Kapitel 122 (Buch 4, 25)

Such mich, find mich

Hjaldrist spürte den stechenden Blick im Nacken kitzeln und wandte den Kopf, um sich nach der Besitzerin der starren, schwarzen Augen umzusehen. Die Sonne blendete ihn und er hob den Arm schützend, um einen Schatten auf sein Gesicht zu werfen. Lado’s Haus. Er war in Bogenwald. Und Anna sah ihn an, als sei er ein Fremder. Oder nein, viel schlimmer noch: Ein Feind. Ihre Miene war kalt und grimmig-zufrieden. Hjaldrist’s Blick sank auf das, was sie da in ihren Händen hielt: Erlklamm. Seine Waffe. Augenblicklich versteiften sich die Glieder des Jarls und er suchte hastig Augenkontakt, um im Gesicht der Alchemistin folgend nach deren Absicht zu suchen.

“Wisst Ihr überhaupt, was das hier ist?”, fragte Anna, doch Hjaldrist wusste, dass es nicht sie war, die mit ihm sprach. Sondern der, der irgendwo unter ihrem Scheitel saß und sie lieblos als Puppe missbrauchte. Das kühle Lächeln der Frau wurde erschreckend und ungewohnt boshaft, als Hjaldrist die Fäuste ballte und trocken schluckte. Er… er hatte das hier schon einmal gesehen. Es war ein paar Monate her.

“Oh…”, machte der in der Gestalt der besten Freundin des Undvikers gespielt mitleidig “Dummer Junge.”

Doch anders, als vor Wochen, rührte sich der Angesprochene jetzt kein Stück weit. Er ging nicht gescheucht auf Anna zu, um ihr die Familienaxt der Falchraites zu entreißen. Er erwiderte das böse Starren des Magiers nicht verwirrt und voller Abscheu. Hjaldrist blieb einfach nur stehen. Denn er wusste: Er träumte. Und anders, als noch vor ein, zwei Jahren, schaffte er es mittlerweile zu unterscheiden; zwischen Realität und Bild im Schlaf. Oh, er hatte bei Weitem noch nicht die Kontrolle über seine immer wiederkehrenden Traumbilder erlangt. Die meisten von ihnen waren fürchterlich und ließen ihn stets absolut aufgelöst zurück. Doch manchmal, ja, manchmal, da schaffte er es im Schlaf bewusst zu agieren. Wenngleich auch nur kurz und sehr ungeschickt.

“Was?”, fragte er daher und das Sprechen fiel ihm so unsagbar schwer. Seine Kiefer fühlten sich starr an, seine Zunge staubtrocken. Die Worte kamen ihm nur sehr, sehr zäh aus dem Mund und so, als habe er zu viel Schnaps getrunken.

“Was ist es denn?”

Vielleicht war es ja naiv zu denken, Hjaldrist bekäme eine Antwort. Schlussendlich stand er hier bloß in einer relativ frischen Erinnerung aus Bogenwald. Doch er konnte es zumindest versuchen und allein die Macht darüber zu besitzen bewusst zu handeln, gab dem Skelliger für wenige Momente Sicherheit. Der Oneiromant war gar ein wenig stolz auf sich. Er atmete tief durch und versuchte seine Glieder zu entspannen. Denn er träumte. Nichts würde ihm geschehen. All das hier und was gleich noch käme, hätte keinerlei Konsequenzen. Und Hjaldrist sah Anna ungebrochen an. Er holte Luft, um seiner Ansprache noch etwas nachzusetzen und auf einmal war sie da. Direkt vor ihm, ganz nah. Plötzlich hielt die Kurzhaarige Erlklamm nicht mehr fest und ihr Blick veränderte sich abrupt, wurde wieder weicher. Irritiert blinzelte der Jarl und ermahnte sich im Geiste zur Konzentration. Stand er? Saß er am Boden? Er wusste es auf einmal nicht mehr. Was hatte er gerade eben noch sagen wollen? Wo war er? Es roch süßlich-metallen nach Blut und es wurde kalt. So kalt. Anna fiel Hjaldrist um den Hals und lachte leise und befreit.

