Kapitel 13

Verhängnisvolle Zeiten für Drachenjäger

Anna saß auf der kleinen Holzbank vor der alten Hütte und sah Adlet dabei zu, wie er die Erde eines Beetes vor der Tür umgrub. Er wollte darin neue Kräuter anpflanzen, hatte er gemeint, und gerade, da sei die beste Zeit dafür. Also ließ die Frau ihn walten und lehnte sich stattdessen lieber etwas in der wärmenden Sonne zurück und streckte die Beine aus, die in ihrer wieder sauberen, lederverstärkten Hose steckten. Seit der ganzen Misere rund um ihr Zurückverwandeln waren ein paar wenige Tage vergangen und die wieder flohlose Novigraderin hatte sich gut erholt. Zusammen mit Rist hatte sie sich also dazu entschlossen demnächst abzureisen. Schließlich gab es hier, auf Drakensund, nichts mehr, das sich so recht für sie lohnen könnte. Sie hatte viel von Adlet gelernt, war einmal ordentlich auf die Schnauze gefallen und hatte erkannt, dass es keine kluge Idee war, gewisse Absude unter der Fuchtel eines Mannes abzuändern, der zu sehr auf Gestaltwandlung stand. Sie würde lieber anderswo weitersuchen und alleine forschen. Nebenher stand auch erstmal eine aufregende Zeit an, in der es galt viele Monster zu töten. Denn die Geldkatze Annas war so gut wie leer. Sie musste schon die zu großen Hemden von Hjaldrist tragen, weil ihre eigenen allesamt hinüber waren. Und in den Taschen des besagten Skelligers sah es auch nicht sehr viel besser aus, obwohl er einer Adelsfamilie entstammte. Also würden die Abenteurer erst einmal zurück nach Kaer Trolde reisen und daraufhin weitersehen. Morgen, denn heute war es dafür schon etwas spät. Oder übermorgen. Ja, klang gut.

“Adlet, sag mal...”, fing Anna an, als sie den arbeitenden Älteren beobachtete. Jener, in simpler, dreckiger Hose und einer Flicken-übersäten Tunika mit hochgekrempelten Ärmeln steckend, sah auf und hielt mit seinem fröhlichen Geschaufel inne.

“Was bedeutet denn dieses Bändchen da?”, wollte die Frau wissen und deutete in die Richtung des einen Handgelenks ihres ehemaligen Lehrers. Jener zog die Augenbrauen überrascht hoch, denn vermutlich hatte er nicht damit gerechnet, dass die Novigraderin solch einen Blick für Kleinigkeiten hatte. Tja. Die hatte sie aber, denn wenn man in Kaer Morhen neben dem Kämpfen und Monsterkunde noch etwas lernte, dann das. Details waren wichtig. Immer.

“Das?”, schniefte der Druide und hob die Rechte etwas an, damit man das rote Armband daran sehen konnte. Anna war dieses Ding schon des Öfteren aufgefallen.

“Märthe hat es mir gegeben. Sie knüpft sehr gerne solche Dinge. Andernorts, hat sie gemeint, nennt man so etwas ‘Freundesbändchen’. Daher hat sie es mir geschenkt. Wir sind schließlich Freunde.”, lächelte der kauzige Mann und stützte sich auf seinen schartigen Spaten. Auch Anna musste schmunzeln. Sie fand es ja schon recht süß, was da zwischen Adlet und dessen Kräuterfreundin lief. Ob da mehr dahintersteckte, als eine gute Freundschaft? Man möchte meinen, Rist’s Onkel sei ein sozial verkrüppelter Typ, der absolut nichts vom Kontakt zu anderen Menschen hielt. Aber dem war nicht so und die Annahmen darüber bloße Vorurteile wegen irgendwelcher Klischees über Druiden. Ja, dieses verkorkste Schubladendenken ging in den Nördlichen Königreichen manchmal sogar so weit, dass man behauptete, Mistelschneider steckten unerwünschte Besucher in Weidenpuppen und zündeten sie an, um daraufhin betend und schräge Lieder singend um jene herum zu tanzen. Alles Blödsinn. Jedenfalls hatte Anna auf ihrer Reise noch keinen Druiden getroffen, der sie hatte anzünden wollen. Die einzigen Leute, die andere in Brand steckten, waren die dämlichen Hexenjäger, die Hatz auf Frauen mit roten Haaren oder zu guten Kenntnissen über die Alchemie machten. Auf bucklige Weiber mit schwarzen Katzen und Damen, die sich als Heilerinnen verdingten und dabei zu viel Geld verdienten. Ja, mancherorts würde man gar Anna auf den Scheiterhaufen führen, weil sie war, wer sie eben war. Oder nicht? Diese Spinner. Die eigenbrötlerischen und teils ulkigen Druiden waren dahingehend ja richtig, richtig angenehm. Apropos...

“Und… Adlet?”, fing die Frau aus Kaer Morhen noch einmal zögerlich an und erneut hielt der besagte Mann in seinem Tun inne, um zu ihr zurück zu linsen. Eine Brise fuhr durch die nahen Sträucher und ließ deren Blätter kaum hörbar rascheln.

“Was denn, Mädchen?”, wollte er wissen und richtete sich etwas auf.

“Wie kam es eigentlich, dass du ein Druide wurdest? Ich wollte dich das schon ewig einmal fragen, weißt du.”, gab die ehrliche Kurzhaarige zu und ihr erdbefleckter Gesprächspartner mit dem Hähnchenfuß-Hut musste lachen.

“Du bist ja ganz schön neugierig.”, stellte der gutmütige Onkel fest und schniefte leise. Er wirkte dabei nicht sonderlich genervt, sondern so freundlich und ungetrübt, wie eh und je.

“Ohne meine Neugierde wäre ich heute wohl nicht hier auf Drakensund.”, grinste Anna schlagfertig und wieder lachte Adlet in sich hinein. Ihm schien die Art seiner Kollegin zu gefallen.

“Das stimmt.”, meinte er und nickte, wandte sich der Jüngeren dann wieder zur Gänze zu und steckte die alte Schaufel in die weiche, umgegrabene Erde. Dreck klebte dem Mann an der Wange.

“Also?”, wollte die Novigraderin erwartungsvoll wissen und lehnte sich aufmerksam vor. Sie erdreistete sich einfach, denn sie wusste, dass sie dies durfte. Adlet war nämlich ein geduldiger Mann und noch nie hatte sie ihn zornig gesehen. Um ehrlich zu sein, konnte sie sich einen wütenden Hühnerfuß-Onkel gar nicht vorstellen. Dieser Kerl war doch mit sich, seinen Kräutern und den blöden Mäusen vollkommen im Einklang.

“Das Ganze ist eine sehr lange Geschichte, Töchterchen.”, fing der Druide an und schien nach Worten zu klauben. Er sah nachdenklich gen Himmel, über den ein Vogelschwarm zog, und gab einen grüblerischen Ton von sich. Dann aber, schien er eine passende Erklärung gefunden zu haben:

“Meine Familie hat eine Vergangenheit, in der die Elfen vorkommen. Die Aen Seidhe, ja, ja. Das war früher sehr anstößig. Weißt du, Mädchen, ich glaube, dass es heute vielen egal ist, wenn sich Elfen und Menschen nahekommen. Aber damals, holla, da war das eine ganz, ganz blöde Sache.”, erzählte der Kräuterkundige, als spräche er mit einem Kind und Anna verstand nicht so ganz. Doch sie unterbrach ihren ehemaligen Mentor nicht, sondern hörte zu. Sie war es mittlerweile gewohnt, dass Adlet relativ, naja, wirr sprach.

“Jedenfalls kam es zu einem Abkommen zwischen den Elfen und den Menschen Undviks, das besagt, dass jede vierte Generation der Falchraites, also meiner Familie, eine Person hergeben muss, die dann zu einem Weisen wird.”, erklärte Adlet schniefend und nickte, als wolle er sich selbst heftig beipflichten. Anna runzelte die Stirn tief. Der Begriff eines Weisen passte ihr an diesem Punkt nicht so recht. Denn Adlet-... ach, wie auch immer. Doch die Sache mit den Aen Seidhe, die musste stimmen. Es war eine Tatsache, die der Kriegerin endlich zu verstehen gab, warum Adlet so dermaßen jung aussah und auch Rist’s Äußeres nicht von schlechten Eltern war. Warum ihr Kumpel nicht anmutete wie ein typischer, hünenhafter Skelliger mit langem Rauschebart und einem Körper, wie ein Schrank. Oh ja, die Elfenangelegenheit erklärte gerade SO viel. Und Anna würde ihren besten Kumpel in Zukunft noch ganz schön damit aufziehen können, glaubte sie. Im Geiste rieb sie sich schon vorfreudig die Hände.

“Eine Person in jeder vierten Generation. Und in meiner, da war ich das, ja, ja. Und mein Bruder, der alte Haudegen, wurde zum Jarl.”, lächelte der Druide breit und nahezu stolz. Dies war auch das Ende seiner kurz zusammengefassten Geschichte, die der Hexerstochter dezent verquer erschien. Abkommen mit Elfen, die aus Menschen Druiden machten? Das war schon schräg. Und es klang, wie aus einem billigen Märchen. Ob sie Hjaldrist auch einmal danach fragen sollte? DER würde ihr im Gegensatz zum Onkel ja sicher besser und direkter erklären können was Sache war. WENN er denn überhaupt antworten würde, verstand sich.

