Kapitel 126 (Buch 5, 3)

Über eintöpfe und huskarle

“Anna? Was ist los?”, wollte Hjaldrist verunsichert wissen. Er fror ungeheuerlich und hatte Mühe damit seine Zähne aus diesem Grund nicht klappern zu lassen. Die Frau vor ihm lächelte abfällig und der Schnee stand ihnen beiden bis zu den Waden. Die alles einnehmende Nässe kroch unangenehm in die undichten Stiefel des Jarls, stach seine Haut und wollte ihm an den frierenden Beinen entlang gen Knie wandern.

“Fass mich nicht an, Bastard!”, sagte Anna scharf und Hjaldrist stockte perplex.

“Was?”, entkam es ihm “Ich habe dich nicht-”

“Und lass mich in Ruhe.”, zischte die Kurzhaarige angewidert.

Der arg vor den Kopf gestoßene Skelliger runzelte die Stirn tief und einer seiner Mundwinkel zuckte unschlüssig zur Seite. Und während er das tat, entgleiste die Miene seiner schmalen Kollegin plötzlich merklich. Hatte Anna ihren Gesprächspartner zuvor schmerzhaft gefühllos angestarrt, so wurde sie nun zornig. Richtig, richtig zornig. Nur wieso?

“Mit mir kann man es ja machen, was?”, schrie sie plötzlich furios durch den verwehten Schneefall “Du behandelst mich, wie ein dummes Hündchen, das dir wie selbstverständlich hinterherrennt und die Drecksarbeit für dich erledigt!”

Hjaldrist holte Luft für einen verwirrten Einwand, doch fand keine Worte. E-er war doch derjenige, der Anna stets folgte und ihr auf ihrem beschwerlichen Weg eine Kräuterprobe zu finden bedingungslos beistand. Er akzeptierte, was sie tat, obwohl er es nicht immer guthieß, und niemals hätte er ihr Böses wollen. Er-

Oh. Was? Moment mal...

“Tse!”, lachte die Rasende und ihr braunes Haar mit der markanten Fuchssträhne darin wurde auf einmal wie von Geisterhand tiefschwarz “Du stellst alles über mich, ALLES! Ich schreie eine verdreckte Wilde mit Blut in der Fresse an und was tust du? Du sagst, ich hätte dich vor ihr bloßgestellt und stutzt mich zurecht! Vor irgendeiner dahergelaufenen Schnepfe, Hjaldrist! Und das obwohl du weißt, was ich von dir - von uns - denke!”

Die Frau spuckte angewidert aus. Da waren Narben in ihrem Gesicht. Aber dieses Bild war nicht länger schockierend. Denn Hjaldrist war es heute so vertraut. Damals, als er diesen Traum hier zum ersten Mal erlebt hatte, war dem nicht so gewesen. Damals, vor Monaten hatte ihn alles hier verwirrt und empört. Er hatte Anna’s Aussehen, das sie in diesem Moment besaß, nicht gekannt. Er hatte nicht gewusst, dass sie irgendwann alte, schlecht verheilte Wunden im Gesicht tragen würde oder ihre Haare und Augen so dunkel wären, wie die Nacht. Aber jetzt… aber jetzt VERSTAND er. Denn der Traum überschnitt sich dahingehend mit der Realität.

“Anna.”, wollte Hjaldrist beruhigend dazwischenreden und er seufzte leise. Das, obwohl er ahnte, dass es nichts brächte und ungeachtet dessen, dass er wusste, dass die, die vor ihm stand nicht die Anna von heute war. Sondern eine Anna von… ja, von wann? Doch die Novigraderin ließ ihn nicht zu Wort kommen. Ihre hübschen Augen wurden so dunkel, wie ihre kurzen Haare. So schwarz, wie sie seit Kaer Iwahell waren. Und der Oneiromant verstand: Das hier war kein gewöhnlicher Traum. Das hier war eine Vision. Eine kryptische Warnung vielleicht. Er sollte sich genau anhören, was ihm Anna sagte. Er müsste sich alles gut einprägen, um zu verhindern, dass das hier irgendwann wirklich geschah. Denn er wusste doch, wie der Traum ausging: Er wurde niedergestochen.

“‘Uh! Jemand bricht mir den Finger!’”, mimte die wütende Alchemistin in einer vergrämt-belustigten Parodie “‘Anna ist schuld! Anna ist zu langsam! Mein Huskarl funktioniert nicht richtig!’. Oh ja. Ich sitze heulend in der verschissenen Taverne und was tust du? Du machst dich vor allen über mich lustig und blaffst mich an, weil ich, die ach so schlechte Leibwache, nicht so springe, wie du es willst! Mir ging es ungeheuer schlecht, und was tust du? Pah! Wie konnte ich nur glauben-”

Das ärgerliche Traumbild schaffte es nicht diesen Satz zu beenden, sondern gab stattdessen nur einen frustrierten Ton von sich. Anna gestikulierte, als sie sich immer weiter in Rage redete und ihre Augen waren gläsern. Hjaldrist’s Blick hing starr auf ihr. Schnee senkte sich schwer auf sein Haupt und seine Schultern. Es war, als pressten ihn harsche Hände nieder, die ihm das Stehen schwer machen wollten. Er keuchte angestrengt und ballte die eiskalten Hände zu Fäusten. Da war ein tiefschwarzer Schatten in Anna’s Rücken. Eine Frau? Nur kurz flackerte er und verschwand noch ehe man ihn mustern konnte. Irgendwo lachte eine sanfte Stimme leise und freudlos. Ach, welch ein Pech das Winterkind doch haben sollte!

