Kapitel 128 (Buch 5, 5)

Blut an der hand

Hjaldrist hatte Anna’s Silberschwert schon oft in der Hand gehalten. Schlussendlich hatte er es einst anfertigen lassen und es lange mit sich herumgetragen, bis er es im Frühling seiner Begleiterin hatte geben können. Nur gekämpft hatte er damit noch nie. Bis heute jedenfalls. Denn just befand er sich im Ring des Duellantenfestes Bogenwalds und schwang die schöne Waffe gegen seinen rauen Kontrahenten, der angeblich ein Werwolf in menschlicher Gestalt war. Ben, der schlampig gekleidete Mann mit dem grauen Pilgerhut, hatte zum Anfang ihres Duells noch überheblich gegrinst. Doch spätestens nach dem ersten Treffer, den Hjaldrist ihm beigebracht hatte, war er grantig geworden. Der Jarl hatte Ben an und für sich nicht verwunden wollen, doch es war geschehen. Der Werwolf war so schnell und gut gewesen, dass sich der in die Ecke gedrängte Undviker seinen kühlen Kopf nicht behalten hatte. Er war vorgekommen, hatte sich gehetzt unter einem Schwertstreich weggeduckt, zugeschlagen und das Ungeheuer mit dem Silber erwischt. Nur gestreift hatte die Klinge den Arm des Werwolfes und dennoch sah es so aus, als sei der Kratzer für Ben eine riesengroße Pein. Das war eine Bestätigung seiner eigentlichen Natur. Es stimmte also, dass er kein Mensch war. 

Der blonde Mann mit dem Hut am Kopf verzog das schlecht rasierte Gesicht grimmig, als er Hjaldrist nun gegenüberstand. Doch er hatte sich im Griff. Noch. Der Jarl würde versuchen ihn ab nun nurmehr mit der Breitseite zu treffen - wenn überhaupt, denn der Werwolf war flink und richtig, richtig versiert. Es war einschüchternd. 

Ben griff an. Hjaldrist tänzelte zurück, fand einen sicheren Stand und hielt das Silberschwert so fest, dass ihm die Knöchel weiß hervortraten. Er war aufgeregt und so nervös, dass es ihm fast schwindlig wurde. Denn nicht nur, dass er sich gerade sicherlich in großer Gefahr befand, sondern er wolle auch gewinnen. Nur würde er das denn?

Der Skelliger machte einen Satz auf seinen Kontrahenten zu und gab dabei einen rauen Kampfschrei von sich. Die orange glimmenden Runen in der Blutkehle seiner geborgten Waffe zogen in der fackelerhellten Düsternis einen fahlen Schweif hinter sich her und sirrend schnitt das beachtlich leichte Schwert durch die kühle Luft. Ben wich aus und wollte Hjaldrist ein Bein stellen, doch der aufmerksame Undviker bemerkte das und wich ab. Der Werwolf fing an unfair zu streiten. Seit ihn die oberflächliche Wunde plagte, die vom Silberschwert geschlagen worden war, mutete es an, als wolle er sein Gegenüber auch verletzen. Rache, das stand im Blick Bens. Das und eine vage Vermutung. Der Lykantrop wusste, dass der Inselbewohner eine Ahnung davon hatte, dass er kein gewöhnlicher Mensch war. Hjaldrist, der das Geheimnis seines Gegners kannte, musste demnach vorsichtig sein. Richtig, richtig vorsichtig. Und er blendete dafür alles ringsumher aus. Er ignorierte die vielen aufgeregten Zuseher und Fabia, die ihm unüberhörbar und begeistert zujubelte. Er sah Anna nicht mehr, die angespannt am Rande des Ringes stand und nervös prüfend starrte. Tar’Azul und Aldoran waren kein Thema, genauso wenig wie Leto, der das Geschehen gut im Auge hatte. Gerade, da gab es nur noch Hjaldrist und Ben. Und letzterer hob gerade wieder zu. Der Jarl riss seinen Arm hoch und spürte, wie Stahl hart gegen seine Armschiene schepperte. Ein Treffer, Scheiße. 

“Ein Punkt für Ben!”, johle Leto. 

Hjaldrist stieß den Atem durch zusammengebissene Zähne aus und der Lykantrop ließ nicht von ihm ab, sondern stieß ihn zurück und in den Matsch, um ihn damit zu verhöhnen. Dreck spritzte nur so, als der schmalere Undviker, geschubst mit einer ungeheuren Kraft, am schmatzenden Boden landete. Beinahe verlor er das Silberschwert dabei.

“Tja. Ein Punkt für mich, Herr Jarl…”, murmelte Ben zufrieden und in seinem dunklen Unterton lag etwas Bedrohliches. Die fünf Dutzend Zuschauer waren solange geteilter Meinung. Die einen brachen in tosendes Gejubel aus, die anderen raunten unzufrieden und buhten lautstark. Bestimmt hatten einige von ihnen auf den adeligen Undviker und nicht auf den unscheinbaren Bloßfüßigen im Ring gewettet. Eine schlechte Idee, wie Hjaldrist mittlerweile fand. Denn er hatte keine Ahnung, wie er mit normalen Mitteln gegen jemanden gewinnen sollte, der übermenschliche Kräfte besaß. Als Monsterjäger und vor allem zusammen mit Anna hätte der dreckbespritzte Inselbewohner nicht solche Probleme gehabt. Von der Seite aus linste Hjaldrist zu der Besagten, die ihn, wenn sie im Kampf zusammenhielten, immer zu jemanden machte, der der Macht nach einem echten Hexer gleichkam. Nur jetzt gerade, in dieser Sekunde, war Hjaldrist’s beste Freundin nicht ‘da’. Sie ergänzte ihn nicht, war nur eine aufgebrachte Zuseherin und er bloß ein durchschnittlicher Kerl mit einer vielleicht ganz guter Schwertkampfausbildung. Der Undviker war ein normaler Mann, der einem Lykanthrop gegenüberstand und dabei auch noch fair streiten müsste. Hjaldrist rümpfte die Nase leicht unzufrieden, als sein Blick aus den Augenwinkeln noch immer auf Anna hing. Sie gestikulierte ihm eilig zu und ihre Lippen formten ein nervöses ‘Steh auf!’, während Ben die Arme in die Luft riss und sich jetzt schon wie einen Sieger feiern ließ.

