Kapitel 120 (Buch 4, 23)

Wenn Blut bitter schmeckt

Rist’s Mutter war eine unglaublich sympathische und sanftmütige Frau und gleichzeitig strahle sie solch einen Stolz aus, dass sich Anna vor ihr ganz klein fühlte. Als einzige der Familie sah man Swantje ihr Alter tatsächlich an, denn sie war der einzig reinblütige Mensch der Jarlsfamilie. Elfengene bewahrten sie also nicht davor so auszusehen, als sei sie noch jung. Lachfältchen zeichneten sich in ihren Augenwinkeln ab und ihre langen, braunen Haare waren an den Schläfen grau. Swantje musste in ihren späten Vierzigern sein, wenn nicht sogar älter. Dennoch war sie für ihr Alter hübsch und sah nicht so verbraucht aus, wie die Frauen niederer und hart arbeitender Bevölkerungsschichten. Sie hatte stets gut gelebt und ihr Dasein geliebt, das bemerkte ein jeder sofort. Und es war schwer sich vorzustellen, dass sich diese erhabene Person jemals grantig zeigte. Es war beeindruckend jemanden mit solch einer Charakterstärke zu treffen und Anna fragte sich in diesem Zuge, wie Hjaldrist’s Vater wohl ausgesehen und sich gebärdet hatte. Eine kleine ‘Kostprobe’ seiner Art hatte sie zum letzten Saovine erfahren dürfen. Nur so ganz in Person getroffen hatte sie Halbjørn dennoch nicht. Bestimmt war er genauso stolz und herzlich gewesen, wie seine geliebte Frau. Verglichen mit Anna’s Familie oder den Hexern der Wolfsschule war all dies ein Gegensatz wie Tag und Nacht. Balthar war ein dreckiger Reisender, der sich sein unsauberes Geld mit hinterhältigen Schwindeleien verdiente. Und Marika war eine einfache Fischersfrau, die Wäsche waschen musste, um ihre Kleinsten ernähren zu können. Sie sah älter aus, als sie es war, war ihres gewalttätigen Mannes wegen kleinmütig geworden und nicht unbedingt eine Vorzeigeperson, wenn es um Stärke jedwelcher Art ging. Sie war zwar nett und sorgte sich um ihre Tochter, ja. Doch das war es eigentlich auch schon. Mit den Leuten hier, auf der Winterinsel, war das nicht vergleichbar. Und vielleicht wirkte Swantje gerade auch deswegen so immens beeindruckend auf Anna.

“Das mit dem Kleid tut mir sehr leid.”, meinte die besagte Kriegerin, als sie im Korridor zum Speisesaal vor der Jarlsmutter stand. Sie hatte jene gesucht und zum Glück hier gefunden. Deren weißes Kleidungsstück hielt sie in den Händen und fühlte sich ziemlich bescheuert. Es hatte nicht viel gebracht das seidene Kleid zu waschen, denn manche Erd- und Blutflecken des Kampfes gegen Fír waren zu hartnäckig gewesen. Außerdem war der schöne Rock der Garnitur zerrissen und damit unrettbar. Nervös lächelte die Alchemistin und war heilfroh darüber, dass Swantje nicht beleidigt oder entsetzt aussah. Gleichzeitig war das hier das erste Mal, dass die Trankmischerin aus dem Norden allein mit Hjaldrist’s Mutter sprach. Eine Realisation, die sie gerade sehr merklich ereilte. Natürlich hatte man sich ab und an beim Essen gesehen oder kurze Floskeln ausgetauscht, doch das war es im Grunde schon gewesen. Anna war nie direkt auf die braunhaarige Skelligerin zugegangen, weil sie einfach nicht gewusst hatte, wie. Und weil sie, wegen der letzten Jahre, noch immer ein flaues Gefühl im Magen hatte. Ein schlechtes Gewissen vielleicht. Schlussendlich war Rist sehr lange von der Bildfläche Undviks verschwunden und mit ihr umhergezogen. Seine ihn liebende Mutter musste sich unsäglich gesorgt haben und zu erfahren, dass ihr ältester Sohn mit einer vermeintlich verrückten Vagabundin unterwegs war, musste ein gewisses, mieses Bild von Anna vermittelt haben. Sicherlich haftete es irgendwo noch an ihr. Daher hatte sie sich bisher einfach nicht getraut ganz offen auf Swantje zuzugehen, die immer so ungeheuer selbstbewusst anmutete. Sie wusste einfach nicht, was die ältere Frau von ihr hielt und hatte zugegebenermaßen Angst davor, dass jene sie im Grunde nicht sonderlich gut leiden könnte. Anna war nämlich alles andere, als eine vorbildliche Gesellin, und darum auch nicht der beste Umgang für einen angesehenen Jarl. Oder? Im Grunde war jemand wie sie in einem Adelshaus deplatziert, wenn sie nicht Wache stand. Dennoch ließ sie sich von der jüngsten Tochter der Familie das Gitarrespielen beibringen, aß oft mit jener, unterrichtete Merle über Monster und Kräuter und maß es sich sogar an spät nachts zu Rist zu laufen, um ihn aufzuwecken, wenn sie sich verfolgt fühlte. NIEMAND platzte in das Schlafzimmer des Jarls, um dann auch noch zu ihm aufs Bett zu kommen und ihn an den Schultern zu rütteln. Niemand, außer Anna.

“Das mit dem Kleid macht nichts.”, fand die Jarlsmutter nett und musste gar angetan lachen, als sie die Jüngere vor sich so geknickt sah “Mein Mann wäre sehr, sehr stolz, wenn er wüsste, dass das Kleid, das ich bei unserer Heirat getragen habe, dabei geholfen hat einen mächtigen Feind von unserer Insel zu vertreiben. Er würde vermutlich ein Denkmal dazu aufstellen lassen: Eine Figur einer Frau mit sehr kurz gerissenem Rock. Und dann würde er sich die Hände begeistert in die Seiten stemmen und darüber lachen.”

Anna stutzte heftig. Oh, was?

“E-es ist dein Hochzeitskleid?”, stammelte sie hervor und sah Swantje ganz entrückt an. Die Braunhaarige nickte geduldig. Es schien sie zu amüsieren, wie verdattert Anna gaffte und nach Worten klaubte. Sollte sie sich noch einmal entschuldigen? Es brächte doch nichts und machte das teure Kleidungsstück nicht wieder ganz. Ohweia.

“Es ist in Ordnung, wirklich.”, schmunzelte Rist’s Mutter sanft “Es verstaubte so und so nur in meinem Schrank. Gut also, dass es noch einmal einem richtig heldenhaften Zweck dienen konnte.”

Die unsichere Novigraderin betrachtete die Dame vor ihr eingehend und so, als suche sie im Gesicht der Älteren nach irgendetwas. Doch sie fand es nicht. Daher nickte sie nach einer nachdenklichen Schweigepause nurmehr und hoffte darauf bauen zu können, dass die Undvikerin genauso direkt und ehrlich war, wie die meisten Skelliger es waren. Sie lächelte betreten, als Swantje ihr kaputtes Kleidungsstück wieder an sich nahm.

“Vielen Dank, Anna.”, meinte die Braunhaarige lieb “Auch für deine Hilfe an allen anderen Enden.”

Nun blinzelte die Angesprochene verwundert. Warum bedankte sich diese Frau bei ihr?

“Hm?”, machte sie perplex.

“Ich denke, jemand wie du ist in der Garde Gold wert.”, sagte Swantje frei heraus “Hjaldrist hat mir von dem ein oder anderen Abenteuer erzählt, das ihr zusammen erlebt habt. Und ich glaube, deine Fähigkeiten sind hier, auf Undvik, sehr kostbar. Merle ist zudem viel braver geworden, seit du hier bist. Bestimmt hast du ihr Vernunft eingeredet.”

Das Gesicht Annas erhellte sich, als sie das hörte und sie konnte nicht anders, als damit anzufangen froh zu lächeln. Ihre Gesprächspartnerin mit dem zerschlissenen, weißen Kleid über dem Arm nickte ihr wohlwollend zu.

“Apropos Merle. Hast du heute Nachmittag etwas vor?”, fragte Swantje gleich “Die Mädchen wollen im Garten arbeiten. Vielleicht willst du uns ja Gesellschaft leisten.”

Etwas wirr von diesem plötzlichen Angebot, wusste die Giftmischerin erst gar nicht, was sie sagen sollte. Mit Merle hatte sie in den letzten Wochen viel unternommen, ja, doch abgesehen davon hatte sie bisher Schwierigkeiten dabei gehabt Anschluss zu finden. Selbst bei den Huskarlen hatte die eher in sich gekehrte Kurzhaarige noch niemanden kennengelernt, mit dem man auch in der Freizeit einmal etwas unternehmen könnte. Die Leute Undviks waren zwar großartig, doch auch ein wenig reserviert, wenn es darum ging sich enger mit Ausländern anzufreunden. Man merkte ihnen an, dass die gefährliche Insel sonst selten Besuch von außen bekam und die Skelliger hier alle Neuankömmlinge erst einmal lieber aus der Ferne beobachteten. Also freute sich Anna ungemein über Swantje’s unerwarteten Vorschlag und den Versuch sie einzubinden. Es war ungeheuer aufmerksam.