“Was…?”, murmelte der Jarl leise und konfus.

“Ich dachte, wir seien beste Freunde! So lange klammerte ich mich an diesen Gedanken!”, spie die zähnemahlende Anna und zeigte anschuldigend auf ihr Gegenüber “Aber das sind wir nicht! Du bist der tolle, große Jarl und ich? Ich bin nur das dumme Anhängsel, das permanent den Kopf hinhalten muss! Der Dreck aus dem Armenviertel Novigrads! Ha. Es reicht!”

Stille. Gleich käme der Part mit den Gefühlen und dem Wind.

“Du nimmst meine Ansichten und meine Gefühle und schmeißt sie weg. Du wirfst sie in den Wind und ich weiß nicht, wie ich sie je wieder einfangen soll, du Arschloch!”, zeterte Anna und Hjaldrist verengte die Augen forschend. Nun, wo ihm bewusst war, was all das hier war, sah es so aus, als sähe sein Gegenüber durch ihn hindurch. Und irgendwie-... was? 

Was war hier los? Warum war Anna so wütend? Wo waren sie hier? Der Forst… war das hier der Bogenwald?

“Und weißt du was, Hjaldrist?”, grollte die Genannte mit einem bizarren, feindseligen Lächeln auf den Lippen “Ich hasse dich dafür! Ich HASSE dich!”

Plötzlich hatte Anna ein Messer in der Hand. Hjaldrist weitete den Blick in bitterer Vorahnung und erstarrte sogleich. Sie würde doch nicht-

Doch. Sie verengte die Augen zu bösartigen Schlitzen und marschierte schnellen Schrittes auf ihren Freund zu, die Klinge stichbereit in der Rechten. Der überwältigte Undviker indes, breitete die Arme einfach reflexartig aus. Ja, er bot sich Anna einfach an, anstatt selbst zur Waffe zu greifen. Denn er würde sie niemals angreifen. Er liebte sie. Dann ein heftiger Ruck. Ein unsagbarer, lähmender Schmerz auf Taillenhöhe. Es tat weh. Es tat so weh. Hjaldrist gab einen überforderten Laut von sich; er weitete den Blick und japste leise. 

“Nein!”, keuchte er und als er die furchterfüllten Augen aufriss, starrte er einer finsteren Zimmerdecke entgegen. Schwer atmend tat er das und Schweiß stand ihm auf der Stirn. Sein Laken und der alte Mantel, den er immer zusammenlegte, um ihn als Kissen zu benutzen, waren unangenehm feucht. Geträumt. Er hatte einmal wieder geträumt. Ja, ganz ruhig. Es war alles gut. Verdammte Kacke, Hjaldrist hatte geträumt. Nur was? Er konnte sich kaum noch daran erinnern. Seine unsteten Augen wanderten in der Finsternis und angestrengt dachte der Skelliger nach. Doch er erinnerte sich nicht. Welch ein Pech der arme Junge doch hatte.

Tief atmete der Mann mit den vom Schlafen wirren Haaren aus und fuhr sich mit der Hand über das blasse Gesicht. Es war still und der tiefstehende Mond schien fahlblau durch das kleine Fenster des Gästeraumes Lados herein. Der Blick Hjaldrist’s suchte eben jenes, als er sich schwerfällig hinsetzte und dabei leise ächzen musste. Seine Aufmerksamkeit streifte den halbvollen Mond, den Fensterrahmen, den Tisch vor dem Fenster, das zweite Bett im Raum und den Haufen aus Huskarl, Fell und Decken darauf. Anna rührte sich nicht, schlief ganz ruhig. Gut. Noch einmal atmete der wirre Hjaldrist durch und fröstelte leicht. Sein Hemd klebte ihm unangenehm feucht an der Haut und dies trug nicht unbedingt dazu bei, dass es ihm wärmer wurde. Also schälte er sich widerwillig aus seinen wollenen Decken, um die Beine vorsichtig vor das Bett zu stellen. Etwas ungeschickt fasste er daraufhin nach den Schwefelhölzchen, die irgendwo neben seinen nackten Füßen am Grund herumlagen. Da war auch die kleine, metallene Tranlampe aus Undvik, die der Jarl bald entzündete. Um die tief schlummernde Anna nicht noch zu wecken drehte er den Docht der Laterne so weit zurück, als möglich. Und demnach fiel nur ein eher vager Feuerschein auf sein Gesicht und malte schwankende Schatten an die hölzernen Wände. Der Gedanke an sein unschönes Erwachen ging Hjaldrist derweil nicht aus dem brummenden Kopf. Es beschäftigte ihn, dass er offenbar etwas Wichtiges geträumt haben musste und sich prompt nicht daran erinnerte. Was hatte er nur im Schlaf gesehen?

Der Mann flüsterte einen leisen Fluch, als er sich erhob und sich nach seinem Rucksack umsah. Ein Ersatzhemd hatte er noch darin. Und eine extra Hose. Alles andere musste entweder noch trocknen oder, im Fall von den Sachen, die er gerade anhatte, gewaschen werden. Später. Die nächsten Tage versprachen so und so ruhiger zu werden, als der vergangene. Und sicherlich käme der Krieger irgendwann dazu seine Kleidung in einen Trog mit Seifenlauge zu tunken.

