrad später einmal verlassen, um in Oxenfurt Geografie und Geschichte zu studieren.

Auch mir geht es natürlich gut. Man wollte mich vor einiger Zeit einberufen, damit ich in den Krieg gegen irgendeine Hexerschule ziehe, doch zum Glück bin ich der Stadtwache zu wichtig, als dass sie mich gehen lassen wollte. Vielleicht werde ich im nächsten Monat sogar zum Oberwachtmeister befördert. Also drücke mir die Daumen ganz fest, ja?

 

Hast du unseren Brief zu deinem Geburtstag eigentlich erhalten? Du hast nicht geantwortet. Vielleicht ging die Post auch verloren, denn wir waren uns nicht sicher, wo du genau bist. Der Brief sollte in Kaer Trolde sein, denn kurz vor Neujahr hattest du uns mitgeteilt, dass du dort seist. Karin hatte dir eine Kleinigkeit gebastelt.

 

In Liebe,

dein Bruder Niklas

 

PS: Schicke doch nicht immer Geld. Ich schaffe es schon Mutter und die Kleinen gut zu unterstützen.'

 

Anna fuhr erschrocken zusammen, als man ihre Zimmertüre aufschlug. An ihrem Schreibtisch sitzend sah sie sich gleich nach dem um, der hereingestoben war und hob eine Braue in ihrer irritierten Miene. Den Brief in ihren Händen ließ sie sinken.

“Anna!”, keuchte Ravello und war ganz außer Atem. Er sah aus, als sei er bis hierher gerannt und stützte sich schwerfällig auf seine Knie.

“Normalerweise klopft man an.”, kommentierte die Alchemistin das Szenario halbernst und taxierte ihren Freund skeptisch. Seit dem Angriff des rachsüchtigen Redaniers in der Taverne war eine Woche vergangen und die angeschlagene Frau fühlte sich wieder einigermaßen wohlauf. Ihr hohes Fieber war geschwunden und nur ihre tiefe Wunde an der Hüfte schmerzte ab und an noch. Besonders nachtsüber. Doch die Verletzung verheilte dank der Kräuter Adlets erstaunlich gut. Bald wäre davon nurmehr eine dicke, frische Narbe zu sehen, ganz bestimmt.

“Klopfen?”, stöhnte der schwitzende Ritter aus Beauclair zerfahren und Anna gluckste leise.

“Was ist los?”, wollte sie wissen “Ist der Wein alle? Hat dir eine hübsche Frau eine Abfuhr erteilt?”

“Nein!”, schnappte der Blondschopf gleich aufgelöst stammelnd “E-Es gibt ein Problem!”

Worte, nach denen das erhellte Gesicht der Novigraderin in eine ernstere Richtung verrutschte. Sie legte den Brief ihres großen Bruders fort und erhob sich zögerlich. Nachdem sie heute schon im Esszimmer gewesen war, um zu frühstücken, trug sie ihre lederverstärkte Hose und eines ihrer weiten Leinenhemden mit hochgekrempelten Ärmeln. Auch hatte sie noch ihre wadenhohen Stiefel an, was ihr gleich mehr als nur gelegen kommen sollte. 

“Was für ein Problem?”, hakte die Schwarzhaarige nachdrucksvoll nach “Sag schon.”

“Da ist ein Monster in der Stadt.”, berichtete der Ritter furchtsam und die Augen der Schwertkämpferin weiteten sich. Sie glaubte, sich verhört zu haben.

“Hier? In der Stadt?”, wiederholte sie ungläubig. Schließlich hatte sie noch keinen Ort gesehen, der sicherer von der Außenwelt abgeschottet war, als das ständig von Riesen oder Zyklopen bedrohte Caer Gvalch’ca. An jedem der beiden massiven Stadttore standen stets zwei Wachen und auf den Mauern, die die hügelige Stadt umgaben, lungerten oft Armbrustschützen herum. Da waren die versierten Wegewächter an den Grenzen zu den gefährlichsten Gebieten und schnelle Boten zu Pferd, die bei einer Monstersichtung sofort Alarm schlugen. WIE also, hatte es ein Biest bis hierher schaffen können?

“Ja, am Markt.”, meinte Ravello und kam allmählich wieder zu Atem “Es hat die halbe Stadtwache zerlegt.”

“Scheiße.”, entkam es Anna und sie fasste sofort nach ihrer gestreiften Jacke, die über der Stuhllehne hing, ehe sie sich schon hastig in Bewegung setzte. Auf dem Weg zu Ravello, der nach wie vor zwischen Tür und Angel stand, fischte sie nach ihrem Silberschwert, das in seiner Lederscheide nahe des Ausgangs an einem Kleiderhaken an der Wand hing. Dann drängelte sie sich schon an dem Beauclairer vorbei nach draußen. Sich das Schwertgehänge umschnallend lief die Trankmischerin die steinernen Stufen hinunter, die bis in das Erdgeschoss und in die Große Halle führten. Letztere durchquerte sie hastig und ignorierte, dass die vernähte Stichwunde an ihrer Seite pochend protestierte. Der Verband rutschte der Frau dort im Laufen etwas hoch, doch sie ignorierte das. Mit rasenden Gedanken kam Anna dann an die Luft und lief an zwei Huskarl-Kollegen vorbei, die vor dem Burgtor standen. Es wunderte sie dabei nicht, dass jene - Ullrog und Algir - noch hier waren, anstatt im Stadtzentrum zu sein und sich das Chaos dort anzusehen. Die stolze Leibgarde der Jarlsfamilie hielt sich nämlich stets in deren Nähe auf und entfernte sich erst dann von ihren Posten, wenn sie die dezidierte Anordnung dafür bekam. Das war manchmal sehr hart. Zu oft hätte Anna im Dienst am liebsten aufgedreht, um irgendwelchen Leuten auf die dummen Mäuler zu hauen. Doch Rist hatte ihr bisher stets mit befehlenden Blicken zu verstehen gegeben, dass sie auf ihrem Platz bleiben sollte, während er heikle Angelegenheiten selbst und mit vielen diplomatischen oder intelligent drohenden Worten löste. Aber wie auch immer…

Nachdem Algir und ‘Ulle’ noch vor dem schmucken Burgtor standen, schätzte Anna, dass Hjaldrist gerade noch in der Festung war. Wäre er selbst schon auf dem Weg zu dem Monster, das in die Stadt eingedrungen war, dann hätte er seine Huskarle entweder mitgenommen oder sie als Beschützer zu seiner Mutter und den Schwestern geschickt. Es war also gut, dass die Novigraderin noch von der Arbeit freigestellt war, weil sie im Grunde noch immer sehr taumelig war und nicht kämpfen sollte. So unterstand sie im Moment keinen strikten Regelungen der Garde und konnte loslaufen wann und wohin sie auch wollte. Zwar erinnerte sie der brennende Schmerz ihrer Hüfte daran, warum sie sich eigentlich auskurieren sollte, aber sei’s drum. Jemand wie sie konnte einfach nicht brav im Zimmer bleiben, wenn es hieß, dass ein Biest die Stadt betreten hatte und wütete. Anna war eine Monsterjägerin und seit Wochen im Dienst der Familie, die in Falkenburg herrschte. Wer, wenn nicht SIE, sollte sich die heutige Misere also genauer ansehen?

