Kapitel 119 (Buch 4, 22)

Ein hoher Preis für seinen Willen

Anna blieb, nachdem sie das mit dem unerwarteten Antrag an Fír durchgezogen und eben jener sie auch noch kurz geküsst hatte, einfach auf ihrem Posten stehen. Und der fassungslose Hjaldrist glaubte noch immer, er hätte das, was vor wenigen Momenten vor seiner Nase geschehen war, fantasiert. Vollkommen sprachlos saß er auf seinem Thron, auf die Armlehnen gestützt und leicht vorgebeugt. Und er starrte seine Freundin an, als glaube er nicht, was sie gerade getan hatte. Sie hatte dem übermächtigen Waldwesen, das Undvik seit drei Wochen plagte, einen Heiratsantrag gemacht. Jener war sehr lieblos und abgedroschen gewesen, aber dennoch. Nie im Leben hätte der stutzende Jarl damit gerechnet, dass diese Frau zu so etwas fähig sei und nun, danach, auch noch stocksteif an ihrem Platz verharrte, anstatt sofort weit weg zu laufen. Hjaldrist verengte die dunklen Augen prüfend, als er beobachtete, wie sich Fír just von Anna entfernte, um zufrieden zum Tor hinaus zu wandeln. Und der Skelliger taxierte die Burschikose, die stehen blieb wie ein Zinnsoldat und vor sich hin sah, als habe sie gerade den Schreck ihres Lebens erfahren. Die Novigraderin war gewaltig blass um die Nase und dies war ihr nicht zu verdenken. Denn die Idee der anstehenden Hochzeit war doch weit mehr, als ein Austreiben der Andersart eines ruhelosen Ungeheuers. Wenn das morgige Ritual tatsächlich funktionieren würde, hätte Anna einen wahrhaftigen Ehemann an ihrer Seite. Ein menschgewordenes Biest. Und das für immer, denn für gewöhnlich waren die Handfasting-Zeremonien der Inseln Skelliges unwiderrufbar. Wenn man jemanden heiratete, dann auf Lebenszeit. Und dieser stechende Gedanke mochte Hjaldrist im Moment ganz und gar nicht gefallen. Er machte ihn richtig zornig und gleichzeitig bekam er ein schlechtes Gewissen, weil er seiner besten Freundin vor wenigen Tagen vorgebetet hatte, wie vorteilhaft es doch wäre, wenn sie Fír einfach zum Mann nehmen würde. Diese pragmatischen Worte waren im Grunde vorschnell ausgesprochen gewesen. Der zu dem Zeitpunkt äußerst entnervte Undviker hatte sie nicht gut überdacht. Und nun, da er Zeuge dessen geworden war, wovon die Huldra-Sage erzählte, brodelte Ärger in ihm. Adrenalin begleitete jenen argwillig applaudierend. Vielleicht war es ja sogar so etwas, wie Eifersucht, das Hjaldrist so unruhig machte. Er konnte es gerade nicht exakt einordnen und wollte dies auch nicht tun. Was er aber sicher wusste war, dass er es niemals zulassen würde, dass Anna hier zur schrägen Märtyrerin würde. Es schmerzte ihm gerade selbst, wie sie da weiter vorn herumstand: Zerfahren und vernichtet, ganz klein. Denn gerade, da war sie eine Art Köder und ein unwilliges Opfer in einem sehr abgedrehten Spiel. Und sie käme jenem nicht mehr aus, sollte sie hierbleiben. Oder jedenfalls glaubte sie das.

“Anna.”, sprach der Jarl, der die Stimme nun erhob, die Frau direkt an und sie zögerte eine ganze Weile, ehe sie zu ihm aufsah. Sie schwieg abwartend, während sich Hjaldrist erhob und die drei Stufen nahm, die von dem Thron hinunter auf den steinernen Boden führten. Ihre geschlagene Miene sprach Bände.

“Komm bitte mit.”, bat der Skelliger mit hintergründigem Nachdruck und die unschlüssige Schwertkämpferin nickte langsam, wich seinem auffordernden Blick aber aus, als sie zu ihm kam. All das passierte unter den neugierigen Augen der anderen Huskarle, die die abstruse Lage gerade überhaupt nicht mehr verstanden. Doch das würden sie schon bald. Denn Hjaldrist wäre doch nicht er selbst gewesen, wäre ihm soeben nicht eine herausragende Idee in den Sinn geschlichen. Er wartete auf Anna und als sie bei ihm stand, wandte er sich ab, um mit ihr in das nahe Besprechungszimmer zu gehen. Sie beide taten das schweigend. Und es ereilte ihn ungewollt, doch der überempathische Undviker bemerkte irgendwo unter seinem Scheitel die aufgewühlten Gedanken seiner Freundin. Er hatte ihr früher zwar einmal versprochen nicht in ihren Kopf zu blicken, doch hatte er nicht immer die Kontrolle über seine magischen Fähigkeiten und zog die Brauen leicht zusammen, als er spürte, wie die Kurzhaarige ihre Verzweiflung und die daraus resultierende Wut im Augenblick achtenswert auf ihn richtete. Das war nachvollziehbar. Anna fühlte sich im Stich gelassen und all ihre Gedanken kreisten soeben plagend darum. Hjaldrist schüttelte den Kopf leicht, um die fremden, wispernden Worte aus seinem Schädel zu verscheuchen, wie lästige Insekten. Er atmete einmal leicht aus und verzog das Gesicht unzufrieden. Dann kam er vor die Tür des Beredungszimmers, in dem auch der große Strategietisch stand. Er fasste nach der Klinke und öffnete die leise knarrende Türe, bat Anna hinein und folgte ihr dann mit einem flauen Magengefühl. Sie skeptisch beäugend schloss er die Pforte daraufhin leise und wartete wenige Sekunden ab. Denn er wusste genau, was gleich käme, hatte doch ihre Gedanken gehört. Und er würde es zulassen. Es war schlecht, wenn Anna nicht wusste, wohin mit ihrem großen Frust und daher sollte sie jenen einfach rauslassen, fand er. Danach, da könnte man vernünftiger mit der gekränkten Frau reden, ganz sicher.

