Kapitel 130 (Buch 5, 7)

War sie nicht eine von den Guten?

“Anna! Rist!”, donnerte eine Stimme durch das kleine Gästezimmer und ließ die Besagten hochschrecken. Bevor Anna irgendetwas verstand, hatte sie schon ihr Kampfmesser in der Hand und saß kerzengerade auf dem Bett. Hjaldrist, der in der vergangenen Nacht am Fußende von eben jenem eingenickt war, fuhr ebenso zusammen und hob den Kopf. Lado, der frühmorgens in den Raum geplatzt war, stutzte, als er die beiden Freunde im Schein seiner Öllampe und dem fahlen Orange-Rot der Morgendämmerung sah, das zum Fenster hereindrang. Und seine Überraschung war ihm wohl nicht zu verdenken, denn er hatte sicherlich nicht erwartet, dass sie sich ein Bett teilen - wenn man es denn überhaupt so nennen konnte. Anna und Rist hatten in der vergangenen Nacht noch sehr lange geredet. Die Kräuterkundige im Bunde hatte sich die Stiefel ausgezogen und nach einer kurzen Weile bekümmert damit angefangen ihrem Freund zu erzählen, was Hieronymus gesagt hatte. Sie hatte sich daran erinnert, dass der Redanier Nyra ‘Nayrea’ genannt und als unwissend betitelt hatte; und dass jener glaubte, Silven wolle seiner Elaine Anna’s Körper schenken. Sie hatte die Geschichte des Elfen und dessen Frau erzählt und sich ratlos gezeigt. Der skeptische Jarl indes, hatte einfach nur schweigend zugehört und war am Bettende sitzen geblieben. Anna hatte ihm erklärt, warum sie vor der Taverne geflennt hatte, warum ihre Laune so mies war und dass sie zuletzt eine derbe Angst hatte. Wegen Silven, diesem Parasiten in ihrem Kopf. Ja, Hjaldrist gegenüber gab sie so etwas zu. Dann, nachdem die geknickte Frau geendet hatte, hatte der Skelliger gesprochen. Er hatte versucht das vernünftig und gelassen zu tun und Anna damit ein wenig ihrer klammernden Panik genommen. Dass Silven Elaine’s Geist in Anna’s Körper speisen wolle, fände er utopisch. Und seine Gefährtin mit dem verbundenen Hals solle sich nicht solch einen großen Kopf machen, weil sie momentan eh nicht viel an ihrer Lage ändern könne. Doch zumindest hätten sie Nyra’s Kette. Wobei diese Nyra - oder Nayrea, wie sie offenbar hieß - nun auch nicht mehr ganz vertrauenswürdig anmutete. Jedenfalls dann nicht, wenn man Hieronymus Glauben schenkte. Doch konnte man das denn?

Irgendwie war das Gespräch zwischen den ehemaligen Abenteurern dann in ein Mutmaßen über Artefakte und Geläster über Zauberinnen und Redanier ausgeufert. Die Freunde hatten über das Duellantenfest und den mystischen Bogenwald geredet. Und irgendwann, während Anna über Schatten in Wäldern und Nekkernester palavert hatte, war der geschaffte Rist eingedöst. Und daher hing er gerade noch immer irgendwo auf Wadenhöhe seiner Kollegin herum und sah mit vom Schlafen wirren Haaren verwirrt, doch kampfbereit, um sich. Sicherlich schmerzte ihm das Kreuz, so verdreht, wie er zuvor dagelegen hatte.

“Äh.”, fiel es Lado nurmehr ein und er verkniff sich gleich ein breites Grinsen. Wahrscheinlich dachte er sich sonst was. Sah er denn nicht, dass Anna und Rist all ihre Kleidung trugen und wirkten, wie zwei Kinder, deren Eltern es ihnen am vergangenen Tag erlaubt hatten beieinander zu übernachten? Nicht wie Erwachsene, die sich irgendwelchen Intimitäten hingegeben hatten? Es hätte nurmehr ein Kissenlager gefehlt.

“Äh…?”, entkam es auch der Trankmischerin schlaftrunken, als sie ihr scharfes Messer sinken ließ, das des nächtens stets unter ihrem Kissen lag. Und sie wunderte sich nicht über den Jarl auf ihrem Bett. Schließlich hatte sie vor Stunden noch brummig geschnauft, weil er einfach so eingeschlafen war, als sie ihm etwas über unterirdische Gänge von kleinen Ogroiden erzählen hatte wollen. Es hatte gut getan zu plappern, nachdem man vollkommen desillusioniert gewesen war. Es hatte aufgemuntert. Sehr. Und es war am Ende auch schön gewesen, dass sich Hjaldrist nicht gähnend in sein Bett zurückverzogen, sondern geduldig zugehört hatte.

“Urgh… Lado…”, erkannte Rist mürrisch “Die Sonne ist noch nicht mal aufgegangen… was ist?”

“Ich weiß. Entschuldigt, ihr zwei.”, machte die Viper und wirkte unruhig “Aber ich glaube, wir haben ein Problem.”

“Oh, nicht schon wieder…”, hörte man den Undviker stöhnen und er sah aus, als hätte er sich am liebsten wieder hingelegt und sich die Decke über den Kopf gezogen. Er hatte keine Lust auf noch mehr Ärger, das war klar. Auch Anna wollte ihren Frieden.

“Vadim und Rosanna haben ein Ritual vollzogen.”, erklärte Lado jetzt gleich vielsagend “Sie haben ein Blutband zueinander geknüpft. So, wie sie es vor einiger Zeit geplant haben. Wisst ihr noch? Ich dachte mir nicht, dass sie dies je täten, aber… aber jetzt ist es vollbracht.”

“Bitte was?”, keuchte Anna und glaubte, sie höre schlecht.

“Sie haben sich heute Nacht im Wald getroffen. Dann, als all alle anderen feiern waren und sie ihre Ruhe hatten. Vadim ist absolut besessen von seiner Jagd auf die Knochenmutter und Rosanna hat sich ihm dahingehend nun offiziell angeschlossen, so scheint es.”, Lado verschränkte die Arme unwohl vor der Brust “Ich habe ihm damals schon gesagt, dass ich einen Blutpakt für eine sehr, sehr dumme Idee halte. Man kann solch ein Band nicht mehr lösen und es vergeht erst beim Tod. Götter!”

“Verflucht…”, murmelte Anna und fasste es noch immer nicht “Vadim… Vadim kennt diese Bogenwald-Hexe doch nicht einmal gut. Und, Rist, das soll jetzt nicht gemein klingen, aber nicht einmal ich würde ein Blutband zu dir haben wollen. Es ist nämlich einfach nur bescheuert.”

