Kapitel 123 (Buch 4, 26)

Ein lied für Gerd

Es schüttete schon seit dem Vormittag, wie aus Kübeln, als Anna ins dichte Unterholz sprang, um folgend eine kleine Senke hinab zu schlittern. Gerade so hielt sie sich dabei armrudernd auf den Beinen, kam auf wieder flacheren Grund und hielt auf die große Lichtung zu, die sich vor ihr auftat. Die Frau trat in eine knöchelhohe Pfütze, doch egal. Sie hatte so und so schon nasse Füße. Seit dem Morgengrauen war Anna nun schon unterwegs, um in dem ihr zugeteilten Gebiet Ausschau nach dem Draugar und anderen Monstern oder Ungeheuern zu halten. Seit einer Woche tat sie das nun schon und wusste mittlerweile ganz genau, welche Pfade sie nehmen musste, um zwei große Nekker-Nester, den Hort eines kleinen Wyvern und die Höhle eines unfreundlichen Steintrolls zu umgehen. Gestern erst, hatte sie sogar eine kleine Gruppe von Leuten aus Caer Gvalch’ca sicher zum Hafen gebracht. Die Annahme, dass hier, vor Dorve und der Speerfischküste selten jemand durchkam, hatte sich also nicht bestätigt.

Anna lief über Stock und Stein. Sie hatte Saov zuhause gelassen, denn sie streifte heute durch das Dickicht. Ihr Pferd hätte Probleme damit gehabt durch die verästelten Dornensträucher und Büsche zu kommen, an matschigen Hügeln hinunterzurutschen oder über haufenweise umgekippte Baumstämme zu gelangen. Und die Alchemistin hatte ihren Vierbeiner nicht außerhalb des Forstes anbinden wollen. So etwas auf Undvik zu tun, glich einem Pferd als Todesurteil, denn hier wimmelte es nur so von wilden Tieren und hungrigen Monstren. Jeder in der Wildnis angeleinte Tier wurde zum hilflosen Köder für Raubtiere und andere Biester. Und, bei Melitele, ein unschätzbar teures Pferd, wie Saov, sollte nicht zum Frühstück eines Ogers oder einer Nekkerbande werden. Also war Anna just allein. Nur ihr wertvolles skelliger Silberschwert begleitete sie auf ihrem feuchten Weg gen Dorve, wo sie einmal wieder nach dem Draugar sehen wollte. Einen Tag zuvor hatte sie unweit des Dorfes keinerlei Spur von dem wandelnden Toten entdeckt und daher wollte sie ihre Beobachtung heute etwas ausweiten. Nämlich auf das Areal des Waldes, durch den sie soeben lief. Nass hingen der Kriegerin die schwarzen Haare vom Kopf. Sie waren mittlerweile so lang, dass sie ihr längst tropfend in das Sichtfeld ragten. Flüchtig wischte sich Anna ein paar Strähnen vor den Augen fort und kam am Ende der Lichtung zum Stehen, sah sich um. Ein Himbeerstrauch zu ihrer Rechten galt ihr als Anhaltspunkt und Wegweiser. Sie wand sich in dessen gegenüberliegende Richtung und ging weiter. Hier, im Forst, war das Blätterdach sehr dicht, doch nicht so satt, dass es den Starkregen abhielt. Demnach war der Forstboden nass und schlammig. Man musste aufpassen, dass man nicht ausrutschte. Die verdreckten Stiefel Annas traten in feuchtes Moos und sie hielt kurz inne, als sie etwas hinter sich rascheln hörte. Ein dumpfes Donnergrollen durchbrach den frühen Tag. Es war düster, doch sicherlich schon nach Mittag. Und es roch nach feuchter Erde und Fichtennadeln.

Suchend wanderten die dunklen Augen der Trankmischerin, um nach der Quelle des Blättergeraschels inmitten des prasselnden Regens zu spähen. Man musste wachsam sein. Wölfe und Bären waren hier nicht selten. Daneben gab es große Arachniden, schmalere und massige Ogroiden. Zudem kursierte zurzeit ein Gerücht, dass irgendwo in den Wäldern im Osten Undviks ein Teufel hausen sollte. Jemand mit Hörnern und Hufen, ein Freund der Riesen, der Kinder frisst und Frauen schändet. Wahrscheinlich war es ein Sukkubus oder ein Silvan. Beides fand Anna im Grunde unbedenklich. Dennoch war sie auf eine ungeplante Begegnung mit solchen Ungeheuern vorbereitet.

Die Frau atmete tief durch, nachdem sie erkannt hatte nicht belauert oder verfolgt zu werden. Auch ihr Medaillon blieb ruhig. Daher setzte sie sich in Bewegung, um weiterzugehen. Und obwohl es schüttete und der Wind kalt blies, fühlte sich Anna richtig, richtig gut. Es war befreiend durch den offenen Wald zu hasten und sich dabei den Tag genau so einteilen zu können, wie man es mochte. Sie war Hjaldrist unsagbar dankbar dafür, dass er ihr die Gelegenheit dazu gegeben hatte das hier zu tun. Henrik hatte gelacht, als Anna ihm gesagt hatte, sie solle nun vor den Toren arbeiten. Er hatte sie grinsend gefragt, ob sie etwas Schlimmes angestellt hatte und nun eine Strafe verbüßen müsste; Ob der Jarl sie plötzlich hasste und sie deswegen dazu verdonnerte bei Wind und Wetter durch die raue Gegend der Winterinsel zu ziehen. Und die Novigraderin, die sich über alle Maßen über ihre neue Freiheit gefreut hatte, hatte sich verstellt und bloß mit den Achseln gezuckt.

‘Keine Ahnung. Strafe?’, hatte sie gelogen ‘Kann sein. Naja...’

Denn was hätte sie dem hünenhaften Huskarl sonst sagen sollen? Dass Rist ihr einen riesengroßen Gefallen tat, indem er sie vor die Stadttore befehligte? Nein. Es hätte so geklungen, als stelle man Anna als privilegiert dar. Und das wollte sie nicht. Also hatte sie der restlichen Leibgarde gegenüber eine unwissende Miene gezogen und den Kopf lethargisch abschätzend gewogen, als man ihr gegenüber Mitleid ausgesprochen hatte. Ach, wenn die anderen nur wüssten! 

Beschwingt verschwand Anna also zwischen ein paar Bäumen und näherte sich dem Umkreis von Dorve. Und während sie durch die ungnädige, klamme Wildnis stromerte, unterstützte Hjaldrist sie von seiner Burg aus. Und zwar indem er nachforschte. Zusammen mit Aldoran und Ravello, so hatte er berichtet, durchsuchte er die Bibliothek nach Liederbüchern und Schriften über Garm Goldkehle oder die damaligen Bewohner des Dörfchens, in dem nun ein Wiedergänger sein Unwesen trieb. Sicherlich wäre Rist nur zu gern mit Anna durch den kalten Regen gelaufen. Doch er konnte nicht, denn seine Verpflichtungen hielten ihn in der Falkenburg. Also bemühte er sich zumindest darum in der Theorie etwas über Garm in Erfahrung zu bringen.

 

Den ganzen Tag verbrachte Anna im Hundewetter. Auf einem kleinen Felsen sitzend und die nahe Gegend überblickend, hatte sie ihren Draugar nach einer halben Ewigkeit erspäht.  Endlich. Einen halben Kilometer von Dorve entfernt stand er regungslos im Wald, nahe der Nebenstraßen des Weges zum Hafen. Er verharrte still und sah so starr vor sich hin, dass es schon unheimlich wirkte. Anna, die skeptisch gaffend auf einem Stück Trockenobst herumkaute, zog die Brauen zusammen und beobachtete das Ungeheuer penibel. Sie glitt gelenk von ihrem Stein, um sich klitschnass einen Platz unter einem nahen Baum zu suchen. Noch immer regnete es, doch zum Glück nicht mehr allzu stark. Die Giftmischerin hob ihren Mantel schützend über eine Tasche, die sie bei sich trug und zog aus jener eine Karte hervor. Das Pergament war etwas feucht geworden, doch das machte nichts. Solange es nicht triefend nass war, war alles in Ordnung. Und wie hätte Anna es auch schaffen sollen ihre Landkarte HEUTE vollkommen trocken aufzubewahren? Sie warf einen Blick auf jene und sah wieder auf, um nach dem Draugar zu äugen. Jener hatte sich zu ihr umgewendet und starrte sie just reglos an. Die burschikose Schwertkämpferin senkte die Aufmerksamkeit auf die Karte in ihrer Hand zurück und musterte die kleinen Kreuzchen, die sie darauf eingezeichnet hatte. 