“Und? Bist du zufrieden?”, fragte die Alchemistin leise, doch mit merklich dunklem Unterton. Mühsam sah sie sich nach Hjaldrist um und ihre schwarzen Augen waren glasig, ihre Hände fest geballt. In der Nacht vor fünf Tagen hatte sie ihrem eigentlich engsten Freund gesagt, dass er die Fresse halten und sich ficken solle. Dann war sie verschwunden, um nicht noch mehr anzurichten. Jetzt aber, da käme sie nicht wieder davon, denn Hjaldrist stand zwischen ihr und der Raumtür. Sie müsste erst an ihm vorbei, sollte sie verschwinden wollen.

“Ich habe jetzt getan, was du vorgeschlagen hattest.”, setzte Anna bissig fort und ihr Gegenüber wusste, dass es im Grunde keine blanke Wut war, die sie antrieb. Sondern Angst. Diese mächtige Emotion hatte die unsichere Nordländerin in der Vergangenheit schon immer vorangetrieben. Seit sie hier, auf Undvik war, waren die Selbstzweifel langsam geschwunden und die Frau demnach ruhiger und unbekümmerter geworden. Jetzt aber, da war die alte Anna zurück. Jedenfalls für den Moment.

“Du musst dich freuen, dass deine Stadt bald wieder Frieden hat.”, sprach die Trankmischerin ärgerlich vor sich hin und zog die Nase zerwühlt hoch “Und dass du dich dafür nicht einmal anstrengen musst. Denn DU musst ja niemanden heiraten, den du nicht liebst.”

Hjaldrist schwieg und obwohl er seine unüberlegte Freundin gerade gern angeherrscht hätte, zwang er sich zur eisernen Ruhe. Er erinnerte sich im Geiste daran, warum Anna hier gerade so handelte, wie sie es tat. Und er wusste doch: Eigentlich sollte er gerade Mitleid mit ihr haben, anstatt sich über ihre impulsiven Vorwürfe zu ärgern. Dennoch besaß Anna immer wieder das Potential dazu ihn aufzurütteln. Denn als einziger Mensch auf dieser Welt wusste sie, wo man den Undviker packen könnte, um ihm wehzutun.

“Was denn?”, fragte die Kräutersammlerin aufgebracht und kam ein Stück näher “Bleibt dir jetzt die Sprache weg? Letztens hast du noch so klug geredet! IMMER redest du so schlau.”

Hjaldrist schüttelte den Kopf leicht und seufzte nachgiebig.

“Du hättest den Antrag nicht aussprechen müssen, Arianna.”, meinte er und versuchte dabei so ruhig, als möglich zu klingen.

“Ach!”, machte sie sofort schnippisch “Nicht?”

“Nein. Dennoch hast du es getan.”, erinnerte der Jarl “Niemand hat dich dazu gezwungen.”

“Meine Fresse!”, keuchte die aufgebrachte Frau “Wirklich, Hjaldrist? Wirklich? Vor fünf Tagen leierst du mir vor, dass ich den Bastard doch ehelichen könnte! Und dass er, mit Glück, sogar einen Segen für alle mit sich brächte! Du hast mich doch indirekt darum gebeten, dass ich es tue! Du WOLLTEST, dass ich die bescheuerte Opfergabe spiele! Dabei… dabei dachte ich, wir seien Freunde!”

Auf diese harten Sätze hin schwieg der Skelliger wieder.

“Ich habe geglaubt, dass du auf meiner Seite stündest. So, wie früher!”, warf die wütende Frau Hjaldrist vor die Füße und ihr Blick stand vor purer Enttäuschung. Anna sah aus, als habe man sie betrogen. Sie konnte gerade nicht klar denken und ihre Stimme drohte noch zu brechen.

“Anna…”, wand der Jarl ein “Beruhige dich.”

“Nein!”, spie sie und wusste gar nicht wohin mit all den Gefühlen, die sie beutelten. Doch sie blieb und wollte nicht flüchten. War das gut? Es zeugte davon, dass hier vielleicht doch nicht die paranoide Frau von früher stand. Jedenfalls nicht zur Gänze.

“Fick dich! Ernsthaft!”, keuchte Anna. Der konfrontierte Axtkämpfer setzte dazu an etwas zu sagen, da wurde er auf einmal am breiten Kragen erwischt und mit dem Rücken voran an die geschlossene Zimmertür bugsiert. Es kam so plötzlich, dass sich der Dunkelhaarige richtig erschrak. Schmerzhaft prallte sein rebellierendes Kreuz an das Holz, dass es nur so polterte. Und er ließ es zu, obwohl all seine Sinne dagegenstanden und ihm rieten sich sofort zu wehren. Hjaldrist sah geradeaus in die furiosen Augen seiner Freundin, die die Tränen gekonnt zurückhielt und ihn so grob am Kragen gepackt hielt, dass sie ihn damit beinah würgte. Ihre Hände zitterten merkbar und hätte irgendjemand das hier gesehen, wären die Konsequenzen arg, vielleicht gar tödlich, gewesen. Denn der Skelliger war längst kein einfacher Vagabund mehr.

