Kapitel 121 (Buch 4, 24)

Wo ist Garm Goldkehle?

In Anna’s Zimmer angekommen, trat Rist vor das Bett der Vergifteten und ließ sie dort wieder runter. Mit einer Hand an dessen stützender Schulter, ließ sich die Frau gleich auf ihrer Bettkante nieder und stöhnte unwohl. Das dicke Stofftaschentuch an ihrem Gesicht war mittlerweile blutgetränkt und die zitternden Hände Annas rot. Sie fluchte leise vor sich hin, als Hjaldrist zu den Sachen auf ihrem Schreibtisch deutete.

“In der Kiste?”, fragte er und seine Freundin nickte. Mittlerweile war es ihr schon ganz anders und hatte sie zuvor nur die schlimm Leidende gespielt, glaubte sie soeben tatsächlich gleich wegzutreten. Oh, sie hatte nicht gewusst, dass man so viel aus der Nase bluten konnte...

Der anwesende Jarl eilte zu Anna’s Alchemiekram und musste nicht einmal lange suchen. Offenbar kannte er die Fläschchen mit den Gegengiften noch immer. Immer hatte ihm seine Kollegin früher vorgepredigt welches davon gegen welche Toxine half. Gelblich gegen Wolfsbann, Braun gegen Arenaria, Grünlich gegen Henkersgift. Daher fischte er nach einer der Phiolen mit der dickflüssigen, grünen Tinktur darin und kam sofort wieder. Anna nahm das Fläschchen dankend entgegen und während sie sich ihr vollgesifftes Stofffetzchen noch vor die Nasenlöcher drückte, entkorkte sie das Gegengift mit den Zähnen und kippte es sich in den Rachen. Es schmeckte widerlich schal. Doch im Vergleich zu Schwalbe war das nichts. Natürlich hätte sie gerade auch Lado’s teure Mixtur trinken können. Jene hätte sie viel schneller wieder auf die Beine gebracht, ganz sicher. Doch sie hatte heute Morgen schon eine Dosis davon zu sich genommen und wollte nicht wissen, was es bewirken könnte, wenn sie zuviel davon trank. Eine Phiole am Tag war schon hart und wenn sie es verpasste am folgenden Tag den ‘Pegel’ zu halten, ging es ihr unheimlich schlecht. Also erschien ihr ihr selbstgebrautes Gegengift von früher als unheimlich gute Option.

Rist hatte sich abgewendet, um sich suchend umzusehen. Und als er Momente später wieder vor Anna trat, streckte er ihr eine Handfläche abwartend hin.

“Gib her…”, bat er und die Kurzhaarige sah fragend auf. Er hatte ein kleines Tuch bei sich. Es war das, in das die Novigraderin vor Kurzem noch getrockneten Thymian gewickelt gehabt hatte. Sie nickte dankend, gab ihrem Freund das vollgeblutete Stofftaschentuch und nahm dafür das trockene Leinenstück aus ihrem Teevorrat entgegen. Sie schlug die dunklen Augen nieder, als sie es sich an die Nase legte und wartete. Hjaldrist ging noch kurz im Raum umher. Wahrscheinlich, um sein versautes Taschentuch in den kleinen Mülleimer nahe dem Schreibtisch zu werfen. Dann kam er zurück und setzte sich neben die Nordländerin, die nun einmal prüfend auf den Stoff in ihrer blutverschmierten Hand sah. Sie fühlte sich ob des Blutverlustes ziemlich erschlagen, doch das Gegengift in ihrem Körper nahm ihr langsam aber sicher das reißende Schwindelgefühl. Auch die arge Blutung stoppte endlich. Freya sei Dank.

Unwohl wischte sich die Frau mit ihrem nach Kräutern riechenden Tuch über die rote Nase, den Mund und die beschmierten Finger. Sie blinzelte einmal angestrengt und atmete tief durch.

“Geht’s wieder?”, hörte sie von der Seite und nickte.

“Das war echt knapp…”, fand Anna und war etwas heiser “Svenja hatte den vergifteten Dolch an Merle’s Hals. Mir rutschte das Herz in die Hose. Ich wusste nicht, was ich tun soll.”

“Was wollte sie…?”, hakte Rist nach “Dass du mit ihr kommst?”

“Nein.”, seufzte die Burschikose weiter und rückte sich das Badetuch, das sich zu locker und schief um ihren nackten Körper schlang, wieder etwas zurecht. Zwar biederte sie sich ihrem besten Freund gerne harmlos an, wenn sich eine nicht allzu auffällige Gelegenheit ergab, aber sie war keine Schlampe, die sich nun extra und gespielt ‘aus Versehen’ entblößte. Dafür war sie einfach nicht linkisch genug.

