Kapitel 127 (Buch 5, 4)

Das Fest der DUellanten

Leise stöhnte Anna und hielt sich ein Leinentuch vor die schmerzende Nase, das Rist ihr zugesteckt hatte. Den Kopf leicht in den Nacken legend verharrte sie so auf einem Platz der kleinen Zuschauertribüne des Duellantenfestes. Man hatte nahe dem Dorfe und auf einem weitläufigen Platz vor dem Wald, einen kreisrunden Kampfring aufgebaut, der im Durchmesser etwa fünf Meter maß. Rings um diesen Platz standen kleine Tribünen, auf denen an die fünfzig Zuseher verweilten und den Kriegern der Stunde laut zujubelten. Anna hatte bereits ihr zweites Duell hinter sich. In beiden Kämpfen war sie als Siegerin hervorgegangen. Das zuletzt leider mit blutiger Nase. Ihr zweiter Gegner, irgendeine Mietklinge aus dem Süden, hatte ihr eine ordentliche Linke verpasst - frontal und mit voller Wucht, und nun siffte ihre unangenehm pochende Nase rot. Aus dem Augenwinkel, in dem eine kleine Schmerzensträne stand, sah sie zu Rist, der sich das Lachen merklich verkniff. Er nannte bisher ebenso zwei Siege die seinen.

“Grins nicht so…”, keuchte Anna vorwurfsvoll und drückte sich ihr rot beflecktes Tuch weiterhin vor das arme Gesicht “Die Aktion von dem, ah, au… von dem Arschloch war echt scheiße. Wer… wer haut dem Gegner denn bei einem Schwertkampf einfach mit der Faust ins Gesicht? Er hat dafür nicht mal nen Punkt gekriegt…”

“Wer das tut? Ein Idiot, nehme ich an. Vielleicht war er ja auch überfordert, weil du ihn so bedrängt hast.”, schmunzelte der Jarl, der selbst nicht mehr heile war. Ein Verband wand sich um seinen linken Arm, weil ihn dort eine schartige Klinge gestreift hatte.

“Generell kämpfen hier viele Narren…”, fand er und wies auf die beiden, die sich gerade im vom vergangenen Regen matschigen Ring befanden. Der eine lief in dieser Sekunde schreiend vor dem anderen davon und die Zuschauerschaft lachte laut und buhte grölend.

“Unsere Chancen zu gewinnen sind also gut.”, fand der optimistische Hjaldrist und schenkte seiner Freundin einen erheiterten Blick “Wir beide heimsen das Geld ein, bekommen einen Titel der Duellantengilde Bogenwalds und können uns darauf etwas einbilden. Klingt doch gut?”

“Als ob DU noch mehr bräuchtest, auf das du dir etwas einbilden kannst.”, gluckste Anna gedämpft hinter ihrem vollgebluteten Lappen und zog die schmerzende Nase vorsichtig hoch “Du willst doch nur unsere dumme Wette gewinnen…”

Rist lachte auf diese direkte Anschuldigung hin auf und lehnte sich leger zurück. Die Arme verschränkte er dabei hinter dem Kopf und tat ganz schön selbstzufrieden.

“Ja, das auch.”, gab er zu “Ich will schließlich was ganz Bestimmtes bei dir gut haben.”

“Das hast du doch eh andauernd.”, murrte Anna “Huskarl. Schon vergessen? Du schreist, ich springe.”

Der Jarl schnaufte amüsiert.

“Mag sein.”, entgegnete er “Als Clananführer bin ich aber professionell. Daher brauche ich eine gewonnene Wette unter Freunden, um dich-… naja, um dich um ‘weniger sachliche’ Dinge zu bitten.”

Anna entkam ein gequältes Stöhnen. Sie hatte keine Ahnung, was Hjaldrist vorhatte, sollte er gewinnen, doch ihr schwante Übles.

“Ich tu mir jetzt schon leid…”, machte sie und blieb nach wie vor mit leicht zurückgelegtem Haupt und Leinentuch vor der Nase sitzen. Ihr Stahlschwert, das in seiner ledernen Scheide steckte, lehnte neben ihr an der etwa kniehohen Holzbank. Und im Ring weiter vorn schlug gerade einer den anderen mithilfe seines Schwertknaufes bewusstlos. Die Menge raunte erst, dann wurde gejubelt und applaudiert. Leto, der den Schiedsrichter mimte, maulte ein ‘Na gut, das lass ich gerade noch gelten! Hans gewinnt!’.

“Verlier einfach nicht, Anna.”, griente Rist, der den Blick auf den ohnmächtigen Krieger im Duellantenring richtete. Die Novigraderin indes, sah sich flüchtig nach den anderen um. Tar’Azul saß unweit auf der Tribüne und beobachtete das Geschehen stumm. Von Vadim, Nyra oder Aldoran war nichts zu sehen. Lado und Kasia standen am Rande und beobachteten das Spektakel am Platz. Während ersterer laut lachte und klatschte, wirkte zweitere schon die ganze Zeit über bedrückt. Und Anna ahnte weswegen die blau gewandete Bardin so verzwickt dreinsah: Vadim war heute mit seiner ‘Lieblingshexe’ Bogenwalds, Rosanna, durch das Dorf spaziert. Sie hatte bemerkt, wie die beiden sich lange und ernst miteinander unterhalten hatten. Und zu allem Überfluss war der neugierigen Alchemistin dabei auch noch aufgefallen, dass ihr Ziehonkel seine eigenartige Schädel-Trophäe wieder an seinem Gürtel trug. Sie hatte gedacht, er habe sie nach dem letzten Besuch im Bogenwald vernichtet, denn es hatte doch geheißen, sie sei verwünscht. Aber dem war offenbar nicht so und sicherlich war Vadim in diesem Moment wieder oder noch immer bei dieser unsympathischen Rosanna. Anna hatte ein ganz, ganz schlechtes Bauchgefühl.