“Du hast keine Ahnung!”, warf die zutiefst enttäuschte Kurzhaarige vor und all ihr Walten mutete so an, als ginge es hier um weit mehr, als nur um Fír. Es ließ Hjaldrist stutzen. 

“Du hast absolut keine Ahnung, wie es mir geht!”, schimpfte Anna. Ihr Griff wurde noch fester und die Tür in Hjaldrists Rücken war bretthart. Es verschlug ihm den Atem, als er dem Blick seines Gegenübers standhielt, und er presste die Lippen zusammen. Bei der Weltenschlange… seit den Faustkämpfen in Blandare war Anna nicht mehr ernsthaft auf ihn losgegangen. Er hatte beinah vergessen, welche Energie diese Frau entwickeln konnte, wenn sie wollte. Getrieben von Frustration zerrte sie ihn wieder ein Stück weit von der Türe und zu sich heran, um dem Jarl todernst in die Augen zu sehen. Ihr Blick fühlte sich an, wie hundert kleine Dolchstiche.

“DU hast immer die Wahl.”, zischte Anna Hjaldrist böse zu und war ihm dabei so nah, dass er ihren unregelmäßigen, warmen Atem an der Wange spüren konnte “Du kriegst stets, was du willst. Und du hast keine Ahnung, du Arschloch.”

Mit diesen Worten stieß die Kurzhaarige Hjaldrist harsch von sich und schubste ihn damit rumsend an die Tür zurück. Der stille Krieger keuchte leise und musste überwältigt blinzeln, doch noch immer dachte er nicht daran sich zu wehren. Es hätte alles nur noch schlimmer gemacht. Und so, wie seine Freundin gerade ohnehin aussah, hätte sie gleich keine Kraft mehr ihre aufbrausende Tirade fortzusetzen. Sie würde bald einknicken, denn sie verkraftete es nicht, wenn man ihr keinen Konter gab. Das hatte sie noch nie.

“Sag etwas!”, schrie die Frau, die ihren Kollegen wieder losgelassen hatte, nun zwischen Jähzorn und Kummer hin und her gerissen “Hör damit auf nur so dämlich aus der Wäsche zu sehen! Willst du mich verarschen?”

Hjaldrist öffnete gerade den Mund, um einen Einwand zu geben, da kam der letzte Schwall von Anna’s angehäufter Wut über ihn. Und zwar in Form einer Rechten, die sich gesalzen hatte. Der bedrängte Jarl wusste gar nicht so richtig, wie ihm geschah, da riss es ihm schon den Kopf herum und für einen Wimpernschlag lang hüpften kleine Lichtpünktchen in seinem Sichtfeld umher. Dumpfer Schmerz zuckte ihm durch den gesamten Kiefer und der Geschmack nach Blut breitete sich augenblicklich in seinem trockenen Mund aus. Es war ein Augenblick, in dem er beinahe daran gedacht hätte Anna anzublaffen und impulsiv zurückzuschlagen. Doch er ballte bloß die kalten Finger und riss sich gewaltsam zusammen. Und dies war eine weise Entscheidung, denn als er den Blick aus gequält zusammengekniffenen Augen zu der Gardistin zurücklenkte, stand sie ihm schwer atmend und verstört gegenüber. Ihre Schultern sanken und sie wischte sich flüchtig über den Augenwinkel, als sie nurmehr ohnmächtig stierte. Ihre Fingerknöchel mussten höllisch schmerzen, so fest, wie sie zugeschlagen hatte. Hjaldrist fasste sich leise stöhnend an den Unterkiefer und bewegte ihn vorsichtig prüfend. Mit der Zunge betastete er zögerlich seine Zähne. Sie waren noch alle da. Blut hing ihm rot am Mundwinkel und schmeckte süßlich-metallen, als er angewidert schluckte. Die Luft ringsumher war just so dick, dass man sie hätte schneiden können. Und die Stille, die sich aufgetan hatte, war äußerst unangenehm. Doch Hjaldrist brach sie nicht und hoffte einfach darauf, dass Anna gleich wieder zur Vernunft käme. Sie war schon immer wie ein Orkan gewesen. Erst riss sie alles nieder und wenn sie damit fertig war, dann wurde es totenstill.

“...Ich will nicht, dass ich dir egal bin.”, sagte sie auf einmal und Hjaldrist glaubte sich ob dieser plötzlichen Aufrichtigkeit zu verhören. Früher hatte die verbohrte Alchemistin ihre Schwächen zu selten zugegeben und jene lieber versteckt. Nun aber, zeigte sie ihre wunde Stelle einfach so her.

“Aber so fühle ich mich gerade.”, atmete die Kriegerin, die zwar nicht die Wortgewandteste war, gerade und für ihre Verhältnisse aber ungewohnt offen sprach “Ich mag das nicht. Bitte sag mir, dass es dir nicht egal ist, wenn ich Fír heirate.”

Die davor noch verzerrte Miene des versehrten Undvikers sackte in eine sanftere Richtung, als er das hörte, und er wischte sich einmal mit dem Ärmel über den Mund. Blut, vermischt mit Speichel, befleckte jenen rot. Anna’s Hieb von vorhin hatte ihm die Innenseite der Wange so fest gegen die Zähne geschlagen, dass das Fleisch nun ganz wund war. Es würde ewig dauern, bis DAS wieder verheilte.

“Du bist mir nicht egal, Anna.”, sprach Hjaldrist vertrauenswürdig aus und versuchte nicht zu nuscheln. Und er sah, wie der restliche Ärger aus dem Ausdruck der Verzweifelten wich. War sie zuvor noch immens geladen gewesen, so machte sie jetzt einen sehr entkräfteten Eindruck. Anna musterte ihn unsicher. Dann nickte sie allmählich ganz schwach und langsam, blinzelte überfordert und senkte den Blick zu ihren Füßen. Kurz überlegte sie und kaute sich nervös auf der Unterlippe herum. Die Frau atmete leise aus.