Das Duell wurde daraufhin wurde nicht besser. Nachdem sich Hjaldrist aufgerappelt und wieder bereit gemacht hatte, dauerte es nur wenige Momente, da erwischte der Werwolf ihn erneut mit dem Schwert. Hjaldrist schaffte es nicht schnell genug auszuweichen und scharf schnitt ihm der fremde Stahl ins Bein. Knapp über seinen Kniekacheln, die ihn schützten, traf Ben ihn am Oberschenkel und das vermutlich gezielt. Dieses Arschloch. Der Schmerz durchzuckte das Bein Hjaldrists brennend und er keuchte gequält auf. Kurz konnte er sich ob des Schmerzes kaum rühren, dann taumelte er unsicheren Schrittes beiseite. D’yaebl!

”Noch ein Punkt für Ben!”, schrie Leto. Und auch dieses Mal hörte der Lykantrop nicht auf. Nach seinem direkten Treffer kam er vor und erwischte den taumeligen Jarl, der erst einmal durchschnaufen wollte. Er packte ihn an der freien Linken, verdrehte dem Undviker den Arm aufs Kreuz und zog ihn daran rücklings an sich heran. Noch ganz überwältigt vom tiefen Schnitt am Schenkel, wusste Hjaldrist erst nicht, was passierte. Er schrie teils verärgert und teils schmerzerfüllt auf, als man ihm den Arm wüst verdrehte. Er spürte den warmen Atem Ben’s von hinten an seinem Ohr und wollte mit dem Ellbogen zurückschlagen.

“Mit Silber kämpfen? Mhm.”, wisperte der Lykantrop, dessen Schnitt am Arm noch immer blutete, leise und gereizt “Pass auf… ich sag dir eins…”

“Ben!”, maulte Leto “Lass ihn los! Der Punkt ist längst deiner!”

Aber Ben ließ nicht von seinem Widersacher ab. Im Augenwinkel sah Hjaldrist, wie Anna umgehend in den Ring kam und ihr Kampfmesser alarmiert zog. Sie sah zum Morden entschlossen aus.

“Ich mag saubere Duelle, Jarl. Aber wenn du unfair kämpfst oder dir ungerechte Vorteile verschaffen willst - und damit meine ich das Silber deiner Hexerin -, dann tue ich das auch.”, flüsterte Ben weiter und Hjaldrist’s Zähne mahlten. Es war erschütternd, wie kräftig der Werwolf war. Der Skelliger konnte rein gar nichts gegen dessen eisernen Griff unternehmen.

“Wenn du mich mit den Waffen eines Mutanten behindern willst, dann füge auch ich dir eine Behinderung zu.”, und mit diesen Worten umfasste der Mann mit dem Hut Hjaldrist’s gepackte Hand abrupt noch fester. Es knackte mit einem Mal widerlich und der Undviker schrie verhalten auf. Er schnappte nach Luft und blinzelte überwältigt. Eine Sekunde lange wurde es ihm fast schwarz vor Augen.

“Jetzt sind wir quitt.”, machte Ben und Leto schimpfte laut.

“Anna, raus aus dem Ring!”, konnte man den furiosen Gildenleiter hören.

“Fick dich, Leto!”, kam es zurück und sofort war die aufgebrachte Frau da. Als Hjaldrist’s Blick aber den ihren traf, schüttelte er sofort den Kopf und sie blieb sprachlos stehen. Denn sie verstand sofort, was er wollte: Dass sie nicht eingriff. Das hier war sein Kampf. Und er würde sich von bösen Drohungen nicht unterkriegen lassen. Auch dann nicht, wenn er glaubte, Ben habe ihm gerade die Hand gebrochen. Hjaldrist brächte dies hier zu Ende. Und vor allem wollte er nicht, dass seine Leibwache ihm vor allen neugierig glotzenden Leuten den jämmerlichen Arsch rettete.

“Anna!”, grollte Leto auf ein Neues warnend und die Angesprochene ließ das Messer in der Hand sinken “Raus da! Und Ben? Lass Hjaldrist los und beendet euren Kampf fair!”

“Sicher…?”, murrte Anna, die ihren besten Freund anstarrte. Er nickte. Und Hjaldrist glaubte zu hören, wie der Lykantrop an seinem Ohr leise lachte. Dann ließ eben jener ihn tatsächlich los.

“Raus.”, forderte der keuchende Undviker an seine Kumpanin gerichtet, die ihn noch immer ganz verwirrt ansah. Sie wich endlich zurück. Vielleicht betrachtete Hjaldrist sie in diesem Moment auch zu finster. Er konnte nicht anders, denn sein Bein und seine Hand schmerzten abartig. Zähneknirschend umklammerte er das ausgeliehene Schwert und sah sich malträtiert nach Ben um, der schon wieder schmal lächelte. Und Anna, die zog sich derweil kritischen Blickes zurück.

Das Duell dauerte folgend nicht mehr lange. Hjaldrist war einfach zu angeschlagen, um noch gut zu kämpfen und Ben als Lykanthrop viel zu stark. Also kam es, wie es kommen musste, und der Undviker steckte noch einen harmlosen Schwertstreifer am Oberarm ein, bevor er verlor. Und obwohl seine Chance auf den ersten Platz somit vertan war, war er heilfroh über seine Niederlage. Denn JETZT hätte er keine Kraft mehr dafür gefunden weiterzumachen. Erschöpft und blutend kam er bald aus dem Ring und Anna, die war sofort neben ihm. So, wie immer.

