Kapitel 125 (Buch 5, 2)

Die grüne kette

“Komm hoch…”, drang Rist’s Stimme nachgiebig an Anna’s noch leicht rauschende Ohren heran und die Frau sah nicht auf, als sie sich auf die Beine helfen ließ. Sie kniff ein Auge gepeinigt zusammen, denn ihr Kopf schmerzte unsäglich. Der Wald vor ihr hatte etwas Schlagseite. Es war, als habe man ihr irgendetwas Schweres gegen den Schädel gedonnert und sie hatte Probleme damit die Sicht prompt zu fokussieren. Ihr war schlecht. Götter. Hatte sie gekämpft und dabei tatsächlich etwas an den Kopf bekommen? Die Zähne zusammenbeißend und der feuchten Kälte wegen zitternd, hielt sie sich am Ärmel des Skelligers fest, der bei ihr stand und einen Arm um ihre Taille legte, damit sie nicht umfiel. Sie bedankte sich leise dafür, obwohl es im Moment so unwohl war mit Hjaldrist zu sprechen. 

“Hier.”, murmelte der Jarl und drückte der Jüngeren sein Halstuch in die Hand. Es war an einer Ecke rot gefärbt.

“Du hast eine Wunde am Hinterkopf. Sie ist nicht schlimm, aber halte den Stoff besser noch etwas an sie dran.”, riet der durchnässte Mann und seine Kollegin nickte zögerlich, bevor sie tat, wie geheißen. Sie zuckte verhalten fluchend zusammen, als ihre leicht ertastbare Wunde bei Berührung schmerzlich zog. Doch dann drückte die Frau das grüne Halstuch brav an sie und setzte sich mit Hjaldrist, der soeben eine enorme Hilfe war, in Bewegung. Zerfahren starrte Anna durch den plätschernden Regen vor sich hin und atmete unregelmäßig. Sie schaffte es noch immer nicht so recht zu fassen, was passiert war: Dass man sie auf eine brutale Art und Weise hereingelegt hatte. Man hatte ihr solch einen herben Schock versetzt, dass sie eben jenen noch immer tief in den Knochen stecken hatte. Und vielleicht war sie ja gar nicht ob der Kühle und all der Nässe zittrig, sondern ob ihrer armen Nerven. Gerade, vor wenigen Minuten erst, war Anna fest entschlossen gewesen sich das Leben zu nehmen. Sie hatte sich ihrer Verzweiflung wegen den Hals aufschneiden wollen. Und dieser Schnitt wäre weit harmloser gewesen als der emotionale Schmerz, den sie davor verspürt hatte. Anna hatte wahrhaftig geglaubt eine Zeugin von Hjaldrist’s Tod geworden zu sein. Es war das Schrecklichste, das sie jemals mit ansehen hatte müssen. Und noch immer standen ihr wegen der sie beutelnden Erinnerung Tränen in den Augen. Das, obwohl ihr totgeglaubter Freund sie gerade stützend an seiner Seite hielt, um zurück ins Dorf zu gehen. Wie eine Schlafwandlerin wankte Anna neben ihm her.

“Du gehörst an ein warmes Feuer…”, sagte der Undviker leise und ließ alles andere außen vor “Und in trockene Klamotten.”

“Ja…”, entkam es der Frau mechanisch und sie zog die Nase hoch “Ja.”

Nur langsam gingen die einstigen Abenteurer also zusammen den Hauptweg entlang, der zurück in den bewohnten Ort führte. Und mit einem Kopf und Schultern, die sich zentnerschwer anfühlten, hielt sich Anna weiterhin an ihrem Begleiter fest. Sie schniefte leise und blinzelte sich Tränen und Regenwasser aus den Augen. Aufsehen, das konnte sie gerade nicht. Sie schämte sich dafür viel zu sehr und wusste auch nicht, was sie sagen sollte.

“Alles ist gut…”, konnte sie Rist beschwören hören “Wir setzen uns später, wenn wir uns umgezogen haben, mit den anderen zusammen. Wir werden dir alles erklären, ja? Das sind wir dir jetzt schuldig.”

Anna nickte, während sie versuchte all die schlechten Gefühle, die sie noch immer gepackt hielten, schwer hinunterzuschlucken. Das hier fühlte sich so unecht an; Die Szenerie von vorhin, was sie ausgesprochen hatte, dass Rist gerade so ruhig und geduldig wirkte. Doch es war die Realität, oder? Verdammte Scheiße.

 

“Es ist mir egal!”, konnte man Hjaldrist eine lange Weile später aus dem Inneren von Lado’s Häuschen maulen hören “Wenn ihr sie diesmal wieder nicht mit einbindet, dann könnt ihr auch MICH einmal kreuzweise! Es mag sein, dass dieser Hurensohn durch Anna zuhört, aber es ist mir egal. Warum sollte ich mich vor seinen Drohungen fürchten, hm? Er kann ruhig wissen, dass wir es auf ihn abgesehen haben. Ich werde all mein Handeln doch nicht nach ihm richten! Wer oder was bin ich denn?”