“Es tut mir leid, dass ich dich geschlagen habe...”, murmelte sie dann und ihre dunklen Augen wanderten betreten “Ich… fühle mich nur so schlecht… und ich will doch helfen, aber-... ich weiß nicht.”

Noch einmal zog sie die Nase hoch und rieb sich die schmerzenden Finger. Hjaldrist lachte leise, als er letzteres mitbekam.

“Bei deinem rechten Haken wurde ich ganz nostalgisch…”, brummte er scherzend, doch Anna lächelte kein Stück. Also wurde auch der Jarl wieder ernst. Er musterte die aufgelöste Frau vor sich eingehend, dann fasste er sich ein Herz und kam vor sie, um sie einfach zu umarmen und ihr dabei beruhigend den schmalen Rücken zu klopfen.

“Hör zu. Du wirst Fír nicht heiraten...”, versprach er dabei und spürte, wie Anna seine Umarmung sofort erwiderte. So, als hätte sie sich danach gesehnt. Für jemanden, wie sie, musste es schwer sein anderen in Momenten, wie diesem hier, nahe zu kommen. Die Kämpferin war zwischen eiskalten Hexern aufgewachsen und nicht so, wie Hjaldrist, im Kreise einer liebevollen Familie. Für ihn war es so gewöhnlich gedrückt zu werden und auch einmal von sich aus jemanden eng zu umarmen. Seine Mutter kam fast jeden Tag herzerwärmend auf ihn zu, um das zu tun und ihm zu sagen, dass sie stolz auf ihn war. Und seine Schwestern waren auch sehr anhänglich. Der Einzige der Falchraites, der distanzierter handelte, war Haldorn. Das aber auch nur, weil es sich als besonders rau und männlich darstellen wollte. Das war er im Innern aber nicht.

“Ich habe eine Idee.”, sprach Hjaldrist weiter und ließ es zu, dass sein Gegenüber ein wenig klammerte und den Kopf ans einer Schulter vergrub “Wir werden ihn hereinlegen. Dazu müssen wir leider tatsächlich so tun, als würdest du ihn ehelichen wollen. Nur so weit wird es dann nicht kommen.”

Anna ließ ein wenig lockerer, doch trat nicht zurück. Der Skelliger wusste, dass sie seinem Vorschlag gespannt lauschen würde. Denn jener bedeutete den einzigen Ausweg aus ihrer quälenden Misere und das Ende des Unglückes Caer Gvalch’cas.

“Es gibt außerhalb der Stadt eine kleine, verlassene Kapelle. Wir werden sie und den Platz davor für eine traditionelle Hochzeit vorbereiten und dich in ein hübsches Kleid stecken.”, erklärte Hjaldrist “Als Jarl kann ich Eheschließungen besiegeln, also werde ich den ‘Priester’ spielen und alle Krieger der Stadt werden als Gäste auftauchen. Haldorn und seine Mannschaft werden auch da sein, denn diese stinkende Meute haut kräftiger zu, als so manch eine ausgebildete Stadtwache.”

Anna’s Griff lockerte sich weiter.

“Verstehst du, worauf ich hinaus will?”, wollte Hjaldrist wissen “Fír wird umzingelt sein. Und im richtigen Moment schlagen wir zu. Wir werden uns sehr gut vorbereiten und es irgendwie schaffen ihn zu besiegen. Der Vorteil wird sein, dass er absolut nicht damit rechnet und glaubt, dass man ihm seinen Lebenswunsch erfüllt. Er wird wie gebannt sein. Es ist ein Moment, den wir auf eine andere Weise niemals zustande brächten. Darum musst du unbedingt mitspielen, denn er hat nur Augen für dich.”

Nun ließ die Alchemistin ihren Freund los und wich ein Stück zurück, um ihn ansehen zu können. Forschend betrachtete sie ihn und erschien, Hemdall sei Dank, wieder ruhiger.

“Du willst ihn in einer Falle locken...?”, fragte Anna bedächtig “Und du meinst, es funktioniert? Du hast gesehen, wie stark er ist. Er hat Henrik fast umgebracht. HENRIK. Niemand ist kräftiger, als der.”

Hjaldrist nickte.

“Wir schaffen das schon.”, sagte er “Das haben wir doch immer, oder?”

Diese Aussage erhellte das Gesicht der Novigraderin jetzt endlich. Es tat gut sie wieder so zu sehen.

“Ja…”, entkam es ihr “Ja, haben wir.”

Der Jarl konnte nicht anders, als schief zu lächeln. Und er fasste nach vorn, um die Schulter der Frau zuversichtlich zu tätscheln.

“Mistelzweige, Grünschimmel, Hopfen, Zweizahn…”, fing der wissende Krieger an und für einen Moment wusste Anna nicht, was er von ihr wollte. Doch dann traf sie die Erkenntnis, wie ein Schlag und sie hob die Brauen verwundert an.

“Wasserweibszähne, Bärenfett, Nigredo und Leichenfresserblut.”, beendete sie die Aufzählung und war ganz perplex “Du kennst das Rezept für verbessertes Reliktöl auswendig...?”

“Pff.”, schnaufte der Skelliger amüsiert und steckte sich die Hände in die Taschen “Du hast mich damals in Serrikanien doch andauernd mit deinen Trankbüchlein gequält, weil du am Ende nicht mehr wusstest, was du mir noch vorlesen sollst. Schon vergessen? Dabei war ich wehrlos und konnte mich nicht rühren, um zu protestieren.”