“Ah. Freya sei Dank.”, schnaufte der Undviker beiläufig und ein schwaches Grinsen zog an seinem Mundwinkel “Ich nehme also an, dass solch ein Pakt mehr bedeutet, als… naja… rührseligen Blutbruderschaftskram?”

“Ja… ja, das tut es.”, nickte Lado “Wenn man ein Blutband zu jemandem hat, dann spürt man, was eben jener spürt. Man teilt gewisse Empfindungen und Sinne, Emotionen und Ängste. Man kann es sich so vorstellen, wie bei Zwillingen, die irrsinnig aneinanderhängen und miteinander fühlen. Es ist… heftig. Und wenn einer der Beteiligten stirbt, vergeht auch der andere. So stand es früher jedenfalls in den Büchern meiner Zunft.”

Anna stierte den glatzköpfigen Hexer betroffen an, als er sprach. Der Begriff der Blutbänder war ihr geläufig und daher war sie nicht allzu schockiert über deren Definition, an die sie erinnert wurde. Was sie aber entsetzte war, dass Vadim, gerade VADIM, zu solch einem Mist gegriffen hatte, um die Baba Yaga zu finden. Er war doch verrückt und das, was er getan hatte, unumkehrbar. Verdammt. Anna ließ den Blick nachdenklich sinken. Ihre Miene war erst besorgt gewesen, wurde jetzt aber härter.

“Und was sollen wir jetzt tun?”, seufzte Rist müde und sprach die Gedanken seiner jüngeren Freundin aus “Wenn man den Pakt nicht auflösen kann, dann bringt es doch nichts sich den Kopf zu zerbrechen. Und Vadim ist selber schuld. Er ist ein erwachsener Mann. Ein VATT’GHERN sogar.”

“Das… ist wahr.”, antwortete Lado unbeholfen und stöhnte planlos “Ich wollte es euch nur umgehend wissen lassen. Schlussendlich steht Vadim zumindest Arianna nahe...”

Sie nickte.

“Danke Lado.”, machte die schwarzhaarige Frau und sah wieder auf “Es ist gut, dass du an uns gedacht hast, obwohl wir nichts tun können. Wo ist er denn jetzt?”

“Er hat sich hingelegt. Das Ritual muss anstrengend gewesen sein.”, gab Lado zurück “Kasia ist ihm hinterher und wollte nach ihm sehen. Sie, ich und Tar’Azul waren noch bis eben im Gasthaus. Das jedenfalls, bis Vadim und Rosanna ins Dorf zurückkamen...”

“Hmpf…”, seufzte Rist ungläubig “Vadim ist ein Idiot.”

“Ja.”, entgegnete Anna “Das ist er wohl. Aber wenn man von irgendeinem großen Ziel besessen ist, tut man manchmal wirklich dumme Dinge, um es zu erreichen. Was mich wundert, ist bloß, dass gerade ER es war, der mich im Frühjahr zur Vernunft anrief. Und jetzt macht er selbst solch einen Mist?”

“Dich zur Vernunft auffordern? Hat er das?”, fragte Lado erstaunt “Er kam wirklich an dich ran, als du so… feindselig warst?”.

“Mhm, ja, schon. Er gab mir Geld und wollte, dass ich nach Undvik zurückreise.”, erinnerte sich Anna gut und sah im Augenwinkel, wie aufmerksam Rist sie musterte “Er meinte, dass man mit Freunden besser dran sei, als allein. Aber ich habe es nicht glauben wollen, weil ich komplett plemplem war. Hätte ich mal auf ihn gehört...”

“Hm. Verstehe…”, grübelte der bärtige Lado “Na, ich würde ja vorschlagen, dass DU nun mit IHM sprichst. Aber er hat seine Dummheit schon begangen und es brächte nichts.”

“Das stimmt.”, entkam es Anna “Und… es klingt womöglich böse, aber ich habe momentan selbst genug Sorgen. Was soll ich jetzt noch mit der Knochenmutter? Silven überfordert mich schon.”

“Richtig.”, gab Hjaldrist beipflichtend von sich “Anna und ich reisen demnächst ab. Wir können nicht ewig von Skellige fortbleiben. Ich-... WIR haben dort unseren Arbeiten nachzugehen. Und nebenher haben wir so und so schon zu sehr am Silven-Problem zu knabbern. So, wie Anna gerade sagte. Wir werden uns Vadim’s Misere nicht auch noch aufhalsen.”

Anna zögerte eine Weile, doch dann gab sie einen zustimmenden Ton von sich. Und so sehr sie es bedauerte nichts für ihren einäugigen Onkel tun zu können, so empfand sie es als richtig, was Hjaldrist sagte. Allein in den letzten Tagen war schon wieder so viel passiert, dass sie für die kommenden Monate genug hätte. Sie wollte nach Hause.

“Willst DU denn etwas tun, Lado?”, fragte sie nach einer kleinen, nachdenklichen Pause und dies interessierte sie aufrichtig. Der gutmütige Hexer mit der Laterne und dem Schlangenamulett lächelte ohnmächtig.

“Ich würde ja. Aber Vadim lässt mich nicht, denke ich.”, sagte er “Er hat mich vorhin erst ignoriert, mich später angemurrt und mir dann gesagt, dass er seine Bürde alleine tragen müsse.”

“Alleine?”, wand Hjaldrist abfällig ein “Und deswegen verbandelt er sich magisch mit einer Hexe? Netter Versuch. Ich würde das Wort ‘allein’ ja anders definieren...”

“Tja. Man muss ihn wohl nicht verstehen.”, die Viper zuckte mit den Schultern. Anna kratzte sich am Hinterkopf. Ratloses Schweigen. Ja, was jetzt?

“...Ach, ich mache uns Pfannenkuchen.”, sprach Rist dann irgendwann frohen Mutes in die Stille hinein und äußerte dabei einen Plan, der besser nicht sein könnte “Pfannenkuchen mit Speck. Und mit Honig, falls noch welcher da ist. Wollt ihr?”

“Aber unbedingt! Nach all dem Met im ‘Torkelnden Schurken’ brauche ich das!”, freute sich Lado und auch auf Anna’s Züge stahl sich ein breites Lächeln. Gerade eben war sie noch so matt und unausgeschlafen gewesen. Wenn es jedoch um Hjaldrist’s Pfannenkuchen ging, wurde sie stets schnell munter.