Anna verharrte starr vor der Türe der Hütte und sah eben jener stumm entgegen. Sie kam gerade aus dem kleinen Gästezimmer im anderen Haus, das sie mit ihrem Freund bezogen hatte. Sie hatte sich nach der grausigen Misere im Wald umgezogen, sich wegen ihres quälend stechenden Kopfes kurz hingelegt und wollte sich die halb gefrorenen Glieder jetzt eigentlich am großen Ofen Lados wärmen gehen. Ja, eigentlich. Denn gerade, da hatte sie das Gefühl, dass sie das Heim der Viper nicht betreten sollte. Sie hatte sich eine kratzige, graue Wolldecke um die Schultern gelegt, da ihr Mantel vom vorigen Regen noch klitschnass war. Auch trug sie darunter nicht viel mehr, als Stiefel, Hose, Hemd und ihr schwarzes Gambeson, das an und für sich zu ihrer Huskarl-Uniform gehörte. An Deck der ‘Seeschlange’ hatte sie die besagte Montur noch tragen müssen. Genauso, wie auch Rist dort noch seine Krone aufgehabt hatte. Und jetzt war sie glücklich darüber das wattierte, oberschenkellange Teil mit zu haben. Andererseits hätte sie jetzt sehr gefroren. Und das wäre schlecht gewesen, wenn sie bedachte, wie kränklich sie sich just fühlte. Vorhin, nachdem Hjaldrist sie in ihr Zimmer gebracht hatte, hatte sie ihres brummenden Schädels und ihrer brennenden Lungen wegen viel Medizin schlucken müssen. Und… sie hatte seit langem einmal wieder Blut gehustet, rot ausgespuckt. Aber niemand hatte es bemerkt. Zum Glück. Sie wollte nämlich nicht, dass man sie erneut so behandelte, wie eine Sterbende.

“Hjaldrist!”, brummte Vadim im Haus unzufrieden “Ich verstehe dich ja, aber-”

“Ja, aber was?”, schnaufte der Inselbewohner.

“Ich weiß, du bist stolz und stur, wie alle Skelliger.”, wand der Vatt’ghern ein “Nur das ist gerade wirklich unangebracht.”

“Die Sache hat DAMIT überhaupt nichts zu tun.”, wehrte sich Rist “Stolz hin oder her. Ich sagte doch bereits: Noch einmal schmiede ich hinter Anna’s Rücken keine Pläne. Erst recht nicht, wenn es direkt um sie geht. Ich komme mir dabei wie ein Verbrecher vor.”

“Manchmal ist das aber nötig!”, warf Kasia betroffen ein, doch wurde geflissentlich überhört.

“Tse. Ich hole sie.”, beschloss der Jarl ungeachtet allem “Vorher könnt ihr euch eure Unterhaltung sonst wo hinstecken. Oder beredet euch von mir aus untereinander und schmiedet irgendwelche geheimen Pläne ohne uns. Aber zählt in dem Fall nicht auf mich oder Arianna.”

“Ach, Rist…”, machte Lado gutmütig und seufzte langgezogen. Man hörte daraufhin Schritte auf knarzenden Dielen. Und Anna trat zurück, um die hölzerne Türe nicht entgegengeschlagen zu bekommen. Sie blieb, abgesehen von diesem knappen Ausweichen, stehen und sah mit schmalen Lippen zu dem Undviker auf, der gleich aus dem Haus marschiert kam. Sofort hielt der Mann in der orangefarbenen Ersatz-Tunika aus dem Caed Myrkvid inne, als er die Giftmischerin erkannte. Beinahe lief er in sie. Er erschrak erst merklich, doch dann lichtete sich sein verbissener Ausdruck sofort und wurde heller.

“Anna!”, erkannte er “Ich wollte dich gerade suchen.”

“Ich weiß. Ich hab’s gehört.”, antwortete sie und schaffte es nicht lange Blickkontakt zu dem Krieger zu halten. Das, was sie heute Abend im Forst gesagt hatte, war ihr peinlich. Hjaldrist hätte nicht hören sollen, dass sie ihn liebte. Gerne hätte sie all das ungeschehen gemacht und jetzt wusste sie nicht, wie sie sich dem Krieger gegenüber verhalten sollte. Denn sie hatte keine Ahnung, wie er nun von ihr dachte. Hatte sich zwischen ihnen etwas verändert? Wollte Hjaldrist jetzt Abstand halten oder war es ihm einfach egal, dass sich Anna schon vor langer Zeit in ihn verguckt hatte? Im Moment verhielt er sich jedenfalls nicht so, als sei er unangenehm berührt. War das gut?

“Hm.”, lächelte der Besagte erleichtert und winkte seine grüblerische Freundin dann zu sich “Komm rein. Nyra wollte uns gerade erzählen, was sie beim Ritual im Wald gesehen hat. Wir haben Fortschritte gemacht. Das ist großartig.”

“‘Gesehen’…?”, hakte die irritierte Novigraderin zweiflerisch nach “Was gesehen?”

“Komm. Wir werden dir alles erzählen…”, bat der Clananführer und machte am Absatz kehrt, um zurück in den mollig warmen Hauptraum der Viper zu gehen. Öllichter, die man mithilfe von kleinen Haken an die Decke gehängt hatte, sorgten hier für ein angenehm flackerndes Licht und Anna schlug der süßliche Geruch nach heißem Gewürzwein mit Honig entgegen. Dennoch trat sie nur sehr unsicher ein und schloss die knarrende Türe hinter sich vorsichtig. Kasia, Vadim, Lado, Nyra und Tar’Azul schwiegen, als sie sie kommen sahen. Und wie bestellt und nicht abgeholt blieb die Alchemistin kurz vor der um den Tisch versammelten Gruppe stehen. Sie fühlte sich wie ein Eindringling, eine Außenseiterin. Und das tat weh. Doch Anna ließ sich das nicht anmerken und zwang sich zu einem matten Lächeln.

“Hey…”, machte sie.

“Anna.”, begrüßte Lado die Jüngere zögerlich. Er erhob sich und machte sich umgehend daran zu seinem Kochofen zu gehen.

“Setz dich, Kleine. Ich bringe dir etwas warmen Wein mit serrikanischem Zimt und einem Schuss Rum. Den hast du sicherlich bitter nötig. Du siehst noch immer ganz erfroren aus...”, äußerte die väterliche Viper gutmütig und Anna atmete erleichtert durch.