“Du bewegst dich immer weiter von Dorve fort…”, flüsterte Anna leise und obwohl sie damit den Wiedergänger meinte, mutete es an, als spräche sie mit sich selbst “Warum? Suchst du etwas…? Oder jemanden? Tse.”

Noch einmal sah Anna auf. Noch immer stierte der Draugar sie an. Und jetzt, eine Woche im Dienst als jemand, der dieses Ungetüm beobachtete, störte sie der Blick der blassen, wandelnden Leiche kaum noch. Denn es war nicht das erste Mal, dass jene sie einfach nur stumm ansah und sich nicht bewegte. Leise seufzte Anna und runzelte die Stirn, rollte die Landkarte ein und steckte sie wieder fort. Sie hielt Blickkontakt zu dem eigenartigen Draugar, der aus milchigen Augen glotzte. Sein graues Haar hing ihm strähnig nass vom Schädel. Er sah aus, wie ein makabres Gespenst und sein erbärmlicher Geruch nach Verwesung stach unangenehm in der Nase. Die anwesende Alchemistin verzog das Gesicht leicht, zögerte und klaubte nach einer Aufforderung. Dann sprach sie den an, der keine zwanzig Fuß weit entfernt stand und sie apathisch betrachtete.

“Hey!”, machte die Frau und der Wiedergänger rührte sich kein Stück weit. Er reagierte nicht und dies brachte Anna dazu einen entnervten Laut von sich zu geben.

“Es ist gruselig, wie du da rumstehst.”, fand die Monsterjägerin und hätte ihr vor zwei Jahren jemand gesagt, sie würde einmal SO mit einem alten Draugar reden, hätte sie es nicht geglaubt. Sie trat zwischen den Bäumen hervor und musste sich in den Kragen fassen, um sich einen heruntergerutschten Träger von Pavetta’s Unterwäsche zurück auf die Schulter zu ziehen. Das verdammte Zeug war unbequem. Doch - so viel musste sich Anna eingestehen - es fühlte sich manchmal schon gut an die Sachen aus leichtem Stoff und Spitze zu tragen. Eigenartig ermunternd war das.

“Können wir uns unterhalten?”, wollte die Nordländerin gutmütig wissen und der Wiedergänger im Regen beobachtete sie “Ich laufe hier jeden Tag herum. Du auch. Vielleicht sollten wir mal miteinander reden.”

“Reden?”, keuchte die ausgemergelte Leiche langsam “Wo ist Garm Goldkehle?”

“Ich weiß nicht. NOCH nicht.”, lächelte Anna schief, als sie mit einem gewissen Sicherheitsabstand vor dem Draugar zum Stehen kann “Tatsächlich suchen wir nämlich nach ihm.”

“Ihr sucht?”

“Ja, Rist-... der Jarl und ich. Wir wollen dir helfen, weißt du?”

“Ihr sucht...”

Ein wenig nervös lächelte die Nordländerin. Der Wiedergänger war ja ein wirklich ‘guter’ Gesprächspartner. Sie räusperte sich unwohl.

“Naja, ähm…”, entkam es Anna dann “Weißt du eigentlich, wie man Gwent spielt?”

“Er hat mich an meinem Totenbett verlacht…”, atmete der Draugar und sein Gesicht war qualvoll verzerrt, ehe es einen Funken Wut annahm. Doch dieser eine kleine Deut zwang Anna bereits dazu die Hand beiläufig abwartend an ihr silbernes Schwertheft zu legen. Es folgte aber nichts weiter. Der Wiedergänger stierte wenige Atemzüge später bloß wieder und sein Ausdruck wurde gewohnt leer.

“Garm Goldkehle…”, wisperte er rau.

 

Anna kam erst am späteren Abend in die große Falkenburg zurück und dies unter den skeptischen Augen der Bediensteten. Denn als sie in die Große Halle kam, an deren Ende der Jarlsthron stand, tat sie das mit bis zu den Waden schlammig eingesauten Stiefeln. Demnach hinterließ die Frau eine meterweite Spur aus Dreck und scherte sich nur wenig darum. Ihre vier Huskarl-Kollegen, die anwesend waren, beobachteten Anna unschlüssig, als sie nach Hjaldrist Ausschau hielt. Jener saß sichtlich entnervt auf seinem Thron und hörte soeben einem aufgebrachten, untersetzten Skelliger zu, der vor ihn getreten war. Dieses Mal war es zur Abwechslung KEINER der Bauern, die sich seit Wochen um das Tidtborg-Feld stritten, sondern ein Kerl, der von hinten so aussah, wie ein Handwerker. Er trug nämlich eine Lederschürze und gestikulierte mit behandschuhten, dreckigen Händen.

“Sie haben mir meinen Hobel gestohlen!”, maulte der bärtige Mann zornig “Und eine Säge! Und mit der haben sie dann am Türrahmen von Harobjørn gesägt!”

Rist seufzte tief und rieb sich die Schläfe.

“Es sind Kinder.”, wand er trocken ein.

“Das ändert nichts daran, dass Harobjørn mich beschuldigt und eine Entschädigung verlangt! Denn die Drecksblagen haben MEINE Säge benutzt, um sein Haus zu beschädigen!”

“Nun ja, du hast die Säge leichtfertig liegen gelassen. In gewisser Hinsicht war es also schon deine Schuld…”, fand der Jarl gelassen. Er hatte einen Ellbogen auf seine breite Armlehne gestützt und sein Kinn lag auf seiner Hand. Der Schönling wirkte ein wenig müde und hatte es für den heutigen Tag bestimmt satt sich mit irgendwelchen motzenden Bürgern herumzuschlagen. Anna, die nach ihrem Eintreten in die Halle innegehalten hatte, wartete ab und kam nicht näher. Stattdessen sah sie von dem grantigen Tischler fort und hin zu ihrem Freund, der auf seinem massiven Anführersessel herumlungerte und sich die zornige Tirade seines Gesprächspartners geduldig anhörte. Die stille Trankmischerin taxierte Rist regelrecht aus der Ferne und, wie so oft, verlor sie sich dabei ein wenig. Ja, sie wollte vergessen, was sie für diesen viel zu ansehnlichen Kerl fühlte, doch kam seinem einnehmenden Anblick dennoch nicht immer aus. Zurzeit vor allem nicht dann, wenn er dort vorn, auf seinem schmucken Sessel saß. Denn dieses Bild erinnerte sie an... ‘Dinge’, die sie nun schon zweimal im Traum eingeholt hatten. An recht, nun ja, pikante Sachen, die ihr blühendes Kopftheater auch jetzt wieder ereilten und die Ausländerin abwesend starrend zurückließen. Obwohl sich Anna geschworen hatte es unter den Tisch zu kehren, dass sie mehr von Hjaldrist wollte, als eine Freundschaft, sperrte sie sich nicht vor gewissen Fantasien. Denn jene passierten doch nur in ihrem Kopf und kein anderer sah sie demnach. Es gab keine Konsequenzen für sie. Ja, Asche auf ihr Haupt, aber die Novigraderin dachte nur zu gern an das, was sie mehrmals geträumt hatte. Daran, wie sie über ihren bereitwilligen Freund gekommen war, der an seinem üblichen Platz gesessen hatte und daran, wie er sie später ganz schamlos jenem Thron entgegen gezwängt hatte, um sie zu nehmen, als habe er nie wieder die Gelegenheit auf Sex. Sie dachte daran, wie sie den Kopf in den Nacken geworfen und lautstark kundgetan hatte, dass ihr gefiel, was Hjaldrist tat. Anna hatte im Traum hemmungslos zugelassen, dass er ihr das letzte Denken aus dem Hirn bumste. Denn warum auch nicht? In ihrem Dummschädel, da hatte sie sich küssen und an den Haaren zerren lassen. Ausgezogen hatte sie sich für Rist, die Beine um seine Hüfte geschlungen, ihn eng an sich gedrückt. Es hatte kaum etwas an ihm gegeben, das sie nicht in den Mund genommen hatte. Diese eigentlich absurden Bilder hatten sich in ihren Geist eingebrannt. Und Anna wusste, dass sie auch in der Realität, abseits des Schlafes, nicht sehr lange zögern würde, würde der Jarl auf die Idee kommen ihr an die Wäsche zu wollen. Also… rein theoretisch jedenfalls. Denn das brave Schäfchen Hjaldrist käme nicht auf solche Gedanken. Vor allem nicht mehr, seitdem Anna ihm das Herz gebrochen hatte. Und das war unsäglich schade. Denn die Nordländerin sann dem sehr oft tagträumerisch oder in einsamen Stunden nach, in denen sie sich selbst anfasste. Sie war ja auch nur ein Mensch. Zu ihrem Leidwesen ein verliebter auch noch dazu. Es war eine Katastrophe, wirklich. SIE war eine Katastrophe.