“Ja. Also nein, ich habe nichts vor.”, entkam es Anna erleichtert “Ich hatte heute bereits Nachtschicht, also kann ich vorbeikommen.”

“Ah. Das ist schön.”, antwortete die Jarlsmutter zufrieden “Dann sehen wir uns später.”

“In Ordnung.”, die jüngere Nordländerin nickte beschwingt und spürte einen Atemzug später die Hand Swantje’s auf ihrer Schulter, wie sie als Abschiedsgruß leicht und wertschätzend zudrückte. Dann verschwand Rist’s Mutter auch schon und ließ Anna mit ihrer Vorfreude allein. Es fühlte sich eigenartig an mit jemandem verabredet zu sein, der nicht zum engen Freundeskreis zählte. Und das machte die verschlossene Alchemistin nervös, denn sie wusste nicht, wie sie sich heute Nachmittag geben sollte. Doch auf der anderen Seite freute sie sich wirklich schon darauf Merle, Pavetta und Swantje im Garten aufzusuchen. Denn sie mochte Gartenarbeit echt gerne. Im Bogenwald hatte sie Lado des Öfteren mit dessen Pflanzen geholfen und es hatte Spaß gemacht. Es war jedenfalls definitiv etwas anderes, als eine Runde anderer Frauen zum Klatsch und Tratsch zu treffen. Damit konnte die viel zu burschikose Anna nämlich absolut nichts anfangen. Lieber grub sie Löcher, anstatt bei einer Tasse Tee über andere Laute zu plaudern.

 

“Anna!”, lachte Merle freudig, als sie die Besagte kommen sah. Wie mit Hjaldrist’s Mutter abgemacht, tauchte Anna am Nachmittag bei den Frauen auf, um ihnen im Garten zu helfen, den es innerhalb der Burg in einem kleinen Innenhof gab. Sie sah ein wenig dumm aus der Wäsche, als sie erkannte, dass Merle die rotbraune Fuchssträhne fehlte und dass ihre zwei geflochtenen Zöpfe stattdessen pechschwarz gefärbt waren. Doch sie kommentierte dies nicht weiter, als der Wirbelwind in der grünen Tunika sie beherzt an der Hand erwischte und sie mit zu den anderen beiden zog, die gerade ein Gemüsebeet umarbeiteten. Pavetta hielt mit dem Geschaufel inne und sah auf, wischte sich einmal beiläufig über die Stirn und lächelte herzlich. Ihr dunkelblaues, schlichtes Wollkleid hatte sie am vorderen Saum gerafft, und die langen, dunklen Haare zu einem Dutt hochgesteckt. Swantje, die gerade ein Körbchen mit Setzlingen zu ihrer größeren Tochter brachte, lenkte die Aufmerksamkeit ebenso zu Anna hin. Auch sie hatte nur ein simples, ockerfarbenes Arbeitskleid an und die sonst offenstehenden Haare zu einem Zopf geflochten, damit sie nicht störten.

“Anna, wir wollen Kohlrabi und Brokkoli anpflanzen!”, verkündete Merle froh jauchzend und zerrte ungeduldig an der Hand ihres großen Vorbildes. Sie trug keine Schuhe und hatte sich die Leinenhose unter der bestickten Tunika bis zu den Knien hochgekrempelt. 

“Und Salat!”, fügte die 14-Jährige noch bei “Drei verschiedene Sorten!”

Die Schwertkämpferin musste ob des Verhaltens des anhänglichen Mädchens leise lachen, denn es machte keinen Hehl daraus, dass sie sich über die Anwesenheit ihres Idols freute. Und auch die anderen Frauen begrüßten sie mit einem freundlichen Nicken.

In Folge zeigte die geschäftige Merle Anna den kleinen Fleck im Garten, an dem man Kräuter anpflanzen könnte und bat dahingehend um die Meinung der erfahrenen Trankmischerin. Sie erzählte jener, dass sie ja auch schon das ein oder andere Kraut kenne, weil sie auch einmal eine Monsterjägerin werden wolle. Und bald darauf packte die Novigraderin auch schon motiviert mit an. Mit hochgekrempelten Ärmeln saß sie am Boden und nahm kleine Salatsetzlinge von Pavetta entgegen, um sie vor sich in die weiche, feuchte Erde zu betten. Sie trug einen Verband an dem geschwollenen Handgelenk, das sie sich im Kampf gegen Fír verletzt hatte. Es tat weh es zu bewegen und war ganz steif, doch davon ließ sich Anna nicht beirren. Auch scherte sie sie nicht darum, dass die naturfarbene Binde, die sich stützend um ihr Handgelenk schlang, dreckig wurde. Sie half gern und mochte die Arbeit hier auch. Später, da könnte sie sich einen neuen Verband anlegen.

“Mama, können wir auch Kürbisse säen?”, wollte Merle drängend wissen und man hörte Pavetta abfällig wissend lachen.

“Oh nein...”, gluckste die ältere Schwester, als habe sie mit diesen Gewächsen schlechte Erfahrungen gemacht. Anna konnte sich denken, welche genau. Sie blickte auf und sah zwischen den anderen hin und her.

“Wuchern Kürbisse nicht zu sehr um sie in einem kleinen Garten anzupflanzen?”, fragte sie nach.

“Oh ja.”, lachte Swantje nun “Wir hatten vor wenigen Jahren welche und sie kletterten sogar an den Burgmauern hoch. Sie haben sich so weit ausgebreitet, dass sie alles andere unter sich erstickt haben. Ach, meine schönen Bohnen...”

Anna schnaubte erheitert, als sie in diesem Zuge das schelmische Grinsen Merles sah. Bestimmt hatte die 14-Jährige damals besonders viele Kürbiskerne eingesät.

“Aber dafür hatten wir viele Kürbisse für Saovine!”, maulte das schwarzhaarige Mädchen heiter. Sie war sich augenscheinlich keinerlei Schuld bewusst.

“DIE lagen überall… sogar in meinem Zimmer hat Merle sie aufgestellt und in manche hat sie richtig obszöne Bilder geritzt.”, seufzte Pavetta wehleidig, doch Rist’s Mutter, die auf einmal damit anfing melancholischer auszusehen, kam mit einem Einwand:

“Es war schön.”, meinte sie “Es lenkte von all den schlimmen Umständen der Stadt ab.”

“Hmm…”, machte die ältere Schwester nachdenklich und verstummte dann. Die kleinere der beiden nickte eifrig.

“Die Kürbisse haben jeden aufgeheitert!”, berichtete sie und sah zu Anna, die sich erhob und sich die erdigen Hände an der Hose abwischte “Alle waren so schlecht gelaunt und traurig. Wegen Papa. Aber Saovine war lustig.”

Die lauschende Novigraderin in dem schlichten, schief sitzenden Hemd musterte das ehrliche Mädchen und ihr Ausdruck wurde ernster, als sie einen Herzschlag darauf zu Swantje hin linste. Sie fragte sich, ob sie ihre Gedanken aussprechen sollte und überlegte. Sie entschied sich dafür.

“Die Zeit muss schlimm gewesen sein. Und der Bruder des Jarls ein böser Mensch…”, bemerkte sie “Ich kannte ihn im Grunde gar nicht. Aber was ich bisher von ihm hörte, war schrecklich.”

“Ja, ich konnte ihn nicht leiden!”, beschwerte sich Merle maulend “Und ich bin froh, dass du ihn umgebracht hast!”

“Merle!”, ermahnte Pavetta tadelnd, während Anna stockte. Sie wusste gar nicht, was sie nun sagen sollte und ihre Augen wanderten leicht. Ihr Blick wich von Swantje und Merle fort und sie fuhr sich mit der Hand durch den Nacken.

“Äh…”, entkam es ihr, der Mörderin.

“Du bist auch eine Heldin, Anna! So wie Hjaldrist!”, flötete die junge Dame am Platz ganz offen und lächelte schon wieder “Und seit mein Bruder wieder da ist, ist alles viel, viel besser!”

“Das… ist schön.”, meinte die Alchemistin und rang sich zu einem Lächeln durch. Ein wenig verunsichert sah sie zu den beiden älteren Frauen zurück, doch auch jene wirkten wohlwollend. Die Jarlsmutter erhob das Wort, um die eigenartige Atmosphäre vor dem Kippen zu retten.

“Orlan war stets ein selbstverliebter Mann. Seit ich ihn kannte, war es nie anders.”, sagte sie ruhig “Er wollte sich stets an der Spitze sehen, doch wusste nicht, wie ein guter Jarl zu handeln hat. Er war kein Anführer, er war ein größenwahnsinniger Narzisst und nichts weiter. Er wirtschaftete unser Haus weit hinunter und viel zu viele Männer folgten ihm dabei. Hjaldrist musste im letzten halben Jahr sehr vieles von dem Schlamassel richten. Und er ist noch immer dabei Beziehungen zu anderen Clans zu retten und unseren Ruf wieder zu einem guten zu machen.”

“Das klingt schlimm…”, fand Anna murmelnd “Ich wusste nicht, dass Orlan SO viel zerstört hat.”

“Du hast ja keine Ahnung…”, seufzte Pavetta dazwischen “Er ging wirklich sehr weit. Er beutete jeden aus und bediente sich einfach so an dem Geld, das wir für die Wachen und die Stadt gebraucht hätten. Man könnte meinen, wir seien damals fast verarmt. Jedenfalls für eine Familie, wie die unsere. Und er sperrte Leute ein, die gegen ihn waren. Einfach so. Da gab es keinerlei Diskussion.”