“Svenja wollte, dass ich von den Klippen springe.”, erklärte sie “Ich… war sogar kurz davor, aber dann tauchte der Fischverkäufer auf. Äh, dein Skrugga, meine ich.”

“Bitte was?”, stutzte der Undviker jetzt und starrte seine benommene Kollegin ungläubig an.

“Tja. Was hätte ich denn sonst machen sollen...? Zulassen, dass die Wahnsinnige, die sogar nach DIR gestochen hat, deine kleine Schwester umbringt?”, fragte Anna ruhig “Ich arbeite für die Garde, schon vergessen? Und ich nehme das auch sehr ernst, falls es dir bis jetzt nicht klar war, Rist...”

Daraufhin runzelte der sprachlose Jarl nur noch die Stirn. Er sah fort und fuhr sich gedankenvoll über das unrasierte Kinn, als seine Augen die Leere vor ihm fixierten. Was er sich jetzt wohl dachte? Anna hatte keine Ahnung, doch sie fand, dass sie vorhin, vor dem Badehaus, richtig gehandelt hatte.

 

In den folgenden Tagen passierte viel. Man setzte die Leute festlich bei, die im Kampf gegen Fír gestorben waren: Zwei Männer und eine Frau. Hjaldrist richtete auch endlich über den Redanier, der ihn hatte töten wollen. Denn man hatte ihn nicht mehr gebraucht, nachdem Svenja umgebracht worden war. Der Anhänger Radovids und Kapitän eines der versenkten Schiffe vor Kaer Iwahell hatte sich bei seiner Anhörung losgerissen, um auf den Jarl loszugehen. Damit hatte er sich endgültig die Höchststrafe verdient und Anna hatte zum ersten Mal miterlebt, wie man jemanden blutadlerte. Es war grausig, wenngleich auch morbid faszinierend, gewesen. Henrik war auch endlich wieder auf die Beine gekommen und kommandierte die stolzen Huskarle in alter Manier herum. Merle hatte sich ebenso wieder von ihrem Schreck erholt und Pavetta, die es nicht ausgehalten hatte, wie Anna herumlief, hatte jener Unterwäsche für ganze zwei Wochen und zwei selbstgenähte Hemden geschenkt. Im Zimmer der Gleichaltrigen war sie aufgetaucht und hatte persönlich dafür gesorgt, dass die langweilige Unterkleidung Annas verschwand. Dann war langsam wieder der Alltag eingetreten. Einer, in dem man allmählich damit anfing die anstehende Reise nach Bogenwald zu planen. Doch abgesehen davon war alles ruhig.

“Hey.”, machte Anna, als sie sich in den Türrahmen der Schreibstube des Jarls lehnte und den Mann, der dort hinter seinem antiken Tisch saß, mit hochgezogenen Brauen betrachtete “Deine Mutter meinte, du sollst endlich essen kommen, weil du sonst noch vom Fleisch fällst.”

Rist sah von seinem beachtlichen Papierstapel auf. Er wirkte müde.

“Jetzt geht sie schon so weit, dass sie Leute der Garde schickt?”, murrte er und fuhr sich seufzend über das matte Gesicht “Ich esse später...”

“Nein, sie hat MICH geschickt.”, schmunzelte die Novigraderin auf dies hin und obwohl sie gerade im Dienst war, war das ein großer Unterschied.

“Wahrscheinlich denkt sie, ich höre eher auf dich, als auf alle anderen…”, kommentierte der Krieger. In seinem Raum roch es angenehm nach Pergament, Kerzenwachs und Tinte. Durch das hohe Glasfenster fielen sanfte Strahlen der bereits niedrig stehenden Sonne herein.

“Kann sein.”, meinte Anna amüsiert und blieb hartnäckig.

“Und Mutter hat wohl nicht bedacht, dass ich dich auch eher haue, als andere, wenn du nervst.”, setzte Rist nach. Feixte er oder nicht? Schwer zu sagen, so erschöpft, wie er aussah. Er sollte wirklich einmal eine Pause machen.

“Ah, ja.”, gab die Frau in der Schwarz-Grün-Blauen Uniform der Huskarle knapp zurück.

“Und ich habe noch eine ordentliche Rechte bei dir gut, Arianna Nowak.”

“Hmpf. Wenn du sie mir verpassen willst, musst du aber aufstehen, Hjaldrist Halbjørnsson Falchraite.”, bemerkte die dreiste Schwertkämpferin mit der Stahlwaffe am Gürtel glucksend und hörte ihr Gegenüber besiegt stöhnen. Rist senkte den Blick entnervt auf die Arbeit vor sich und schien nachzudenken.

