Kapitel 124 (Buch 5, 1)

Regen

Die neuerliche Reise nach Bogenwald war die erste ihrer Art, seit Hjaldrist zum Jarl Undviks gekrönt worden und wieder mit Anna vereint war. Das letzte Mal, als sie beide das kleine Dorf auf der Insel Siofra als Freunde betreten hatten, war er noch ein einfacher Mann gewesen, der keine Ahnung von seinem Schicksal gehabt hatte. Damals, zum Totentanz, hatte er erst erfahren, dass sein Vater Halbjørn vor Jahren verstorben war und er, mit viel Glück, rechtmäßig an dessen Krone käme. Pläne geschmiedet hatten er und Anna damals: Große, selbstmörderische Pläne den wahnsinnigen Onkel auf Skellige zu stürzen und die Leute Undviks von diesem Wahnsinnigen zu ‘erlösen’. Sie zwei hatten dabei so sehr darauf gehofft, dass sie ihre gewagte Aktion überleben würden und hatten jene tatsächlich überstanden. Doch Anna war kurz darauf geflohen und hatte damit ein ganz neues, grausiges Kapitel losgetreten, an das der damals so besiegte Skelliger nicht mehr denken wollte. Und nun? Nun trat Hjaldrist als stolzer Jarl Skelliges durch das Tor der winzigen Siedlung im dichten Forst. Und seine beste Freundin, die nach ihrer einstigen, dramatischen Flucht zu ihm zurückgefunden und eine zweite Chance bekommen hatte, begleitete ihn auf Schritt und Tritt als eingeschworene Leibgardistin. Sie war die einzige der Huskarle, die heute hier war. Weitere Wachen hatte der Undviker nicht mitgenommen und das aus zweierlei Gründen: Hier und jetzt wollte er ‘Rist’ sein, nicht ‘Der Jarl’. Er wollte als einfacher Reisender gelten, anstatt hoch angesehen und formell behandelt zu werden. Bogenwald war wie eine Auszeit von seinen Pflichten als Clanoberhaupt. Und auf der anderen Seite hatte ihn der heikle Grund, wegen dem er hier war, daran gehindert weitere Huskarle mitzubringen. Denn es ging um den mysteriösen Magier in Anna’s Kopf und das prekäre Vorhaben eben jenem auf die Schliche zu kommen. Niemand von Undvik sollte erfahren, welch eine Gefahr die einzige ausländische Gardistin im Jarlshaus war. Kein Mensch zuhause sollte wissen, dass diese Frau ein Risiko auf zwei Beinen darstellte. Ja, Anna war besessen und daher unberechenbar, das konnte keiner leugnen. Und das Treffen im Bogenwald würde einer Lösung dieses Problems dienen. Oh Götter, hoffentlich ginge alles gut…

“Lado!”, Anna’s freudige Stimme riss Hjaldrist aus den Gedanken und er sah auf. Der genannte Hexer kam soeben auf die Neuankömmlinge zugelaufen und begrüßte die Novigraderin beschwingt. In seinem Rücken, im Dorf, herrschte reges Treiben. Es schien, als sei Bogenwald zurzeit ein beliebtes Ziel für Wanderer. Eigenartig. Normalerweise war es doch so abgeschieden und wegen des düsteren Waldes ringsum gemiedenes Land. Stand etwa irgendeine Feierlichkeit an?

“Anna!”, lachte Lado und erwischte die besagte Frau an den behandschuhten Händen “Du siehst gut aus! Viel, viel besser, als letztens. Wie geht es dir?”

Hjaldrist lächelte schwach, als er das hörte und sah, wie auch Vadim und dessen Lieblingsbardin Kasia um die Ecke bogen. Sein Ausdruck erhellte sich, als er sich den Rucksack vom Kreuz wuchtete und die Hand von Anna’s Ziehonkel erwischte, um dessen Finger kameradschaftlich zu drücken. Vadim’s Missetaten vom letzten Mal hin oder her… Hjaldrist freute sich den Wolf zu sehen und blendete aus, dass jener Anna vor Monaten ausgenutzt hatte, um einer der Hexen des Ortes beizustehen. Dies ganz naiv und den hinterlistigen Zauberer in der Novigraderin beschwörend.

“Ihr kommt spät! Ihr hättet das Duellantenfest von Leto’s Gilde beinahe verpasst!”, kommentierte Kasia und grinste keck, wie immer. Sie hatte sich in einen blauen Mantel gehüllt und fröstelte ein wenig. Vadim schnaufte amüsiert.

“Besser spät, als nie.”, brummte er und Hjaldrist schmunzelte verhalten, während er das Thema ‘Duellantenfest’ vorerst außen vor ließ. Auch Aldoran schloss nun auf und kam erleichtert durch das Dorftor seines Heimatortes. Irgendjemand hatte ihn vorhin, vor den Pforten, aufgehalten, um ihn willkommen zu heißen. Ravello war hingegen nicht hier. Er war längst auf dem Weg zurück nach Beauclair, denn eine Nachricht über seinen erkrankten Vater hatte ihn erreicht. Hoffentlich stand es nicht allzu schlecht um Herrn Guerlaine.

“Das Wetter auf See war übel.”, erklärte Hjaldrist schlicht “Wir kamen also nicht so schnell voran, wie wir es gerne gehabt hätten.”

“Ja, meine Fresse!”, vernahm man Anna, die sich von ihrem ‘Papa Lado’ gelöst hatte und die turbulente Schifffahrt nach Siofra kommentierte “Normalerweise kotze ich auf skellischen Booten wirklich selten. Aber diesmal… uh… DAS könnt ihr euch nicht vorstellen. Ich dachte, es dreht die ‘Seeschlange’ gleich auf Links und wir saufen alle ab.”

“Na, SO schlimm war es nun auch wieder nicht!”, konterte Hjaldrist auf dieses Empören hin und verdrehte die Augen grinsend. Tatsächlich war der Sturm kurz nach Undvik heftig gewesen, ja, doch der Skelliger hatte schon schlimmere Unwetter miterlebt. Das sündhaft teure Schiff seines Bruders, das er sich geliehen hatte, weil sein eigenes Boot noch nicht fertiggestellt war, hatte sich nebenher ebenso stabil auf den Wellen gehalten.

“Wenn sich wer auf Links gedreht hat, dann wohl du…”, warf Aldoran an Anna gerichtet ein und beschrieb deren vergangenen, erbärmlichen Zustand an Bord treffend. Die kleine Gruppe um ihn lachte ob dem kurz, ehe Kasia dazu ansetzte die schnell seekranke Alchemistin im Bunde zu drücken und sich Lado an den anwesenden Jarl wendete.

“Deine Krone.”, grinste die Viper und deutete auf das teure Stück, das an Hjaldrist’s Gürtel hing “Warum trägst du sie nicht?”

Der Skelliger mit der blau-grünen Schärpe gab daraufhin bloß einen abfälligen Laut von sich und grinste schief.

“Ich muss hier keinen auf Anführer machen.”, sagte er “Also nahm ich die Krone ab, sobald unser Schiff und die Crew außer Sichtweite waren.”

“DAS passt zu dir…”, fand Lado und rempelte seinen schmaleren Freund harmlos an. Daraufhin wandte sich der Vatt’ghern schon an die bunte Runde.

“Anna, Aldoran und Rist sollen erst einmal richtig ankommen und ihre Zimmer beziehen…”, fand er lächelnd “Danach setzen wir uns bei einer Flasche Butterlikör zusammen und tauschen Neuigkeiten aus, ja?”

 

“Kasia und ich sind in der Zwischenzeit nach Oxenfurt gegangen.”, berichtete Vadim, als die Gruppe später im kleinen Haupthaus Lados beisammensaß, belegte Brote aß und etwas trank. Alle wichtigen Leute, die gegen den Psychopathen in Anna’s Schädel standen, waren da: Lado, Vadim, Kasia, Hjaldrist, Aldoran… und zuletzt auch Anna selbst. Wobei man jener immer wieder zweiflerische Blicke zuwarf. Dies war dem aufmerksamen Hjaldrist schon längst aufgefallen. Und er ahnte wieso: Man glaubte, dass der Fremde, der die arme Alchemistin unter seiner Knute hatte, soeben zusah und -hörte. Und dies behagte den meisten nicht. Vielleicht fanden die anderen Anna sogar unheimlich. Wäre ihnen nicht zu verdenken gewesen, denn sie hatten diese Frau nicht ständig um sich, um sich im Alltag damit abzufinden, dass sie momentan zweierlei Persönlichkeiten in sich vereinte.

“Wir durchsuchten die Bibliotheken der Akademie nach Aufzeichnungen des Mals an Anna’s Brust.”, erklärte der alte Wolf weiter und sein eines, sehendes Auge streifte die Besagte kurz argwöhnisch. Hjaldrist verengte den Blick forschend.

“Und?”, hakte er nach und alle starrten gespannt abwartend.

“Es… ist wohl eine Art magisches Siegel. Ein Bannzeichen, wenn man es so nennen kann. Es wird mithilfe eines Messers und einem Blutzauber in Haut geritzt und umso näher es dem Herzen ist, desto stärker ist seine Wirkung.”, berichtete Vadim nach einem kurzen Zögern “Anna’s Mal befindet sich links, knapp unter dem Schlüsselbein. Näher am Herzen geht es nicht und das ist wiederum schlecht für sie und für uns.”

Anna, die neben Hjaldrist auf einem Stuhl saß und über die gesprochen wurde, als sei sie nicht hier, beugte sich sprachlos vor und sah ihren Onkel groß an. Sie war ein wenig farblos um die Nase und es fiel auf, dass sie bisher nur ein halbes Schinkenbrot gegessen hatte. Normalerweise stopfte die verfressene Ungeheuerkundige weit mehr in sich hinein, als das. Besonders nach einer anstrengenden Reise, die sie hauptsächlich mit umgedrehtem Magen verbracht hatte.