 

Das rauschende Duellantenfest nahm seinen Lauf. Met und Bier flossen in Strömen, Wetten auf einzelne Krieger wurden angenommen und es wurde laut gelacht, gejubelt und gesungen. Der immer mal wiederkehrende Nieselregen machte derweil den wenigsten Menschen etwas aus. Viele Krieger kämpften, um sich im mehr oder weniger ehrenhaften Schwertkampf zu messen und nach nur kurzer Zeit hatte Hjaldrist, nach einer einzigen Niederlage, schon seinen dritten Sieg inne. Anna, die dem natürlich ganz stur gerecht werden wollte, ignorierte die ganzen interessierten Augen, die im Moment auf ihr hafteten. Sie hasste es angegafft zu werden, doch kam dem bei einem Turnier eben nicht aus. Sie stieg soeben verbissen in den Ring und fixierte ihren Gegner musternd. Er nannte sich ‘Roter Svatlaf’ und war ein recht unscheinbarer Kerl; ein Söldner vielleicht. Im verdreckten Gambeson und mit einem alten Langschwert bewaffnet, machte der Kurzhaarige mit dem gepflegten, braunen Bart nicht ganz so viel her. Es wäre einfach ihn zu besiegen, glaubte die geübte Monsterkundige. Sie würde sich jedenfalls bemühen, denn sie wollte die Wette gegen Hjaldrist unbedingt gewinnen. Das nicht nur, um ihn damit in Zukunft aufzuziehen, sondern auch wegen dem Wunsch, den sie daraufhin bei ihm guthätte. Auch sie hatte da nämlich längst eine Idee, die ihr wie ein enormer Preis für ein gewonnenes Schwertkampfturnier erschien. Wie etwas, das sie anderweitig niemals bekäme: Sie wollte einen Kuss von Rist. Ganz einfach. Oder… naja, jedenfalls hörte es sich simpel an, doch für Anna war DAS eine große Sache. Und es wäre ihr egal, was ihr sicherlich verdatterter Freund darüber denken würde. Eine gewonnene Wette war eine gewonnene Wette. Ein Gefallen war ein Gefallen. Der Skelliger dürfte nicht nachfragen, nur rot werden. Und er könnte froh darüber sein, dass seine Kumpanin nicht mehr von ihm verlangte. Tatsächlich hatte sie vorgestern daran gedacht ihn ganz dreist zu einem Schäferstündchen aufzufordern, doch das wäre nicht nur zu viel gewesen, sondern auch ziemlich… respektlos. Also würde es ‘nur’ bei einem Kuss bleiben. Bei einem mit Zunge.

Abgelenkt durch ihre einnehmenden Gedanken, sah Anna just ein wenig zu spät auf und entging dem sirrenden Schwertstreich ihres größeren Gegenübers nur sehr knapp. Sie erschrak fast, schalt sich im Geiste eine riesengroße Idiotin und taumelte umgehend beiseite. 

“Scheiße!”, stieß sie atemlos aus.

Ein angespanntes Einatmen ging durch die Zuschauerschaft. Doch schnell fing sich die Kurzhaarige wieder und biss die Zähne knirschend zusammen. Das Schwert fest umklammernd kam sie sofort vor, um ihrem Gegner die Breitseite der Waffe so barsch gegen die Schulter zu schlagen, dass er wankte und kurz ganz benommen wirkte. Sie achtete bewusst darauf nicht mit der scharfen Schneide zuzuhacken, denn sie zielte hier nicht darauf ab jemanden umzubringen oder schwer zu verletzen. Es war so, wie beim Training mit Balthar, Jaromir und Vadim damals. Schmal lächelte sie, als Svatlaf sie mit einem finsteren Blick maß. 

“Zeig’s ihm!”, rief Hjaldrist von irgendwo und klang dabei amüsiert. Und bald umkreisten sich die beiden Duellanten wieder wie Raubtiere, in der Hoffnung kleine Schwachstellen des jeweils anderen zu finden. Schnell ging Anna’s Gegenüber erneut in die Offensive, wurde zurückgedrängt, traf die aggressiv kämpfende Nordländerin beinahe und zerfetzte ihr dabei den Ärmel. Mit schnell klopfendem Herzen und aufwallendem Adrenalin im Blut atmete Anna einmal tief durch und machte einen Ausfallschritt, um aus der Reichweite des Kerles zu kommen. Wieder schlug sie zu, doch der Andere war genauso schnell, wie sie und riss seine Klinge hoch. Stahl klirrte auf Stahl und dies so heftig, dass es Anna bis in die Schulter hoch vibrierte. Ein überwältigtes Keuchen entkam ihr. Die scharrende Waffe des sehnigen Mannes beiseite hebelnd, setzte sie gleich nach und schlug ihm das Schwert geschickt aus der Hand. Ein lautes Fluchen verließ Svatlaf’s Kehle, als er sich die schmerzende Waffenhand daraufhin rieb, und das hier versammelte Publikum rastete vor Begeisterung aus. Es war Anna, die es nicht mochte im Mittelpunkt zu stehen, unangenehm. Aber was sollte sie schon tun? Augen zu und durch.

Laut den Regeln der Gilde durfte die seit heute 26-Jährige nun nicht weiter angreifen. Gekämpft wurde nur, wenn jeder sein Schwert fest in den Händen hielt. Also senkte sie die stählerne Klinge und wartete schwer atmend ab. Die fair waltende Frau wollte am regenfeuchten Grund zurücktreten und dabei zusehen, wie sich ihr Gegner nach seinem Langschwert bückte, das am Grund lag. Doch er fasste nicht an den Waffengriff. Sondern plötzlich kam er unerwartet vor und Leto, der den Ring als Schiedsrichter sehr gut im Blick hatte, schrie ganz grantig irgendetwas. Die überrumpelte Anna, die erst nicht verstand, was passierte, sah erst hektisch zum wild fuchtelnden Leto, dann zu ihrem Widersacher zurück. Sie bemerkte das aufblitzende Messer in dessen Hand zu spät. Der Mann hob zu. Die zusammenzuckende Kräutersammlerin wollte sich ungeschickt wegducken. Ein Schnitt. Ein Schnitt an ihrem Nacken. Oder an ihrem Hals. Ja, irgendwo dort. Er brannte wie Feuer. Dann ein abrupter Stich. Er kam so schnell, dass man ihn kaum kommen sah. Gepeinigt stieß die Kurzhaarige die Luft zwischen zusammengebissenen Zähnen aus und war wie paralysiert.

“Das ist für Kaer Iwahell…”, flüsterte der Rote Svatlaf und Anna verstand nicht. Ihr wurde es plötzlich so anders, als ihre Augen unstet wanderten. Verwirrt fasste sie sich an den Hals und spürte, wie ihr etwas warm über die Finger lief, die in fingerlosen Handschuhen steckten. Und ihre linke Seite, knapp über der Taille, stach so fürchterlich, dass sie sich nun leicht krümmen musste. Da war Hjaldrist, der auf einmal mit im Ring war; Und Leto und Lado, die zornig auf den grimmig grinsenden Angreifer losgingen. Ein lauter Tumult brach aus und jemand rief nach den Heilern. War das Rist? Warum schrie er so laut?