“Ich will fünf.”, verkündete sie geschäftig und der anwesende Vatt’ghern lachte ob dieser Gier auf.

“Na dann los, Herr Koch.”, forderte Lado und deutete mit dem Kinn auf Rist, der grinsend mit den Augen rollte. Ohne sich noch weiter anzukleiden, verschwand der Jarl dann nur in Hemd, schlecht sitzender Hose, Stiefeln und mit unfrisierten Haaren nach unten. Schlussendlich war es noch einigermaßen dunkel und niemand würde ihn sehen. Anna freute sich. Es würde großartig werden wieder einmal zusammen zu frühstücken. Und das ganz ohne böses Blut.

 

“Ihr knommt spät.”, näselte Rist, der sich sein grünes Halstuch um die Stirn gebunden hatte und einen schrecklichen Sprachfehler mimte “Die Pfnannenknuchen sind fast knalt!”

Anna, die gerade erst in das kleine Haus Lado’s gekommen war und den unordentlich gekleideten Skelliger mit der Bratpfanne in der Kochnische stehen sah, hielt inne und starrte verdutzt. Kasia und Lado, die am alten Esstisch saßen, lachten laut. Das nicht nur über den ungekämmten Hjaldrist, der gerade sehr dümmlich wirkte, sondern auch über Anna’s Blick, der genauso dämlich war.

“Äh...”, machte die verdutzte Kriegerin zögerlich und Rist wahrte eine todernste Miene “Häh?”

“Das ist Lado’s neuer Koch.”, erläuterte Kasia, die aussah, als habe sie vor Kurzem noch geweint. Ihre Augen waren ganz rot. Doch nun, da sie in die Richtung des ulkigen Undvikers zeigte, musste sie erheitert glucksen. Anna’s Kopf arbeitete auf Hochtouren. Und sie glaubte langsam den Sinn von dem Schauspiel hier zu verstehen.

“Er heißt Knorbert.”, ergänzte der Vatt’ghern am Tisch noch mit bedeutungsschwangerem Blick und kippte sich ordentlich Sirup auf sein fettiges Frühstück, das köstlich nach Speck und süßem Teig roch. 

“Wollt Ihr knun Pfnannenknuchen, oder was?”, fragte Hjaldrist, der hier Theater spielte, um für gute Stimmung zu sorgen. Offenbar wollte er die arme Kasia damit aufmuntern. Es wirkte. Und auch Anna’s Ausdruck verrutschte in eine amüsierte Richtung. Es tat gut leise zu lachen.

“Knorbert? Aha.”, machte sie “Freut mich. Und ja, ich nehme… Pfnannenknuchen.”

“Seid Ihr Knanna?”, wollte der Näselnde wissen “Ich habe knehört, Ihr mögt fünf Knuchen. Ein knomsicher Knarl hat’s mir gesagt.”

“EIn Knarl? Einer von Knellige?”, hakte die Ungeheuerjägerin gespielt trocken nach.

“Knellige? Mir dünkt, Ihr habt einen Knachfehler.”, brummte der Koch - oder sollte man eher sagen: ‘Knoch’? - und Kasia kicherte. Sie lachte so sehr, dass sie sich den Bauch hielt. Und Anna winkte schmunzelnd ab, ehe sie an den Esstisch kam, um sich zu ihren Freunden zu setzen. Ihr Magen meckerte ein wenig, weil sie nach dem Aufstehen ihre spezielle Schwalbe getrunken hatte. Doch das würde ich bald legen, hoffte sie. Dem Genuss von ‘Pfnannenknuchen’ mit Speck stand also nichts im Wege.

 

“Ich habe übrigens unsere Wette gewonnen.”, erinnerte Hjaldrist viel später, als er neben Anna nahe dem Dorftor herumlungerte, hintergründig. Sie beide saßen auf einem ausrangierten Tisch vor dem leerstehenden Bürgermeisterhaus und beobachteten die Torwachen beim Dienst. Der Abend nahte schon wieder. Den ganzen Tag über war nicht viel geschehen und Vadim, der hatte sich bis vor zwei Stunden überhaupt nicht blicken lassen.

“Ah ja… ich hatte gehofft, dass du diese Sache vergisst…”, seufzte Anna ehrlich und sah aus dem Augenwinkel zu ihrem schelmischen Freund, der neben ihr saß und die Beine von der verwitterten Holzablage baumeln ließ.

“SOWAS vergesse ich nicht.”, grinste der Jarl schadenfroh und in seinem Unterton lag eine Herausforderung. Oje. Was käme nun bloß?

“Und deswegen habe ich jetzt einen Wunsch bei dir gut.”, sagte er wölfisch.

“Mhm. Und was für einen Wunsch?”, wollte die wenig begeisterte Novigraderin wissen. Wie schön es nur gewesen wäre, hätte ihr Kumpel die gleichen Erwartungen, wie sie. Doch es war vergebens darauf zu hoffen, dass auch er sich einen Kuss wünschte. Diese Zeit war vorüber.

“Pavetta wird dich drei Monate lange einkleiden, sobald wir zurück auf Undvik sind.”, grinste Hjaldrist plötzlich und Anna sah verdattert zu ihm. Ihr fiel alles aus dem Gesicht.

“Was?”, stöhnte sie. Pavetta? Oh nein. Diese Frau stand doch so auf unbequeme Unterwäsche, Schminke und Kleider. Anna mochte nichts von alledem.

“Das kannst du mir nicht antun!”, protestierte sie demnach wehleidig und Rist lachte heiter.

“Oh doch.”, konterte er “Und wie ich das kann!”

Er hatte Recht. Eine Wette war eine Wette und Anna zu stolz, als solch eine Abmachung nicht einzuhalten. Mist.

“Pavetta wird mich dazu drängen halb durchsichtige Unterhosen anzuziehen, die mir ‘sonst wo’ hin rutschen. Und sie wird mich in irgendwelche feinen Kleider stecken, Rist.”, jammerte die Nordländerin “Wie soll ich denn dann arbeiten?”

“Vermutlich.”, der unbekümmerte Jarl zuckte die Schultern und erwehrte sich eines breiten Grinsens “Und du wirst dir schon etwas einfallen lassen. Du bist doch sonst immer so erfinderisch.”

“Du bist grausam.”, warf die Giftmischerin vor und Hjaldrist lachte abermals auf. 