Hjaldrist zog sich das durchgeschwitzte Hemd über den Kopf aus, nachdem er sich frisches Zeug aus dem Rucksack geklaubt hatte. Er warf es auf den Haufen Dreckwäsche in der einen Zimmerecke. Früher, da hatte Anna ihre einegesauten Klamotten stets unbedacht irgendwohin geschmissen. Doch hier hatte er es tatsächlich geschafft sie dazu zu bringen eben jene auf einen einzigen, gemeinsamen Stapel zu legen. Ein richtiger Durchbruch, wenn man an die sonstigen Gewohnheiten dieser Chaotin dachte. Sie mochte Ordnung zwar, aber schaffte es einfach nicht selbst welche zu halten. Von der Seite aus schielte Hjaldrist zur besagten Frau hin. Mit dem Rücken zu ihm lag sie da und der Lampenschein streifte sie dabei nur sacht. Ein dünner Verband wand sich um Anna’s Kopf, um etwas Salbe an der kleinen Wunde dort zu halten. Mit seinem trockenen Leinenhemd in den Händen hielt der Undviker inne und stierte nachdenklich. Sein Blick sank allmählich ein Stück.

Sie beide hatten das, was Anna heute Abend im Wald gesagt hatte, nicht angesprochen. Ach, natürlich hatte ANNA, dieses Konversations-Genie, das Thema nicht wieder aufgegriffen. Aber vielleicht hätte Hjaldrist das tun sollen. Denn es beschäftigte ihn, dass seine Kumpanin gemeint hatte, sie liebe ihn. Und dass sie das offenbar so sehr tat, dass sie sich selbst hatte umbringen wollen, nachdem man ihr Hjaldrist’s Tod vorgespielt hatte. Es war also nicht zu leugnen: Die Gefühle der Frau waren echt. Und dennoch fühlte es sich so befremdlich an daran zu denken. War es ungut? Nein, eigentlich nicht. Es war keineswegs bedrohlich und wenn der Jarl ganz ehrlich zu sich selbst war, fühlte er sich irgendwo, tief in sich drin, geschmeichelt. Er wusste nur nicht, wie er damit umgehen sollte. Und noch weniger, ob er Anna’s ungewohntes Denken teilte. Nach allem, was sie nach Neujahr getan hatte, wäre es absurd zu behaupten, Hjaldrist liebe sie wieder so, wie vor einem Jahr. Denn das würde er nie wieder tun. Anna’s Verrat hatte ihm die Augen geöffnet und ihm gezeigt, wie naiv er gewesen war; wie dumm. Heute sah er, wer seine Gefährtin war und dies deutlich. Da war kein Hinwegsehen über Fehler oder Unarten mehr. Der Skelliger KANNTE Anna jetzt und wusste, wie sie war. Und er hatte keine Ahnung, ob er sie jemals wieder so innig bei sich haben wollen würde, wie früher. Ja, er wusste es nicht. Und genau aus dem Grund fiel es ihm schwer Anna auf dieses ungute Thema anzusprechen. Hjaldrist müsste nachdenken. Gut und lange. Danach würde er seine Freundin womöglich einmal beiseite nehmen und-... und dann? Er hatte keine Ahnung. Er müsste grübeln.

Den Blick wieder von der Schlafenden fortreißend, streifte sich der Jarl das frische Hemd über den Kopf und fasste nach seinem zusammengerollten Überwurf auf dem Bett. Auf Zehenspitzen schlich er umher, bückte sich nach der Tranlampe und hob sie auf. Er hatte Hunger, würde nach unten sehen und die Nase in den Topf mit seinen Eintopfresten stecken. Hoffentlich hatten die anderen etwas von der dicken Suppe mit Speck übriggelassen.

Einen flüchtigen Blick gen Anna später ging der Undviker dann auch schon. Er trat an die frische Luft der recht kühlen Sommernacht und nahm die schmale Treppe, die von seinem Gästezimmer im ersten Stock und an der Außenwand des Hauses nach unten führte. Sich den dicken Mantel dabei über die Schultern legend, sah er sich kurz um. Fackeln erleuchteten die Fassaden hier und da und in den Boden gerammte Halterungen für Öllampen beschrieben einige Wege Bogenwalds im Dunkel. Ein Krieger patrouillierte an Hjaldrist vorbei und grüßte ihn mit einem knappen Nicken. Aus der Taverne drang noch immer leises Flötenspiel und dazu unpassendes, unrhythmisches Getrommel eines musisch eher Unbegabten. Der müde Skelliger schmunzelte leise, rieb sich die Nase und ging weiter, um zum Haupthaus Lados zu gelangen, in dessen Erdgeschoss sich die Küche und der Aufenthaltsraum mit dem Alchemie- und Schnapsschrank befanden. Doch bevor er in die Hütte eintreten konnte, kam ihm eine Fremde entgegen. Sie schwankte ein wenig, hatte wohl getrunken. Und sie lachte heiter, als sie ihn bemerkte.

“Schönen Abend!”, machte sie “Oder eher: Guten Morgen.”