“Götter…”, keuchte der Undviker gehetzt und stand dicht bei seiner wirren Freundin, um sie festzuhalten “Oh Götter, ja, drück deine Hand drauf… feste...”

Anna spürte Finger, die die ihren an ihren Hals pressten. Ihre Hände zitterten plötzlich unkontrolliert. Ihr Blick flackerte.

“Geht… geht schon…”, nuschelte sie brüchig und schmeckte Blut “Mir is nur etwas schwindelig…”

Sie fasste desorientiert zur Seite und ihre kalten Fingerspitzen streiften bestickten Stoff und vernähtes Leder. Zäh tropfte ihr etwas von der Unterlippe. Stahl fiel zu Boden und landete mit einem Schmatzen im Matsch. Und dann sank die ganze Welt ringsumher in eine besänftigende Schwärze.

 

“...nicht...”, vernahm Anna dumpf “Rühr dich… das… gut…”

Ein gequältes Stöhnen verließ die trockenen Lippen der kraftlosen Frau und sie blinzelte angestrengt. Wo war sie?

“Was…?”, murmelte sie heiser und verzog den Mund ob des metallenen-bitteren Geschmacks nach Blut und Kräutern auf ihrer Zunge angewidert.

“Bleib liegen.”, das war Rist. Oder?

“Anna?”, und das Lado. Die Angesprochene verengte den Blick und versuchte ihn mühsam zu fokussieren. Nur langsam wurden die verzerrten Formen und Farben vor ihren gläsernen Augen erkennbar. Erst sah Anna nur Schemen, dann irgendwelche eigenartigen Leute. Und wenige flache Atemzüge später schon waren ihr diese Personen nicht mehr fremd, sondern stellten sich als Rist, Lado und Kasia heraus. Die Giftmischerin hatte sie vor einem Wimpernschlag noch kaum erkannt.

“Oh, Süße…”, flüsterte die Bänkelsängerin mit der Feder am samtenen Barett mitleidig.

“Was ist denn…?”, lallte die Novigraderin zerstreut und wollte sich fahrig aufsetzen, doch Rist hielt sie davon ab, indem er sie sanft, doch bestimmend an der Schulter zurückdrückte. Anna lag auf einem Bett. Nein, auf IHREM Bett im Gästezimmer Lados. In Bogenwald. Ihr Hals tat weh. Die Haut daran spannte unangenehm und es fühlte sich an, als hing sie irgendwo fest. War da eine Wunde? Sie juckte. Hatte man sie genäht…? Ja, da musste ein Faden sein. Nur langsam huschten der Frau die jüngsten Erinnerungen zurück in den dusseligen Kopf. Sie sah auf und zwischen den drei Anwesenden hin und her. Sie bemerkte, dass Kasia ihr die Hand hielt und realisierte wie unsagbar besorgt Hjaldrist starrte. Lado aber, der lächelte schon wieder. Er sah ungemein erleichtert aus.

“Mir ist schlecht…”, stöhnte Anna leise und entzog Kasia die Hand scheu. Die nette Temerierin stand ihr nicht nah genug, als dass die Alchemistin sich dabei wohl fühlte, wenn die Bardin ihr die Finger drückte. Sie wollte nicht angefasst werden.

“Schlecht? Das wundert mich nicht.”, meinte die Viper im Zimmer “Wir haben dir Schwalbe eingeflößt. Rist meinte nämlich, dies sei eine gute Idee. Ich war skeptisch, aber offenbar war es die richtige Entscheidung dir den Trank nur 50 zu 50 mit Wasser vermischt einzuflößen.”

“50 zu 50?”, fragte Anna dünn und in dem Moment war es ihr klar, warum es sich so anfühlte, als löste sich ihr Magen soeben selbst auf. Sie würgte und schauderte. Ihre rebellierende Kehle schmerzte und Lado, der Arsch, lachte bloß leise. Na danke.

“Es hätte nicht gut für dich ausgesehen, hätten wir dir den Hexertrank nicht gegeben, Kleine.”, erklärte der Glatzköpfige mit dem geölten Bart “Jemand hat dir beinahe gezielt die Kehle aufgeschnitten. Du hattest irrsinniges Glück. Das und-… nun ja… so abscheulich es auch war, was Silven dir angetan hat, so hat es dir heute wohl das Leben gerettet. Jeder andere Mensch, der Schwalbe nicht verträgt, wäre elendig verreckt. Zwar verkraftest auch du den Absud nicht gut, aber zumindest wirkt er ein wenig.”

Die unglückliche Anna murmelte etwas Unverständliches, in dessen Zuge sie Hexertränke, den Bastard Silven und ihren beleidigten Magen verteufelte.

“Anna. Erinnerst du dich an den Kampf von vorhin?”, fragte Rist nun, der die ganze Zeit über so still auf der harten Bettkante gesessen hatte. Die Liegende richtete die schwarzen Augen fort und sah nachdenklich vor sich hin. Eine Hand legte sie sich beiläufig an den verdrehten Magen. Bei Melitele, am liebsten hätte sie gekotzt. Stattdessen holte sie Luft zum Reden.

“...Ich wollte, dass er sein Schwert aufhebt. Man soll doch nicht weiterkämpfen, wenn nicht jeder eine Waffe in der Hand hat. Aber… plötzlich hatte er ein Messer. Leto fuchtelte herum und rief meinen Namen. Und ich war zu perplex…”, murmelte Anna. Und sie hasste sich selbst dafür. Als Huskarl durfte einem so etwas normalerweise nicht passieren. Als Gardist Undviks sollte man aufmerksamer sein. Anna hatte also nicht unbedingt geglänzt. Ja, was, wenn der Widersacher Rist angegriffen hätte? Der Jarl wäre jetzt tot und sie allein wäre schuld daran. Ein eiskalter Schauer jagte der Nordländerin über das Kreuz, als sie daran dachte und entrückt gen Zimmerdecke starrte. Die Finger an ihrem Bauch krallten sich dort in den Stoff ihres Hemdes.