“Tatsächlich…?”, fragte Anna entrückt nach. Es war ihr bisher nicht bewusst gewesen, dass Hjaldrist im Moment so übermäßig viel Arges wieder geradebiegen musste. Doch dies erklärte auch, warum er andauernd arbeitete, wie ein Tier; warum er so viele Briefe schrieb, mit dutzenden wichtigen Leuten diskutieren musste und immer penibel mit Geldangelegenheiten jonglierte. All dies oft bis spät in die Nacht. Der neue Jarl durfte sich im Moment keine großen Fehler erlauben, um das Gesicht seiner Familie zu wahren und Falkenburg wieder aufblühen zu lassen. Die Verantwortung, die seine Schultern trugen, erschien ganz plötzlich immens.

“Ja. Doch heute geht alles wieder bergauf. Uns und der Stadt geht es gut und wir handeln endlich wieder mit den anderen Inseln.”, lächelte Swantje “Ich bin so stolz auf meinen Sohn. Er ist der jüngste Jarl, den Undvik jemals gesehen hat und dabei auch noch so souverän.”

Der helle Ausdruck der ältesten Frau im Garten war ansteckend und auch Anna musste nachgiebig lächeln. Gleichzeitig fühlte sie sich ein wenig schlecht, da sie wusste, dass Rist zurzeit nicht nur seinen eigentlichen Aufgaben nachging, sondern auch noch ihr helfen wollte. Nicht mehr lange und sie würden zurück nach Bogenwald reisen, um sich wieder mit Vadim und Lado zu treffen. Das bedeutete, dass Hjaldrist mindestens einen Monat lang von zuhause fort wäre. War so etwas für die kleine Insel verkraftbar? Wer ersetzte ihn denn, wenn er abwesend war? Haldorn? Nein, DEN würde der Jarl nach dem Kartoffeldrama nicht mehr als Vertreter einsetzen. Swantje? Sie war eine erfahrene und weise Frau, die bestimmt schon einiges vollbrachte. Und Pavetta vielleicht? Sie wirkte auch sehr klug und redegewandt. Ganz sicher mimte auch sie eine gute Anführerin.

“Würdest du eigentlich gerne wieder mit meinem Bruder herumreisen, Anna?”, quatschte die vorlaute Merle und betrachtete die angesprochene Monsterjägerin jetzt mit großen Augen “Findest du es hier nicht langweilig?”

“Was…?”, machte Anna langsam und sah zu dem Mädchen zurück “Ähm. Ich weiß nicht.”

“Warum?”, hakte die Kleine, die der Alchemistin bis zu den Schultern reichte, nach und betrachtete Anna abwartend “Du bist doch eine Hexerin.”

“Ich…”, fing die Kurzhaarige an “Naja, das Reisen war damals schon schön. Aber… alleine will ich das nicht und Rist kann hier nicht wieder auf Jahre weg. Verstehst du?”

“Mhm. Musst du also bleiben? Oder WILLST du?”, bei Melitele, manchmal war Merle wirklich klüger, als man erwartete. Pavetta räusperte sich vernehmlich, weil sie ihre übermütige Schwester wieder in ihre Schranken zurückverweisen wollte und Merle zog eine unzufriedene Schnute.

“Müssen oder wollen? Ich denke, etwas von beidem.”, antwortete Anna jetzt geradeheraus “Deswegen würde ich später gerne zu den Wegewächtern gehen. Sie wirken, wie ein toller Kompromiss, finde ich.”

“Zu den Wegewächtern?”, staunte das Mädchen mit den zwei Zöpfen jetzt und auch die anderen beiden Frauen tauschten verblüffte Blicke aus. Swantje wirkte dabei irgendwie erleichtert. Wieso? Hatte sie etwa geglaubt, Anna würde Hjaldrist dazu anstacheln wieder zu verschwinden und seine Pflichten damit fallen zu lassen? Nach allem, was sie hier mitbekommen hatte, hätte sie doch nie im Traum daran gedacht ihren besten Freund davon zu überzeugen seine Heimat und seine Familie hinter sich zu lassen, um sich wieder dem Vagabundentum hinzugeben. Zugegeben, das wilde Leben auf den Straßen hatte schon seine Reize. Und wenn Anna ehrlich zu sich war - ganz, ganz ehrlich - wünschte sie sich die Zeit von vor zwei, drei Jahren zurück. Aber die war leider Vergangenheit. Sie hatte heute ein anderes Leben und jenes war soweit echt gut. Sie mochte das verschneite, relativ unabhängige Undvik und die Leute hier sehr. Und außerdem gab es da kein großes Lebensziel mehr, das sie weit hinaus trieb und vorandrängte. Nurmehr viele kleine, deren Erfüllung sogar realistisch war: Zu den Wächtern an den Grenzen zu gehen, ihre eigene Familie einmal wieder zu besuchen und für eine kurze Weile nach Kaer Morhen zu reisen. Einfach nur so, der alten Zeiten willen. Ja, all das wäre machbar. Und über den Rest - den Magier in ihrem Kopf - hatte sie so und so keine Macht. Vor Kurzem hatte sie einmal ein Buch über magische Bindungen lesen wollen und war dabei einfach so ohnmächtig geworden. So, als wolle der, der sie zu steuern vermochte, nicht, dass sie auch nur IRGENDETWAS gegen ihn tat. Vielleicht war es auch nur eine harsche Erinnerung an seine erschreckende Macht gewesen. Und aus diesem Grund konnte die Besessene nur hoffen, dass alles gut ausginge und niemandem ihrer Freunde etwas zustieße. Vor allem Rist nicht.

“Du würdest zu diesem Haufen passen.”, meinte Pavetta amüsiert und Anna sah fragend aus ihren Gedanken auf.

“Was?”

“Na, zu den Wegewächtern.”, erklärte die hübsche Jarlsschwester direkt “Hast du denn schon einmal mit einem gesprochen?”

“Uhm, nein. Nicht wirklich.”

“Du solltest sie einfach einmal aufsuchen. Sie sind recht… interessante Gesellen.”, kommentierte Pavetta schief lächelnd und die Alchemistin mit den erdigen Händen lachte auf dies hin unschlüssig. Die Frau in dem blauen Kleid hier hatte das selbe wölfische grinsen, wie Rist, wenn sie Leute triezte.

“Aha. Soll ich das nun als Kompliment auffassen oder nicht?”, fragte Anna belustigt.

“Wie du willst.”, gluckste Pavetta nun und auch Merle musste gackernd kichern.

“Die Wegewächter sind toll!”, fand das Mädchen aber “Sie leben in der harten Wildnis und jagen Monster. Sie essen eklige Sachen und ich habe einmal einen gesehen, der sich aus einer toten Schlange einen Trinkschlauch gebastelt hat! Sie töten außerdem Zyklopen und wildgewordene Trolle!”

“Oh!”, machte Anna und war dabei auch noch ehrlich “Na DANN fasse ich den Kommentar deiner Schwester natürlich als Kompliment auf.”

Auf dies hin mussten sie alle lachen. 

Die Atmosphäre im schmucken Garten der Falkenburg blieb auch weiterhin sehr gelassen und die Giftmischerin im Bunde öffnete sich den anderen Frauen gegenüber immer mehr. Sie war sonst niemand, der sich in Gruppen von Leuten schnell völlig locker gab. Doch Rist’s gastfreundliche Familie machte es ihr dahingehend unsagbar leicht. Und selbst Pavetta, die auf Anna immer ein wenig abgehoben und distanziert gewirkt hatte, bewies eine wahre Meisterin des trockenen Humors zu sein. Es war großartig. Am Ende des amüsanten Nachmittags war der Garten dann auch noch ordentlich zurechtgemacht. Das viele Gemüse und der Salat waren eingepflanzt worden und Anna hatte sogar ein paar Samen aus ihrer Alchemiekiste in der Kräuterecke vergraben. Für Merle. Dabei hatte sie ganz klar darauf geachtet nichts Giftiges zu säen, sondern nur Pflanzen, die man auch gut in der Küche verwenden konnte. Zum Würzen oder für Tees zum Beispiel. Und als sie sich aufrichtete und ein paar Schritte von dem Werk zurückwich, um es stolz zu betrachten, lächelte sie breit. Sich über die dreckige Wange wischend sah sie sich nach den anderen um, die sich ebenso darauf freuten bald selbst Angebautes ernten zu können.

“Geschafft!”, jubelte Merle heiter und riss die Fäuste triumphierend in die Höhe. Ihre Mutter, die neben ihr stand, streichelte ihr einmal lächelnd über das Haar.

“Wir haben wirklich gute Arbeit geleistet.”, fand sie begeistert und blickte in die Runde “Vielen Dank euch dreien.”

“...Mutter liebt den Garten.”, flüsterte Pavetta Anna bedeutsam zu. Die schwarzhaarige Alchemistin linste schmunzelnd zur Schwester ihres besten Freundes und verschränkte die Arme vor der Brust. Sie setzte gerade zu einer feixenden Antwort an, da war die quirlige Merle schon da und sah die zwei Größeren erwartungsvoll an.

“Und jetzt gehen wir ins Badehaus!”, orderte sie an.