Anna hetzte den breiten Schotter-Hauptweg, der von der Festung zum Zentrum der Stadt führte, hinab und stolperte einmal fast über ihre eigenen Füße. Leise fluchend rannte sie weiter und schon bald tat sich vor ihr der Marktplatz auf, auf dem tatsächlich ein großes, lautes Durcheinander herrschte. Da waren ein dutzend Wachen, die herumbrüllten und die Äxte kampfbereit hochrissen. Stadtbewohner liefen panisch auseinander und schrien. Matilda, die ihre Uniform heute nicht trug und vermutlich nur einkaufen gewesen war, blaffte Befehle. Es sah eigenartig aus, wie diese hünenhafte Frau der Garde dort in einem grünen Wollkleid herummarschierte und die einfachen, planlosen Stadtwachen herumscheuchte. Kinder versteckten sich in den schmalen Seitengassen und flohen. Eine Frau rempelte Anna im Vorbeihetzen an und rannte schreiend um ihr Leben. Und dort, vor all den Leuten, kam ein Mann auf den Platz spaziert. Die burschikose Alchemistin aus dem Norden hielt inne, als sie den Blonden sah. Nur mit einem schlichten Rock aus zusammengenähten Lederfetzen bekleidet kam er auf den Platz und sah feindselig um sich. Seine teils geflochtenen, hellen Haare fielen ihm taillenlang über die nackten Schultern und sahen gepflegt aus. Auf den ersten Blick erinnerte der Kerl an einen Elfen; er war sehr hübsch und bartlos, seine Figur durchaus ansehnlich. Nur seine barbarische Kleidung, wenn man den Lendenschurz so nennen konnte, passte nicht zu dem Bild. Irritiert blinzelte Anna. Ein Wachmann ging auf den schlanken, barfüßigen Schönling los, doch jener wischte ihn regelrecht vor sich fort. Und das nicht mit Magie, denn das Wolfsamulett am Gürtel Annas reagierte nicht. Mit bloßen Händen hatte der Unbekannte den massigen Skelliger also einfach so von sich geworfen. Dies ohne jegliche Anstrengung.

“Du Dämon!”, brüllte einer der Krieger “Wir zerhacken dich in alle Einzelteile!”

Dann haute auch er mit der Axt zu, doch verfehlte den Eindringling, der gekonnt auswich und die Augen böse verengte. Er kam auf seinen Angreifer zu und rammte ihm die Faust in den Magen. Der Undviker ging blutspuckend nieder, wie ein Sandsack. Dies trotz der dicken Lederrüstung, die er trug. Die geballte Kraft, die der Blondschopf hier demonstrierte, war erschreckend.

“Was zum…”, flüsterte Anna leise, haderte kurz mit sich, doch hielt dann augenblicklich auf das schreckliche Geschehen zu. Sie zwängte sich zwischen Stadtwachen und Schaulustigen hindurch und holte Luft, um zu rufen. Das stark bewölkte Wetter war heute nicht allzu gut und ein kühler Wind brauste über den großen Platz.

“Hey!”, machte Anna und riss damit die Aufmerksamkeit einiger auf sich. Doch der starke ‘Besucher’ hörte sie nicht. In Rage trat er auf den ein, den er gerade bewusstlos geschlagen hatte. Noch eine Wache kam und wollte dem Fremden an den Kragen, doch scheiterte ebenso fatal. Dieser… was auch immer er war, warf den schwer gerüsteten Inselbewohner fort, als sei jener ein Püppchen. Und als sich Anna schließlich bis an den Rand des Ganzen geschoben hatte, erstarrte sie einen Augenblick lang verdattert. Denn in diesem Moment wendete sich der Schönling von ihr ab, um einem der viel größeren Axtkämpfer zu drohen, und drehte der Kräuterkundigen damit seinen Rücken zu. Jener klaffte weit auf und war nicht aus Fleisch gemacht. Sondern aus Borke. Die häutigen Seiten des Eindringlings gingen in dicke Rinde über, die am Kreuz des Ungeheuers aufbrach und diesem das Aussehen eines hohlen Baumstammes verlieh, der von bleichen Rippen gestürzt wurde. Es war grotesk und noch nie hatte Anna so etwas gesehen. Die dicke Rinde verlief am gesamten Rücken des Wesens hinab, bis zu dessen Steiß und daran empor, bis über den Nacken. Ein Kuhschweif zuckte unruhig unter dem Lederrock hervor und es roch ganz plötzlich angenehm nach frischer Waldluft.

“H-Hey!”, brüllte Anna noch einmal und versuchte dabei nicht so verunsichert zu wirken, wie sie sich fühlte. Irgendjemand rempelte sich von hinten durch die starrende Menschentraube hindurch und kam ein paar Meter weiter entfernt an den Rand des bizarren Schauspiels. Die Novigraderin sah ihn im Augenwinkel. Das war Rist. Ihm entkam ein wirrer Fluch in seinem westlichen Dialekt. Und während er noch zu überlegen schien, was er tun sollte, ging Anna einfach auf das unnatürlich mächtige Ungeheuer zu. Jenes bemerkte sie sofort und sah sich nach ihr um. Ärger glomm in dessen blauen Augen, doch es griff nicht sofort an. Es wirkte, als wolle es sich von den Absichten der nahenden Frau überzeugen und jene nutzte dies sofort hoffnungsvoll aus. Anstatt das silberne Schwert zu ziehen, erhob sie die Hände abwehrend.