“Wir gehen zu den Heilern…”, bestimmte sie und stützte ihren Freund sogleich. Sie fluchte leise und betrachtete Hjaldrist von der Seite aus ganz bedrückt. Vielleicht fühlte sie sich schlecht, weil er sie vorher so angefahren hatte.

“Ich glaube… der hat mir ein paar Finger gebrochen…”, murmelte der langhaarige Axtkämpfer und ihm war leicht schwindelig dabei. Bei Hemdall, war er vielleicht kaputt. Anna nahm ihm die Silberklinge ab und verfrachtete sie beiläufig in der Schwertscheide, die noch am Waffengurt an Hjaldrist’s Hüfte hing.

“Nicht nur das… du blutest…”, bemerkte die Kurzhaarige und begleitete den humpelnden Jarl zu den Medizinern, die schon ganz unruhig am Rande der Feierlichkeiten warteten. Sie hatten sich heute um viele Leute kümmern müssen und dabei sicherlich gutes Geld verdient. Eine der Heilerinnen, eine brünette mit weißem Kopftuch, kam Anna und Hjaldrist sofort entgegen und übernahm. Während Anna in den nächsten Augenblicken also abwartend herumstehen musste, setzte man ihren Kumpel auf ein provisorisches Feldbett und versorgte ihn gut. Hjaldrist sah, wie die Novigraderin den Hals immer wieder einmal lang machte, um den Heilern über die Schultern spähen zu können. Sie war durcheinander. Anna bemerkte nicht einmal, wie man auch sie skeptischen Blickes maß, weil sie nach dem Kehlenschnitt von heute Mittag schon wieder stand. Eigentlich hätte sie tot oder schwer verletzt sein sollen. Sie war aber nichts von beidem und hatte sogar wieder Farbe im Gesicht.

“Der Zeige- und der Mittelfinger sind gebrochen.”, stellte die Heilerin mit dem Kopftuch schnell fest und der Undviker auf der Liege biss die Kiefer fest aufeinander, als sie seine Hand vorsichtig betastete. Ein zweiter Medizinkundiger betrachtete soeben schon sein Bein.

“Der Zeigefinger ist richtig schwer verletzt wurden… bei Melitele…”, murmelte die Frau vor Hjaldrist und er wagte es kaum seine linke Hand anzusehen “Wir müssen operieren, fürchte ich.”

“Was?”, konnte man Anna meckern hören “Warum?”

“Sie Sehne scheint etwas abbekommen zu haben. Sie ist angerissen. Wir werden sie flicken müssen. Und seht hier… hier kann man sogar den Knochen sehen.”, sagte die abgebrühte Heilerin und man hörte die Leibwache überfordert seufzen. Der Jarl auf der Pritsche schloss die Augen und stöhnte entnervt. In den kommenden Minuten würde er einfach alles über sich ergehen lassen und darauf hoffen, dass es schnell vorbei sei.

 

*

 

Anna saß ungeduldig auf einer der freien Liegen im improvisierten Feldlager herum, während man sich um Rist’s mitgenommene Hand und sein verwundetes Bein kümmerte. Zwei der hier Arbeitenden - eine Frau mit Kopftuch und ein Heiler, der sich als deren Ehemann herausgestellt hatte - beugten sich soeben über den gequält keuchenden Jarl. Die Frau zog ihm die Armschiene aus und krempelte seinen Ärmel hoch, holte frisches Wasser und Nähzeug. Ihr Mann schnitt die ohnehin schon aufgeschlitzte Hose Rist’s auf, um gut an dessen Oberschenkelwunde zu kommen. Skeptisch äugte er und der Undviker biss die Zähne zusammen, als man ihm bald erst Wasser über den tiefen Schnitt kippte und dann mit einem alkoholgetränkten Tuch darüberwischte. Anna, die dem mitleidig zusah, erkannte somit, dass die anwesenden Heiler versiert und wissend waren. Nicht jedem war es bekannt, dass man das Risiko auf verheerenden Wundbrand minderte, wenn mal Verletzungen mit Alkohest behandelte. Diese Erkenntnis war noch jung und nicht jeder Doktor hatte sie bereits angenommen, weil man sie sich nicht erklären konnte. Anna jedenfalls, glaubte, dass es half. Und es beruhigte sie zu sehen, dass man Hjaldrist hier mit scharfem Alkohol quälte, bevor man mehr tat. Der besagte Mann in der grünen Tunika fluchte zwischen zusammengepressten Kiefern, doch dies sollte nicht mehr viel länger dauern. Denn die mit dem Kopftuch kam wieder und reichte ihrem Angetrauten eine kleine Räucherschale, die bereits glomm und entfernt bitter stank. Der Bärtige nickte und hielt Rist das Gefäß unter die Nase, um ihn den grauen Rauch, der daraus aufstieg, entgegenzufächeln. Das war Opium, vermischt mit irgendeinem anderen Zeug. Mit einem Baumharz und Schafgarbe vielleicht. Anna konnte es nicht genau deuten und das überraschte sie, denn sie kannte sich an und für sich mit grundlegenden Narkotika aus. Ohne einen Mucks zu machen, überließ sie ihren Freund dennoch den beiden Heilern, die offenkundig Meister ihres Faches waren. Sie sah, wie Hjaldrist unter dem dicken Opiumrauch langsam wegdämmerte. Und das Heiler-Ehepaar, das sich des Qualms wegen schützende Tücher vor Münder und Nasen gebunden hatte, ging ans Werk. Die Frau stellte das Räucherwerk beiseite und griff zum Messerchen für die Hand mit dem offenen Bruch, der Mann zu Nadel und Faden für das blutende Bein. Und als sie so aufeinander eingespielt walteten, blieb der Jarl auf der Pritsche still und regungslos liegen. Er seufzte einmal leise und langgezogen, als träume er, doch das war es auch schon.

“Walter? Reiche mir doch bitte die Pinzette.”, murmelte die dünne Heilerin, die sich vollkommen auf Rist’s Finger fixierte “Ich habe hier einen Knochensplitter. Ach, herrjemine...”