“Du… warst also bei irgendwelchen Elfen, die dir beigebracht haben, wie man Tränke mischt?”, fragte die interessierte Anna langsam nach und ihre braunen Augen taxierten den tickenden Älteren dabei eingehend. Jener lächelte nach wie vor, während seine Miene irgendwo den Funken eines verzwickten Rätsels in sich trug. Es schien in dieser Situation gar für einen Wimpernschlag lang so, als sei der Gute viel schlauer, als er immer tat.

“Ja, kann man so sagen, ja.”, antwortete der Druide recht simpel und ohne weitere Ausführungen.

“Und warum bist du nach dieser, ähm, Ausbildung nicht nach Undvik zurück?”, hakte die Frau weiter nach.

“Ach, da ist es immer so kalt, Mädchen. Und es gibt dort Eisriesen. Ich fand diese Insel hier im Gegensatz viel gemütlicher.”, eine Antwort, die in Anna’s Ohren klang wie eine lasche Ausrede. Doch wieso?

 

Als Rist wieder zu der alten Hütte mit dem eingesackten Strohdach kam, sah er alles andere als zufrieden aus. Am Morgen war er losgezogen, um nach den Krabbenkäfigen Adlets, in denen jener die besagten Krustentiere fing, zu sehen. Mit Glück hätte sich darin ja gar ein dicker Hummer befunden, der ein gutes Mittagessen abgegeben hätte. Doch das Gesicht des Skelligers, der außer seiner normalen Stoffkleidung bloß seine Axt bei sich trug, sprach von keiner leckeren Mahlzeit bei lauschigem Wetter. Als er einen Kübel, in denen ein paar wenige, kleine Krabben herum zappelten, abstellte, stützte er die Hände in die Hüfte und fixierte Anna dunklen Blickes. Er atmete einmal tief durch. Was war los?

“Die Boote sind weg.”, brummte er und ob dieser Aussage hielt selbst der geschäftige Adlet damit inne seine Kräutersetzlinge in die Erde vor dem Haus zu verfrachten. Der Alte hob den hutbedeckten Kopf und sah irritiert her.

“Wie? Die Boote sind weg?”, hakte die anwesende Novigraderin perplex nach und erhob sich sofort von ihrer bequemen Holzbank “Alle drei?”. Hjaldrist nickte.

“Verschwunden sind sie. Einfach so. Gestern Nachmittag waren sie noch da.”, meinte der verstimmte Krieger und sein Onkel kam besorgt näher.

“Oh, herrje...”, machte Adlet und putzte sich die dreckigen Hände an der hellen Arbeitstunika ab.

“Wir hatten schönes Wetter, keinen Sturm. Sie können nicht einfach so weg sein.”, entkam es Anna jetzt und nur allmählich realisierte sie überhaupt, was ihr Kollege da gerade gesagt hatte: Die kleinen Segelboote der hier Ansässigen waren fort. Und wenn sie nicht wieder auftauchen würden, dann könnten es Rist und Anna vergessen morgen zurück nach Kaer Trolde zu reisen. Ja, sie würden hier festsitzen, verdammt!

“Hast du denn an der richtigen Stelle nachgesehen?”, wollte Adlet ruhig wissen und bekam dafür einen abschätzigen Blick zugeworfen.

“Ich weiß ja wohl, wo unsere Boote sein sollten, Onkel.”

“Hmmm…”, machte der Druide, der die Nase trocken hochzog “Aber warum sollte jemand die Schiffchen von euch, mir und der lieben Märthe stehlen?”

“Du glaubst, jemand hat sie gestohlen?”, fragte Anna beunruhigt “Wer denn? Hier kommt doch niemand her!”

Der Onkel tickte abermals und zuckte daraufhin mit den schmalen Schultern.

“Vielleicht haben auch irgendwelche Tiere die Taue zerbissen und die Boote sind fortgeschwommen. Womöglich treiben sie an irgendeiner anderen Stelle wieder an Land. Die Strömungen sind stark und wenn die Flut kommt, schwemmt sie immer alle möglichen Dinge an den Strand. Einmal, da war da sogar ein kleiner Wal dabei. Bei den Schöpfern, da habe ich mich erschrocken! Er lag da tagelang herum und als ich ihn angepiekt habe, ist er nahezu explodiert. Das hat vielleicht gestunken, sage ich euch. Gärgase, ganz fürchterlich, nein, nein...”, erzählte der zu jung aussehende Druide und kratzte sich nachdenklich am glatten Kinn. Die Novigraderin linste hintergründig zu ihrem Freund Rist hin, der nur einmal wieder mit den braunen Augen rollte und den Kopf schüttelte.

“Was auch immer genau passiert ist… wir brauchen die Boote wieder.”, schnaufte Anna nun und verzog die Mundwinkel unzufrieden. Denn wenn sie ganz, ganz ehrlich zu sich war, wollte sie endlich weg von hier. So viel sie auf dem schönen Drakensund auch gelernt hatte, so wollte sie wieder in die weite Welt hinaus, kämpfen, Geld verdienen, etwas erleben, weitermachen, weg von dem langweiligen und eintönigen Alltag. Die Aussicht darauf würde sie aber wohl oder übel hinten anstellen müssen. Denn ohne Boot käme sie erstmal nirgendwo hin.

“Rist, sollen wir nachsehen, ob wir sie nicht doch irgendwo finden?”, setzte die nordländische Kriegerin nach und sah hoffnungsvoll zu ihrem abwartenden Freund hin, der den Kopf leicht wiegte, dann aber nickte. Bis zum Strand war es schließlich nicht so weit. Etwa eine halbe, dreiviertel Stunde zu Fuß und sie wären da. Ohne Gepäck reiste es sich schnell.

 

Tatsächlich waren die Boote fort. An der Stelle, an denen man sie halb an Land gezogen und angebunden gehabt hatte, ragten nunmehr einsame Holzstümpfe aus dem nassen Sand. Kein angebissenes Tau lag herum und demnach konnten auch keine Tiere oder Ungeheuer für das Fehlen der Schiffchen mit den eingerollten Segeln verantwortlich sein. Anna runzelte die Stirn und seufzte schwer aus.

“Ich hab’s ja gesagt…”, meinte Rist und nickte in die Richtung der improvisierten Anlegestellen “Als hätte sie jemand losgemacht, um damit weg zu segeln. Als ob man sie gestohlen hätte. Aber da sind keine Spuren im Sand.”

Die enttäuschte Trankmischerin nickte beipflichtend und ließ den Blick suchend schweifen. Vom Meer her blies eine angenehme, salzige Brise und in etwas Entfernung konnte man das helle Kreischen von Sirenen vernehmen. Es war näher als sonst… oder kam es der Hexerstochter nur so vor? Sie war nicht so oft am Strand gewesen. Ihre Augen wanderten weiter, über Sand, Felsen, Wiese, am Meer entlang. Möwen tummelten sich rechts, nach einer kleinen Anhöhe, über der Küste. Etwa eine halbe Meile von dem Punkt entfernt, an dem Rist und die Frau gerade standen, flatterten die weißen Vögel wild im Kreis und setzten zwischendurch immer wieder einmal laut quakend zur Landung an. Dass sie sich so konzentriert an einem Fleck am klaren Himmel hielten, war nicht normal. Man musste kein Hexerslehrling sein, um zu wissen, dass gewisse Vögel genau SO über tödlich Verwundeten, verendenden Tieren oder Aas kreisten.

“Dort hinten.”, Anna deutete auf die Möwen am Himmel und Rist’s wache Augen folgten dem Fingerzeig aufmerksam. Ihm entkam ein leiser Laut der Erkenntnis.

“Sehen wir nach?”, fragte er zu seiner Freundin zurücksehend und jene nickte sofort.

“Ja, besser ist das.”, glaubte sie und setzte sich daraufhin schon mit ihrem Kollegen in Bewegung. Sie eilten nahezu und das vielleicht gar ein wenig vorfreudig. Denn sie rochen Ärger. Und Ärger, der bedeutete auch immer ein kleines Abenteuer. Von dem Gedanken angestachelt, dauerte es nicht lange, bis sie ihr Ziel erreicht hatten. Und als sie das taten, verzogen sie die Gesichter angewidert.

“Urgh, das stinkt…”, murmelte Anna, während Rist etwas von sich gab, das klang wie ein ‘Was zur Hölle?’ im derben skelliger Akzent. Vor ihnen erstreckten sich Eingeweide und Stücke davon, Knochen und Fetzen von Häuten. Sie lagen direkt am Strand, bis zurück zur Wiese verstreut, und stanken bestialisch. So groß, wie sie waren, stammten sie wohl von größeren Tieren. Von Rindern vielleicht. Sich das etwas zu große Hemd hoch, vor Nase und Mund, ziehend, näherte sich die Nordländerin den blutigen Därmen, zwischen denen Möwen herum staksten, um sich gierig ihren Anteil zu holen. Zögerlich hockte sich die Frau zu einem der Fleischbrocken hinab, beäugte ihn ohne ihn anzufassen und unterdrückte ein trockenes Würgen. Hjaldrist kam neben ihr zum Stehen und beobachtete sie skeptisch.

