Kapitel 129 (Buch 5, 6)

Alle Freiheiten der Welt

Anna erwachte am kommenden Tag mit einem Kater, der sich gewaschen hatte. Denn ja, natürlich hatte sie sich in der letzten Nacht derbe betrunken. Das aber nicht, während der erschwindelte Sieger des Duellantenfestes, Aldoran, gefeiert worden war, sondern etwa eine Stunde darauf: Sie war nur angeheitert gewesen, als sie kurz vor dem Zubettgehen nach Rist gesehen hatte. Schließlich hatten die Heiler ihr todernst aufgetragen ein wenig auf ihn zu achten. Und als sie ihn also dazu auffordern hatte wollen schlafen zu gehen und sich auszuruhen, war Fabia schon wieder da gewesen. Sie hatte Hjaldrist Gesellschaft geleistet. In Lado’s Hütte waren sie beisammengesessen, hatten etwas gegessen und miteinander geredet, als Anna eingetreten war. Mit ihrer angefangenen Schnapsflasche, mit der sie mit sich selbst auf ihren vermeintlichen Geburtstag angestoßen hatte, war sie zwischen Tür und Angel erstarrt. Und dann, zwei tiefe Atemzüge später hatte sie sich nicht mehr halten können. Der Alkohol in ihrem Blut hatte sie dabei noch angestachelt und dazu geführt, dass sie sich absolut vergaß. Das Gesicht hatte sie grantig verzogen und Fabia angeblafft. Hjaldrist hatte die Novigraderin sofort dazu angehalten sich zusammenzureißen, als sie die rothaarige Skelligerin angeschrien hatte. Doch Anna hatte nicht darauf gehört und ihrem Jarl entgegengefaucht, dass er sie kreuzweise könne und das nicht nur einmal. Fabia hatte schockiert gegafft. Anna hatte sie böse verflucht. Und dann war sie gegangen. Hjaldrist hatte ihr verärgert nachgerufen und sie hatte die Tür so fest zugeschlagen, dass sich selbst die Leute im Nebenhaus raunend beschwert hatten. Außer sich war die Kurzhaarige daraufhin in ihr spartanisches Gästezimmer verschwunden und hatte ihren billigen Fusel leergetrunken. Allein. Und dementsprechend fühlte sie sich gerade eben auch. Sie schimpfte und murrte leise und hätte am liebsten weitergeschlafen, doch sie konnte nicht. Ihr war nämlich speiübel und die Zunge klebte ihr wie ein trockener Schwamm am Gaumen. Ein ekelhaft schaler Geschmack lag in ihrem Mund und ihr Kopf hämmerte geradezu. Und das Schlimme daran? Sie war sich nicht einmal sicher, woher ihr arger Schwindel und die Schmerzen zwischen den Schläfen kamen. Vom Kater? Oder weil ihre Ration Schwalbe überfällig war? Es war schon längst hell draußen und Anna jemand, der langsam wegsiechte und krepierte, wenn er keinen verdünnten Hexertrank ‘frühstückte’.

“...Au… uh… Scheiße…”, stöhnte die Zittrige und schlug die Bettdecke benommen zurück. Ein genervtes Brummen entkam ihr und sie drehte sich zur Seite, um sich ächzend hinzusetzen. Ihr Kopf schwirrte unsagbar und sie glaubte sich noch übergeben zu müssen. Einmal würgte sie trocken. Doch Anna ermahnte sich leise selbst, biss die Zähne zusammen und stand auf. Sie war gestern in ihrer vollen Montur eingeschlafen. Selbst die Stiefel hatte sie noch an und ihr Hemd roch nach Birnenschnaps, weil sie in den vergangenen Stunden einmal zu dumm zum Trinken gewesen war und sich bekleckert hatte. Unwohl verzog die Alchemistin das fahle Gesicht und wankte auf wackeligen Beinen zu ihrem Hab und Gut, das sie gut in ihrem Rucksack verstaut hatte. Im Augenwinkel sah sie beiläufig, dass Rist fort war. Wahrscheinlich war er bereits vor der Dämmerung aufgewacht, denn er schlief nie viel oder lange. Gut. Eine Standpauke hätte Anna gerade so und so nicht vertragen. Denn sie hatte mit einem ziemlich beleidigten Körper zu kämpfen. Kacke. Wurde sie alt oder die Krankheit, die Silven ihr beigebracht hatte, schlimmer anstatt besser? Womöglich beides.

Sich den abgestandenen Wasserschlauch nehmend und eine Phiole verdünnter Schwalbe in ihn leerend, setzte sich Anna Minuten später schon wieder auf ihre harte Bettkante. Sie trank das nun bitter-scharf schmeckende Wasser in einem Zug aus und schüttelte sich angewidert schaudernd, als sie ihren Lederschlauch geleert hatte. Die Hände aufs zu warme Gesicht pressend und mit einem vernichteten Stöhnen auf den Lippen sank sie daraufhin zurück auf ihre strohgefüllte Matratze.

 

Erst am späten Nachmittag kam Anna schließlich frisch gekleidet, gewaschen und halbwegs wohlauf aus dem Gästeraum im Obergeschoss von Lado’s zweitem Haus. Und eigentlich wollte sie in dessen Küche, um sich etwas zu Essen zu suchen, denn tatsächlich hatte sie just Hunger. Doch so weit kam sie nicht. Denn schon kurz nachdem sie in die Gasse hinter der Hütte getreten war, stand Rist plötzlich mit verschränkten Armen vor ihr. Es war, als habe er auf sie gewartet. Sofort hielt die Giftmischerin an und betrachtete den Mann mit der verbundenen Hand argwöhnisch.

“Und?”, fragte er ungewohnt streng. Er hatte diesen ganz speziellen Blick im Gesicht, den er immer nur dann zeigte, wenn er einen seiner Bediensteten zusammenstauchte. Das war nicht gut. Ganz und gar nicht gut.

“Was…?”, machte Anna und versuchte nicht kleinmütig zu klingen.