“Ey.”, die Stimme Hjaldrists ließ die Gedankenverlorene sofort aufsehen. Und sein abwartender Blick riss sie just in das Hier und Jetzt zurück. Ein wenig zerstreut blinzelte die Frau und gab einen wirren Laut von sich. Der feiste Schreiner war fort. Es war der geistig abwesenden Anna gar nicht aufgefallen, dass er die Halle längst verlassen hatte.

“Alles in Ordnung?”, wollte der Jarl weiter vorn wissen und die Alchemistin wich seinem Blick einige Momente lange betreten aus. Oh Mann. Tief durchatmend rieb sich die Kurzhaarige den Nacken. Dann nickte sie langsam. Hjaldrist erhob sich solange und streckte sich knapp, knackte mit dem Nacken. Dann kam er in die Richtung seiner untervögelten Kollegin. Ja, genau das war sie. Und sie verfluchte diese nagende Tatsache immer wieder. Vielleicht sollte sie an einem Trank arbeiten, der einen in den Lenden taub machte. Es würde ihr vieles erleichtern.

“Es ist spät. Und du wirkst aufgelöst.”, merkte der Skelliger kritisch an und musterte Anna eingehend. Sie schaffte es nur allmählich wieder seinen Blick zu erwidern. Hoffentlich war sie nicht rot geworden.

“Ist irgendetwas passiert? Warum warst du so lange fort?”, wollte der Mann mit der Krone am Kopf ernst wissen “Ich hatte deinen Bericht zur Abenddämmerung erwartet, aber du kamst nicht.”

“Äh, nein. Alles gut. Ich war heute nur zu Fuß unterwegs.”, erklärte Anna gleich und räusperte sich, um die trockene Kehle freizubekommen. Ihr war noch immer ganz warm und dass Hjaldrist nähertrat, half nicht unbedingt dagegen.

“Darum kam ich nicht so schnell zurück. Ich… habe die Entfernung und das Wetter etwas unterschätzt.”, endete die Ungeheuerjägerin verlegen und steckte sich die Hände in die Taschen. Womöglich schaffte sie es dabei ja sogar gelassen zu wirken und nicht so, wie ein Dieb, den man bei einer dreisten Tat erwischt hatte. Dezent unsicher sah Anna Rist an, der sie wiederum kritisch beäugte. Er... hatte da ein kleines Muttermal an einem seiner Mundwinkel. Die innerlich wenig gefasste Novigraderin mochte jenes seit jeher sehr und konnte sich nicht dagegen erwehren, dass ihre Augen das Mal suchten.

“Hm. So, so...”, machte der Jarl “Aber wie auch immer… ich wollte mir dir sprechen. Denn ich denke, ich habe gute Neuigkeiten bezüglich unseres Goldkehlchens.”

Anna wurde sogleich hellhörig, als sie das vernahm. All ihre anderen Gedanken wurden augenblicklich zur Nebensache.

“Wirklich?”, fragte sie neugierig nach und sah ihren Kumpel zufrieden lächeln. Er nickte.

“Ravello fand heute Nachmittag ein altes undviker Liederbuch. Und darin sind zwei Texte von Garm verzeichnet.”, erzählte der Axtkämpfer und Anna’s Miene wurde hell.

“Tatsächlich?”, machte sie “Und?”

“Die Lieder sind leider mit dem Jahr 1130 datiert…”, klärte Rist weiter auf “Also nehme ich an, dass Garm längst tot ist. Das könnte ein, äh, kleines Problem darstellen.”

“Das… ist über einhundert Jahre her…”, erkannte die wieder viel aufmerksamere Nordländerin richtig “Kacke.”

Man sah Hjaldrist mit den Schultern zucken, um die sich sein schöner Fellumhang legte, und grüblerisch lenkte er die braunen Augen fort. Sein Blick wanderte ein wenig und er legte die Stirn in Falten. Im Hintergrund eilte eine Hausmagd heran, um den schlammbefleckten Boden des Saales sauber zu wischen.

“Wir werden uns etwas einfallen lassen müssen, wenn wir den Draugar erlösen und nicht gegen ihn kämpfen wollen…”, fand er “Etwas Gutes.”

“Wohl wahr.”, seufzte Anna und so sehr sie sich vor wenigen Momenten noch über die Entdeckung des Liederbuches gefreut hatte, so verebbte ihre abrupte Zuversicht allmählich wieder. Sie murrte unzufrieden und ein kurzes Schweigen tat sich zwischen ihr und ihrem besten Freund auf.

“Ach, wir finden schon ne Lösung.”, glaubte Rist dann und brach die ratlose Stille damit ruhigen Tones. Oder war er einfach nur schon zu müde, um sich aufzuregen? 

“Das haben wir doch immer. So gesehen ist die Sache doch eine schöne Herausforderung, oder nicht?”, endete er.

Anna hob eine Braue, legte den Kopf leicht schräg. Dann musste sie aber schief lächeln. Denn der ältere Undviker hatte Recht.

 

Sie trafen sich wenig später im warm von Fackeln erleuchteten Speisesaal der Burg, um ihre Pläne bezüglich des dorvers Wiedergängers beim verspäteten Abendbrot zu besprechen. Mit einem großen Teller voller belegter Brote in ihrer Mitte, lungerten die ehemaligen Vagabunden herum und zermarterten sich die Köpfe.

“Vor zwanzig Jahren gab es eine Flutwelle, die den alten Friedhof im Südwesten völlig ramponiert hat.”, erklärte Rist bedächtig, als er nach einem Käsebrot mit Pfeffer klaubte “Man konnte die Gräber nicht retten und dort, wo sie einst waren, steht das Wasser noch immer meterhoch. Wenn Garm hier, auf Undvik begraben worden ist, dann im Südwesten. Und in diesem Fall gibt es kein Grab an Land, das man aufsuchen kann.”

“Und sollte er woanders liegen, müsste man ganz Skellige abklappern, um ihn zu finden.”, ergänzte Anna noch und seufzte ratlos. Die Frau, die sich vor dem Essen gewaschen und in trockene Kleidung gehüllt hatte, schenkte sich und ihrem Freund Kirschsaft nach. Sie fischte daraufhin nach ihrem gefüllten tönernen Becher, um einen Schluck zu trinken.

“Richtig.”, nickte Hjaldrist und kratzte sich nachdenklich am unrasierten Kinn, als er Anna gedankenverloren beobachtete “Das Inselarchipel abzuklappern klingt im Grunde ja nach einer spannenden Sache. Nach nem kleinen Abenteuer. Aber erstens haben wir keine Zeit dafür, denn wir müssen in wenigen Tagen zurück nach Bogenwald reisen, um uns mit Lado und den anderen zu treffen. Und zweitens sollte ich nicht einfach so von hier fort, um planlos ein Grab eines toten Skalden zu suchen.”

Die lauschende Alchemistin, die ihr Trinkgefäß wieder fortstellte, sah auf und musste ein wenig melancholisch lächeln. Früher, da wären sie beide losgelaufen, ohne zweimal zu überlegen, nicht wahr? Es hatte nichts gegeben, das sie hielt, und sie hätten nicht unter Zeitdruck gestanden, weil sie unbedingt irgendwohin mussten. Die beiden Abenteurer wären einfach munter drauflos spaziert und hätten die Inseln nach Garm’s verdammtem Grab umgekrempelt. Das, während sie ganz nebenher Monster gejagt hätten, um ein paar Münzen zu verdienen.