“Japp.”, machte er locker. Rist würde sich nicht davon überzeugen lassen sich etwas anderes zu wünschen, das war klar. Pah, dieser Kerl! Alles hätte er haben können. ALLES. Und stattdessen wählte er es Anna zu ärgern? Das passte zu ihm. Geschlagen seufzte die Kurzhaarige, doch hielt gleich inne, als sie sah, wie Hieronymus den schmalen Weg vom Dorftor her entlang kam. Der Kopf des Redaniers war nicht länger dick verbunden, doch eine dünne Bandage hielt ihm ein zusammengefaltetes Tuch am versehrten Auge. Er kramte in seiner Umhängetasche aus braunem Leinen herum, als er nahte. Und während Anna plötzlich etwas kritisch wirkte, als sie den Nordling erkannte, verengte Hjaldrist den Blick misstrauisch. Der Jarl rutschte vom morschen Tisch und trat gleich vor, um Hieronymus aufzuhalten. Anna beobachtete dies unschlüssig. Auch sie glitt von der Tischkante.

“Ich muss mit dir sprechen.”, äußerte Rist und der Redanier blieb stehen “Anna erklärte mir, was du ihr gestern erzähltest.”

“Tse.”, machte Hieronymus verächtlich “Mit Euch reden? Nein danke. Und geht mir aus dem Weg.”

Oh. Schlecht. Hjaldrist’s Mundwinkel zuckte genervt. Und wer wusste, wie die Skelliger waren, konnte ahnen, was drohte zu folgen. Anna stellte sich mental bereits darauf ein Hieronymus aufs Maul geben zu müssen, weil er Rist gegenüber handgreiflich wurde. Und sie war wild entschlossen dies zu tun, obwohl der Nordling ihr nichts getan hatte. Ganz im Gegenteil. Eigentlich fand sie ihn als Menschen sehr nett. Nur wenn Hieronymus den Namen ihres Jarls infrage stellte, gab es kein Wenn und Aber.

“Nein, ich gehe nicht aus dem Weg.”, bestand der besagte Axtkämpfer in Grün und in seinem Unterton lag eine dunkle Drohung “Ich weiß nicht, wer du tatsächlich bist und ob es wahr ist, was du vorgibst. Daher will ich mich von dir überzeugen. Also werden wir sprechen.”

“Steckt Euch Euer ‘Überzeugen’ sonst wo hin.”, murrte der Redanier und beleidigte hier bewusst einen Jarl der Inseln. Einen Jarl wohlgemerkt, der zurzeit nicht der gelassenste war und die Schnauze voll hatte von Leuten, die ihn missachteten. Hieronymus bewegte sich auf hauchdünnem Eis. Und Anna, die die ungeheure Anspannung in der Luft spürte und Rist versprochen hatte ihre Aufgaben ernster zu nehmen, kam einen Schritt näher. Ihr Blick war ernst geworden. Und sie war entschlossen: Würde der Redanier ihren Freund wieder angreifen, wäre sie da, um dazwischenzugehen. So, wie es ein Gardist eben tun sollte. Sie wollte sich keine Patzer mehr leisten.

“Du machst gerade einen Fehler.”, warnte Hjaldrist ein letztes Mal schlicht. Doch sein Gegenüber kannte seine Grenzen nicht und missachtete den Stand des Skelligers vor sich bewusst und patzig.

“Kann sein. Und dennoch habe ich keine Lust darauf mit einem Tyrannen wie Euch zu sprechen.”, sagte der vermeintliche Spion und linste zur verbundenen Hand Rists. Anstatt es sein zu lassen, setzte er noch einen nach, bevor es klatschte.

“Ich habe gehört, Eure linke Hand ist unrettbar kaputt. Geschieht Euch recht. Menschen wie Euch strafen die Götter.”, fand Hieronymus, wand sich ab und stolzierte erhobenen Hauptes davon. Hjaldrist sah ihm schweigend nach und sein Ausdruck wurde bedeutend finster.

“Anna.”, entkam es ihm. Und der Befehl, der in seiner trockenen Stimme lag, war unverkennbar.

“Ich glaube, der Redanier sehnt sich auch nach ein paar gebrochenen Fingern.”, glaubte der Schönling kühl. Und dieses Mal würde seine Begleiterin ihn nicht enttäuschen. Anna straffte die Schultern und ihr berechnender Blick folgte Hieronymus. Sie setzte sich umgehend in Bewegung und würde das tun, wofür Huskarle tatsächlich da waren. Die Kriegerin folgte dem vorlauten Redanier sofort, um ihm einen Denkzettel zu verpassen. Der Kerl war gerade auf dem Weg in die Taverne, aus der verwehte Musik drang, als sie zu ihm aufholte und ihn ansprach.

“Hieronymus.”, rief Anna den Nordling an und dies so unschuldig, als möglich “Wartet kurz.”

Der Mann mit dem redanischen Adler auf der Brust blieb stehen und sah sich fragend nach ihr um.

“Frau Anna?”, fragte er überrascht und verharrte abwartend. Sich den roten Filzhut zurechtrückend taxierte er die vermutlich Jüngere.

“Können wir kurz miteinander reden? Unter vier Augen?”, wollte sie betroffen wissen. Sie war eine gute Schauspielerin, wenn sie es sein musste. Und es wirkte.

“Worüber?”, murrte Hieronymus uneins.

“Über das von gerade eben…”, lächelte sie schmal und tat so, als sei sie eine versierte Diplomatin “Ich würde da gerne ein Missverständnis klären.”

“Oh?”, der Redanier mit dem verletzten Auge hob die Braue überrascht an “Ihr müsst Euch nicht für den Jarl entschuldigen. Ihr habt mir nichts getan und er ist einfach nur ein halsstarriger Narr. Tse… ich werde diese Inselleute niemals verstehen...”

“Ja… ja, ich weiß…”, lächelte die Kurzhaarige ungebrochen nett “Und dennoch. Kommt Ihr kurz? Es ist mir wichtig.”

Die Augen des gelangweilten Rausschmeißers der Schänke hingen auf ihnen beiden. HIER könnte Anna Hieronymus also nicht den Arsch aufreißen. Denn dann bekäme sie üblen Ärger: Erst mit dem Schläger des ‘Torkelnden Schurken’, dann mit der örtlichen Wache. Womöglich würde man sie gar einsperren, denn tatsächlich war es auf Siofra so, dass Hjaldrist’s Wort kein Gewicht hatte. Hier war nicht Skellige. Freikaufen könnte der vermögende Adelige seine Freundin vielleicht, ja. Doch ganz ehrlich? Anna hatte wenig Lust darauf das Arschloch, das ihr unlängst die Kehle hatte aufschneiden wollen, zu sehen oder zu eben jenem in die Zelle geworfen zu werden. Svatlaf saß doch noch im Gefängnis? Was man wohl mit ihm anstellen würde? Im ganzen gestrigen Trubel um Rist und dessen Hand hatte sie dieses Thema völlig vergessen.