“Ja… er ging einfach auf dich los, traf dich am Hals und rammte dir die Klinge dann in die Seite. Das hatte mit dem Duell nichts mehr zu tun.”, gab Hjaldrist zurück und sah auch nicht allzu froh aus “Er beschimpfte dich als Paktiererin, als Leto und Lado ihn niederrangen und bewegungsunfähig machten. Man brachte ihn ins Gefängnis. Die Zuschauer raunten und fingen an zu tuscheln. Ein Kerl, der das Wappen Redaniens trug, kam daraufhin dazwischen und meinte, er kenne den Angreifer und dass der verrückt sei. Er gab vor allen vor, dass der Wahnsinnige stets jeden als Paktierer bezeichne und deckte dich damit. Dieser zweite Mann, der dich verteidigte, stellte sich uns vorhin noch ganz gutmütig als Hieronymus vor.”

“Was nicht heißt, dass wir ihm vertrauen sollten… oder?”, fragte Kasia zweiflerisch.

“Mhm. Das Einschreiten von diesem Hieronymus war eigenartig. Es war, als habe er nur so auf den Angriff gewartet, um zwischen die Schaulustigen und Anna zu kommen. Wir sollten vorsichtig sein. Das zumal auch, weil er ein Redanier ist.”, fand Rist. Seine beste Freundin indes, seufzte tief.

“Na toll…”, fand sie “WER hat es heutzutage eigentlich NICHT auf mich abgesehen…?”

Entnervt sah sie zur Seite fort und atmete tief aus. Ihre Laune war im Keller, obwohl sie heute einen gefährlichen Anschlag überlebt hatte und sich daher glücklich schätzen sollte. Denn nicht nur, dass das ihr beachtlich unangenehme Thema ‘Kaer Iwahell’ wieder aktuell war. Nein, sie hatte vermutlich auch das restliche Duellantenfest verpasst, was wiederum bedeutete, dass Rist ihre Wette gewonnen hatte. Oh Schande. Warum hatte sie in den letzten Tagen nur so viel Pech? War der Angriff von heute vielleicht ein Denkzettel der Götter? Weil Anna sich kürzlich selbst den Hals hatte aufschneiden wollte? Die unbedachte Trankmischerin hatte nie an irgendwelche großen Kräfte geglaubt, die irgendwo im Himmel saßen. Nur an sich selber. Doch gerade hinterfragte sie das am Rande. Es konnte doch kein Zufall sein, dass ihr jemand die Kehle anschnitt, kurz nachdem sie sich selbst auf diesem Weg hatte töten wollen. Ja, verdammt. Was zum Geier?

Anna grummelte leise vor sich hin und setzte zu einem erneuten Versuch an sich aufzurichten. Dieses Mal ließ Hjaldrist sie, doch beobachtete sie auffallend kritisch. Die noch dezent schummrige Kriegerin, die sich endlich hingesetzt hatte, fasste sich vorsichtig an den Hals und betastete einen dicken Verband, der sich darum wand, vorsichtig. Sie trug, bis auf ihre wenigen Rüstungsteile und die Stiefel, noch ihre volle, angeblutete Montur. Und als sie gen Fenster linste, sah sie, dass es draußen noch hell war.

“Wie lange lag ich flach…?”, fragte sie verunsichert nach und schluckte, in der Hoffnung, dass das Kratzen in ihrem brennenden Hals nachließe. Es war, als habe ihr Schwalbe die Kehle verätzt. Verdammte Kacke. Sie hasste dieses Zeug.

“Etwa eine Stunde.”, sagte Lado und Anna hielt verblüfft inne. Ihre Miene lichtete sich.

“Nur…?”, wunderte sie sich und der Vatt’ghern nickte.

“Ja, zum Glück. Die Heiler kümmerten sich irrsinnig schnell und gut um dich. Wir zwängten dir Schwalbe runter und brachten dich dann hierher. Dann schliefst du erstmal ein Stündchen.”, machte er “Wärst du länger weggetreten gewesen, hätten wir uns wirklich arge Sorgen gemacht. Aber es scheint so, als hätte dein Körper deine frischen Verletzungen dank Schwalbe gut verkraftet. Es ist bemerkenswert.”

“Unkraut und so…”, kommentierte Rist das nebenher und Anna haute ihm dafür barsch gegen den Oberarm. Er grinste schelmisch, obwohl man ihm ansehen konnte, dass da irgendetwas Hintergründiges in seinem Reden steckte. Warum? War in der Zwischenzeit etwas Erschütterndes passiert? War Silven wieder da gewesen? Wenn ja, verriet man es der Novigraderin nicht. Und sie fragte auch nicht nach, denn sie würde jegliche Diskussion um den Elfenarsch oder Kaer Iwahell gerade schlecht verkraften. Ihr Kopf sank ein Stück.

“Kann ich kurz etwas allein sein?”, fragte die versehrte Frau dann “Geht zum Fest zurück… ich komme später vielleicht nach.”

“Bist du dir sicher?”, fragte Kasia besorgt und Anna nickte. Sie wollte gerade etwas Zeit für sich und über das nachdenken, was passiert war. 

“Bitte.”, entkam es ihr. Und auf dies hin erhob sich auch der zögerliche Rist.

“Melde dich sofort, wenn etwas ist.”, forderte Lado, der als Vatt’ghern nicht bei den Duellen des heutigen Tages mitmachte. Er wäre einfach ein zu harter Konkurrent für jeden Normalsterblichen gewesen und seine Mutation disqualifizierte ihn. 

“Ich bin unten. Im Nebengebäude. Wir lassen das Fenster hier offen.”, schloss das Katzenauge “Rufe, wenn du dich wieder schlechter fühlst, ja?”

“Ja.”, versicherte Anna noch brav “Mach ich. Danke.”

Hjaldrist’s Blick streifte sie noch einmal. Anna lächelte lau. Dann gingen er und die anderen auch schon. Die verwundete Kriegerin ließ sich matt zurück in das Kissen sinken, nachdem sie den anderen hinterher geblickt hatte, und fuhr sich mit den Händen über das müde Gesicht. Oh, was für eine gequirlte Kackscheiße… und all das auch noch an ihrem ‘Geburtstag’.