“Götter, habe ich dich vermisst…”, murmelte sie “Dieses halbe Jahr war so lang…”

“Was…? Anna?”, atmete der orientierungslose Undviker wirr und seine Augen wanderten unstet. Zwischen deren schwarzen Haaren sah er über ihre Schulter hinweg, doch da war nur gähnende Schwärze. Und seine Freundin, die wirkte so froh. Die Frau sagte noch irgendetwas, doch Hjaldrist verstand sie nicht. Was war mit ihr? Warum stank es hier so sehr?

Und plötzlich riss irgendetwas den Mann herum, als wöge er nichts. Hjaldrist entkam ein erschrockener Laut und ein erstickter Aufschrei, als er unerwartet heftig stürzte.Irgendetwas umklammerte seinen Fußknöchel und zerrte ihn gierig in die endlose Dunkelheit hinter Anna. Von einem Moment auf den nächsten war die Kriegerin fort und da war nurmehr die klamme Schwärze, die an Hjaldrist zog, wie ein Raubtier an seiner Beute. Er versuchte panisch Halt zu finden, wand sich, rief nach seiner Freundin, doch vergebens. Es war, als werfe man ihn in ein tiefes Loch. Sein Magen sackte ihm in die Knie. Und er schrie. Da war eine Stimme in seinem Kopf. Sie gehörte zu Anna’s Körper, doch nicht ihrem Geist.

“Such mich.”, flüsterte sie spöttelnd “Find mich. Dummer Junge.”

Wilde Fratzen zogen an dem Mann vorbei, lachten ihn aus und bissen nach ihm. Knochige Hände grapschten nach seinem Mantel, seinen Fingern, seinen Beinen. Es dröhnte und grollte laut, war ohrenbetäubend. Hjaldrist wollte abermals schreien, doch er konnte nicht. Es war, als sei sein Mund voll mit Wasser. Doch war es das denn? Nein. Nein, es schmeckte nach Blut, nach Tod und Verwesung. Der Jarl würgte laut. Und dann schlug der Undviker auf einmal hart auf. Der Schmerz presste ihm den Atem aus der Lunge und ein überfordertes Stöhnen entkam ihm, als er die braunen Augen aufriss. Überwältigt blinzelte der Hjaldrist und es dauerte viel zu viele Sekunden, bis er realisierte, dass er an seine finstere Zimmerdecke starrte. Er zitterte und ihm war, als sei das spöttische Wispern aus seinem Traum noch immer da.

‘Such mich.’

Er drehte sich schwerfällig zur Seite, richtete den Oberkörper auf und fasste sich an das blasse Gesicht. Wirre Haarsträhnen klebten ihm feucht an der Stirn. Ihm war schwindelig.

‘Find mich.’

Sein Atem ging unregelmäßig und schwer. Seine Augen waren gläsern und leise fluchte de Krieger, als er eine Faust frustriert ballte und neben sich auf die Matzratze schlug. Am liebsten hätte er sich nun übergeben. Blutgeschmack hing ihm an den Lippen, denn er musste sich im Schlaf auf die Zunge gebissen haben. Sein Herz schlug ihm bis zum Hals.

‘Dummer Junge...’

Und dann war es still. Endlich.

“Scheiße…”, keuchte Hjaldrist leise, als er sich nach Momenten ungläubigen Schweigens abgekämpft niedersinken ließ. Das Gesicht vergrub er entnervt stöhnend in seinem weichen Kissen. Und so blieb er dann eine ganze Weile lange liegen und lauschte den brausenden Wellen, die draußen rhythmisch an die Klippen tosten. Weit entfernt konnte man jemanden der Bediensteten reden hören und irgendwo schrie eine hysterische Sirene mit dem Wind. Hjaldrist hatte geträumt. Einmal wieder. Er hatte dabei kurz geglaubt, er hätte die Bilder seines Schlafes im Griff, doch genauso schnell waren ihm die Zügel auch wieder entglitten. Verdammt. Es war schlimm und entkräftend, atemraubend und bedrückend. Und obwohl der Undviker heute Nacht keine starrenden Leichen oder groteske Monster gesehen hatte, keine zu makabren Sinnbilder oder sterbende Freunde, nahm es ihn mit. Er wusste nicht wieso genau, doch wie immer in solch einer Situation, hätte er am liebsten geflennt, wie ein kleines, hilfloses Kind. Ein kalter Schauer lief dem stummen Mann über den schweißfeuchten Rücken, als sich sein Atem allmählich wieder beruhigte. Und gepeinigt biss er die Zähne aufeinander. Ein letztes Mal schüttelte ihn das Grauen seines verebbten Schlafes.