Anna’s Gesicht entgleiste und sie sah einen Herzschlag lange so dämlich aus, dass der Dunkelhaarige lachen musste.

“Am liebsten hätte ich dich dafür erschlagen. Aber ich konnte mich ja nicht bewegen.”, sagte der Mann und meinte das nicht zu ernst, denn im Grunde war er dankbar “Im Endeffekt kamen deine andauernden, sich wiederholenden Lektionen aber wirklich gut. Ich weiß heute nämlich nicht nur, wie man gewisse Öle herstellt...”

Man sah, wie die Kräuterkundige verdattert starrte und ihre Augen wanderten ein bisschen, als sie ihre Erinnerungen an die Zeit einholen mussten, in der sie sich in Zerrikanterment um ihren gelähmten Freund gekümmert hatte.

“Also.”, der Jarl riss die Aufmerksamkeit wieder voll auf sich und die folgenden Worte “Welche der Zutaten brauchst du noch? Schaffst du es denn das Öl bis morgen herzustellen?”

“Äh.”, machte Anna ein wenig verplant “Naja. Aldoran hat viele Kräuter bei sich. Und ich kann mit der Kräuterfrau am Markt sprechen. Damit komme ich sicher an alles Pflanzliche dran, was ich benötige. Nekrophagenblut und Fett habe ich noch. Wasserweibszähne sind aber leider seltener…”

“Dann gehst du eben raus und holst dir welche, ‘Unholdjägerin’...”, gab Hjaldrist gutmütig zurück “Am Strand des östlichen Ufers, dort, wo man meinen Vater beigesetzt hat, wurden vor kurzem welche der Biester gesehen. Zwei, um genau zu sein.”

“Oh!”, entkam es der Frau und mittlerweile fasste auch sie wieder frohen Mut. Sie strahlte ja schon fast.

“Kommst du klar oder soll ich mitkommen?”, fragte der Viertelelf “Ich muss noch mit der Garde, meinem Bruder und den Wachen sprechen und sie gut aufklären. Das könnte dauern.”

“Mach das ruhig.”, die Schwarzhaarige schüttelte den Kopf “Ich komme zurecht.”

“Gut.”, lächelte Hjaldrist zufrieden “Dann treffen wir uns heute beim Abendessen und besprechen alles Weitere. Pavetta will ihr Pinnekjött kochen, also komm nicht zu spät.”

“Ja… ja, in Ordnung.”, sagte Anna befreit und atmete einmal tief und ungemein erleichtert durch. 

“Und Anna?”

“Was?”

“Ich hab ne ordentliche Rechte bei dir gut. Irgendwann, wenn du sie am wenigsten kommen siehst, zimmere ich sie dir rein.”

“Was? Uh. Also... ja… klar…”

Die zwei ehemaligen Vagabunden tauschten bedeutsame Blicke aus und schafften es nicht dabei ernst zu bleiben. Hjaldrist musste den Kopf ungläubig schmunzelnd schütteln und die Nordländerin rollte grinsend mit den Augen. Sekunden darauf, nach einem kurzen Abschied und einem aufrichtigen ‘Danke, Rist’, ging die Schwertkämpferin auch schon, um ihre wichtigen Aufgaben für morgen zu erledigen. Hoffentlich ginge alles gut.

 

Der grasbewachsene Platz vor der elfischen Kapelle auf dem kleinen, grünen Hügel über den hohen Klippen war festlich geschmückt worden. Hjaldrist’s Mutter und Schwestern hatten selbst dafür gesorgt und waren dabei in den Plan Fír besiegen zu wollen, eingeweiht gewesen. Demnach war Merle schelmisch lachend umher spaziert und hatte die aufgestellten Bänke voller Schadenfreude mit Schneerosen und hellen, im Wind flatternden Bändchen dekoriert. Immer wieder hatte sie dabei vor sich hin gesummt und leise ein Kinderlied über den Tod eines üblen Monsters gesungen. Pavetta hatte dabei wissend geschmunzelt, als sie den kleinen, steinernen Altar am Fuß der ruinenhaften Kapelle vorbereitet hatte. Und vor genau jenem stand Hjaldrist nun, Stunden nach den besagten Vorbereitungen. Er trug seine schöne, orangefarbene Tunika aus dem Caed Myrkvid und keinerlei Rüstung, um kein Misstrauen zu erwecken. Auch die anwesenden Gäste - sie alle waren Krieger der Stadt, Huskarle und Wachleute - hatten sich ihre Festtagsgarnituren anstatt der Kampfausrüstungen angezogen. Es war ein unguter Nachteil, den sie in Kauf genommen hatten, um den verhassten Borkenmann aus Urskar hinters Licht zu führen. Jener war intelligent und jedes Detail musste stimmen. Nicht auszudenken, was geschehen wäre, hätte er die Gefahr gerochen, in die er sich begab. Also war die nachmittägliche Szenerie perfekt. Ganze drei Dutzend Axt- und Schwertkämpfer waren hier versammelt und mimten die wahllos geladenen, frohen Gäste einer Eheschließung. Ihre Waffen lagen versteckt unter den langen Holzbänken, über die Pavetta weiße Stoffhussen geworfen hatte. Erlklamm und Anna’s Silberschwert waren unter dem tischähnlichen Altar weiter vorn verstaut und warteten nur so darauf eingesetzt zu werden. Doch jetzt war noch nicht die Zeit dazu. 