Hjaldrist hielt inne und sah sich nach der Langhaarigen um, die auf ihn zukam und ihn beinahe über den Haufen torkelte. Irritiert hielt er die Rotblonde dabei davon ab zu stolpern, erwischte sie an den Oberarmen und drängte sie von sich, um ihr dabei zu helfen wieder gerader zu stehen.

“Ah!”, lächelte sie breit, als sie wieder das Gleichgewicht gefunden hatte und lallte kaum merklich “Du bist ja der Jarl!”

“Ähm.”, der Besagte runzelte die Stirn “Ja. Und ich denke, DU warst zu lange in der Taverne.”

“Ach was!”, grinste die Frau, die eine Axt bei sich trug. Sie war in erdfarbene Kleidung gehüllt, die an die skelliger Mode erinnerte und ein zotteliges Schulterfell schmiegte sich um ihren Kragen. Womöglich war sie ja sogar von den Inseln, wer wusste das schon? Es wäre nicht abwegig, wo Skellige direkt zwischen Siofra und den Nördlichen Königreichen lag. Hjaldrist legte die Stirn in Falten.

“Hm.”, machte der Mann und wich dem Blick der gutgelaunten Fremden aus. Er sollte endlich nach Eintopfresten suchen, anstatt hier, im Dunkel zu stehen und sich mit irgendeiner Halb-Betrunkenen zu unterhalten. Also wandte er sich ab und seine Augen suchten Lado’s Haustüre bereits, als ihn die Axtkämpferin wieder und von der Seite aus ansprach.

“Ich bin Fabia.”, stellte sich die Rothaarige vor und Hjaldrist hielt abermals inne. Er verkniff sich ein entnervtes Seufzen und sah sich nach der Anderen um.

“Hjaldrist.”, antwortete er und die Kriegerin, die sich die glatten Haare an den Seiten zurückgebunden hatte, trat näher. Sie war für diese späte Stunde noch viel zu wach, fand der Undviker.

“Ich habe noch nie persönlich mit einem Jarl geredet, obwohl ich einmal für einen in dessen Reihen gekämpft habe.”, erzählte Fabia und wirkte ein wenig aufgeregt. Hjaldrist betrachtete sie abwartend und nach der Geschichte über das Fechten für einen Clananführer, tatsächlich auch einen Deut interessiert.

“Für wen denn?”, wollte er wissen.

“Holger Schwarzhand.”, gab die Frau zurück. Sie war also tatsächlich von den Inseln. Wohl von Faroe, denn Schwarzhand’s Clan lebte genau dort.

“Ah.”, machte der Langhaarige und lächelte schwach. Kurz schwiegen die beiden Anwesenden und während Fabia hibbelig, doch noch zu zurückhaltend wirkte, um dumme Fragen zu stellen, erbarmte der Jarl sich. So war er nun mal.

“Ich habe heute Abend Eintopf gekocht und wollte sehen, ob davon noch etwas übrig ist.”, sagte er “Vielleicht wäre es nicht schlecht, wenn du was isst. Morgen hast du nämlich sicherlich einen Kater, wenn du es nicht tust.”

Die positiv überraschte Skelligerin lachte.

“Pah, ich bin sehr trinkfest!”, prahlte sie mit geschwellter Brust. Doch das imponierte Hjaldrist wenig. Leute unter den Tisch saufen zu können war in seinen Augen keine große Gabe.

“Aber ich nehme das Angebot dennoch gerne an.”, lächelte der Rotschopf breit und trat näher. Er wirkte neugierig.

“Na dann.”, entkam es dem Undviker leichthin. Und er musste sich fragen, ob er gerade zu nett war. Er kam wirklich sehr nach seiner Mutter, was? Aber naja. Er brach sich ja keinen Zacken aus der Krone, wenn er ein beduseltes Elend dazu einlud Eintopfreste aufzuessen. Hintergedanken hatte er jedenfalls keine. Die hatte er Frauen gegenüber selten und manch einer, der ihn als unverheirateten Jarl betrachtete, mochte meinen, dies sei ein Problem.

Der hungrige Krieger nickte locker in die Richtung der Haustüre, die er bald darauf schon öffnete. Fabia folgte ihm sofort und in der noch immer gemütlich warmen Hütte angekommen, sah sie sich interessiert um. Hjaldrist stellte seine Tranlaterne am kleinen Esstisch ab und sah sich dann auch schon nach dem Kochtopf um, den er vor einigen Stunden gut mit Gemüse, Kartoffeln und Speck gefüllt hatte.

“Was treibt dich nach Bogenwald?”, fragte er seine vermutlich jüngere Begleiterin, die sich auf einem der Stühle am Tisch niederließ. Er sprach dabei mit gesenkter Stimme, denn Lado und Aldoran nächtigten im Haus direkt über dem Aufenthaltsraum. Er wollte sie nicht aus dem Schlaf reißen, indem er hier Krawall machte.

“Das Duellantenfest.”, erklärte Fabia sofort und sprach ebenso leise. Den Göttern sei Dank war sie nicht so betrunken, dass sie sich vergaß.

“Ah, ja. Machst du mit?”, wollte Hjaldrist wissen. Er mochte zwar nicht gut mit Frauen sein, doch wenn es darum ging über Belangloses zu reden, war er ein Meister. Besonders, seit er ein Jarl war und ständig mit Leuten reden MUSSTE. Wenn er es so wollte, konnte er Menschen in ein ewiges Palaver über das Wetter oder den Meergang verwickeln.