“Aber naja. Die Abbildungen, die wir fanden, sahen nicht exakt so aus, wie die eigenartige Narbe Annas.”, seufzte das Katzenauge aus Kaer Morhen “Sie waren ihr jedoch sehr ähnlich. Also kann man durchaus treffende Schlüsse ziehen.”

“Nur weiterbringen wird uns das wohl kaum… oder?”, warf Kasia ein. Sie lehnte mit verschränkten Armen an der gegenüberliegenden Wand und runzelte die Stirn kritisch.

“Wir fanden zwar Definitionen über diese Zeichen; Erklärungen, Beschreibungen und so weiter… aber keine Möglichkeit, um sie zu beseitigen oder unschädlich zu machen. Die Sache ist irgendwie zu schwarzmagisch. Und offenbar findet man Schriften dieser dunklen Praktiken nicht in Oxenfurt. Nur vage Theorien darüber.”, erläuterte die Bardin in der blauen Samtweste weiter “Also… abgesehen von einer SEHR direkten Lösung, die immer öfter erwähnt wurde.”

“DIESE Lösung wollen wir nicht. Auch dann nicht, wenn wir damit einen wahnsinnig gefährlichen Magier verbannen würden.”, sagte Vadim sogleich entschlossen und sein Gesicht wurde steinhart. Wieder suchte seine Aufmerksamkeit Anna, die ihn planlos ansah.

“Welche Lösung…?”, fragte die Giftmischerin langsam und verunsichert.

“Deinen Tod.”, antwortete Kasia für Vadim, der sich sichtlich schwer damit tat an das Ausgesprochene zu denken. Lado atmete tief ein, als er das hörte und auch Hjaldrist versteifte sich ein wenig. Anna senkte den Blick sofort auf ihre Knie.

“Ja, das wollen wir NICHT.”, warf Lado sofort ein, um dieses ungute Thema prompt beiseite zu schieben “Und das brauchen wir auch nicht. Denn auch ich habe nachgeforscht. Ich war in Nilfgaard, meiner Heimat, und-”

Hjaldrist horchte, so wie auch der Rest, gespannt auf. Aber die Viper wollte auf einmal partout nicht weitersprechen.

“Ja? Was ‘und’?”, wollte der Jarl ungeduldig wissen. Lado betrachtete ihn starr, ehe er sich an Anna wendete, die nervös auf ihrem Platz herumruckelte.

“...Anna?”, fragte der glatzköpfige Mann mit dem Schlangenamulett dann bedacht “Würdest du bitte rausgehen?”

“Was?”, murmelte die Frau.

“Nichts gegen dich, Mädchen. Aber ich fürchte, dass der Bastard in deinem Kopf mithört.”, rechtfertigte Lado sofort “Und er sollte eigentlich nicht mitbekommen, was wir hier bereden. Verstehst du das?”

“Wie…?”, entkam es Anna leise. Hjaldrist sah aus dem Augenwinkel zu ihr und sah, wie Enttäuschung ihre Miene verrutschen ließ. Sie tat ihm leid.

“Wir haben zwar noch keine Lösung für unser Problem, aber sollten wir hier noch auf eine kommen, dann will ich nicht, dass der Fremde sie hört. Zu unserem und auch zu deinem Schutz.”, erklärte Lado “Nimm es mir bitte nicht übel.”

Hjaldrist zog die Brauen leicht zusammen und seine braunen Augen wanderten nachdenklich, während Anna schwer schluckte. Sie erhob sich tatsächlich.

“Mhm.”, machte sie und fügte sich.

“Es ist besser so.”, warf auch Vadim besänftigend ein. Kasia nickte zustimmend. Nur Aldoran, der schon die ganze Weile über stumm in seiner Ecke saß und Pfeife rauchte, enthielt sich weiterhin. Und Hjaldrist, der sich eigentlich stets auf der Seite seiner Begleiterin gesehen hatte, wusste auch nicht so recht, was nun angemessen wäre und was nicht. Daher blieb auch er still und sah dabei zu, wie Anna verschwand, als sei sie ein getretener Köter. Sie fasste im Vorbeigehen nach ihrem roten Umhang, um ihn sich über die Schultern zu legen und ging, um hinaus, in den Nieselregen, zu treten. Eine drückende Stille erfüllte den Raum, nachdem sie gegangen war. Alle Anwesenden sahen teils grimmig vor sich hin. Wenige Momente später ging Lado einmal zur Tür, um hinauszuspähen und zu überprüfen, ob Anna tatsächlich fort war. Sie war weg, lauschte nicht. Und erst nach dieser Erkenntnis kam die Viper wieder in das Haus, um durchatmend an den abgegriffenen Tisch zu treten. Obwohl sich die, um die es hier ging, entfernt hatte, sprach der Hexer mit gesenkter Stimme zu seinen Freunden.

“Ich habe einen Plan.”, offenbarte er plötzlich und tat nicht länger unwissend “Es wird damit nicht möglich sein Anna von ihrer Last zu befreien. Doch ich erhoffe mir durch ein bestimmtes Ritual, das ich weit im Süden fand, eine direkte Verbindung zu dem verrückten Magier aufbauen zu können.”

“Eine Verbindung?”, fragte Vadim brummig “Ich glaube nicht, dass das so eine gute Idee ist.”

“Ah, nein, keine Verbindung in dem Sinne.”, sagte Lado sofort und erhob die Hände beschwichtigend “Ich will mithilfe einer Bekannten, die ebenso hier ist, in die Gedanken des Magiers sehen. Wir wollen mehr über ihn herauskriegen, um ihn finden und töten zu können. Stellt euch nur vor, wir würden herausfinden, wo er sich aufhält. Das wäre ein großer Vorteil für uns.”

“Das wäre es wohl.”, antwortete Hjaldrist jetzt, war aber argwöhnisch “Und dennoch… wie stellst du dir das vor? Wie willst du in den Kopf von jemanden sehen, der irgendwo weit entfernt sitzt?”

“Durch Anna.”, meinte Lado “Sie wird für uns ein Medium sein. Genauso, wie sie auch ein Medium für den Fremden ist. Wir drehen den Spieß einfach um. Versteht ihr?”

“Und wer ist die helfende Bekannte, die du erwähntest? Warum hast du sie in die Angelegenheit eingeweiht?”, hakte der misstrauische Skelliger nach und bemerkte, wie Kasia und Vadim unzufriedene Blicke austauschten.

“Sie heißt Nyra. Und sie ist eine Zauberin aus dem Norden.”, kam es zurück und Hjaldrist verschluckte sich fast an der eigenen Spucke. Die temerische Bänkelsängerin im Zimmer seufzte genervt.

“Eine Zauberin? Warum sollte solch eine uns helfen?”, wollte der Skelliger wissen, nachdem er sich wieder gefasst hatte “Und, bei Hemdall, es ist gefährlich jemanden wie sie miteinzubeziehen, Lado. Was, wenn sie Anna und uns verrät? Wir hätten die Inquisition auf den Fersen, ehe wir ‘Butterlikör’ sagen könnten.”

“Sie wird uns nicht verraten, denn die Greifenschule schickte sie. Valerian’s Ziehtochter Mei ist eine Art Mentorin von ihr… oder so ähnlich. Und sie wurde nach einem kurzen Briefwechsel mit mir geschickt, um nach Anna zu sehen. Seit den Vorfällen in Kaer Iwahell im Frühling machen sich die Greifen einen Kopf wegen Anna. Und daher entsandte Mei Nyra, um zu helfen.”, klärte Lado auf “Sie kam vor etwa einer Woche hier an und sagte mir ihre unbedingte Unterstützung zu.”

Hjaldrist schielte zu Kasia und Vadim zurück, die verbissen schwiegen.

“Ihr beiden habt Nyra schon getroffen?”, hakte er in übler Vorahnung nach und Vadim nickte. Seine Bardin rollte mit den Augen und diese Reaktionen sorgten dafür, dass der irritierte Jarl die Stirn runzelte.

“Vadim kennt die Magierin von früher.”, lachte Aldoran vielsagend und sprach seit einer halben Ewigkeit zum ersten Mal, um die Anspannung zu brechen “Sie wollte ihm vorgestern an die Wäsche. Mitten am Hauptplatz. Hat ein ziemliches Tamtam gegeben. Ich fand es unglaublich lustig, aber der Rest… naja…”

Hjaldrist stierte Anna’s Onkel eigenartig an, ehe er sich dazu entschloss ebenso amüsiert zu glucksen.

“Bei Freya’s Titten…”, fiel ihm nurmehr ein.

“Ah, wie auch immer.”, knurrte der genervte Wolf abwinkend und sah noch böser drein, als er es sonst schon tat. Daher kam Lado schnell auf das eigentliche Thema zurück.

“Also… mein Plan ist, dass wir Anna wütend machen. RICHTIG wütend oder verzweifelt. Ich will damit provozieren, dass der Fremde rauskommt. Normalerweise erscheint er selten und schon gar nicht, wenn man es will. Er bricht nur unter besonderen Umständen heraus, richtig?”, entkam es Lado.

“Naja… ja, manchmal.”, seufzte Hjaldrist leise und hatte kein gutes Gefühl bei der Sache “Ich schätze, wenn Anna ausrastet oder in Gefahr schwebt, kommt er. Aber ich bin mir nicht sicher. Bisher hatten wir nicht sehr oft mit ihm zu tun. Ich schätze er wartet. Nur auf was, ist mir schleierhaft.”

“Hm, egal. Einen Versuch wäre es wert.”, lächelte die Viper leicht “Ich will ihn jedenfalls hervorlocken. Und dann, wenn er präsent ist, will ich ihn überlisten. Irgendwie will ich ihn bewegungsunfähig machen. Und dann schreitet Nyra ein und versucht in seine Gedanken vorzudringen. Ich fand in Claremont detailreiche Aufzeichnungen darüber und bin mir sicher, dass es klappen könnte, wenn wir gut zusammenarbeiten.”