“Ich frage mich, ob du deine Arbeit guten Gewissens vernachlässigst.”, kam es seitens des Jarls “Ob es dir Spaß macht mich vor Anderen wie einen Trottel dastehen zu lassen, obwohl ich dich diplomatisch darum gebeten hatte es nicht zu tun. Und ob du gern erst dann aus dem Bett kriechst, nachdem ich den halben Tag lang ohne den Schutz eines Huskarls unterwegs war.”

Die Nordländerin verstummte. Rist’s Art und deine hintergründigen Worte trafen sie gerade eiskalt. Er verhielt sich wie ein Fremder und das bewusst, degradierte Anna hier soeben. Ob dies bewusst oder nicht, war einerlei. Sie schluckte schwer und obwohl sie sich beleidigt fühlte, weil ihr BESTER FREUND sie hier gerade dessen beschuldigte, dass sie ihn bloßgestellt habe, sagte sie nichts. Sie verstand nicht, warum er sie dermaßen finster bedachte. Anna hatte Rist doch nicht vor allen dumm dastehen lassen. Nur vor Fabia. Sie hatte diese Schlampe mit Blut in der Fresse angeschrien, ja. Aber warum war jene so wichtig? War es nicht trivial, was Fabia dachte? Und… hatte es nicht eigentlich geheißen, Hjaldrist sähe die Reise nach Bogenwald als kleine Auszeit? Waren sie beide nicht als Freunde und Abenteurer hier?

“Geh meine Rüstung holen.”, verlangte der Mann in Grün auf einmal und es hätte nur noch gefehlt, dass er dabei seine Krone trug “Ich habe sie vorhin beim Turnierring vergessen. Denn im Gegensatz zu dir war ich heute schon etwas mit Lado trainieren.”

“Was-”, weiter kam die wenig begeisterte Anna nicht, denn ihr Gegenüber schnitt ihr sofort scharf dazwischen.

“GEH, Huskarl.”, forderte Hjaldrist und die Monsterkundige zuckte zusammen. Ihre Glieder versteiften sich und ihr Blick hing noch immer starr auf ihrem… Freund. Sie reckte das Kinn stur, als ihre schwarzen Augen damit anfingen zu wandern. Sie fragte sich, ob sie Rist nun anblaffen sollte oder nicht. Doch sie blieb stumm. Und dann… dann wandte sie sich ab. Das jedoch nicht, um dem wütenden Krieger vor sich aus dem Weg zu gehen. Sondern um tatsächlich zu tun, wie ihr geheißen. Anna, obwohl sie wütend stierte und ihre wahren Emotionen soeben nicht zeigte, fühlte sich wie ein getretener Straßenköter und klitzeklein. Sie spürte den stechenden Blick des Jarls unangenehm im Nacken, als sie von Dannen schlich. Und sie fragte sich, ob der sonst so bodenständige Hjaldrist je einen Huskarl losgeschickt hatte, um ihm seinen Kram zu holen. Vermutlich nicht. Es war auf eine gewisse Weise erniedrigend und die Arbeit eines Laufburschen. Keine Aufgabe für einen Gardisten Undviks. Und dennoch tat Anna es. Schlussendlich hatte sie sich vor einiger Zeit geschworen zu zeigen, dass sie es ihrem besten Freund gegenüber gut meinte. Eigentlich. Und vielleicht würde er sich ja wieder beruhigen, wenn sie jetzt einfach nur stupide folgte. 

Anna kam demnach bald zum verlassenen Kampfring vor den Toren, sah sich um und fand die Sachen ihres Kollegen bald. Arm- und Beinschienen lagen auf einer der Bänke der Tribünen, sowie auch der Ledertorso des Mannes, der überraschenderweise noch keine Goldfarbe trug. Offensichtlich würde sich der Undviker also noch mit Fabia treffen. Großartig. Stumm klaubte Anna nach den genannten Rüstungsteilen, als jemand in ihr Sichtfeld trat. Sie wandte sich ihm nicht zu und tat desinteressiert. Doch ihre Aufmerksamkeit hing voll an ihm. Es war der Redanier mit der Kopfbinde und dem verbundenen Auge. Der, den sie im Lazarett gesehen hatte. Ein lauer Wind blies über das Feld vor dem Forst und trug den Geruch von feuchtem Moos mit sich.

“Er ist ganz schön eingeschnappt, oder?”, fragte der glattrasierte Mann mit dem roten Filzhut, an dem eine gescheckte Feder steckte, und Anna hielt inne. Sie sah auf.

“Oder ist der Jarl immer so?”, wollte Hieronymus wissen und lächelte verstörend mitfühlend. Er rückte sich sein naturfarbenes Halstuch zurecht.

“...Nein.”, machte Anna schlicht. Sie wollte nicht reden.

“Hm.”, der Redanier, der das Geschehen von vorhin offenkundig beobachtet und Anna danach dreist verfolgt hatte, kratzte sich im Nacken “Na, dann hoffe ich für Euch, dass er sich bald wieder beruhigt.”

“Was ist mit Eurem Auge?”, fragte die Frau ganz aus dem Kontext gerissen und Hieronymus hob die Braue überrascht.

“Oh.”, machte er und grinste nervös “Ich… ich war bei den gestrigen Kämpfen nicht gut in Form.”

“Mhm.”, brummte die schlechtgelaunte Trankmischerin und wollte sich schon fortdrehen, um Hjaldrist seine Ausrüstung zu bringen. Vielleicht wäre er dann ja schon gar nicht mehr so zornig.

“Anna Nowak von Novigrad. Oder?”, hörte die Genannte den Nordling in ihrem Kreuz sagen und blieb abermals stehen “Es freut mich Euch kennenzulernen. Mein Name ist Hieronymus Katz vom Aschenberg.”

“Ich weiß.”, gab die Frau trocken von sich.