“Hier, Schatz.”, konnte man den bärtigen Mann lieb sagen hören. Und Anna ließ den Blick derweil über den kleinen Ruheplatz schweifen, um nicht mit ansehen zu müssen, wie man an Rist’s angerissener Sehne herumdokterte. Vier Feldbetten dienten hier, unweit der lauten Feierlichkeiten, als Krankenliegen. Auf zwei Tischchen lagen unterschiedlichste Heilerwerkzeuge, Schüsseln, Salbendöschen oder Tücher herum. Und neben Rist war gerade nur ein weiterer Patient hier. Jener ruhte auf der ersten Pritsche, ganz vorne, und schien entweder zu schlafen oder völlig weggetreten zu sein. Ein dicker Verband wand sich um seinen Kopf und sein Gesicht. Offenbar war irgendetwas mit seinem Auge. Auf dem Hocker, der neben seinem Bett stand, lag eine naturfarbene Weste mit dem Wappen Redaniens auf der Brust. Ob der Verwundete, dem sie gehörte, vielleicht dieser Hieronymus war, von dem man Anna erzählt hatte? Der Nordling, der sie aus unergründlichen Beweggründen heraus gegen den Attentäter verteidigt hatte? Hatte auch er beim Duellantenfest mitgemacht? Oder warum lag er hier?

 

“So.”, seufzte die Heilerin mit den blutigen Händen bald und Anna riss den gedankenverlorenen Blick vom Redanier fort. Sie erhob sich sogleich und spähte gen Rist, der noch immer weggedämmert war. Ganz friedlich ruhte er auf seinem Bett und sah aus, als schlafe er tief und fest.

“Ich verbinde ihn.”, sagte der Mann der Medizinerin, Walter, da er so und so dabei war Rist’s Bein zu bandagieren, und sie nickte dankbar, ehe sie sich schon an die anwesende Novigraderin wendete.

“Wenn er zu sich kommt, wird er benommen und ein wenig manisch sein.”, warnte sie vor “Das sollte aber nach allerspätestens einer Stunde abklingen. Lasst ihn dennoch bis zur Schlafenszeit nicht alleine und gebt ihm Schmerzmittel, wenn das Opium vollends nachgelassen hat.”, riet die Frau streng “Ihr gehört doch zu ihm?”

“Ja.”, machte Anna gleich “Tu ich. Und ja, ich passe auf ihn auf.”

Kritisch betrachtete die schmale Dame mit dem Kopftuch Anna und wischte sich die befleckten Hände an der fleckigen Schürze ab. Sie hatte sich die Ärmel hochgekrempelt, damit jene bei all den Behandlungen im behelfsmäßigen Lazarett nicht vollgeblutet wurden.

“Ich weiß ja nicht, was ihr Hexer schluckt, um so schnell zu gesunden.”, fing sie auf einmal mit harter Miene an “Ich habe keine Ahnung, welch eine Magie es ist, die Euch hier stehen lässt, obwohl Ihr heute Nachmittag beinahe gestorben wärt, junge Frau. Doch so sehr es mich beeindruckt, dass Ihr lebt, rate ich Euch dazu diese seltsamen Praktiken sein zu lassen.”

“Ähm… was?”, murrte Anna jetzt und stockte.

“Mein Leben lange bin ich schon eine Heilerin.”, setzte die Fremde fort “Mein Eid vor Melitele ist mir heilig. Und eure Hexermagie beleidigt mich genauso, wie sie mich auch besorgt stimmt. Seid nicht dumm, Mädchen. Und meidet die seltsamen Absude und Flüche Eurer Leute. Sie können nicht gesund sein.”

Anna schwieg. Und sie entschied sich dazu nicht zu antworten. Es war ihr zu müßig einer schlichten Knochenflickerin zu erklären, dass Vatt’ghern keine ‘Flüche’ benutzten, um sich auf den Beinen zu halten. Genauso wenig hatte sie Lust darauf der abergläubischen Frau zu erzählen, dass Hexertränke nicht magisch, sondern kompliziert gebraute Kräuterabsude waren. Flach atmete sie durch die Nase durch, starrte unzufrieden. Und die brünette Heilerin gab zum Glück gleich auf. Sie seufzte leise und wandte sich kopfschüttelnd ab, um nach dem Redanier mit dem verletzten Auge zu sehen. Ihr Mann verband noch Rist’s frisch vernähte Hand und schiente Zeige- und Ringfinger dabei mit kleinen Stöckchen, weil er nichts anderes mehr zur Hand hatte. Der verdreckte Undviker kam währenddessen wieder zu sich und war erst ganz verwirrt. Er murmelte Unverständliches und Anna kam sofort zu ihm und Walter, der die fertig bandagierte Hand des Jarls vorsichtig losließ. Der bärtige Heiler stand auf, nickte Anna knapp zu und ging, um vorerst seinen weiteren Aufgaben nachzugehen.

“Ruft mich, wenn etwas sein sollte.”, lächelte er noch. Dann wandte er sich fort.

“Was…?”, nuschelte Rist benommen, als er die dunklen Augen öffnete. Vollkommen orientierungslos war er und Anna verkniff sich ein Lachen, weil er so, so dümmlich dreinsah.

“Hey.”, machte sie und stützte sich auf den Rand der harten Liege “Da bist du ja wieder.”

“Hmm…”, kam es zurück und der Langhaarige sah matt um sich. Er wollte sich hinsetzen, aber schaffte es nicht auf Anhieb und blieb lieber abgekämpft liegen.

“Brauchst du irgendetwas?”, fragte seine Freundin hilfsbereit “Ich kann dir Wasser bringen. Bestimmt hast du Durst.”

“Nein… nein danke.”, sagte Rist und klang dabei wie ein kleines, höfliches Kind, das die Süßigkeiten eines Fremden verschmähte. Er stand völlig neben sich und hob seine verbundene Hand verwirrt an. Er betrachtete sie im Lampenschein konfus und blinzelte schlaftrunken.