“Danke.”, gab sie lächelnd zurück und kam näher, um sich auf den frei gewordenen Platz am Tisch zu setzen. Eng schlang sie sich die Wolldecke um die schmalen Schultern und hustete leise. Sie schmeckte Blut, doch schluckte schnell hinunter und verzog keine Miene. Hjaldrist trat hinter sie und stützte sich abwartend auf ihre Stuhllehne.

“Also?”, fragte er “Nyra, du wolltest uns gerade erklären, was du gesehen hast, als du es schafftest in den Kopf des Magiers vorzudringen.”

“Ähm…”, räusperte sich die Zauberin in der beachtlich figurbetonenden Jacke, als sie Anna argwöhnisch betrachtete “Ja. Ja, in der Tat… das wollte ich.”

Sie hatte ihr Holzköfferchen neben sich auf der Ablage stehen und zog eben jenes dicht an sich heran, um es bedacht zu öffnen.

“Ich habe vorhin alles niedergeschrieben, bevor ich es noch vergesse. All meine Erinnerungen an das Ritual stehen hier, in meinem Notizbuch. Dies, mit magischer Tinte verzeichnet. So, dass nicht einfach jeder die Details lesen kann.”, berichtete der Lockenkopf, der sich, wie fast alle hier, längst in trockene Kleidung gehüllt hatte “Es braucht einen arkanen Spruch, um die Tinte zu aktivieren. Das erschien mir am sichersten…”

“Mhm… nicht blöd.”, konnte man Lado nett sagen hören, der dampfenden Wein in einen tönernen Becher geschöpft hatte und nun eine Zimtstange in das duftende Getränk steckte. Zwei sehr großzügige Löffel Honig folgten.

“Naja…”, murrte Rist, doch enthielt sich soweit. Bestimmt gefiel es ihm nicht, dass Nyra auf ein magisches Verschlüsseln ihrer Schrift zurückgegriffen hatte. Anna verstand das. Denn sie traute der lasziven Magierin auch noch nicht so recht über den Weg. Es war nicht gut, dass nur sie ihre Aufzeichnungen lesen könnte und die Novigraderin verfluchte die Tatsache gerade nichts zum Mitschreiben da zu haben.

“Also… ich habe nicht so viel gesehen, denn der Fremde wirkte sehr schnell gegen mich und warf mich aus seinen Gedanken…”, erzählte die Kaedweni “Aber folgendes fand ich heraus: Er ist ein Elf. Ein uralter Aen Seidhe oder Aen Elle. Und er heißt Silven.”

Alle Anwesenden lauschten gespannt, als Nyra ein ledergebundenes Büchlein aus ihrem Koffer fischte, Unverständliches murmelte und daraufhin die magisch erscheinende Schrift vorlas.

“Silven aep Furiel Nirhan Tellihn nennt er sich, um genau zu sein.”, sprach Nyra “Er handelt aus Rachsucht. Ich konnte zudem irgendeine Frau erkennen. Eine Dame namens Elaine. Vielleicht verlor Silven sie einst und will ihren Tod mit seinen Missetaten quittieren? Womöglich zielt sein Hass aber auch auf sie ab? Ich bin mir nicht sicher, aber sie scheint ein wichtiger Schlüssel in Anna’s Misere zu sein.”

“Und weißt du, wo der Kerl ist?”, fragte Rist nach, während Lado Anna etwas zu trinken hinstellte “Hast du irgendetwas gesehen? Einen Ort oder ein Gebäude?”

“Nein… nein, leider.”, seufzte Nyra nun bedauernd “Ich war nicht schnell genug und er zu aufmerksam.”

“D’yaebl…”, stöhnte der Jarl unglücklich und stützte sich schwer auf die hölzerne Stuhllehne.

“Ach, immerhin haben wir zwei Namen. Und einen vagen Beweggrund. Das ist mehr, als wir uns wünschen konnten.”, glaubte der Vipernhexer Bogenwalds.

“Ja, das ist wahr…”, nickte Vadim.

“Und wir haben ihm mit dem heutigen Ritual einen herben Schlag versetzt.”, glaubte Nyra zufrieden lächelnd “Es wird sicherlich lange dauern, bis wir wieder von ihm hören. Wir haben es ihm so richtig gezeigt!”

“Lado hat ihn bewusstlos geschlagen. Dann drang Nyra über dich in Silven’s Kopf vor.”, murmelte Hjaldrist Anna zu, um sie vollends zu erleuchten.

“Oh ja, und wie wir es ihm gezeigt haben!”, grinste Lado. Kasia lachte schadenfroh und Anna hob den Blick, um zur befreit strahlenden Bardin hinzusehen. Sie atmete, den Becher angenehm warmen Weines in den kalten Händen, durch und schaffte es ehrlich zu lächeln. Was heute Abend passiert war, war schlimm, ja. Doch immerhin hatte es offenbar etwas gebracht. Die Giftmischerin blinzelte und wischte sich ein paar Haare aus der Stirn. Und sie stutzte augenblicklich, als sie bemerkte, dass das Trinkgefäß zwischen ihren Händen plötzlich fehlte. Die Frau erstarrte abrupt, sah auf ihre leeren Finger hinab. Und ihr fielen die starren Blicke auf, mit denen man sie bedachte. Vadim hatte sich erhoben und die Hand kampfbereit am Waffengurt liegen. Kasia war hinter ihm in Deckung gegangen und Nyra saß stocksteif da. Selbst Tar’Azul wirkte nervös.

“Was?”, wisperte Anna wirr fragend “Was ist los…?”