“Was machst du da?”, wollte er wissen und versuchte sich mit der Hand Frischluft zuzufächeln - natürlich vergeblich.

“Siehst du das?”, kam es als Gegenfrage hinter dem schützend hochgezogenen Hemd “Die Größe der Alveolen hier… diese Verästelung der Bronchien da. Das spricht dafür, dass das eine Pferdelunge ist. Ich bin mir ziemlich sicher. Obwohl sie schon aufgequollen ist.”

Rist legte die Stirn auf diese genaue Erörterung hin schweigend in Falten und schien nicht zu wissen, was er mit der vorangegangenen Information anfangen sollte. Anna sah auf, ehe sie sich wieder erhob. Tatsächlich gehörten die gammelnden Überbleibsel hier - der Zeichnung und Größe nach - also einem Pferd. Oder eher: Mehreren Pferden. Das ganze Blut und Fleisch, die Knochen, der mächtige Gestank… sie sprachen für mindestens fünf, sechs Tiere. Aber warum? Was war hier passiert?

“Ich habe auf der Insel noch nie ein Pferd gesehen…”, murmelte Rist verhalten und Anna verengte die dunklen Augen grüblerisch. Noch immer hielt sie sich den dünnen Stoff ihres geborgten Oberteiles halb vor das Gesicht. Dies half eher schlecht als recht, denn der süßliche Geruch nach Verwesung war stechend und brannte fast schon in der Nase.

“Ja… was mich aber noch mehr beunruhigt ist, dass-”, weiter kam die gelehrte Novigraderin aber nicht, denn ein schrilles Kreischen und ein huschender Schatten, der das Sonnenlicht für eine Sekunde lang durchbrach, ließ sie heftig zusammenzucken. Hjaldrist wich wie aus einem Reflex heraus ab, erwischte Anna harsch am Unterarm und zog sie dabei mit sich. Ledernes Flügelschlagen erfüllte die laue Luft. Ein weiterer, hoher Schrei begleitete es. Und während kaum zehn Meter weiter eine Sirene zwischen den blutigen Eingeweiden landete, um mit den spitzen Zähnen hungrig danach zu schnappen, hielten sich zwei weitere Ungetüme flügelschlagend über den Köpfen von Anna und Rist, fauchten aggressiv und waren drauf und dran vom Himmel zu stoßen, um die armen Menschen anzufallen. Ihre Flügelspannweiten betrugen locker drei bis vier Meter und ihre weiblich und durchaus menschlich erscheinenden Oberkörper mit den häutigen Flügeln gingen in lange, fischgleiche Flossen über. Es waren schreckliche Monster, wie sie in Sagen von Meerjungfrauen vorkamen; nur weniger schmeichelnd und hübsch als in diesen ausgeschmückten Märchen. Ja, ihre Gesichter unter den strähnigen, langen, braunen bis blonden Haaren waren zu ekelhaften, wütenden Fratzen verzerrt und ihre Gebisse glichen denen von Raubfischen. Manche von ihnen besaßen keine Nasen, sondern nur zwei Löcher in der Mitte der Gesichter. Wie die, die in Totenschädeln prangten.

“Was zum-?”, keuchte Anna überrumpelt und schalt sich innerlich eine Närrin. Dafür, dass sie nicht daran gedacht hatte, dass stinkende Kadaver nicht nur einfache Ertrunkene, sondern auch gefährliche Ungeheuer, wie die fliegenden Sirenen - oder Havfru, wie man sie noch nannte - anlockten. Sie hatte in ihren Büchern darüber gelesen, klar, doch in der Praxis noch nie so direkt mit den Meereskreaturen zu tun gehabt. Schließlich fand man diese Ungetüme in den Nördlichen Königreichen äußerst selten. Dort stieß man eher auf dutzende Ertrunkene oder Seeschlangen, als auch nur eine Sirene vor die Augen zu bekommen. Hier, auf Skellige, waren diese Scheißviecher überall. Und während zwei von ihnen just böse schnarrten und schrien, kamen noch drei, vier weitere von ihnen daher. Dies sehr flink - was auch erklärte warum Anna und Hjaldrist sie vorhin nicht hatten kommen sehen.

“Ist hier irgendwo ein Nest?”, entkam es der Hexerstochter abfällig, als Rist sie weiter fortzerrte.

“Lauf!”, bekam sie nur sehr hektisch und laut als Antwort. Der drängende Krieger ließ ihren Arm endlich los und tat, wozu er Anna gerade aufgefordert hatte. Und auch die Frau nahm die Beine in die Hände und rannte drauflos, so schnell sie nur konnte. Denn sie war so gut wie unbewaffnet, hatte bloß ihren Dolch dabei und gar keine Rüstung. So, wie Rist seine Lederrüstung nicht trug und seinen Buckler in der Hütte von Adlet gelassen hatte. Und ganz ehrlich? Auch MIT all diesen Sachen - mit Schild, Schwert und schützender Rüstung - wäre es gerade eher unklug gewesen gegen ein halbes Dutzend Sirenen zu bestehen, denn Hjaldrist und Anna waren nur zu zweit. Und sie hatten blöderweise keine Flügel.

Mit dem Kreischen zweier Sirenen im Nacken liefen die beiden Abenteurer, die sich heute ein wenig zu weit zwischen rauschendes Meer und dreckige Knochen gewagt hatten, also über die Ebene und sprangen über Steine und Schlaglöcher in der Wiese. Und nicht nur über jene. Denn hier und da lagen, ebenso wie am Strand, verwesende Fleischstücke im Dreck. Fast rutschte Anna auf einem davon aus, fasste sich gerade noch so und stieg dabei in irgendwas Feuchtes, Schmatzendes. Verwesungsflüssigkeit spritzte ihr an den Knien hoch und sie gab einen angeekelten Laut von sich.

“Was zum Geier?”, schrie sie, als sie versuchte mit ihrem Kumpel Schritt zu halten.

“Keine Ahnung!”, blaffte jener nur und seine grüne, bestickte Tunika bauschte sich beim Laufen. Eine der Sirenen stob vom Himmel, um nach einem spontan entdeckten Leckerbissen aus Magen und Speiseröhre eines Pferdes zu haschen. Somit war den zwei Gabelschwanztötern nur noch eine der Bestien auf den Fersen. Sie keifte böse, flatterte und stieß aus der Luft herab wie ein Falke, verfehlte den hastenden Hjaldrist nur knapp und stürzte beinah komplett nieder. Doch sie fing sich und stieg ungeschickt flatternd wieder auf. Ihr gellendes Kreischen klingelte nur so in den Ohren.

“Scheiße!”, keuchte Rist, doch änderte seine überforderte Meinung schon wenige Laufschritte später:

“Wenn die das wieder macht”, rief er unter schwerem Atem “Erwischen wir sie!”

Anna, die sofort verstand, was ihr Kumpel meinte, pflichtete diesem waghalsigen Plan ohne zu zögern zu. Ohne zu wissen, wieso genau, nickte sie gleich und ihr entkam ein selbstsicheres ‘Alles klar!’. Doch klar war ihr gerade gar nichts. Ja, warum lagen da Teile von toten Pferden am Strand und in der Wiese? Knochen, Haut, Därme. Warum waren jene so weitläufig verstreut? Wie widerliche Köder, die Untiere anlocken sollten. Die braunen Augen der abgekämpften Frau weiteten sich ob dieser plötzlichen Erkenntnis, doch sie hielt nicht inne. Als Hjaldrist rief, fuhr sie zu jenem herum und sah, wie er die Havfru mit den grünlich schimmernden Schuppen an einem der Flügel packte und aus der Luft fischte. Ohne nachzudenken und vollkommen instinktiv kam die Nordländerin zu Hilfe, zog ihren Dolch und warf sich, wie Rist, regelrecht auf das wild fuchtelnde und beißende Wesen mit den langen, brünetten Haaren. Es kratzte, protestierte und wollte mit den Schwingen schlagen, doch vergeblich. Denn es dauerte keine zwei Atemzüge lange mehr, da trieb Anna dem hässlichen Meeresungeheuer schon den Dolch zwischen die Rippen. Unter Hjaldrist, der die verhältnismäßig kleine Sirene mit aller Kraft auf den Boden gedrückt hatte, um sie davon abzuhalten wieder loszufliegen, zuckte der halb menschlich anmutende Körper mit den nackten Brüsten und verdrehte sich, wie der einer sterbenden Schlange. Die Atemzüge der nasenlosen Sirene wurden ob des Stichs mit dem Silber feucht, röchelnd. Sie spuckte dunkles Blut, das jeglichen Schrei erstickte. Hjaldrist dachte jedoch nicht daran das sich im Todeskampf windende Wesen loszulassen, presste es an den Flügeln gen Grund und hatte damit eine ganz schöne Mühe. Anna half ihm dabei, drehte ihr langes Messer im Körper des Meeresungeheuers. Und dann wurde es still. Der Körper der Sirene erschlaffte allmählich, hörte auf zu zittern und unkontrolliert zu zucken.