“Und ich weiß, was in Kaer Iwahell passiert ist.”, gab der Kerl sofort zu und Anna drehte sich nicht zu ihm um “Ich bin froh, dass Ihr überlebt habt. Wir sollten vielleicht einmal miteinander reden, denn-”

“Ist nun auch der Redanische Geheimdienst hinter mir her?”, wollte Anna wissen, sprach damit dreist dazwischen und versuchte ihre Stimme stark klingen zu lassen “Wollt ihr mich verhaften? Am Scheiterhaufen verbrennen vielleicht? Ausgeforscht habt ihr mich ja offensichtlich bereits.”

“Redanischer Geheim-”, Hieronymus’ empörte Worte überschlugen sich und er kam nicht zum Ende, weil er sich an der eigenen Spucke verschluckte und husten musste.

Anna atmete tief durch. Sehr tief. Über die Schulter sah sie voller Argwohn zum Redanier zurück und rümpfte die Nase widerwillig. Hätten Blicke töten können, wäre der anwesende Narr sofort mausetot umgekippt.

“I-ich… nein! Nein, niemals!”, lachte Hieronymus betroffen und erhob die Hände abwehrend. Seine arge Aufgebrachtheit verriet ihn, fand Anna.

“Lasst mich in Ruhe.”, forderte die Trankmischerin kühl und dass sie eine unglaublich miese Laune hatte, trug nicht unbedingt dazu bei, dass sie besonders sympathisch auftrat. Das tat sie ohnehin selten. Besonders dann nicht, wenn sie von Redaniern angesprochen wurde. Sie hasste die stupiden Schafe von Radovid und Personen, die ihr nachstellten.

“Lasst mich in Frieden.”, verlange die Kriegerin noch bitterernst. Dann ging sie.

 

Hieronymus ließ die gereizte Anna aber nicht in Ruhe, wie es sich bald zeigen sollte. Am Abend, nachdem die Frau den restlichen Tag über stumm und grimmig getan hatte, was Rist wollte, hatte er sie in den Feierabend entlassen. Und während der Jarl mit Lado, Tar’Azul, Nyra und Aldoran in die Taverne verschwunden war, saß sie wieder auf ihrer gewohnten Bank am Rand der kleinen Hauptplatzes und sah vor sich hin. Allein. Hjaldrist hatte sich bis jetzt nicht wirklich beruhigt und war noch immer verärgert. Dementsprechend formell und missgünstig hatte er seine eigentlich beste Freundin behandelt. Es hatte am Ende irgendwie weh getan und dennoch hatte sich der ach so pflichtbewusste Huskarl keine Blöße gegeben. Anna war wie ein Schatten hinter Hjaldrist geblieben, war gesprungen, wenn er sie dazu aufgefordert hatte, und hatte nichts gesagt, als selbst Vadim sie eigenartig besorgt gemustert hatte. Jetzt aber, war die Frau in sich zusammengesunken und fuhr sich mit der Hand leise stöhnend über das Gesicht. Der Tag war kurz, doch anstrengend gewesen und das vor allem nicht körperlich. Anna fragte sich mittlerweile auch, wie töricht sie gewesen war Hjaldrist mit ihrer schnippischen Art so sehr herauszufordern. Denn zuletzt… schuldete sie ihm doch was. Er hatte ihr eine zweite Chance gegeben wiedergutzumachen, was sie zum Jahresende verbockt hatte. Und sie stellte auch noch Ansprüche. Das sollte sie nicht. Oder? Vielleicht sollte sie sich darauf besinnen, was sie heute war, anstatt zu glauben, Rist erhebe ihre Freundschaft über alles und jeden. Denn das tat er nicht. Es war nicht mehr so, wie vor… wie vor Saovine vor einem Jahr. Und Hjaldrist hatte geschafft dies Anna weiszumachen, indem er sie behandelt hatte wie die Idiotin vom Dienst. Er hatte sie in ihre Schranken verwiesen und mit Pech würde er auch so schnell nicht mehr damit aufhören die Novigraderin zu behandeln, wie-... ja, wie was? Wie Dreck? Ja, das traf es wohl.

“Hier.”, sprach jemand Anna an und sie hob den schweren Kopf, um desinteressiert aufzusehen. Hieronymus stand vor ihr und reichte ihr einen bauchigen Becher hin. Er hatte zwei davon dabei. Einen für sich, einen für die Sitzende. Skeptisch betrachtete die Frau in der gestreiften Jacke das Gefäß, das man ihr hinhielt und roch auf Anhieb kein Gift. Dennoch misstraute sie dem Redanier, der vorgegeben hatte zu wissen, was sie in Kaer Iwahell getan hatte.

“Falls Ihr mich vergiften wollt, lasst es. Denn das ginge nur für Euch schlecht aus.”, sagte sie und der beschuldigte Nordling lachte leise auf.

“Will ich nicht.”, versprach er und Anna seufzte langgezogen aus. Den trockenen Mund verzog sie unglücklich, dann fasste sie nach dem Tonbecher vor ihrer Nase. Dunkles Bier schäumte darin. Eine Wohltat, wenn man sich so ausgezehrt fühlte, wie sie.

“Ihr sitzt hier so einsam, während Eure Freunde in der Schänke würfeln.”, machte der vermeintliche Zuträger und gesellte sich mit auf die abgesessene Holzbank “Schlechte Laune?”

“Das geht Euch nichts an.”, fand die Kurzhaarige und der Redanier taxierte sie unschlüssig. Er kratzte sich nachdenklich am kahlen Kinn, doch ließ es dann bleiben Anna ausfragen zu wollen. Er lehnte sich zurück, streckte die Beine aus und hob den Blick dem wolkenverhangenen Nachthimmel entgegen. Ein wohliges Seufzen entkam ihm. Dann schwieg der Mann mit dem dicken Kopfverband und nippte an seinem Bier. Auch Anna tat das. Und zu ihrer Überraschung war das kalte Getränk tatsächlich einwandfrei und nicht mit Toxinen versetzt. Erst nach einer langen Weile holte Hieronymus Luft zum Sprechen und er brach damit die vorherrschende Stille.