Abwartend sah Hjaldrist dabei zu, wie seine beste Freundin auf den mühevoll geschmückten Platz trat. In einem alten, schlichten, doch ungeheuer hübschen Kleid der Jarlsmutter kam sie. Die etwas längere Schleppe des locker fließenden Kleidungsstückes war in weiser Voraussicht hochgesteckt worden, damit man im Kampf nicht noch darüber stolperte. Und wenn man ganz genau hinsah, erkannte man ansatzweise, dass Anna unter der wallenden Seide ihre flachen Stiefel trug, anstatt schmucke Schuhe. Hjaldrist’s viel zu begeisterte Schwestern hatten sich um die sonst so wilden Haare der Trankmischerin gekümmert und ihr gar dezente Schminke aufgelegt. Sie hatten Anna verdammt schön zurechtgemacht, zugegeben, und der Undviker hätte niemals daran gedacht, dass man so viel aus ihr herausholen könnte. Das mochte nicht heißen, dass sie eine hässliche Person war, ganz im Gegenteil. Sie war hübsch. Doch sie selbst kümmerte sich selten um ihr Aussehen, da sie dafür einfach keine Zeit oder Muße hatte. Sie war es eben nicht gewohnt sich feminin zu zeigen und mutete daher immer an, wie ein Junge. Heute jedoch, stand da eine richtig, richtig ansehnliche Frau und der Jarl musste sich eingestehen, dass ihn das Bild mehr als nur verblüffte. Doch er ließ sich diese positive Überraschung nicht anmerken, als er den fest entschlossenen Blick Annas erwiderte. Hinter ihr kam Fír und wirkte, wie der glücklichste verliebte Waldgeist, den die Insel jemals gesehen hatte. Die vermeintlichen Gäste staunten und lächelten gespielt. Manche klatschten sogar froh jubelnd. Zu gerne machten sie dieses gekünstelte Theater hier mit und hatten gestern, während der Besprechungen, schon ganz darauf gebrannt dem dreisten Ungeheuer mit dem hohlen Kreuz endlich den Garaus zu machen. Es würde nicht mehr lange dauern, da wäre es soweit und Hjaldrist verkniff sich dieses Gedankenzuges wegen ein wölfisches Grinsen. Stattdessen beobachtete er geduldig, wie Anna und Fír vor ihn traten. Erstere war sichtlich nervös, doch das machte nichts. Denn welche Braut wäre das nicht? Es machte die schöne Nordländerin mit dem Blumenkranz im Haar also nicht verdächtig.

Hjaldrist nickte dem Rindenmann anerkennend zu und ein freundlicher Blick für die Frau in Weiß neben jenem folgte. Dann holte der Jarl Luft, um zu sprechen. Die schauspielernden Festgäste reckten die Hälse und unweit stand auch Haldorn mit Hugin und Munin. Noch lagen die treuen Tiere nur so faul, wie eh und je, herum. Doch wenn man es von ihnen verlangte, dann konnten sie kämpfen, wie Wölfe.

“Wir haben uns heute hier versammelt, um Zeugen eines ewigen Bundes zu werden.”, fing Hjaldrist an und blickte in die Runde hinter dem falschen Paar. Nun, da Fír das Publikum ringsum nicht mehr sah, bemerkte man die angriffslustigen Blicke der versammelten Krieger in dessen hölzernen Nacken. Sie waren wie kampfwütige Köter, die man noch an ihren Leinen hielt und die darauf warteten endlich losgelassen zu werden. Hjaldrist lächelte schmal.

“Arianna und Fír werden sich heute als Lebenspartner anerkennen.”, setzte der Dunkelhaarige fort und fixierte die zwei Besagten wieder aufmerksam “Doch bevor wir die bindenden Worte sprechen, reicht mir bitte eure Hände.”

Bereitwillig und nahezu ungeduldig erhob der Borkenmann die Hand, um sie dem Sprechenden hinzustrecken. Anna tat es dem Biest gleich und starrte Hjaldrist abwartend an, als jener nach einem der rituellen Hilfsmittel fasste, die da auf dem Altar lagen: Er fischte nach dem breiten, hellblauen Seidenband, auf welches man ein gewobenes, schmaleres Bändchen aufgenäht hatte. Zwischen einem kleinen Laib Brot und einem Krug mit Wein hatte es gewartet und nun legte er es über die beiden Handgelenke der angeblichen Eheleute vor sich. Es fühlte sich befremdlich an, das zu tun. Zwar war hier alles nur Theater und dennoch gefiel dem Jarl das Bild ganz und gar nicht. Es erinnerte ihn irgendwie schmerzlich an Novigrad; an den Wanderzirkus und die Schauspielvorstellung in der Stadt, in der Anna die hoffnungslos verliebte Prinzessin gespielt hatte. Dennoch bemühte sich Hjaldrist darum eine freundliche, gelassene Miene zu wahren und fischte nach den Enden des seidenen Bändchens. Entschlossen umfasste Anna die Finger Fírs, als man ihnen die Handgelenke gut zusammenband. Und der Ritualführer sah, wie die aufgebrachte Frau den Atem kurz anhielt. Denn sie wusste, was gleich kommen sollte. Ein knappes Schweigen entstand. Und dann nickte der Jarl auf einmal deutlich. Es war ein Zeichen, auf das all die versammelten Menschen am Platz nur so gewartet hatten. Sofort geriet alles vor der uralten Kapelle in Bewegung und Fír zuckte heftig zusammen, als die vielen Kämpfer ihre Klingen auf einmal unter den weißen Bänken hervorzogen. Matilda brüllte einen Kampfschrei und ihre vierzehn Kollegen der Garde fielen in diesen ein. 

“Für Henrik!”, bellten sie laut. Sie stürmten vor und Anna, die spielte ihre Rolle noch eine kurze Weile, um den Mann zu behindern, den man bewusst fest an sie gebunden hatte.