“Wir müssen schnell zu Adlet zurück.”, sagte Anna, als sie den rot befleckten Dolch ruckartig aus dem geflügelten Körper zog. Das Blut wischte sie beiläufig und mehr schlecht als recht im Gras ab. Hjaldrist nickte zustimmend, sah zu seiner Kumpanin auf, als jene wieder auf die Beine kam und ließ sich von ihr hoch helfen. Unberuhigt sah er auf den leblosen Körper der Havfru hinab und ein Schatten huschte über seine Miene.

“Irgendwas stinkt hier doch bis zum Himmel. Und damit meine ich nicht die Pferdeeingeweide.”

 

“Ihr habt eure armen Pferde umsonst getötet. Hier gibt es keinen Drachen und keinen Schatz.”, lächelte Adlet, der sich auf seinen rostigen Spaten stützte und etwas Erde an der Wange kleben hatte. Vor ihm standen drei bewaffnete Kerle in abgenutzten, speckigen Lederrüstungen. Einer von ihnen wirkte etwas untersetzt und hatte ein breites Gesicht mit einem beinah noch breiteren Mund, wodurch er irgendwo an einen hässlichen Frosch erinnerte. Die anderen beiden, ungepflegten Hünen mit den braunen Bärten schienen Brüder zu sein, denn sie sahen sich zum Verwechseln ähnlich. Sie waren groß, mit breiten Schultern und kantigen Gesichtern voller Pickelnarben. Ihre feuchten Stirne waren niedrig, ihre Intelligenz sicherlich noch schmäler. Unweit hinter ihnen, etwas abseits und mit misstrauischen Blicken, standen weitere Vier in zotteligen Pelzwesten und mit geschulterten Äxten. Eine davon sah aus, als sei sie gar ein simples Holzfällerwerkzeug. Skelliger Banditen. Oder Söldner. Und sie waren auf den Kopf des Drachen aus, von dem man sich in dem Märchen rund um Drakensund erzählte.

“Ha! Du sagst uns sofort, wo das Vieh ist, verflixter Mistelschneider!”, blökte der Frosch in einem kaum verständlichen skelliger Dialekt, rückte sich die Schärpe mit dem gelben Karomuster zurecht “Oder es setzt was!”. Offenbar war auch er nicht der Hellste.

“Aber, aber! Werdet doch nicht gleich so unfreundlich.”, bat der harmonieverliebte Adlet, der inmitten seines neu angesetzten Kräutergärtchens stand und darin ein wenig verloren wirkte. Er schob sich das Hähnchenhütchen aus der Stirn. Anna wollte schon zu ihm laufen, doch Hjaldrist hielt sie drängend an der Schulter zurück.

“Warte.”, flüsterte der hübsche Skelliger mit dem dunklen Blick. Sie beide versteckten sich, nachdem sie, wie die Blöden hierher gelaufen waren, in einem dichten Gebüsch und kniffen die Augen zusammen, als könnten sie damit besser in die Ferne sehen. Sie verstanden die Worte, die die Drachenjäger von sich gaben, nur bruchstückhaft. Doch dies reichte, um zu wissen, was lief. Schließlich sprach die aggressive Körpersprache der Fremden auch Bände.

“Worauf warten?”, wollte Anna gezwungen leise wissen, als sie da neben Rist im Dreck, zwischen Ästen und Dornen, hockte “Wir müssen deinem Onkel helfen.”

“Ja, aber indem wir einfach wild auf die Typen da losstürmen, helfen wir niemandem. Hast du gesehen, wie viele das sind? Wir sollten sie irgendwie überrumpeln.”, konterte der kluge Krieger und lehnte sich etwas vor. Den Blick hielt er auf Adlet und die fremde Meute gerichtet, die meterweit gegen den Wind stank. Dies vor allem nach altem Schweiß und Schnaps.

“Diese Männer sind wegen dem Märchen hier. Adlet hatte also Recht, indem er damals meinte, dass viele Skelliger - gerade auf Hindarsfjall - noch immer daran glauben.”, wisperte Anna verstimmt und Rist nickte “Diese Idioten.”

“Und bestimmt waren es auch sie, die unsere Boote geklaut haben.”, schätzte der Jarlssohn “Einfach nur so, aus Boshaftigkeit. Oder für eine spätere Erpressung?”

Weiter vorn maulte der Frosch schon wieder unglücklich vor sich hin und schrie einen seiner hünenhaften Kollegen an. Der Zwilling schnaubte pikiert, schüttelte den Kopf abwehrend.

“Und warum waren da keine Spuren? Und sie müssen doch auch auf einem Schiff gekommen sein. Wo ist das?”, murmelte Anna leise und fummelte sich einen kleinen Zweig aus den kurzen, braunen Haaren.

“Wenn sie vor der Flut hier gelandet sind, wundert es mich nicht, dass da bei der Anlegestelle keine Spuren im Sand waren. Das Wasser kommt beizeiten doch bis zum Gras hoch.”, flüsterte Hjaldrist und so, wie seine Kollegin ärgerte er sich bestimmt mächtig darüber, dass der Großteil seiner guten Ausrüstung in Adlet’s Hütte lag. Oh, wie schön wäre es gerade in Rüstung zu stecken und all seine Waffen bei sich zu wissen!

“Und Boote, Anna, die kann man auch gut zwischen Felsen und hohem Schilf verstecken. Die Kerle sind zu siebt. Da braucht man kein sonderlich großes Schiff.”, meinte der Fachmann und linste zu seiner Kumpanin hin, die all das mal so hinnahm. Sie hatte es bekanntlich ja nicht so mit Booten und dem Meer. Ihr Kumpel schon.

“Und was machen wir jetzt?”, wollte Anna ungeduldig wissen, während sich Adlet erneut an die fremden Männer richtete:

“Außerdem, müsst ihr wissen, liebe Leute, sind Drachen keine Aasfresser. Drachen und ihre nahen Verwandten reißen eher lebende Beute und sind teils wirklich, wirklich wählerisch. Nur in sehr seltenen Ausnahmen-”, belehrte der geschulte Druide den kleineren Froschmann, doch der Fremde quakte ihm sofort dazwischen und warf die reichlich tätowierten Arme ärgerlich in die Höhe.

“Halt den Rand!”, beschwerte sich der wütende Drachenjäger, der sich ganz schön dämlich vorkommen musste “Oder wir machen Kräutergulasch aus dir, verdammter Mistelschneider!”

“Wir sind keine lieben Leute!”, brummte einer der Schränke nebenher und Adlet erhob die erdbeschmierten Hände sofort abwehrend. Die Hexerstochter schielte wieder zu Rist hin.

“Also, falls du darauf wartest, dass diese Typen gehen oder sich dein ungeschickter Onkel aus der Sache herausredet, dann ist das vergebliche Hoffnung, Rist.”, wisperte Anna ihrem Freund scharf zu und zupfte auffordernd an dessen Ärmel. Der Mann gab daraufhin ein verhaltenes, entnervtes Stöhnen von sich und schien einzusehen, dass sie beide heute nicht das Glück haben würden, dass der schmutzige Haufen Schatzjäger von selbst oder durch die gutgemeinten Worte von Adlet verschwänden.

“Schön, gehen wir also hin.”, nickte der Undviker “Wir versuchen zu reden und wenn das nicht hilft, hauen wir ihnen auf’s Maul.”

Eine Äußerung, auf die hin sich Anna ein Auflachen verkneifen musste. Hjaldrist schlug also vor erst einmal zu reden, anstatt gleich Rambazamba zu machen? Gewagt. Aber schön. Er hatte ja Recht. Schließlich stand auch das Leben seines ulkigen Verwandten auf dem Spiel. Also setzten die Abenteurer dazu an sich zu erkennen zu geben.

“Hey!”, Rist ging vor, als sie sich aus dem dichten Gebüsch schälten, um zielstrebig auf die Fremden zuzumarschieren. Anna hielt sich dicht bei ihm und versuchte eine genauso harte Miene aufzusetzen, wie ihr Kumpan. Es gelang ihr auch, denn die barsche Novigraderin hatte sich bei solchen Dingen nie schwergetan. Rau und kämpferisch zu wirken lagen ihr genauso im Blut, wie ihre Neugier und der unglaubliche Drang danach etwas zu erleben. Da sich unter der Fuchtel von ihrem Ziehvater Balthar und dessen Kollegen befunden hatte, hatte sie es sich angewöhnt zu sein, wie sie. Doch seit den vergangenen Jahren ihrer Reise wusste die Burschikose, dass es oft nicht sehr einschüchternd wirkte, wenn sie einen bösen Blick aufsetzte. Selbst dann nicht, wenn sie schwer bewaffnet auf ihre Gegner zuging und dabei eine Kartätsche zündete. Und der Grund dafür war simpel: Sie war eine Frau. Gerade in den Nördlichen Königreichen wurde man nicht oft sehr ernst genommen, wenn man als ‘Dame’ in Männerkleidung und mit einem Schwert an der Hüfte herumlief. Anna hatte dies schnell und schmerzlich herausfinden müssen. Und während es ihr am Anfang noch tierisch auf den Leim gegangen war von Kerlen als unterlegen angesehen zu werden und sich dumme Meldungen über ‘Frauen hinter’m Herd’ anhören zu müssen, hatte sie irgendwann damit angefangen das weit eingeschränkte Weltbild so mancher ordinärer Typen zu ihrem Vorteil zu nutzen. Schließlich besaß man jenen doch, wenn man von Anderen unterschätzt wurde und tatsächlich stärker oder flinker war, als sie. Das Element der Überraschung war dann stets auf der Seite der Belächelten.