“Was schlägst du also vor?”, entkam es Anna und sie suchte Blickkontakt zu ihrem Kollegen im grünen Mantel. Oh, es glich einer Ewigkeit, seit sie zwei zum letzten Mal als unbedeutende Ungeheuerjäger durch Ard Skellig marschiert waren. Wann hatten sie beide sich in Blandare kennengelernt? Vor fünf Jahren?

“Schreibt doch ein Lied für ihn!”, kam es urplötzlich aus dem Hintergrund. Sofort horchte Anna auf und auch Hjaldrist wendete sich auf seinem Holzstuhl um, um gen Eingangstüre zu sehen. Merle lugte just durch den Spalt in der Pforte herein. Sie grinste breit.

“Er wird es bestimmt mögen, wenn ihr ein Lied über ihn singt, das ihn NICHT bloßstellt.”, fand das Mädchen unbeschwert.

“Merle!”, machte Rist mit tiefem Unterton und war ganz der große, tadelnde Bruder “Was tust du hier? Du solltest längst im Bett sein. Es ist bald Mitternacht!”

Die Kleine mit den zwei schwarzen Zöpfen lächelte nervös und linste hilfesuchend zu Anna. Jene zog die schmalen Brauen hoch und musterte die 15-Jährige überrascht. Dabei versuchte sie nicht amüsiert zu grinsen. Als das große Idol Merles sollte Anna deren Fehltritte nämlich nicht komisch finden. Das tat sie aber. Denn in deren Alter war sie genauso gewesen, wie die kleine Undvikerin. Merle kratzte sich still den Hinterkopf.

“Die Idee ist gut.”, wand die anwesende Novigraderin nach einer kurzen Schweigepause ein und erbarmte sich damit “Ja, Merle hat schon Recht, Rist.”

Der angesprochene Jarl legte die Stirn in tiefe, unschlüssige Falten und sah aus dem Augenwinkel zu seiner besten Freundin hin. Anna, indes, lächelte der kleinen Schwester Hjaldrists ermunternd zu und deutete auf den freien Platz neben sich. Sichtlich erleichtert atmete das schlanke Mädchen daraufhin aus und kam federnden Schrittes daher, um sich zu den Erwachsenen zu setzen.

“Woher weißt du von dem Draugar, Merle?”, wollte Rist gleich wissen, als sich die Besagte niedergelassen hatte “Hast du uns etwa belauscht?”

“Äh…”, Merle hüstelte aufgeregt und zwang sich zu einem unschuldigen Lächeln. An diesem Punkt angelangt konnte sich Anna ein leises Lachen nicht verkneifen. Hoffentlich nahm Rist ihr das nicht übel.

“Bei Hemdall…”, seufzte der Jarl derweil und schüttelte den Kopf. Auch er schmunzelte jetzt ein wenig. Melitele sei Dank.

“Ihr habt gesagt, dass Garm ein böses Lied über den Draugar gesungen hat, als der gestorben ist. Und dass er nur deswegen zum Monster geworden ist.”, erinnerte sich Merle.

“Ungeheuer.”, korrigierte deren Mentorin belehrend.

“Oh… ach ja! Ein Wiedergänger ist kein Monster!”

“Und du glaubst, wir sollen ihm ein Lied schreiben, in dem es um ihn geht und in dem er nicht verspottet wird?”, fragte Hjaldrist nach und war ganz Ohr. Er schob den Teller mit den Broten in Merle’s Richtung und interessiert betrachtete seine Schwester das Essen, ehe sie hungrig nach einem Speckbrot klaubte. Sie nickte, als sie davon abbiss.

“Anna schreibt manchmal Texte.”, nuschelte Merle zwischen zwei zu großen Brotbissen “Ich hab ihr Liederbuch gesehen und da waren ein paar echt gute Notizen drin. Es hat mich überrascht was für gefühlvolle Sachen sie schreiben kann.”

Die betroffene Nordländerin versteifte sich ein wenig, als das direkte Mädchen dies sagte. Doch sie äußerte sich nicht weiter dazu. Peinlich berührt betrachtete sie die alte Tischplatte vor sich. Da war ein kleiner Fleck. War das Tinte?

“Liedtexte? Tatsächlich?”, nun bedachte Hjaldrist seine Kumpanin neugierig von der Seite aus. Sein Blick gefiel Anna nicht und sie versuchte nicht aufzusehen. Ja, das auf der antiken Ablage war Tinte.

“Mhm, ich zeige ihr doch schon seit langem, wie man Gitarre spielt!”, freute sich die kleine Schwester, nachdem sie hinuntergeschluckt hatte. Sie straffte die Schultern stolz und sicherlich freute sich ihr Ego ungemein darüber, dass sie ihrem großen Vorbild auch etwas beibringen konnte.

“Oh!”, machte Rist und mutete dezent verblüfft an. Die Giftmischerin neben ihm atmete tief durch die Nase aus und schlug die Augen nieder. Unbewusst fummelte sie an ihrem weißen Ärmelsaum herum und fuhr dort mit dem Fingernagel über die grobe Naht.

“Also könntet ihr ein Lied über den Draugar schreiben und Anna spielt es ihm dann vor!”, lächelte Merle zuversichtlich und machte sich daran den Rest ihres pikanten Brotes aufzuessen. Die berechnenden Augen des Jarls hielten seine Freundin aus dem Norden solange auffordernd fixiert.

“W-was?”, atmete Anna, die den Blick vom Tisch fortgerissen hatte, fast schon aufgebracht “Nein. Ich singe niemandem was vor.”

“Warum denn nicht?”, wollte Rist’s Schwester nett wissen und dies ohne vorher zu schlucken. Sie verlor ob dem beinah ihren letzten, halb zerkauten Bissen Brot. Ihr Bruder zog die dunklen Brauen kritisch zusammen, als er das sah. Doch Merle zuckte nur die Achseln.

“Ich-”, fing die beklommene Alchemistin mit den kurzen Haaren an und ihr war soeben richtig warm geworden “Naja… so halt. Ich bin doch keine Bardin.”

“Das musst du ja auch nicht sein.”, fand Rist. Oh, konnte er gerade bitte einfach nur Ruhe geben?

“Ich bin mir sicher, dass es ausreicht, wenn ihm eine Laie was vorsingt.”, glaubte der Mann noch, doch Anna schüttelte das Haupt abwehrend. Sie atmete entnervt durch und sah unzufrieden zu ihrem Freund hin. Merle lachte gackernd. Und dann kam Anna ganz plötzlich eine rettende Idee. Ihre Miene lockerte sich sogleich und sie sah sich nach der anwesenden 15-Jährigen um. Sie zögerte nur wenige Herzschläge lange, ehe sie redete.

“Merle… du willst doch einmal Monsterjägerin werden.”, erinnerte die Nordländerin verschlagen und nicht nur das Mädchen mit den Zöpfen wurde hellhörig.

“Anna...?”, fragte Hjaldrist verunsichert nach. In seiner Stimme lag eine stumme, unterschwellige Drohung.

“Ja, will ich!”, lächelte die ambitionierte Schwester breit.

“Was, wenn wir ein Lied schreiben und DU es dem Draugar vorsingst?”, schlug Anna vor und Merle, sowie Rist, fiel alles aus den Gesichtern. Die Kleine stockte und bekam ganz große Augen, während der Große empört stutzte.

“Was?”, stöhnte der Jarl wenig begeistert.

“Was?”, strahlte Merle zeitgleich, wie die Frühlingssonne.

Anna grinste zufrieden und setzte dazu an die Situation zu erklären und den lauernden Missmut ihres Kumpels mit der Krone zu besänftigen. Sie blickte zwischen den Geschwistern hin und her.

“Der Wiedergänger ist soweit harmlos. Er tut niemandem etwas zuleide und außerdem, Rist, sind wir beide doch auch da. Wir sind schon so vielen Monstern und Ungeheuern begegnet und zusammen sind wir so gut, wie ein echter Hexer. Ich bin auch richtig gut ausgerüstet, seit ich vor den Toren arbeite. Sollte etwas schieflaufen, wird es kein Problem sein Merle zu beschützen. Darauf gebe ich mein Wort.”

“Oh, bei der Weltenschlange…”, murmelte der Schönling, der hier mit Argumenten überhäuft wurde, und fuhr sich mit der Hand über das Gesicht.