Früher, da hatte Anna ihn immer aufgeweckt, bevor seine Träume allzu schlimm geworden waren. Oder jedenfalls hatte sie es stets mit vollem Elan versucht. Seit mehr als einem halben Jahr musste der Skelliger jedoch allein mit seiner vermeintlich Gabe zurechtkommen und dies fiel ihm unheimlich schwer. Ja, in Nächten, wie dieser hier, hatte er sich schon oft dabei ertappt, dass er seine Freundin gern bei sich gewusst hätte. So, wie früher. Dass sie Tamtam gemacht hätte, damit er aus seinen Albträumen hochschreckte, um ihn dann groß anzusehen und ihn über seine vagen Visionen auszufragen, ihm dabei etwas zu Trinken entgegen zu halten oder ihm tröstend Süßkram in die Hand zu drücken. Es hatte immer so gut getan direkt über die quälenden Traumerscheinungen zu reden, obwohl Anna selbst nicht viel Ahnung von der Oneiromantie hatte. Sie hatte einfach immer nur nickend zugehört und es war schön und erleichternd gewesen. Denn so schlecht diese Frau auch in verbalen Angelegenheiten war, so war sie eine irrsinnig gute Zuhörerin. Und gerade… vermisste Hjaldrist sie, ihre neugierigen Blicke und ihre dummen Sprüche. Dies, obwohl sie nicht mehr übersee war und der Jarl ganz genau wusste, wo sie sich aufhielt: Nämlich in ihrer Nachtschicht vor dem Tor der Falkenburg. Zusammen mit Matilda. Die vier Jahre jüngere Novigraderin stünde sich heute bis zum Morgengrauen die Beine in den Bauch, um Ausschau nach ungewollten Eindringlingen zu halten. Und vor allem war sie greifbar, HIER. Auf Undvik. Es war eine beruhigende Annahme und dennoch anders, als damals, vor einem Jahr. Denn heute könnte sie nicht mehr so einfach mit ihrem besten Freund in einem Zimmer schlafen und denken, dies sei gewöhnlich. Denn ihr Kumpel, der war nun auch ihr Vorgesetzter und ein Jarl. Unter solchen Vorgaben und den Augen der Bewohner einer ganzen Insel konnte man nicht mehr tun und lassen, was man wollte. Dass Anna unlängst auf Hjaldrist’s Schlafzimmer-Boden genächtigt hatte, weil sie vor dem Borkenmann fliehen hatte wollen, hatte schon gereicht, um pikante Gerüchte aufwallen zu lassen: Der Anführer und Held der Clans Undviks treibe es ja mit der Ausländerin der Leibgarde; mit der Hexerin, mit der er einen Riesen erlegen konnte und der Frau, die seinen irren Onkel getötet hatte. Er hatte all das Getuschel sogleich im Keim erstickt, indem er den Huskarlen berichtet hatte Anna zu seinem Schutz vor dem Borkenmann bei sich haben zu wollen. Dass er sich wohler gefühlt hatte sie bei sich zu haben und man alte Verbündete doch am liebsten als seine persönliche, schwer bewaffnete Nachtwache wusste. Die Gardisten hatten diese Worte beiläufig weitergetragen und bald hatten selbst die Waschweiber nicht mehr zu viel über die Angelegenheit gesprochen. Nur die heiratswilligen Frauen Undviks schienen Anna nach wie vor ganz neidisch zu betrachten. Der Vater von einer von ihnen hatte gar einen kritischen Brief an die gesamte Jarlsfamilie verfasst, in der er seitenweise kleingeistig darüber geschrieben hatte, dass skelliger Blut unvermischt bleiben sollte. Welch ein Blödsinn. Und dennoch könnte Hjaldrist es sich nicht leisten sich so zu geben, wie früher. Er war kein Niemand mehr, der mit seiner engsten Freundin in einem dreckigen Zelt schlafen konnte; zwischen Gepäck, dreckigen Socken und Alchemie-Saustall. Ein Jarl zu sein hieß zuhause gewisse Grenzen zu ziehen, auf das Wort des Volkes zu achten, sich seine Autorität zu verdienen und für Ordnung zu sorgen - bezüglich sich selbst und auch für andere. Es bedeutete allein in einem viel zu großen Zimmer zu nächtigen. Und vielleicht… vielleicht freute sich der Undviker auch deswegen schon so sehr auf die neuerliche Reise nach Bogenwald. Denn sobald er die Inseln verlassen hätte, könnte er sich wieder ein Stück weit so geben, wie es ihm gefiel. Und dann, in dem kleinen Dorf im Wald, dürfte er wieder der alte Monsterjäger von vor einem Jahr sein. Jemand, der tun und lassen könnte, was er wollte. Jemand, der nicht auf einem Thron sitzen müsste und stattdessen locker mit seinen Freunden spielen und trinken dürfte. Einfach so. Wahrscheinlich müsste er sich dann auch wieder ein Zimmer mit zwei, drei anderen Leuten teilen. Das unter anderem mit seiner besten Freundin, die dieses Mal nicht kleinmütig, still und todkrank in ihrer Ecke liegen, sondern mit Gwent-Karten und Wein ins Bett gehen würde, um ihre Zimmernachbarn selbst nach dem Tavernenbesuch ewig lange damit zu behelligen. Ja, Hjaldrist freute sich schon darauf, obwohl seine lange Reise unter einem dunklen Schatten stand. Denn niemand wusste im Moment so recht, was mit Anna geschehen sollte. Ob man sie retten könnte oder nicht. Oh, Hjaldrist wollte gar nicht an letzteres denken… denn wer WOLLTE seiner vermeintlich todgeweihten Freundin helfen. Der stechende Gedanke daran, dass nur Lado’s Hexer-Absude sie noch zusammenhielten, machten ihn krank. Und er hatte sich geschworen: Er würde den verschissenen Bastard suchen, der seine Kumpanin so eisern im Griff hatte. Und er würde ihn finden, um ihn höchstpersönlich zu töten.