Auch sie stand jetzt zögerlich auf. Ihre Aufmerksamkeit fiel auf ihren Becher, der am Tisch stand. Er war halbleer, obwohl sie noch gar nicht daran genippt hatte. Oder…?

“Sie ist wieder da.”, hörte die Nordländerin Rist sofort beschwichtigend sagen und spürte gleich dessen beruhigende Hand an ihrem Rücken “Kommt wieder runter, Leute. Es ist alles gut.”

“Scheiße.”, keuchte Vadim “NICHTS ist gut!”

“W-was ist passiert?”, fragte Anna, doch wurde übergangen.

“Es ist nichts geschehen, Vadim.”, sprach Hjaldrist bestimmend gegen den Wolf “Er hat nur gesprochen und das auch noch relativ ruhig. Er hat bloß gelacht.”

“Dennoch war er hier! Jetzt! Schon wieder.”, machte Kasia beunruhigt und Nyra schwieg einfach nur todernsten Blickes, als sie Anna eindringlich anstierte “‘Wir haben ihm also ‘einen herben Schlag versetzt’? Von wegen! Das Ritual ist noch keine drei Stunden her!”

“Rist...?”, entkam es Anna hilfesuchend und sie sah sich nach dem Jarl um, der bei ihr stand. Jener betrachtete sie zweiflerisch, winkte dann aber mit der freien Hand ab.

“Der Arsch kam kurz wieder. Und er verhöhnte uns wegen dem Ritual…”, erklärte der viel zu gelassene Skelliger endlich “Mach dir keine Sorgen, Anna.”

Die jedoch durchaus besorgte Trankmischerin biss die Kiefer aufeinander und sah zurück in die unruhige Runde. In diesem Moment fühlte sie sich nicht mehr wie eine Außenseiterin, sondern wie der wahrhaftige Feind. So, als sei sie gerade noch immer irgendein alter Elf, der fiese Missetaten im Sinn hatte. Aber das war sie nicht. Trocken schluckte sie und ihre schwarzen Augen wanderten unstet. Sie kam sich so fehl am Platz vor. Man vertraute ihr absolut nicht und sie wusste nicht, was sie dagegen tun sollte. Also verharrte sie erst still auf der Stelle, bevor sie sich kleinmütig abwendete, um zu gehen. Es war besser so, glaubte sie. Außerdem brauchte sie gerade dringend Luft und müsste ihre Gedanken ordnen. Irgendwie.

 

“Anna.”, die Angesprochene sah auf, als Nyra wenig später nahte. Die Novigraderin legte die Stirn in Falten und setzte sich etwas gerader hin. Sie hatte sich, nachdem sie das Haus Lados vor etwa einer viertel Stunde verlassen hatte, einen Platz an der Seite der Taverne gesucht. Und hier verweilte sie auf einer kleinen, schiefen Holzbank, die vom vergangenen Regen noch ganz feucht war. Ihre Augen folgten der geschäftigen Zauberin, die mit einer klappernden Sturmlaterne in der Hand heraneilte. Es war noch dicht bewölkt und die Nacht daher düster. Doch die Luft war angenehm frisch. Irgendwo schrie eine Eule und in der Schänke wurde laut gesungen und gejohlt.

“Ich habe dich gesucht.”, machte der Lockenkopf und wirkte erleichtert. Nur wieso? Hatte man etwa geglaubt, Anna habe sich aus dem Staub gemacht?

“Warum? Was ist…?”, wollte die Monsterkundige in der grauen Wolldecke wissen, als sie die lächelnde Magierin aufmerksam betrachtete. Jene war ihr nach wie vor unsympathisch.

“Darf ich mich zu dir setzen?”, fragte Nyra nett und Anna nickte bloß sehr zögerlich. Zufrieden kam die Kaedweni daraufhin zu ihr, um sich neben ihr auf der Bank niederzulassen. Von der Seite aus beobachtete die Leibgardistin der Falchraites das. Was war denn nun los?

“Ich will dir helfen, Arianna.”, erklärte die kleinere Frau sofort “Mir ist bewusst, dass du mich nicht magst. Ich habe deine Blicke bemerkt und den ein oder anderen Kommentar deinerseits gehört. Und dennoch will ich dich unterstützen.”

“Aha.”, machte Anna “Und warum? Auch ich habe bemerkt, wie du mir nachstellst. Und ich frage mich wieso.”

“Die Greifen schickten mich.”, offenbarte die Zauberin direkt und ihre Gesprächspartnerin hielt inne “Mei wollte wissen, wie es dir geht. Nur deswegen bin ich hier und aus diesem Grund beobachtete ich dich. Es war nicht böse gemeint.”

“Was…?”, machte Anna und Nyra lächelte noch immer wohlwollend.

“Silven ist ein großes Problem. Unser Ritual lief vielleicht nicht so gut. Und es tut mir sehr leid, dass wir dir solch einen Schrecken einjagen mussten und Lado dich verletzt hat.”, seufzte die Puderquaste aus Kaedwen mitleidig “Aber… ich habe noch eine andere, kleine Lösung parat. Ich bin stets gut auf alle möglichen Situationen vorbereitet, musst du wissen, und ich würde es deinen Freunden gerne ermöglichen Silven aus deinem Kopf zu verbannen, sollte er einmal wieder hervorbrechen. Er ist gefährlich und man muss ihn zumindest irgendwie ein wenig an der Leine halten können. Findest du nicht?”

“Wie soll das funktionieren…?”, hakte die Alchemistin sofort nach und Nyra fing damit an in ihrer kleinen Umhängetasche aus punziertem Leder herumzukramen. Sie zog ein Amulett daraus hervor: Ein braunes Lederband mit einem eingefassten, rundlichen, grünen Stein als Anhänger.