“Mich muss niemand beschützen!”, posaunte die 15-Jährige am Tisch “Ich komme klar und helfe gerne! Und ich kann auch echt gut singen. Ich bekomme seit acht Jahren Musikunterricht!”

Anna schnaufte erheitert, als das Mädel plapperte, und warf ihrem Freund einen bedeutungsvollen Blick zu.

“Siehst du?”, kommentierte sie.

“Mh…”, murrte Hjaldrist und es war schön zu erkennen, dass er tatsächlich daran dachte seine kleine Schwester mit nach Dorve zu nehmen. Er tat manchmal zwar streng, doch im Grunde war er noch immer der Käferschubser von damals.

“Bitte, Hjaldrist!”, flehte Merle und war ganz zappelig. Sie ruckelte auf ihrem Platz herum und sah ihren ältesten Bruder hoffnungsvoll an.

“Ich benehme mich auch! Versprochen!”, sagte sie “Bitte sag Ja!”

“...Also schön.”, antwortete der Jarl nach einer knappen Denkpause und seine schwarzhaarige Schwester platzte fast vor Freude. Sie hielt es nicht mehr aus zu sitzen und sprang auf, schlug die Handflächen einmal triumphierend aufeinander und jauchzte in einem frohen Ton.

“Uh ja!”, lachte sie laut.

“Aber du kannst nur mit nach Dorve kommen, wenn du jetzt ins Bett gehst, Monsterjägerin in spe.”, brummte Rist noch und man konnte sich kaum versehen, da war die 15-Jährige mit einem hastigen ‘Gute Nacht!’ auf den Lippen verschwunden. So schnell, wie heute, war sie sicherlich noch auf ihr Zimmer gerannt.

Schweigen legte sich über die im Speisezimmer Verbliebenen, nachdem Merle überfreudig gegangen war. Anna holte Luft, um die grüblerische Stille ruhig zu brechen. Leicht lächelnd lehnte sie sich gen Hjaldrist, um ihm gegen den Oberarm stoßen zu können.

“Mach dir keine Sorgen.”, bat sie dabei und ihre schwarzen Augen suchten den Mann bei sich, der sie äußerst skeptisch ansah “Merle wird als jüngste Heldin nach Hause zurückkommen, die Undvik jemals gesehen hat.”

Schelmisch grinste Anna, als sie das sagte und sah, wie sich ihr Gegenüber augenscheinlich auch ein schiefes Lächeln verkneifen musste.

“Ja… wahrscheinlich…”, entgegnete der Krieger dann und seufzte nachgiebig “Bei Freya’s Arsch. Wir verziehen meine Schwester noch vollkommen.”

“Sei nicht so hart mit ihr.”, sagte Anna daraufhin beschwichtigend “Wenn man Kindern Dinge verbietet, dann tun sie sie heimlich. Und wenn man Merle hier einsperrt, weil es draußen zu gefährlich ist, wird sie sich irgendwann nachts rausschleichen, um nach vermeintlichen Riesen zu sehen.”

“Du sprichst aus Erfahrung, hm?”, kommentierte Rist dies und traf den Nagel damit auf den Kopf. Die Jüngere neben ihm schnaubte erheitert und nahm sich noch ein belegtes Brot mit viel Schinken und Meerrettich darauf. Sie lehnte sich locker zurück und sah Hjaldrist unverstellt gelassen an.

“Ja. Tu ich.”, entkam es ihr, ehe sie in ihr Brotstück biss. Schon wieder runzelte der Jarl die Stirn. In letzter Zeit tat er das wirklich oft. Irgendwann würden ihm die dicken Falten bleiben, ganz sicher. Elfenblut hin oder her. Und dann würde er ganz schön dämlich aussehen.

“Was?”, machte Anna mit halbvollem Mund, als sie so eigenartig bedacht wurde.

“Hmpf…”, griente der Kerl mit dem Pelzbesatz am Kragen “Nichts.”

 

“Also.”, fing Anna an, als sie sich am folgenden Morgen mit Hjaldrist in dessen uriger Schreibstube traf, in der es immer so gut nach alten Büchern und Kerzenwachs roch “Was wissen wir nun genau über Garm Goldkehle und über den Draugar?”

Die Frau im roten skelliger Gambeson, das sie sich schon vor einer Weile gekauft hatte, und der grün-blauen Schärpe um die Mitte, hatte den Raum erst vor wenigen Momenten betreten und ließ sich nun ihrem Freund gegenüber an dessen Tisch nieder. Er, der bereits gewartet hatte, schob ihr sogleich ein kleines Büchlein zu, das sie sofort interessiert an sich nahm.

“Seite 36.”, kommentierte der Jarl dies und lehnte sich in seinem Stuhl zurück “Der Liedtext, den Garm über den Wiedergänger verfasst hat, ist richtig simpel und stupide. Und mit ‘richtig’ meine ich-... ach, du wirst ja sehen...”

Anna linste noch einmal skeptisch von dem alten, fleckigen Liederbuch in ihren Händen auf und befeuchtete sich den Daumen flüchtig mit der Zunge, um bis zur genannten Buchseite zu blättern. Sie verengte den Blick prüfend und las:

 

‘Der Gerd liegt flach

Garm Goldkehle, 1130

 

Da liegt er flach, der olle Gerd,

In seinem Totenbett.

Das Leben ihm mehr Jahr verwehrt.

Das ist gar nicht nett!

Der Färber schnieft und seufzt und schnauft,

Mit Rotz vor seiner Nas.

Medizin, die hat man ihm gekauft,

Die er wohl vergaß.

Zu spät ist’s für den ollen Gerd.

Großtaten er nie vollbracht,

Denn er hat nicht mal ein Schwert

Und kämpfte in keiner Schlacht.

Der Färberssohn macht zu die Aug,

Er haucht sein Leben aus.

Im Leben hat er nix getaugt,

Es gilt ihm kein Applaus.’

 

Die dezent irritierte Alchemistin schwieg für eine betretene Zeit, nachdem sie den Schandtext überflogen hatte. Und dieses Mal war es sie, die die Stirn ungläubig runzelte. Oh, Freya, das hier war doch nicht etwa ernst gemeint? Der Skalde, der den besagten Gerd zum Draugar gemacht hatte, hatte jenem tatsächlich DIESES Lied gewidmet? Und das auch noch an dessen STERBEBETT? War er denn vollkommen besoffen gewesen? Oder hatte er Gerd einfach nur abgrundtief gehasst? Warum?

“Das…”, fing die burschikose Trankmischerin an, doch fand keine Worte, die perfekt beschrieben, wie sie dachte. Also holte sie Luft für einen simplen Fluch. Die gingen ihr schlussendlich selten aus.

“Welch eine gequirlte Kackscheiße.”, stöhnte sie entnervt und nahezu wehleidig “Echt jetzt? Ich bin manchmal ja schon unfreundlich, aber SO ETWAS kann man doch nicht machen!”

Man hörte, wie Hjaldrist ob dem leise auflachte und als Anna zu ihm blickte, sah sie, wie er die Achseln ratlos zuckte. Offenbar hatte der Kerl heute schon viel zu tun gehabt. Bis auf seine Rüstung trug er seine volle Montur. Selbst die Lederhandschuhe. Und er sah geschniegelt aus. Das tat er vormittags eher selten. Also… naja, er lief niemals schlampig herum, aber dennoch. Ob er dringendes Gericht abgehalten hatte oder früh in die Stadt marschiert war, um dort etwas zu erledigen? In solchen Fällen sah er nämlich immer aus, wie aus einem skelliger Bilderbuch.

“Tja.”, brummte Rist “Mich wundert es nicht, dass Gerd als laufende Leiche zurückkam. Garm war ein richtiges Arschloch und sein Lied ist der größte Käse, den ich jemals gelesen habe.”

“Käse? Beleidige nicht das gute Essen...”, schmunzelte die Kriegerin und klappte das Buch vor sich zu, um es wieder auf die Ablage zu schieben. Ihre Haare waren noch etwas feucht, denn sie kam gerade aus dem Badehaus. Und im Gegenzug zu ihrem Freund trug sie nicht mehr als das halboffene Gambeson über einem Hemd, Schärpe und Hose. War am bequemsten so und mit dem wattierten Oberteil in Rot fror man in der massiven Steinfestung nicht, in der es schonmal ziehen konnte. Anna trug zu dieser Stunde noch nicht einmal ihren Waffengurt. Wozu auch?