“Du bist echt optimistisch. Was, wenn er uns attackiert?”, murrte Hjaldrist “Ich habe gesehen, wie er kämpft. Er schlug vor etwa einem halben Jahr gegen riesige Ekhidnas, die unser Schiff angriffen. Meerwasser machte er mit einem Handwisch zu Eis und hatte keinerlei Probleme damit es mit einem, ganzen Rudel der fliegenden Biester aufzunehmen. All das inmitten eines Sturms auf hoher See. Dieses Arschloch ist MÄCHTIG, Lado. Er benutzte Anna’s Körper, als sei sie selbst eine versierte Zauberin. Dabei schafft sie sonst nicht mehr, als Quen zu zeichnen. Und selbst das geht manchmal schief.”

“Mh, ja. Ich weiß.”, nickte der Vatt’ghern Bogenwalds “Aber dieses Risiko nehme ich auf mich, um der Kleinen zu helfen. Ich werde einen großen Bannkreis ziehen, der mich, Nyra und den Magier vom Außen abschottet. Ihr werdet sicher sein, sollte dieser Kerl wüten wollen, das verspreche ich. Nur darf Anna im Voraus nichts davon erfahren. Versteht ihr? Wenn sie von dem Plan erfährt, dann können wir all das vergessen. Denn dann weiß auch das Arschloch Bescheid und wird sicherlich nicht kommen.”

“Tse.”, lachte Vadim freudlos und lehnte sich auf seinem Stuhl zurück “Und wie willst du die unwissende Anna in einen offensichtlichen Bannkreis locken? Sie ist nicht dumm und weiß, wozu diese Dinger gut sind. Sie und auch der Magier in ihr werden sofort bemerken, dass irgendetwas zum Himmel stinkt, wenn du sie darum bittest sich in einen Ritualkreis zu stellen.”

“Ja… und deswegen müssen wir all das geschickt einfädeln.”, setzte Lado fort und sah aus, als sei er nach wie vor absolut selbstsicher “Und zwar so: Einer von uns geht mit ihr und unter einem Vorwand in den Wald; an den Platz des Bannkreises, wo der Rest der Truppe warten wird. Dies nachts. Denn im Dunkel wird Anna die Zeichen am Boden nicht so schnell erkennen. Und dann… dann, wenn sie im Kreis steht, täuschen wir ihr Rist’s Tod vor.”

“Bitte WAS?”, schnappte der genannte Skelliger empört “Vergiss es, Lado. Das ist eine widerwärtige Idee!”

“Warum? Es würde der Sache dienen.”

“Ich gaukle Anna doch nicht guten Gewissens vor, dass ich sterbe! Niemals würde ich sie auf solch eine Weise reinlegen. Tut mir leid. Es mag sein, dass dir die Vorstellung gefällt und dass so etwas ‘dienlich’ ist. Aber so bin ich nicht. Wir sind seit all der Scheiße des letzten Jahres immer ehrlich miteinander. Oder jedenfalls verlange ich das von ihr. Daher verhalte ich mich ihr gegenüber ebenso aufrichtig.”, mit diesen Worten erhob sich der Jarl. Er bräuchte jetzt erst einmal frische Luft. Dringend.

“Rist.”, wand die grüblerische Kasia schnell ein “Es ist vielleicht ekelhaft, aber was sollen wir sonst tun? Willst du Anna denn nicht auch helfen...? Nur zu diesem Zweck haben wir uns hier alle wiedergetroffen.”

Der sehr kritische Undviker hielt inne.

“Ich verstehe, was Lado will. Und vielleicht klappt es wirklich. Er glaubt an seinen Plan und hat eine Zauberin auf seiner Seite. Eine ZAUBERIN.”, sprach die Bardin etwas unwohl weiter “Und wenn alles hinhaut… warum sollte es dann verwerflich sein einen Tod vorzuspielen? Hier geht es nicht um persönliche Prinzipien, sondern darum, dass wir Anna von ihrem verdammten Puppenspieler befreien.”

Der stolze Hjaldrist atmete einmal tief durch und sah von der Seite aus zu Kasia hin. Sein Blick war finster und nach wie vor leicht angewidert.

“Anna dachte schon einmal, ich sei tot, Kasia.”, sagte er zögernd “Was folgte war die schlimmste Zeit ihres Lebens. Sie nahm Fisstech, soff, ließ sich von grausigen Kerlen flachlegen und am Ende hat die Flammenrose sie erwischt und wollte sie foltern. Als ich, Ravello und eine Freundin kamen, um zu helfen, führte man sie gerade zum Richtplatz. Nackt. Ich kann Anna nicht daran erinnern, wie das war. Gerade momentan nicht, denn sie ist innerlich vollkommen fertig. Ich würde es mir selbst niemals vergeben.”

Vadim stöhnte entnervt und fuhr sich mit einer Hand über das narbige Gesicht.

“Rist. Du bist ihr engster Freund.”, wand Lado ein, der sich ebenfalls erhob “Gerade darum schlug ich dich als ‘Todesopfer’ vor. Sie würde einfach bei niemandes Sterben so emotional werden, wie bei dir. Und ganz ehrlich? Ich weiß nicht, wie wir ANNA anderweitig dazu bewegen sollen sich zu vergessen. Sie ist sehr verbohrt und abgebrüht. Ja, sie geht schnell an die Decke, wenn sie etwas nervt. Sie pöbelt und prügelt sich, wird laut. Doch das ist etwas ganz, ganz Anderes.”

Die Schultern des Inselbewohners, auf den man hier so beständig einredete, sanken ein Stück und er sah beklommen vor sich hin, als er sich das Kinn rieb. Ihm wurde es ein wenig übel. Pah. Er sollte Anna also betrügen und ihr etwas Unverzeihliches vorspielen? Er sollte ihr vorführen wie es war den engsten Freund krepieren zu sehen? ER? All das, um die Chance - vielleicht die einzige - darauf zu bekommen die ‘besessene’ Kriegerin zu retten? Scheiße. Dem Langhaarigen mit dem Fellumhang entkam ein ohnmächtiger Laut.

“Bitte, Rist.”, sprach Lado vorsichtig und kam zu ihm, um ihm die Hand an den Oberarm zu legen. Der nette Vatt’ghern lächelte, aber diese Emotion erreichte seine gold-grünen Augen nicht. Das Thema war äußerst unangenehm.

“Sobald sie nach dem Ritual wieder sie selber sein wird, wird sie sofort sehen, dass du lebst.”, erinnerte der Hexer zuversichtlich “Und sie wird dir vergeben, glaub mir. Gerade sie würde das.”

Der Blick des Jarls wanderte eine ganze Weile und er gab keinen Laut von sich. Er atmete abermals tief durch, einmal, zweimal, und die Gedanken sprangen wild in seinem brummenden Schädel herum. Dann nickte er aber doch noch schwach und wendete sich ab, um das gemütliche Häuschen vorerst zu verlassen. Die anderen ließen ihn.

Draußen angekommen sah er sich sofort nach dem bekannten roten Wollmantel seiner Kumpanin aus dem Norden um. Er fand jenen nicht. Stattdessen lief Leto in ihn, der Mann, der die Reisegruppe früher einmal sicher durch den gefährlichen Wald und an den Nornen vorbeigeführt hatte. Der Bogenwalder mit den langen, braunen Haaren, grinste breit, als er Hjaldrist erkannte und sofort einen Arm brüderlich um ihn legte.

“Junge! Lang nicht mehr gesehen!”, grinste der herzliche Nachbar Lados und drückte den etwas kleineren Undviker kurz und fest “Ich habe gehört, du bist jetzt ein Jarl. Echt komisch!”

Überrumpelt blinzelte der gepackte Hjaldrist und äugte zu Leto, der ihn schon beherzt neben sich her schob.

“Ich habe dein Mädel schon begrüßt. Sie ist im ‘Torkelnden Schurken’.”, berichtete der Bogenwalder “Seid ihr hier, um am Turnier teilzunehmen?”

“Turnier?”, entkam es dem verwirrten Hjaldrist “Naja, ich habe vorhin etwas von einem Duellantenfest gehört...”

“Genau!”, lachte Leto beschwingt und drängte den Neuankömmling über den kleinen, verregneten Hauptplatz, gen Taverne “Die Duellantengilde richtet in drei Tagen ein Turnier aus. Jeder kann mitmachen und gekämpft wird nur mit Schwertern. Die ersten drei Plätze gewinnen Gold und einen ehrenvollen Platz in der Gilde. Wäre das nichts für dich? Komm, du kämpfst als Skelliger doch sicher gerne. Ihr haut euch stets auf die Mäuler und freut euch, wenn ihr die Zähne fletschen könnt.”

Hjaldrist, der sich von der guten Laune Letos anstecken ließ, musste schief lächeln.

“Du klingst so, als suchtest du ganz verzweifelt nach Teilnehmern...”, stellte er mit triezendem Unterton fest.

“Was? Nein!”, grinste Leto breit “Ich habe bereits elf Anmeldungen!”

“Elf? Tatsächlich?”, staunte der adelige Axtkämpfer und ließ sich die drei schmalen Stufen zur hölzernen Gasthaustür hochdrängeln, welche er gleich aufdrückte.

“Ja. Es wird ein imposantes Fest werden! Mit Duellen, Wetten, Speis und Trank!”, lachte Leto und betrat mit seinem Gast, der keine andere Wahl hatte als mitzukommen, die Schänke. Jemand spielte in einer der Ecken des großen Raumes auf einer Leier und es roch angenehm nach frisch gebackenem Brot.

“Na dann…”, murmelte Hjaldrist und ließ den Blick schweifen. Er erkannte Anna gleich, die noch in voller Montur vor einem alten Tisch stand, an dem ein fremdartiger Kerl saß. Sie unterhielt sich mit eben jenem und ihr skelliger Freund taxierte sie und den unbekannten Krieger interessiert. Dieser war ein sehniger Mann, der ein ledernes Stirnband über kurzen, schmutzigblonden Haaren trug. Sein Gesicht war schmal und trug an der einen Seite Narben von Klauen. Unter einer rot gestreiften Jacke aus Leder und Stoff trug er ein Kettenhemd. Und um seinen Hals hing ein Medaillon in der Form eines Wolfskopfes mit aufgerissenem Maul. Hjaldrist’s Brauen wanderten verblüfft nach oben, doch schnell rief er es sich zurück ins Gedächtnis, dass man ihm einst erzählt hatte, dass es keine Seltenheit war, hier viele Hexer anzutreffen. Siofra war ein beliebtes und lohnendes Ziel für Monsterjäger und angeblich kam es vor, dass sich ganze Gruppen von Mutanten hier einfanden, um gute Münze zu verdienen.