 

Anna kam erst zum geschäftigen Turnierplatz zurück, als der Abend langsam dämmerte. Dick in ihren roten Mantel gehüllt, näherte sie sich dem Ort der tosenden Feierlichkeiten und erblickte Hjaldrist und Tar’Azul, die auf einer der Tribünen beisammensaßen und sich die Kämpfe ansahen. Der junge Jarl im Bunde wirkte mittlerweile etwas abgekämpft, doch auch sehr glücklich. Demnach zu schließen war er also noch im Rennen. Anders als Anna, die es heute nicht mehr auf elegante Art schaffen würde ein Duell zu bestreiten. Zwar fühlte sie sich nicht mehr allzu schlecht und ihre Wunden meckerten kaum noch, was unheimlich war; Dennoch wollte sie es nicht riskieren, dass sie sich eine weitere Verletzung zuzog. Sie hatte für heute mehr als genug, würde ihrer beleidigten Kehle wegen keinen einzigen Schluck Schwalbe mehr vertragen und sah ihre Niederlage zuletzt mit Missmut ein. Es war jammerschade um den Kuss von Rist, den sie sich hätte wünschen können, hätte sie die Wette gegen ihn gewonnen. Aber was sollte man schon machen? Anna war manchmal dumm, ja, aber nicht vollkommen lebensmüde. Sie hatte keine Lust darauf an einem weiteren Waffenhieb zu sterben oder elend an einer Vergiftung durch Hexerabsude zu krepieren.

Die jungenhafte Kriegerin trat also auf den Platz auf der Wiese, um sich einen Weg durch all die fröhlichen Zuschauer zu bahnen. Sie wollte zu ihren beiden Freunden und den weiteren Verlauf des Duellantenfestes von einem bequemen Sitzplatz aus beobachten. Anna schob sich zwischen einer Gruppe von beleibten Männern durch und kam endlich zu der Tribüne, auf der Tar’Azul und Rist herumlungerten. Die zwei Männer sahen auf, als sie die Jüngere erblickten. Und nicht nur sie. Fabia, die neben Hjaldrist saß, linste ebenso her. Sie, als Teilnehmerin der Duelle, hatte sich heute Blut wie Kriegsbemalung ins Gesicht geschmiert und es sah lächerlich barbarisch aus. Anna ignorierte die Rotblonde einfach, kam neben Tar’Azul und setzte sich.

“Na?”, fragte der Hexer wohlwollend und musterte die Novigraderin prüfend.

“Alles gut.”, gähnte Anna und der Wolf wirkte zufrieden “Wie steht es um die Kämpfe...?”

“Zwei Paare müssen noch gegeneinander antreten. Die jeweiligen Gewinner gehören dann zu den Vieren, die sich wiederum um den ersten Platz schlagen werden.”, erklärte er “Die Frau in Schwarz, die dort hinten sitzt, ist schon im Finale. Hjaldrist auch.”

Anna hob die Brauen. Doch eigentlich überraschte sie dieses Ergebnis nicht. Rist hatte in der Vergangenheit oft gegen Monster jeglicher Art gekämpft. Da waren normale Menschen keine allzu großen Herausforderungen, solange sie kein besonderes Training erfahren hatten. Dass ihr bester Freund dabei auch noch mit einem ausgeliehenen Langschwert Letos bestanden hatte, verdutzte sie genauso wenig. Als Jarlskind wurde man auf Skellige schon sehr früh im Kampf geschult. Natürlich konnte Hjaldrist daher nicht nur mit seiner Axt umgehen.

“Der mit dem Hut…”, Tar’Azul nickte gen Kampfring, in dem sich soeben ein halbnackter, bloßfüßiger Kerl mit Pilgerhut und ein Bär von einem Krieger befanden “Er wird gewinnen.”

“Hmm?”, machte Anna, die die Aufmerksamkeit auf die beiden ungleichen Kontrahenten lenkte, kritisch “Der mit dem Hut? Meinst du?”

“Mhm.”, brummte der sehnige Hexer bedeutungsvoll und linste aus seinen goldenen Katzenaugen zu seiner Kumpanin hin “Fällt dir an ihm denn nichts auf?”

Anna verengte den Blick prüfend und beobachtete den mit dem Hut eingehend. Penibel taxierte sie ihn und es stach ihr tatsächlich ins Auge, wie schnell er war. Und dann, als sie sich auf ihre heute manchmal so beachtlich feine Nase besann, bemerkte sie, dass es entfernt nach nassem Hund stank. Doch nirgendwo konnte man solch ein Tier erkennen. Anna gab einen langgezogenen, skeptischen Laut von sich. Ihr wollte ein Lichtlein aufgehen.

“Mh, genau.”, nickte Tar’Azul und lächelte kühl “Ich glaube, er ist ein Lykanthrop.”

“Ein Werwolf...?”, Anna, die es erst nicht wahrhaben hatte wollen, sah zu dem wissenden Vatt’ghern auf “Wirklich?”

“Ja.”, bestätigte der schmutzigblonde Kerl in der gestreiften Jacke und stützte die Ellbogen locker auf die Knie “Bei einem seiner Kämpfe vor etwa einer Stunde rastete er beinahe aus. Er musste sich offenkundig sehr im Zaum halten und mein Amulett reagierte heftig auf ihn. Außerdem… riecht er.”

“Ja, das ist mir schon aufgefallen…”, sagte Anna gedankenvoll und Tar’Azul wirkte ob dem überrascht.

“Tatsächlich?”, fragte er und runzelte die Stirn in seiner Verblüffung tief. Die Frau mit dem verbundenen Hals nickte, doch ging nicht weiter darauf ein. Sie seufzte leise.

“Wie heißt er denn?”, wollte sie wissen. Bei Melitele, ihr Mund fühlte sich so wund an. Wie sollte sie heute noch essen oder etwas anderes trinken als Wasser oder kalten Tee…?

“Ben.”, erklärte der Mutant aus Serrikanien “Jedenfalls rief Leto ihn so aus.”

“Hm, so, so. Wenn Ben den Kampf nun also gewinnt - was er wohl wird -, dann wird Rist vielleicht gegen ihn kämpfen müssen.”, schlussfolgerte Anna und hätte gelogen, hätte sie behauptet, sie besorge diese heikle Tatsache nicht. Werwölfe aller Art waren IMMER gefährlich. Auch in ihrer menschlichen Form. Oft waren sie unberechenbar und sie hatten Aggressionsprobleme. Das lag in ihrer Art.

“Richtig.”, sagte der Hexer “Rist wird mit Pech gegen ihn kämpfen.”