 

Es dauerte keine Stunde, bis Hjaldrist bei den beiden Wachen am Burgtor auftauchte. Und als er das tat, stand die pflichtbewusste Matilda sofort etwas gerader und nickte ihrem Jarl zum Gruße anerkennend zu. Ihr Blick war hart, wie immer. Nur die im Vergleich viel kleinere Anna, stieß sich nicht von der harten Wand in ihrem Rücken ab, um zu einem Salut anzusetzen. Sie lehnte bloß da, mit verschränkten Armen, und sah sich fragend nach ihrem Freund um.

“Hm?”, machte die burschikose Nordländerin und ihre Brauen wanderten perplex in die Höhe. Sie wunderte sich bestimmt darüber, dass Hjaldrist mitten in der Nacht bei seinen Huskarlen auftauchte, anstatt zu schlummern.

“Schönen Abend.”, grüßte der Mann im fellbesetzten Überwurf und mit der messingfarbenen Krone am Haupt. Er hatte sich nicht allzu lange damit aufgehalten sich fertigzumachen. Schlichte Kleidung und locker im Genick zsuammengebundene Haare mussten reichen. Leicht streckte er sich.

“‘Abend’?”, machte Anna mit dunklem Unterton und schnaufte amüsiert “Eher ‘Morgen’.”

Es tat gerade unglaublich gut sie zu sehen und mit ihrem dämlichen Grinsen bedacht zu werden. Hjaldrist lächelte leicht und schob seine wirren Träume und die lauernden Sorgen um die Alchemistin beiseite.

“Löst du uns ab?”, fragte jene gleich feixend weiter und kassierte einen mahnenden Seitenblick von Matilda.

“Nein.”, gab der Jarl zurück “Ich wollte nur kurz an die frische Luft.”