“Na schön.”, seufzte Hieronymus nun und nickte. Er wandte sich Anna zu, stemmte sich die Hände erwartungsvoll in die Taille. Und die undviker Leibwache wiederum, winkte ihn zu sich, bevor sie voranging, um Momente später in einer kleinen Seitengasse zu verschwinden. Es war durchtrieben und falsch, was Anna gerade tat. Im Grunde stand es absolut gegen ihre Art, denn war sie nicht Eine von den Guten? Vielleicht. Womöglich aber auch nicht. Seit dem Mord an Orlan, damals, während des Aufstandes in Undvik, zweifelte sie ab und an an der Vertretbarkeit ihrer Gesinnung. Denn jene hatte sich verdreht und sich spätestens in Kaer Iwahell von ihrer schlechtesten Seite gezeigt. Ja, es konnte sein, dass Anna nicht so gutmütig und ungefährlich war, wie sie glaubte. Oder wie sie es einst gewesen war. Aber war sie böse? Tief in ihrem Innern? Ja, das konnte sein. Und deswegen lockte sie Hieronymus jetzt, in der Düsternis des Abends, hinterhältig zwischen zwei Häuser. Er folgte ihr ganz naiv, erwartete eine klärende Unterredung unter Bekannten. Doch noch ehe er überhaupt verstand, was tatsächlich geschah, packte Anna ihn, zerrte ihn in die schützenden Schatten und verpasste ihm eine gesalzene Rechte, die ihn dazu brachte zu wanken. So unvorbereitet war der Nordling gewesen, dass er stürzte, hart am feuchten Boden landete und dort auch verwirrt stammelnd sitzen blieb. Es ging schnell. Anna kam im Stehen über den gepeinigt Stöhnenden, packte ihn am rot bestickten Kragen und zog ihn daran leicht hoch, um ihm zuzuflüstern. So belämmert, wie er dreinsah, hatte er sicherlich noch tanzende Sternchen im flackernden Blickfeld hängen. Der elende Zuträger war selbst zu orientierungslos, um sich in irgendeiner Weise zu wehren oder sich zu sträuben. Er war vollkommen durch den Wind.

“Niemand beleidigt Hjaldrist so, wie du es getan hast.”, wisperte Anna kalt und blendete ihr Gewissen aus, das all das hier nicht ganz so schön fand “Du magst gestern nett getan haben, aber das ist mir egal. Es spielt keine Rollen, Hieronymus.”

“Wa-was?”, keuchte der Mann, dem dunkles Blut an der aufgeplatzten Lippe stand und er versuchte angestrengt die Sicht zu fokussieren. Er schluckte schwer.

“Du hast mich schon gehört.”, machte Anna. Kurz und abschätzig betrachtete sie Hieronymus’ Gesicht und ließ ihr Opfer dann wieder los, stieß es von sich und damit zurück zu Boden. Einmal trat sie zu und der harsch an der Seite getroffene Nordling schrie auf. Weichei. Anna kam entschlossen vor und setzte sich umgehend auf Hieronymus’ Bauch. Einen Atemzug lange betrachtete sie den Mann abschätzend. Dann erwischte sie seine Linke und zertrümmerte ihm die Hand, ehe er wusste, wie ihm geschah. Anna wusste nicht, inwieweit sie den Mann verwundete, doch das laute Knacken von dürren Fingerknochen, begleitet von einem weiteren gequälten Schreien, reichte ihr aus. Der Spion im weißen Gambeson johlte schmerzerfüllt und unweit gerieten Soldaten alarmiert in Bewegung. Anna war jedoch noch nicht fertig. Noch einmal schlug sie zu, bescherte Hieronymus eine blutende Nase, und beugte sich dann tief zum Gesicht des Redaniers hinab. Mit einer Hand stützte sich neben ihn auf den klammen Grund und ihr Ausdruck war eine steinerne Maske. Es war nicht das erste Mal, dass sie einen Gegner der Jarlsfamilie in seine Schranken wies.

“Du weißt, was ich auf Kaer Iwahell getan habe, Nordling. Also weißt du auch, dass ich Dämonen beschwören kann, ja?”, flüsterte sie. Anna bluffte. Natürlich hatte sie die Ritualanleitung aus Verden noch im Kopf. Mit ein wenig Mühe und Nachforschung wäre es für sie ein Leichtes noch einmal zu den Wesen der Finsternis zu sprechen. Doch sie würde nicht. Niemals wieder beginge sie diesen Fehler. Aber das musste Hieronymus ja nicht wissen. 

“Komme Hjaldrist noch einmal dumm und ich hetze einen Teufel auf dich.”, knurrte Anna dem Mann unter sich warnend entgegen. Hieronymus, der seiner gnadenlosen Peinigerin dies völlig abnahm, kreischte panisch. Sein eines, gesundes Auge war weit aufgerissen und glasig.

“D-Dämonen? Nein!”, jaulte er heiser und war komplett außer sich “Keine Dämonen! Bitte nicht!”

Grimmig-zufrieden lächelte Anna und hörte, wie Gerüstete angelaufen kamen. Tief atmete sie aus und sah sich eilig über die Schulter um. Hastig erhob sie sich daraufhin und trat noch ein letztes Mal auf den verletzten Redanier am dreckigen Boden, als sie ging. Schnellen Schrittes verschwand sie und floh auf leisen Sohlen aus der dunklen Seitengasse. Niemand sah sie. Denn sie war schon ganz anderen Wesen entkommen, als einfachen Menschen, deren scheppernde Rüstungen es einem schon auf viele Fuß verrieten, von wo sie kamen. Sie spazierte gleich zurück auf den Hauptplatz Bogenwalds, wo sie ihren Schritt verlangsamte und wo Hjaldrist unbeteiligt an einem dicken Laternenpfahl lehnte. Doch so gelangweilt er im tanzenden Lampenschein auch tat, so war es augenscheinlich, dass er nach dem Krawall in der Seitenstraße auf seine Freundin wartete.