“Hä…?”, murmelte er.

“Man hat dich verarztet.”, erläuterte Anna gleich “Ben hat dir die Finger ganz schön entstellt. Erinnerst du dich? Man musste deine eine Sehne nähen. Und dein Bein auch.”

Hjaldrist sah auf und wirkte beachtlich belämmert. Schwer zu glauben, dass er gerade irgendetwas wusste oder sich entfernt an irgendwelche Dinge erinnerte. Scheiße, das Opium der Heiler hier schien wirklich gut zu sein. Ob sie es auch verkauften?

“Hmm? Anna.”, erkannte der Undviker jetzt richtig und lächelte beduselt. Froh beäugte er die Frau, die bei ihm verweilte. Götter, wie er dabei aussah. Ihm ging es gerade echt ‘gut’, was?

“Äh. Ja…”, gab die Monsterkundige ein wenig unbeholfen zurück “Ich bin da und passe auf, damit du keinen Unsinn anstellst oder… naja, oder von der Liege fällst.”

“Mhm.”, machte der Inselbewohner freundlich und wollte sich ein zweites Mal aufrichten. Nun schaffte er es auch, wenngleich sehr wackelig. Seine Kumpanin setzte sich auf die Pritschenkante und stützte den zerstreuten Jarl. Hätte sie dies nicht, wäre er sicherlich noch von der knarzenden Liege aus Holz und Segelstoff geplumpst. Überfordert stöhnte Rist. Und er ließ den schweren Kopf plötzlich einfach an Anna’s Schulter sinken. Leicht zuckte sie zusammen und hob die Brauen. Rist verharrte vorerst so, während er versuchte wieder einen klaren Gedanken zu fassen. Einmal lachte er dabei wie betrunken, dann wurde er stiller und plapperte leise wirres Zeug. Seine Freundin, an der er hing, war derweil nicht unbedingt ruhig. Sie spürte den Atem ihres Gefährten am Hals, während er von sich hin palaverte und vom Thema ‘Drachenboote’ zum Problem ‘Kartoffeln im Keller’ sprang. Anna erschauderte, doch ließ es zu, dass man sie grenz-anhänglich als lebende Stütze gebrauchte. Denn im Grunde mochte sie es doch, wenn Hjaldrist sich so an ihr festhielt. Er könnte das öfter machen, fand sie.

“Kirschkompott mit Kuchen…”, lallte der anwesende Skelliger seufzend und hob das Haupt, um noch einmal um sich zu sehen “Wo ist er denn…?”

“Wer ist wo…?”, murmelte Anna wirr.

“Der Kuchen… äh, nein. Warte...”, der Mann mit dem flackernden Blick runzelte die Stirn “Ich. Wo ich bin, meine ich.”

“Du bist bei… bei den Heilern. Hier im Bogenwald findet das Duellantenfest statt und diese Leute der Melitele kümmern sich um die Verwundeten der Zweikämpfe. Und um dich.”, erklärte Anna, als rede sie mit einem kleinen Jungen, der schwer von Begriff war. Rist nickte schwerfällig.

“Meine Hand…”, schaffte er eine wehleidige Verbindung zu dem Erzählten aufzubauen.

“Ja. Sie wurde im Kampf verletzt…”, ergänzte sie abermals.

“Ich weiß.”, murrte Hjaldrist und drückte sich etwas von Anna fort, sah gläsern auf. Er musterte seine hin und her gerissene Kumpanin auf eine dümmlich-gutmütige Art und Weise. Eine verirrte Haarsträhne hing ihm ins Gesicht, doch er störte sich nicht daran.

“Pff…”, machte er und sah dabei aus, als käme ihm eine Erkenntnis, die ihn sanftmütig stimmte. Oje. Anna, schluckte trocken.

“Wenn ich dich ansehe, dann... schmecke ich Vanille.”, entkam es Hjaldrist darauf und er redete dabei noch immer so, als habe er eine halbe Flasche von Lado’s Butterlikör intus. Anna erstarrte augenblicklich und glotzte verwirrt. Rist lächelte weiterhin treudoof und seine Kollegin war atem- und sprachlos. Ihr wurde es kalt und heiß zugleich, obwohl sie wusste, dass der Mann vor ihr alles andere als zurechnungsfähig war. Wahrscheinlich könnte er sich später nicht einmal mehr hieran erinnern. Und dennoch war es Anna jetzt ganz anders geworden und sie musste sich krampfhaft zurückhalten, um sich nicht das zu holen, was sie sich gewünscht hätte, hätte sie ihre bescheuerte Wette gegen Rist gewonnen. Ja, Scheiße. VANILLE? Wirklich? Damals, in Serrikanien hatte es Tee und Gebäck gegeben, in das man sogenannte ‘Vanille’ gestreut hatte. Das Gewürz kam von kleinen, schwarzen Schoten, glaubte Anna. Und es schmeckte angenehm süß und einfach nur unglaublich gut, wenn man es mit Zucker vermischte. Es war also kein Wunder, dass sie gerade so starrte, als habe man ihr ein hartes Brett vor den Kopf gezimmert. Mit verdattert halboffen stehenden Lippen stierte sie Hjaldrist an, der angestrengt blinzelte und sich mit der unversehrten Hand die Augen rieb. Er wirkte so müde und seine blasse Miene zerrte Anna schließlich in das Hier und Jetzt zurück. Sie wischte beiseite, was ihre große Liebe ihr vor wenigen Momenten gesagt hatte und atmete einmal kontrolliert tief durch.

“Mir ist schummrig...”, äußerte Rist ratlos und seine Freundin nickte langsam.

“Das ist nach dem, was man dir vorhin zugefächelt hat, normal.”, glaubte sie “Lege dich noch ein wenig hin. Ich hole dir eine Kleinigkeit zu essen und was zu trinken.”