“Was tust du da?”, bellte Matilda vorwurfsvoll von der Seite, doch Anna ignorierte sie. Auch auf Rist, der ihren Namen mahnend rief, hörte sie nicht. Stattdessen atmete die Kurzhaarige einmal tief durch und ermunterte sich im Geiste zur Gelassenheit. Ja, ganz ruhig jetzt.

“Ich bin Anna.”, sagte sie, weil sie nicht wusste, was sie sonst von sich geben sollte. Und dies brachte den Fremden in der Tat dazu innezuhalten. Er musterte die Schwertkämpferin von oben bis unten und allein sein berechnender Blick zeugte von Intelligenz. Das hier war kein wahllos wütendes Monstrum. Der hübsche Langhaarige mit dem grausigen Rücken aus Holz war nicht grundlos hier, so schien es.

“Was willst du?”, entkam es der schwarzhaarigen Frau und ihr Herz schlug ihr bis zum Hals. Nervosität hielt sie fest gepackt und ihr Mund war so trocken, wie die Wüste Serrikaniens. Doch sie floh nicht. Sondern sie blieb stehen. Sie… sie hatte schließlich fast immer nach dem Hexerkodex der Wölfe gelebt. Und ein echter Wolf, der hätte gerade genauso gehandelt, wie sie: Hinterfragt und nicht gekämpft. Oder nicht? Flüchtig befeuchtete sich Anna die Lippen mit der Zunge.

“Warum… greifst du die ganzen Leute an?”, fragte die unruhige Kurzhaarige weiter und nahm den Blick nicht von dem Mann vor sich fort. Noch nie im Leben hatte sie solch schöne Augen gesehen, wie die, von diesem Ungeheuer. Also… ja, sie kannte da noch jemanden, dessen Blick ungemein einnehmend auf sie wirkte. Doch das war etwas Anderes. Wenn sie in Hjaldrist’s dunkle Augen sah, dann wurde sie jedes Mal ganz leise und innerlich aufgewühlt. Die Kriegerin musste sich dann immer dazu anspornen die Fassung zu behalten und nicht zu starren. Doch wenn sie die Augen des Wesens vor sich sah, dann verspürte sie schlichte Faszination. Denn jene erinnerten einen zu sehr an tiefe Waldseen. Es mutete so unnatürlich an.

“Ich greife sie an, weil sie mich angreifen.”, antwortete der Blonde nun auf einmal und Anna hob die Brauen ratlos an “Sie kennen keinen Respekt.”

Die Stimme des Wesens passte zu seiner Erscheinung. Und, bei Melitele’s Arsch, hätte die Monsterjägerin es nicht etwas besser gewusst, hätte sie geglaubt, hier stünde einer der alten Elfen, ein Aen Elle, vor ihr. Nur flüchtig wich die Aufmerksamkeit der Nordländerin zu den Ohren des Fremden. Eines von ihnen konnte man zumindest erkennen, da der vermeintliche Mann seine glatten Haare an der einen Seite zurückgeflochten trug. Es war nicht spitz, sondern rund. Das hier war kein Elf.

“Ähm.”, entkam es Anna ein wenig planlos und sie ließ die erhobenen Hände nur langsam wieder sinken “Du hast sie nicht von dir aus angegriffen?”

“Ich kam vor das Tor und sie beschimpften mich.”, erzählte der Blondschopf mit der sanften Stimme, der kaum größer war, als seine Gesprächspartnerin selbst “Diese Männer haben keinen Sinn für Gastfreundschaft.”

“Oh…”, atmete Anna leise und räusperte sich “Also. Ich glaube, da gab es ein Missverständnis.”

Der Fremde legte den Kopf fragend schräg und taxierte die Frau nach wie vor argwöhnisch. Eine seiner langen, aschblonden Haarsträhnen fiel ihm ins schmale Gesicht.

“Weißt du… du siehst von hinten nicht unbedingt menschlich aus.”, meinte Anna und hoffte inständig darauf, dass das Wesen ihr diese ehrlichen Worte nicht übel nehmen würde “Ich glaube, die Leute dachten, dass du ein Monster bist.”

“Ich bin kein Monster.”, entgegnete der Unbekannte schlicht.

“Das bemerke ich…”, lächelte die Trankmischerin noch immer ein wenig nervös und linste einmal kurz hilfesuchend zu Hjaldrist hin, der die entschärfte Szenerie ungläubig beobachtete. Er fing ihren Blick auf und überlegte kurz. Dann meldete auch er sich zu Wort. Der Jarl trat vor und das Ungeheuer am Platz wendete ihm sofort misstrauisch den Kopf zu. Doch der Undviker griff nicht nach seiner Axt. Er ließ sie geholstert, um Gutmütigkeit zu zeigen, und tat sehr gut daran.

“Es tut mir leid, dass meine Leute unhöflich waren.”, sagte Rist und kam vorsichtig näher “Aber du kannst auch nicht jeden einfach so angreifen. Das ist auch nicht sehr nett.”

“Du bist ihr König.”, stellte der schlaue Fremde nun fest und Anna sah zwischen den beiden Männern hin und her. Ein schmerzlicher Stich ihrer Verletzung an der Hüfte, der durch ihre linke Körperhälfte jagte, raubte ihr für wenige Sekunden lange den Atem, doch sie zwang sich dazu sich dies nicht zu sehr anmerken zu lassen. Bewusst atmete sie einmal tief ein und wieder aus. Eine Schande, dass Adlet vor zwei Tagen abreisen hatte müssen. Anna würde Aldoran später nach frischer Wundsalbe fragen.

“Sowas in der Art, ja.”, entgegnete Hjaldrist.

“Sag ihnen, dass man einem jeden Respekt zollen sollte.”, riet der Blonde und sah sich nach den verblüfften Kriegern ringsumher um “Und dass man Leute nicht nach ihrer Erscheinung beurteilt.”

Der Jarl zögerte, als er dem strafenden Blick des Ungeheuers folgte. Dann nickte er seinen Soldaten aber langsam zu und sie ließen die blutgierenden Waffen sinken. Natürlich hatte auch Hjaldrist längst verstanden, dass von dem Wesen mit dem Borkenrücken keine große Gefahr ausging, wenn man es nicht bedrohte oder beschimpfte. Er war sehr lange mit Anna unterwegs gewesen und so, wie sie, hatte auch er gewisse Moralvorstellungen angenommen, wenn es um vernunftbegabte Wesen ging.