“Taverne?”, fragte er, als Anna bei ihm ankam. Prüfend betrachtete er sie von der Seite aus und sie wischte sich die Finger, an denen fremdes Blut klebte, am Mantel ab. Die Giftmischerin nickte, atmete einmal tief durch und besann sich darauf die arge Anspannung von vor wenigen Momenten wieder aus ihren Gliedern weichen zu lassen. Denn es war vorbei. Sie hatte ihre Aufgabe erledigt und das ganz gut, wie sie fand. Hjaldrist lächelte seicht. Er sah genauso zufrieden aus, wie auch dankbar dafür, dass man seine Ehre als Clanoberhaupt der Inseln verteidigt hatte. Der Jarl klopfte Anna den Rücken anerkennend und zusammen gingen sie kaum zwei Wimpernschläge später ins Gasthaus, um einer Runde Gwent zu frönen und zu Abend zu essen. Anna folgte ihrem Gefährten mit dem Fellumhang dabei und sah, wie Rist dem muskelbepackten Rausschmeißer vor dem Haus ein Lächeln schenkte und eben jenem im Vorbeigehen eine Silbermünze in die Hand drückte.

“Äh…?”, brummte der glatzköpfige Schrank von einem Kerl und der kleinere Hjaldrist ging einfach nur abwinkend weiter, um in den ‘Torkelnden Schurken’ zu gelangen. Man sah den Schläger der Taverne die fettige Stirn in tiefe Falten legen, denn ein glänzendes Silber war viel für nichts. Er maß auch die vorbeispazierende Anna mit einem unschlüssigen Blick. Dann ließ er die Münze in seiner schwieligen Hand jedoch in seine Tasche verschwinden und zuckte die Achseln.

 

“Ihr! Mitkommen, aber sofort!”, Anna sah von ihrem Abendessen - Dampffleisch mit Kartoffeln und grünen Bohnen - auf, als zwei der Dorfwachen vor dem Tisch erschienen, an dem sie mit Hjaldrist saß. Auch Tar’Azul war da und schenkte den verärgerten Soldaten keinerlei Aufmerksamkeit, denn er war soeben dabei ein Loch in seiner Jacke zu flicken.

“Hm?”, machte die anwesende Alchemistin, die von ihrem Essen aufsah, und stellte sich dumm “Warum?”

Ihr Blick wanderte an den Wachen vorbei und gen Hieronymus, der in sicherem Abstand zu ihr im Rücken der gerüsteten Männer stand. Mit Blut am Mundwinkel, Dreck an der Kleidung und geschwollener Nase sah er furios drein und offenkundig war es ihm doch einerlei, dass Anna ihm angedroht hatte Dämonen auf ihn zu hetzen. Die Besagte verzog keine Miene und äugte wieder zu den beiden Kriegern der Dorfwache zurück. Sie wurde etwas nervös, doch zeigte dies nicht.

“Was ist denn los?”, sprach Rist in dem prekären Moment dazwischen und wirkte dabei äußerst genervt “Wir essen gerade.”

“Das sehe ich!”, brummte einer der Wachmänner Bogenwalds. Er war einer mit Topfhelm am Haupt und Langschwert an der Hüfte. Der Typ schnalzte unzufrieden mit der Zunge und deutete mit dem unrasierten Kinn auf Anna.

“Sie hat einen Mann schwer verwundet und ihm wüst gedroht. Und daher kommt sie jetzt mit uns.”, forderte der Gerüstete streng und man hörte Hjaldrist auflachen. Er tat dies so, als glaubte er, man verarsche ihn. Jemandem wie ihm fiel es selten schwer sich zu verstellen. Der Skelliger war ein redegewandtes Genie, wenn er mit Leuten umgehen musste.

“Was?”, fragte er und zeigte zweiflerisch auf die burschikose Frau neben sich “Sie? Wir waren die ganze Zeit hier. Wann soll sie denn jemanden verwundet haben?”

“Vor etwa einer viertel Stunde!”, maulte Topfhelm “Und es ist verboten Menschen innerhalb des Dorfwalls anzugreifen!”

Der zweite Soldat, ein schlaksiger Kerl mit rotbraunem Schnurrbart, trat näher und fixierte Anna auffordernd aus seinen kleinen Augen. Es war ein stummes ‘Aufstehen und mitkommen!’, doch sie reagierte nicht auf dieses Bestehen. Stattdessen hob sie die schmalen Brauen irritiert und legte die Gabel beiseite. Tar’Azul hatte aufgehört zu nähen und hob den Kopf. Zur selben Zeit kam der Rausschmeißer in die Gaststube und verzog das Gesicht verstimmt.

“Was soll der Tumult?”, schnaufte der Bär von einem Kämpfer. Und in genau dieser Sekunde verstand Anna, warum Rist diesem unsympathischen Kerl vorhin Geld zugesteckt hatte. Der große Schläger hatte Hieronymus und Anna wenige Zeit zuvor zusammen am Hauptplatz gesehen. Er war ein potentieller Zeuge.

“Wir nehmen diese Frau hier fest!”, verkündete Topfhelm und mittlerweile lag die Aufmerksamkeit der halben Taverne auf der Runde. Schnurrbart fasste jetzt vor und wollte nach Anna’s Arm packen, doch sie schlug die fremde Hand sofort widerwillig fort.

“Hallo?”, schnauzte sie pikiert “SO aber ganz sicher nicht! Ich hab nichts getan. Bei Melitele!”

Hjaldrist atmete ein tiefes Seufzen und verschränkte die Arme leger vor der Brust, als er sich zurücklehnte. Seine braunen Augen suchten den nahenden Rausschmeißer und er sprach jenen direkt und hintergründig an.

“Wir sind schon die ganze Zeit über hier, nicht?”, fragte der Jarl den Angestellten der Taverne. Eine ungute Anspannung lag dabei in der Luft und innerlich aufgewühlt drehte auch Anna dem Hünen den Kopf zu. Ohne erst darüber nachzudenken, nickte jener schon.

“Ja. Den halben Abend schon.”, murrte er und es schien, als lüge er gerne für Silber. Zum Glück.

“Was?”, schnappte Topfhelm und sah sich verstimmt zu Hieronymus um, der aussah, als platze er gleich vor Ärger.

“Er ist ein Lügner!”, beschwerte sich der hilflose Redanier.

“Nein, ist er nicht.”, konnte man Tar’Azul ganz gelassen vernehmen “Ich sitze hier schon recht lange neben meinen Freunden. Und außerdem… habt ihr euch das Mädchen einmal angesehen? Ihr wurde beim Duellantenfest die Kehle aufgeschnitten und sie trägt noch immer einen dicken Verband um den Hals. Ich bezweifle, dass sie, auch wenn sie es wollen würde, die Kraft dazu hätte zu kämpfen.”