“...Du hast viel zu tun.”, meinte Anna nun und der Witz schwand aus ihrem Ton “Viel zu viel, hm?”

“Manchmal glaube ich das, ja.”, brummte der Jarl, dessen Krone irgendwo vor ihm am Tisch lag “Die Flut an Briefen nimmt kein Ende. Wir sollten irgendwann mal wieder raus und irgendeinem Riesen aufs Maul hauen. Ich vermisse das gerade echt.”

Anna lachte leise und nickte, dann stieß sie sich locker vom Türrahmen ab und kam näher. Auch ihre Aufmerksamkeit sank jetzt neugierig auf all die Schreiben und Bücher am Tisch. Und sie erinnerte sich daran, was Swantje ihr über Orlan und Rist’s große Bemühungen erzählt hatte.

“Kann man dir irgendwie helfen?”, wollte sie wissen.

“Was?”, fragte der Undviker und sah auf. Eine seiner Augenbrauen zuckte kritisch nach oben.

“DICH lasse ich sicherlich keine Briefe verfassen. Du hast ne Sauklaue. Gibt es überhaupt jemanden, außer mir, der dein Gekrakel lesen kann?”, merkte er an und grinste. Ah, also war er doch zum Scherzen aufgelegt. Anna hatte sich ja fast schon Sorgen gemacht.

“Pff.”, schnaufte die Frau “Ich kann auch andere Dinge erledigen!”

“Ach, schon gut.”

“Nein… du gibst dir neben all deiner Arbeit auch noch viel Mühe, wenn es um meinen Zustand geht. Du segelst mit uns zurück nach Bogenwald und lässt dafür alles stehen und liegen.”, redete Anna gegen ihren besten Freund an “Also denke dir was aus, das dir dabei helfen könnte dich etwas zu entlasten. Binde von mir aus Ravello und Aldoran mit ein. Die beiden langweilen sich doch sicherlich viel zu oft.”

Nun zog Rist die Stirn kraus und schien tatsächlich damit anzufangen nachzudenken. Eine Pause entstand, ehe er Luft zum Sprechen holte.

“Hm…”, fing er an “Vielleicht gibt es wirklich Dinge, die du oder ihr machen könntet.”

Ein zufriedenes Lächeln zog an den Mundwinkeln der Gardistin.

“Ich bin ganz Ohr.”, sagte sie.

“Haldorn wollte dabei helfen Lagerbestände aufzunehmen. Wir müssen wissen, wie es um die Vorräte und auch die Schatzkammer aussieht. Ich hatte bisher absolut keine Zeit dafür und will keinen einfachen Bediensteten an das Geld oder das Essen lassen.”, meinte der Jarl bedacht “Ich wollte in der Bibliothek nach Büchern zum nilfgaardischen Recht und zur Geschichte der An Craites suchen. Und… naja, ein paar Briefe gehören nach Wichtigkeit sortiert, damit ich weiß, wem ich eher antworten soll und wem gar nicht.”

“Scheiße.”, lachte Anna “Du wolltest das alles alleine machen? In welchem Zeitraum?”

“Diese Woche. Aber wie gesagt… Haldorn wollte helfen, doch der säuft und segelt momentan lieber gerne, der Idiot.”, brummte Rist unzufrieden “Ich denke, er ist noch immer wütend. Wegen dir.”

“Verstehe…”

“Also sag Bescheid, wenn du irgendetwas von der Liste machen magst. Mir soll es tatsächlich sehr recht sein.”, endete Hjaldrist jetzt und seine hilfsbereite Freundin nickte abermals. Sie würde zeitnah damit anfangen ein paar angemessene Aufgaben mit zu erledigen. In ihrer freien Zeit hatte sie ab und an eh nichts zu tun, also kam das gut. Ravello und Aldoran könnten ihr beistehen. Und außerdem wollte sie, dass ihr Kumpel hier nicht jeden Tag bis spät in die Nacht schuftete. Wenn er selbst wieder etwas Luft hätte, kämen sie beide sicher einmal wieder dazu etwas zu spielen, zusammen zu trinken oder sich vor den Toren ein paar Monster zu suchen.