“Was soll das hier?”, tönte Hjaldrist’s Stimme rau, als sie bei den selbsternannten Drachenjägern ankamen “Wozu der Radau, hm?”

Die Fremden sahen auf. Die Hände der beiden muffelnden Schränke wanderten abrupt an deren Schwerthefte. Anna beobachtete dies im Augenwinkel und es stimmte sie innerlich alarmiert. Sie senkte sie Linke ein Stück, so, dass sich ihre Handfläche nah vor dem Griff ihres Langdolchs befand. Sollte es dazu kommen, dass sie angegriffen werden würden, so hätte sie ihre Waffe damit sehr schnell in der Hand.

“Was? Wer seid ihr?”, der Frosch, der sicherlich der Anführer der Gruppe hier war, trat vor und sprach so aufgebracht, dass er dabei spuckte. Anna verzog das Gesicht kaum merklich.

“Die Frage ist wohl, wer IHR seid.”, brummte Rist eisern und verschränkte die Arme vor der Brust. Etwas versetzt hinter ihm stehend erkannte Anna sofort, wie die Finger ihres Freundes nervös am Axtblatt seines Familienerbstückes herumtippelten. Die Kerle vor dem Schönling sahen das, ob der verschränkten Arme, aber nicht.

“Ihr kommt hierher und stiftet Unfrieden.”, stellte der Undviker genervt schnaubend fest “Wozu? Es gibt hier nichts zu holen… außer ihr sucht Kräuter und Pilze. In dem Fall bedient euch.”

Man hörte Adlet leise, doch nicht boshaft, lachen. Der Druide nickte zustimmend und knetete sich die Hände, was davon zeugte, dass er trotz seines extrem ruhigen Lächelns innere Unruhe verspürte. Anna kannte ihn nun schon lang genug, um seine Gewohnheiten zu kennen. Und Händekneten war keine gute, denn sie bedeutete, dass der Onkel gerade alles andere, als ausgeglichen und sorgenfrei war. So, wie sein Enkel und seine ehemalige Schülerin, befürchtete auch er, dass die skelliger Schatzjäger angreifen würden. Und das völlig stupide. Genauso dumm, wie auch ihre Aktion gewesen war, gammelndes Köderfleisch auszulegen, in der Hoffnung damit einen Drachen anzulocken: Myrgtabrakke, der nur in einem Märchen existierte, wohlgemerkt.

“Veräppelt uns nicht!”, blaffte der widerliche Frosch mit dem hochroten Kopf nun “Niemand verarscht den starken Tyrsson und seine Nachtfeuer-Truppe! Ihr wollt den Schatz für euch, Fremdlinge, nicht wahr? Ja, es leben nur Mistelschneider hier. Keine Leute, wie ihr! Ihr seid genauso hinter dem Drachen her, gebt es zu! Wo ist sein Hort?”

Anna zog die schmalen Brauen weit zusammen und biss sich auf die spröde Unterlippe, um sich eine blöde, schnippische Meldung zu verkneifen. Ja, was zur Hölle passierte hier eigentlich? Wie desillusioniert musste man sein?

“Nein, nein, das hier sind Verwandte. Sie sind nur zu Besuch. Niemand sucht nach irgendwelchen Drachen.”, berichtigte Adlet beschwichtigend, doch es half nicht. Anstatt dass der Frosch jetzt nämlich die breite Klappe hielt und sich beruhigte, zog eines seiner bärtigen Narbengesichter mit der bloßen Faust durch und verpasste dem friedfertigen Onkel einen ordentlichen Kinnhaken. Aus geweiteten, ungläubigen Augen sah die zusammenzuckende Anna nurmehr, wie der arme Adlet von der Wucht des Schlages des viel Größeren zurückgeworfen wurde und in seinen neuen Kräutergarten stürzte. Direkt auf seine frisch gepflanzten Setzlinge, die er nun allesamt mit seinem Körpergewicht plattdrückte. Er hatte seinen Hut dabei verloren. Die Hexerstochter verengte die starren Augen zu zornigen Schlitzen und spannte die Glieder an. Ein unglaublicher Ärger wallte in ihrer Magengrube auf und brachte sie dazu einen angewiderten Ton auszustoßen.

“Also schön, das war’s.”, knurrte sie schnell, als spräche sie mit sich selbst, während sie sich die Ärmel hektisch hochkrempelte und vortrat. Und während Rist seine hübsche Axt zog, trat die Novigraderin dreist und wuchtig zu, mit dem Knie direkt zwischen die Beine des Bastards mit dem breiten Froschmaul. Jener gab ob dem einen Laut von sich, der klang, als habe die Kriegerin ihn durch ihre aufbrausende Aktion in ein kleines Mädchen verwandelt. Tyrsson krümmte sich, blieb jedoch stehen. Aber nicht lang, denn Anna donnerte ihm die geballte Faust auf den Scheitel und ließ ihn dadurch niedergehen, wie einen plumpsenden Sandsack. Es war ein heikler Moment, der darin resultierte, dass wenige, sprachlose Sekunden später ein fürchterlicher Lärm ausbrach. 

Hjaldrist musste sich sogleich gegen die beiden Leibwächter der Kröte schlagen. Er packte seine Familienaxt mit beiden Händen und riss sie schützend hoch, wehrte damit einen Hieb auf seinen ungeschützten Schädel ab. Er trat zu, gegen das Schienbein des ersten, bärtigen Muskelprotzes mit den Pockennarben, der verärgert aufschrie. Dann wich er kurz ab, holte aus, die Schneide der undviker Axt sauste durch die Luft und verfehlte Schrank Nummer Zwei nur knapp. Noch einmal trat Rist fest zu und traf eine Kniescheibe so hart, dass es knackte. Deren groß gewachsener Besitzer wankte und knickte unter der Pein des Knochenbruchs ein, während von hinten schon die anderen vier Banditen heranliefen, um ihren konfrontierten Kameraden zu helfen. Anna, indes, eilte zu Adlet hin, der etwas wirr in der feuchten Kräutererde saß und fasste ihm unter den Arm, um ihm hoch zu helfen.

“Schnell, lauf weg.”, sagte die gescheuchte Novigraderin hastig, als der Onkel etwas taumelig stand und sich seinen Hut wieder eher schlecht, als recht aufsetzte. Der arme, wehrlose Mann schien gar nicht so recht zu realisieren, was soeben passierte oder geschehen war, denn der Schlag, den er kassiert hatte, war ganz schön hart gewesen. Schwer zu glauben, dass er es zuvor jemals erfahren hatte solch einen argen Kinnhaken zu bekommen.

“Adlet, na los!”, forderte Anna erneut drängend und gab ihm einen sachten Schubs in die sichere Richtung “Versteck dich im Wald.”

Anstelle loszurennen, um sein Leben zu schützen, stand der Trankmischer aber bloß da und sah entsetzt dabei zu, wie der widerwärtige Hüne mit den unversehrten Knien Hjaldrist niederrang. Keuchend landete der Enkel des Kräutersammlers im Gras und im Gegenzug zu dem stupiden, breiten Drachenjäger war er so zierlich, dass es anmutete, als begrabe der Fremde den Jarlssohn regelrecht unter sich. So, wie eine fürchterlich stinkende Schlammlawine ein armes Reh. Einer der herannahenden Banditen steckte sich Daumen und Zeigefinger in den Mund, pfiff laut und kurz, dreimal hintereinander. Und auf dieses unverkennbare Signal hin stoben noch mehr ruppige, bewaffnete Männer aus dem unweiten, krachenden Unterholz. Anna fluchte laut und fuhr herum, erkannte auf die Schnelle fünf weitere Skelliger in ledernen Rüstungen und mit runden Schilden, die sie all die Minuten zuvor nicht einmal annähernd bemerkt hatte. Es waren viele, viel zu viele. Die aufgerüttelte Kriegerin zog dennoch geistesgegenwärtig ihren silbernen Dolch und warf noch einen letzten mahnenden Blick gen Adlet, der sich an das Handgelenk fasste, als sei es verstaucht. Ja, die aufgebrachte Frau glaubte tatsächlich, der Druide hätte sich den Knochen angeknackst oder die Sehne bei dem vorangegangenen Sturz in das Pflanzenbeet gezerrt. Was sie aber nicht sah war, dass er sich fest an sein rotes, geknüpftes ‘Freundes-Bändchen’ fasste und dabei etwas murmelte, als sei dieses Kleinod ein rettendes Tau in einer reißenden Brandung.