Es war eine Halbwahrheit. Denn er hatte nicht nur tatsächlich etwas ins Freie gehen, sondern nach seinem nächtlichen Gegrübel auch nach Anna sehen wollen. Offenbar ging es ihr heute recht gut. Und ihr Blick verriet, dass sie genau ahnte, warum Hjaldrist wach war. Doch sie sprach es in der Anwesenheit ihrer Kollegin nicht an. Die Novigraderin nickte langsam und ließ es dabei bleiben.

“Soll ich dich begleiten?”, fragte Matilda Hjaldrist nun, doch er winkte ab.

“Ich wollte nicht spazieren gehen.”, sagte er “Aber danke.”

“Hmpf. Ich würde ja vorschlagen, wir würfeln, aber ich muss leider arbeiten.”, warf Anna ein und dies mit völlig ernster Miene “Und wenn mein Boss mitbekommen würde, dass ich dabei ans Spielen denke, bekäme ich nur wieder Latrinendienst.”

Hjaldrist verkniff sich ein trockenes Auflachen.

“DAS glaube ich auch…” bestätigte er und sie beide tauschten Blicke aus. Auch Matilda musste sich jetzt sichtlich eines Schmunzelns erwehren.

“Ist alles ruhig?”, wandte sich der Jarl dann an die hünenhafte Kriegerin und sie nickte.

“Vorhin wollte eine Gruppe Sturzbetrunkener in die Festung. Einer davon hat Matilda auf die Stiefel gekotzt. Aber das wars auch schon.”, ergänzte Anna noch. Dann schwiegen die Anwesenden. Hjaldrist hielt an den beiden Frauen vorbei ins Freie, ging ein paar Schritte weit und ließ sich dann auf der ersten Stufe der Steintreppe, die gen Hof führte, nieder. Die Ellbogen stützte er auf die Knie und fuhr sich einmal durchatmend über das matte Gesicht. Hjaldrist würde hier erst einmal eine Weile sitzen und die wenigen blinkenden Tranlichter der Stadt beobachten. Denn in sein Zimmer wollte er just nicht zurück. Es war ihm zu einsam dort.

“...Er hatte jedenfalls ein sehr großes Maul.”, sagte Matilda murrend, nachdem sich Hjaldrist abgewandt und sich hingesetzt hatte. Offenbar hatte sie sich vor dem Auftauchen ihres Jarls mit Anna unterhalten.

“Aber lass mich raten…”, entgegnete die Nordländerin gleich “Es war nichts dahinter?”

“Natürlich nicht.”, schnaubte die Größere genervt “Ragnar prahlte andauernd mit seinen nicht vorhandenen Errungenschaften und seinen ach so tollen Fähigkeiten als Kämpfer und Segler. Doch anstatt loszuziehen, saß er permanent in der Schänke, soff und stänkerte.”

“Klingt ja wie ein richtig angenehmer Zeitgenosse…”, konnte man Anna zynisch sagen hören.

“Oh ja…”, kam es von Matilda “Irgendwann beleidigte er den Wirt. Der war ein Veteran, musst du wissen. In Arinbjorn galt er lange als Held, der sich zur Ruhe gesetzt hat, um eine kleine Taverne zu leiten. Alle liebten ihn und seinen hausgemachten Mjodr.”

“Und Ragnar bedrohte ihn?”, hakte Anna neugierig nach.

“Ja. Da platzte mir der Kragen. Ein Kampf brach los und ich konfrontierte Ragnar.”, erklärte Matilda weiter “Er gab nicht klein bei, bespuckte mich. Am Ende tötete ich ihn, damit er ein für alle Mal sein Schandmaul hält.”

“Heilige Scheiße.”, fand Anna.

“Ah, es war halb so wild.”, wehrte deren Gesprächspartnerin ab und Hjaldrist schmunzelte in sich hinein “Alle waren froh darüber, dass ich dem Kerl den Garaus gemacht habe. Und Jarl Lugos stellte mich kurze Zeit später schon als Schildmaid an.”

Man hörte die Giftmischerin aus Novigrad auf diese Geschichte hin leise und ungläubig lachen. Dann waren die beiden Frauen still.