“Ja. Und du?”, fragte Fabia.

“Mhm, ich auch.”, sagte Hjaldrist und entdeckte den gusseisernen Topf endlich. Er reckte den Hals und lugte im fahlen Licht in ihn. Es war noch genug zu essen da. Und diese Erkenntnis ließ den Mann mit dem rumorenden Magen zufrieden lächeln. Kurzum kramte er nach zwei Löffeln, nahm sich den Topf und brachte all dies zum Tisch zurück, um das Essen dort abzustellen und Fabia einen der Löffel in die Hand zu drücken. Dann ließ sich der noch immer etwas matte Axtkämpfer nieder und wandte sich der dicken Suppe zu.

“...Von wo kommst du denn genau?”, fragte die anwesende Frau aus Faroe nach einer Weile des stummen Essens “Ich habe mit Politik nicht so viel zu tun, aber ich bin mir sicher noch nie von dir gehört zu haben. Äh, tut mir leid.”

Hjaldrist sah vom großen Kochtopf auf und schluckte seinen letzten Bissen Eintopf runter.

“Hm. Wundert mich nicht.”, meinte er gleichgültig “Ich lebe auf Undvik. Das ist sehr abgelegen.”

“Undvik?”, keuchte Fabia und lehnte sich mit großen, graublauen Augen vor “Ich wusste nicht, dass dort noch Menschen hausen.”

Der Clananführer hob eine Braue.

“Hieß es nicht, dass der Clan Tordarroch vor vielen Jahren von der Winterinsel floh? Wegen der Riesen-Invasion dort? Jeder erzählte sich die ärgsten Gruselgeschichten darüber.”, hakte der Rotschopf nach.

“Ich bin kein Tordarroch.”, gab der Jarl zurück “Sondern ein Falchraite. Aber ja, die Tordarrochs leben schon lange nicht mehr auf Undvik. Wir jedoch schon.”

Fabia staunte nicht schlecht und taxierte Hjaldrist eindringlich. Es kümmerte ihn kaum. Mittlerweile war er es nicht nur gewohnt mit Leuten über Triviales zu reden, sondern auch von ihnen angegafft zu werden. Als Jarl war man in gewisser Weise ein bunter Hund. Erst recht in Hjaldrist’s Alter und mit seinen leicht elfischen Zügen. Er zuckte die Achseln und aß weiter, während Fabia verblüfft glotzte.

“Hast du denn schon einmal einen Eisriesen gesehen?”, wollte die anwesende Skelligerin wissen. Sie war völlig aufgeregt.

“Mh. Ja.”, machte der Mann, der sich mehr Eintopf auf den Löffel schaufelte “Aber das ist lange her. Ich war damals noch ein Kind. Momentan sind die Grenzen zwischen deren Gebiet und unseren Gefilden sehr sicher.”

“‘Sicher’? Wie das?”

“Wir haben eigene Leute, die über die Grenzen wachen und den gefährlichen Süden stets im Auge behalten. Wenn ich mich nicht irre, sind es momentan an die vierzig, um genau zu sein.”

“Oh! Das klingt spannend.”

“Naja. Ich weiß ja nicht, ob es so ‘spannend’ ist, wenn man in der Undviker Wildnis leben muss und jeden Tag Gefahr läuft von irgendetwas gefressen oder zerfetzt zu werden…”, brummte Hjaldrist ehrlich. Er hatte zusammen mit Anna auf der rauen Straße gelebt, ja. Er war ein Monsterjäger gewesen und hatte sich grausigen Viechern gestellt, war dabei fast gestorben. Doch all das war nicht mit den Bürden eines undviker Wegewächters vergleichbar. Denn solch einer schwor mit dem Leben darauf die Grenzen zu beschützen. Es glich einem lauernden Todesurteil, wenn man in den eiskalten Süden ging und sich dort zwischen ehemaligen Kriminellen und Einsiedlern verpflichtete. Dass Anna einmal anklingen hatte lassen, dass sie eine Wegewächterin werden wolle, störte den Jarl daher sehr. Er machte sich doch schon Sorgen um sie, wenn sie regelmäßig alleine loszog, um den Weg zum Hafen zu überwachen. Undvik war schließlich ein extremes Pflaster und dies selbst für eine Frau wie die Giftmischerin aus Kaer Morhen. Nicht ohne Grund sorgte Hjaldrist dafür, dass sie ihre Arbeit vor den Toren immer schwer bewaffnet und gut ausgerüstet antrat.

“Also ich würde schon gern mal einen Eisriesen sehen.”, grinste Fabia ungeachtet Hjaldrist’s Meinung und er hätte ob dieser Unbedachtheit gern abfällig geseufzt “Ich frage mich, ob sie tatsächlich so groß und garstig sind, wie in den Sagen beschrieben. Ich fürchte ja nicht. Denn schließlich leben du und dein Clan auf Undvik. Wären die Monster dort wirklich so gefährlich, hättet ihr die Insel doch längst verlassen.”