Wenige tiefe Atemzüge später war Anna bei Rist. Oder eher: Bei dem Kerl, der den besagten Schönling soeben förmlich an die Erde nagelte, wie ein zentnerschweres Gewicht. Der Schrank schlug rasend zu, schimpfte Hjaldrist einen Hurensohn und ein Mädchen. Sekunden später hatte er dann einen verzierten Silberdolch im Kreuz stecken, denn er war nicht klug genug gewesen auf die durchaus gewitzte burschikose Frau in dem zu großen Hemd zu achten. Mit einem wütenden Schrei auf den trockenen Lippen drehte jene ihre aufblitzende Klinge einmal herum und zog sie ruckartig wieder aus dem Krieger mit den breiten Schultern heraus. Wie im Schock ließ das Muskelpaket es dann auch zu, dass es schwungvoll von Rist heruntergeworfen wurde. Keuchend und sich fahrig an den Rücken fassen wollend blieb der Frosch-Leibwächter im knöchelhohen Gras liegen, rollte sich auf den Bauch, fuchtelte. Sein nasses Husten verriet, dass Anna seine Lunge getroffen haben musste; ihr Dolch war dafür lang genug. Ohne zu zögern reichte sie Hjaldrist, der rot ausspuckte, eine Hand und zog ihn hoch. Zeit zum Verschnaufen blieb jedoch nicht, denn die etwas planlosen, doch aggressiven Drachenjäger drängten auf sie ein, während auch der wüst fluchende Frosch, der sicherlich keine Kinder mehr zeugen könnte, wieder aufstand und nach seinem alten Rabenschnabel fasste.

“Ich töte dich, Hure!”, schnarrte er bitterböse “Komm her!”

Doch die besagte ‘Hure’ hatte besseres zu tun, als der Kröte noch einmal in die Kronjuwelen zu treten. Rücken an Rücken mit ihrem Kumpel sah sie fünf verdreckten, nach Schweiß miefenden Kriegern entgegen, die die Äxte bedrohlich schwangen und sich die aufgesprungenen Lippen in perverser Vorfreude leckten. Einer von ihnen stürzte auf sie zu, ein zweiter folgte. Und den Geräuschen klirrender Metallwaffen nach, die hinter Anna ertönten, wusste sie, dass Rist auch nicht wenig zu tun hatte. Der Mann aus Undvik hatte eine kleine Wunde an der Augenbraue. Der Schrank hatte sie ihm vorhin geschlagen und sie blutete ganz schön. Nichts desto trotz hob der Jarlssohn auf seine zotteligen Gegner ein, als sei nichts. Als sähe er auf dem Auge, in das ihm das warme Blut lief, genauso gut, wie auf dem anderen. Wie Anna, wahrte er einen äußerst festen Stand und ließ sich nicht abdrängen. Die besagte Frau duckte sich soeben unter einem schweren Axthieb fort und wandte sich erneut, damit Rist hinter ihr mit seiner teuren Waffe ausholen konnte. Lange hatte sie nicht gekämpft, doch noch immer fiel es ihr so leicht, als hätte sie nie eine Pause gemacht. Und sie und ihr guter Freund waren absolut aufeinander eingespielt, nach wie vor.

“Achtung!”, keuchte Rist und Anna wich einen weiten Schritt ab. Eine Sekunde später wuchtete der Undviker auch schon einen der stark stinkenden Bastarde über sich. Der zahnlose Räuber mit dem roten Bart landete genau da, wo die Novigraderin gerade noch zuvor gestanden hatte, und sah aus, als würde er tausende kleine Sternchen sehen. Trotz allem waren die Gegner zu vielzählig. Obwohl sie nicht die hellsten zu sein schienen, waren sie kräftig und groß. Anna hatte keine Zeit dafür gehabt sie abzuzählen, doch ihre Anzahl belief sich in etwa auf ein Dutzend. Mit schnell gehendem Atem sah sie hektisch um sich und stieß mit dem Kreuz voran an ihren Freund in der grünen Tunika. Jemand brüllte, sie sah auf. Es war ein nachsichtiger Moment und nur kurz passte die abgelenkte Kurzhaarige nicht auf. Da donnerte ihr auch schon irgendetwas gegen den Schädel. Sie wusste nicht was es war oder woher es gekommen war. War es ein Knauf gewesen oder eine Schneide? Es tat weh. Sie strauchelte zwei, drei Schritte zur Seite, mit der Hand nach Halt suchend doch keinen findend, und trat in ein Schlagloch, knickte mit dem Fuß um und kam mit einem Knie am Boden auf. Etwas Dickflüssiges, Warmes lief ihr vom Kopf und unkoordiniert fasste sie sich an die Schläfe. Sie hörte dumpf, wie Rist nach ihr rief, dann spürte sie, wie sie jemand an den Schultern erwischte und auf die Beine zog.

“Geht schon…”, keuchte sie und blinzelte überfordert, bevor sie bemerkte, dass ihr vermeintlicher Helfer nicht Rist, sondern einer der gierigen Räuber war. Sie steckte diesem boshaft lachenden Fremden den Dolch in die Seite, bevor sie vom Schwindel völlig konfus stehen blieb und sich mit beiden Händen an den pochenden Kopf fasste. Blut tropfte auf Hjaldrist’s Leinenhemd, das sie trug. Adlet war auf einmal bei ihr. Rist skalpierte einen Kerl mit einem Schlag seines scharf schneidenden Axtblattes. Der wütende Frosch stieß ihn dafür um.

Und auf einmal jagte ein tönendes Grollen über den Himmel, so laut wie Donner und drohend, wie das Fauchen einer wilden, gefährlichen Raubkatze. Flügelschlagen ertönte und Anna erhob den glasigen Blick entsetzt. Sie sah nach wie vor alles doppelt, ihr war schummrig und vieles um sie herum verschwamm zu wirren Formen und Farben. Adlet drückte ihr einen abgerissenen Ärmel an den schmerzenden Kopf und hielt sie fest. Und dennoch. Sie ahnte, ERKANNTE, was da kam: Das Schlagen der häutigen Flügel gehörte nicht zu einer Sirene oder dergleichen. Es war viel lauter, die Schwingen größer. Was da über den unbewölkten Sommerhimmel flog, war kein großer Vogel, sondern ein Wesen mit einer Spannweite von bestimmt über sieben Metern. Und es fauchte erneut, faltete die Schwingen seitlich an dem Körper zusammen und setzte damit zum Sturzflug an. Bevor Anna es dann überhaupt denken konnte, brüllte der Kröterich, der abrupt von Rist abließ: “Der Drache!”

Tatsächlich. Inmitten des wilden Kampfgetümmels, zwischen Banditen und den Verteidigern der Hütte mit dem moosbewachsenen Strohdach, landete ein Drache. Kein Wyvern, keine Riesenschlange, kein Gabelschwanz. Nein. Ein Drache. Es war ein verhältnismäßig kleiner, doch das tat seiner Schrecklichkeit nichts ab. Sein grün geschuppter Körper, der wuchtig auf der Erde landete, ließ jene nahezu erbeben. Er streckte die Flügel, die etwas vernarbt aussahen, machte sich groß und schlug mit dem dornenbesetzten Schwanz, wie mit einer Peitsche. Sein gellender Schrei aus dem zahnbewehrten Maul dröhnte und bescherte der verwundeten Anna noch größere Kopfschmerzen. Sie wollte ein Auge zukneifend instinktiv zurückweichen, doch Adlet hielt sie nach wie vor fest. Der tickende Druide wirkte nicht, als wolle er weglaufen. Nicht so, wie Rist, der am Boden sitzend zurück rutschte und aussah, als sähe er gerade den Spiegelmeister selbst.

“Der Drache!”, bellte der dickliche Frosch abermals mit Spucke vor den Lippen “Tötet ihn!”

Und anstatt weiter auf den blutenden Hjaldrist einzuschlagen oder daran zu denken die anwesende Nordländerin mitsamt ihrem Trankmischer-Freund umzuschneiden, wechselten die verdreckten Banditen ihren Kurs. Sie alle gingen nun auf das schnarrende Schuppentier los, das so hoch war, wie vier von ihnen zusammen. Sie brüllten, fuchtelten, schwangen die Waffen kampflustig und hackten zu. Der Panzer des Drachen war aber so hart, dass die Äxte, Schwerter und Rabenschnäbel nur daran abprallten. Die billigen Exemplare darunter zerbrachen sogar und Splitter stoben in alle Richtungen.

“Anna!”, schrie Hjaldrist, der sich unbeholfen hochrappelte “Onkel!”

Es war klar, dass der Axtkämpfer sehr schnell von hier verschwinden wollte. Denn nicht nur als versierter Hexer wusste man, dass man sich auf KEINEN FALL mit einem echten Drachen anlegen sollte. Diese seltenen Wesen waren verdammt mächtig und obwohl das grüne Tier hier, auf der Wiese, nur halb so groß war, wie ein ausgewachsener hoher Drache, so gehörte es nach wie vor zu dieser magischen, seltenen Ungeheuergattung.