“Man wird dich nicht mehr angreifen, solange du friedlich bleibst.”, sprach Rist jetzt in die angespannte Stille hinein “Und ich würde gerne mit dir sprechen.”

“Das können wir tun.”, bestätigte der schöne Fremde und nickte geduldig. Dabei sah er den Jarl an, als erwarte er sich irgendetwas. Hjaldrist war klug genug, um sofort zu verstehen. Das Ungeheuer hatte zuvor unbedingte Gastfreundschaft verlangt. Also ging der dunkelhaarige Axtkämpfer nun darauf ein.

“Wenn du willst, können wir uns in meine Burg zurückziehen und in Ruhe reden.”, schlug Rist vor.

“Kommt sie mit?”, wollte der Blonde auf dieses Angebot hin wissen und deutete gen Anna. Die Frau horchte auf.

“Wenn du willst…”, fand der Jarl und warf seiner Freundin einen auffordernden Blick zu. Sie nickte knapp.

“Klar.”, sagte sie locker und hielt sich dabei die verwundete Hüfte “Hinsetzen wäre gut. Und etwas zu trinken auch.”

Der Borkenmann lächelte zufrieden und folgte Hjaldrist dann, Momente später schon, um den Weg zur Festung Caer Gvalch’cas einzuschlagen. Die Leute am Marktplatz sahen dem verwundert nach, während manche Wachen ihren benommenen Kollegen auf die Beine halfen oder sich um die kümmerten, die nicht mehr gehen konnten. Noch war es unklar, ob der Blonde mit dem Lederrock jemanden getötet hatte oder nicht. Doch es war eine Frage, die sicherlich auch Rist sehr beschäftigte. Er sah nämlich beunruhigt aus und spähte auf dem Weg zu seinem Heim immer wieder forschend zu dem weitläufigen Marktplatz zurück.

 

Ein wenig später hatten sich Anna, Hjaldrist und der Unbekannte im großen Besprechungsraum der Burg eingefunden. Man nutzte jenen, um sich in Frieden mit Gästen zu unterhalten, Unterredungen der Garde zu führen oder über irgendwelche Strategien zu diskutieren. Während in einer Ecke des Zimmers bequeme Sitzgelegenheiten und ein antiker, elfischer Beistelltisch standen, gab es am Raumende gegenüber einen breiten Tisch mit Landkarte und geschnitzten Holzfiguren darauf. Letztere markierten im Augenblick den Krieg Nilfgaards gegen Redanien und die Standorte aller Schiffe Undviks, Sichtungen fremder Boote und dergleichen. Nebenher gab es hier, wie in so vielen Räumlichkeiten der schönen Feste, viele hölzerne Regale voller Bücher. Daher roch es angenehm nach altem Pergament. Es passte zu der heimeligen Atmosphäre dieses Besprechungsraumes mit den hohen, verzierten Fenstern in altelfischer Machart.

“Ich bin Fír.”, sagte der mittlerweile beschwichtigte Fremde, nachdem Rist sich mit seinem vollen Namen und seiner Stellung vorgestellt hatte.

“Mh.”, machte der Jarl und Anna hielt sich solange aus dem Gespräch heraus. Sie beobachtete stattdessen aufmerksam, während sie mit den Männern beisammensaß und Hjaldrist dem Blonden etwas Wasser aus einem Krug einschenkte, der auf die Drei gewartet hatte. Bestimmt, so mutmaßte Anna, sorgten die aufmerksamen Hausmädchen stets dafür, dass hier immer etwas zu trinken parat stand. Man wusste schließlich nie, wann Besuch kam.

“Und warum bist du genau hier?”, fragte der Westländer interessiert nach.

“Es zog mich hierher.”, antwortete Fír schlicht “Die Stadt rief mich.”

“Oh?”, machte der Jarl und musterte den Schönling mit den andersartigen Augen eingehend “Und warum?”

“Ich weiß es nicht.”, meinte das Ungeheuer und Anna schaffte es nicht sich einen Reim auf all das zu machen. Fír war bildhübsch und auf eine verquere Art anziehend, aber kein Sukkubus. Er war auch kein Elf oder ein Abkömmling davon. Sein Rücken sah aus, wie ein aufgebrochener, hohler Baumstamm. Rinde ersetzte seine sehr blasse Haut dort und der Kerl roch angenehm nach Forstluft und Fichtennadeln. Er musste also eng mit der Natur verbunden sein. War er womöglich eine Art Waldgeist? Oder nur ein Verfluchter?

“Du kamst also hierher, weil dich irgendetwas wie magisch angezogen hat?”, fasste Hjaldrist zusammen “Und du weißt nicht wieso? Inwiefern hat ‘es’ dich denn gerufen?”

“Es ist wie das Verlangen nach Wasser, wenn man durstig ist.”, beschrieb Fír sogleich und es fiel auf, dass er niemand war, der erst nach Worten klauben musste. Er antwortete immer sofort. Gemächlich griff der Blonde nach dem Becher, den ihm der Jarl befüllt hatte und trank einen Schluck. Anna beobachtete das nachdenklich.

“Und woher kamst du genau…?”, fragte Rist weiter und beugte sich leicht vor, stützte die Ellbogen auf die Knie und sah sein Gegenüber unablässig an. Augenscheinlich fand er das Wesen auch faszinierend, doch er traute ihm kein Stück. Das war nicht verwunderlich. Schlussendlich war Fír unsäglich stark. Sollte er richtig ausrasten wäre die gesamte Stadt in Gefahr. Anna bezweifelte nämlich, dass sie oder Hjaldrist etwas gegen die Kraft des Ungeheuers ausrichten könnten. Sie wollte es auch ehrlich gesagt gar nicht darauf ankommen lassen. Besser, man löste die Angelegenheit hier friedlich.

“Aus dem Forst komme ich.”, sagte das Wesen nun “Früher gab es dort einen kleinen Ort namens Urskar. Doch der ist schon lange nicht mehr. Myrhyff kam und vernichtete ihn.”

Rist stutzte leicht und seine Freundin wusste nicht warum. Sie kannte die Geschichte der Insel nicht und hatte keine Ahnung was oder wer ein ‘Myrhyff’ war.

“Wie alt bist du?”, wollte der Jarl weiter wissen.