“Gute Idee… DAS kann ich nach DEM Nachmittag echt gebrauchen.”, nickte Pavetta wehleidig “Mein Kreuz tut richtig weh. Ich glaube, ich werde alt.”

Nur Anna sah ein wenig überrumpelter drein und haderte sofort mit sich.

“Kommst du auch mit?”, wurde sie sofort von der jüngsten Falchraite angesprochen “Komm schon!”

“Uh…”, stammelte die bedrängte Novigraderin, die nicht unbedingt dafür bekannt war zu freizügig zu sein. Sie entkleidete sich ungern vor anderen und um ganz genau zu sein, gab es auf der Welt nur einen Einzigen, der sie jemals völlig entblößt gesehen hatte. Tatsächlich war die Kräutersammlerin aus dem Norden in der Vergangenheit stets darauf bedacht gewesen selbst bei irgendwelchen einmaligen Schäferstündchen mit Leuten, deren Namen sie längst vergessen hatte, so viel als möglich anzulassen. Oder vielleicht GERADE bei ihnen. Sie hatte es nie gemocht, wenn diese eigentlich fremden Leute sie mehr angefasst hatten, als nötig. Auch dann nicht, wenn sie betrunken gewesen war oder unter Drogen gestanden hatte. Sie war immer richtig herrisch oder zickig geworden, wenn sie befürchtet hatte, dass man sie aus all ihren Klamotten schälen wollte. So war sie nun einmal.

“Warst du denn schon mal im Badehaus?”, fragte Merle nach und auch Pavetta und Swantje sahen Anna neugierig an. Für die drei Inselbewohnerinnen musste es lächerlich sein überhaupt eine Diskussion darüber zu führen zusammen im heißen Wasserdampf zu sitzen und dann in einen kalten Teich zu springen. Skelliger lebten doch halb in ihren Schwitzhütten und dem kühlen Wasser. Jedenfalls hatte Rist früher einmal ganz begeistert davon geredet, als er und Anna sich vor Jahren in einem verlassenen Badehaus in Rogne betrunken hatten.

“Ähm, ja… ich war mal in einem. Das ist aber lange her.”, gab die unwohle Nordländerin zu und kratzte sich unbeholfen am Hinterkopf.

“Na, dann wird es doch einmal wieder Zeit. Findest du nicht?”, wand Pavetta völlig ernst ein und hakte sich schon bei der etwa Gleichaltrigen unter “Die Hitze und die feuchte Luft sind eine Wohltat für die Gesundheit. Ich gehe jeden zweiten Tag ins Badehaus und die Haut wird davon wunderbar!”

Oje. JETZT käme Anna den übrigen, herzlichen Frauen nurmehr schwer aus, wie? Sie hatte so spontan nicht einmal dumme Ausreden parat. Scheiße.

“Ich weiß nicht.”, lächelte sie nervös “Sowas ist eigentlich nicht so mein Ding...”

“Dann hast du es einfach noch nie richtig gemacht!”, lachte Merle heiter, als sie an Anna’s Hemdsaum zupfte, und man sah deren Mutter im Hintergrund zustimmend nicken. Vollkommen verunsichert sah Anna zwischen ihnen hin und her. Hier fände sie keine Verbündete gegen Badehausaktivitäten, das war klar.

“Du musst dich nicht schämen, Anna. Wir sind doch nur unter uns. Unser Badehaus ist nicht für Außenstehende offen und Hjaldrist oder Haldorn kommen nicht rein, wenn wir die Türe schließen.”, sagte Pavetta zuversichtlich von der Seite und dachte nicht daran die Kurzhaarige, ihr armes Opfer, wieder loszulassen. Die konfrontierte Novigraderin schluckte trocken und atmete einmal tief durch.

 

Kaum eine halbe Stunde später folgte die befangene Anna ihren Gartenarbeits-Kolleginnen zum Badehaus der Festung. Es befand sich unweit der großen Terrasse, an der sie immer vorbeimusste, wenn sie von ihrem Zimmer in die Große Halle gelangen wollte. Zwei Dutzend Stufen führten von der Terrasse zu einem Außenbereich, der sich auf einem Plateau der zerklüfteten Klippen vor dem Meer befand. Die Aussicht war großartig und die kühle, salzige Brise wehte einem angenehm um die Nase. Der Platz war ganz grob geschätzt zwanzig mal zwanzig Meter breit und nur von der Burg aus erreichbar. Anna fragte sich zudem, ob man den kleinen Teich hinter der Badehütte künstlich angelegt hatte oder nicht. Noch nie war sie so weit hier heruntergekommen und sah interessiert um sich, als Merle sie hinter sich her schleppte.

“Hier ziehen wir die Schuhe immer aus.”, meinte das Mädchen, bevor es die gestrichene Hütte betrat. Dann lachte sie schelmisch.

“Also, wenn man welche anhat!”, kommentierte sie das noch und trat demonstrativ von einem ihrer nackten Füße auf den anderen.

“Du bist unglaublich, Merle.”, stöhnte Pavetta, die aus ihren ledernen Bundschuhen schlüpfte und jene ordentlich neben den Hütteneingang stellte. Sie sah wenig begeistert dabei zu, wie die Jüngere Anna’s Hand losließ und auf ihren dreckigen Füßen in die große Holzhütte lief. Die Alchemistin der kleinen Gruppe verkniff sich ein belustigtes Grinsen, dann trat auch sie sich die schmutzigen Stiefel von den Beinen. Sie folgte Merle in die angenehm nach Tannenholz riechenden Hütte und ließ den Blick schweifen. Es gab hier einen kleinen Eingangsbereich, der in ein etwas größeres Zimmer führte, in dem spartanische Bänke standen. Saubere Tücher - kleine und große - lagen da gestapelt auf einem Regal und an den Wänden waren metallene Kleiderhaken befestigt worden.

“Das hier ist die Garderobe!”, flötete Merle und zeigte daraufhin auf die offenstehende Tür, die weiter vorn in einen weitläufigeren Bereich führte. Man konnte von hier aus Holzbänke mit Lehnen erkennen, die um einen schmiedeeisernen Korb voller Steine aufgereiht standen.

“Und da drin fachen wir gleich richtig viel Dampf an!”, erklärte die aufgeregte 14-Jährige “Ich habe die Saunasteine einmal so heiß gemacht und so viel Wasser darauf gekippt, dass wir vor Nebel nichts mehr sehen konnten.”

“DAS machen wir heute aber nicht.”, warf Pavetta von hinten ein und schlüpfte bereits aus dem blauen Wollkleid, das sie über einem schlichten, weißen Unterkleid trug. Sie rollte mit den braunen Augen und Merle lachte nur wieder. Es war erstaunlich, wie unterschiedlich die Schwestern anmuteten. Auch Swantje stieß jetzt zu ihnen und lächelte über das Verhalten ihrer Jüngsten nur nachgiebig. Sie legte ihre Kleidung fein säuberlich auf eine der lehnenlosen Holzbänke und nahm sich dann eines der größeren Badetücher, um es sich um den Körper zu wickeln. Anna, die das mit Erleichterung bemerkte, entschloss sich fest dazu dies auch gleich zu tun. Welch ein Glück, dass sie bald nicht splitterfasernackt herumsitzen müsste! Zögerlich zog sie sich das Hemd über den Kopf aus und löste das Brusttuch, das sie darunter trug. Zwar hatte sie es nicht so mit Unterwäsche, doch letzteres war nötig. Sie mochte es nicht unter ihren Oberteilen gar nichts zu tragen, denn obwohl sie nicht den größten Vorbau hatte, störte es beim Kämpfen und Laufen trotzdem, wenn man jenen nicht an Ort und Stelle hielt. Auch schlüpfte sie zögerlich aus ihrer Hose und wollte sich eines der sauberen Tücher aus dem Regal fischen, da fing Merle an zu lachen.

“Waaas?”, machte das Mädchen “Du trägst ja keine Unterhose!”

Anna hielt inne und hätte die gaffende 14-Jährige nun sehr gerne erschlagen. Stattdessen verschluckte sie sich nur fast an der eigenen Spucke.

“Warum nicht?”, fiel jetzt auch Pavetta in das unglückliche Gespräch ein und wirkte beinah schon empört “Schöne Unterwäsche ist sehr wichtig! Und was soll denn das langweilige Brusttuch?”

“Ähm.”, machte Anna “Naja… ich… finde das alles nicht unbedingt so wichtig. Also meistens nicht.”

Mit ‘meistens’ meinte sie die Tage des Monats, in denen sie nicht den wiederkehrenden Leiden einer Frau erliegen musste.

“Wie jetzt? Du redest ja, wie ein Junge!”, gackerte die jüngere Schwester Rists und Pavetta schüttelte den Kopf ungläubig. Sie fasste sich stöhnend an das Gesicht.

“Jetzt weiß ich, was ich dir zum Geburtstag schenken kann.”, meinte sie dabei trocken und Anna blinzelte ratlos in ihre Richtung “Wann ist der?”

“Uh… keine Ahnung.”, gab die Novigraderin zu und fasste endlich nach einem Badetuch, um es sich endlich um den Körper zu wickeln. Unwohl berührt sah sie vor sich hin.