Der besagte Grüne schlug erneut mit dem langen Schwanz, in einem weiten Halbkreis, und ruckartig wehte er sechs Banditen damit fort, als seien sie nicht mehr, als kleine Strohpuppen. Wie durch ein unglaubliches Wunder verfehlte er Rist dabei. Der Skelliger hatte die Arme schützend über dem Kopf zusammengeschlagen und wollte zu seiner Freundin und dem abwartenden Onkel laufen. Einer der Drachenjäger kam ihm dabei in die Quere, doch das große Schuppentier fuhr herum, knurrte böse und schnappte sich den besagten Banditen mit den scharfen Zähnen, von denen jeder so lang war, wie ein Unterarm. Blut spritzte und sprühte regelrecht auf den Jarlssohn, der erschrocken schrie. Und Anna, die johlte mit. Sie wollte sich von Adlet losreißen und auf weichen Knien zu ihrem Weggefährten laufen, aber der viel ältere Druide ließ sie nicht. So, als glaube er, dass nichts Schlimmes mehr geschehen würde, stand er völlig ruhig da und hielt die Novigraderin mit einer Kraft im Zaum, die sie ihm niemals zugetraut hatte. Währenddessen stampfte der grün schimmernde Drache mit den vier gedrehten Hörnern am Schädel; einmal, zweimal. Unter seinen riesigen Pfoten begrub er einen weiteren der muffigen Schatzjäger, als sei der nichts weiter, als ein lästiger Käfer. Zwei mehr wehte er mit seinem schweren Flügelschlag fort, schnappte nach einem dritten und verschlang ihn mit Haut und Haaren. Und wie durch ein Wunder, ein riesengroßes Wunder, blieben Hütte und Kräutergärten unversehrt.

 

Eine gefühlte Ewigkeit später war Rist endlich bei seinem schniefenden Onkel und Anna angelangt. An diesem Punkt angekommen ließ Adlet die Alchemistin, deren Kopfwunde nicht mehr allzu arg blutete, endlich los. Mit wissender Angst und einem mords Respekt im Blick, klammerte sie sich stattdessen an den Gehrock ihres Freundes und zerrte daran.

“Weg!”, stöhnte sie “Aber schnell! Rist!”

“Nein, nein!”, rief Adlet dazwischen “Es ist gut!”

Hjaldrist, der offenbar vollkommen auf der panischen Seite Annas stand, wand den Blick ungläubig zu seinem Onkel hin und maulte ein “Was?? Hast du keine Augen im Kopf, Adlet?”

“Doch!”, antwortete der Druide sofort selbstsicher.

“Ja, dann weg hier!”, befahl Hjaldrist und bugsierte seine beste Freundin schon herrisch vor sich her. Die Frau, die sich den abgerissenen Hemdärmel des Trankmischers Drakensunds an den brummenden Schädel hielt, taumelte ihm aber zu viel. Daher hielt er sie kurz auf und nahm sie auf den Rücken, um sie Huckepack zu tragen. Adlet seufzte einmal auf, doch fügte sich dann. Er marschierte hinter den zwei Jüngeren her, wirkte dabei aber nicht sonderlich verängstigt. Ein Gemüt eines verrückten Mannes, bei dem man nicht wusste, ob man es beneiden oder bemitleiden sollte.

Man hörte den Drachen noch einmal kreischen, dann schrie der letzte der Banditen hoch auf. Dieses markerschütternde Schreien wurde aber jäh unterbrochen, es folgte ein Knacken und ein Stampfen, ein Flattern und ein Knurren. Der Grüne, nun offenbar ziellos, da er alle Schatzjäger gefressen oder zerrissen hatte, wandte den Kopf herum. Sein gehörntes Haupt steckte auf einem langen Hals, aus dessen Nackenwirbeln lange, stachelartige Knochen wuchsen und nach außen ragten. Die katzenhaft geschlitzten, grünlichen Augen des Tieres fielen auf die drei fliehenden Inselbewohner. Auf Rist, Anna und Adlet. Das magische Wesen hielt inne, reckte das Kinn und züngelte wie eine Schlange. Es schien zu überlegen. Dann jagte es den Dreien plötzlich nach und war in vier größeren Sätzen spielerisch schnell vor ihnen, versperrte den Weg und spannte die Flügel. Hjaldrist stolperte vor Schreck fast zurück. Anna, auf dessen Rücken, gab einen überwältigten Laut von sich und grub das Gesicht an den Hinterkopf ihres Kollegen, um ihr Ende nicht kommen sehen zu müssen. Und Adlet… Adlet, der freute sich. Er sah noch einmal heiter zu seinem erstarrten Enkel hin, dann zu dem Drachen, und breitete die Arme lächelnd aus.

“Danke!”, entkam es ihm “Ich wusste, auf dich ist Verlass!”

Der Drache wiederum senkte den Kopf, bis er auf Augenhöhe mit dem kleinen Menschen war. Und als Anna den Blick zwischen Rist’s dunklen Haaren langsam, äußerst zögerlich, wieder hob, um über dessen Kopf vorsichtig zu dem übernatürlichen Tier zu lugen, sah sie, wie der tickende Adlet die schnaubenden Nüstern des Geschuppten tätschelte. Worte wollten aus der wirren Novigraderin hervor platzen, doch stattdessen verschluckte sie sich an der eigenen Spucke und begann zu husten. Das Reden übernahm also der Jarlssohn, der wenig begeistert dreinsah, weil ihm seine Freundin in den Nacken hustete. Er erschauderte, doch konzentrierte sich lieber auf seinen Onkel.

“Waas?”, war das einzige, das ihm erstmal völlig entsetzt einfiel. Hätte er die Hände frei gehabt, hätte er anschuldigend auf seinen Verwandten und dessen Drachenkumpel gezeigt, eine GUTE Antwort erwartend.

“WAS ist das?”, überschlugen sich die Worte des perplexen Skelligers sinnfrei. Doch Adlet verstand schon und lachte herzlich.

“Ich sagte doch, es sei gut!”, erinnerte der Druide und wendete dem grün schimmernden Drachen den ungeschützten Rücken unbeschwert zu. Das Wesen beobachtete Rist mit nach wie vor gesenktem Kopf abwartend. Das Schnauben aus den bebenden Nüstern fühlte sich an, wie Wind, der einem mit dem Geruch nach Schwefel geschwängert entgegenschlug. Ganz ruhig saß das Schuppentier da, züngelte mit der gespaltenen, schlangenhaften Zunge und gurrte leise. Blut klebte ihm vorm Maul und seine Pupillen wanderten wachsam.

“Das hier ist die liebe Märthe, ihr habt nichts zu befürchten!”, lachte Adlet und Rist, wie auch Anna, klappten die Kinnladen gefühlt bis zum grasbewachsenen Boden hinunter. Sie beide stutzten heftig, sagten kein Wort und hatten gar aufs Atmen vergessen.

“Nehmt es ihr aber bitte nicht übel, dass sie sich nicht zurückverwandelt. Denn täte sie das, wäre sie nackt. So wie du letztens, Anna.”, sinnierte der freundliche Kräuterkundige sanft, sah seinem Enkel mit der Platzwunde an der Braue und dessen Freundin mit dem Schnitt am Kopf entschuldigend entgegen. Die Novigraderin, ob der Anmerkung über das Nacktsein, fühlte, wie es ihr das Blut in die errötenden Wangen trieb und sie senkte den Blick wieder Rist’s Haaren entgegen, um niemanden ansehen zu müssen. Der Undviker aber, fasste sich allmählich wieder und ihn schien eine Erkenntnis zu beschleichen.

“Das Märchen… ist gar kein Märchen…”, stellte er flüsternd fest. Nur genauso langsam ließ er Anna wieder los, damit sie von seinem Rücken herunterrutschen konnte. Etwas wackelig auf den Beinen und mit dem Stofffetzen am pochenden Schädel stützte sich die Kriegerin an der Schulter des Mannes ab und schaffte es nicht die Augen von Adlet und Drachen-Märthe fortzureißen. Oder sollte man eher sagen: Myrgtabrakke? Ja, nun, da sie darüber nachdachte, machte alles Sinn: Das rote Bändchen Adlets und die seltsame Ausstrahlung der netten Kollegin des Druiden; Dass Märthe immer so viel gewusst hatte und so rätselhaft weise erschienen war. Anna machte große Augen, holte Luft zum Sprechen, doch stockte in ihrem Tun. Aberplötzlich holte der Schwindel sie nämlich wieder ein, denn durch den Schlag gegen ihren Kopf war ihr Hirn nicht ganz unerschüttert geblieben und das stichelnde Adrenalin in ihrem Körper ließ nach. Ein leises Stöhnen entkam ihr, dann ein Würgen. Später, da würde sie flache Witze darüber machen, dass man ihr die Haare nicht zurückhalten müsste, wenn sie kotzte. Weil jene eben gerade so kurz waren, dass sie ihr nicht bis über die Wangen fielen. Und dass dies für alle Beteiligten ja so fürchterlich praktisch sei. Später. Denn gerade, da war nichts so wirklich lustig und die orientierungslos werdende Frau musste sich, auf Rist gestützt, fürchterlich übergeben. Direkt auf ihre Stiefel.

 

Anna lag wenig später stöhnend auf der schiefen Holzbank in Adlet’s Hütte, hinter dem Esstisch, und hielt sich ein sauberes Tuch an den Kopf, das der Druide zuvor in kaltes Wasser getaucht und ausgewrungen hatte. Sie hatte die Augen geschlossen, war noch etwas blass und hatte ein unangenehmes Summen in den Ohren. Konzentriert versuchte sie dem leisen Klimpern der Fischbein-Mobiles im Raum zu lauschen, um sich abzulenken. Abgesehen davon ging es ihr aber gut. Rist’s Onkel hatte den Schnitt an ihrem Kopf fachmännisch versorgt und gemeint, dass die Verletzung nicht schlimm sei, obwohl sie ordentlich geblutet hatte. So war es eben mit Platzwunden. Man hatte Anna’s Schädel nicht einmal nähen müssen.