“Ich hole Bier für uns und dein Mädchen! Setze dich schon mal.”, machte Leto großzügig und ließ Hjaldrist allein. Der Jarl indes, näherte sich Anna und dem fremden Wolfshexer sofort neugierig. Der besagte Vatt’ghern sah flüchtig her, wand sich aber gleich wieder seufzend an seine Zunftsgenossin.

“Balthar und das Erziehen eines kleinen Mädchens, ha?”, murrte der Kerl und schüttelte den Kopf ungläubig. Verächtlich schnalzte er mit der Zunge und fasste dann nach seinem schäumenden Bierkrug.

“Ich dachte Geralt, dieser Idiot, bliebe der einzige, der sich solche Dinge in den Kopf setzt.”, schnaufte der Mann.

“Hm, ich sehe schon...”, gab Hjaldrist amüsiert von sich, als er neben Anna mit an den Tisch trat und eben jene direkt ansprach “Noch ein ‘Familienmitglied’ von dir?”

Die burschikose Frau linste zu ihm und lachte betreten.

“Nicht wirklich.”, gab sie zu, bevor sie sich darauf besann, dass Hjaldrist ihren Gesprächspartner mit den beiden Schwertern, die an der Tischkante lehnten, noch nicht kannte. Sie deutete auf den trinkenden Hexer.

“Das ist Tar’Azul.”, erklärte sie “Er verließ Kaer Morhen vor einer langen Zeit, um weit zu reisen. Daher kannten wir uns bis gerade eben nicht. Er ging, bevor Balthar mich in die Festung brachte.”

“Tja. Aber Balthasar kenne ich.”, gab der Wolf an “Und es wäre gelogen, würde ich diesen Narren als meinen besten Freund bezeichnen.”

Hjaldrist griente verhalten, als er dies hörte, und warf seiner Freundin einen Blick zu. Sie verkniff sich sichtlich ein Lachen.

“Dein Name klingt sehr… exotisch.”, merkte der Undviker jetzt unverhohlen an, als er den Wolfshexer mit der sehr hellen Haut und den nordischen Zügen aufmerksam betrachtete “Dabei siehst du nicht so aus, als seist du ein Ostländer.”

“Bin ich auch nicht.”, sagte der Mutant “Ich lebte lange in Serrikanien und bekam meinen Namen dort.”

“Hm.”, machte der Skelliger in der grünen Tunika, der sich keinen wirklichen Reim auf diese Äußerung machen konnte. Er beließ es dabei, denn er musste ja nicht den Hintergrund eines jeden neuen Bekannten kennen.

“Und was treibt dich nach Bogenwald?”, wollte er wissen.

“Ein Auftrag für ein mächtiges Waldwesen.”, kam es knapp zurück “Und ich muss sagen, dass es mich überrascht, dass ich hier nicht der einzige meiner Art bin. Und dass sich ein Hexer der Vipern gar fest hier niedergelassen hat. Seltsame Zeiten sind es, in der wir leben, wirklich.”

“Hm. Richtig...”, nickte Hjaldrist noch und schenkte Anna einen hintergründigen Blick, ehe er fragend in die Richtung Tar’Azuls nickte. Es war ein stummes ‘Willst du dich zu ihm setzen?’. Die eher verschlossene Frau zuckte mit den Schultern. Und es dauerte keine Minute mehr, bis sich Hjaldrist und damit auch sie zu dem schlanken Wolf setzten. Dieser Mann sprach nicht viel von sich selbst, doch die Gelegenheits-Abenteurer fanden dennoch heraus, dass er neben Balthar auch Vadim von früher kannte und sehr, sehr pragmatisch, unvoreingenommen und direkt war. Vielleicht war er dem Jarl Undviks gerade ob letzterem sympathisch.

“Und was treibt ihr zwei hier? Es ist seltsam einen Jarl der Inseln an einem Ort wie diesem anzutreffen. Und das auch noch mit einer einzigen Leibwache, die zufälligerweise von einem Hexer großgezogen wurde.”, wollte Tar’Azul irgendwann wissen. Auch Leto war mittlerweile da und trank in aller Seelenruhe sein Dunkelbier. Er kümmerte sich kaum um das Gespräch der Monsterjäger.

“Wir…”, fing Hjaldrist nach einem bedachten Zögern an “Wir wollen am Turnier teilnehmen.”

“Ah.”, machte der Hexer am Tisch und wirkte wenig überzeugt, doch stocherte nicht weiter nach. Leto grinste zufrieden und Anna horchte verwirrt auf.

“Turnier?”, wollte sie sogleich wissen “Welches Turnier?”

“In ein paar Tagen gibt es ein Duellantenfest. Und wir sollten bei den Wettkämpfen mitmachen, Anna. Findest du nicht?”, lächelte der Mann mit den ordentlich zurückgebundenen Haaren herausfordernd “Es wäre ein bisschen so, wie bei den Faustkämpfen Blandares damals. Und vielleicht treten wir ja sogar gegeneinander an. DAS wäre was.”

“Uhm… ‘so wie damals’?”, entkam es der Kräutersammlerin mit dem grauschwarzen Mantikor-Schulterfell und entgegen aller Erwartungen wurde sie etwas nervös “Ich weiß ja nicht...”

“Wieso denn? Hast du etwa Schiss, Huskarl?”, schmunzelte der Jarl stichelnd und Leto, der zwischen den beiden Freunden hin und her sah, lachte leise “Ich, als dein Boss, könnte dir befehlen mitzumachen, weißt du…”

Der giftige Blick, mit dem Anna Hjaldrist daraufhin strafte, sprach Bände. Und wären sie beide soeben alleine gewesen, hätte sie ihm vermutlich einen wüsten Schimpfnamen verpasst. Sie waren aber nicht unter sich und daher verkniff sie sich ein Fluchen. Als Leibgardist Skelliges schwor man schließlich darauf seinen geschätzten Jarl niemals zu verunglimpfen oder respektlos zu behandeln. Dies, um seine Ehre vor Fremden zu wahren. Daher biss sich Anna jetzt nur pflichtbewusst auf die Lippe und linste einmal verschlagen zu Tar’Azul und Leto, die sichtlich belustigt waren. Sie hatte sicherlich alle Mühe nicht genervt zu seufzen. Aber gut, dass sie ihre aufmüpfige Art niemals abgelegt hatte. Denn jene machte sie unter anderem aus.

“Weißt du was? Lass uns wetten.”, schlug Hjaldrist am Ende schmunzelnd vor, anstatt seiner Kumpanin tatsächlich zu befehlen gegen ihren Willen an einem Schwertkampfturnier teilzunehmen, bei dem viel zu viele Fremde zusahen. Seine Augen funkelten dabei erwartungsvoll.

“Wetten…?”, hakte Anna höchst misstrauisch nach und legte den Kopf fragend schief.

“Ja. Wenn ich mehr Kämpfe gewinne, als du, hab ich etwas bei dir gut.”, sagte er ohne jeglichen bösen Hintergedanken “Und wenn du mehr erfolgreiche Duelle bestreitest, bevor du ausscheidest, darfst du dir irgendetwas von mir wünschen. Na?”

Man sah, wie die zuvor noch so bissige Anna auf dies hin merkbar innehielt und ihren Freund auffallend interessiert angaffte. Ihr Ausdruck lichtete sich und man konnte ihr ansehen, wie ihr unfrisierter Kopf auf Hochtouren arbeitete. Auf einmal war sie nicht mehr so blass, wie noch zuvor, sondern bekam am Rande eine gesunde Farbe. Besonders an den Wangen. Warum? War es der Gedanke an Kämpfe vor großem Publikum, der sie so durcheinanderbrachte? Also wirklich. Anna war oft in sich gekehrt, ja. Doch warum mutete sie just so, so zappelig an?

“...Ich kann mir was von dir wünschen?”, wollte sie hoffnungsvoll wissen “Alles?”

“Ja, klar.”, der Jarl zuckte gutmütig mit den Schultern “Das gilt aber auch für mich, sollte ich der Gewinner sein. Und ich habe sogar schon eine Idee.”

“Welche Idee?”, Anna machte den Blick skeptisch schmal.

“Das verrate ich dir nicht.”, gluckste Hjaldrist auf dies hin übermütig und hoffte bereits, dass ER der Sieger seiner vorgeschlagenen Wette sein würde. Denn er wusste in der Tat schon ganz genau, was er mit seiner Kollegin hier anstellen würde, sollte sie weniger Duelle gewinnen, als er. Ha, seine Forderung würde ihr ganz und gar nicht gefallen oder sie verdammt scheu stimmen, glaubte der Undviker. Oder vielleicht auch beides? Sein Mustern wanderte bedeutungsschwanger und verschlagen über die ansehnliche Kurzhaarige. Oh ja. Hjaldrist’s Wunsch an sie wäre… besonders.