“Du weißt nicht, wann du Geburtstag hast?”, fragte Pavetta fassungslos und wer wusste schon, wie sie gerade genau von der Gleichaltrigen im Raum dachte, die im Gegenzug zu ihr das reinste Chaos darstellte “Warum nicht?”

“Mein… Ziehvater wusste es nicht und hat es mir nie verraten können.”, meinte Anna verlegen “Äh, aber… wenn ich es nicht vergesse, feiere ich Ende August. Weil Balthar mich damals um diese Zeit herum mitgenommen hat.”

“Was…?”, wand jetzt auch Swantje ein und sah plötzlich besorgt aus “‘Mitgenommen’?”

“Hexer stehlen kleine Kinder!”, klärte Merle besserwisserisch auf und seufzte entnervt, weil ihre, in ihren Augen ‘blöden’, Familienmitglieder nicht Bescheid wussten “Anna ist deswegen nicht bei ihren echten Eltern groß geworden, Mama! So hat sie mir das erzählt.”

“Ist das wahr...?”, fragte die älteste der Frauen nach und war in diesem Moment ganz die sensible Mutter. Ein Funke Mitleid war da in ihren grünbraunen Augen, weswegen Anna gleich etwas nervös abwinkte. Sie brauchte keine Anteilnahme. Es ging ihr doch gut.

“Naja… nicht so ganz.”, meinte sie “Ich war früher die Belohnung dafür, dass der Hexer meinem Vater das Leben gerettet hat. Der hatte nämlich kein Geld.”

Pavetta, die sich eines der kleineren Tücher um die Hüfte gewickelt hatte, starrte an diesem Punkt angekommen nurmehr sprachlos. Und auch Rist’s Mutter betrachtete die aufrichtige und lockere Nordländerin ganz schockiert. Warum? Klar, Anna’s Kindheit war vielleicht nicht ganz so gewöhnlich gewesen, aber in ihren Augen war es kaum eine Rede wert, dass sie quasi entführt worden war. Für sie, da war das Normalität. Es machte sie nicht traurig oder dergleichen.

“Es ist in Ordnung.”, fand die Schwertkämpferin noch, um die betretene Szene etwas abzumildern “Wirklich. Ich kannte es nie anders.”

Swantje sah die Jüngere noch immer so an, als täte es ihr leid, dass Balthar sein Mündel mit sechs Jahren aus seinem Heim gerissen hatte. Melitele sei Dank, plapperte Merle aber gleich dazwischen und wirkte, wie eine willkommene Unterbrechung des unguten Themas, das sich klamm über die Anwesenden gelegt hatte.

“Hey!”, machte die Kleine und rieb sich die Oberarme fröstelnd “Legen wir endlich los? Mir wird kalt!”

Anna war ihr mehr als nur dankbar dafür, haschte nach einem der Badetücher und warf es ihr schmunzelnd zu.

 

Es dauerte nicht lange, da saßen die Frauen im Hauptraum des Badehauses und ergaben sich dem heißen Wasserdampf, um den sich Pavetta ganz versiert gekümmert hatte. Sie hatte in einer der Ecken einen kleinen Ofen entfacht und Steine in dessen Flammen erhitzt, um jene daraufhin in den Korb in der Mitte des Zimmers zu legen. Dann hatte sie Wasser aus einem hölzernen Eimer neben jenem Stahlkorb geschöpft und es über die dunklen Steine gegossen. Ganz schön gezischt hatte das. Merle, die sich ihr weißes Tuch über die Schultern gelegt hatte, erzählte schon seit einer geraumen Zeit ganz naiv von ihrer großen Liebe Aroon und fing sich dafür immer wieder amüsierte Blicke der Älteren ein.

“Ich werde ihn später einmal heiraten!”, meinte sie bestimmend “Ich habe zu Mittsommer nämlich von ihm geträumt! Er kann gar nicht Nein sagen.”

“So, so…”, meinte ihre Mutter daraufhin schief lächelnd “Na dann.”

Pavetta, die dem Ganzen bisher still gelauscht hatte, drehte Anna, die ein wenig fertig neben ihr lehnte, den Kopf zu und haschte nach deren Aufmerksamkeit.

“Und was ist mit dir?”, wollte sie wissen “Willst du denn nicht heiraten? Im passenden Alter wärst du ja.”

Die kurzhaarige Novigraderin sah stirnrunzelnd auf und griff auf Humor zurück, um ihre Unsicherheit dahingehend zu überspielen.

“Ich hätte vorgestern beinahe einen Borkenmann geheiratet.”, schnaufte sie glucksend “Das reicht mir vorerst...”

Pavetta lachte auf und auch Merle musste kichern.

“Aber er war schon hübsch!”, fand das Mädchen mit den Zöpfen.

“Und gestört.”, ergänzte die ältere Schwester im Bunde mit vielsagendem Unterton. Anna, die nicht wollte, dass sie und ihre Zukunftspläne hinsichtlich der Männerwelt weiterhin ein Thema blieben, setzte dazu an umzulenken.

“Du bist verlobt.”, meinte sie an Pavetta gewandt “Mit diesem Ilvar?”

“Oh.”, entkam es der Angesprochenen und das Lächeln, das über ihr vom Dampf feuchtes Gesicht kam, zeugte davon, dass sie ihre bessere Hälfte sehr liebte. Ihre Verbindung war, soweit Anna wusste, nicht politischer Natur. Das war schön.

“Ja. Er war auch letztens, beim Sommerfest, dabei.”, erwähnte Rist’s ältere Schwester gleich “Wir wollen im übernächsten Jahr heiraten. Ich hoffe, du kommst auch?”

Die Kriegerin aus Kaer Morhen nickte sofort und freute sich über die Einladung. Wenn man von dem Theater absah, das man hier unlängst für Fír veranstaltet hatte, hatte sie noch nie einer echten Eheschließung beigewohnt. Sie freute sich.

“Gern.”, sagte sie also und dachte gar nicht daran, dass sie in zwei Jahren eventuell nicht auf Undvik sein könnte. Ja, wo sollte sie denn hin? Sie lebte und arbeitete hier. Und wenn alles gut ginge, wäre sie den Magier in ihrem Kopf vor der Heirat noch los. Oder war sie dahingehend zu optimistisch? Sie hoffte jedenfalls inständig darauf, dass sie in zwei Jahren wieder gesund wäre, anstatt Hexertränke zu brauchen, um nicht zu kollabieren. Sie… sie hasste das Mal an ihrer Brust, über das sie vorhin ganz schnell ihr Badetuch gezogen hatte, damit es die anderen Frauen nicht sahen. Sie wollte es endlich loswerden. Irgendwie. Und sie hatte sich in den letzten Wochen sogar ab und an dabei erwischt leise zu den Göttern zu sprechen und sie darum anzuflehen zu helfen. Um für alle in ihre Misere Verwickelten zu bitten, dass sie Lösungen finden würden. Und womöglich… ja, womöglich wäre es gar schon bald soweit. In wenigen Wochen würde sie Lado und die anderen wiedersehen. Und dann könnten sie entscheiden, was man gegen den widerwärtigen Kerl Kaer Iwahells unternehmen könnte, der Anna so eisern im Griff hatte.

Ein ganz vager, bitterer Geruch ließ die Kurzhaarige plötzlich aus ihren Gedanken aufsehen. Sie blickte sofort prüfend in die Runde, doch ihre drei Begleiterinnen schienen nichts Verdächtiges zu bemerken. Sie unterhielten sich noch immer ganz ausgelassen über Gartenpflanzen und Herbstblumen. Und Anna’s schwarze Augen wanderten suchend. Gehörte das leichte Stechen in ihrer Nase zu dem Saunaaufguss hier…? Nein. Nein, sie kannte ihn von wo ganz anders: Von ihrer Arbeit als Trankmischerin. Und von gewissen Giftdosen von vor etwa zweieinhalb Jahren. Bevor sie damit angefangen hatte Wolfsbann zu schlucken, hatte sie nämlich mit stark verdünntem Henkersgift hantiert. Der wirre Ausdruck der Frau veränderte sich bei der Erkenntnis, wurde steinern, und sie selbst viel unruhiger. Und hatte sie zuvor geglaubt, sie bilde sich den Gestank nach dem altbekannten Toxin nur ein, so wurde er nun richtig markant. Doch die anderen bemerkten ihn augenscheinlich noch immer nicht. Anna erhob sich und zog sich dabei ihr Badetuch enger um den feuchten Körper, damit es besser hielt.

“Anna?”, fragte Swantje irritiert “Geht es dir gut?”

“Ja…”, gab die Befragte gleich zurück “Aber… irgendetwas stimmt nicht.”

“Wie?”, machte die Jarlsmutter ratlos “Was meinst du?”

Merle hatte damit aufgehört über Sonnenblumen, deren leckere Kerne man essen kann, zu sinnieren und sah angespannt her. Und der Blick der Schwertkämpferin in der Runde fiel auf den Eimer mit dem Wasser, das man mithilfe einer Schöpfkelle über die heißen Steine des Badehauses schüttete. Ihre Augen weiteten sich in einer schlimmen Vorahnung, von der sie hoffte, dass sie sich nicht bestätigen würde. Sofort hielt sie auf den Holzkübel zu und tauchte die Finger in ihn, tippte sich mit jenen prüfend schmeckend auf die Zunge. Doch Fehlanzeige. Da war kein Gift in dem Aufguss. Dennoch roch es hier so stark danach. Warum?