“Mhm. Ich will Met.”, kam es zurück und brav ließ sich der angeschlagene Hjaldrist wieder auf die Pritsche niedersinken. Er summte dabei irgendeine Melodie, als er sich zur Seite rollte, und war im Kopf noch immer nicht ganz da. 

“Met? Bist du dir sicher?”, lachte Anna “Ich glaube, den trinkst du lieber etwas später. Dann, wenn du wieder klar denken und geradeaus schauen kannst.”

“Ja… ich bin mir sicher.”

“Ah ja.”

“...Wir plündern und rauben all die Kartoffeln... vom Tidtborg-Feld…”, nuschelte Rist nurmehr kaum hörbar vor sich hin und summte glückselig weiter, ehe er heiser husten musste. Anna konnte nicht anders, als amüsiert zu grinsen und tätschelte dem zerstörten Patienten noch einmal den Arm, ehe sie ging, um Hjaldrist etwas Verpflegung zu holen. Die Heiler würden ihn solange im Auge behalten.

 

Am großen Turnierplatz, der keine fünfzig Meter weit entfernt aufgebaut war und auf dem soeben die letzten Kämpfe im Fackelschein ausgetragen wurden, gab es drei Ständchen: Eines mit allerlei Süßkram, ein zweites mit Getränken und ein drittes, dessen Besitzer belegte Brote mit viel Speck und Käse anbot. Das Duellantenfest war eine rauschende, seltene Feierlichkeit und nicht nur der gierige Kerl mit den teuren Wettscheinen wollte daran verdienen. Während also im Hintergrund gefochten, gejubelt und applaudiert wurde, warf Anna dem untersetzten Verkäufer von Bier, Met und Saft ein paar Münzen für einen Krug voll mit letzterem zu. Sie hatte wegen dem großen Andrang lange warten müssen, bis sie drangekommen war, doch endlich hatte sie etwas zu trinken für Rist. Ein Säckchen Trockenobst und Nüsse hatte sie zuvor schon bei dem Stand der gackernd lachenden Süßigkeiten-Händlerin erworben. Und mit dieser Stärkung machte sie sich auf den Weg zurück zum Lazarett. Das aber leider nicht in Ruhe, denn auf halbem Weg kam ihr Fabia nach und sprach sie an.

“Wie geht es Hjaldrist?”, wollte die Rothaarige besorgt wissen und ein Schatten huschte kurz über die Miene der behelligten Novigraderin. Sie sah nicht zur zweiten Frau, die zu ihr aufgeholt hatte und jetzt neben ihr her ging.

“Geht so.”, antwortete sie.

“Ist er schwer verwundet?”, hakte die Skelligerin mit dem Blut in der Visage nach und Anna blieb einsilbig.

“Nein.”, entkam es ihr.

“Er ist noch bei den Heilern?”

“Ja.”

“Kann ich mitkommen?”

Die burschikose Giftmischerin schwieg. Und eigentlich hätte sie Fabia gerade gerne gesagt, dass sie sich verziehen solle. Doch sie dachte auch an Rist und daran, dass er sich zuvor immer gut mit Fabia unterhalten hatte; Dass er womöglich wütend werden würde, wenn er später erführe, dass Anna Fabia angestänkert und weggescheucht hatte. Also blieb sie stumm und hoffte, dass die viel zu interessierte Langhaarige es sich anders überlegte. Mit dem Krug voller Apfelsaft und dem Knabberzeug in der tiefen Tasche schritt sie über die regenfeuchte Wiese und hatte das Lazarett im Blick. Und Fabia blieb. Wie ein Hündchen rannte sie hinter dem Huskarl her und dies, bis sie zwei die winzige Krankenstation erreicht hatten. Entnervt und schweigend kam Anna zurück zu Rist’s Pritsche. Der Mann, der darauf herumlungerte und sich gleich nach ihr umsah, wirkte schon viel klarer, als noch vor einer knappen halben Stunde. Zum Glück.

“Hier.”, machte die Nordländerin in der rot-schwarzen Jacke und reichte Hjaldrist den tönernen Krug “Saft. Und ich hab noch Dörrobst und Nüsse, falls du willst.”

Man hörte den entkräfteten Krieger, der sich aufrichtete, erleichtert aufseufzen.

“Danke.”, lächelte er benommen und fasste gleich durstig nach dem mitgebrachten Getränk. Anna klaubte sich das Trockenobstbeutelchen aus der Tasche und Fabia kam ebenso an das Krankenbett heran, auf dem der Jarl saß.

“Oh nein, deine Hand!”, machte sie empört “Ist sie gebrochen?”

Blöde Frage. Natürlich war da was gebrochen. Das sah man doch, oder nicht?

Rist, der ein paar Schlucke getrunken hatte, setzte den Krug wieder von seinen Lippen ab und nickte.

“Zumindest zwei Finger…”, erklärte er noch ein wenig wackelig “Aber es... geht schon. Sowas passiert eben.”

Anna legte ihrem Freund den Knabberkram auf die Liege und wendete sich dann halb ab. Sie mochte Fabia nicht. Und was die plapperte, interessierte sie nicht. Also sah die Novigraderin sich bloß etwas abwesend um und entschloss sich dann dazu auf einem nahen Hocker Platz zu nehmen. Dies völlig unbeteiligt, verstand sich.

“Hmm…”, machte Fabia “Der Kampf war echt gut. Schade, dass du nicht gewonnen hast, Hjaldrist. Aber naja. Ich habe ja auch verloren.”

Man hörte den Jarl abfällig schnaufen.

“‘Gut’?”, wiederholte er kritisch “Ben hat mich vollkommen fertig gemacht. Ich habe wohl das ‘gute’ am Duell verpasst.”

Oh Mann. Wie naiv. Verstand Rist gerade wirklich nicht, dass Fabia ihn anhimmelte oder tat er nur so? Er war eigentlich nicht dumm, nur wenn es um Frauen ging, war er nicht sonderlich, nun ja, ‘erfahren’. Anna hätte sich die Hand vors Gesicht schlagen können, doch sie tat es nicht.