“Seht ihr?”, lächelte Rist schmal, als er den Blick zu dem lenkte, der Anna hatte packen wollen. Abwartend stierte er jenen Soldaten an. Und obwohl der Jarl lächelte, lag eine tonlose Warnung in seiner Miene.

“Ich komme nicht als Jarl Undviks hierher, um die Elite meiner Wache grundlos auf irgendwelche pöbelnden Redanier zu hetzen.”, versicherte der Schönling trocken und Anna verkniff sich gewaltsam ein Lachen. Stattdessen wahrte auch sie einen ernsten Ausdruck. Dies fiel ihr ungemein schwer, denn sie konnte nicht fassen, wie komisch die Szene war.

“Wie? Was? Das tut Ihr wohl!”, schimpfte Hieronymus im Hintergrund, doch zuckte spätestens an dem Punkt zusammen, als ihm der bullige Rausschmeißer einen bösen Blick schenkte.

“Wenn du Randale anzetteln willst, Nordländer, dann tu das draußen!”, grollte der Bär und schlug sich eine Faust demonstrativ in die Handfläche “Aber nicht in DIESER Taverne! Pah!”

Hieronymus, der aussah, als habe er plötzliche Verstopfung, verstummte sofort. Die Augen aller hingen nun nicht mehr wie eine schwere Last auf Anna und Hjaldrist, sondern auf ihm. Und auf einmal wurde er ganz klein. Er warf der, die ihn vor kurzer Zeit zugerichtet hatte, einen giftigen Blick zu. Sie lächelte kühl. Und dann verschwand der Redanier fluchtartig nach draußen. Rist schüttelte den Kopf ungläubig.

“Uhm…”, Topfhelm war sichtlich verlegen, doch bemühte sich um ein stolzes Auftreten “Offenbar handelte es sich hier um ein Missverständnis.”

“Ja, wie ich bereits sagte…”, stöhnte Hjaldrist genervt “Können wir nun bitte in Ruhe essen?”

“Natürlich.”, nickte der Soldat und sein Kamerad zog sich bereits wortlos zurück “Entschuldigt.”

“Hmpf.”, machte Anna und fischte nach ihrer schmiedeeisernen Gabel, die sie vorher weggelegt hatte. Aus dem Augenwinkel sah sie dabei zu, wie die zwei Dorfwachen gingen und sich dabei darüber unterhielten, dass man ‘der Skelligerin den Hals aufgeschnitten hatte’ und ‘dass dahinter auch ein Redanier steckte’. Sie erkannte wie Hjaldrist dem Türsteher dankend zunickte und auch dieser Hüne ging wieder. Und erst, als dies geschehen war und das Treiben im Gasthaus wieder seinen gewohnten Lauf nahm, hörte man Tar’Azul wissend glucksen.

“Und? Warst du’s?”, fragte er Anna mit gesenkter Stimme.

“Ja, natürlich.”, antwortete sie schlicht und spießte sich ein Stück Kartoffel mit Soße auf die Gabel. Der Wolfshexer gab einen amüsierten Ton von sich, wand sich dann aber schon wieder unbeteiligt seiner löchrigen Jacke zu. Und auch Rist schnaubte erheitert. Das war ja nochmal gut gegangen. 

Die Freunde aßen nun also in Ruhe zusammen und beobachteten nebenher das Treiben im Schankraum, in dem es allmählich stickig wurde. Es war wie immer viel los und nicht wenige Leute schon beachtlich betrunken. Ein junger Barde klimperte eine muntere Melodie summend auf einer Laute und eine Frau mit Flöte begleitete ihn. Nyra hatte sich unweit unter eine bunte Gruppe von Reisenden gemischt und unterhielt sich blendend mit jenen, während Lado irgendwo alleine auf einer Bank lehnte und den Anschein machen wollte, dass er seinen allabendlichen Met in Ruhe genoss. Tatsächlich beobachtete die argwöhnische Viper aber den vermeintlichen Werwolf Ben, der sich unweit des Schanktresens blendend mit einer hübschen Blondine unterhielt. Leto indes, pöbelte irgendwelche Gäste harmlos an und dichtete obszöne Verse über die Namen irgendwelcher Bekannter: Über ‘Franz mit dem kleinen Schwanz’ oder ‘Uschi mit’-... ach, egal. Es war jedenfalls so bescheuert und niveaulos, dass es selbst Anna nicht belustigte. Und das mochte was heißen.

“Wie geht es dir überhaupt mit dem Hals und der Wunde an der Seite…?”, hakte Hjaldrist nach und seine Begleiterin riss die Aufmerksamkeit vom Gastraum fort Sie spürte seinen Blick prüfend auf sich kleben und erwiderte jenen nachdenklich.

“Es-... naja.”, fing sie kritisch an “Nicht mehr lange, und die Kratzer sind weg, denke ich.”

“Die ‘Kratzer’?”, lachte der Undviker leise “Tu nicht schon wieder so stark.”

“Nein, ich meine das ernst.”, gab Anna sofort von sich. Heute Morgen, kurz bevor sie sich angekleidet hatte, hatte sie ihre Verbände und die Verletzungen darunter kontrolliert. Die Stichwunde an ihrer Taille war nurmehr ein tieferer Kratzer, der ab und an schmerzhaft pochte und empfindlich auf Berührung reagierte. Und der halbe Kehlenschnitt, den die Heiler fachmännisch vernäht hatten, hatte sich längst geschlossen. Anna hatte den Faden schon selbst daraus entfernt - mit einem kleinen Messerchen und spitzen Fingern.

“Es ist unheimlich, aber die Wunden sind kaum noch der Rede wert.”, gab die Giftmischerin demnach zu “Ich habe vorhin noch einmal Salbe und frische Bandagen darum gemacht. Aber die brauche ich sehr bald nicht mehr:”

“Ernsthaft…? Aber du warst schwer verletzt, Anna. Du bist fast verblutet.”, murmelte Rist und seine großen Augen wanderten skeptisch an Anna hinab. Erst zu ihrem Hals, dann gen Taille. Leicht unruhig ruckelte die Frau ob dem auf ihrem Platz herum.

“Schwalbe.”, warf Tar’Azul beiläufig ein, ohne von seiner Näharbeit aufzusehen “Ihr habt Anna doch welche eingeflößt, als sie am Boden lag, Rist.”

“Was? Ja… schon.”, kam es seitens des Jarls und er sah sich nach dem entspannten Hexer um.