“Lesen sich deine Lieder auch so, wie das von Garm?”, grinste Rist auf einmal triezend und sah Anna dabei herausfordernd an. Aus Überforderung darüber auf ihr Geschreibe angesprochen zu werden, schnaufte sie grimmig-amüsiert und antwortete mit Humor. Ach, gut, dass sie den im Grunde nie verloren hatte.

“Nein.”, entgegnete sie gleich verstohlen, ohne noch weiter darauf einzugehen “Aber ich überlege mir gerade, ob ich eines über dich schreiben sollte. Also pass auf, was du sagst.”

“Tse. Du weißt, welche Strafen auf das Beleidigen des Jarls stehen?”, lächelte der dunkelhaarige Kerl mit der Krone am Haupt breit und gab nicht auf. Natürlich nicht.

“Ja. Ich musste mir euer Recht durchlesen, bevor ich in der Garde arbeiten durfte. Und das war beinahe schlimmer, als das selbstverfasste Herbarium von Jaromir.”, stöhnte die Frau, doch witzelte gleich wieder “Nach dem, was da so in dem Gesetzbuch drinsteht, sollte ich eigentlich schon längst gevierteilt, geblutadlert und durch einen Fleischwolf gedreht in irgendeinem Graben liegen.”

“Ein großer Fleischwolf, nur für dich? Das klingt nach einer brillanten Idee...”, sinnierte Rist auf dies hin und versuchte dabei ernst auszusehen. Anna verkniff sich mit großer Mühe das Weitergrinsen und setzte stattdessen eine nachdenkliche Miene auf. Sie rieb sich grüblerisch murrend das Kinn.

“Vielleicht schreibe ich… hm, irgendetwas mit: ‘Der Käferschubser in Grün tut immer so fürchterlich kühn’?”, machte sie langsam und der Ausdruck ihres Gegenübers verrutschte ein Stück, ehe es aber belustigt schnaufend mit den Augen rollte. Dann wurde der Mann wieder einen Deut ernster, lehnte sich vor und stützte die Unterarme auf den Tisch.

“Aber das mal beiseite, Anna. Schreiben wir nun etwas für unseren Draugar?”, fragte er “Merle meinte beim Frühstück, dass wir ihr den Text später einfach geben sollen und sie überlegt sich dann eine Melodie dazu.”

“Mh. Ja.”, Anna nickte “Nur wie fangen wir am besten an? Der Draugar hieß Gerd, war ein Färber und nie im Krieg. Es scheint zu stimmen, was er so wirr über sich selbst erzählt hat: Er scheute den Kampf und Gewalt. So, wie er es kurioserweise - oder zum Glück - noch immer tut.”

“Dann sollten wir einfach darüber schreiben. Garm verlachte ihn, weil er war, wie er war. Also brauchen wir ein Lied, in dem Merle darüber singen kann, wie gut der Charakter Gerds war… oder noch immer ist.”, fand Hjaldrist und zog einen kleinen Stapel Pergament an sich heran “Ich schreibe. Deine Sauklaue kann meine Schwester sicherlich nicht lesen.”

“Pff. Na schön.”, schmunzelte die Alchemistin, die sich dessen bewusst war, dass ihre Schreibschrift noch chaotischer war, als ihr Sinn für Ordnung “Dann lass uns mal sehen… wie wäre es mit: Blabla ‘Er nahm sein Instrument und er sang. Am Totenbett hat er dies getan’ und so weiter?”

“Ja, klingt schon mal gut.”, murmelte der Jarl, der sich bereits geschäftig Notizen machte.

Es dauerte daraufhin eine halbe Ewigkeit, bis die beiden Freizeitdichter etwas zu Papier gebracht hatten, mit dem sie einigermaßen zufrieden waren. Sie waren keine großen Lyriker und erst recht keine Skalden, doch das, was ihren Köpfen entsprungen war, um Gerd zu erlösen, müsste reichen. Nach Stunden des Grübelns - und wahrscheinlich hatten sie auch das Mittagessen verpasst - betrachtete Rist den Liedtext vor sich und wiegte den Kopf abschätzend, als er das Lied für Gerd noch einmal langsam vorlas:

 

“Nach Undvik es ihn trieb, mit Schandes‘ Lied aus seinem Mund.

Den Färber sah er dann, den friedvoll Mann.

Der Schurke warf ein Aug auf ihn

Die Laute nahm Garm gleich, begann den Streich und er sang.

Lachte über Gerd. Den ohne Schwert.

Am Totenbett hat er’s getan

Wie konnt er nur verlachen den kranken Mann?

Groß Unrecht, Missetaten, hat er getan.

Gerd wartet auf die Klänge, die seine Seele befrein.

Ruhlos wandert er, immer mehr, Tag für Tag.

Enden wird dies heut.

Der Jarl bezeugt das Lob für den rastlos Färberssohn.

Ein Lied verdient er wohl, ein Symbol für seine Art.

Sanftmut der da wär, voller Ehr.

Geduld ist viel mehr, als roh’ Gewalt.

Wie konnt Garm nur verlachen, den großen Mann?

Das hier sind die Klänge, die Gerd’s Seele befrein.”

 

Anna gab einen zufriedenen Laut von sich und auch ihr Kumpan wirkte glücklich mit dem Ergebnis, das sich in geschwungener Schrift über teures Pergament zog.

“Ich denke, das ist gut. Besser wird es nicht.”, glaubte er.

“Sollte reichen, ja.”, bestätigte Anna “Und wenn nicht, schreiben wir eben etwas anderes. Der friedfertige Draugar wird uns nicht angreifen, wenn wir ihm etwas vorsingen, das ihm nicht gefällt. Oder jedenfalls hoffe ich das.”

 

Es dauerte, nachdem Rist und Anna die Köpfe zusammengesteckt hatten, keine zwei Tage, da Merle schon eine Melodie parat und den Liedtext für Gerd auswendig gelernt hatte. Wie versprochen nahmen die beiden Erwachsenen das ambitionierte Mädchen dann auch tatsächlich mit vor die Tore, um gen Dorve zu reiten. Hjaldrist hatte dabei darauf bestanden, dass seine kleine Schwester mit ihm auf Apfelstrudel ritt, denn so hatte er auf der kurzen Reise die absolute Kontrolle über die wagemutige Merle, die ihre Gitarre bei sich trug: In einen groben Seesack hatte sie jene gesteckt, um das Instrument sicher zu dem Draugar transportieren zu können. Der Ritt in die Gegend, in der jener umherirrte, würde an die zwei Stunden dauern, denn die Monsterjäger nahmen die offizielle Handelsstraße gen Hafen und nicht den unebenen Waldweg. Anna kannte mittlerweile zwar einen Pfad, der schneller nach Dorve führte, doch heute galt ‘Sicherheit VOR dem wilden Preschen durch das Unterholz’. Schlussendlich saß Merle hinter ihrem großen Bruder am braunen Pferd und sah mittlerweile gar nicht einmal mehr so selbstsicher aus. Sie hielt sich am wollenen Mantel Hjaldrists fest und wirkte richtig nervös. Dafür, dass sie sonst immer solch eine große Klappe hatte, war sie auf einmal sehr still. Vielleicht hatte sie Angst. Nein, ganz bestimmt hatte sie die. Von der Seite aus lugte Anna zu der Kleinen mit den langen Zöpfen hin, musterte sie und ihre Miene wurde gleich verständnisvoller. Die schwarzhaarige Novigraderin war damals in Merle’s Alter gewesen, als Balthar sie zum ersten Mal mit vor die Tore der Hexerschule genommen hatte. Ach, was hatte sie sich anfänglich darüber gefreut ein wenig an der Freiheit schnuppern zu können! Doch dann, als sie sich im Regen dem winzigen Dorf genähert hatten, in dem rasende Nekrophagen gewütet hatten, wäre sie am liebsten ganz schnell weggerannt. Dies, obwohl sie die hässlichen Leichenfresser doch aus ihren Büchern gekannt und alles über sie gewusst hatte. Sie hatte nur dastehen und dabei zusehen können, wie ihr Ziehvater die fauchenden Monstren erschlug, die selbst die Kinder der Siedlung in alle Einzelteile zerrissen hatten. Ein schreckliches Bild. Anna hatte gar nicht mehr mit dem Weinen aufhören können, sich vor Schreck nicht vom Fleck gerührt und geglaubt, sie würde in ihrem Leben nie wieder Zeugin von etwas Schlimmerem werden. Welch ein riesengroßer Irrtum. Aber wie auch immer. Es war ein herber Schock gewesen, der die junge, halbstarke Anna damals gebeutelt hatte. Und Balthar war, als er das Häufchen Elend aus Novigrad so gesehen hatte, nichts Besseres eingefallen, als sein Mündel eiskalt nach dem Unterschied zwischen Ghulen und Alghulen zu fragen; Und Anna darauf hinzuweisen, dass es die Toten nicht wieder zurückbrächte, wenn sie herumflennte, wie ein kleines, törichtes Kind. Es war das erste und letzte Mal für eine lange Zeit gewesen, dass die angehende Lebenskünstlerin und Expertin im Giftmischen geweint hatte. Danach, da hatte sie sich anderen und sich selbst gegenüber immer so steinhart gegeben. Rist war dann, irgendwann, derjenige gewesen, der Anna zum ersten Mal seit JAHREN dabei gesehen hatte, wie sie heulte, wie ein Schlosshund. Damals, im Caed Myrkvid und als sie viel zu spät realisiert hatte, dass Lin tot war und nie wiederkäme. Es war der schniefenden Abenteurerin unangenehm gewesen, dass ihr perplexer, doch feinfühliger Freund sie so gesehen hatte. Das war es ihr bis heute. Die burschikose Frau hatte in den letzten, oft sehr unschönen Monaten viel geweint und sich immer schlecht gefühlt, wenn es jemand bemerkt hatte. Denn sie bekam die Worte ihrer Mentoren nach wie vor nicht aus dem Kopf, die sie dazu ermahnten bloß niemals Schwäche zu zeigen. Es war im Grunde so, so lächerlich. Nicht wahr? Aber sie kam dem einfach nicht aus. Tief atmete Anna durch, als sie Merle noch immer ansah. Sie drängte sich zu einem Lächeln, bevor sie das verunsicherte Mädchen ansprach.