“Ich weiß es nicht.”, kam als Antwort zurück. Und Anna fasste dies als ‘uralt’ auf. Ob Fír vielleicht eine Art Schrat war? Sie war sich so unsicher und schaffte es nicht seine Absichten zu durchschauen. Ja, das schöne Wesen hatte die Nähe zu den Menschen heute gesucht, als sei dies ein drängender Instinkt von ihm. Nur warum und wozu? Könnte der Blonde den Leuten Falkenburgs noch richtig gefährlich werden? Er hatte von Durst gesprochen. Vielleicht ernährte er sich von irgendetwas, das mit dem Leben in Verbindung stand. Anna schluckte trocken, doch schwieg.

“Und was hast du nun vor?”, hakte Rist weiter nach und das ganz schamlos und direkt. Schlussendlich wollte er sich ein Bild von dem mit dem Rindenrücken machen. Er war der Herrscher der hiesigen Insel und das Wohl von deren ganzer Bevölkerung seine Verantwortung.

“Ich werde bleiben.”, entschloss Fír und Anna sah, wie der Mundwinkel ihres Kumpanes ganz leicht und entnervt zur Seite zuckte. Das passierte immer dann, wenn ihm irgendetwas ganz und gar nicht gefiel. Abgesehen davon verzog der Skelliger keine Miene.

“Und ich würde gerne deine Gastfreundschaft genießen dürfen, Jarl.”, sagte das Wesen noch. Die anwesende Novigraderin sah Hjaldrist gespannt an und jener, wiederum, überlegte penibel. Man konnte ihm ansehen, wie seine Gedanken nur so im Kreis sprangen. Denn er hatte doch gesehen, was mit den Personen passierte, die nicht nett zu dem Fremden aus dem Wald waren. Also schluckte er seinen Widerwillen vorerst hinunter und wählte eine friedliche Vorgehensweise. Es passte zu ihm.

“Natürlich.”, entkam es dem Dunkelhaarigen und Anna atmete flach durch die Nase durch. Sie sah zu Fír zurück, der erleichtert lächelte.

“Vielen Dank.”, sagte der nach Wald Duftende “Ich werde dir keine großen Umstände machen.”

“Du kannst ein Zimmer im östlichen Trakt beziehen.”, schlug Hjaldrist vor und sah aus dem Augenwinkel zu seiner besten Freundin, die ihr Gemach ebenso dort hatte. Es war klar, dass er wollte, dass sie, als Ungeheuerkundige, ein Auge auf den eigenartigen Besucher hatte. Anna spürte das kurze Starren seitens ihres Kumpels und Vorgesetzten unangenehm kitzeln.

“Oh, das ist sehr lieb und ich schätze das. Nur werde ich kein Zimmer benötigen.”, fand Fír leger “Ich schlafe nicht und werde, wie erwähnt, niemandem Umstände bereiten.”

“Na gut.”, entgegnete Hjaldrist jetzt ein klein wenig irritiert “Dann nicht. Kann man sonst etwas für dich tun?”

“Nein. Ich will nur Respekt.”, sagte der Blondschopf mit den blauen Augen lieb und wirkte dabei richtig sympathisch “So, wie es einem jeden zusteht. Denn ich möchte wie ein Glücklicher sein.”

Anna verengte die Augen prüfend, als sie Fír während dieser Worte betrachtete. Respekt. Immer wieder erwähnte er diesen Begriff. Den und die Gastfreundlichkeit. Das konnte kein Zufall sein. Zudem sagte er nun auch noch, dass er nur das wolle, was einem jeden Glücklichen zustünde? Wollte er wie ein Mensch behandelt werden? Wie ein normaler, zufriedener Bürger? Oder lag sie damit völlig daneben und der Borkenmann war eigentlich ein vollkommen hinterhältiges, böses Wesen, das irgendetwas ausheckte? Man würde ja sehen. Anna würde den Blonden jedenfalls nicht so schnell aus dem Blick verlieren…

 

Die vielen folgenden Abende verbrachte die planlose Alchemistin aus dem Norden in der großen Bibliothek der Festung. Und das nicht allein. Hjaldrist war oft bei ihr und half ihr dabei in dicken Büchern über Märchen und Legenden Undviks nachzulesen. Zusammen blätterten sie nicht selten bis tief in die Nacht in staubigen Wälzern herum, schwiegen derweil oder tranken den ein oder anderen Becher Met. Einmal war Anna dabei sogar eingeschlafen und Rist hatte sie mit dummen Witzen über ‘Schlafmonster’ und einem pieksenden Stock aufgeweckt. Trotz der Anstrengungen waren die ehemaligen Abenteurer aber nicht sehr weit gekommen, wenn es um Fír ging. Sie hatten sich das ein oder andere zusammenreimen wollen, doch keine erdachte, verdeckte Methode, um den schönen Blonden zu vertreiben, hatte gewirkt: Rist hatte in der vergangenen Woche ein großes Essen veranstaltet und den Borkenmann als Ehrengast geladen, um große Gastfreundschaft zu beweisen. Und Anna hatte Fír immer mit höchstem Respekt behandelt, doch dies ebenso erfolglos. Der langhaarige Mann aus dem Wald war noch immer auf Undvik und wenn der Jarl oder seine Freundin jenen nicht permanent im Auge hatten, dann übernahmen die wachsamen Huskarle diese Aufgabe. Die Lage hatte sich dahingehend unlängst zugespitzt, seit Fír Henrik, den hochrangigsten Leibgardisten, beinahe getötet hätte. Ulrog und Algir waren wüst schimpfend dazwischen gegangen und lagen heute noch immer mit gebrochenen Beinen im Lazarett. Es war ein erschreckender Moment gewesen und nur mit Mühe hatte Hjaldrist jenen eindämmen können. Seither herrschten unter den Bürgern des Ortes ein riesiger Unmut und Angst. Rist hatte dahingehend schon oft die Nerven verloren und den ungeliebten Besucher streng zur Rede gestellt, doch jener hatte ihm am Ende gar unheimlich selbstgefällig gedroht. Gelächelt hatte Fír und gesagt, er würde die Stadt vernichten und jeden einzelnen Menschen hier töten, wenn man ihn nicht weiterhin willkommen hieß. Denn jemand wie er vermochte das tatsächlich im Handumdrehen. Beinahe hätte der Jarl den Rindenmann ob dieser Drohung attackiert, doch Anna hatte ihn fordernd am Unterarm erwischt und ihn damit zur Ruhe ermahnt. Sie beide waren nämlich nicht allein unterwegs. Sie waren keine reisenden Vagabunden mehr, die sich alles erlauben und kopflos experimentieren durften. Hjaldrist war heute für eine ganze Insel verantwortlich und durfte nicht mehr nur für sich selbst denken. Der hübsche Mann, so sehr ihm das gerade auch missfiel, müsste so handeln, dass keinem Undviker mehr irgendetwas passierte. Daher sollte er weiterhin sein Köpfchen einsetzen, anstatt seine Axt. Das war ihm doch schon immer gelegen.