 

In den kommenden zwei Tagen geschah nicht viel. Hjaldrist, Anna und Aldoran erholten sich vor allem von ihrer vergangenen, langen Reise zu Schiff. Und Lado plante das anstehende, geheime Ritual, in das man die besessene Novigraderin im Bunde locken würde. Er spannte nach einigem Hin und Her und zur Sicherheit auch den versierten Tar’Azul mit ein und sprach viel mit Nyra. Letztere war in Hjaldrist’s Augen eine popelige Schnepfe. So, wie es die meisten Zauberinnen waren. Sie war kleiner als er, hatte dunkelblonde Locken, einen ordentlichen Vorbau und roch meterweit gegen den Wind nach ihrem süßlichen Parfum. Die schief grinsende Frau, die dem Skelliger nicht ganz geheuer war, kam aus Kaedwen. Aus irgendeinem Ziegen-Dorf nahe dem Pontar stammte sie angeblich und hatte offenbar adelige Verwandte, die ihre Ausbildung in Aretusa finanzierten. Nicht überraschend. Seit gestern stellte diese Dame Anna nach, ohne der besagten Giftmischerin ihre gefinkelten Pläne zu offenbaren. Sie schrieb häufig und machte sich Notizen, während sie die Ungeheuerkundige beobachtete. Und nicht nur dies. Sie hielt sich ständig an die Hexer im Dorf und dies auf sehr anzügliche Art und Weise. Hjaldrist hatte bemerken müssen, wie sie dem armen, nach Atem ringenden Lado einen dicken Kuss auf die Wange gedrückt und sich einmal einfach auf Tar’Azuls Schoß gesetzt hatte. Vieldeutig gescherzt hatte sie dabei, davon geredet, dass sie es gerne mit Vatt’ghern trieb und geschwärmt, dass es sie so angenehm in den Fingern kitzelte, wenn sie eben jene berührte. Dass es sie geil mache. Es war ekelhaft. Und Hjaldrist hatte durchaus verstehen können, dass Lado seit dem unangekündigten Kuss der Verführerin einen Sicherheitsabstand zu Nyra einhielt. Wenn es um Frauen ging, war Hjaldrist schließlich ähnlich schüchtern, wie die Viper Bogenwalds und demnach auch froh, dass die Zauberin aus Kaedwen ihn in Ruhe ließ. Ja, Hemdall sei Dank war Hjaldrist kein Katzenauge und konnte die freizügige Nyra aus sicherer Entfernung taxieren. Auch jetzt lehnte sie einmal wieder neben Tar’Azul an Lado’s Hauswand und zwirbelte sich die hellen Locken lasziv zwischen den Fingern. Kichernd unterhielt sie sich mit dem Hexer in der gestreiften Jacke, die ein wenig an Annas berühmtes Kleidungsstück erinnerte, und gestikulierte dabei immer wieder einmal übertrieben mit der freien Hand.

“Schlimm, oder…?”, murmelte Anna, die neben ihrem Freund auf der Holzbank vor der Taverne saß und über den Platz gen Nyra und Tar’Azul spähte “Die ist sogar ärger als ich, wenn ich besoffen bin. Glaube ich.”

“VIEL schlimmer ist sie, ja.”, stöhnte der Jarl, der sich gerade einen Becher Rotwein zu Gemüte führte. Es war bereits sein zweiter und es war gerade einmal früher Nachmittag. Hjaldrist war nämlich unruhig. Heute Abend schon sollte das Ritual stattfinden, durch welches man mehr über den wüsten Magier in Anna’s Kopf erfahren sollte. Und während die betroffene Kriegerin nichts von alledem ahnte, fühlte sich Hjaldrist schon seit dem Aufstehen so unwohl, dass er etwas Alkohol brauchte. Er kam sich wie ein Verräter vor. Denn heute Abend würde er vortäuschen zu verrecken, um den auf den Plan zu rufen, der durch seine ‘besondere’ Leibgardistin hörte, handelte und sah. Oh, Modron Freya, hoffentlich würde niemand zu Schaden kommen. Und hoffentlich trüge Anna von der Sache kein Trauma davon.

“Glaubst du, Tar’Azul will etwas von Nyra?”, fragte die Kräutersammlerin murmelnd und lehnte sich dafür leicht zu Hjaldrist hin, der neben ihr herumlungerte. Die schwarzen Augen nahm sie dabei nicht von den beiden Genannten, als ihre Schulter die ihres Gefährten berührte. Es war unterhaltsam, wie gern diese sonst so jungenhafte Frau manchmal mit ihm tratschte. Und dies nur mit ihm. Nie palaverte sie mit anderen über Leute, die sie nicht mochte.

“Hm… nein. Sieh doch, wie gelangweilt er wirkt.”, meinte der Axtkämpfer, der gern auf dies einging und wischte sich eine verirrte Haarsträhne aus dem Blickfeld. Denn ein wenig Lästern schadete ja nicht.

“Tse…”, die Trankmischerin lachte leise und verschränkte die Arme vor der Brust “Armer Kerl.”

“Ach, wenn es ihm zu viel wird, wird er sie schon verjagen.”, schätzte der Undviker noch und versuchte zu grinsen “Sie ist zwar penetrant, doch offenbar geht sie ihm noch nicht zu sehr auf die Nerven. Oder, naja, vielleicht nimmt er sie ja doch noch mit auf sein Gästezimmer?”

“Urgh. Ich frage mich, warum sie überhaupt hier ist. Ich meine… WAS sollte eine ZAUBERIN nach Bogenwald locken?”, fragte sich die Kurzhaarige uneins und ihr Freund hielt inne. Erst nach einer kurzen Denkpause sprach er. Und er log. Mehr oder minder jedenfalls.

“Ich nehme an die vielen Hexer?”, machte der Mann “Ich meine… wir haben davon gerade drei hier. Das ist viel. Oder vielleicht interessiert sie sich ja für das Duellantenfest. Wobei… nein. Eher nicht. Sie ist doch nur aufs Bumsen aus.”

Anna musste heiter lachen, als sie das hörte. Es tat gut sie so zu sehen.

“Oh Mann…”, entkam es ihr und sie fasste nach Hjaldrist’s Tonbecher, weil sie keinen eigenen hatte. Zum Glück ging sie nicht weiter auf das Thema rund um Nyra’s Anwesenheit ein. Denn Hjaldrist’s schlechtes Gewissen hatte ihn mittlerweile schon so weit, dass er Anna den Plan für heute Abend beinahe verraten hätte. Es fühlte sich nämlich so falsch an hinter ihrem Rücken herumzuplanen, um sie zum Schluss praktisch zu hintergehen. Der flaue Magen des Skelligers verdrehte sich nahezu. Und er erhob sich nach einem flachen Ausatmen, um sich noch mehr Wein aus der Schänke zu holen.

Zu trinken half aber leider nicht. Viel später, etwa eine Stunde nach Einbruch der Dunkelheit, verweilte Hjaldrist nahe Lado im stockdüsteren Wald und fühlte sich wieder sehr, sehr nüchtern. Im Schein der drei Öllampen der Anwesenden beobachtete er, wie der besagte Hexer seinen in die feuchte Erde gezogenen Bannkreis noch einmal penibel kontrollierte; Zeichen für Zeichen, Linie für Linie. Und wie Nyra, die zum ersten Mal wahrhaftig ernst wirkte, in ihrem kleinen Holzköfferchen, das sie mitgebracht hatte, herumwühlte. Sie befanden sich auf einer kleinen Lichtung direkt neben dem plattgetretenen Hauptweg, der gen Sumpf führte. Der Ort war Hjaldrist längst bekannt und dennoch fühlte er sich gerade so fremd an. Der aufgebrachte Jarl hörte es unweit im Unterholz rascheln und wusste, dass dies Vadim und Kasia waren, die Wache hielten. Wenn man Lado glaubte, war der Bogenwald momentan relativ sicher. Abgesehen von den üblichen Tieren oder Monstern ließen sich seit Monaten keine der bösartigen Schatten blicken. Letztere, so der Vatt’ghern, kamen vermutlich nur zu Saovine. Und daher versuchte Hjaldrist beruhigt zu walten. Sein Herz klopfte ihm nichts desto trotz bis zu Hals und er konnte nichts dagegen tun, denn im Grunde wollte er all das hier nicht. Doch er MÜSSTE mitmachen. Dies, um seinen Verbündeten die wertvolle Chance zu ermöglichen nach den Gedanken des Wahnsinnigen unter Anna’s Scheitel zu haschen. Er tat es, um die zu retten, die er vor sechs Jahren in Ard Skellig kennengelernt hatte und seither sehr schätzte.

Tief steckte Hjaldrist sich die Hände in die Taschen und ging ein wenig auf und ab, während Lado und Nyra leise miteinander sprachen. Es war kühl. Und es fing schon wieder an zu regnen. Scheißwetter, verdammtes.

“Sobald du Anna in den Kreis gelockt hast, komme ich aus meinem Versteck und schließe den Bannzauber.”, murmelte die anwesende Kaedweni “Dann kannst du dich voll und ganz auf sie konzentrieren.”

“In Ordnung.”, sagte Lado “Aber schreite nicht ein, solange sie - oder der Magier - noch bei Bewusstsein ist, ja? Es wäre zu gefährlich.”

“Wenn du meinst.”

“Sind deine Artefakte, durch die du zauberst, bereit?”

“Ja, natürlich. Sie werden es mir ermöglichen weit in den Geist des Mädchens und damit auch in den Kopf des Zauberers vorzudringen. Hoffe ich. Ich platziere sie gleich noch am äußeren Ring des Kreises.”

“Gut. Tu das.”

Hjaldrist presste die trockenen Lippen zusammen und sah vergrämt in die Finsternis vor sich. Seine Kehle war rau und seine Hände feucht. War es seltsam, dass er sich gerade so fühlte, als sei er ein böser Gegner Annas?

“Und nun warten wir.”, wisperte Nyra, die sich in die schützenden Schatten zurückzog. Eine große Stille tat sich folgend auf. Eine, die lange - eine knappe Stunde vielleicht - andauerte. Die Kameraden standen im kalten Regen und hörten diesem dabei zu, wie er immer beständiger auf die satten Blätterkronen prasselte. Ab und an grollte Donner in der Ferne und dies mochte zu der vorherrschenden Stimmung passen. Hjaldrist schaffte es kaum still zu stehen und ging immer wieder nervös im Kreis. Er knetete sich die eiskalten Finger, fuhr mit dem Daumennagel feine Rillen im Holzgriff Erlklamms, die er geholstert trug, nach und sah sich oft abwartend um. Das hier gefiel ihm nicht. Dein Bauchgefühl war mies.