“Du musst nicht nervös sein, Merle.”, sagte sie dann, um die 15-Jährige zu beruhigen “Der Wiedergänger sieht zwar schlimm aus, doch er ist absolut friedlich. So, wie auch zu seinen Lebzeiten.”

Rist’s Schwester sah her und auch der Jarl horchte auf. Doch er schwieg und ließ seine Begleiterin sprechen.

“Wir werden dich beschützen, wenn du singst, Ungeheuerjägerin.”, versicherte die Alchemistin gutmütig und mit einem kleinen Zwinkern. Dabei fühlte sie sich irgendwie so… alt.

“Mhm.”, machte die kleine Undvikerin und versuchte zuversichtlich zu nicken “Wir werden den Draugar zusammen erlösen! Und… und ich werde mir nicht in die Hosen machen!”

Man hörte Hjaldrist leise lachen und auch Anna gluckste erheitert.

“Bevor du das tust, sag uns bitte Bescheid.”, meinte Letztere belustigt, doch wurde gleich wieder etwas besonnener. Sie setzte für einen gut gemeinten Appell an Merle an.

“Aber im Ernst: Wenn du zu große Angst bekommst, dann sag uns das. Versuche nicht die Heldin zu spielen, nur, weil du denkst dich beweisen zu müssen, ja?”, bat die Nordländerin und dachte dabei an sich selbst von vor ziemlich genau zehn Jahren. Damals, da hatte es niemanden geschert, dass sie eine vernichtende Panik gehabt hatte. Keiner hatte ihr das Gefühl gegeben nachgeben oder jammern zu dürfen. Merle sollte ihre erste Begegnung mit einem andersartigen Wesen nicht so erleben müssen.

“Aber… aber wer singt denn dann, wenn ich einen Rückzieher mache?”, stammelte das Mädchen und betrachtete die Kurzhaarige verzwickt. Anna schluckte trocken. Sie hatte diese Frage kommen sehen.

“Dann… mach ich das. Ähm. Mach dir keine Sorgen.”, versprach sie und versuchte das Unwohlsein dahinter zu verbergen. Denn es war doch so, dass sie sich nicht unbedingt danach sehnte die Gitarre vor Publikum in die Hände zu nehmen und zu singen. Und obwohl sie mittlerweile nicht so schlecht dabei war das besagte Instrument zu spielen, so mochte sie es nicht, wenn sie zu viele Leute anstarrten, während sie irgendetwas summte. Sie war dafür einfach zu verbohrt und unsicher, fand sie. Auch, wenn heute nur ihr bester Freund, dessen Schwester und ein Ungeheuer da wären.

Der Ausdruck Merles entspannte sich wieder etwas, nachdem ihr ihr großes Vorbild moralische Rückendeckung zugesichert hatte.

“Ja…”, nickte die Jarlsschwester dankbar und wirkte gleich viel erleichterter “Ja, in Ordnung!”

Auf dies hin dauerte es nicht mehr allzu lange, bis die drei den rastlosen Draugar gefunden hatten. Die beiden Pferde wurden unruhig, während Anna voran ging. Sie war vor einer Weile schon von Saov’s Rücken gesprungen, um das Tier sicher hinter sich her zu führen und nervös schnaubte es. Hjaldrist, Merle und Apfelstrudel folgten der Frau mit dem Schulterfell aus Mantikormähne auf dem Fuße. Es wurde umso kühler, desto mehr sie sich Dorve näherten. Die arkane Aura des wandelnden Toten war damit nahezu greifbar. Gruselig.

“Da vorne…”, machte Anna und nickte in die Richtung der fahlen Gestalt, die in Lumpen gekleidet zwischen den zerstörten Häusern Dorves stand. Der dürre Wiedergänger blickte nicht her, doch sicherlich hatte er die kleine Gruppe längst bemerkt.

“Hey!”, rief die Nordländerin dem Wesen einfach zu und Merle zuckte ob dem heftig zusammen “Gerd!”

Auch Rist linste irritiert zu seiner Freundin hin. Wahrscheinlich wäre er eleganter an den Draugar herangetreten, als Anna es just tat.

“Ich bin es. Und ich habe Besuch mitgebracht!”, entkam es der kurzhaarigen Kriegerin und vollkommen selbstsicher spazierte sie auf die blasse Leiche mit dem schneeweißen Bart zu. Saov band sie auf ihrem Weg flüchtig an die zerfallene Ruine einer kleinen Hütte. Und obwohl Anna so freundlich und offen wirkte, wog ihre Ausrüstung heute genauso schwer, wie immer, wenn sie durch die Wildnis streifte, um nach gefährlichen Monstern Undviks zu sehen. Sollte der knochige Draugar angreifen, hätte er kein leichtes Spiel mit ihr und Rist. Sie beide waren für alles gewappnet und während die Eine ein Silberschwert bei sich trug, glänzte die Axt von dem Anderen vor teurem, dreckig grünem Waffenöl.

Das angesprochene Ungeheuer wendete sich lethargisch um und seine milchigen, starren Augen suchten die Menschen. Das ausgemergelte Wesen schwieg und Merle gab einen leisen, überforderten Laut von sich. Sie klammerte sich verkrampft an den großen Seesack, in dem ihre Gitarre steckte.

“Oh weia…”, wisperte sie dabei furchtvoll “Oh je…”

“Na los…”, schmunzelte ihr Bruder sanftmütig und schob die zitternde Kleine voran, ehe auch er sein Pferd an einem alten, eingestürzten Walrippenbalken festband. Merle atmete tief durch, nickte dann aber und holte ihr Instrument mit fahrigen Fingern hervor. Wahrscheinlich schickte sie just stumme Stoßgebete gen Himmel.

“Meine Freundin hier”, Anna wies auf die 15-Jährige, als der Blick des abwartenden Wiedergängers auf sie fiel “Würde dir gerne ein Lied vorsingen. Sie ist eine begnadete Musikerin, weißt du.”

Der Blasse drehte den Kopf leicht, um zu dem schmaleren Mädchen zu sehen, hinter dem Hjaldrist stand. Und irgendetwas an ihr schien das finstere Wesen plötzlich zu beunruhigen. War es sonst immer so friedlich und apathisch gewesen, so löste der Anblick der Gitarre irgendetwas in ihm aus. Irgendetwas Ungutes. Denn ein wütendes Funkeln stahl sich von einem aufs andere Mal in die sonst so leeren Augen der Gestalt. Anna’s Hand wanderte sofort an ihren Schwertgriff, als sie dies bemerkte, doch sie wartete ab.