Fír bewegte sich also nach wie vor frei in der Stadt, schlich herum, und niemand konnte ihn bezwingen oder in Ketten legen. Zudem plagte Anna mittlerweile eine große Nervosität. Denn seit dem Tag der Ankunft des gruseligen Borkenmannes hatte sie das Gefühl oft von jenem beobachtet zu werden. Seine Aufmerksamkeit schwankte ständig auffallend zu ihr, wenn sie sich in seiner Nähe aufhielt und das bereitete ihr enorme Sorgen. Sie fragte sich, ob die Anwesenheit Fírs mit ihrem erbärmlichen Zustand zu tun hatte; mit dem Mal auf ihrer Brust und dem egozentrischen Magier aus Kaer Iwahell. Denn warum sollte der unheimliche Rindenkerl sie denn sonst neugierig anstarren und ihr folgen? Einmal, da war er nachts sogar in ihrem Zimmer aufgetaucht und sie hatte sich vor Schreck die Seele aus dem Leib geschrien. Fír hatte einfach nur dagestanden und sie angegafft. Mitten in der Nacht, im Finstern, regungslos und schweigend. Sie war mit nur einem übergroßen Hemd bekleidet aufgesprungen und wie eine Verfolgte zu Rist gelaufen, um ihm gleich von diesem skurrilen Besuch zu erzählen und sich Beistand zu holen. Barsch aufgeweckt hatte sie ihn gar und den verwirrten Schlaftrunkenen dabei panisch angesprochen. Der Jarl, der Anna sonst so gerne veralberte, hatte sie später todernst angesehen und entschlossen, dass die fahrige Monsterjägerin vorerst bei ihm schlafen sollte. Seither - und inzwischen waren drei Tage vergangen - lungerte die Kurzhaarige des Nachts auf einem Fell- und Deckenlager im Zimmer des geduldigen Jarls herum. Und dies, wiederum, sorgte für wilde Gerüchte. Gerüchte, von denen sich die pikierte Schwertkämpferin insgeheim wünschte, sie seien wahr… doch das waren sie nicht. Und jeden Abend, wenn sie sich schlafen legte, freute sie sich nicht wie ein verliebtes Mädchen darüber sich einen Raum mit ihrem Schwarm zu teilen, sondern fürchtete einen neuerlichen Besuch des Mannes aus dem Forst bei Urskar. Es war unerklärlich. Normalerweise, da war die Angst der abgebrühten Novigraderin so gut, wie fremd. Das einzige, das sie fürchtete, war es wieder allein gelassen zu werden. Doch das war es auch schon. Verdammt, sie lief doch auch riesigen Werwölfen und ekelerregenden Nekrophagen mit erhobenem Schwert entgegen. Sie hatte schon gegen einen Riesen gekämpft. Einen RIESEN. Doch Fír, so hübsch er war und so sympathisch er lächeln konnte, erweckte Panik und Paranoia in ihr. Sie konnte sich dies nicht erklären und war aus diesem Grund auch so, so froh darüber, dass Hjaldrist diese bedrückende Tatsache nicht als unwichtig abtat. Er lachte nicht über Anna, sondern sah es jetzt als selbstverständlich an sie bei sich schlafen zu lassen. Dies trotz der Klatschmäuler, die ihnen so viel Falsches nachsagten.

“Wenn wir die Sache nicht bald klären und dieser Kerl verschwindet… dann habe ich ein großes Problem.”, sprach Rist entnervt vor sich hin. Er saß im Schneidersitz auf seinem Bett herum und hatte ein Buch über skellische Mythologie vor sich liegen. Der Dunkelhaarige rieb sich die Schläfe und seufzte langgezogen aus. Es war einmal wieder spät und zwei kunstvolle Tranlampen auf den Nachttischchen erhellten den Raum nur spärlich, doch ausreichend.

“Die Leute Undviks haben Angst und verstehen nicht, dass wir Fír nicht einfach angreifen. Sie wollen es nicht wahrhaben, dass er schier unbesiegbar ist und viele Menschen sterben würden, würde man ihn in die Enge treiben.”, murmelte der bekümmerte Jarl weiter “Diplomatische Wege oder das Lösen von Flüchen sagt ihnen im Moment nicht zu und sicherlich zweifeln sie mich langsam an. Bei Hemdall. Hast du ihre Blicke gesehen, als wir das Festessen für den Kerl ausgerichtet haben? Und was hat es gebracht? Nichts. Ich fühle mich wie der größte Idiot.”

Anna, die auf der Bettkante der gemütlichen Schlafgelegenheit saß und bis jetzt ruhig gelesen hatte, sah von ihrer Lektüre über alte, skellische Sagen auf. Sie betrachtete ihren Freund eine kurze Weile lang, ehe sie Luft für eine Antwort holte.

“Sie zweifeln dich nicht an. In ihren Köpfen bist und bleibst du ein Held.”, fand sie “Und wir finden eine Lösung.”

“Tse…”, stöhnte Rist entkräftet und schüttelte den Kopf leicht.

“Genau genommen habe ich vielleicht schon eine...”, setzte Anna ihren Worten nach, doch klang dabei sehr unglücklich. Sie wusste nicht, ob Hjaldrist sie jetzt dieses Tons wegen wirr ansah, oder weil sie geäußert hatte endlich weiter zu wissen. Gleich klärte sie die Lage auf, indem sie auf das uralte Buch auf ihren Knien zeigte und sich leise räusperte, bevor sie vorlas.