“Rist.”, sprach Lado den Jüngeren nach einer ganzen Weile mit gesenkter Stimme an “Alles wird gut werden.”

Der unsichere Jarl im Unwetter, dessen Kleidung mittlerweile ungemütlich feucht war, hielt inne und sah durch den Regen, der längst nicht vom Laubwerk der Bäume aufgehalten wurde, zu dem Katzenauge hin. Er seufzte tief und wollte antworten, da bemerkte er, wie irgendetwas im Forst nach der Aufmerksamkeit Lados haschte. Der wachsame Hexer verspannte sich gleich und spähte in die klamme Düsternis. Mit seinen unmenschlichen Augen sah er besser, als all seine Begleiter. Und er kündigte an, was man auch als Normalsterblicher gleich bemerken sollte:

“Sie kommen.”, flüsterte der Bogenwalder verheißungsvoll und wies auf einen Punkt weiter vorne. Hjaldrist wendete sich, um sich im orangen Lampenschein umzusehen. Sekunden später erkannte auch er das kleine, tanzende Licht einer Sturmlaterne im weitläufigen Wald. Man hörte, wie zwei Leute miteinander sprachen. Das waren Tar’Azul und Anna. Er ballte die Hände zu Fäusten.

“Komm.”, bat Lado Hjaldrist jetzt und verfiel in plötzliche Hektik, als er den jüngeren Skelliger zu sich winkte und eines seiner Messer zog. Der hierauf vorbereitete Inselbewohner zögerte kurz, ehe er zu seinem entschlossenen Freund kam und jenen todernst anstarrte.

“Es wird gut, versprochen.”, lächelte die Viper ein letztes Mal gezwungen ruhig “Vertraue Nyra und mir.”

“Das tu ich. Jedenfalls dir.”, gab der Jarl offen zurück und hörte die sich verbergende Nyra hinter einem der nahen Bäume schnaufen “Nur glaube ich noch immer nicht, was ich hier tue. Was, wenn Anna all das nicht verkraftet? Ich mache mir Sorgen. Sie ist nicht so stark, wie sie immer tut. Besonders in letzter Zeit nicht.”

“Ich weiß, ich weiß.”, Lado, der mitleidig aussah, streckte die freie Hand aus, um seinem Gegenüber die Schulter zu klopfen. Und sie schwiegen. Denn Tar’Azul und Anna nahten und sollten nicht hören, wie sie sich freundschaftlich unterhielten. Die Lage spitzte sich langsam zu.

“...Spurenlesen im Wald. Bei Nacht und Regen?”, hörte man Anna entfernt maulen “DAS klingt wie eine Aufgabe, die Balthar mir vor zehn Jahren gegeben hätte. Willst du mich verarschen?”

“Und das zurecht.”, machte der Vatt’ghern mit dem serrikanischen Namen belustigt und überging das mit dem ‘Verarschen’ damit geflissentlich “Denn tatsächlich ist das eine klasse Übung für angehende Hexer. Man muss dabei nämlich viel mehr Sinne einsetzen, als nur die Augen.”

“Dir ist schon klar, dass ich kein Hexer bin und nie einer sein werde? Ich habe dahingehend bereits eine gewisse Geschichte hinter mir und keine Lust-”

“Na und? Hör auf zu motzen und freue dich doch darüber, dass ich deine Fähigkeiten auf die Probe stellen und dir etwas beibringen möchte.”

“Hmpf!”

Näher kamen die beiden. Und dann, soviel sah der zittrige Hjaldrist im Augenwinkel, hielt das Licht der quietschenden Öllampe plötzlich an. Anna bemerkte, dass etwas nicht stimmte, oder? Sie war nicht dumm.

“Ey, sieh mal.”, hörte man sie sagen “Da vorne sind Lichter.”

“Hm? Stimmt.”, stellte sich Tar’Azul dumm “Sieht aus, wie Öllampen. Wer wohl noch so spät hier im Wald ist? Gehen wir nachsehen?”

“Ja, von mir aus...”, machte die nichtsahnende Kurzhaarige, die ihr Langschwert zog, und Hjaldrist schickte stumme Stoßgebete gen Valhall. Er trat näher an Lado heran und eben jener erwischte ihn sanft am Kragen. Die eingeschworenen Männer tauschten einen letzten Blick aus, bevor die, die heute hereingelegt werden sollte, auf den Platz trat.

“Oh!”, machte sie und sprach lauter, damit man sie durch das Plätschern des Regens und das Rauschen der dichten Blätterdächer hören konnte “Lado? Bist das du?”

“Anna.”, entkam es der Viper kühl.

“Was machst du hier…?”, hakte die Frau, die der Schlange sonst blind vertraute, naiv nach “Und-... äh, Rist? Wolltest du nicht ins Bett?”

Der angesprochene Skelliger schluckte trocken und biss sich auf die Zunge. Ganz ruhig jetzt. Er spürte einen Ruck und der Griff Lado’s an seinem breiten Kragen wurde fester. Er tat so, als würge man ihn harsch und Lado lachte kühl.

“Was wird das?”, blaffte Anna sofort, als sie das sah. Die zielstrebige Viper drehte Hjaldrist als Antwort mit einem Mal herum, zwängte ihn rücklings an sich und drückte ihm das Jagdmesser mit der stumpfen Seite voran an die entblößte Kehle. Anna entkam ein erschrockener Laut. Denn im Dunkel erkannte sie nicht, dass ihr Freund nicht in Lebensgefahr schwebte und man ihm keine scharfe Schneide an die Haut presste. Für sie war das hier gerade schmerzlich real. Sämtliche Farbe wich ihr aus dem Gesicht.

“A-Anna...!”, keuchte Hjaldrist hilfesuchend, lehnte sich an Lado, der in seinem Kreuz stand, und hing sich ein wenig in dessen Griff. Er schnappte gespielt überfordert nach Luft und hasste sich in dieser Sekunde abgrundtief dafür.

“Rist!”, brach es gleich aus der überwältigten Novigraderin hervor und stumm beobachtete der Besagte, wie sie hastig näher lief. Sie ließ ihre Lampe dabei fallen und wirkte sofort ganz aufgelöst. Die Kämpferin wusste nicht, dass sie in eine Falle getappt war. Sie stand jetzt im Bannkreis und bemerkte dies nicht. NOCH nicht.

“Lado! Lass ihn los!”, befahl sie herrisch, doch mit absolut unsicherem Gebärden “WAS tust du da?”

“Tse.”, die Viper lachte verärgert und drängte das stumpfe, im Lampenschein aufblitzende Metall enger an Hjaldrist’s Hals. Jener ging darauf ein und flehte leise.

“Lado… nicht…”, wisperte der Jarl “Komm… komm zur Besinnung…”

“Weißt du, was dich immer daran gehindert hat wie wir zu werden, Anna?”, wollte Lado kühl wissen “Er. Rist. Solange er da ist und dich unter seiner Kontrolle hat, wirst du niemals eine Hexerin werden! Ja, als Hexer muss man sich von allen Bindungen lösen!”

“W-was?”, stöhnte Anna aufgebracht und es tat irrsinnig weh zu sehen, wie ihre Verwirrung und Ratlosigkeit einer sichtbaren Ohnmacht wich “Lado! Hör auf! Ich will keine He-”

“Er hält dich auf! Das tut er schon seit jeher!”, schnitt Lado sie verächtlich ab und seine Kunst zu schauspielern war bemerkenswert “Und deswegen muss er sterben!”

Abrupt zog der Hexer seinem vermeintlichen Opfer die harmlose Klinge über die Kehle und Hjaldrist stöhnte schmerzerfüllt auf. Sofort fasste er sich mit beiden Händen an den Hals, damit Anna nicht sah, dass er nicht blutete. Wie abgesprochen erfasste Lado ihn abermals und stieß ihn zur Seite. Hjaldrist spielte mit, warf sich in den Dreck und blieb röchelnd und hustend im Laub liegen. Anna schrie entsetzt und konnte sich vor Schreck nicht rühren. Der würgende Skelliger zuckte und jammerte. Er wand sich und rollte sich zur Seite, ehe er bald regungslos liegen blieb. Dies mit dem Rücken zu Anna gewendet, damit sie keinesfalls erkennen könnte, dass all das Blut aus Hjaldrist’s Kehle fehlte. Die Frau schrie seinen Namen und ihr Ton war erfüllt von haltloser Panik. Noch nie hatte er sie so markerschütternd rufen gehört. Es fühlte sich an, als treibe man ihm einen spitzen, langen Dolch durch die ungeschützte Brust.

“Nein! Rist! Bitte nicht!”, gellte die Alchemistin und man hörte folglich, wie Lado sie aufhielt.

“Lass… lass mich los! Arschloch! Was hast du getan?”, schrie Anna mit brechender Stimme.

“Es ist besser so!”, machte der Hexer und Hjaldrist schloss die braunen Augen bedauernd. Er biss die Zähne aufeinander und wartete ab, stellte sich weiterhin tot und versuchte sein übles Gewissen auszublenden. Er fühlte sich elend, denn in dieser Minute war er der schlechteste Freund von allen.

Das Rascheln von Stoff, das Knarzen von Leder, Glieder von Kettenrüstung, ein Stolpern. Lado rangelte wohl mit Anna. Er warf sie zu Boden und sie ächzte ob dem laut. Womöglich hatte sie sich beim dumpfen Sturz wehgetan.

“Nein! Rist!”, weinte sie aus vollster Kehle “Lass mich zu ihm, Lado! Lass mich zu ihm! Bitte, bitte!”

“Nein.”, bestand der Vatt’ghern streng und die Frau flehte weiter. Doch sie gelangte nicht zu ihrem Vertrauten, der in ihren Augen im Sterben lag oder längst tot war. Am liebsten hätte der empathische Hjaldrist just mit ihr geheult. Es wollte ihm den Magen umdrehen und seine Kehle wurde so, so eng.