“Ich bin nicht so, wie viele meiner Landsleute.”, fing er an “Ihr müsst mir gegenüber nicht so misstrauisch sein, Frau Anna. Man kann den weißen Adler auf rotem Grund auch tragen, wenn man König Radovid nicht voll untergeben ist. Ich bin zwar ein Patriot, aber kein Narr.”

Aus dem Augenwinkel sah die Schwarzhaarige zu dem Redseligen.

“Genaugenommen stehe ich gegen die Methoden, die gegen Magier und Anderlinge angewandt werden. Ich finde sie grauenvoll. Und, um ehrlich zu sein, habe ich gar Freunde unter den Magiekundigen.”, gab der Redanier ganz offen zu und Anna fragte sich, ob er sie gerade hinters Licht führen wollte “Die Leute der Greifenschule stehen mir sehr nahe. Besonders Valerian und Mei. Wir sind zwar nicht so oft derselben Meinung, doch ich schätze sie. Sehr.”

Anna blieb weiterhin stumm und hörte zweifelnd zu, während sie trank.

“Und… der Grund, warum ich Euch deckte und Euch ansprach ist nicht der, dass ich Euch nachspionieren möchte. Denn ich weiß bereits genug. Man redet in Verden viel über Euch, müsst Ihr wissen. Ihr werdet dort per Steckbrief gesucht.”, sagte Hieronymus frei heraus “Auf Euren Kopf steht Gold, aber deswegen bin ich nicht nach Bogenwald gereist. Ich bin hier, weil ich Nayrea misstraue.”

Anna runzelte die Stirn und setzte sich etwas gerader hin. Meinte dieser Kerl Nyra?

“Ich habe zufällig gehört, wie Mei ihr auftrug Euch zu suchen und Euch mit Eurem Problem zu helfen. Mit einem sogenannten ‘Fluch’ oder dergleichen. Mit Besessenheit. Ich hatte zu der Zeit keine Ahnung, was Mei meinte und Nayrea genau vorhatte. Ich erfuhr erst hier, dass die Magierin aus Aretusa in Silven’s Kopf sehen wollte. Es überraschte mich. Und ich fragte mich an diesem Punkt angekommen, warum Nayrea nicht mehr von dem Elfen wusste. Warum man nicht jemanden schickte, der mehr Ahnung hat, als sie.”, entkam es dem Redanier mit dem verletzten Auge und Anna starrte verdutzt “Jemanden wie mich, zum Beispiel.”

“Was soll das heißen?”, fragte die Novigraderin sofort nach “Woher wisst Ihr von Silven?”

“Ich… sah ihn einst.”, gab Hieronymus zu “Es war früher in der alten Ruine der Greifen eingesperrt. Man fand sein Labor dort im Keller und ließ ihn unabsichtlich frei. Niemand glaubte, dass man ihn jemals wiedersehen würde, doch man hat sich offenkundig getäuscht. Silven war kein gebrochener Mann oder gar dankbar dafür befreit zu werden. Er war wahnsinnig und er floh nur, um seine Kräfte zu sammeln. Schon damals dünkte mir Unheil, doch die Greifen waren so, so optimistisch...”

Anna starrte mit leicht offenstehendem Mund. Wie? Was? Keller? Freilassen? Kräfte sammeln? Sie verstand nicht.

“Man wusste nicht, wo er hin war. Aber ich und ein paar wenige fürchteten nach einem längeren Nachforschen, er käme wieder, um sich zu rächen.”, seufzte Hieronymus und sah gedankenvoll auf seinen Bierbecher “Für das, was man ihm vor vielen Jahrhunderten antat.”

Die anwesende Alchemistin betrachtete den Redanier bei sich aus großen Augen.

“Was… was tat man ihm denn an…?”, fragte sie leise “Wovon sprecht Ihr?”

“Man tötete seine Frau Elaine. Soweit ich weiß, war sie ein Mensch. Silven war so verliebt in sie, doch musste irgendwann erkennen, dass sie alterte. Er nicht. Und daher erschuf er ein Artefakt, dass sie unsterblich machte. Irgendetwas geschah daraufhin und Elaine schloss die Augen für immer. All das geschah im Keller der Burg, die später zur Schule der Greifen werden sollte.”, erzählte Hieronymus “Wir wussten das nicht direkt. Als man vor vier, fünf Jahren die alten Gewölbe niederriss und Silven und den Geist von Elaine fand, war man perplex. Selbst Valerian hatte erst keine Ahnung, wer der hochgewachsene Elf war. Es ging alles ganz schnell. Da war ein Portal. Und Silven, der uns damals ein Unbekannter war, plötzlich fort.”

Anna glaubte es nicht.

“Warum… warum habt Ihr mir das nicht früher erklärt…?”, wisperte sie.

“Ich wollte erst sehen, was Nayrea tut.”, hüstelte der Redanier “Ich dachte, sie wisse, was sie tut. Entschuldigt, Frau Anna.”

Auf dies hin lenkte die Kriegerin den entrückten Blick fort und sah sprachlos in die Leere vor sich. Ihr Kopf bräuchte erst einmal ein paar Momente, um das Gesagte zu verarbeiten. Sie war so verwirrt.

“Silven hat Euch im Frühjahr entführt. Nun, da Nayrea bestätigt hat, dass er es ist, besteht kein Zweifel mehr.”, sprach Hieronymus weiter “Er war es, der Euch fast getötet hätte. Und diese Nachricht wird die Greifen sicherlich hart treffen.”

Anna’s Hände hatten damit angefangen zu zittern. Sie wollte nicht an das Frühjahr denken und dennoch musste sie es plötzlich so innig. Sie konnte die wenigen Bilder, an die sie sich erinnerte, nicht aus ihrem Schädel verbannen. Es ging einfach nicht. Die Fassung drohte ihr zu entgleiten.