“Hiermit.”, sagte die Kaedweni selbstbewusst “Es ist ein Artefakt und wir müssen es nur auf dich ausrichten.”

Misstrauisch hob Anna den Blick und betrachtete Nyra stumm. Sie erwartete eine genaue Erklärung und zum Glück verstand der Lockenkopf dies.

“Ich bin eine Artefaktmagierin in Ausbildung. Vielleicht bin ich nicht sehr stark, aber mit Steinen kann ich gut umgehen.”, erzählte Nyra, während sie Anna die eher unscheinbare Kette hinhielt “Während meiner Forschungen lernte ich viel. Und eines meiner Studienprojekte bezog sich auf das Lesen und Einspeisen von Erinnerungen über Artefakte. Heute, beim Ritual, konnte ich nur deswegen in den Kopf Silven’s sehen, weil ich diese Theorien eingehend gelernt habe. Ohne die Hilfe in Form von ‘Dingen’ hätte ich das nicht vermocht.”

“Und… weiter?”, murrte Anna leise und konnte sich noch keinen Reim darauf machen, was Nyra jetzt genau mit ihr und dem grünen Edelsteinamulett vorhatte. Leise lachte die Zauberin und klang dabei etwas überheblich. Sie schlug die Beine lässig übereinander und Anna äugte flüchtig zu den hochhackigen Stiefeln der Frau. WIE konnte man in solchen Latschen nur laufen?

“Du kennst dich mit Artefaktmagie wohl nicht aus.”, stellte Nyra richtig fest.

“Woher auch.”, brummte die Kurzhaarige pikiert und hob den Blick wieder. Sie mochte es nicht, wenn Menschen so großkotzig taten. Sie selbst war die versierteste Giftmischerin und wissendste Monsterkundige auf ganz Undvik. Vielleicht sogar auf Skellige, wenn man von manchen Hexern absah. Jedenfalls hatte Rist das einmal gemeint. Und dennoch hing Anna es nicht an die große Glocke, denn wenn man etwas gut konnte, prahlte man nicht damit. Nur Amateure und Schwindler taten so etwas, um sich als besser darzustellen, als sie es tatsächlich waren.

“Also”, fing Nyra nun einmal genauer an “Ich werde eine starke Erinnerung von dir in diese Kette hier speisen. Eine Erinnerung, die dein Bewusstsein abrupt zurückholen wird, sollte Silven dich einmal wieder übernommen haben. Es ist im Grunde einfach.”

“Hm…”, machte Anna und taxierte ihre Gesprächspartnerin mit einer erhobenen Augenbraue.

“Du sagtest im Wald, dass du Hjaldrist liebst.”, erinnerte sich die Puderquaste nun und Anna stockte augenblicklich “Und Liebe ist eine mächtige Emotion. Vielleicht sogar die stärkste von allen. Daher würde ich sie gerne hernehmen, um das Artefakt damit zu versehen.”

Die ehemalige Vagabundin auf der schiefen Bank schwieg. Doch das machte nichts, denn die anwesende Zauberin redete dafür umso mehr.

“Wenn du damit einverstanden bist, Arianna, dann werde ich eine potente Erinnerung von dir in den Stein hier sprechen.”, sagte sie “Wenn es funktioniert, dann will ich Hjaldrist die Kette geben. Er soll sie immer bei sich tragen, um Silven damit zu bannen, sollte der Elf einmal wieder gefährlich werden. Dazu muss er das Amulett nur in Kontakt mit deinem Körper bringen.”

“...Warum kann ich die Kette nicht selbst tragen? Wenn ich das täte, könnte der Baumficker überhaupt nicht mehr raus, oder?”, fragte Anna zweiflerisch nach. Nyra lachte auf, als sie den wüsten Spitznamen hörte, den die Nordländerin ihrem ‘Parasiten’ gegeben hatte. Doch schnell besann sie sich wieder und antwortete.

“Das geht nicht. Das Artefakt würde sich komplett entladen oder du wärst permanent in der eingespeisten Erinnerung gefangen, würdest du die Kette tragen. Daher muss der Träger jemand sein, dessen Gedanken nicht in dem Stein hängen.”, klärte Nyra auf “Und nachdem Hjaldrist derjenige ist, der stets in deiner Nähe verweilt, kommt er als solch ein Träger infrage. Oder hast du eine bessere Idee?”

“Mh.”, entkam es der Monsterjägerin lau “Nein. Nein, habe ich nicht.”

Die Kaedweni in der hautengen Weste lächelte breit.

“Na dann. Binden wir deine Erinnerung nun also ein und übergeben das Amulett dann an Hjaldrist?”, wollte sie wissen und es brauchte eine kurze Denkpause, ehe Anna Luft für eine Antwort holte.

“...Was muss ich tun?”, fragte sie schlicht und zeigte sich damit indirekt einverstanden. Denn warum hätte sie das nicht sein sollen? Alles, das gegen Silven half, war gut.

“Erzähle mir eine Erinnerung, in der du die Liebe für Hjaldrist stark empfunden hast. Vielleicht… hm…”, sinnierte Nyra und ihr Blick wanderte nachdenklich “Ah, ja, ich weiß! Erzähle mir von dem Moment, in dem du für dich erkannt hast, dass du ihn liebst. Wenn die Emotion in dieser Situation stark genug war, dann wird sie für unser Vorhaben perfekt sein.”

Anna zog die Brauen zusammen und sah von Nyra fort, um vor sich, in die Düsternis zu starren. Sie überlegte, wog ab, haderte mit sich. Die Frau dachte sofort an Riedbrune und ihre Flucht von Undvik. Der kühle Abend, an dem sie nach Skellige zurückwollte, aber nicht genug Geld dafür besaß, kam ihr in den Sinn und wurde dort zu einem sehr präsenten Bild.