Hjaldrist saß derweil unweit auf einem der Hocker und zischte schmerzverzerrt, als ihm Adlet den schmalen Schnitt an der Braue mit Alkohest abtupfte.

“Ihr wart sehr tapfer, ja, ja.”, bemerkte der besonnene Trankmischer währenddessen und klaubte nach einem kleinen Döschen, das am Tisch stand. Er legte den wollenen Tupfer weg, öffnete die kleine Dose und schmierte seinem Enkel reichlich Salbe daraus auf die Gesichtswunde.

“Ihr habt mich beschützen wollen. Vielen Dank, Kinder.”, sagte der Druide lieb und nickte Rist anerkennend zu, schniefte. Jener betrachtete seinen Onkel aber nur äußerst skeptisch.

“Ich glaub‘s ja noch immer nicht.”, gab der Krieger zu und Adlet sah ihn fragend an.

“Dass das Märchen wahr ist. Du bist das Männchen mit dem roten Band und Märthe ist Myrgtabrakke.”, murmelte Hjaldrist, schüttelte den Kopf dann leicht und ließ den Blick sinken, ehe er die braunen Augen niederschlug und sich mit einer Hand durch den Nacken fuhr.

“Ach”, machte Adlet und lachte geduldig “Märchen sind immer sehr, sehr ausgeschmückte Geschichten. Tja, ja. Ich habe nie eine Stadt verwüstet und im Meer versinken lassen. Ich bin nicht solch ein mächtiger Mann. Ich bin nur ein einfacher Druide.”

“Du kannst einen Drachen rufen.”, merkte Rist mit vielsagendem Unterton an.

“Ja, ja, aber das ist es auch schon.”, lächelte der zuvorkommende Onkel und legte seine Salbendose fort, tätschelte seinem Enkel die Schulter aufmunternd und machte sich dann daran Tee zu kochen. Das Wasser dafür blubberte bereits laut in dem kleinen Kessel auf der Kochstelle und der Dampf ließ das nächste Fenster beschlagen.

“Und wie kam es dazu?”

“Wozu?”

“Dass du den Drachen-... Märthe… ach, wie auch immer, rufen kannst.”

“Oh, das.”, entkam es dem geständigen Adlet, der gerade süß duftende Lindenblüten und Kamille in sein Teewasser warf. Er rührte mit einem abgegriffenen Holzlöffel in dem Kessel herum und fügte dem heißen Getränk noch etwas Nieswurz hinzu, die bekanntlich gut gegen Übelkeit half.

“Es geschah vor Jahren, dass der Drache hier auf der Insel strandete. Ja, er wurde vom Meer angespült und ich habe ihn gefunden. Ich dachte zuerst, dass es nur eine Seeschlange ist. Oder vielleicht eine Kälpi, die mir einen hinterhältigen Streich spielen will. Aber als ich näherkam, sah ich, dass das Wesen, das noch lebte, schwer verwundet war. Man hatte ihm die Flügel eingerissen, Pfeile steckten in seinem ungeschützten Bauch und an seiner rechten Flanke fehlten die Schuppen, als hätte sie jemand brutal abgehackt. Armes Ding. Also bekam ich Mitleid. Ich bin eben jemand, der sehr gerne hilft, müsst ihr wissen.”, seufzte der gutmütige Eremit mit dem Hähnchenfuß am Hut “Also bin ich hin und habe mir das Tier angesehen. Dann, als es zu sich kam und mich bemerkte, sprach es auf einmal. Ja. Schau nicht so blöd, Enkelchen, es ist die Wahrheit!”

Auch Anna hatte sich nun ächzend hinter dem Tisch aufgerichtet und sah gespannt abwartend zu dem erzählenden Druiden hin, der sich wieder mit an den Tisch gesellte, um seinen Tee im Hintergrund noch etwas ziehen zu lassen.

“Der Drache bat mich um Hilfe. Ohne das Maul zu bewegen hat er geredet und in diesem Moment wusste ich, was er war. Keine Seeschlange oder Kälpi, sondern ein wahrhaftiger grüner Drache! Also habe ich geholfen und der armen Myrgtabrakke - oder Märthe - das Leben gerettet. Märthe wiederum versprach mir dafür im Gegenzug ebenso zu helfen. Immer dann, wenn ich es eben nötig hätte, denn sie schulde mir ihr Leben. Ihr gefiel es auf Drakensund und sie blieb, wurde eine gute Freundin. Natürlich nahm sie eine menschliche Form an, um das gemeinsame Teetrinken und Kuchenbacken zu erleichtern. Ja, ja, ja. Meine Hütte ist etwas zu klein für einen großen Drachen.”, der schniefende Kräuterkundige lachte den letzten Satz amüsiert hervor und Anna’s Blick wanderte ungläubig zu Rist hin. Der, wiederum, sah seinen Onkel etwas entrückt an, sagte aber nichts.

“Und… was ist mit dem Hort aus dem Märchen?”, fragte der jüngere, zu neugierige Skelliger dann, nach einer Denkpause, auf einmal. Adlet, der da saß, betrachtete ihn mit einem vielsagenden Lächeln auf den schmalen Lippen. Anna wusste, was dies bedeutete. Und zwar, dass es tatsächlich einen Schatzhort gab. Oder nicht?

“Märthe mag besondere Dinge und sammelt sie, falls du das meinst, ja.”, gab der Druide ganz locker von sich “Frage sie doch danach. Vielleicht gibt sie etwas davon her. Sie mag dich sehr, musst du wissen. Und bestimmt rechnet sie es dir hoch an, dass du dich gegen die Drachenjäger geschlagen hast. Du hättest es dir also verdient.”

Dem alten Sprichwort ‘Wenn man vom Teufel spricht...’ zufolge, klopfte es Sekunden später schon an die Tür der kleinen, bunten Hütte und Adlet sah auf. Er musste den Gast gar nicht erst hereinbeten, damit jener auf der Schwelle erschien. Märthe war dem Mann schließlich so vertraut, dass sie es sich erlauben durfte einfach so einzutreten. Mit einem erleichterten Lächeln auf den Lippen tat sie das. Sauber, in ein schlichtes, graues Kleid und einen dünnen Mantel gehüllt.

“Ich habe mich umgezogen”, meinte sie überflüssigerweise und diese Aussage wirkte so verdammt schräg “Wie geht es euch allen? Ich hoffe, jeder ist wohlauf.”

Anna zuckte zusammen, als sie die vermeintliche, nach Thymian riechende Druidin mit den unwirklich grünen Augen erkannte. Auch Hjaldrist hob kritisch den Kopf. Adlet aber, der bot seiner Freundin bloß Tee an.

“Alles in Ordnung, ja, ja.”, schniefte der Onkel “Komm her und setz dich, es gibt Lindenblütentee! Wie geht es dir denn, hm?”

“Mir geht es gut. Der Dicke mit dem Froschmaul liegt mir nur etwas schwer im Magen…”

“Oh! Dann wird dir mein Tee guttun. Komm, hier, der Platz ist noch frei. Will irgendjemand etwas Brotkuchen?”

Anders, als der gesprächige Druide blieben Hjaldrist und dessen Freundin stumm, als der Drache zu ihnen kam, um sich auf den freien Hocker am Tisch zu setzen. Munter und so nett, wie eh und je lächelte die Frau in die Runde und griff das Thema des Drachenjägerangriffes sofort wieder auf.

“Ich wollte euch vorhin nicht erschrecken, es tut mir leid.”, sagte sie aufrichtig und Anna blinzelte baff. Das kalte Tuch rutschte ihr vom versehrten Kopf.

“Ähm.”, war das einzige, das Hjaldrist zustande brachte “Schon gut…”

“Oh, Märthe? Der Junge hat nach deiner Sammlung gefragt, als ich ihm erklärt habe, dass nicht alle Märchen vollends wahr sind.”, warf Adlet plötzlich ein, als er mit seiner Teekanne und einem Honigtöpfchen nahte, und sein betroffener Enkel fuhr kaum merkbar zusammen. Wie ertappt linste der jüngere Krieger zu der Frau mit den kastanienbraunen Haaren hin und erwartete sich ein böses, besitzergreifendes Fauchen. Stattdessen lächelte Märthe ihm warm entgegen.

“So, so.”, sagte sie “Und?”

“Nichts.”, entkam es Rist überschnell, weil er dem heiklen Thema ausweichen wollte. Anna schwieg, denn es war wohl besser so.

“Glaubst du denn, du könntest ihm deine Dinge zeigen? Ach, Söhnchen, diese Sammlung würde dir gefallen. Sie ist sehr eindrucksvoll und bestimmt könntest du auch etwas lernen.”, schwärmte Adlet und die anwesende, stumme Novigraderin glaubte, sie träumte einen verqueren Traum. Als geschähe das, was hier ablief, gerade nicht wirklich. Als hätte sie einfach nur einen zu heftigen Schlag auf den Kopf bekommen.

“Oh!”, machte Märthe entgegen aller Erwartungen völlig ruhig und gönnerhaft “Natürlich. Kommt mich morgen doch in meiner Höhle besuchen. Alle drei.”

 

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