 

Zu letzterem kamen die beiden früheren Abenteurer tatsächlich schon einen Tag später. Hjaldrist, dem absoluten Burgkoller erlegen, hatte sich einfach Anna, die Wache gestanden hatte, geschnappt und war mit ihr losgezogen, nachdem sie sich ihr Silberschwert geholt hatte. Und nun lagen sie recht weit von der Falkenburg entfernt auf der Lauer. Irgendwo hinter einem Busch und im Dreck saßen sie und beugten sich spähend vor, um in das zerstörte Dorf zu linsen, das im leichten Nieselregen vor ihnen lag. Jenes war vollends ruiniert. Überall lagen Trümmer herum und mittlerweile nisteten hier die Harpyien. Im Grunde kein Problem, denn niemand wollte nach den Riesenangriffen mehr außerhalb der schützenden Stadtmauern Caer Gvalch’cas leben. Doch der hiesige Ort, Dorve, lag nahe der Straße, die von der östlichen Küste und deren Hafen gen Falkenburg führte. Das Risiko, dass die flatternden Monster Reisende und Händler angriffen, war zu groß. Daher müssten sie weg.

“Ich sehe… äh, sechs. Und ein Nest… dort am Dach.”, flüsterte Anna, während sie die Dorfruinen im Blick hatte “Aber eventuell gibt es noch mehr. Wer weiß.”

“Hm.”, machte Hjaldrist, der neben ihr im Matsch kniete “Sollte kein Problem sein, oder?”

“Nein, ich glaube nicht.”, gab die Frau relativ locker zurück. Mittlerweile fühlte sich die Anwesenheit des hübschen Skelligers nicht mehr eigenartig an. Es war fast wieder so, wie früher, wenn sie beisammen saßen oder irgendwelche Dinge unternahmen. Sie hatten sich sozusagen wieder daran gewohnt wieder vereint zu sein. Das war unsäglich angenehm.

“Ich setze mein Horn auch nicht ein, damit es herausfordernd wird...”, versprach der Jarl, der seine Krone heute zuhause gelassen hatte und lächelte schelmisch. Anna verkniff sich ein Lachen, um die schnarrenden Monster weiter vorne nicht auf sich aufmerksam zu machen.

“Alles klar.”, wisperte die Kriegerin und machte sich bereit loszulaufen. Es brächte nichts sich eine Strategie auszudenken und die hier nistenden Monster zu überraschen. Dafür waren jene einfach zu weit gestreut und konnten auch noch fliegen. Außerdem… stellten sie keine wirkliche Gefahr dar. Der Kampf, der folgen würde, wäre für die erfahrenen Ungeheuerjäger doch ein Spaziergang. Und sollte die Angelegenheit wider Erwarten doch schwerer werden, dann würde ihnen schon etwas rettendes einfallen. So, wie immer.

“Also los.”, wisperte die Frau plötzlich und brach dann aus dem raschelnden Gebüsch. Ihr Freund folgte ihr sofort und zwei der Harpyien schlugen erschrocken mit den Schwingen und stiegen kreischend in die Lüfte. Eine dritte stürzte gleich auf Anna zu, doch verfehlte sie. Rist, der zur Stelle war, hastete vor und erwischte das Biest an einem Bein, riss es daran zu Boden. Seine Gefährtin tat den Rest und trieb dem schnatternden, gepackten Vieh die Silberklinge in die Brust. Blut spritzte und die Vogelfrau sackte das Leben aushauchend nieder.

“Das ging ja schnell!”, lachte die Novigraderin begeistert und Hjaldrist maß sie mit einem belustigten Blick, ehe er sich schon zu den verbliebenen fünf Monstern umwand. Eines von ihnen saß noch in seinem Nest auf einem der halb eingestürzten Hüttendächer aus feuchtem Stroh und der Jarl lief los, um jenes zu erreichen. Anna widmete sich solange der Harpyie, die vor ihr gelandet war und die gefiederten Flügel bedrohlich tänzelnd ausbreitete. Das Biest kreischte sie laut und kampfeslustig an. Doch es beeindruckte die Kriegerin wenig.

“Agh! Bist du hässlich!”, maulte die Alchemistin bloß und lief mit erhobenem Schwert vor, holte aus und streifte das Monstrum damit. Jenes wollte sie anspringen, doch warf sich stattdessen selbst in die Waffe der flinken Anna. Durch das Gewicht, das ihr plötzlich sterbend und zuckend entgegen sackte, stolperte die Frau zurück und landete auf ihrem Hinterteil. Direkt in einer Pfütze. Ein überforderter Laut entkam ihr ob dem, als sie unter der toten Harpyie begraben wurde, die sicherlich doppelt so viel wog, wie sie. Doch schnell wuchtete sie das erstochene Monster von sich, zog das Schwert aus dessen Kadaver und holte genervt Luft. Oh, sie hasste es eine klitschnasse Hose zu haben!