“Fällt dir der Moment ein, in dem du verstanden hast, dass du ihn wirklich liebst?”, hakte Nyra neugierig nach und nahm das grüne Amulett wieder an sich, um es zwischen die Handflächen zu nehmen. Anna linste von der Seite aus zu ihr. Dann nickte sie langsam.

“Ja…”, gab sie zu und ihr Ausdruck war dabei nicht der fröhlichste. Sie senkte den Kopf und sah verlegen fort, während sie am zerfransten Saum ihrer Wolldecke, die sie sich umgelegt hatte, herumzupfte. Das hier war unheimlich unangenehm. Aber nötig. Auf alle Fälle dann, wenn es darum ging ein Artefakt zu schaffen, das Hjaldrist gegen den übermächtigen Silven einsetzen könnte.

“Na dann, erzähl…”, forderte Nyra und spitzte die Ohren. Sie schlug die Augen nieder, atmete tief durch und hielt den grünen Anhänger fest in den Händen. Ob sie sich gerade auf den Stein konzentrierte? Fing sie schon damit an dieses Ding darauf vorzubereiten, dass man Gefühle in es einspeist? Anna hatte keinerlei Ahnung voll alledem. Und es überraschte sie, wie einfach das hier vonstattengehen sollte. Sie müsste also einfach nur reden, während Nyra irgendein Aretusa-Ulumulu mit dem Schmuckstück zwischen ihren Fingern vollzog? Die Giftmischerin atmete flach durch die Nase aus. Dann begann sie jedoch:

“Es geschah Wochen nach meiner unangekündigten Abreise aus Undvik.”, erklärte sie mit gesenkter Stimme und hatte die Bilder noch so gut vor Augen “Ich kam in Riedbrune an, nachdem ich ewig lange weglief. Ich war verwirrt, wie in Trance. Nur als ich die besagte Stadt betrat… da kam ich irgendwie wieder zu mir. Alte Erinnerungen holten mich ein. Ich dachte an Rist. Und wie von Sinnen wollte ich zu ihm zurück, denn ich hatte erkannt, was ich falsch gemacht hatte. Ich hatte verstanden, warum ich gegangen war: Weil ich Angst davor hatte ihm zu sagen, dass ich erwidere, was er für mich empfindet. Weil ich eine regelrechte Panik davor hatte ihm zu offenbaren, dass es sich für mich so anfühlt, als scheine die Sonne, wenn er den Raum betritt. Ja, weil ich Schiss hatte, lief ich weg. Und in Riedbrune erkannte ich erst, welch einen enormen Fehler ich begangen hatte. Ich… ich stieg sofort auf Saov, mein Pferd, und ritt gen Westen zurück. Ich kam nur wenige Kilometer weit, bis ich noch in derselben Nacht verstand, dass ich niemals mehr nach Undvik zurückkäme. Ich hatte kein Geld für eine Überfahrt. Und ich wusste, dass Rist mich für mein Vergehen hasste. Es war vernichtend.”

“Siehst du diesen Moment gerade vor dir…?”, fragte Nyra leise und der Stein in ihren Händen glomm auf einmal gespenstisch vor sich hin “Weißt du noch, wie er sich angefühlt hat?”

“Ja.”, wisperte Anna und schluckte schwer “Es war schlimm.”

Die lauschende Zauberin neben ihr nickte.

“Schließ die Augen.”, bat sie “Und versetze dich jetzt in diese Lage zurück.”

Nur zögerlich tat die Schwertkämpferin dies. Und sie spürte, wie Nyra die Finger ausstreckte, um sie ihr auf den Handrücken zu legen. Diese Berührung kribbelte ein klein wenig, doch Anna versuchte sich davon nicht beirren zu lassen.

“Denke ganz innig an diesen Moment.”, flüsterte die Magierin und es war, als sei Anna plötzlich wieder in Riedbrune:

 

“...Ich kann nicht zurück.”, erkannte die erstarrte Nordländerin leise zu sich selbst flüsternd, während sie auf das viel zu wenige Geld und die Steinchen in ihrer kraftlosen Hand sah, und ihre raue Stimme wollte brechen “Ich kann nicht zurück…”

Sie war allein. Nur der kalte Wind rauschte in den unweiten, nächtlichen Wäldern und trug den Geruch nach Regen mit sich. Wenn man genau lauschte, hörte es sich an wie Applaus und lautes Höhnen.

Anna’s Schultern sanken traurig und sie bemerkte kaum, wie ihr treuer Vierbeiner sie mit der samtenen Schnauze anstieß. Ihr Körper fühlte sich so taub an, als sie besiegt im feuchten Gras verweilte und es war, als stünde die Welt umher quälend still. Ihre Brust tat weh. Es tat so weh. Und Anna wusste: Sie hätte ihren Freund von den Inseln damals umarmen sollen. In Kaer Trolde, zum Jahreswechsel. Sie hätte ihn feste drücken sollen, nachdem er ihr so tapfer seine Liebe gestanden hatte. Und sie, der Trampel, hätte sich auf das besinnen sollen, was dieser Mann überhaupt für sie war. Nämlich verdammt viel. Nein, alles. Sie liebte ihn und das mehr als jeden anderen Menschen auf dieser gottverdammten Welt.

 

Ein pulsierendes, grünes Aufleuchten in ihrem Augenwinkel ließ Anna zusammenfahren und sie hob den Kopf, als sie aus ihren Gedanken aufsah. Ihr Blick war glasig, als sie das tat und sofort sah sie sich nach Nyra um, die ihr bereits froh entgegengrinste. Die Zauberin mutete ein wenig entkräftet an, doch das hinderte sie nicht daran leise zu lachen.