“...Er hat mich in ein tiefes Loch geworfen. Er hat mir… Dinge in den Körper gesteckt und mich behandelt, als sei ich ein Tier.”, flüsterte sie und knetete sich die kalten, feuchten Finger “Ich… ich erinnere mich nicht an viel. Aber das, was ich noch weiß, ist grauenvoll. Ich träume… ich träume manchmal davon. Und manchmal ist es so schlimm, dass ich mich übergeben muss.”

Hieronymus sah von der Seite aus zu Anna und betrachtete sie mitleidig.

“Bis heute… bis heute fühle ich mich schlecht. Ich muss Medizin schlucken, um zu funktionieren. Manchmal habe ich Aussetzer. Etwa dann, wenn er kommt, um irgendwelche grauenhaften Dinge zu tun.”, murmelte Anna weiter und ihre unmenschlichen Augen waren glasig geworden. Sie bekam eine rasende Angst. Und sie wusste nicht, wieso. Denn eigentlich war sie gerade doch in Sicherheit. Niemand käme, um sie in irgendein schwarzes Loch zu zerren.

“Warum?”, machte sie leise und ihre Kehle war so eng “Warum hat er das getan…?”

“Ich weiß es nicht, Frau Anna.”, gab Hieronymus zu “Ich kann nur mutmaßen.”

“Und… und was denkst du?”, stammelte die zittrige Kämpferin und es war alarmierend, wie schnell ihre Stimmung in eine panische Richtung umschlug “Warum hat er mir das angetan…?”

“Ich habe eine Theorie…”, sagte der Redanier mit gesenkter Stimme “Silven versucht Euch doch zu steuern? Er will mehr und mehr Macht über Euch haben und erforschte irgendetwas an Eurem Körper. Und ich denke-... also… womöglich will er seine Elaine durch Euch zurückholen. Vielleicht will er ihrer Seele Euren Körper geben.”

Anna gefror das Blut in den Adern und sie verlor für einen Herzschlag lange die Fähigkeit zu atmen.

“Es ist nur meine persönliche Einschätzung… aber der Aen Saevherne war damals schon von seiner Frau besessen. Er ist völlig durchgeknallt. Es liegt also nicht fern, dass er Elaine wiederhaben möchte.”, schätzte Hieronymus. Er streckte die Hand aus, um sie der entrückten Anna auf die Schulter zu legen. Sanft drückte er jene.

“Man muss mit allen Mitteln verhindern, dass das passiert.”, fand der Kerl “Nur wie, das ist die Frage. Denn dieser Magier ist gefährlich und unglaublich mächtig. Jedenfalls, wenn man den Geschichten Glauben schenkt.”

Der Atem der Novigraderin auf der schmalen Bank war unstet geworden. Ratlos stierte sie vor sich hin und wusste nicht, wohin mit ihren wüsten Gedanken. Sie wollte nicht. Sie wollte das alles nicht. Und weil sie keine Ahnung hatte, was sie sonst tun sollte und es auch nicht länger zurückhalten konnte, heulte sie aus Verzweiflung drauflos. Nach dem heutigen Tag war es ihr sogar egal, dass Hieronymus sie so sah. Sie ließ den Tränen einfach freien Lauf, weinte wie ein kleines Kind und schüttelte den Kopf immer wieder ungläubig. Ihr Gesprächspartner legte einen Arm locker um ihre Schultern und wollte ihr gut zureden. Und auch das war Anna jetzt einerlei. Sie ließ das Haupt hängen und presste sich die Hände schluchzend vors Gesicht. Sie wollte doch einfach nur normal sein. Was hatte sie bloß getan?

“Anna.”, plötzlich war da Hjaldrist’s Stimme “Komm mit.”

“Herr Jarl, gerade ist wirklich ein schlechter Zeitpunkt.”, redete Hieronymus dazwischen und Anna flennte einfach nur weiter in ihre Hände.

“Komm sofort mit mir mit.”, forderte der Inselbewohner streng und ohne auf den Zuträger zu achten “Was machst du hier überhaupt mit diesem Redanier? Lässt du dich von ihm manipulieren? Bist du schon wieder betrunken?”

“Ihr geht es nicht gut!”, protestierte der Nordling weiter. mittlerweile war sein Griff um die bebenden Schultern der Frau bei sich nicht mehr sanft, sondern fest. So, als glaubte Hieronymus, er müsse Anna vor Rist beschützen.

“Lasst sie also bitte in Ruhe.”, bat der Redanier, doch der Jarl lachte nur abfällig. Dann ging alles sehr schnell. Rist erwischte Hieronymus und zerrte ihn von Anna fort. Doch der Gepackte ließ sich das nicht gefallen und entriss sich dem Griff des Skelligers schnell. Impulsiv schubste er Hjaldrist von sich und die Frau auf der Bank war dermaßen am Ende, dass es sie kaum interessierte. Sie schritt nicht ein, obwohl sie es als Huskarl müsste. Ja, an und für sich hätte sie Rist genau jetzt verteidigen sollen.

“Finger weg!”, maulte Hieronymus böse.

“Nein. Du lässt meine Leute in Ruhe!”, blaffte Rist verstimmt “Ich weiß nicht, was du gemacht hast, aber komm mir oder meiner Wache noch einmal zu nah, und du erlebst dein blaues Wunder, Spion!”

“Pah! Ach ja? Nur, weil Ihr ein Jarl seid, heißt das nichts!”, fand Hieronymus und spuckte verächtlich aus “Auf Siofra seid Ihr niemand! Das einzige, das ihr seid, ist ein grausamer Mann!”

Wie erwartet hob Rist jetzt ohne Vorwarnung mit der Faust zu. Doch sein Widersacher ließ sich davon nicht beirren. Nach der harten Rechten taumelte er zwar einmal desorientiert rückwärts, doch dann war er schon wieder da und schlug zurück. Er erwischte Hjaldrist, der seine verwundete Linke reflexartig schützend hochriss, an der bandagierten Hand. Ganz unbedacht hatte der Jarl damit den Boxhieb Hieronymus’ aufhalten wollen, doch im Endeffekt endete dies unheimlich schmerzhaft für ihn. Man sah den aufkeuchenden Undviker zurückzucken und fluchend fasste er sich an die verwundete Hand. Der Redanier, der erkannte, was passiert war, erschrak arg und wich ab. Blut tränkte die frisch operierte Hand des Jarls gleich rot und seine Zähne knirschten. Aus dem Augenwinkel sah er erwartungsvoll zu Anna. Doch die verheulte Frau tat nichts. Sie saß bloß da und starrte aufgewühlt. Rist verzog die gequälte Miene enttäuscht. Und er gab einen verachtenden Ton von sich, als ein Schatten über sein Gesicht huschen wollte.