Es dauerte daraufhin nicht mehr lange, da dämmerte der Morgen. Und erst, als zwei andere Huskarle auftauchten, um die gähnende Anna und Matilda abzulösen, erhob sich auch der schlaflose Jarl von seinem Platz. Dabei wartete seine beste Freundin auf ihn, anstatt gleich ihrer Wege zu gehen. Sie sah müde aus und freute sich jetzt sicherlich schon auf ihr Bett. Nichtsdestotrotz mutete sie wohlwollend und wenig brummig an. Ihre blau-grüne Schärpe saß ein wenig schief und sie roch angenehm nach diesem Rosen-Duftwässerchen von Ravello. Offenbar neigte sie tatsächlich dazu wieder ganz die Alte zu werden. Das war schön.

“Ich habe Lindenblüten- und Melissentee über.”, meinte Anna, als sie an Hjaldrist’s Seite gemächlich in die Große Halle ging. Ihr Schwertgurt schepperte dabei leise gegen ein paar Nieten an ihrem ledernen Gürtel. 

“Ich bringe dir nachher was davon vorbei.”

“Ha?”, fragend linste der Skelliger zu der Sprechenden hin.

“Man schläft damit besser.”, erläuterte die Kurzhaarige seufzend “Und ich habe das Gefühl, man träumt auch nicht so oft und so schlecht, wenn man das Zeug vor dem Zubettgehen trinkt. Schaden tuts auf keinen Fall und ich spreche aus Erfahrung.”

Hjaldrist runzelte die Stirn und dachte nach. Erst nach ein paar Augenblicken setzte er zu einer kritischen Antwort an.

“Du träumst öfters schlecht?”, hakte er nach und Anna nickte. So, als sei es selbstverständlich, dass auch sie nachts oft wach lag. Aber war es das denn?

“Manchmal.”, sagte sie und suchte kurzen, aber hintergründigen Blickkontakt. Sie schwieg und vielleicht war es ihr ja unangenehm daran zu denken, was sie ab und an quälte. Dennoch interessierte sich Hjaldrist dafür und zwar brennend. Oh, er erwischte sich gerade sogar dabei seine Kollegin ausfragen zu wollen, doch er tat es nicht. Stattdessen setzte er zu einem nett gemeinten Angebot an.

“Falls du darüber sprechen willst…”, sagte er “Dann kannst du das mit mir tun. Du hast mir schließlich auch immer zugehört. Ja?”

“Mhm.”, war das einzige, das der Jarl darauf lau zurückbekam. Und es war vorerst in Ordnung, obwohl er sich ein klein wenig darüber ärgerte, zugegeben. Denn er wollte wissen, was in Anna vorging. Sie hatte bisher so wenig über das gesprochen, was ihr nach Neujahr widerfahren war und sicherlich plagten sie die dunklen Gedanken an ihre Entführung in Kaer Iwahell. Doch die verbohrte Idiotin verschloss sich dahingehend vollkommen, anstatt sich Erinnerungen an Folter und grausige Experimente von der Seele zu reden. Das war schlecht. Und auf kurz oder lang würde es ihr noch schaden.

“Apropos ‘Sprechen’...”, setzte Hjaldrist nach einer Schweigepause fort “Wir sollten später miteinander reden. Ich habe da nämlich einen Vorschlag für dich.”

 

“Hier.”, Anna legte zwei kleine Kräutersäckchen auf Hjaldrist’s antiken, elfischen Tisch ab, als sie am Nachmittag in dessen Schreibstube auftauchte. Sie hatte sich sichtlich gut ausgeruht und sich lockere Kleidung angezogen. Und… bildete es sich der Jarl nur ein oder hatte sie sich etwa die Haare gekämmt? Das war neu. Die Frau in der gestreiften Jacke taxierend deutete Hjaldrist auf den gezimmerten Stuhl, der vor seinem Tisch stand und die Nordländerin ließ sich nicht zweimal dazu bitten sich zu setzen. Leger ließ sie sich nieder und sah ihrem Kumpel aufmerksam entgegen.

“Du hattest einen Vorschlag?”, fragte sie nach.

“Ja.”, nickte der Undviker und schob seinen Papierkram vor sich fort. Er fasste nach den Kräutern Annas und schnupperte skeptisch an den naturfarbenen Leinensäckchen. Lindenblüten und Melisse. Es roch gut.