Da war sich aber jemand ganz sicher. Hjaldrist schwieg, anstatt weit auszuholen und die angeheiterte Rotblonde belehren zu wollen. Es war ihm nämlich zu müßig. Besonders im Moment, wo er eigentlich nur in Ruhe etwas essen, vielleicht kurz spazieren und dann zurück ins Bett gehen wollte. Der Skelliger hatte keine Lust darauf darüber zu diskutieren, ob Riesen schrecklich seien oder nicht. Und ob es hart war auf seiner Heimatinsel zu leben. Fabia hätte eh nicht verstanden, glaubte er. Wenn man wissen wollte, wie es auf Undvik war, musste man es erleben.

“Mh.”, brummte der Krieger also nur noch und aß noch ein paar Bissen. Aber sein Gegenüber gab keine Ruhe und schien tausend Fragen zu haben.

“Mit wie vielen Schiffen kamst du denn an? Als Jarl wird man normalerweise doch begleitet oder nicht?”, fragte sie.

“Wird man.”, gab er zurück “Und ich kam mit einem Schiff.”

“Nur mit einem?”, hakte Fabia nahezu enttäuscht nach “Und wo ist deine Crew? Ich habe hier sonst keine Landsmänner gesehen.”

“Die Mannschaft blieb am Hafen Siofras.”

“Du bist also ganz alleine durch den finsteren Bogenwald gekommen? Und das als Jarl? Was, wenn dir was passiert wäre? Hast du einen Nachfolger?”

“Ich bin nicht alleine durch den Wald angereist. Ich habe eine Leibwache dabei.”, antwortete Hjaldrist und beachtete die restlichen Fragen nicht.

“Eine Leibwache? Nur eine?”

“Ja. Aber sie ist so gut wie drei.”

“Tatsächlich?”

“Tatsächlich.”

“Warum?”

“Ist so.”

“Und wo ist sie jetzt? Müssen Huskarle denn nicht immer kampfbereit sein?”, fragte Fabia berechtigterweise nach. Es stimmte, was sie sagte.

“Ich wollte meine Ruhe.”, log der Krieger. Doch es wäre wohl besser gewesen, er hätte Anna vorhin geweckt, um sie mit runter zu nehmen. Ja, er bereute es sogar dies nicht getan zu haben. In dem Fall wäre Fabia nämlich weniger anhänglich. Denn Huskarle wirkten allein durch ihre Anwesenheit wie Abstandshalter für jeden Außenstehenden. Aber, naja, Hjaldrist hatte seine angeschlagene Gardistin eben nicht geweckt. Und aus diesem Grund saß er nun hier und musste dumme Fragen einer ehemaligen Schildmaid beantworten, anstatt mit seiner besten Freundin über Blödsinn zu philosophieren. Oh Mann.

“Wird dein Huskarl auch beim Turnier mitkämpfen?”, wollte die redselige Fabia weiter wissen und der Jarl nickte. Sie schien sich darüber zu freuen.

“Klasse!”, machte sie und musste sich sichtlich dazu zwingen leise zu sprechen “Vielleicht bekomme ich dadurch ja die Gelegenheit dazu gegen sie zu kämpfen. Ich wollte schon immer mal gegen einen Huskarl fechten. Angeblich haben die ja eine spezielle Ausbildung erhalten und sind sehr stark.”

“Das sagt man sich, ja…”, machte Hjaldrist etwas abwesend und linste in den Kochtopf, um sich ein besonders großes Stück Speck aus der Suppe zu picken. Lecker.

“Hä? Aber als Jarl wirst du doch wissen, ob dem so ist?”

“Ja, tu ich.”

“Und?”

“Hm. Ich finde, du solltest dich nicht darauf freuen einem Huskarl gegenüber zu stehen. Jedenfalls dann nicht, wenn du gerne gewinnst.”, meinte er.

Fabia lachte auf dies hin auf und der Undviker kräuselte die Brauen, weil dies nicht sonderlich leise geschah. Sein Gegenüber sah das und räusperte sich sofort betreten.

“Ich bin gut. ECHT gut. Und ich glaube, dass ich es mit einer Leibwache eines Jarls aufnehmen könnte.”, machte sie wieder gedämpft. Ihr Selbstbewusstsein war… bemerkenswert. Und es gab ihr ein eher dummes Auftreten.

“Wenn du meinst.”, fand der Inselbewohner noch. Er holte Luft, um Fabia zu fragen, ob sie glaubte auch gegen eine Hexerin zu bestehen. Das nur, um ihr ein bisschen Angst einzujagen und ihre Prahlerei hart zu treffen. Doch so weit kam er nicht. Bevor er Anna’s Namen überhaupt in den Mund nehmen konnte, öffnete eben jene die Türe und kam herein. Sie blieb sofort stehen, als sie ihren Freund und Fabia sah, und wirkte überrascht. Ihre schwarzen Augen hingen an Hjaldrist, bevor sie dessen momentanes Anhängsel aus Faroe suchten. Sie hatte ihre kleine, eiserne Teekanne dabei.

“Oh…”, machte die Novigraderin. Sie sah noch immer etwas kränklich aus. Dass Silven am vergangenen Abend durch sie gewirkt hatte, schien ihr nicht gut getan zu haben. Dem Jarl war es vor dem Zubettgehen schon aufgefallen, dass sie wieder oft gehustet hatte. Und es hatte sich nicht sehr gesund angehört.

“Hey Anna…”, begrüßte der Mann die Kurzhaarige und lächelte ihr zu. Fabia gaffte bloß interessiert.