“Sei froh, dass Lado dir diesen Gefallen getan hat!”, hörte man Nyra nun überheblich sagen. Die Zauberin, die sich aus den schützenden Schatten schälte, lachte dünn. Vielleicht saß Anna gerade noch am Grund, weil man sie geworfen hatte. Inmitten des Bannkreises, den sie noch nicht bemerkt hatte, kniete sie womöglich, weil sie keine Kraft mehr fand und vor Tränen nichts mehr sah. Hjaldrist verfluchte sich im Geiste dafür. Doch er blieb weiterhin schlaff liegen, während ihm die Regennässe unangenehm kalt in den Kragen kroch. Es war zu spät all das hier zu unterbinden und Hjaldrist müsste der Szene ihren Lauf lassen.

Anna heulte wie ein Schlosshund. Sie jammerte Unverständliches, schluchzte und wurde mit der Zeit immer leiser. Sie verstummte vollkommen und nur ab und an schniefte sie laut. Und dann, nach einer vernichtenden Stille, kam etwas, das Hjaldrist mit einem Mal komplett erstarren ließ.

“...Ich habe ihn geliebt!”, warf Anna Lado verzweifelt entgegen und der Undviker am moosbewachsenen Erdboden weitete die Augen verdattert. Es verschlug ihm den Atem. Was…? Nein.

“Ich habe ihn geliebt, du Bastard! Und du hast es gewusst...!”, sagte die Giftmischerin beachtlich heiser und schien komplett zusammenzubrechen “D-Du hast es gewusst… ich hatte es dir an-anvertraut...”

“Das spielt keine Rolle.”, gab Lado eiskalt zurück “Es ist mir egal.”

“Ich hatte… ich hatte durch ihn endlich ein Zuhause gefunden, Lado. Einen Platz, wo ich hingehöre! E-Eine Heimat!”, heulte die gebeutelte Novigraderin auf “Und du hast mir all das weggenommen...!”

Dem Jarl, der gewaltsam dagegen ankämpfen musste nicht sofort aufzuspringen und zu seiner armen Freundin zu rennen, stand der Mund einen überwältigten Spalt weit offen und sein Blick wurde unstet. Er wusste nicht, ob es der Regen war, der ihm die Sicht ein klein wenig verschwimmen ließ. Eiskalt wurde es ihm. Und Anna… die weinte. Sie weinte, bis irgendetwas in ihr zusammenzufallen schien. Dann, eine quälende Zeit darauf, holte sie hörbar kehlig Luft.

“Ich… ich bring dich um!”, keuchte sie zittrig “Ich bring dich um, Lado. Ich bring euch alle um! Dich und all deine Helfer hier! Ich dachte, wir seien Freunde!”

Die Frau vergaß sich in diesem Augenblick und schiss auf alles, denn sie glaubte alles verloren zu haben. Hjaldrist sah zwar nichts, da er mit dem Kreuz zu dem fürchterlichen Geschehen dalag, doch er vernahm, wie seine Freundin auf Lado loszugehen schien. Ein kurzer Kampf brach los. Einen, den Anna natürlich verlor, denn der Vipernhexer war so viel mächtiger als sie. Der Glatzköpfige schlug ihr hörbar das scheppernde Schwert aus der Hand. Anna erkannte ihre Schwäche auf das hin. Und daher passierte das, was sich beinahe alle Anwesenden erhofft hatten. Die Nordländerin, die in den letzten Monaten so geläutert erschienen war, griff auf ihre letzte Möglichkeit zurück, um zu bestehen. Die sonst so derbe, doch eigentlich nette und gutmütige Frau, sprach auf einmal mit einem düsteren Unterton, den selbst Hjaldrist dazu zwang zu erschrecken.

“E-er wird mir helfen.”, drohte sie, als sei sie nicht mehr sie selbst. Anna rastete hier gerade vollkommen aus, war außer sich. Und der Regen begleitete das Szenario düster prasselnd.

“Ja…”, lachte die unbeholfene Ungeheuerjägerin mit einem Gemisch aus Verzweiflung und Bosheit im Ton “Er… er kann und WIRD euch umbringen! Nicht ich! Und es wird das Letzte sein, was er durch mich tut!”

Lado schwieg vehement. Und Anna begann wahrhaftig damit zu ‘ihm’ zu sprechen. Hjaldrist konnte es kaum glauben. Er wollte nicht wahrhaben, was seine sonst so treudoofe Kumpanin tat: Sie bat einen Mann, der einem Dämon glich, um Beistand, um Leute zu töten, die sie bis kurz vorhin noch zu ihren engsten Freunden gezählt hatte. Es war eine abgrundtief böse Tat. Trotz allem.

“Ich weiß, dass du mich hörst. Hilf mir…”, wisperte die Kurzhaarige mit bebender Stimme “Bitte hilf mir… denn ich bin nicht stark genug.”

Stille. Dann, ganz plötzlich, legte sich solch eine veränderte Atmosphäre über die kleine Lichtung. Und als Anna erneut redete, war sie nicht mehr Anna. Sondern ‘er’.

“Hm.”, schnaubte sie so unheimlich ruhig und von ihrer Weinerlichkeit war nichts mehr zu hören “Interessant, was ihr hier macht. Wisst ihr, ich finde es stets sehr spannend Menschen zu beobachten, die in Not sind und verzweifeln. Manchmal werden sie durch ihre schlimme Lage wirklich, wirklich erfinderisch und selbstsüchtig. Und-”

Der kluge Magier in Anna stockte auf einmal. Dann hörte man ihn mit ihrer eigentlich so vertrauten Stimme erheitert glucksen.

“Oh. Der Junge ist nicht tot, nicht wahr...?”, stellte er fest und an diesem Punkt angelangt sah Hjaldrist gescheucht auf. Sofort wandte er sich herum und setzte sich hin. Er kam auf die Beine, um hektisch ein, zwei Schritte weit zurückzuweichen. Sein Herz schlug ihm bis zum Hals und das Adrenalin klatschte ihm laut Beifall. Scheiße. Die schwarzen Augen Annas streiften Hjaldrist so fremd und quälend emotionskalt.

“Aber das macht nichts. Er wird gleich sterben. Das Mädchen bat mich doch darum euch ALLE zu töten, hm? Das nehme ich beim Wort.”, grinste der Wahnsinnige überheblich “Drei Vatt’ghern, eine schlecht ausgebildete Zauberin, ein dummes Kind von Adel und eine unbedeutende Göre aus Temerien. Ha. Ein Kinderspiel...”

Und auf einmal geriet alles in Bewegung. Lado kam entschlossen vor Anna’s fremdgesteuerten Körper, um dem Zauberer Einhalt zu gebieten. Nyra trat mit in den Bannkreis, um eben jenen mit einem schnell gewisperten Zauber auf den Lippen zu schließen. Eine violett schimmernde Kuppel schoss, ausgehend von den Artefaktsteinen der Kaedweni, aus dem Grund hervor und baute sich in Sekundenbruchteilen über den Köpfen von ihr, Lado und Anna auf. Tar’Azul warf sich vor eben jener Lichtwand auf die Knie und Hjaldrist verstand nicht so recht, was der Wolf da tat, als er die Hände fest an die magische Barriere drückte. Doch es sah so aus, als speise er sie auf irgendeine Weise mit Energie. Mit Yrden vielleicht? Es hätte gepasst.

Der unbekannte Bastard fuhr derweil herum und erkannte seine missliche Lage. Er bemerkte, dass man ihn in einen Hinterhalt gelockt und eingefangen hatte. Der Hurensohn verzog das Gesicht ob dem unzufrieden und formte umgehend bläuliche Flammen über seiner Rechten, die er Nyra ohne Vorwarnung entgegen schleuderte. Schreiend wich die Kaedweni gerade noch in letzter Sekunde aus. Dann warf der Fremde Lado vor sich fort, als sei das außerordentlich kräftige Katzenauge ein kleines Püppchen. Aufächzend prallte die Viper an die Innenseite der aufblitzenden Lichtwand und sackte benommen nieder. Die geflüsterte Magie Nyras wollte wie ein Fangnetz über Anna’s Leib einschlagen, doch prallte an ihm ab, als sei sie nichts weiter als heiße Luft. Schnell wurde die Misere fatal und mit geweiteten Augen kam Hjaldrist näher. Hektisch und unfähig etwas zu tun, sah er zwischen Lado, der sich schleppend aufrappelte, der schwer atmenden Nyra und dem Kerl in Anna hin und her. Letzterer wandte seinen Widersachern jetzt einfach arrogant den Rücken zu, um auf die magische Barriere zuzuhalten, die mühsam vom keuchenden Tar’Azul gestützt wurde. Es war, als wolle er den Wolf als nächstes attackieren und als kümmere die schimmernde Lichtwand ihn kein bisschen. Und genau diese Hochnäsigkeit, gepaart mit dem weit geschwächten Körper seiner ‘Wirtin’, wurde ihm im nächsten Moment zum Verhängnis: Lado eilte dem Kerl nach, holte geistesgegenwärtig mit dem Schwertgriff aus und schlug dem Unbekannten den Knauf der Stahlwaffe gegen den Hinterschädel. Kurz taumelte der Fremde und dann sackte er tatsächlich in sich zusammen, wie ein nasser Sandsack. Es kam zugegebenermaßen unerwartet und glich einem Zufall, der so unepisch war, dass er einer schlechten Komödie der Bühnen Novigrads glich. Doch er war auch ein riesengroßes Glück. Hjaldrist dankte allen Göttern im Geiste dafür, dass der Körper, in dem der Magier just so spontan steckte, durchaus menschlich und verletzlich war.

“Jetzt!”, rief der Vipernhexer aufgekratzt und Nyra kam vor, um sich sofort über Anna’s regungslosen Leib zu beugen. Hjaldrist schluckte schwer, als er sah, dass seine Kumpanin aus dem Norden blutete. Doch er konnte nicht zu ihr. Noch immer erhob sich schließlich der magische Schutzwall aus kaskadierendem Licht um Anna, Lado und Nyra. Und Nyra war es, die jetzt an die Schläfen der Besinnungslosen mit dem verletzten Schädel packte. Angestrengt starrte die Zauberin Anna dabei an und biss die Kiefer so fest zusammen, dass man deren Muskulatur arbeiten sah. Gleich stöhnte sie schmerzerfüllt und es sah aus, als kämpfe sie auf einmal direkt mit einer Stimme in ihrem Kopf; mit irgendeiner unsichtbaren Macht.