“Es hat funktioniert.”, sagte sie und Anna’s Brauen hoben sich verblüfft “Das Amulett ist jetzt fertig.”

“Wirklich…?”, fragte die Novigraderin und glaubte es nach wie vor nicht so ganz. Das Artefakt war jetzt schon bereit? Einfach so und ohne weiteres Trara oder ein Ritual? Anna wusste: Sie würde niemals warm mit Nyra werden, doch in diesem Augenblick gestand sie es sich ein, dass diese Frau nicht ganz so unfähig war, wie angenommen.

“Ich werde den Anhänger Rist geben. So, wie versprochen.”, versprach die Kaedweni und ließ das magisch aufgeladene Medaillon in ihrer Tasche verschwinden. Zufrieden seufzte sie und klapste stolz auf ihr Ledertäschchen.

“Kannst du-…”, fing Anna daraufhin unsicher an “Kannst du ihm die Funktionsweise der Kette irgendwie so erklären, dass er nicht direkt verstehen muss, dass es dabei um… ähm.”

“Um Liebe geht?”, lachte Nyra amüsiert “Keine Angst. Das hatte ich nicht vor. Ich biedere mich Männern sehr gerne an, aber in bestehende ‘Beziehungsprobleme’ mische ich mich nicht ein.”

Die Zauberin zwinkerte der Jüngeren keck zu und erhob sich sogleich. Anna stutzte und fand keine passenden Worte mehr. B-Beziehungsprobleme?

“Ich gehe ihn gleich suchen.”, verkündete die Blonde mit der erhobenen Nase noch “Ich glaube, er diskutiert noch immer mit den Hexern in Lado’s Haus.”

“Ähm, ja. Danke…”, murmelte die vor den Kopf gestoßene Nordländerin auf der kalten Bank noch. Und dann ließ Nyra sie allein.

 

“Ah, da bist du.”, Anna erschrak regelrecht, als Rist sie später von der Seite aus ansprach. Sie stand gerade vor dem Schwarzen Brett Bogenwalds, auf dem einige Anschläge genagelt und vom vergangenen Platzregen durchweicht worden waren. Eine Weile war sie ziellos umhergewandelt, weil sie nicht ruhig und allein im Gästezimmer hatte sitzen wollen. Ihr Kopf schmerzte nach wie vor ganz schön, aber das hatte sie nicht daran gehindert innerhalb des Dorfwalls spazieren zu gehen.

“Nyra hat gerade mit mir geredet.”, verkündete der Jarl, bevor er in seine tiefe Manteltasche fasste “Und mir das gegeben.”

Der Mann hielt die Kette mit dem grünlichen Stein daran hoch. Anna’s Blick streifte erst das Artefakt, dann ihren älteren Freund.

“Ah. Ich befürchtete schon, sie behält es selbst…”, grinste die Novigraderin müde und versuchte Hjaldrist nicht nervös zu mustern. Der Krieger steckte nach dem Regenguss im Forst in seiner Tunika der Druiden nahe Toussaint. In der und in seinem gefütterten Ersatzmantel, den er sonst stets nur einrollte, um ihn als Kopfkissen zu verwenden. Außerdem standen ihm die für gewöhnlich so ordentlich zurückgeflochtenen Haare offen. So waren sie in der vergangenen Stunde wohl schneller getrocknet.

“Mhm.”, machte er “Ich rechnete ehrlich gesagt nicht damit, dass sie mir - oder uns - einfach so etwas wie das hier schenkt. Solche Amulette sind sicherlich verdammt wertvoll.”

“Ja, kann sein.”, nickte Anna und wandte sich endlich vom alten Schwarzen Brett ab, um sich ihrem Freund zuzudrehen. Rist betrachtete soeben das Artefakt in seiner Hand und fragte sich bestimmt, ob es wirklich funktionierte. Die braunen Augen verengte er skeptisch und es war ihm nicht zu verdenken.

“Ich fragte Nyra, was sie im Gegenzug für die Hilfe haben möchte. Aber sie sagte, es sei schon in Ordnung.”, erzählte der Skelliger noch. Er lachte leise, als er aufblickte.

“Ganz schön dumm. Sie hätte viel Geld verlangen können und VIELLEICHT hätte sie es sogar bekommen.”, meinte er und sein Gegenüber schnaufte erheitert. Doch dann wurde der Mann schnell wieder ernster. Der Schönling atmete einmal knapp durch und lächelte gezwungen.

“Du? Wegen vorhin...”, fing er nach einer Pause an und Anna versteifte sich augenblicklich. Doch er sprach nicht an, was sie befürchtete.

“Es tut mir leid. Alles.”, gab er zu “Mir gefiel der Plan von Lado von Anfang an nicht. Ich bin normalerweise nicht so… hm, so hinterhältig. Ich wollte dich nicht so heftig erschrecken und irgendwie geriet alles absolut aus den Fugen. Es war grausam und ich ein schlechter Freund.”

Die jungenhafte Novigraderin mummte sich etwas enger in ihre Wolldecke, die sie als Überwurf gebrauchte. Aus den Augenwinkeln sah sie weg und schluckte trocken.

“Mh.”, machte sie und mehr fiel ihr nicht ein.

“Nimmst du es mir sehr übel?”, wollte der Undviker wissen, der sich mit dem Reden schon immer leichter getan hatte, als seine Gefährtin. Andauernd wollte er über alles Sprechen und Konflikte im Keim ersticken. Das war wohl gut, wenngleich es Anna regelmäßig verwirrte oder scheu stimmte.