“Alles gut?”, konnte sie Rist vom eingesackten Strohdach aus hören. Sie blinzelte sich den Nieselregen aus den Augen.

“Ja, ja!”, gab Anna zurück, die sich schon wieder aufrappelte und unzufrieden auf das Harpyienblut an ihrem Gambeson hinabsah. Na, immerhin war letzteres schwarz.

“Heute Abend gibt es Rührei!”, verkündete der Kerl am Dach dann triumphierend und hielt irgendetwas ballgroßes, ovales hoch. Ein Monsterei aus dem Harpyiennest.

“Urgh!”, würgte die burschikose Alchemistin, doch schaffte es nicht das Gesicht zu verziehen, weil sie grinsen musste “Das kannst du alleine essen!”

Eines der Biester des zerstörten Dorfes, das über dem Kopf der Frau gekreist war, legte nun die grauen Schwingen an und schoss wie ein Pfeil auf Anna zu. Sie hob den Blick alarmiert und sah nurmehr, wie ein Ei von rechts kam und seitlich gegen das aggressive Monster klatschte. Es verwundete die Harpyie natürlich nicht, doch brachte sie gehörig aus dem Konzept. Das so weit, dass sie knapp neben Anna am schlammigen Boden aufschlug und zwei, drei Meter weiter rutschte. Der Dreck spritzte nur so nach allen Seiten. Man hörte Rist schadenfroh lachen.

“Echt jetzt?”, rief seine Freundin ihm zu “Was zum Geier?”

“Du meintest, du magst kein Rührei. Also teile ich halt mit meinen geflügelten Freundinnen hier!”, gab der Skelliger gespielt beleidigt zurück. Er holte gezielt aus und das nächste Ei zerbarst direkt am knöchernen Kopf des verwirrten Ungetüms, das unweit der Novigraderin am Grund aufgeschlagen war. Schleimig tropfte ihm Eiweiß vom Haupt und es stank erbärmlich. Beinah musste Anna würgen und wand sich maulend ab, um vor dem Geruch des faulen Monstereis zu flüchten.

“Bei Freya’s Titten!”, hörte man auch den überwältigten Axtkämpfer am Platz stöhnen. Dann kam auch schon die verbliebene Harpyie, die noch kein Ei an den Kopf bekommen hatte, auf den Jarl zugeflogen. Das so unerwartet und flink, dass Hjaldrist nicht mehr ausweichen konnte. Das Monster warf sich ihm zornig kreischend entgegen und rempelte den Mann damit rücklings um. Man sah nurmehr, wie er armrudernd stürzte und zusammen mit dem Biest auf sich durch das halb kaputte Strohdach in das Innere der Hütte polterte, auf der er gestanden hatte. Es rumste nur so und lose Federn und Strohhalme stoben auf.

Anna rief den Namen ihres Kumpels, doch konnte ihm nicht beistehen, denn sie bekam es gleich mit der zweiten Harpyie zu tun, die sich das faule Eiweiß aus dem Gefieder geschüttelt hatte. Jene hatte sich nur wenige Meter weit in die Lüfte erhoben und packte mit den Vogelklauen nach der Kurzhaarigen. Anna hob abwehrend mit dem Schwert zu und trennte dem Biest damit ein paar Zehen ab. Das regenfeuchte Monster grölte laut vor Schmerz. Auch die Harpyie im Haus, bei Hjaldrist, zeterte panisch, ehe ihr Schrei ganz abrupt endete. Noch ein weiter Schwerthieb Annas und das letzte Vogelmonster starb. Dann wurde es still in Dorve. Rist, der etwas zerrupft aussah, kam aus der halb eingestürzten Hütte gestolpert und an seiner Waffe klebte viel Blut. Er klopfte sich Dreck von der teuren Tunika und sah sich nach seiner Freundin um, die vor dem sich noch krümmenden Leichnam ihres letzten Opfers stand. Ihre Blicke trafen sich erst prüfend, dann zufrieden. Und sie gaben sich über die Entfernung von fünf, sechs Metern die Siegerfaust durch die Luft.

“Das war gut!”, fand der Undviker beschwingt und klaubte sich eine kleine, flaumige Feder aus den zurückgeflochtenen Haaren, die ihm mittlerweile bis über die Schultern fielen. Damals, als die beiden Freunde sich in Blandare kennengelernt hatten, waren sie noch so kurz gewesen. Und viel dunkler. Es fiel seit dem letzten Jahr sehr auf, wie sich immer mehr der aschblonden Haare auf seinem Haupt einreihten. Und daher mutete es auch so an, als käme das Elfische in diesem Kerl immer mehr zum Vorschein. Ob das mit seinen magischen Fähigkeiten zu tun hatte? Wie es wohl um jene stand? Anna hatte Hjaldrist in den letzten Wochen, seit sie sich wieder getroffen hatten, kein einziges Mal auf sie angesprochen. Und sie fragte sich, ob der Oneiromant noch immer so oft so schlecht träumte.