“Schlecht geschlafen?”, fragte die Giftmischerin nach, ohne der ihr Fremden gegenüber anzudeuten, dass sie ahnte, dass sich Hjaldrist noch immer gelegentlich mit Albträumen herumschlug. Er nickte und Anna gab einen nachdenklichen Laut von sich. Sie trat nicht näher. Es war, als verunsichere die Anwesenheit von Fabia sie.

“Willst du kalten Eintopf?”, fragte der Skelliger großzügig, doch seine beste Freundin schüttelte den Kopf. Endlich kam sie näher.

“Ich wollte mir nur mein Teewasser warm machen.”, sagte sie “Der Ofen in unserem Zimmer ist nicht mehr heiß genug.”

“Na dann.”, kam es zurück “Lado’s Ofen ist noch warm. Wenn du ein, zwei Scheite Holz nachlegst, kannst du darauf kochen.”

Fabia indes, betrachtete Anna penibel und neugierig. Sie hatte mit dem Essen innegehalten, um der Kurzhaarigen zuzusehen, die sich jetzt an Lado’s Kochnische wendete. Sie war nicht ganz so blöd und daher wusste sie sicherlich, dass es Anna war, über die sie kürzlich noch gemutmaßt hatte.

“Sie sieht nicht wie ein Huskarl aus.”, flüsterte die Rothaarige verschlagen, als sie sich leicht zu Hjaldrist beugte und die spähenden Augen dabei nicht von der Giftmischerin nahm. Anna hörte das nicht. Oder sie ignorierte es einfach. Hjaldrist lächelte schief in sich hinein und machte sich wieder daran im kalten Eintopf nach Speck zu suchen.

“Sie ist es doch?”, wollte Fabia wissen und beobachtete die hustende Nordländerin weiterhin “Sie kommt nicht von Skellige. Oder? Sie wirkt nicht wie jemand von uns. Mit den kurzen Haaren und ihren Zügen. Und was ist mit ihren Augen los?”

Der Jarl runzelte die Stirn und sah vom Kochtopf auf. Er atmete tief durch die Nase aus.

“Sprich mit ihr, wenn sie dich interessiert, anstatt hier verhalten herumzutuscheln. Hinter dem Rücken zu reden ist auch nicht sehr skellisch.”, riet er trocken und Anna spitzte die Ohren, ohne herzusehen. Fabia versteifte sich. Eine Stille entstand daraufhin, die dem wieder nüchterneren Rotschopf bestimmt unangenehm war. Und Fabia sprach Anna, entgegen des Rates ihres neuen Bekannten, nicht an. Ob sie sich nicht traute? Ja, wenn man die anwesende Novigraderin nicht kannte, konnte es sein, dass sie abweisend auf einen wirkte. Vielleicht sogar unsympathisch. Sie hatte es nicht so mit Leuten und wenn sie jemanden nicht gleich auf Anhieb mochte, neigte sie dazu entweder desinteressiert oder genervt zu starren. So war dem schon seit jeher und zu oft hatte Hjaldrist sie wegen ihrer unfreundlichen Maske veralbert, die sie manchmal sogar ganz unbewusst trug. Er schmunzelte und legte seinen hölzernen Löffel weg, um sich sattgegessen zurückzulehnen. Fabia sah unwohl in Anna’s Richtung und diese wiederum, kochte in aller Ruhe ihren Hustentee. Es roch schon bald nach Honig, würzigem Thymian und bitterem Salbei. Letzterer war ganz schön ekelhaft, doch wirkte laut Anna, die manchmal wie ein altes Kräuterweib klugscheißerte, Wunder. Sie trank das Zeug gern. Aber da hieß nichts, denn früher hatte sie ja sogar ohne zu murren Gifte geschluckt.

 

Es dauerte eine Weile, bis Anna wieder aus der Kochnische kam und das mit ihrer Teekanne und einem tönernen Becher in der Hand. Sie benutzte einen Zipfel der grauen Wolldecke, die sie sich um die Schultern gelegt hatte, um ihre Kanne zu halten, die des gekochten Wassers wegen sicherlich sehr heiß war. Und als sie kurz innehielt, fiel ihr Blick in bekannter Art und Weise sehr entnervt auf Fabia. Hjaldrist, der dies schon kannte, setzte zu einem Vermittlungsversuch an und redete, um nebenher auch das eigenartige Schweigen zu brechen.

“Fabia wollte dich wohl nach deiner Berufung fragen, Anna.”, machte er und die Skelligerin aus Faroe stierte unschlüssig “Ich glaube, sie würde beim Turnier gerne gegen dich antreten.”

“Mhm.”, kam es seitens Anna zurück.

“Erzähle ihr doch was über die Garde, damit ich mich nicht ausfragen lassen muss…”, grinste der geduldige Jarl schwach, doch rannte damit unerwartet gegen eine Wand. Eine harte Wand.

“Hm, nein. Keine Lust.”, wehrte Anna ab “Ich geh wieder ins Bett. Gute Nacht…”

Und damit war klar, dass die schmale Alchemistin die ehemalige Schildmaid nicht sehr sympathisch fand. Schmerzlich direkt hatte sie dies eben jener gerade gezeigt. Und Fabia stutzte verdattert. Anna, mit ihrer klappernden Kanne bewaffnet, wandte sich ab und ging einfach wieder. Die Türe drückte sie mit dem Ellbogen auf, weil sie keine Hand mehr frei hatte, und schob die Pforte dann leise mit ihrer Seite zu. Weg war sie dann. Und Hjaldrist ärgerte das.