“Garm Goldkehle…”, grollte der Draugar und Merle machte einen Schritt zurück “Garm Goldkehle!”

Die junge Adelige, die vor Angst abwich, stieß mit dem Rücken voran an ihren Bruder, der mit böser Vorahnung im Blick zu Anna sah. Doch jene erhob eine Hand beschwichtigend, während sie die berechnenden Augen nicht von Gerd nahm.

“Spiel…”, bat sie Merle dabei gehetzt “Schnell.”

Man sah, wie das Mädchen am Platz die schmalen Schultern straffte. Es zauderte kurz, schluckte schwer, doch ermahnte sich dann zur Fassung und nahm die Gitarre in die Hände, um tatsächlich zu musizieren. Die Klänge ihres sündhaft teuren Instruments erfüllten die trostlose, einsame Gegend gleich und der lauernde Wiedergänger kam näher. Dies nicht schnell, sondern zögerlich, dennoch stellte sich Anna ihm direkt in den Weg. Auch Rist trat vor, um seine Schwester zu schützen.

“Er sang!”, knurrte das bleiche Geschöpf grantig und erinnerte sich just vermutlich an Details aus seinem verlöschten Leben. Die Leiche Gerds verzog das Gesicht zu einer zornigen Fratze, als Merle davon sang, wie Garm früher nach Undvik gekommen war und ein Auge auf den todkranken Färber geworfen hatte. Anna’s Wolfsamulett vibrierte wie wild an ihrem ledernen Gürtel und angespannt wartend hielt sie die Linke dafür bereit Quen zu wirken. Sie presste die Lippen nervös aufeinander, doch griff nicht an. Noch nicht. Denn es wäre zu vorschnell gewesen. Sie warf einen kurzen, prüfenden Blick zu Hjaldrist, der Erlklamm in den Händen hielt, und genauso versteift abwartete, wie sie. Auch er schlug noch nicht gegen den, der hier vielleicht gleich zum Feind werden würde.

Der besagte Tote brüllte plötzlich zornig auf und Merle’s Gesang brach ab, weil sich das Mädchen so sehr erschrak. Doch die Kleine reagierte richtig und voller Mut: Sie lief nicht davon, sondern setzte zittrig dazu an den Refrain des Liedes zu spielen. Ihre Stimme klang dabei etwas brüchig. Vielleicht hätte sie gerade gerne geheult und dennoch sang Merle so laut, wie sie nur konnte. Und die Zeilen, die sie dabei hervorbrachte, ließen den Draugar abrupt innehalten. Als die Jarlsschwester in dem Lied bedauerte, wie viel Unrecht Garm seinem Opfer getan hatte und dass gar der Jarl hier sei, um zu bezeugen, dass der tote Färber ein völlig ehrenvoller Mann sei, stockte der Wiedergänger in seinem Tun und seine Maske aus Zorn entspannte sich wieder etwas. Er mutete auf einmal ganz verdattert an. Auch Anna, die das Schwert gezogen und kampfbereit einen festen Stand eingenommen hatte, hielt inne, als sie dies bemerkte. Aus großen Augen sah sie dabei zu, wie der Draugar erstarrte, um dem Lied stumm zu lauschen, das Merle ganz wacker zu Ende sang. Die ganze Atmosphäre, die zuvor noch so bedrohlich und prekär gewirkt hatte, kippte und verging in der Melancholie, die über den Draugar kam. Als die Gitarrenmelodien verstummten, mutete er sprachlos an, viel klarer und präsenter, als jemals zuvor. Stille lag über dem einsamen Dorf und nur der Wind brachte die nahen Tannenwipfel zum Rauschen. Es war plötzlich so, als würde es wärmer. Nur ein Bisschen, aber dennoch. Und nur langsam löste sich Anna aus ihrer Kampfhaltung. Hjaldrist tat es ihr gleich und man hörte seine wenigen metallenen Rüstungsteile leise scheppern, als er sich wieder entspannte. Und Merle sah erwartungsvoll zwischen all den Anwesenden hin und her. Jetzt, da der Wiedergänger sie so aufgelöst ansah, traute sie sich gar ein, zwei Schritte weiter vor.

“Hat es… hat es gewirkt?”, flüsterte das Mädchen irgendwo hinter ihren beiden Begleitern. Die anwesende Nordländerin nickte langsam. Denn ja, sie glaubte, dass das Lied etwas gebracht hatte. Gespannt auf das, was gleich käme, starrte sie das sprachlose Ungeheuer vor sich an. Und jenes, die lebende Leiche, fiel ganz plötzlich in sich zusammen, wie ein nasser Sandsack. Als Gerd am harten Grund aufschlug zerfiel sein Körper zu Staub, der in alle Richtungen davonstob und vom Wind davongetragen wurde. Verblüfft beobachtete Anna das. Und dann, ein paar schweigsame Augenblicke später, jauchzte Merle froh auf.

“Ja!”, rief sie überwältigt “Wir haben es geschafft!”

Sie war völlig außer sich vor Glück. Und während sich die erfahrenen Erwachsenen vielleicht ein größeres Spektakel erwartet hatten, als einen hochgefährlichen Draugar, der einfach nur stöhnend zu Asche zerfällt, so glaubte Merle kaum, welch eine Heldentat hier gerade vollbracht worden war. Ja, sie war zum allerersten Mal vor die großen Tore gegangen, um mit unkonventioneller Art gegen ein uraltes Ungeheuer zu kämpfen, und sie ging aus der Aktion tatsächlich als Siegerin hervor. Also sprang sie vor Freude und kam mit glitzernden Augen zu Hjaldrist und Anna.

“Er ist weg!”, jubelte das Mädchen, als es die Gitarre beiläufig fortlegte und vor die Größeren kam. Sie erwischte Anna’s Hand und drückte jene fest. Sie strahlte, wie ein Honigkuchenpferd, als sie den Blick auch zu ihrem Bruder lenkte, der direkt neben der Giftmischerin stand und noch etwas perplex zu der Stelle gaffte, an der zuvor noch der alte Wiedergänger gestanden hatte.

“Wir sind die Besten!”, fand die 15-Jährige und ließ Anna’s Hand los, um ihre beiden Gegenüber zeitgleich zu umarmen und sich dankbar an jene zu drücken. Anna ächzte leise, weil die liebe Geste etwas zu herzlich geschah und gleichzeitig warf sie einen flüchtigen Blick zu Rist, der hier unweigerlich mitgedrückt und damit an sie und Merle gequetscht wurde. Vor allem aber an SIE. Gescheucht wich die Novigraderin den braunen Augen des Mannes aus, der die Umarmung seiner Schwester gutmütig erwiderte und dabei auch eine Hand an Anna’s Schulter liegen hatte. Nervös lächelte sie und schlug die Lider nieder. Und obwohl sie sich eigentlich darüber freuen hätte sollen Hjaldrist so unverhofft nah zu sein, erleichterte es sie, als die lachende Merle sie beide wieder losließ und sie einen Schritt weit zurücktreten konnte. 

“Ich”, fing die äußerst verlegene Monsterjägerin schnell an “Sehe nach, ob etwas von der Asche liegen geblieben ist. Ich, äh, würde gerne etwas davon mitnehmen…”

Und damit eilte sie innerlich zerwühlt und fluchtartig an den Punkt, an dem Gerd vor wenigen Momenten erst umgefallen war. Hoffentlich hatte man ihr ihre Unruhe gerade eben nicht zu sehr angemerkt. Wie peinlich. Anna war sonst eigentlich relativ gefasst. Nur manchmal, da gab es ungeplante Situationen, in denen sie sich von der Anwesenheit ihres besten Freundes ziemlich überrumpelt fühlte. Und seine Hand an ihrem Rücken? Die glaubte sie gerade noch immer zu spüren. Sie erschauderte leicht und wohlig.

“Die Asche einsammeln? Gute Idee!”, freute sich Merle aufrichtig “Vielleicht kann man ja etwas daraus brauen!”

Rist nahm das solange einfach schweigend hin. Wer wusste schon, wie er über Wiedergänger-Asche dachte.

Kommentare zu Kapitel 123

Kommentare: 0