“Anna?”, kam es seitens der beunruhigten Pavetta und sie stand argwöhnisch auf. Die anderen beiden taten es ihr gleich und planlos sah sich die Novigraderin nach den dreien um.

“Lasst uns gehen.”, bat sie mit Nachdruck.

“Warum?”, wollte Pavetta wissen.

“Ich… weiß nicht genau.”, sagte die misstrauische Ungeheuerkundige “Es riecht hier plötzlich nach Gift. Ich weiß nicht woher es kommt, aber ich habe kein gutes Gefühl. Verschwinden wir.”

“Hä?”, schnappte Merle verdutzt “Ich rieche nichts!”

“Ich auch nicht.”, meinte Swantje “Aber kommt, Mädchen. Sollte Anna Recht haben, müssen wir zurück zur Burg und eurem Bruder Bescheid sagen.”

Besorgt legte die Jarlsmutter ihren geliebten Kindern die Hände an die Schultern und Anna nickte ihr dankend zu. Sie fasste nach dem Eimer mit dem Wasser und benutzte es, um das Feuer im Ofen zu löschen, das man der Saunasteine wegen entfacht hatte. Dann schloss sie hastig zu den anderen Frauen auf. Swantje schob ihre Kinder voran und sah sich verunsichert um. Merle lief nach draußen, in die Umkleide. Und kaum eine Sekunde später schrie sie entsetzt auf.

“Scheiße.”, keuchte Anna und drängelte sich eiligst an Hjaldrist’s Mutter und Pavetta vorbei. “Bleibt hier.”, befahl sie ihnen, doch ahnte schon, dass es nichts brächte.

“Merle!”, rief Swantje aufgerüttelt und wollte der Alchemistin hinterher, aber ihre ältere Tochter hielt sie am Oberarm fest. Währenddessen platzte Anna in die kleine Umkleide und sah, wie das schreiende, strampelnde Mädchen gerade durch die Tür ins Freie gezerrt wurde. Ohne darüber nachzudenken hastete die Nordländerin ihr nach und es war ihr in dem Augenblick einerlei, dass sie das auf bloßen Füßen und nur mit einem Badetuch bekleidet tat. Sie platzte vor die Holzhütte und sah dort, in der roten Abenddämmerung, eine Gestalt stehen, die die zeternde Merle eisern im Griff hatte. Anna wusste sofort, wer die mit der weiten Kapuze war. Wie hätte sie das verlogene Miststück auch nicht wiedererkennen können?

“Svenja!”, stellte sie mit Ärger in der Stimme fest “Lass sie los!”

Die ehemalige Skrugga in der relativ dunklen, erdfarbenen Kleidung lachte abfällig, als sie die 14-Jährige mit dem schmalen, nackten Rücken voran an sich gepresst hielt. In ihrer freien Hand lag ein spitzer Dolch. Sie hob ihn leicht an und wollte ihn an die ungeschützte Kehle der Kleinen setzen. Anna fuhr zusammen und erhob die Hände abrupt abwehrend.

“Nein!”, schnappte sie “Nicht!”

Denn die Klinge, die sie sah, schimmerte in einem dreckigen Grün, das beißend bitter roch. Henkersgift. Selbst der kleinste, oberflächlichste Schnitt damit hätte Merle töten können und das binnen weniger Minuten. 

Die kalte Meeresbrise bauschte den wollenen Mantel Svenjas und spielte mit den Locken, die unter ihrer Kapuze hervorlugten. Sie lächelte überlegen und Hjaldrist’s Schwester jammerte laut.

“Ah.”, machte die Verräterin “Die Jarlsfamilie ist dir ja richtig ans Herz gewachsen, hm? Sie sind nett, nicht wahr? Ich habe ihre Gastfreundschaft damals auch lange genossen.”

“Lass Merle los!”, forderte Anna hart, doch wurde geflissentlich überhört.

“Sie haben mich behandelt, als sei ich eine von ihnen.”, erzählte die Rotblonde weiter “Weil ich als Zukünftige ihres ältesten Sohnes angedacht war. Hjaldrist und ich waren ein Paar.”

Anna verengte die Augen und sah immer wieder gehetzt zwischen der Wahnsinnigen und der armen, japsenden Merle hin und her. Das gefangene Mädchen mit dem Badetuch über den Schultern, sah aus, als weine es gleich laut los.

“Anna!”, schluchzte die Kleine hilfesuchend und starrte die Monsterjägerin aus gläsernen Augen an. Es war ein grausiger Anblick, der Anna mehr und mehr Adrenalin in die Adern pumpte. Es machte sie noch verrückt.

“Nimm den Dolch runter!”, grollte die Nordländerin drohend “Nimm ihn sofort da weg!”

Zu allem Überfluss kamen jetzt Rist’s Mutter und Pavetta aus dem Badehaus gestürmt und letztere presste sich die Hände erschrocken vor den Mund, als sie abrupt stehen blieb.

“Merle!”, rief Swantje entsetzt und machtlos “Meine kleine Merle!”

Svenja hatte indes nur ihre Erzfeindin aus Kaer Morhen im Blick. Sie scherte sich nicht um das weitere Publikum ihres bedrohlichen Spiels.

“Ich gehörte zu ihm, bis du aufgetaucht bist, Arianna!”, maulte die damalige Spionin voller Zorn und ihr zuvor noch so schadenfrohes Wesen wurde finster “Du hast ihn mir weggenommen!”

Der Blick der konfrontierten Novigraderin wanderte unstet. Er wich immerzu über die nahe Umgebung, über Svenja, Merle und den Dolch. Sie versuchte an irgendeine Möglichkeit zu denken, wie sie das gepackte Kind befreien könnte, doch dies war aussichtslos. Es gab nichts in Griffweite, das sie als Waffe gebrauchen könnte. Auch wäre sie niemals schnell genug bei Svenja, um ihr die vergiftete Schneide zu entreißen. Was sollte sie nur machen? Mit Worten käme sie doch auch nicht weit.

“Du willst Merle nichts tun!”, entkam es ihr dennoch und aus Ermangelung anderer Ideen “Sie hat dir nichts getan und Hjaldrist würde es dir nie verzeihen, wenn du sie umbringst!”

Svenja verzog keine Miene.

“Er verliebte sich in dich! Das hat er mir gesagt!”, krakelte die Hinterlistige weiter und wäre Anna gerade nicht so aufgebracht gewesen, hätte sie den Kopf eingezogen und sich richtig bloßgestellt gefühlt. Denn direkt hinter ihr stand doch die Mutter des besagten Skelligers.

“Und du verdrehst ihm sicherlich noch immer den Kopf!”, warf Svenja vor “Du manipulative Schlampe!”

“Das ist nicht wahr!”, entkam es Anna “Hör auf mit der Scheiße! Und wirf den Dolch endlich weg!”

“Du leugnest es noch immer? Du gibst dich unbeteiligt?”, lachte die Verrückte “Oh, dumm für dich, dass ich es besser weiß! Ja, ich weiß alles über dich, ‘Ari’! Alles!”

Anna stutzte heftig, als sie diesen Rufnamen hörte. Nur ihre Geschwister, vor allem ihr Bruder Niklas, nannten sie so. Oh, das hier war übel.

“Svenja, hör zu-”, fing sie atemlos an, doch die Andere ließ sie nicht reden.

“Gifte töten dich nicht.”, rief die überhebliche Skelligerin “Aber ich weiß, was dich umbringt, Ari. Wasser. Du kannst nicht schwimmen.”

“Anna, hilf mir!”, jammerte Merle herzzerreißend und die ohnmächtige Ungeheuerjägerin schluckte schwer.

“Spring.”, forderte Svenja plötzlich eiskalt und Anna wusste erst nicht, was sie damit meinte. Dann nickte die Rothaarige mit den Locken in die Richtung der Klippen, die schwindelerregend viele Meter weit senkrecht in das tosende Meer abfielen. Der Novigraderin wollte sämtliche Farbe aus dem Gesicht weichen und der frische Abendwind war im Vergleich zu dem Schauer, der ihr den Rücken hinunter jagte, richtig warm.

“Ha.”, kicherte die ehemalige Skrugga linkisch “Du bist nun bei den Huskarlen, nicht? Du hast demnach einen Eid geschworen! Jeder der Leibgarde des Jarlshauses tut das!”

Anna stand da, wie zur Eissäule erstarrt. Denn die viel zu schlaue Svenja hatte Recht. Wenn man die angesehene Arbeit als Huskarl antrat, dann schwor man stumm auf etwas, das einem sehr lieb war, und leistete den Eid die Falchraites mit seinem Leben zu beschützen. Man war damit keine simple Wache der Stadt, sondern ein persönlicher Leibwächter. Ein Schild aus Fleisch und Blut. Und das nicht nur für den Jarl, auf den Anna vor Wochen im Stillen geschworen hatte, sondern auch für Swantje, Merle, Pavetta, Haldorn, Adlet und Ehillea. Anna’s Lippen standen einen kleinen Spalt weit offen, als sie Svenja aus großen Augen ansah. Zitterte sie?