In diesem Moment traf Ben seinen riesigen Gegner bereits das zweite Mal schief grinsend mit dem Schwert und Leto lachte ein ‘Zwei zu Null für den flinken Ben! Nur noch ein Punkt und er ist der Sieger dieses Duells und damit im Finale!’. Die Leute klatschten lauten Beifall.

“...Warum Ben wohl mitmacht?”, fragte sich Anna.

“Keine Ahnung. Vielleicht nur aus Spaß.”, glaubte Tar’Azul lethargisch “Er ist schlussendlich kein geborener Lykanthrop. Denke ich. Solche ‘Leute’ leben beizeiten sogar sehr lange in Städten und das unbemerkt, weil sie sich so gut anpassen.”

“Vielleicht sollten wir hiernach einfach einmal mit ihm reden.”

“Warum?”

“Um zu sehen, ob er eine tatsächliche Gefahr ist oder nicht.”

“Du willst ihn nicht töten?”

“Nein. Warum auch? Erstens darf ich im Bogenwald nichts verdienen, weil ich nicht in Lado’s Monsterjägergilde ‘Silber und Stahl’ bin, zweitens gibt es auf ihn so und so kein Kopfgeld und drittens hat er niemandem etwas getan. Und das ist das Wichtigste.”

“Tse. ‘Er hat niemandem etwas getan’?”, schnaufte Tar’Azul belustigt, doch irgendwo auch ein Stückchen stolz “Gut. Immerhin hat Balthar dir unsere Prinzipien gut eingetrichtert, so scheint es.”

“Das hat er wohl.”, murrte die Kurzhaarige, die noch nie ein vernunftbegabtes Wesen einfach so angegriffen hatte. Und sie versuchte in dem Zuge nicht an ihren Ziehvater zu denken, der ihr den Kodex früher jeden Tag streng vorgebetet hatte. Dieser Idiot. Bestimmt befolgte er die Richtlinien der Zunft selbst überhaupt nicht. Aber wie auch immer. Warum verschwendete Anna überhaupt einen Gedanken daran? Gerade waren andere Belange wichtig. Nämlich, dass ihr bester Kumpel gegen einen Wolfs im Schafspelz kämpfen würde, sollte ihn das Glück verlassen.

Leicht beugte sich die gedankenvolle Giftmischerin vor, um an Tar’Azul vorbei gen Rist zu sehen. Jener unterhielt sich gerade mit Fabia, die ihm schwärmerisch irgendetwas über ihre Heimatinsel erzählte und sich dabei eine ihrer langen Haarsträhnen um den Finger zwirbelte. Die Novigraderin verkniff sich ein entnervtes Seufzen, rollte mit den Augen und entschloss sich dazu ihren beschäftigten Freund etwas später auf Ben anzusprechen. Sie wandte sich wieder ab, um dabei zuzusehen, wie der vermeintliche Werwolf sein Duell gewann, und verschränkte die Arme eng vor der Brust. Fabia’s Anwesenheit nervte sie mittlerweile ziemlich. Es störte sie, dass Hjaldrist lieber mit eben jener sprach, anstatt Anna kurz zu fragen, wie es ihr ginge. Schließlich war sie gerade erst wieder aus ihrem Bett gekrochen, nachdem man sie beinahe umgebracht hatte. Ach, war sie eifersüchtig? Ja, vielleicht. Und das, obwohl sie kein Recht dazu hatte. Daher hielt sie sich zurück und schluckte es schwer hinunter, dass es ihr nicht gefiel, wie eng Fabia just bei dem hübschen Jarl saß. Anna versuchte starrsinnig auszublenden, dass Fabia auch nicht allzu hässlich aussah. Manch einer mochte meinen, sie sei mit ihrer Figur und der langen, roten Mähne ein Blickfang für Kerle. Und irgendwie… besorgte Anna das. Götter, wie bescheuert.

“Sie mag ihn.”, schmunzelte Tar’Azul kühl und verwegen flüsternd, denn NATÜRLICH hatte er Anna’s mürrischen Blick bemerkt. Sie, die manchmal ein ganz schön offenes Buch sein konnte, brummte abfällig und sparte sich eine Antwort. Ja, warum sollte sie ihre argwöhnische Missgunst denn überhaupt verstecken? Tar’Azul wusste doch genau, dass Anna auf Rist stand. So, wie es seit kurzem viele taten. Pah, wie unangenehm.

“Und sie kommt auch von Skellige. War dort ne Schildmaid oder so ähnlich. Vorhin fragte sie Rist, ob er schon verheiratet sei...”, ergänzte der Wolf überflüssigerweise und so, als würden diese Informationen den Huskarl neben ihm interessieren. Also… das taten sie tatsächlich. Aber Anna gestand es sich nicht ein und ihr Mundwinkel zuckte unzufrieden. Sie maß den übermütigen Vatt’ghern mit einem giftigen Seitenblick, der selbst IHN dazu brachte die Schnauze zu halten und sich lieber den nächsten Kampf anzusehen. Jener würde gleich zwischen einem verschlagenen, schnauzbärtigen Kerl in Lumpen und Aldoran ausgetragen werden. Ja Aldoran. Und genau dieser breit grinsende Trankmischer gewann seinen Kampf bald überraschenderweise und auffallend schnell. Die aufmerksam spähende Anna glaubte zu wissen warum: Sie hatte bemerkt wie eigenartig ungeschickt der Gegner Aldorans gekämpft hatte. Wie die beiden Männer manchmal Blicke ausgetauscht und sich wissendes Geschmunzel verkniffen hatten. Und gleich hatte sie gewusst, dass man den Lumpenkerl bestochen haben musste. Es war eine Tatsache, die ihr nicht mehr als ein leises Lachen und ein Kopfschütteln entlockte. Verraten, das würde sie den schwindelnden Apotheker aus dem Bogenwald niemals, denn er war ihr Freund und hatte sich in der Vergangenheit pflichtbewusst um sie gekümmert. 

Der Kampf endete also mit einem haushohen Sieg für den strahlenden Aldoran und somit standen er, Rist, die in Schwarz und der Werwolf im Finale des Duellantenfestes, das in der kommenden Stunde zelebriert werden sollte. Dann, wenn sich die Dunkelheit der Nacht über Bogenwald gelegt hätte, würden sich die letzten Vier im Fackelschein duellieren, um den glorreichen Gewinner zu ermitteln.