“...Bist du dir sicher, dass DAS ein Huskarl ist?”, zweifelte Fabia leise “Bei den Göttern.”

Es war klar, warum die Rothaarige das murmelte. Denn gerade eben hatte sich Anna nicht nur ihr gegenüber respektlos verhalten, sondern auch ihrem eigentlichen Boss ans Bein gepisst. Es störte Hjaldrist im Grunde ja nicht, wenn die Giftmischerin ihn dumm anmachte. Sie waren Freunde. Nur wenn sie sich in der Öffentlichkeit so aufführte, fiel es direkt auf ihren Anführer zurück. In den Augen anderer waren sie zwei nämlich keine Kumpels. Sie waren keine Menschen, die sich seit Jahren kannten und das auch auf einer sehr vertrauten Ebene. Für Außenstehende waren sie ein Jarl und eine Leibwache. Und eigentlich sollten sie sich auch dementsprechend verhalten, oder nicht? Bei Hemdall, Hjaldrist wollte doch nicht, dass Anna buckelte. Sie zwei waren zudem im Bogenwald und nicht zuhause. Und dennoch: Das Verhalten der Trankmischerin war gerade unangebracht gewesen. Hjaldrist sah verzwickt zu der Tür, durch die die Genannte gerade verschwunden war. Und er nahm es sich vor mit ihr über ihre Aktion zu sprechen. Es müsste einfach raus, denn es machte ihn wütend. 

 

Als Hjaldrist wenig später zurück ins kleine Zimmer kam, tat er das nicht mehr bedacht leise. Ganz im Gegenteil: Nachdem er eingetreten war, hob er Anna’s nasse Hose auf, die unweit des Dreckwäschestapels auf den Dielen lag, ging damit vor das Bett der Frau und warf ihr das Kleidungsstück auf den Kopf. Ein ‘Flatsch’ war zu hören, dann das gebrummte Gefluche der Liegenden, die sich halb unter ihre Decken verkrochen hatte. Sie klaubte sich die Hose wie angeekelt vom Kopf und Hjaldrist blieb an Ort und Stelle stehen.

“Hör zu.”, fing er direkt an, die flackernde Tranlampe in seiner Hand “Es soll mir egal sein, wie du dich mir gegenüber verhältst, wenn wir alleine sind. In dem Fall sind wir Freunde und ich bin sogar froh darüber, wenn wir miteinander so umgehen, wie früher. Du bist genau genommen die einzige, die es sich heute überhaupt noch traut mir Parole zu bieten und das ist gut.”

Anna hob den Kopf leicht an und linste her. Der noch warme Tee auf dem Grund neben ihrer Schlafgelegenheit verströmte einen süßlich-krautigen Geruch, der das gesamte Zimmer dick erfüllte. Hjaldrist war sich nicht sicher, ob er den Duft mochte oder nicht.

“Es ist mir auch egal, was du tust oder sagst, wenn wir unter engen Freunden sind. Was schert es mich, wenn du mich vor Lado oder Vadim aufziehst oder beleidigst?”, setzte Hjaldrist fort “Aber wenn Fremde daneben sitzen, dann müssen wir leider Rollen spielen. Verstehst du das? Nicht so hart, wie auf Undvik, aber dennoch. Auch die Leute hier wissen, was ich bin. Und mein Stand wird ihnen nicht unbedingt bestätigt, wenn mich mein eigener Huskarl anmault.”

Anna schwieg. Sie richtete sich ein Stückchen weit auf und hob den Blick zögerlich. Ihre Augen taxierten den Stehenden eindringlich.

“Verstehst du das?”, fragte der Mann “Ich habe mich vorhin echt über dich geärgert.”

“Ich hatte eben keine Lust mit ihr zu reden.”, gab die Schwarzhaarige nach einer kurzen, beachtlich unangenehmen Pause zurück “Ich mag sie nicht. Und generell… will ich gerade einfach meine Ruhe.”

“Na, dann hättest du das auch anders sagen können, als mich dumm anzureden und zu verschwinden.”, seufzte Hjaldrist. Und Anna, die blieb wieder still. Sie überlegte.

“Verhalte dich in Zukunft einfach so, dass man mich nicht infrage stellt, ja?”, wollte der Inselbewohner noch “Ich bitte dich als Freund darum. Denn ich habe keine gute Zeit, wenn ich mich als Jarl für einen Huskarl rechtfertigen muss.”

Anna senkte den Blick zur Seite fort.

“In Ordnung.”, sagte die Frau, doch man merkte, dass ihr das hier nicht gefiel. Sie war im Grunde immer eine Rebellin geblieben und das würde sich niemals ändern. Jedenfalls nicht, wenn es um Meinungen ging, die sie stark vertrat. Und so sehr sie Hjaldrist manchmal auch nervte, so fand er diese Eigenschaft auch gut. Stur für etwas zu stehen war manchmal keine schlechte Sache.

“Gut.”, lächelte der Axtkämpfer schwach und damit war sein Zorn längst wieder verflogen “Danke...”

Und damit war das Thema erledigt. Jedenfalls für heute.

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