“Gut? Ja… aber auch etwas kurzweilig.”, antwortete Anna “Findest du nicht?”

“Schon.”, brummte ihr Begleiter und kam jetzt zu ihr marschiert. Er linste forschend zu dem zuckenden Harpyienkörper zu Anna’s Füßen und erkannte froh, dass das Biest sicherlich nicht mehr aufstehen würde.

“Ich nehme mir ein paar Federn mit.”, sagte die Novigraderin beschwingt “Danach können wir uns die Gegend ja noch etwas ansehen?”

“Gute Idee.”, lächelte der Undviker “Ich nehme die Hütten hier genauer unter die Lupe. Vielleicht findet sich ja etwas Interessantes.”

Damit entfernte sich der Mann im grünen Rock geschäftig, um wahllos in einem der maroden Häuser zu verschwinden. Man bemerkte, dass es ihm gut tat einfach einmal dreckige Ungeheuerjägerarbeit zu leisten. Anna wischte sich solange das wertvolle Schwert mit den orange glimmenden Runen in der Hohlkehle am Mantel ab und steckte es in seine Lederscheide zurück. Dann ging sie vor der toten Harpyie bei sich in die Hocke und nahm sich zwei, drei von deren längeren Federn. Sie wusste noch nicht, was sie damit anstellen würde, doch irgendetwas fiele ihr schon ein. Eine Feder könnte sie doch Merle schenken. Die größte und schönste. Das Mädchen würde vor Freude regelrecht ausflippen, ganz sicher. Mit diesem Gedanken im Kopf erhob sich die lächelnde Monsterjägerin wieder und steckte sich die schönen, grauen Federn vorsichtig in die Tasche. Sie achtete darauf jene nicht zu zerknicken. Nachdenklich wandte sie sich um, um ihrem besten Freund zu folgen, da stand plötzlich jemand vor ihr. Sie lief direkt in jenen und erschrak sich ob dessen plötzlicher Anwesenheit tierisch. Anna schrie entsetzt, fluchte und sah sofort gescheucht auf. Es verschlug ihr den Atem, als sie in zwei milchig weiße Augen sah und sofort wich sie zurück.

“Was! Beim Arsch-”, entkam es ihr laut und scharf “Scheiße!”

Da stand ein Mann. Er überragte die Frau um etwa einen Kopf und war leichenblass. Wirr hingen ihm die grauen Haare vom Kopf und sein brustlanger Bart war ebenso weiß. Er sah aus, wie ein alter Mann. Nein, wie mehr noch: Wie ein TOTER alter Mann. Anna gaffte ihn verdutzt an und wusste nicht so recht, was machen, da sich der Fremde nicht rührte. Hjaldrist, der das Geschrei vernommen hatte, stürmte aus der Holzhütte gegenüber und hielt abrupt inne, als er die eigenartige Figur in der Dorfmitte ebenso sah.

“D-D’yaebl!”, konnte man den entrückten Kerl keuchen hören, dann sah er verwirrt zwischen Anna und dem Alten hin und her. Man konnte sich kaum versehen, da hatte er Erlklamm wieder kampfbereit in der Hand.

“Garm Goldkehle.”, stöhnte der Blasse plötzlich, während er Anna nach wie vor aus seinen leeren Augen anstarrte.

“W-was?”, schnappte die Frau.

“Wo ist er?”, wollte der Fremde wissen.

“Äh!”, machte Anna ungeschickt, aber dafür ehrlich “Keine Ahnung!”

“Wer soll das sein?”, warf Rist dazwischen “Und wer bist du überhaupt?”

Der alte Mann sah aus, wie eine lebende Leiche. Und es bestand kein Zweifel daran, dass er eine war, denn er miefte unsäglich stark nach süßlicher Verwesung. Irgendwas stank hier auch in förmlicher Weise gewaltig zum Himmel, denn das Wolfsamulett der Alchemistin hüpfte an ihrem ledernen Gürtel. Argwöhnisch verenge sie den Blick und beobachtete, wie sich der Fremde zu Rist umsah.

“Wer ich bin…?”, fragte der Bleiche zerstreut “Ich erinnere mich nicht.”

Der Jarl zog die Brauen zusammen.

“Bist du aus Dorve?”, fragte er und musste die Nase des Gestankes wegen rümpfen.