“Spring und ich lasse Merle frei.”, lächelte die abscheuliche Attentäterin breit und selten hatte sich Anna so entwaffnet gefühlt, wie jetzt. Denn wenn sie als Huskarl beide Optionen, die man ihr gerade vorhielt, betrachtete, gab es keine Frage, für welche davon sie stand. Es war glasklar, dass sie springen sollte und würde. Schwer atmete sie durch und bemühte sich um einen beschwichtigenden Ton. Oh, das hier wirkte so unwirklich. Wie ein schlimmer Traum.

“Gut…”, sagte sie “Also gut. Ich springe. Aber lass Merle los.”

“Anna, nein!”, keuchte Pavetta zerfahren und Swantje, die sich an ihrer älteren Tochter festhielt, weinte längst. Selbst eine würdevolle Frau, wie sie, konnte also elend aussehen...

“Ich lasse sie erst los, wenn du gesprungen bist!”, sagte Svenja jetzt schnippisch.

“Ich kann mir in dem Fall aber nicht sicher sein, dass du sie wirklich gehen lässt. Ich traue dir nicht! Du bist verrückt!”, konterte Anna und ihre Feindin zögerte kurz. Doch sie gab nicht nach.

“Du bist nicht in der Position so etwas zu sagen, Ari!”, grinste die Zuträgerin boshaft spöttelnd und deutete mit dem Kinn wieder gen Abgrund “Also los!”

Das stechende Herz der Giftmischerin schlug ihr bis zum Hals und ihre kratzige Kehle war eng geworden. Kalter Schweiß brach ihr aus, als sie verstand, dass sie heute ertrinken würde, würde ihr nicht verdammt schnell etwas sehr Gutes einfallen. Eine glorreiche Idee würde sie und Merle retten. Doch… doch es ereilte sie keine, verdammte Kacke. Es war gerade nicht so, wie auf ihren wilden Abenteuern am Festland, wo ihr immer irgendein rettender Blödsinn in den Sinn gekommen war. In ihrem brummenden Schädel, da herrschte Flaute. Sie hatte einfach viel zu wenig Zeit und ihr blieben nurmehr Sekunden. 

Es verschlug Anna kurz den Atem, als sie flüchtig zur Klippe hin sah und hörte, wie die brausenden Wellen viel weiter unten gegen die kantigen Felsen schlugen. Sie hatten sicherlich genug Kraft, um einen Menschenkörper am Stein zu zerschmettern, wie ein kleines Holzfigürchen. Sie ließen doch gar mächtige Schiffe zerschellen.

“Was ist?”, maulte Svenja ungeduldig “Lauf schon! Spring!”

Sie hob den Dolch erneut demonstrativ an und Anna zuckte arg zusammen, als Merle panisch piepste. Ein überwältigter Laut entkam ihr. Dann setzte sie sich zögerlich in Bewegung. Sie ließ die abwartende Spionin nicht aus den Augen, während sie auf vorsichtigen Sohlen auf den Rand des gähnenden Abgrunds zuging und sie glaubte, ihr würde noch schwindelig. Sie hatte Angst. Anna wollte nicht sterben. Doch genauso wenig wollte sie, dass Merle vergiftet wurde. Sie konnte das Risiko nicht eingehen, dass dem Mädchen etwas zustieß. Denn sie war dessen Leibwache. Und nebenher war die Nordländerin im Moment… todkrank. Rist’s Schwester war noch so jung und bei vollster Gesundheit. Sie sollte leben. Also trat Anna nah an den Klippenrand heran und glaubte, sie müsse sich vor Aufgebrachtheit übergeben. Oh, es ging neben ihr so tief hinab und die Wellen sahen just aus, wie hungrige Monstren. Gewaltsam riss sich die Frau in dem Saunatuch irgendwie noch so am Riemen. Sie ballte die Hände zu Fäusten und schlug die Augen nieder, wollte bis drei zählen und sich dann einfach fallen lassen. 

Doch plötzlich sirrte irgendetwas blitzschnell durch die Luft. Da war ein Aufprall. Merle johlte erschrocken auf und Svenja taumelte laut stöhnend zur Seite. Rist’s Schwester schaffte es sich loszureißen und zu ihrer nervlich fertigen Mutter zu laufen, die sie sofort an sich drückte. Und die verdatterte Anna, die in den nächsten Sekunden gesprungen wäre, hielt alarmiert aufhorchend inne. Da steckte ein Pfeil in der Schulter Svenjas. Seine Federn waren grün und blau. Aufgerüttelt hob die Monsterjägerin ihren hastig suchenden Blick und sah auf der Außenterrasse einen Fremden stehen, der sich die Bogensehne kraftvoll zur Wange zog und einen weiteren Pfeil auf die Verrückte am Plateau abschoss. Doch dieses Mal wich die Verletzte flink aus und fuhr zu dem Mann herum. Anna nutzte dies geistesgegenwärtig aus und rannte los, so schnell sie nur konnte. Wie durch ein Wunder blieb ihr Badetuch dabei da, wo es sollte, und es ging alles ganz schnell. Die Novigraderin kam vor Svenja und rempelte sie mit aller Kraft nieder, kam über sie und wollte ihr den Giftdolch entreißen. Die attackierte Undvikerin hob jedoch damit zu und schlug der Alchemistin eine kleine Wunde am nackten Oberarm. Egal. Anna packte vor und erwischte die überrumpelte Spionin grob am Handgelenk des Waffenarms, doch wurde abgeworfen. Auch egal. Denn durch Anna’s unbedachte Aktion traf der Schütze auf der Terrasse die Rotblonde nochmals. Mit durchschlagender Wucht durchbohrte das Geschoss den Oberschenkel der schmerzverzerrt Aufschreienden, die gerade wieder auf die Beine kommen wollte. Sie knurrte zornig, knirschte mit den Zähnen und rappelte sich auf alle Viere. Da war Anna wieder zur Stelle, warf sich auf ihren Rücken und hielt sie fest. Mit dem Dolch hob die längst entlassene Skrugga nach hinten und verfehlte ihre Gegnerin, die sie gerade flach auf den harten Grund rang. Leute kamen die steinernen Treppen von der Terrasse heruntergelaufen. Man hörte Rüstungsteile scheppern und Haldorn, wie er seinen Schwestern zurief. Einem knappen Schwindelgefühl widerstehend, hielt die anwesende Novigraderin, der das Badetuch bedrohlich weit verrutschte, Svenja fest und zwängte sie weiter zu Boden. Sie verdrehte der Schreienden den linken Arm aufs Kreuz und fixierte sie somit für eine kurze Weile. Dann haschte Anna nach der Rechten Svenja’s in der der Dolch lag, hielt deren Handgelenk brutal fest. Und sie schickte Stoßgebete gen Himmel, dass sie das nicht mehr zu lange tun müsste. Denn das Gift der Zuträgerin zeigte allmählich Wirkung. Dies nicht extrem, doch es reichte aus, um Anna zu schwächen.

“Geh von mir runter!”, kreischte die Niedergerungene, die dem Boden mit dem Gesicht voran entgegen gedrückt wurde.

“Halt die Fresse.”, brummte die Alchemistin, die über ihr kniete, böse. Ihr Badetuch sackte ihr vom Oberkörper, doch JETZT dachte sie nicht daran Svenja loszulassen. Da war schon jemand bei ihnen. Anna musste nicht aufsehen, um zu erkennen, wer vor ihr stand, denn sie hatte dessen Stiefel schon zu oft gesehen. Blut lief ihr aus der Nase. Hjaldrist packte zu, zerrte Svenja unter der Nordländerin hervor und nahm es Anna damit ab die Schnepfe noch weiter im Zaum halten zu müssen. Die Spionin schimpfte laut und hieß den Jarl einen elenden Bastard und verliebten Narren.

“Der Dolch!”, warnte Anna, die am Boden saß, heiser. Fahrig klaubte sie nach ihrem Saunatuch und zog es wieder an sich hoch. Ihre Warnung kam gerade noch rechtzeitig, denn ihr bester Freund wich einem ruckartigen Stich der blutenden Rothaarigen aus. Am Kragen hielt er sie gepackt und sehr, sehr selten hatte Anna ihn mit solch finsterer Miene gesehen. Er schlug Svenja die todbringende Waffe aus der Hand und warf die Undvikerin mit den Skrugga-Pfeilen in Schulter und Bein vor sich. Benommen blieb sie liegen und als der Jarl auffordernd in ihre Richtung nickte, kamen die riesige Matilda und der Bogenschütze von gerade eben nach vorn. Anna kannte den letzteren. Das… das war doch einer der Fischverkäufer der Stadt. Oder jedenfalls ließ er dies die meisten Leute glauben, so schien es. Stumm beobachtete die entkräftete Trankmischerin das Szenario und zog die Nase hoch. Das Blut, das sie schmeckte war unnatürlich bitter und sie dankte sich selbst im Geiste dafür sich früher gegen gewisse Toxine immunisiert zu haben. Einmal wieder. Denn in letzter Zeit war sie doch zu einer regelrechten Zielscheibe für vergiftete Messer geworden. Verdammt nochmal. Doch besser sie, als andere, was?

Matilda und der Fischer, der offenkundig ein Skrugga war, erwischten die schimpfende Svenja an den Oberarmen und zerrten sie auf die Beine. Die Verletzte hatte keine Chance mehr ihnen zu entkommen.