“Ach was.”, lachte die Rotblonde “Ich fand, dass du dich gut geschlagen hast. Du hast eine gute Figur gemacht!”

“Hm. Danke.”, entkam es dem Skelliger zweiflerisch. Nach wie vor redete er etwas nuschelig, doch zum Glück war er wieder bei Verstand. Nicht auszudenken, hätte er FABIA gesagt, sie erinnere ihn an irgendetwas Leckeres, wie Vanille. Diese Schnepfe hätte das sicherlich falsch interpretiert und die Situation ausgenutzt, in der sich Hjaldrist vertrauensselig und dämlich lächelnd an alles und jeden hing. Anna sah verbissen auf ihre Knie und hoffte einfach, dass die hübsche Fabia bald wieder ginge und nicht auch noch auf die Idee käme einfach zu bleiben. Heute hatte sie nämlich wirklich keine Lust auf sie. Zwar feierte Anna ihren ‘Geburtstag’ - oder eher: Den Tag, an dem Balthar sie entführt hatte, weil sie ihren echten Geburtstag nicht kannte - nicht. Doch in den letzten Jahren hatte es sich eingebürgert, dass sie zu diesem Anlass immer und ohne ein ‘Alles Gute’ mit Rist anstieß. Denn hätte Balthar Anna niemals mitgenommen, hätte sie auch ihren besten Freund nicht kennengelernt. Und daher teilten sich die beiden an dem einen, bestimmten Tag im Sommer immer eine Flasche irgendeines billigen Fusels, der ihnen die Köpfe wegknallte. Oder… jedenfalls hatten sie das früher stets getan. Auf unerwartet gefundene Freundschaft und Faustkämpfe gegen Riesenkäfer hatten sie getrunken, auf die gemeinsame Monsterjagd und schlecht gestochene Tätowierungen an Handgelenken. Doch, oh, vielleicht machte sich Anna heute falsche Hoffnungen. Womöglich wollte Hjaldrist ja gar nicht mit ihr trinken und hatte ihren ‘Balthar hat mich entführt’-Tag sogar vergessen.

“Sag mal. Sind das Schlangen auf deiner Rüstung?”, fragte Fabia Rist interessiert und Anna sah weiterhin nicht auf. Sie tat so, als hinge sie ihren eigenen Gedanken nach, was in gewisser Hinsicht ja auch stimmte.

“Was? Äh, ja.”, gab der Mann zurück “Das sind die Wappentiere meines Clans.”

“Warum? Soll es eine Anspielung auf Jörmungandr sein? Auf die Weltenschlange?”

“Nein… eigentlich nicht.”, lachte Hjaldrist leise “Meine Familie wurde viel, viel früher einmal offen des Verrats beschuldigt. Wenn man es denn so nennen kann. Und daher kommen die Schlangen.”

“Was ist denn passiert?”, staunte Fabia nicht schlecht und Anna, die die Geschichte, die gleich käme, schon in- und auswendig kannte, zupfte an einem losen Faden ihres Ärmelsaumes herum.

“Mein Clan hieß nicht immer Falchraite. Er nannte sich vor Jahrhunderten einmal ‘Falcharoch’.”, fing der belesene Jarl an “Der Name kam daher, weil mein Ahne Sandulf Falkenauge ihn gründete und sich damit quasi von den Tordarrochs, die als erstes auf Undvik waren, abspaltete.”

“Falkenauge und Tordarroch? Das ergibt Falcharoch. Macht Sinn.”, fand Fabia. Wie klug sie doch war. Anna rollte mit den Augen, als sie vor sich hinblickte.

“Ja, so ist das.”, antwortete Rist “Jedenfalls lebten wir und die Tordarrochs nebeneinander auf der Winterinsel. Das, bis die Eisriesen kamen. Während wir gegen diese Monster standen, flohen die Tordarrochs und verbarrikadierten sich in einer Höhle nahe Dorve. Unser Hilferuf an sie und ihre Vasallen blieb unerhört und wir saßen daher ganz schön in der Patsche.”

“Die Riesen griffen euch an und der zweite Clan der Insel ließ euch einfach im Stich?”

“Mhm. Genau das.”, bestätigte der Skelliger und war noch immer leicht heiser “Aber in der Stunde, in der wir uns schon verloren sahen, kam Verstärkung. Und zwar von den An Craites. Dieser Clan war damals schon dafür berühmt unglaublich mutig und heldenhaft zu sein. Und tatsächlich schickte uns dessen Jarl einhundert Krieger. Mit deren Hilfe schafften wir, die Falcharochs, es die Riesen zurückzutreiben. Das wiederum, gefiel den Tordarrochs nicht. Sie sahen in den An Craites seit jeher ihre größten Konkurrenten und betitelten uns nach dem Krieg gegen die Riesen als Verräter. Stur wie sie waren, ließen sie dies nicht einfach ruhen und waren lange beleidigt. Eines Tages schmierte man uns Schlangensymbole an die Stadtmauern und die Häuser. Man schaffte es sogar zwei unserer Banner zu stehlen und übermalte den weißen Falken darauf mit Schlangen.”

“Wirklich? Wie gemein!”, ärgerte sich Fabia “Schlangen sind doch abscheuliche Tiere.”

“Naja. Jeder andere Clan hätte sich wohl darüber geärgert, das stimmt. Aber nicht der damalige Jarl der Falcharochs. Er ließ sich nicht beleidigen und setzte noch einen drauf: Beschuldigt als Verräter und Freund der An Craites, nahm er die Schlange als Wappentier an. Ganz nach dem alten Spruch, dass man seine angeblichen Schwächen zu Stärken machen sollte, ließ er die Reptilien auf unsere Banner sticken. Und dank der Hilfe der An Craites, die uns das Leben retteten, nannten wir uns fortan nicht mehr Falcharoch, sondern Falchraite.”