“Tse…”, keuchte er spöttelnd und schien seine Schmerzen krampfhaft ausblenden zu wollen “Mein Huskarl funktioniert nicht mehr richtig.”

 

*

 

‘Mein Huskarl funktioniert nicht mehr richtig’? Götter, was war bloß in Hjaldrist gefahren, als er das gesagt hatte? Ja, er hatte heute streng mit Anna sein wollen, um ihr zu zeigen, wie es war, wenn er sie tatsächlich wie Gefolge behandelte. Um ihr klar zu machen, wie gutmütig er sonst immer mit ihr war, weil sie doch Freunde waren. Aber die Sache war ausgeufert. Der Axtkämpfer war so zornig gewesen, dass er sich kurz vergessen hatte. Und er war noch immer so wütend. Jetzt, wo er auf seinem Bett saß und auf seine Hand hinabsah, die frisch versorgt und fest bandagiert worden war, versuchte er sich zu ordnen. Er war vor wenigen Momenten noch bei den Heilern gewesen. Er hatte Anna, die aus unerfindlichen Gründen geweint hatte, links liegen lassen und war grimmig zu den empörten Medizinern marschiert. Das, um gesagt zu bekommen, dass die Sehne seines Zeigefingers ab war. Und das man sie nicht mehr retten könnte. Es war ein herber Schlag gewesen das zu hören und zu verstehen, dass man seinen Finger wahrscheinlich nie wieder bewegen könnte. Oh ja, Hjaldrist war zornig und ratlos, als er im Öllampenschein saß und nicht schlafen konnte, weil ihm so viel durch den Kopf ging. Seitlich lehnte er an der harten Wand, an der sein Bett stand, und sah finster vor sich hin. Seine Hand und sein Bein brannten und pochten ungemein. Und er wünschte sich gerade tatsächlich, Anna käme, damit er sie nach Schmerzmittel fragen könnte.

Dieses Hoffen blieb nicht lange unerfüllt. Denn es dauerte vielleicht eine halbe Stunde, bis die schmale Novigraderin wahrhaftig kam. Sie sah dabei aus, als sei sie vollends am Boden. Die demotivierte Frau blickte nicht einmal zu ihrem Zimmernachbarn, als sie eintrat und wie eine Schlafwandlerin zu ihrer Liegestätte ging, um sich einfach mit allem, was sie anhatte, darauf zu legen. Bäuchlings fiel sie auf die Matratze und vergrub das Gesicht an ihrer grauen Wolldecke.

“...Fick mein Leben.”, flüsterte sie dabei rau in den Stoff und der Jarl glaubte erst an dummes Selbstmitleid und überzogene Dramatik, als er das hörte. Verstimmt kräuselte er die Brauen und konnte nicht anders, als etwas Dummes zu sagen. Ja, er war grantig.

“Wegen dir werde ich meinen Finger nie wieder bewegen können.”, schnaubte der Mann, weil er nicht ahnte, wie deprimiert seine Freundin gerade tatsächlich war. Und dass es wohl berechtigt war, dass sie sich bedrückend übel fühlte.

“Als Huskarl solltest du verlässlicher sein.”, setzte Hjaldrist noch nach, doch fühlte sich im nächsten Augenblick schon schlecht. Denn… ja, vielleicht sollte er es endlich bleiben lassen. Es gefiel ihm im Grunde nicht sich wie ein Großkotz aufzuführen und er glaubte, dass er Anna längst eine nötige Lektion erteilt hatte. In Zukunft würde sie ihn nicht wieder vor Fremden bloßstellen und ihre Rolle als Leibwache pflichtbewusst spielen, oder? Hoffentlich. Denn Hjaldrist wusste nicht, was er mit ihr anstellen sollte, sollte sie vollends über die Stränge schlagen. Sie könnte keine Leibgardistin bleiben, würde sie sich ihre Patzer von unlängst auch auf Undvik leisten. Und das würde heißen, dass sie als Wegewächter in den tödlichen Süden gehen würde. Oder schlimmer: Anna würde Undvik verlassen, um ihr Glück anderswo zu finden.

“Lass mich bitte… ich hab die Schnauze voll...”, sagte Anna dünn und sah nicht her. Sie blieb einfach regungslos liegen und zog die Nase hoch. Hjaldrist musterte ihren Hinterkopf eingehend. Irgendetwas stimmte nicht. Die Giftmischerin war nicht einfach nur beleidigt oder brummig, weil man sie heute herrisch herumgescheucht hatte. Hinter ihrem Gebärden steckte doch mehr. Das hätte dem viel zu starrsinnigen Undviker vorhin, als sie geweint hatte, schon auffallen sollen. Denn Anna war im Grunde ein irrsinnig starker Mensch. Nur, weil man sie einmal für ihre Vergehen trat, hieß das nicht, dass sie jämmerlich zusammenbrach. Dahingehend war sie ein Stehaufmännchen mit einem ordentlichen Ego. Also, was war los?

“Anna.”, sprach der Skelliger und fühlte sich schon einen Deut gelassener, als noch Minuten zuvor. Zwar nahm er es der Anderen noch immer sehr übel, dass sie sich ihm gegenüber verhalten hatte, als scheiße sie auf seine Ansichten, aber dennoch. Gerade rückte eine kleine Sorge um sie in den Vordergrund. Anna reagierte nicht, daher sprach ihr Kumpan sie noch einmal an. Dieses Mal mit mehr Nachdruck.