“Und in jener Nacht kam die Huldra in das Dorf und sie trug den Wald bei sich. Ein jeder vernahm den Duft des Forstes und öffnete die Fenster, um nach dessen Quelle zu sehen. Furcht beherrschte die Geister der Leute bald, doch die schöne Huldra sollte niemandem etwas zuleide tun, der sie willkommen hieß.”, las Anna vor und fuhr die Sätze in dem dicken, ledergebundenen Buch mit dem Zeigefinger nach “Da kam der Jarlsbruder und sah die Huldra mit dem Kuhschweif und den Augen, die aussahen, wie die See. Und er fand sie so schön, dass er um ihre Hand anhielt. Getrieben von ihrem Sinnen nach dem Glück der engsten Verbindung zu dem Menschen, heiratete die Borkenfrau den Helden und verwandelte sich zur schönsten Maid, die An Skellig jemals gesehen hat. Großes Glück und Frieden herrschten in dieser Zeit in Fyresdal und der Segen der Huldra bescherte den Menschen Reichtum, viele Kinder und nicht endende Gesundheit.”

Hjaldrist schwieg stirnrunzelnd, als er dies hörte. Anna war noch nicht fertig. Sie blätterte um und las weiter.

“So hörte man auch von der Huldra’s Schwester, die es mochte Menschenkinder zu stehlen und jene mit ihren Wechselbälgern auszutauschen. Aus ihrem Erdloch kam sie gekrochen und suchte die Nähe zu den Leuten, doch wurde von ihrem Erwählten verschmäht. Man sagte, sie wandelte einhundert Jahre und einen Tag lange in Rannvaig umher und brachte dessen Volk nur Unglück und Tod. So, wie es auch ihr Bruder, der Huldrekall, gern tat.”

Stille kam auf, nachdem Anna dies vorgetragen hatte und sie sah sich bedrückt nach ihrem Freund um. Hjaldrist erwiderte den Blick perplex, als es ihm wie Schuppen von den Augen fiel.

“Moment mal.”, machte er und brach damit das unangenehme Schweigen “Glaubst du etwa, Fír ist so etwas, wie solch ein Huldrekall?”

Die Trankmischerin zuckte verspannt die Achseln und sah verzwickt vor sich hin.

“Die Parallelen sind schon markant. Findest du nicht?”, wollte sie wissen.

“...Schon.”, entkam es dem Jarl nach einem kurzen Überlegen und er fing damit an Anna auf eine Art anzusehen, die ihr ganz und gar nicht gefiel. Sie wich dem Blick des Älteren aus und klappte den Wälzer auf ihrem Schoß zu.

“Er kam hierher, weil er instinktiv eine enge Verbindung zu einem Menschen braucht. So, wie ein Waldschrat, der seinen Markierten verfolgt.”, fasste Rist richtig zusammen “Das Dorf, vor dem Fír lebte, wurde zerstört und seine Auserwählte damit vielleicht getötet. Daher zog er weiter und kam hierher. Und jetzt hat er dich im Blick. Nicht wahr? Er steigt dir doch ständig hinterher.”

Anna kroch es eiskalt den Rücken runter, als der Jarl das so laut aussprach. Wie ein langer, glitschiger Aal unter dem Hemd fühlte sich die Erkenntnis an. Doch vermutlich hatte der Skelliger Recht. Mit unsteten Augen suchte die Trankmischerin nach Phrasen und tat sich dabei so schwer. Sie nickte zögerlich.

“Wenn die Sagen stimmen, dann ist dem so, ja.”, sagte sie leise “Und wenn das Wesen, also Fír, seine Verbindung niemals findet, bringt er Unglück und Tod. Dann wird er für immer hier sein, Rist.”

Wieder tat sich ein ungutes Schweigen auf und Anna sah geknickt vor sich hin. Sie zog die Brauen zusammen, grübelte zu viel und seufzte ein paar Male leise. Dann, als sie es am wenigsten gebrauchen konnte, sprach Hjaldrist aus, was ihr längst im schmerzenden Schädel umherschwirrte:

“Wenn du ihn heiratest, wird er zum Menschen und der ‘Fluch’ ist gebrochen.”, kam es trocken aus dem Mund des Jarls und Anna biss die knirschenden Zähne aufeinander. Sie sah sofort zu ihrem Freund zurück.

“Das werde ich nicht tun.”, sagte sie in einem plötzlichen Anfall von ängstlichem Widerstreben “Ich… ich heirate das Ungeheuer nicht. Ich heirate niemanden.”

Der letzte Satz war eine Halbwahrheit. Doch was hätte die furchtsame Kriegerin denn sonst sagen sollen? Dass sie Hjaldrist über alles liebte und es ihr daher noch mehr gegen den Strich ging an eine Ehe mit irgendeinem Verfluchten zu denken? Oh, wie könnte sie alleine schon eine Zeremonie zur Heirat mitmachen ohne, dass es ihr das Herz bräche, das einem ganz anderen gehörte?

“Ich weiß.”, antwortete der Undviker nun ruhig. Doch seine Miene erzählte davon, dass er innerlich mit der gesamten Thematik rund um Fír rang. Wer wäre er schon gewesen, hätte er eine Hochzeit seiner anwesenden Freundin mit einem Biest aus dem Wald gutgeheißen? Nun, Fír wäre durch das Eheritual zum schlichten und Menschen geworden. Zu einem bildhübschen auch noch dazu, aber dennoch. Oder lag Anna komplett falsch und ihr Kumpel tat gerade nur so, als sei er vollkommen auf ihrer Seite? Er stand im Grunde doch nicht mehr auf sie. Es hätte ihm demnach egal sein können, wenn die verzweifelte Schwertkämpferin-

“Trotzdem wäre eine Heirat eine Methode die Gefahr zu bannen.”, setzte der Jarl ganz pragmatisch nach und Anna glaubte, sie höre schlecht. Sie blinzelte verdattert.

“Was?”, machte sie entsetzt und war sich nicht einig, ob sie die vermeintliche Gleichmut des Axtkämpfers schockierte oder ob es sein Vorschlag an sich war, der wehtat.

“Wenn die Sage die Wahrheit erzählt, dann würde Fír zum Menschen werden und Caer Gvalch’ca nicht länger bedrohen. Er hätte keine Macht mehr. Wir wären das Ungeheuer sozusagen los und an dessen Stelle träte ein einfacher Kerl. Mit Glück einer, der tatsächlich einen großen Segen trägt.”, schlussfolgerte der stirnrunzelnde Mann, fuhr sich gedankenvoll über das Kinn, und seine Kollegin sah ihn dabei einfach nur entgeistert an. Ihre Lippen standen ihr einen kleinen Deut weit offen und sie glaubte, ihr würde gleich übel werden. Warum kochte sie gerade so sehr hoch?