“Nein.”, entkam es ihr und sie meinte es tatsächlich so “Ich… habe früher einmal weit Schlimmeres angestellt, als dir vorzuspielen, dass ich sterbe. ICH war eine schlechte Freundin. Und… naja… die Aktion von heute Abend hat uns doch weitergebracht. Also… passt schon.”

“‘Passt schon’?”, wiederholte Hjaldrist ungläubig blinzelnd “Im Ernst?”

“Ja.”, kam es knapp zurück. Also natürlich war mit der mitgenommenen Alchemistin gerade wenig in Ordnung. Nur müsste sich Rist deswegen kein schlechtes Gewissen machen, fand sie. Man war heute ein großes Stück weitergekommen, wenn es um das Arschloch ging, das Anna entführt, gefoltert, an ihr herumexperimentiert und sie heute noch immer mental in der Mangel hatte. Also nahm sie es in Kauf, dass sie in den kommenden Wochen schlecht schliefe und sich unsagbar eigenartig fühlte, weil ihr bester Kumpel jetzt wusste, wie sie wirklich über ihn dachte. Aber… irgendwie käme sie schon zurecht. Das war sie doch immer, nicht wahr?

Als ahne der einfühlsame Hjaldrist soeben, was sich seine Kollegin dachte, lächelte er schwach. Doch er stocherte nicht weiter und ließ das heikle Thema einfach ruhen. Jedenfalls im Moment. Und die zerknirschte Anna war ihm so, so dankbar dafür.

“Mir ist aufgefallen, dass du seit dem Mittag nichts gegessen hast.”, lenkte der Mann das Gespräch in eine ganz andere Richtung “Und weißt du was? Bevor Nyra mit der Kette zu mir kam, schob ich nen Eintopf auf den Ofen. Du solltest ihn probieren. Ich habe in der Speisekammer Speck gefunden und das ganze Stück davon in die Pampe hineingeschnitten. Das und Petersilie. Die magst du doch so.”

Die Nordländerin, verblüfft über die legere Wende der unguten Unterhaltung, hob die Brauen. Sie hatte keinen Hunger. Aber sie wollte das liebe Angebot ihres Freundes auch nicht ausschlagen. Schon gar nicht, da er jetzt so erwartungsvoll starrte.

“Klingt gut.”, gab sie demnach zurück und ihr Ausdruck war viel weicher geworden. Ja, wenn sie so darüber nachdachte, wäre es wohl eine kluge Idee etwas warme Suppe des Freizeit-‘Meisterkochs’ von Undvik zu essen. Anna musste nach all der Zeit noch immer darüber schmunzeln, dass der Jarl, der vor ihr stand, sein Essen oft selbst zubereitete. Und dass er, wie seine Mutter, stets alle um sich herum damit versorgte. Das auch noch gerne und obwohl er von Adel und bemerkenswerter Abstammung war. Jeder andere in seiner Haut wäre sich für das Kochen wohl zu fein gewesen. Oder einfach nur zu grobschlächtig, um tatsächlich leckere Mahlzeiten zu zaubern. Hjaldrist war ein richtiges Hausweib.

“Was ist?”, wollte Rist wissen, als er den belustigten Blick Annas bemerkte.

“Nichts…”, wich sie lasch aus und biss sich auf die Zunge, um nicht loszulachen. Der Kerl hier hätte sich eigentlich auch gut als Lagerkoch gemacht. Oder als Smutje auf irgendeinem Scheißboot. Damit hätte er seine beiden Leidenschaften miteinander vereinen können: Wassergefährte und Rezeptbücher. Ulkig.

“‘Nichts’ ist? Ah ja...”, machte der zweiflerische Skelliger langgezogen und stemmte sich die Hände abwartend in die Seiten. Er legte den Kopf schief und betrachtete seine Vertraute durchdringend. Doch sie ließ ihn nicht an ihrem Innenleben teilhaben. Es ärgerte ihn nämlich. Und sie fand es ab und an echt süß, wenn er sich ärgerte. Götter. Hoffentlich versuchte Rist gerade nicht ihre Gedanken zu lesen...

Obwohl der argwöhnische Axtkämpfer in der Ersatzkleidung die Stirn tief runzelte und abwartend gaffte, wirkte er im Grunde befreit. Vielleicht, weil Anna ihm ehrlich versichert hatte, dass sie ihm nicht böse war. Darum dauerte es nicht lange, bis er den Kopf ungläubig-amüsiert schüttelte und sein hartnäckig schweigendes Gegenüber harmlos attackierte. Er knuffte der Unvorbereiteten so fest in die Seite, dass sie laut ächzte und nahm sie dann kurz in einen lockeren Schwitzkasten, als er sie so schon dazu drängte mit ihm zu kommen. Die leicht gebeugte, überforderte Frau neben sich her ziehend, stolzierte der Krieger durch den Matsch.

“Ah, au, hey!”, keuchte sie wirr und haute einmal nach dem Anderen.

“Gehen wir Eintopf essen.”, grinste er bestimmend. Und er rieb der hier Gepackten den Kopf sicherlich nur deswegen nicht barsch mit den Fingerknöcheln, weil er um ihre Wunde am Scheitel wusste. Anna musste leise lachen und erst an dem Punkt angelangt entließ Rist sie aus dem etwas rüden, doch freundschaftlichen Schwitzkasten. Er legte einen Arm im Gehen locker und brüderlich um die Schultern der wieder aufrecht gehenden Giftmischerin. Es tat gut. Und vielleicht bekam die zuerst noch so bedrückte Anna dieser Lockerheit wegen doch noch Appetit auf dicke Suppe mit Speck.

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