“Arianna. Was ist?”, wollte er wissen “Bist du niedergeschlagen, weil du dich heute tatsächlich wie ein Huskarl - nein, wie ein dummer Rekrut - benehmen musstest? Wenn ja, dann hör auf damit und lasse die Melodramatik sein.”

Die Frau schwieg und Hjaldrist seufzte überdrüssig, während seine braunen Augen noch immer auf ihrer Rückansicht hingen. Er fuhr mit der Zunge über seine Backenzähne und starrte nachdenklich. Dann erbarmte er sich aber und stand auf. SO war er schon immer gewesen. Zögerlich kam er im orangen Licht der Öllaterne am Grund zu Anna und humpelte dabei etwas. Er ließ sich am Fußende ihres Bettes nieder und nahm den kritischen Blick nicht von ihr.

“Was hat der Redanier zu dir gesagt, dass du so fertig bist?”, hakte der Undviker nach und lenkte das Thema damit in eine viel treffendere Richtung. Er haute gegen die Lederstiefel der Frau bei sich, um nach ihrer Aufmerksamkeit zu fischen, und sie murrte pikiert.

“Sag.”, forderte er.

“Ich… muss drüber nachdenken…”, murmelte die verbal ausweichende Kurzhaarige irgendwo zwischen Decke und Daunenkissen.

“Will er uns ausspionieren?”

“Nein…”

“Wollte er dich mitnehmen? Wegen Kaer Iwahell? Ist er ein Kollege von dem, der damals auf Undvik aufgetaucht ist?”

“Nein… ich-... keine Ahnung...”

“Was denn dann?”

“Lass es. Bitte. Reden wir morgen.”

Hjaldrist verengte den Blick höchst unzufrieden. Er wollte JETZT sprechen.

“Du hast mir sonst immer sofort alles erzählt.”, beschwerte er sich muffelig, denn langsam machte er sich wirklich einen ganz schönen Kopf “Wir sind Freunde.”

“So hast du dich aber nicht verhalten...”, fand Anna leise.

“Also”, schnaufte der Jarl bärbeißig “Du auch nicht. Anna, du hättest dich sehen sollen, als du Fabia so dumm angemacht hast. Und wie du mich anblafftest. Das war doch nicht normal. Denkst du etwa, ich lasse mir SO ETWAS gefallen, während jemand Fremdes daneben sitzt? Fabia tratschte heute schon mit Leto und dieser Lara. Und genau aus dem Grund bat ich dich in aller Freundschaft darum, dass du dich benimmst. Nur was tust du? Du pisst mir ans Bein und siehst dich im Recht.”

“Und es tut mir nicht leid…”, machte die Novigraderin und Hjaldrist, der nicht mit diesen Worten gerechnet hatte, blinzelte verblüfft. Erst jetzt drehte sie sich ein Stück, um zu ihm sehen zu können. Sie richtete sich jedoch nicht auf, sondern blieb liegen und umklammerte ihre dünne Decke, als sie vorwurfsvoll zu dem Mann in der grünen Tunika linste.

“Wie bitte?”, brummte er fassungslos. Anna fing derweil schon an nach erklärenden Worten zu suchen, das sah man ihr deutlich an. Sie kaute sich an der Lippe herum und schaffte es kaum geradeaus zu Hjaldrist zu sehen. Es sah aus, als mache es sie krank, woran sie just dachte. Warum? Hatte diese Kratzbürste ihre Mondblutung oder was war denn bloß mit ihr los?

“Das, was… was ich beim Ritual gesagt habe, in das ihr mich gelockt habt, war kein Scheiß.”, entkam Anna erst viele tiefe Atemzüge später ganz wackelig “Es war die Wahrheit.”

Hjaldrist wusste prompt, was seine Kumpanin meinte: Die Szene, in der sie Lado entgegen geschrien hatte, dass sie ihren totgeglaubten Freund geliebt habe. Dass er für sie etwas wie eine Heimat gewesen sei. Der Krieger mit den leicht silbern melierten Haaren schloss den Mund und sah fort, um hin und her gerissen an die hölzerne Wand zu starren.

“W-was ich gesagt habe, wird nichts an unserer Freundschaft ändern. Ich halte Abstand, wenn du das willst. Und ich erwarte mir nichts, aber…”, murmelte die Alchemistin in ihre Decke “Aber… aber wundere dich nicht, wenn ich-”

Sie schien nicht zu wissen, wie sie weitermachen sollte. Anna stammelte irgendetwas und ärgerte sich über sich selber, denn sie war nie gut darin gewesen ihr Innenleben zu beschreiben. Außerdem fühlte sie sich bei solchen Themen seit jeher dumm und unbeholfen. Aber das machte nichts. Sie musste nicht weitersprechen, denn Hjaldrist wusste doch, was sie meinte: Sie verlangte einfach nur auf ihre verquere Weise verstanden zu werden; Dass man es ihr nicht zu übel nahm, wenn sie eifersüchtig wurde. Denn das war sie. Besonders auf Fabia. Der anwesende Skelliger war nicht dumm und er wusste auch genau, wie es sich anfühlte, wenn man auf jemanden neidisch war, der einem Nahestehenden zu eng auf die Pelle rückte. Auch Hjaldrist war so gewesen, damals. Ja, er erinnerte sich. Er dachte an die Theateraufführung in Vizima, die ‘Prinzessin’ und den ‘Drachen’, an Albion und wie er Anna einfach so auf der Bühne geküsst hatte. Bei Hemdall, Hjaldrist hatte den Platz damals fluchtartig verlassen müssen und hatte vor Enttäuschung geheult wie ein Schlosshund. Erst, als sich der charismatische Albion als Männerliebhaber herausgestellt hatte, hatte Hjaldrist wieder ruhig schlafen können. Er verstand Anna also durchaus. Und aus genau diesem Grund hatte er die anhängliche Fabia, die sich eventuell wirklich etwas von ihm erhoffte, heute den ganzen Tag über gemieden. Seine Rüstung trug weiterhin kein Gold. Der Inselbewohner atmete einmal durch, zweimal. Und ja, verdammt, er war nervös.