“Du müsstest ihn ja nicht einmal wirklich heiraten. Man könnte es ihm einfach nur so gut vorspielen, dass er glaubt, es sei echt. Es wäre ein Schauspiel, verstehst du?”, sagte Hjaldrist weiter “So, wie damals auf der Bühne beim Zirkus.”

Rist hatte Recht. Ja, Scheiße, er hatte Recht. Dennoch erhob sich Anna sofort und mit veränderter, harter Miene, denn sie kam ihren Emotionen gerade nicht aus. Es war das erste Mal seit Wochen, dass sie so stur und patzig reagierte. Doch gerade, da fand die Frau keinen anderen Ausweg.

“...Weißt du was?”, entkam es ihr ganz leise und sie sah den Mann am Bett nicht an “Halt einfach die Fresse. Fick dich.”

Sie ballte die Hände zu Fäusten und hätte Rist gerade am liebsten eine ordentliche Rechte verpasst. Oder zwei. Stattdessen ging sie aber einfach. Und sie käme in dieser Nacht auch nicht zurück, um in der Nähe ihres Freundes zu schlafen.

 

In den kommenden fünf Tagen häuften sich die Unruhen in Falkenburg. Dies ging so weit, dass zwei Narren Steine nach Fír warfen und den grantigen Huldrekall damit dazu zwangen sie sofort anzugreifen. Er verletzte einen schwer und tötete den anderen. Die Familien der erbärmlichen Opfer tauchten noch am gleichen Tag in der Festung auf, um ihrem rasenden Unmut vor dem bedrängten Hjaldrist Luft zu machen. Der Jarl konnte indes nichts Anderes tun, als den Leuten Geld als Entschädigung zu versprechen und ohnmächtig auf seinem Thron sitzen zu bleiben. Die Atmosphäre war also denkbar schlecht und Fír, der geisterte nun schon seit Stunden in der Nähe herum und hatte Anna stets starr im Blick. Gestern Nacht war er in das Zimmer Hjaldrist’s gekommen, um an der Seite der bis dahin am Boden schlummernden Frau zu stehen und sie einfach nur aus seinen kühlen Waldsee-Augen zu fixieren. Es wurde immer schlimmer, immer unheimlicher, brutaler, drohender. Und niemand konnte etwas dagegen tun. Eine junge Frau des Ortes hatte gestern ihr ungeborenes Kind verloren und dem ungeliebten Waldwesen und Rist die böse Schuld dafür zugesprochen. Niemand wusste mehr ein noch aus und es wurde immer klarer, dass Anna zum Schluss nichts Anderes mehr bliebe, als dem lauernden Huldrekall eine Ehe vorzuspielen. So, wie es ihr bester Freund so sachlich vorgeschlagen hatte. Es war ein Entschluss, den sie in den letzten Tagen immer stärker gefasst hatte. Und heute, da sie sah, wie mitgenommen und grimmig Hjaldrist vor sich hin starrte und sich die Missmut Caer Gvalch’cas anstaute, traf sie ihre endgültige Entscheidung. Der stechende, verlangende Blick Fírs klebte an ihr, als sie in der Großen Halle Wache stand. Seit dem Morgen verharrte sie an ihrem Posten und das ansehnliche Waldwesen mit dem Rindenrücken verhielt sich, wie ihr Schatten. Es war unsäglich unangenehm und zwängend, angsteinflößend und entwaffnend. Und es drängte die hilflose Anna dazu nun die Stille in der lichtdurchfluteten Halle zu brechen. Sie holte Luft und brauchte drei Anläufe, um den Huldrekall anzusprechen, der unweit in einer Ecke verharrte. Im Versuch Selbstsicherheit zu fassen, straffte sie die schmalen Schultern.

“Fír?”, machte sie und sofort horchte auch Hjaldrist in einer dunklen Vorahnung auf. Der Borkenmann, der so markant nach Fichte roch, legte das Haupt schief und näherte sich interessiert auf seinen leisen Sohlen.

“...Heirate mich.”, tropften die Worte der schwarzhaarigen Monsterjägerin langsam von der Zunge, wie Teer. Ganz schal schmeckten sie in ihrem Mund. Rist saß in diesem Moment schon kerzengerade auf seinem gezimmerten Thron und auch die drei übrigen Huskarle starrten empört herüber. Es war peinlich. Anna hatte sich noch nie dermaßen unwohl und bloßgestellt gefühlt. Und sie zwang sich eisern dazu dem Ungeheuer entgegen zu sehen, das sie nun ganz überrascht ansah. Der Schönling aus dem Forst weitete die blauen Augen verblüfft, als er vor ihr hielt, und sein Ausdruck kippte in eine höchst angetane Richtung. Das, obwohl Anna ihren Antrag so verdammt lieblos und trocken ausgesprochen hatte. Starr sah sie dem verliebten Blonden entgegen und biss sich dabei so fest auf die Innenseiten der Wangen, dass sie Blut schmeckte. Ihr Atem beschleunigte sich und am liebsten hätte sie in ihrer Anspannung und Ratlosigkeit losgeflennt. 

“Ja.”, antwortete der Huldrekall nun und der armen Trankmischerin wollte das Herz in die Hose rutschen. Oh, war ihr schlecht. Sie wollte weg von hier. Ganz weit weg.

“Ja, lass und heiraten.”, sagte der Langhaarige voller Freude und fasste nach vorn, um nach den behandschuhten Händen der kleineren Frau zu greifen. Er nahm jene sanft in die seinen und in diesem Augenblick wurde eine Parodie der Huldra-Sage aus dem antiken Buch der örtlichen Bibliothek Wahrheit. Es fühlte sich wie ein schlechter Traum an… doch es war leider real.

“Morgen.”, entschloss die Novigraderin mit den glasigen Augen stocksteif und ermahnte sich selbst in Gedanken dazu gleichmäßiger zu atmen und gelassener zu wirken; locker und froh. Doch sie schaffte es nicht, verdammte Kacke, und ihre Hände zitterten. Das hier war der Anfang von etwas, das ihr ein Leben lang nachhängen würde, nicht? Morgen, da würde Fír für sie zum Menschen werden. Zu einem, der glaubte, Anna habe mit ihm wahrhaftig aus echter Liebe den Bund des Lebens geschlossen. Und das Schlimmste daran? Es wäre Rist egal.

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