“Wegen dem Draugar…”, fing Hjaldrist an, als er das Kräuterwerk fort legte und sich gerader hinsetzte. Die Unterarme legte er auf seine massive Ablage und sah Anna ernst entgegen.

“Ich bin nicht dafür, dass wir ihn töten.”, sagte der Mann entschlossen “Er wirkt soweit friedlich und hat noch keiner Seele etwas zuleide getan.”

“Ja. Wenn man ihn in Ruhe lässt, wird er nichts tun, denke ich.”, bestätigte die Monsterjägerin optimistisch “Und selbst wenn man ihn anspricht, erkundigt er sich nur verwirrt nach diesem Garm Goldkehle.”

“Mhm.”, pflichtete Hjaldrist bei “Daher würde ich dem Ganzen gerne auf den Grund gehen, anstatt den Wiedergänger zu bekämpfen. Man könnte in der Bibliothek nach Liederbüchern suchen, in dem Garm erwähnt wird. Denn ‘Goldkehle’ war sicherlich ein Skalde.”

“Daran dachte ich auch. Nur gibt es viele Bücher und auch unter den Leuten der Insel nachzuforschen wird sehr lange dauern, fürchte ich.”, sinnierte Anna. Sie runzelte die Stirn nachdenklich und ihre schwarzen Augen wanderten, als sie grübelte. Dann richtete sie die Aufmerksamkeit berechnend auf Hjaldrist zurück.

“Willst du, dass ich mich dem annehme?”, fragte sie nach “War das dein Vorschlag?”

“Nicht direkt.”, gab der Krieger zu und setzte dazu an seine Idee näher zu erläutern. Die Nordländerin lehnte sich hellhörig vor und sah ihn erwartungsvoll an.

“Auf Undvik bist du neben mir die einzige, die sich mit Monstern und nicht nur mit Ogroiden auskennt.”, fing der Skelliger ruhig an “Und du weißt, wie man Draugar einschätzen kann oder gegen sie vorgehen muss, sollte es kritisch werden. Du bist unter Hexern aufgewachsen.”

“Ja. Und...?”

“Obwohl unser Wiedergänger friedvoll wirkt, habe ich ein schlechtes Gefühl dabei zu wissen, dass eine unserer Handelsstraßen direkt neben Dorve, in dessen Nähe er sich aufhält, entlang läuft. Ja, nicht viele Leute kommen dort vorbei, aber wenn, dann müssen sie durch ein Gebiet, in dem ein mächtiger Draugar haust.”, seufzte der Jarl “Ich will, dass du den Weg zum Hafen im Auge behältst, Anna. Siehst du dich dazu in der Lage?”

Man erkannte, wie sich die Miene der angesprochenen Frau augenblicklich erhellte und dies überraschte Hjaldrist nicht. Er hatte GEWUSST, dass Anna genau so reagieren würde. Merle hatte ihm nämlich unlängst erzählt, dass die hoffnungsvolle Novigraderin später einmal zu den Wegewächtern gehen wolle; dass die Monsterjägerin diesen insgeheimen Wunsch so ausgesprochen hatte, als sei er riesengroß. Nein, mehr noch: Als sei er ihr neues Lebensziel. Und wer wäre Hjaldrist gewesen, hätte er jenes seiner Freundin nicht offengehalten, obwohl er es für eine dumme Idee hielt zu den Wächtern zu gehen? In den vergangenen Monaten hatte Anna oft bewiesen, dass man sich auf sie verlassen konnte. Der unschlüssige und enttäuschte Jarl hatte erst nicht daran geglaubt und fand es auch heute noch etwas eigenartig zu sehen, wie Anna Tag für Tag ihren Dienst antrat. Dies zumeist sogar pünktlich. Der Axtkämpfer hatte gedacht, dieses Pflichtbewusstsein sei eine knappe Phase; angetrieben von einer kurzen Motivation und einem unglaublich schlechten Gewissen. Ja, Hjaldrist hatte geglaubt, Anna würde erst etwas vor ihm herumbuckeln, um sich dann wieder wie ein schamloser, flatterhafter Trampel zu benehmen. Aber das war nicht geschehen. Klar, die Frau war keine Vorzeige-Bedienstete, doch konnte man so etwas überhaupt von ihr verlangen? Wohl kaum. 