“Und was haben die Tordarrochs dazu gesagt?”, wollte Fabia wissen.

“Die waren rasend.”, lachte Rist “Aber naja. Sie mussten damit leben, dass ihr Bloßstellungsversuch ordentlich nach hinten losging.”

Auch die Skelligerin mit dem braunen Schulterfell kicherte nun. Und selbst Anna konnte sich eines kleinen Schmunzelns nicht erwehren. Die Geschichte der Falchraites amüsierte sie jedes Mal aufs Neue. Und es fiel nicht schwer zu glauben, dass Rist von diesen Leuten abstammte. Denn er würde sich genauso wenig verarschen lassen und ebenso sarkastisch reagieren, wie sein Vorfahr von damals. Dessen war sich die Alchemistin sicher.

“Aber wegen deiner Rüstung…”, kam Fabia jetzt auf das ursprüngliche Thema zurück “Ich fände, die eingekerbten Schlangendarstellungen würden noch viel schöner aussehen, wenn man sie mit etwas Goldfarbe hervorhebt.”

“Mit Goldfarbe?”, fragte Rist irritiert.

“Ja. Ich kenne mich gut mit der Lederverarbeitung aus, musst du wissen. Und ich könnte dir zeigen, wie das geht.”, schlug der Rotschopf vor “Wenn man etwas Farbe auf ein Tuch gibt und damit über die Vertiefungen hier wischt, läuft die Farbe in die Vertiefungen und bleibt dort. Damit würde man die Schlangen noch besser erkennen. Ich könnte mir deine Ausrüstung ja einmal genauer ansehen und entscheiden, wie man am besten damit arbeitet. Na?”

Hjaldrist gab einen beeindruckten Laut von sich.

“Klingt gut.”, fand er und Anna schwieg weiterhin unbeteiligt. Genervt sah sie vor sich hin und riss den Faden ab, der ihr am Ärmelsaum hing. Ihre Augen wanderten und fixierten einen willkürlichen Fleck in der finsteren Ferne.

“Großartig!”, lachte Fabia nun “Wie gesagt würde ich deine Rüstung gern mal ausgezogen sehen.”

“Klar.”, gab Rist zurück und Anna biss sich auf die Zunge, um nichts Böses zu grollen. Fabia wollte Rist’s Rüstung ‘gerne einmal ausgezogen sehen’? Was war das denn für eine Äußerung? War diese Frau dumm oder mochte sie Zweideutigkeiten und stellte sich unschuldig? Von der Seite aus schielte die Giftmischerin zu Fabia und ihr Blick sprach Bände. Niemand beachtete sie.

“Ich komme morgen einfach einmal zu dir und bringe etwas Farbe mit.”, beschloss die Skelligerin und der Jarl nickte “Ich habe immer eine kleine Tasche mit Lederwerkzeug dabei, wenn ich reise. Man weiß ja nie und mein Vater, der Rüstungsbauer ist, sagt immer: ‘Eine Ahle und etwas Wachsschnur im Rucksack schaden nie!’”

“Tse…”, grinste Hjaldrist müde “Na dann.”

Fabia wirkte überglücklich. Und sie blieb noch eine kleine Weile, bis sie mit einem beschwingten Abschied auf den Lippen verschwand. Anna grüßte sie nicht und blieb still, als die Langhaarige mit der blutigen Kriegsbemalung endlich ging. Sie erhob sich nicht, sondern sah einfach nur beunruhigt vor sich hin. Hjaldrist indes, stellte seinen Saftkrug fort und schob die Beine vor seine Krankenliege. Leise ächzend betastete er seinen verbundenen Oberschenkel. Und dann holte Anna nach einer halben Ewigkeit auf einmal Luft zum Reden. Sie wusste nicht so recht, warum sie es überhaupt tat, aber es musste einfach raus. Sie ärgerte sich so.

“Da steht aber jemand ziemlich auf dich.”, sagte sie und hatte eigentlich halbernst und spöttelnd klingen wollen, um ihre Wut zu überspielen. Stattdessen stand ihr Unterton nur so vor Zynismus.

“Hm? Was?”, die Augen ihres Freundes suchten sie “Ach. Fabia?”

Anna drehte den Kopf gen Rist und schaffte es sogar ein paar Atemzüge lange Blickkontakt zu halten. Ihr Ausdruck war steinern, doch der sonst so empathische Inselbewohner ging nicht darauf ein.

“Quatsch.”, fand der Kerl “Sie ist nur nett.”

Ernsthaft…? Anna öffnete den Mund, doch schloss ihn gleich wieder und ballte die Hände zu Fäusten, anstatt zu maulen. Gewaltsam fasste sie sich und ließ es bleiben ihren Unmut laut kundzutun. Beinahe hätte sie abschätzig aufgelacht, doch gerade so riss sie sich am Riemen und schluckte dieses Lachen zusammen mit ihrem Ärger hinunter. Götter, sie war so dämlich.

“Hast du mitbekommen, wie die Kämpfe ausgegangen sind?”, fragte Rist gleich und zeigte damit, dass ihm das zuvor angesprochene Thema einerlei war. Anna’s Bedenken hatten hier keinen Platz. Genauso wenig, wie sich der verwundete Undviker zu fragen schien, warum seine Freundin ihn in einem verunglückten Versuch scherzend zu klingen total patzig angesprochen hatte. Er nahm sie kein Bisschen ernst, nicht wahr? Anders konnte sie sich sein Verhalten nicht erklären.

“Nein…”, antwortete Anna “Vorhin waren die Duelle noch im Gange.”

“Ach so. Hm. Sollen wir nachsehen gehen?”, fragte der Jarl und die Frau wiegte den Kopf abschätzend. Doch am Ende nickte sie langsam. Sie zwei sollten zum Turnier zurück, ja. Und Anna würde sich dort eine Flasche Schnaps besorgen, die sie leeren könnte, um sich zu besserer Laune oder zu Ohnmacht zu verhelfen. Beides wäre ihr gerade recht.

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