“Oh nein!”, rief sie wehleidig und man nahm ihr das ängstliche Mädchen tatsächlich ab “Was ist bloß los? Hilfe!”

Hjaldrist hatte Erlklamm und das Silberschwert längst fest in den Händen, als sich der verwirrte Borkenmann zu all den Kriegern auf der Wiese umwandte und sich dabei schützend vor die jammernde Anna stellte. Jene, wiederum, sah sich auffordernd nach ihrem besten Freund um. Einen Herzschlag später schon, warf der Undviker ihr ihre wertvolle Waffe zu. Und die Alchemistin nutzte ihre einmalige Gelegenheit sofort. Sie stach mit ihrem öltriefenden Schwert zu und rammte es tief durch die Mitte des Blonden, der ihr den hölzernen Rücken so vertrauensselig zugewendet hatte. Fír schrie schmerzerfüllt auf. Doch er ging nicht nieder, sondern riss den langhaarigen Kopf furios zu der herum, die ihm gerade eine scharfe Klinge bis zum Heft durch den sehnigen Körper getrieben hatte. Durch sein abruptes Umwenden entriss er der Kurzhaarigen den gewickelten Schwertgriff, doch sie ließ sich dadurch nicht beirren und umklammerte die gebundene Hand des Wesens noch fester. Da setzte Hjaldrist vor und schlug mit Erlklamm nach dem irritierten Feind. Das Axtblatt der Familienwaffe triefte nur so vor Reliktöl und grub sich in Fír’s Seite. Das Ungeheuer brüllte vor Schmerz und strauchelte, denn das Waffenöl musste die reinste Folter sein. Es wollte sich panisch von Anna losreißen, doch schaffte dies erst nicht, denn sein Handgelenk war noch an das ihre gefesselt. Der Blonde zerrte ruckartig daran und bugsierte die viel schwächere Novigraderin im langen Kleid damit brutal zur Seite. Gerade noch so schaffte sie es nicht zu stürzen und schrie überfordert. Haldorn brach mitsamt seiner Mannschaft vor und hetzte Munin und Hugin grölend auf den Rindenmann. 

“Adgang!”, brüllte der heisere Kapitän in seinem harten Dialekt und stürzte auf das umkreiste Waldwesen los, wie ein furioser Bär. Er kam über die langen Sitzgelegenheiten gesprungen und warf dabei manche davon achtlos um. Fír holte mit seiner freien Hand aus und sein weiter Hieb schleuderte den starken Seefahrer mitsamt dreien seiner Leute fort. Anna zerrte derweil am festgebundenen Arm des Wesens und schaffte es damit sogar das überforderte Ungeheuer kurz zum Wanken zu bringen. Hjaldrist zog seine Axt derweil ruckartig aus dem Holzkörper vor sich und der laute Tumult wurde immer wilder.

“Nein!”, bellte der Schönling mit den langen, blonden Haaren und entriss der ihn behindernden Frau bei sich nun seine Hand. Er zerrte sie hoch und das blaue Band, das ihn an Anna gehalten hatte, zerriss durch den Ruck laut hörbar. Die Giftmischerin verlor ihren Blumenkranz, als sie folgend fortgeworfen wurde, und landete keuchend im Dreck. Dabei nahm sie auch noch unfreiwillig zwei der aufgestellten Bänke mit. Und der Huldrekall, der war frei. Da kamen die beiden schwarzen, großen Hunde der Jarlsfamilie und sprangen dem Wütenden aggressiv entgegen, gruben ihre Fänge in dessen Bein und Hand. Wie Schraubstöcke bissen ihre starken Kiefer zu und ließen nicht mehr los. Man hörte die aufgehetzten Rüden böse knurren und Haldorn stand schon wieder, um auf seinen mächtigen Gegner loszugehen. Zwei seiner Freunde und ein Dutzend Wachen standen ihm bei. Das lange Schwert Annas ragte Fír aus der Körpermitte, als er nach den wackeren Skelligern schlug und er hob eine ganze Gruppe von jenen vor sich fort. Er fasste nach einem bärtigen Mann, warf ihn meterweit zurück. Einem anderen brach er das Genick. Einem Dritten die Gliedmaßen und einem Vierten das Kreuz. Hjaldrist hetzte vor und wollte dem Wesen die Beine mit einem wuchtigen, horizontalen Schlag abtrennen. So weit kam er jedoch nicht, denn er musste einem schwungvollen Angriff Fírs ausweichen, der sich soeben nach im umwendete. Und das Ungeheuer war rasend. Blinde Wut brannte in seinem engen Blick und es war klar, dass es vorhatte einen jeden hier aus Rache zu töten. Die Lage war gefährlich und der Jarl taumelte zurück, entkam damit gerade so einem Schlag des bösartigen Huldrekall und fand wieder einen sicheren Stand. Ein paar Männer warfen sich vor ihn, wollten ihm beistehen, und wurden schwer verwundet. Binnen weniger Momente stand nurmehr die Hälfte der anwesenden Kämpfer. Der Rest war schwer verletzt und einige wenige sogar tot. Es war ein grausiges Bild.

“Ey!”, hörte man Anna durch den Kampflärm brüllen und sie winkte dem herumfahrenden Fír zu. Sie hatte sich den verdreckten Rock vorn halb abgerissen, damit sie der ganze Stoff nicht mehr im Geringsten behinderte. 

“Arschloch!”, spottete sie und spuckte abfällig aus.