“Sofern du deine ‘Krankheit’ im Griff hast, hätte ich gerne, dass du dich gut gegen Monster ausrüstest und dann vor die Tore gehst.”, erklärte der Undviker seinem Gegenüber, um klipp und klar darzustellen, was er von ihr verlangte “Die Wege zwischen Caer Gvalch’ca und Dorve sollten im Auge behalten werden. Besonders das Waldgebiet vor der Speerfischküste. Bekommst du das hin?”

Die sprachlose Anna nickte hastig und Hjaldrist musste leicht grinsen, als er sah, wie aufgeregt sie plötzlich war. Sie sah aus, wie ein kleines Kind, das sich über ein großes Geschenk freute.

“Du bekommst eine Karte. Versuche das Gebiet, in dem sich der Draugar immer bewegt, darauf einzuzeichnen. Vermerke auch andere Sichtungen, ja? Das würde uns sehr helfen.”

“Mach ich.”, versprach die Frau zappelig.

“Du stürzt dich nicht allein auf große Monsternester, Zyklopen oder Riesen. Verstanden?”, beharrte der Jarl noch “Wenn du etwas dahingehend sichtest oder sich das Verhalten unseres Wiedergängers abrupt verändert, kommst du zu mir und wir kümmern uns gemeinsam darum.”

“In Ordnung.”

“Gut…”, endete Hjaldrist noch und lehnte sich zufrieden zurück “Du fängst morgen Früh an. Sage Henrik Bescheid und sorge dafür, dass du richtig gut ausgestattet rausgehst.”

“Klar.”, lächelte Anna und dies mittlerweile richtig breit. Sie strahlte schon fast, wie ein Honigkuchenpferd, und Hjaldrist hoffte die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Denn obwohl seine Freundin versiert und sehr erfahren war, war sie manchmal vorschnell und körperlich nicht auf der Höhe. Sie war in gewissem Maß besessen und der boshafte Magier in ihrem Kopf unberechenbar. Dennoch könnte man die freiheitsliebende Alchemistin nicht auf ewig hier, in der Burg, einsperren. Sie würde noch wahnsinnig werden, ganz sicher. Oder… sie würde wieder gehen, um sich eine neue Freiheit zu suchen. Wer wusste das schon? Beides wollte Hjaldrist nicht.

Der Jarl nickte der Kurzhaarigen also ermutigend zu, die sich bereits erhob. Mit Freude im Blick wollte die Burschikose sich abwenden und schon gehen, da hielt sie noch einmal inne und sah sich nach Hjaldrist um. Er erwiderte ihren Blick abwartend.

“Danke, Rist.”, sagte die Kräutersammlerin ehrlich und sah ungemein erleichtert aus. So, als habe man sie viel zu lang an einer kurzen Leine gehalten, die man soeben einfach vertrauensvoll losgelassen hatte. Es musste für den chaotischen Freigeist aus dem Norden solch eine enorme Sache sein sich beruflich außerhalb der schützenden Tore bewegen zu dürfen; losgelöster und selbstbestimmter, als beim starren Dienst innerhalb der großen Falkenburg. Jeder andere, der kein Wegewächter war, hätte sich sicherlich unsagbar davor gesträubt in die gefährlichen Wälder der Winterinsel zu gehen. Man hätte es als Strafe angesehen. Nur Anna, die tat das nicht. Sie platzte gerade schier vor Glück.

“Tse. Danke mir nicht zu früh.”, lächelte Hjaldrist schief “Undvik ist nicht so ein Kinderspielplatz, wie Redanien oder Nilfgaard...”

“Ich weiß.”, versicherte die Ungeheuerjägerin noch und trat ungeduldig von einem Bein aufs andere. Ihr Kumpan verdrehte amüsiert die Augen und deutete mit dem Kinn gen Tür.

“Hau schon ab, ‘Unholdjägerin’...”, bat er schließlich und konnte sich kaum versehen, da war Anna auch schon auf und davon. Skeptisch sah ihr der Skelliger nach und hoffte, dass alles gut ginge.

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