“Sodann!”, rief Leto froh über den Platz und breitete die Arme theatralisch aus “Bei Einbruch der Nacht werden wir die Kämpfe fortsetzen! Der Jarl wird gegen Ben kämpfen. Aldoran fechtet gegen Lara. So hat das Los entschieden!”

Die begeisterte Menge applaudierte und jubelte vorfreudig. Manche stampfen mit den Füßen und irgendein lachender Kerl pustete in eine kleine, quietschende Blechtröte.

“Doch nun trinkt und stärkt euch. Und macht euch auf ein glorreiches Finale unseres Festes bereit! Wettet ein letztes Mal auf unsere verbleibenden vier Kontrahenten. Setzt auf den richtigen und werdet reich!”

Wieder ein zustimmendes Grölen. Dann kam Bewegung auf. Leute erhoben sich, um sich die leeren Humpen aufzufüllen oder um zu dem dicklichen Mann zu eilen, der überteuerte Wettscheine verkaufte und mit seinem breiten Mund ein wenig an einen Frosch erinnerte. Manch einer musste austreten und andere wiederum, gingen los, um sich ihre Mäntel oder Fellüberwürfe zu holen. Die Nacht versprach nämlich einmal wieder kühl zu werden. Auch Anna stand auf. Sie wollte kurz mit Rist sprechen, der leider wahrhaftig gegen einen Lykanthrop kämpfen müsste. Er ahnte davon sicherlich noch nichts. Ihre prüfenden Augen fielen abermals auf den Besagten, der schon wieder von Fabia belagert wurde. Doch dieses Mal drehte sich die davon pikierte Novigraderin nicht grantig fort, sondern verschaffte sich nach einem lauten Räuspern Gehör. Sie kam direkt zu dem Undviker. Das mit tief in den Taschen vergrabenen Händen und noch etwas blasser Miene.

“Rist.”, sprach sie ihren Freund an und er sah fragend auf. Fabia unterbrach ihr großkotziges Geplapper über Schwert- und Axtkampftaktiken. Neben dieser strahlenden Frau sah Anna aus, wie ein unfrisierter Junge.

“Reden wir kurz?”, fragte sie ernst und der Skelliger mit dem verbundenen Arm nickte. Hjaldrist erhob sich sofort, ließ alles links liegen und die Monsterkundige spürte ob dem Erleichterung tief in sich aufwallen. Sie wusste schließlich nicht, was sie getan hätte, hätte der Jarl sie jetzt einfach lieblos abgewimmelt, um sich weiterhin mit dem Rotschopf bei sich zu unterhalten. So sehr Anna sich dahingehend auch zusammenriss, weil es sie im Grunde ja nichts anging, mit wem der Axtkämpfer zu tun hatte, so hätte sie sich dennoch ziemlich aufgeregt, hätte Rist sie gerade mit keinem Blick gewürdigt.

“Was ist denn?”, fragte der Kämpfer neugierig und betrachtete seine Freundin interessiert “Wie geht es dir überhaupt?”

Schön, dass er das auch mal fragte...

“Mh, naja. Haut hin.”, antwortete die Nordländerin nüchtern und winkte den Mann daraufhin zu sich, um sich mit ihm ein Stückchen weit von der Tribüne zu entfernen. Ein wenig skeptisch folgte der Langhaarige ihr und legte das Haupt fragend schief.

“Ben ist ein Werwolf.”, eröffnete Anna mit gesenkter Stimme, als sie und Rist dann am Rande des Platzes angekommen waren und in Ruhe miteinander sprechen konnten. Der konfrontierte Undviker stutzte sofort heftig.

“Was?”, keuchte er und sah sich verstohlen um “Woher weißt du das?”

“Nur so eine Ahnung. Tar’Azul machte mich darauf aufmerksam.”, eröffnete die Kurzhaarige und sah, wie die Miene ihres Gegenübers in eine leicht besorgte Richtung verrutschte.

“Ich weiß, dass du versuchst niemanden ernsthaft zu verwunden, Rist.”, sprach Anna auf den älteren Mann ein “Aber du solltest ein Fläschchen Waffenöl einstecken. Für den Notfall.”

“Du hast welches?”, hakte der Skelliger zögerlich nach.

“Nicht gegen Werwölfe. Aber Lado hat solch eines bestimmt.”, gab die Kämpferin hoffnungsvoll zurück “Tar’Azul hat beobachtet, wie dieser Ben vor einer Stunde beinahe ausgerastet ist. Und sollte so etwas passieren, während du ihm gegenüberstehst, dann ist das gefährlich.”

“Ja… du hast Recht. Ich bin lieber auf der sicheren Seite...”, murmelte der einsichtige Jarl und spähte über Anna’s Schulter hinweg, um suchend zu den versammelten Menschen zu äugen. Sicherlich war auch Ben dort irgendwo und ließ sich, genauso wie Aldoran, belagern. Die Ungeheuerkundige lächelte schwach. Es war gut, dass Hjaldrist gleich verstand, dass es besser war vorsichtig und auf alles vorbereitet zu sein. Der Adelige blickte betroffen zu Anna zurück und suchte Augenkontakt.

“Ich habe damals, als Valerie dich lenkte, schon einmal alleine gegen einen Werwolf gekämpft. Weißt du noch? Ich hatte es dir erzählt.”, erwähnte er und die Novigraderin nickte nach einer kurzen Denkpause “Diese Viecher sind hart. Selbst Violeta war damals die reinste Bestie. Sie hat Joris fast getötet. JORIS. Und ich habe eigentlich keine Lust ohne dich gegen solch ein Monstrum zu stehen. Echt nicht.”

Anna lächelte ehrlich und fühlte sich gleich wieder beschwingter, als sie das hörte. Sie streckte die Hand aus, um ihrem aufrichtigen Freund die Schulter zu klopfen.

“Gehen wir zu unserer Viper und fragen sie nach dem Öl.”, schlug sie vor “Komm.”

 

 

“Lykanthropenöl?”, grübelte Lado, als die beiden Freizeit-Abenteurer wenig später bei ihm in der Hütte standen, in der es schon wieder nach Essen roch. Er wirkte im Schein seiner Öllampen etwas überfragt und fing damit an planlos zu suchen. Anna und Hjaldrist beobachteten ihn gespannt dabei. Besonders der Undviker trat unruhig von einem Fuß auf den anderen.

“Tar’Azul hat keines dabei. Und Vadim ist unauffindbar.”, seufzte die hilfesuchende Alchemistin im Raum, in dem das dicke Aroma von Braten stand.