“Anna…”, fing er irgendwann an und es dauerte ewig, bis er passende Phrasen fand. Das war bemerkenswert. Denn sonst war er nicht auf den Mund gefallen und redete immer so schlau. Man hörte die Frau am Bett tief murren. Sie sah der Wand stumm entgegen und gab sich geschlagen. Aber das müsste sie nicht. Jedenfalls nicht ganz.

“Ich will doch nicht, dass du ‘auf Abstand gehst’.”, sprach Hjaldrist und obwohl er noch immer leicht verstimmt war, agierte er nachgiebig “Rede nicht solch einen Blödsinn. Aber es ist auch nicht mehr so, wie früher. Es ist zu viel passiert. Verstehst du?”

“Ich weiß…”, murmelte die betretene Frau vor sich hin und sah nicht her.

“Und mit Aktionen, wie du sie kürzlich gebracht hast, trägst du auch nicht viel dazu bei, dass… dass es vielleicht wieder so, wie früher wird.”, machte der Skelliger und kam sich ganz schön belämmert vor. Denn er schaffte es nicht so recht auszudrücken, was er tatsächlich sagen wollte. Stattdessen versuchte er elegant zu umschreiben, wie es um seine Gefühle stand. Nämlich so, dass er es als eventuell denkbar ansah, dass er Anna irgendwann wieder näherkäme. Aber nicht jetzt. Nicht in nächster Zeit. Es wäre zu plötzlich und er war kein Mann für ‘plötzliche’ Dinge mehr. Er wollte Sicherheit, um sich in Zukunft davor zu bewahren, dass man ihm sein Herz wieder zerschmetterte. Im Moment erholte sich jenes gerade noch. Und noch einmal würde das nicht klappen.

“...Es fällt mir schwer dich zu mögen, wenn du dich verhältst, wie eine Furie. Und wenn du dabei missachtest, worum ich dich geduldig bat.”, sprach Hjaldrist offen aus “Ich hätte dir gestern Abend den Kopf abreißen können, du Idiotin.”

Man hörte Anna verhalten seufzen. Sie brummte irgendetwas vor sich hin, in dem es darum ging, dass SIE Hjaldrist den Kopf abreißen würde, wenn er sie noch einmal herrisch zum Rüstung-Holen schickte. Der Mann verkniff sich ein Lachen und verdrehte die Augen über die Aufmüpfigkeit seiner Vertrauten.

“Nein, jetzt einmal im Ernst, Anna. Versprich mir, dass du unsere Aufgaben in der Öffentlichkeit in Zukunft ernster nimmst. Warum, das habe ich dir schon einmal erklärt.”, wollte Hjaldrist “Weißt du, wenn du mich und meine Wünsche einfach nur respektierst und das als Freund und als Jarl, dann hast du so gut wie alle Freiheiten der Welt. Und dann kannst du in Zukunft auch... vieles haben. Ja?”

Bei Freya, der letzte Satz hatte zweideutiger geklungen, als gewollt. Der unruhige Undviker hätte sich gerne die Hand vors Gesicht geklatscht. Doch den Göttern sei Dank schien Anna den Wink mit dem Zaunpfahl übersehen zu haben. Wahrscheinlich hatte sie heute einfach keinen Kopf für gar nichts mehr. War das gut? Er war sich nicht sicher.

“Mhm… ich versuchs...”, machte Anna nahezu gleichmütig und sah weiterhin müde vor sich hin “Tut mir leid.”

Das reichte Hjaldrist, der sich wieder zusammennahm und seinen letzten Satz mit dem ‘Alles haben’ in seinem Hirn beiseiteschob, nicht. Er haute wieder auf den ledernen Stiefel seiner Kollegin und sie beschwerte sich mit einem genervten Knurren. Harmlos trat sie den Mann am Fußende, der dies abfing und dann am Schuhwerk der Kurzhaarigen zerrte.

“Zieh die dummen Schuhe aus.”, machte er.

“Nein.”, maulte Anna und wollte den Jarl abschütteln.

“Du machst dein Bett ganz dreckig!”

“Egal.”, fand die Liegende und wollte noch einmal treten. Das merkbar vorsichtig, was bedeutete, dass sie nicht mehr ernsthaft eingeschnappt sein konnte. Tatsächlich erhellte sich ihre Miene, als sie sich für ihren ‘Angriff’ drehen musste und sie sah, wie halbernst ihr Kumpan dreinblickte. Sie beide hielten inne und tauschten kurze Blicke aus. Und auf einmal war es wieder so, wie immer. Die Atmosphäre war nicht mehr drückend, eiskalt und finster, sondern lockerer und vertraut. Anna wollte beleidigt aussehen, doch schaffte es nicht so ganz. Und auch Hjaldrist war nicht länger zu verlegen. Stattdessen lächelte er schief, während er den dreckigen Fuß der Novigraderin mit der heilen Hand festhielt.

“...Freunde?”, fragte er und es war sein finales Angebot für ihren heutigen Zwist. Anna tat so, als müsse sie überlegen. So ein Blödsinn. Dann ließ sie locker, wollte nicht noch einmal zutreten und nickte schwach.

“Mh. Freunde…”, antwortete sie und nichts anderes hatte ihr Gefährte hören wollen. Denn sie zwei hatten doch schon genug Probleme. Sie mussten sich nicht auch noch anfeinden und Konflikte sehen, wo eigentlich keine waren. Hjaldrist und Anna sollten sich vertragen. Und vor allem müssten sie eisern zusammenhalten, wenn sie Silven töten und zurück in einen normalen, sorgenfreien Alltag finden wollten. Nichts war im Moment wichtiger, als dieses Ziel.

“Und jetzt zieh die verdreckten Stiefel aus.”, bestand Hjaldrist und Anna, die diese Diskussion verlieren und ihr Schuhwerk gleich loswerden würde, stöhnte entnervt.

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