“Dorve? Ja…”, gab der Alte zurück “Wo ist Garm Goldkehle?”

“Wir kennen keinen Garm. Tut uns leid.”, entgegnete Hjaldrist gleich und warf Anna einen flüchtigen Blick zu. Sie zuckte mit den Schultern, obwohl sie langsam eine üble Ahnung beschlich, was dieses Wesen hier sein könnte. Man sah Rist nach Worten klauben. Dann tat er das, was sich als gute Idee bewies: Er stellte sich einfach vor.

“Ich bin der Jarl der Insel.”, sagte er “Hjaldrist Falchraite.”

“Falchraite…?”, murmelte der blasse Alte wirr und seine trüben Augen wanderten “Ja. Ja…”

Verwundert beobachtete Anna die Szenerie, während sie ihre Hand auf ihrem silbernen Medaillon ruhen ließ. Der Grauhaarige hier war eine wandelnde Leiche. Doch nicht nur irgendeine. Denn er erschien intelligent und nicht so, als sei er ein kopfloses Monster. Und er suchte etwas - oder eher: Jemanden. Einen gewissen Garm Goldkehle. Noch nie hatte Anna diesen Namen gehört. Doch der Beiname dieses Gesuchten, ‘Goldkehle’, hörte sich an, als sei der Mann ein Skalde.

“Respektierst du mich?”, wollte der skeptische Hjaldrist jetzt mit Nachdruck wissen, um herauszufinden, ob er einen Angriff der Leiche im zerstörten Dorve zu erwarten hatte. Jene schien sich darüber zu wundern, dass der Axtkämpfer ihr solch eine Frage stellte.

“Jeder hat den Jarl der Falkenburg zu respektieren.”, meinte der Alte schlicht und Anna sah erst zu ihm, dann zu ihrem Freund, dann wieder zurück zu dem seltsamen Toten. Und sie kannte nur eine Art von aufrecht stehenden Leichnamen, die Vernunft besaßen: Wiedergänger. Obgleich dieser hier nicht so kriegerisch und bösartig anmutete, wie die in ihrem Bestiarium. Ganz im Gegenteil. Er sah eher verloren aus. Orientierungslos und uralt.

“Warum suchst du diesen Garm denn?”, fragte Anna dazwischen und klaubte damit wieder nach der Aufmerksamkeit des Blassen mit den bläulich angelaufenen Lippen. Jener sah zu ihr und seine starren Augen waren unheimlich. Hjaldrist, der nun im Rücken des stinkenden Fremden stand winkte seiner Freundin drängend zu. Irritiert linste sie zu ihm und sah, wie die Lippen des aufgebrachten Jarls irgendein Wort formten: ‘Dao’... ‘Daga’... ‘Drug’...oh! Draugar. Ja, der Fremde hier war wohl solch einer. Die Kurzhaarige nickte hastig, um Rist zu verstehen zu geben, dass sie selbst auch schon daran gedacht hatte.

“Er verspottete mich.”, erklärte der Wiedergänger und schien sich damit schwer zu tun sich überhaupt an die besagte Gegebenheit zu erinnern. Immer wieder sah er gedankenvoll und angestrengt konzentriert umher, doch sah aus, als käme er auf keinen richtigen Punkt. Anna fiel es allmählich wie Schuppen von den Augen. Fliegen surrten ringsumher.

“Er verlachte mich an meinem Totenbett.”, raunte der Alte und die anwesende Monsterjägerin sah ihn starr an. Hier ging es also um Rache. Ja, Wiedergänger - oder wie sie die Skelliger nannten: Draugar - waren lebende Leichname, die durch einen schrecklichen Moment kurz vor ihrem Tod keine Ruhe fanden. Gezeichnet von dieser Erfahrung standen sie nach ihrem Verscheiden auf und lebten ihre letzten Gedanken, die sie zu Lebzeiten gehabt hatten. Und wenn man die Lage des speziellen Draugars hier genau betrachtete, dann lechzten all seine Instinkte nur so danach den zu finden, der sein Sterben abgewertet hatte. Der Leichenmann würde Frieden finden, sobald er sich an Garm gerächt hätte. Und nebenher gab es nur eine zweite Möglichkeit ihn ein für alle Mal ins Jenseits zu schicken: Man trennte einem Wiedergänger den Kopf ab und bettete jenen in dessen Schoß. Dann verbrannte man den Körper und er stand nie wieder auf.

“Er sang, während ich starb.”, keuchte der Draugar “Er machte mich vor den Göttern lächerlich.”