“Nein… nein, lass mich…”, jammerte die Magierin ohne loszulassen und Lado stand ratlos neben ihr “Ich… ah…!”

“Nyra!”, grollte die Viper warnend, doch die angesprochene Frau schien ihn gar nicht mehr zu hören. Ihre schmalen Finger schienen förmlich am Kopf Annas zu kleben und ihr Bewusstsein war schlagartig ganz woanders.

“Silven.”, keuchte die Kaedweni überfordert und verdrehte die Augen so weit, dass man nurmehr deren Weiß sehen konnte “Er… er heißt Silven… Silven aep- uh, au… nein, geh weg...”

Aufgerüttelt stierte Hjaldrist und auch Lado stutzte arg. Der ausgezehrte Tar’Azul nahm seine Hände von der gleißenden Bannwand vor sich und das violette Licht schwand allmählich, als sich der Wolfshexer entkräftet zurück auf sein Hinterteil fallen ließ.

“Nyra!”, bangte Lado hin und her gerissen.

“Elaine, Elaine…”, nuschelte die Zauberin dann in einem grotesken Singsang “Dein Herz ist mein… es soll keine andre-”

Und dann sank der kryptisch weggetretene Lockenkopf auf einmal auf die erschlaffte Anna nieder. Lado war sofort zur Stelle, um der wirren Zauberin zu helfen. Er zerrte sie von der ohnmächtigen Novigraderin herunter und setzte sie neben jener auf den nassen Boden. Er rief auffordernd nach Hjaldrist. Nyra fasste sich benommen an den wirren Kopf. Und Anna… die lag einfach nur da. Halb seitlich hing sie auf der feuchten Erde und rührte sich nicht. Ihre schwarzen Haare klebten ihr feucht an der Stirn und ihr durchnässtes Schulterfell hing schief. Hjaldrist, kam nun, da der Bannkreis seine Wirkung verloren hatte, endlich zu ihr durch. Vor ihr ging er vollends besorgt auf die Knie und drehte sie sofort auf den Rücken. Er zerrte sich das grüne Halstuch vom Körper und hob den hängenden Kopf seiner Freundin an, um ihr das Stück Leinenstoff an die frische Wunde zu drücken, die Lado geschlagen hatte. Die Verletzung schien nicht allzu schlimm zu sein, denn sie blutete nicht stark. Nur ganz langsam färbte sich Hjaldrist’s Tuch rot.

“Anna.”, sprach er die Jüngere an, die er stützte, doch sie reagierte nicht. Ihr Ausdruck war ruhig. So, als schlafe sie. Und sie atmete schwer. Anna war nur bewusstlos und käme sicherlich gleich wieder zu sich. Jedenfalls redete sich der durchnässte Undviker mit dem Dreck an der Wange das ein, um sich selbst zu beruhigen, während er bei der Giftmischerin am Waldboden saß.

“Es tut mir leid… ich war so falsch...”, flüsterte der Mann und zog die Brauen betroffen zusammen. Vor seinem geistigen Auge spielte sich die unglaubliche Katastrophe von eben immer und immer wieder ab: Lado zog ihm stumpfen Stahl über die Kehle. Anna erstarrte vor Entsetzen. Der Skelliger simulierte einen Sturz, schlug sich das Knie dabei etwas auf. Und er glaubte seine Freundin wieder verzweifelt schreien zu hören, bevor sie brechend sagte, sie liebe ihn und durch ihn habe sie eine Heimat gehabt. Oh, bei den Göttern… sie hatte das ernst gemeint, nicht wahr? Niemand hätte in ihrer extremen Situation von vorhin gelogen oder belanglosen Blödsinn geredet. Nur… wie lange fühlte sie schon so? Und warum hatte sie es niemals auch nur entfernt anklingen lassen? Hjaldrist hatte nichts geahnt. Umso härter traf ihn die Erkenntnis jetzt und er wusste absolut nicht, wohin damit. Eine verliebte Anna? WIRKLICH? Wie…? Gerade SIE? Diese Vorstellung wollte, wie er sie drehte und wendete, nicht in seinen Kopf hineinpassen und riss den Undviker hin und her.

 

Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis sich die blasse Frau am Boden wieder rührte. Oder, ach, womöglich hatte es ja nur wenige Minuten gedauert. Und dennoch war diese Zeitspanne quälend zäh erschienen. Hjaldrist betrachtete die burschikose Monsterjägerin also aufgeregt, als sie die Augen fest zusammenkniff, den Mund gepeinigt verzog und leise ächzte. Erst schien sie überhaupt nicht zu wissen, wo sie war. Und dann, auf einmal, schlugen ihre frischesten Erinnerungen wieder auf sie ein, wie schwere Hiebe. Sie holte scharf Luft und riss die matten Augen panisch auf. Verwirrt, gedanklich noch ganz woanders und verzweifelt entriss sie sich sofort jeglichem Griff, wollte abrupt hochkommen, doch fiel stattdessen orientierungslos auf die Knie. Sie handelte im Schock und es war gefährlich.

“Nein…!”, stöhnte sie erschüttert.

“Anna!”, bat Lado, der noch immer bei Nyra verweilte, deren Kreislauf so sehr rebellierte, dass sie sich übergeben musste. Der Vipernhexer, der der Kaedweni die schulterlangen Haare zurückhielt, nickte Hjaldrist bittend zu, während auch Kasia und Vadim aus der Dunkelheit heranstoben.

“Hat es geklappt?”, hörte man die Bardin in Blau rufen und ihre Schritte platschten am nassen Grund.

“Was ist mit Anna?”, grollte der einäugige Wolf sofort. Und die Besagte fasste sich an den bestimmt arg pochenden Schädel und heulte schon wieder besiegt. Sie glaubte alles verloren zu haben. Und ihr Blick hatte Hjaldrist in der vorherrschenden Düsternis noch nicht gestreift, als sie plötzlich ihr langes Kampfmesser zog, das sie stets hinten, im ledernen Gürtel, stecken hatte. Ganz fahrig tat sie das und machte Anstalten es sich gezielt an die Halsschlagader halten zu wollen.

“Anna!”, entkam es Hjaldrist laut und empört, als er das sah. Sofort war er bei der Jüngeren, um ihr an die Schulter zu fassen und sie herrisch daran herumzureißen. Die Frau schrie vor Schreck auf und hob den Kopf wirr, ehe sie unsagbar heftig stocken musste. Aus geröteten, ganz großen Augen starrte sie. Sie blinzelte sich das Wasser angestrengt aus dem Blick. Und erst jetzt bemerkte sie ihren besten Freund. Sie verstand nur langsam, gab einen hoffnungslos überforderten Ton von sich und schluckte. Ihre tief hängenden Schultern bebten und ihr fiel das Messer aus der zitternden Hand. Anna hatte-

Hatte sie sich gerade etwa das Leben nehmen wollen? Das im festen Glauben, Lado habe Hjaldrist getötet? Entrückt musterte der Undviker sie und weil er nicht wusste, was er sonst tun sollte, schälte er sich ungeschickt aus seinem fellbesetzten Mantel und legte ihm dem sitzenden Häufchen Elend vor sich um. Es war mehr ein Zeichen des Beistands, als alles andere, denn die durchweichte Wolle wärmte kaum noch, sondern tropfte nurmehr.

“W-was…?”, atmete Anna zerstreut “Warum…? Wie… wie...”

Tar’Azul ging durch den nicht enden wollenden Regenschauer zögerlich zu Nyra und Lado und auch Vadim und Kasia kamen mit gezogenen Waffen bei der Gruppe zum Stehen. Anna, in den klitschnassen Überwurf Hjaldrists gewickelt, verstand die Welt derweil merklich nicht mehr. Noch halb am Weinen stierte sie Hjaldrist an, als sei er ein Geist, und schüttelte den Kopf immer wieder ganz schwach. Sie war nach wie vor leichenfahl und sah auf einmal so krank aus. Leise musste sie husten und der Regen klebte ihr die schwarzen Haare an die Stirn.

“Ich lebe.”, sagte der Jarl nun und in der Hoffnung die Situation ein wenig zu entschärfen “Es ist alles gut. Wir mussten dir all das hier vorspielen, um den Magier in deinem Kopf herauszulocken. Lado hat mich nicht wirklich getötet, Anna. Wir haben nur so getan. Es ist nichts Schlimmes geschehen.”

“Wa-... was?”, stammelte die zerfahrene Frau, die von der drückenden Realisation erschlagen wurde. Oh, das hier war übel; so, so übel. Und der sonst so aufrichtige Jarl würde sich seine verwerfliche Tat noch ewig vorhalten. Ja, wie sollte er diese Kacke bloß wieder gutmachen?

“Entschuldige bitte...”, bat Hjaldrist vorsichtig und nahezu unbeholfen. Er streckte die Hand langsam nach der Schulter Annas aus, doch sie wich davor zurück, als verbrenne seine Berührung sie. Ihr Ausdruck war erst gequält, dann enttäuscht. Am Ende wich die Giftmischerin dem sorgenvollen Blick ihres Gegenübers beachtlich betreten aus. Denn ihr wurde gerade bewusst, was sie gesagt hatte, als sie angenommen hatte, ihr Kumpan sei ermordet worden. Nicht wahr? Das vollkommen unerwartete Geständnis, dass sie Hjaldrist liebe, lastete jetzt zermürbend auf ihr. Aber… aber das müsste es nicht. Oder? Warum hatte sie es denn überhaupt für sich behalten wollen? Warum hatte sie nie etwas gesagt?

“Fickt euch…”, wisperte die vernichtete Frau kraftlos und wischte sich mit hängendem Kopf über die feuchten Augen “Fickt euch doch alle…”

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