Das wutentbrannte, längst nicht mehr rational denkende, Wesen sah sich nach der ruppig maulenden Frau um und grollte zornig. Hjaldrist nutzte diese Gelegenheit, um eng an das Biest heran zu kommen und mit der freien Linken an den Griff des Schwertes zu packen, das nach wie vor im Körper des Borkenmannes steckte. Mit aller Kraft hebelte er die Schneide nach unten und fügte dem Waldungeheuer damit eine weit aufklaffende Wunde zu. Harziges, goldbraunes Blut spritzte und rann zu Boden. Erneut schrie Fír markerschütternd auf und Hjaldrist entzog dem blutenden Leib das Silberschwert mit einem Ruck. Doch noch immer ging der Feind nicht zu Boden. Nein, er wurde nur noch ärgerlicher. Haldorn lief von Links heran und schlug mit der zweihändigen Axt nach dem schönen Blonden, verwundete ihn verheerend am Arm und wurde eine Sekunde darauf schon zur Seite geschleudert. Dieses Mal blieb der wagemutige Seeräuber stöhnend liegen und gescheucht sah Hjaldrist zu jenem hin.

“Haldorn!”, rief er, doch der Mann am Boden winkte schmerzverzerrt ab und brachte den Jarl damit dazu sich vorerst nicht zu sorgen. Eine Bombe knallte laut und der Undviker fuhr zusammen. Als er aufblickte, fasste Anna gerade unter ihr vorn nurmehr sehr kurzes Kleid und zog dort eine zweite Kartätsche aus einer improvisierten Bein-Holstertasche hervor.

“Stirb!”, hörte man sie brüllen, als sie das zischende Geschoss gezielt warf und es Fír keinen Atemzug später frontal traf. Laut knallte der gleißende Drachentraum und umfing den Gegner klammernd. Der überrumpelte Waldmann ruderte orientierungslos mit den Armen, als wolle er den tödlichen Flammen damit entkommen, doch jene sprangen bereits auf seinen Holzrücken und bissen sich fest. Das Waldwesen kreischte unmenschlich auf und wand sich. Die leichte Brise, die heute herrschte, war an diesem Tag sein Feind, denn sie fachte die leckenden Flammen nur noch weiter an. Und der schwer verwundbare Borkenkerl, dem die Optionen in Anbetracht seiner misslichen Lage ausgingen, lief einfach los. Direkt auf die nahe Klippe hastete er zu und schrie dabei vor Schmerzen. Das hungrige Feuer begleitete ihn wie ein roter Schweif und schlug über seine dicke, trockene Rinde herein. Und dann, ehe irgendjemand noch etwas tun konnte, sprang das Wesen beherzt in den Abgrund unter dem das Meer schäumend gegen die Felsen der Insel brauste.

Die vor der alten Kapelle Versammelten beobachteten dies ungläubig starrend und mit offenen Mündern. Ratlos stockten sie. Anna warf Hjaldrist einen nervösen Blick zu. Und dann liefen die beiden Freunde eilig los, um an den breiten Rand der steilen Klippe zu rennen. Über Stock und Stein eilte der Jarl und kam erst knapp vor dem klaffenden Abgrund zum Stehen, beugte sich vor und spähte suchend nach unten. Seine Gefährtin kam leicht hinkend an seine Seite und folgte seinem Blick erwartungsvoll. Doch Fír war fort.

“Mist!”, keuchte der abgekämpfte Krieger und gab einen verärgerten Laut von sich “Er ist weg.”

“Ja…”, stimmte die Novigraderin außer Puste zu “Ob er tot ist?”

“Gute Frage. Ich hoffe es.”

Anna entkam ein entnervtes Stöhnen und Hjaldrist spürte ihre Augen bald abwartend auf sich gerichtet. Er hob die Braue und sah von der Seite aus zu der Frau in dem dreckigen, zerrissenen Kleid, die sich das wunde, anschwellende Handgelenk rieb. Es musste höllisch geschmerzt haben, als Fír ihr das Handfasting-Band daran ruckartig zerrissen hatte. Abgesehen davon war sie aber wohlauf. Welch ein Glück. Die heikle Sache hätte nämlich weit schlimmer ausgehen können.

“Ist alles in Ordnung?”, fragte Anna und der Ältere bei ihr nickte. Er bemühte sich darum nicht an ihr hinunter und zu dem fransigen, nun beachtlich kurzen Rock zu stieren. Nur ein klein wenig mehr und man hätte ihr bestimmt etwas weggaffen können.

“Ja, mir geht es gut.”, meinte der Skelliger “Nur andere hat es hart getroffen...”

“Ich weiß. Manche… manche sind tot. Glaube ich.”, nun sah sich die Trankmischerin mit finsterer Befürchtung nach den Kriegern Undviks um. 

“Sie sind als Helden gefallen und werden heute schon mit den Göttern speisen.”, antwortete Hjaldrist, doch tat dies nicht ganz ohne Schwermut im Herzen. War es richtig, was er hier getan hatte? Männer Falkenburgs waren gestorben, damit Anna kein Ungeheuer heiraten müsste. Damit der Jarl der Insel seinen Willen bekam, den er für das einzig Richtige gehalten hatte, obwohl er doch so selbstgefällig gewesen war. Ja, er hatte es heute verhindert, dass jemand seine beste Freundin an sich band und jener damit das Herz gebrochen wurde. Nur zu welchem Preis? Schleppend sah sich jetzt auch Hjaldrist nach den anderen um. Einige von ihnen kamen gerade zu ihm und Anna, um ebenso ratlos über die hohen Klippen gen Meer zu linsen. Die anderen saßen oder lagen am Grund vor der Elfenkapelle, kümmerten sich um ihre Gefährten oder umarmten einander froh. Ruhe breitete sich jetzt über dem windigen Hügel, der zum Schlachtfeld geworden war, aus. Nurmehr das Tosen der Wellen des Meeres und das entfernte Pfeifen des salzigen Windes begleitete sie.

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