“Wir sperren sie nicht ein, wie es ein jeder normale Mensch verdient hätte.”, sagte Rist erschreckend kühl, als er vor Svenja trat und mit seinen Lakaien sprach “Denn erstens würde unsere Meisterspionin hier schnell aus dem Kerker verschwinden. Zweitens ist sie kein normal denkender Mensch, sondern eine gefährliche Wahnsinnige. Eine Mörderin.”

Anna sah zwischen dem verärgerten Jarl und der bleichen Rotblonden hin und her. Ihr Atem ging unregelmäßig und ganz kurz ereilte sie wieder ein quälendes Schwindelgefühl. Überfordert blinzelte sie.

“Drittens hat sie die Jarlsfamilie heute direkt attackiert und meine kleine Schwester bedroht.”, meinte Rist weiter und seine Augen töteten seine alte Bekannte soeben. Da war jedoch auch ein wenig Zufriedenheit in seinem dunklen Blick. Es war sicherlich die Erleichterung darüber Svenja endlich zu haben, die sich jahrelang wie ein schlüpfriger Fisch aus allen Miseren herausgewunden hatte.

“Und… hast du nicht auch mit diesem Tier Alrik zusammengearbeitet?”, wollte der brodelnde Jarl wissen und Anna war sofort klar, was er damit wirklich ausdrücken wollte: Sie, seine beste Freundin und die Frau, die er einmal vergöttert hatte, hatte Undvik nach Neujahr nur deswegen so schnell verlassen können, weil Svenja und Alrik dafür Sorge getragen hatten. Indirekt gab er ihnen wohl die schwere Schuld an seinem damaligen Verlust. Womöglich projizierte er all seinen Hass für Anna’s damaliges Walten jetzt auf die Skelligerin mit den rotblonden Haaren. Es war unheimlich. 

Die ehemalige Skrugga starrte Hjaldrist indes vollkommen entsetzt an und schaffte es nicht mehr sich zu wehren. Da bückte sich der Mann nach dem langen Dolch, dem er Svenja vorhin erst aus der Hand geschlagen hatte. Er hob ihn auf, betrachtete die ölig glänzende Klinge. Der salzige Wind riss an seinem Fellumhang.

“Henkersgift verflüssigt das Blut von Menschen und Tieren.”, sagte er ganz trocken. Auch er kannte das Toxin noch von früher und das zu gut, denn er hatte Anna jedes Mal völlig angespannt dabei zugesehen, wie sie es getrunken hatte.

“Das so weit, dass es einem aus allen Poren tritt.”, setzte der Jarl und Monsterjäger wissend fort. Haldorn hatte seine Schwestern und die Mutter in weiser Voraussicht längst nach oben gebracht. So müssten sie das hier nicht mit ansehen. Gerade, da schob er sie oben durch die Tür in das Burginnere

“Innerliches Verbluten. Ein schlimmer Tod, wirklich.”, fand der Schönling, als er die Stirn leicht runzelte und vor die trat, die ihn seit Jahren immer wieder böse hintergangen und ihn sogar einmal an die Ewige Flamme ausgeliefert hatte; vor die, die ihm zusammen mit einem Vergewaltiger die engste Freundin entrissen hatte.

“Du hast dir eigentlich einen widerwärtigen, langsamen Tod verdient, Svenja Lindberg.”, glaubte Hjaldrist “Aber ich verabscheue Folter. Ich bin nicht so, wie du, Alrik oder Orlan. Daher hast du Glück. Denn ich mag es schnell und sauber.”

Und mit diesen Worten rammte er Svenja ihre eigene Giftwaffe tief in die Magengrube. Er rümpfte die Nase leicht und angewidert, als er das tat, und ließ den lederumwickelten Dolchgriff dann sofort los. Der Skelliger sah seine sterbende Feindin nicht länger als nötig an und drehte die Klinge in deren Körper nicht herum, um ihr noch mehr der überflüssigen Schmerzen zuzufügen. Denn er war einer der Guten. Daher wandte er sich bloß ab und verschwendete keinen einzigen Augenblick mehr an die, die seine wertvolle Zeit nicht verdient hatte. 

Matilda und der vermeintliche Fischhändler ließen die erstarrte Spionin los, die der plötzlichen Schnappatmung erlag und sofort stark blutend zu Boden sackte. Sie fasste zittrig nach dem gewickelten Griff der Waffe, die in ihr steckte, und spuckte sich krümmend Blut. Dies nicht mehr beachtend kam der Skelliger am Platz dann zu Anna und half ihr gleich hoch. Etwas konfus hielt sich die Alchemistin das komplett schief sitzende Tuch aus dem Badehaus am Körper und stöhnte leise.

“Scheiße…”, atmete sie und blinzelte benommen “Ich hasse sowas.”

“Sie hat dich geschnitten.”, stellte Rist aufmerksam fest und klang in der Tat besorgt. Die Eiseskälte war wieder aus seiner Stimme gewichen.

“Macht nichts.”, meinte Anna und lachte leise “Das geht gleich vorbei… hoffe ich.”

“Tse…”, schnaubte der ältere Inselbewohner ungläubig und legte sich einen Arm seiner Gefährtin über die Schultern, um sie zu stützen. Seinen eigenen schob er Anna um die Taille, damit sie nicht noch umfiel.

“Wenn du eine Blume wärst, dann irgendein wüstes Unkraut, weißt du das?”, grinste er schon etwas befreiter.

“Hmpf. Und du ne Aasblume…”, konterte die taumelige Kurzhaarige schlagfertig “Ne Ysgarthiad Elaine...”

Die letzteren Worte, eine wissenschaftliche Betitelung einer Gattung der besagten Pflanze in Alter Sprache, bedeutete sinnig übersetzt so etwas wie ‘Stinkende Schönheit’ oder ‘Hübsche Scheiße’. Und das kurze Auflachen, das man gleich von Hjaldrist’s Seite vernehmen konnte, deutete an, dass er verstanden hatte. Ach, klar hatte er das. Er hatte ja auch Elfen mit Batisthöschen in der Verwandtschaft. Doch er ging nicht weiter darauf ein und wand sich noch einmal kurz an Matilda und den Skrugga, die nach wie vor bereit standen.

“Werft sie ins Meer, wenn sie tot ist.”, meinte er “Sollen die Fische sie doch fressen.”

“Aye!”, machte die hünenhafte Flau der Garde pflichtbewusst und grinste dabei sogar ein wenig. Wahrscheinlich verabscheute sie Svenja ebenso.

“Danke…”, seufzte der Jarl noch und ging mit Anna los. Jene strauchelte etwas. So, wie jemand, der zu tief in die Flasche geschaut hatte und dabei blutig aus der Nase siffte. Leise stöhnend presste sich die Giftmischerin die Handfläche vor letztere, doch es brachte nichts.

“Gehen wir zu Aldoran.”, schlug Rist kritisch vor und gab seiner Freundin ein dickes Stofftaschentuch, das er sich mit der freien Linken aus der Tasche gefummelt hatte.

“Nicht… nötig.”, nuschelte die Kurzhaarige “Ich hab was dagegen… bei meinen Sachen.”

“Noch besser.”, fand der Jarl und nahm mit Anna die vielen Stufen, die zur Außenterrasse hochführten. Sie kamen nicht allzu schnell voran, doch es ging. In einer Stunde wäre die tapsige Frau aus Novigrad wieder ganz die Alte, bestimmt. Und… dennoch. Aus dem Augenwinkel sah sie zu dem Dunkelhaarigen mit der Krone am Haupt hin, der ihr hier wie immer so selbstverständlich half. Schnell sah Anna wieder fort und eine kleine Idee hüpfte in ihren pochenden Schädel. Beinahe hätte sie leise über sich selbst gelacht, doch wahrte eine wirre, bluttriefende Miene. Asche auf ihr Haupt, aber das, was gleich käme, bot sich doch so sehr an:

Anna stolperte über die letzte der Stufen zur Terrasse mit dem marmornen Boden und Rist bewahrte sie gerade noch so davor sich die bloßen Knie aufzuschlagen. Ein leises, überfordertes Keuchen entkam ihr, als sie sich schwerfällig an der Schulter ihres Freundes festhielt. Und ja, es ging ihr gerade nicht besonders und sie fühlte sich, als habe sie eine Nacht durchgesoffen und dann einen zentnerschweren Felsbrocken auf den Kopf bekommen. Doch SO übel, dass sie es nicht mehr hoch schaffte, war ihr nicht. Aber das musste der hübsche Jarl ja nicht wissen.

“Bei Jörmungandr…”, seufzte der besagte Kerl langgezogen aus “Komm her, Flohbeutel...”

Und dann hob er Anna hoch. Ihr helles Badetuch hing ihr dabei längst wieder gefährlich schräg vom Körper, aber gerade wäre es ihr sogar einerlei gewesen, hätte sie das dumme Ding ganz verloren. Sich den kleinen Stofffetzen vor die Nase haltend, den ihr Hjaldrist vorhin zugesteckt hatte, lehnte sie die Wange vorsichtig an das Fell an dessen Kragen und schloss die schmerzenden Augen, als er sie stumm nach drinnen brachte. Götter, wie bescheuert. Aber obwohl Anna’s Leib mit dem aggressiven Henkersgift in ihrem Blut zu kämpfen hatte, ging es ihr in diesem Moment so gut, wie schon lange nicht mehr.

Kommentare zu Kapitel 120

Kommentare: 0