“Das… ist schrecklich.”, antwortete Anna, da sie nicht wusste, was sie sagen sollte “Aber… wir können dir leider nicht helfen, fürchte ich.”

“Garm Goldkehle.”, entkam es dem Alten “Findet ihn und erlangt eine Belohnung.”

“Du heuerst uns an?”, wunderte sich die Alchemistin und hätte sie in ihrem Leben nicht schon so viel Groteskes mitgemacht, hätte sie geglaubt, sie fantasiere gerade. Denn da stand ein wahrhaftiger Wiedergänger vor ihr und wollte sie und seinen Jarl als Kopfgeldjäger anstellen. Ging es denn noch abstruser?

“Ja. Ja, das tue ich… bringt mir Garm Goldkehle.”, bat der Draugar und ein kurzes, eigenartiges Schweigen entstand.

“...Nimm es mir nicht übel.”, brach Hjaldrist jene bald “Aber um Garm zu finden, müssten wir ihn erst suchen. Und dies bedeutet, dass wir dich hier alleine lassen müssten. Das kann ich, als Jarl, nicht verantworten.”

Der Draugar wand den Kopf wieder dem Schönling entgegen.

“Ich war schon immer hier.”, meinte der Tote lethargisch “Ich lebe in Dorve.”

“Und du könntest Menschen angreifen, die hier durchkommen.”, glaubte Hjaldrist.

“Ich greife niemanden an. Niemals habe ich jemanden angegriffen und daher hat mich Garm Goldkehle verlacht. Bringt ihn zu mir.”, redete die Leiche vor sich hin und Anna fühlte sich hin und her gerissen. Denn obwohl Draugar als hochgefährlich galten, wirkte der hier so friedlich. Noch nie hatte man auf Undvik von ihm gehört. Und er hatte selbst die hier nistenden Harpyien in Ruhe gelassen, obwohl er sie mit Leichtigkeit hätte töten können. Ob er vielleicht gar nicht wusste, über welche Fähigkeiten er verfügte? Was sollte man also tun?

“Garm hat dich ausgelacht, weil du nicht gekämpft hast? Verstehe ich das richtig?”, fragte Anna weiter und der Draugar nickte schlicht. Rist legte die Stirn in tiefe Falten.

“Und du würdest auch jetzt niemanden attackieren?”, hakte die Monsterjägerin weiter nach.

“Niemals habe ich jemanden angegriffen.”, stöhnte der Wiedergänger “Wo ist Garm Goldkehle?”

“In welchem Jahr bist du gestorben?”, warf Hjaldrist nun wieder ein “Weißt du das?”

“...Ich weiß es nicht mehr.”, gab der Fremde zurück und der Jarl verzog den Mund unzufrieden. Anna wusste warum: Ihr Freund hatte herausfinden wollen, ob der gesuchte Garm vielleicht noch lebte. Ohne das Todesjahr des Draugars zu wissen, stellte sich dies aber als sehr schwierig bis unmöglich heraus. Also sah Rist wieder zu seiner Monsterjäger-Kollegin herüber. Sie erwiderte den Blick abwartend. Nachdem ihr ratloser Kumpan jedoch mit einer Entscheidung auf sich warten ließ, setzte sie einfach zum Sprechen an.

“Die Leute verlassen Caer Gvalch’ca nur selten.”, fing sie an “Und hier kommt kaum jemand vorbei. Ich bezweifle, dass es vorerst ein großes Problem ist, wenn wir ihn nicht-”

Die Frau hielt kurz inne und formulierte das, was sie gerade hatte sagen wollen, um. So, dass es nett klang und sie den Blassen am Platz nicht noch verärgerte.

“Ich denke, es ist in Ordnung, wenn er hier ‘lebt’, bis wir wissen, was wir tun sollen.”, sagte Anna dann äußerst bedeutsam und ihr Blick sprach solange Bände. Rist maß sie mit einem ernsten Starren, doch überlegte, anstatt einen Einwand zu schnappen. Er war niemand, der einfach nur blind auf alles einschlug, das auf den ersten Blick ‘böse’ aussah. Und sicherlich ahnte er, welch eine Kraft ein Draugar entwickeln konnte, wenn man ihn angriff. Also warum sollte man nicht versuchen zu verstehen, wer der bleiche Alte hier war? Oder sich zumindest zurückziehen, um sich auf einen Kampf gegen ihn vorzubereiten? Anna hätte gerade nämlich nur ungern spontan gegen einen wahrhaftigen Wiedergänger losgeschlagen. Solch einer war nämlich von einem ganz anderen Kaliber, als sechs stupide Harpyien. Auch, wenn er auf den ersten Blick friedvoll wirkte.

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