“Ja… Vadim bespricht sich mit Rosanna. Er war vorhin kurz hier, verschwand aber gleich wieder. Ich glaube, Kasia ist im hinterher.”, seufzte Lado unschlüssig “Aber naja…”

Anna zog die Stirn kraus und man hörte auch Rist zweiflerisch schnaufen.

“Geht es wieder um diese Knochenmutter?”, wollte der kluge Jarl wissen.

“Wahrscheinlich.”, gab die gutmütige Viper zurück, die in ihrem Alchemie- und Schnapsschrank herumkramte “Aber er spricht ja nicht darüber und macht einen auf Einzelgänger. Arme Kasia. Das Mädchen tut mir leid. Sie mag Vadim sehr, sehr gern.”

“Da kann man wohl kaum helfen…”, kommentierte Hjaldrist, der wohl keinen Kopf für das Thema rund um die Baba Yaga hatte “Hoffen wir nur, Vadim macht keinen Blödsinn.”

“Wollte er das letzte Mal nicht irgendeinen Blutpakt mit dieser Rosanna eingehen? Weil die ihm bei seiner Jagd helfen wollte?”, glaubte Anna sich zu erinnern. Und obwohl sich Rist relativ gelassen dazu geäußert hatte, grübelte sie. Denn was hatte Vadim nur vor? Es ging ihm nicht gut, nicht wahr? Irgendwie hatten es alle Wölfe an sich stets melodramatisch zu werden und sich dem Einzelgängertum zuzuwenden, wenn sie am Boden waren. Anna kannte das zu gut. Sie war auch einmal so gewesen und versuchte zu verhindern, dass sie jemals wieder so dumm handelte, wie kurz nach dem Aufstand in Undvik. Damals, in der Greifenschule, war es Vadim gewesen, der an sie herangetreten war, um ihr Vernunft einzureden. Er hatte ihr gesagt, dass sie sich wieder ihren Freunden zuwenden sollte und Anna Geld zugesteckt, in der Hoffnung, sie ginge zu Rist zurück. Stattdessen hatte die Frau wie von Sinnen und alleine weitergemacht. Und den bitteren Preis dafür zahlte sie noch heute. Ja, hätte Anna bloß auf Vadim gehört. Ihr Leben sähe heute anders aus. Ganz, ganz anders. Wäre sie im Frühjahr umgehend nach Skellige zurück, wäre sie heute kein missglückter Versuch irgendeines perversen Experimentes und… und womöglich hätte ihr bester Freund sie noch immer so gern, wie früher. Oder… vielleicht-... ach, egal.

“Ich habe keins.”, sagte Lado nachdem er lange zwischen seinem Hab und Gut herumgekramt hatte und Anna blickte aus ihren Gedanken auf “Tut mir leid. Ich habe auch nicht alles da, um spontan Lykanthropenöl zu mischen.”

“Hmm… Mist.”, murrte die Nordländerin, kratzte sich am Kinn und linste zu Rist, der demotiviert aussah. Das nicht zu knapp. Dennoch straffte er wacker die Schultern.

“Naja, dann kämpfe ich halt ohne das Öl. Wird schon nichts passieren.”, gab er wagemutig von sich, doch Anna schüttelte den Kopf sogleich.

“Nein. Ich habe eine Idee.”, lächelte sie geheimnisvoll “Warte hier, Rist…”

Und damit machte sie bereits kehrt, um hinaus und in das Nebenhaus zu eilen. Die Stichwunde an ihrer Seite brannte dabei schon längst nicht mehr. Es fühlte sich tatsächlich so an, als sei sie nicht da. War sie ob Schwalbe etwa schon verheilt? Und langsam aber sicher hatte die Alchemistin auch wieder etwas mehr Energie. Das war gut. Sie lief also problemlos zur zweiten Hütte Lados, nahm die schmalen, schiefen Stufen in das Gästezimmer und sah sich dort kurz um, ehe sie zu ihrem Rucksack schritt, neben dem ein längliches Stoffbündel lag: Ihr Silberschwert, das sie entschlossen auswickelte. 

Anna besaß nur eine einzige Schwertscheide. Sie erachtete es als unnötig zwei zu haben, da sie ihre Waffenwahl stets an ihre Aufgaben anpasste: Arbeitete sie als Huskarl innerhalb der Stadt, trug sie simplen Stahl bei sich. War sie als Monsterkundige außerhalb Falkenburgs unterwegs, runenbeschlagenes Silber. Ihr bester Freund bräuchte heute zweiteres, also schnappte sich die Frau ihren Waffengurt und entfernte das Stahlschwert daraus, um es durch ihren wertvollsten Besitz zu ersetzen. Schnell machte sie sich folgend auf den Rückweg nach unten und grinste dabei breit vor sich hin. Hjaldrist wiederum, sah dumm aus der Wäsche, als Anna ihm Momente später ihr Silberschwert unter die Nase hielt.

“Da.”, machte sie schlicht, als böte sie ihm ein schlichtes Messerchen dar.

“Was?”, entkam es dem Jarl verdattert. Und obwohl er es gewesen war, der die ihm hingehaltene Klinge einst bezahlt hatte, sah er aus, als mache man ihm ein Angebot, das er aus Ehrfurcht nicht annehmen konnte.

“Wir haben kein Lykanthropenöl. Aber wir haben Silber. GUTES Silber.”, erklärte Anna “Nimm es. Aber schlag damit nicht gegen Ben’s Stahlschwert, ja?”

Hexerwaffen aus Silberlegierungen waren nicht hart genug, um gegen gewöhnliche Schneiden zu bestehen. Sie wurden schnell kaputt, wenn man sie im Kampf gegen bewaffnete oder metallen gerüstete Leute benutzte. Für gewöhnlich trug man Silberschwerter also nur, wenn man auf die Monsterjagd ging. 

Rist, der noch immer große Augen machte, sah kurz zwischen seinem Gegenüber und dessen Langschwert hin und her. Doch dann nickte er endlich langsam und fasste nach dem Waffengurt, den man ihm reichte, um ihn sich folgend um die Hüfte zu schnallen. Der Gürtel passte. Sehr gut. Anna war zufrieden. Denn SO müsste sie sich nicht solch einen großen Kopf machen, wenn Hjaldrist gegen einen wankelmütigen Werwolf antrat.

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