“Und?”, wollte der wissen “Schwalbe ist ein Heiltrank. Ein starker. Warum wundert es euch beide also, dass Anna wieder wohlauf ist?”

Die Genannte schloss den Mund und taxierte Tar’Azul mit gemischten Gefühlen in der Magengegend.

“Ich… habe Schwalbe nie genommen, um mich zu heilen. Jedenfalls nicht direkt und auch nicht so viel auf einmal. Die Mischung, die ihr mir gegeben habt, war heftig. Mein Magen rebelliert noch immer ein bisschen.”, machte sie leise.

“Tja. Dann weißt du jetzt, wozu der Absud in der Lage ist.”, schloss der Wolf unbeeindruckt und setzte seinen letzten Nadelstich, um das Loch in seiner gestreiften Jacke verschwinden zu lassen. Anna sah dezent unwohl vor sich hin. Und Hjaldrist warf ihr einen eigenartigen Blick zu.

“...Und was ist mit deiner Hand?”, fragte die Nordländerin bald, um das Thema zu wechseln. Sie wollte nicht so angestiert werden, als sei sie übermenschlich. Denn das war sie nicht. Wenn hier jemand andauernd fast die Hufe hochriss, anstatt unkaputtbar zu sein, dann ja wohl sie.

“Meine Hand?”, machte Hjaldrist, als verwundere es ihn, dass man ihn auf seine arg lädierten Finger ansprach. Anna musterte ihn abwartend und er wiederum, verzog den Mund unglücklich.

“Naja.”, seufzte der Jarl “Die Heiler meinten, da wäre nichts zu retten. Mein Zeigefinger ist komplett hinüber und ich werde ihn wohl nie wieder bewegen können. Und der Rest… mal sehen. Es tut jedenfalls noch immer ganz schön weh.”

Anna betrachtete den langhaarigen Mann mit der bandagierten Hand mitleidig. Sie fühlte sich schlecht, denn wäre sie gestern Abend zwischen Hieronymus und Rist gegangen, wäre es gar nicht erst so weit gekommen, dass man die Finger ihres Freundes noch mehr zurichtete, als sie es eh schon waren. Sie hatte Gewissensbisse und obwohl sie den in diesen Scheißdreck verwickelten Redanier heute auf Geheiß Hjaldrist’s übel fertig gemacht hatte, fühlte sich Anna so, als habe sie als Huskarl versagt. Und das fatal. Rist hatte in letzter Zeit oft anklingen lassen, dass er unzufrieden mit ihr war. Und wahrscheinlich hatte er Recht. Die Novigraderin war nie zur Leibwache ausgebildet worden. Normale Huskarle durchliefen ein jahrelanges, hartes Training und das, nachdem sie für gewöhnlich entweder Heldentaten vollbracht oder herausragende Schildmaiden oder Stadtwachen gewesen waren. Sie agierten streng nach ihrem Kodex, der ihnen heilig war, und hatten die skellischen Traditionen in Fleisch und Blut. Sie waren Kampfmaschinen voller Ehre. Und Anna? Die war irgendeine Ausländerin, die man zu Zeiten ihres Trainings in Kaer Morhen nicht einmal auf die äußeren Festungsmauern gelassen hatte, weil man Angst davor gehabt hatte, dass sie von dem maroden Steinwall stürzte. Bis zu ihrem fünfzehnten Lebensjahr hatte man ihr keine Stahlwaffe in die Hand gegeben und wenn es um Pflichtbewusstsein ging, war sie wohl die Letzte, auf die man so richtig bauen konnte. Außerdem war Anna keineswegs stark. Stundenlang laufen, das konnte sie. Schnell ausweichen oder im Wald herumschleichen auch. Aber genau das brauchte man als Leibgardist nicht. Oh Mann. Ja, Anna bemühte sich zwar sehr, doch sie bekäme es wohl niemals hin so zu sein wie Matilda oder Henrik. Es war ein Gedanke, der sie oft ereilte und der sie frustrierte. Warum waren andere immer so viel ‘mehr’, als sie?

“Anna?”, kam es prüfend von der Seite und die Angesprochene sah auf. Sie zuckte beinahe zusammen, weil sie so sehr in schlechten Gedanken versunken gewesen war, und fühlte sich ertappt, obwohl sie sich eben nur in ihrem Kopf verloren hatte. Wobei… ‘nur’ in ihrem Kopf? So seltsam wissend, wie Rist gerade aussah, war es vielleicht berechtigt, wenn sie dahingehend Bedenken bekam.

“Was…?”, fragte die Kurzhaarige verunsichert. Warum lächelte der Jarl neben ihr so eigenartig? Oh, er hatte doch gerade nicht wirklich mitbekommen, woran sie gedacht hatte? Dieser elende-... ja was? Magier? Wie befremdlich.

“Sprich bitte mit Ben.”, trug der Skelliger auf, ohne sich irgendein Wissen anmerken zu lassen “Dass er mir die Finger brach, war eine scheiß Aktion. Aber ich verstehe seine Beweggründe oder jedenfalls glaube ich das. Ich verwundete ihn mit Silber und daher kann ich nachvollziehen, dass er wütend war. Aber ich will wissen, ob man ihm überhaupt trauen kann oder ob er eine Gefahr darstellt.”

Anna verengte die schwarzen Augen prüfend.

“Was, wenn ich befinde, dass er gefährlich ist?”, hakte sie langsam nach.

“Dann will ich, dass du ihn mit raus nimmst und ihn um einen Kopf kürzer machst. Buchstäblich.”

Die Novigraderin hielt baff inne und selbst Tar’Azul sah verdutzt auf. Doch schnell fing sie sich wieder und straffte die Schultern. Noch ehe sie nicken oder antworten konnte, setzte Hjaldrist ein paar wenige Worte nach, die sein Anliegen indirekt begründeten.

“Ich will meine persönliche und einzige Monsterkundige nicht umsonst mitgebracht haben…”, kommentierte der Undviker und es hätte nurmehr gefehlt, hätte er Anna dabei wohlwollend zugezwinkert. Stattdessen blickte er entschlossen und auf seinen Lippen zeichnete sich ein schmales Lächeln ab. Es tat gut und motivierte unglaublich. Anna’s Sorgen und Selbstzweifel von gerade eben verpufften mit einem Mal wieder.

“Tse…”, lachte die Giftmischerin leise und erhob sich schon “Na schön.”

“Im Ernst?”, murmelte Tar’Azul und sah zwischen den zwei viel zu zuversichtlichen Freunden hin und her “Hjaldrist?”

“Was?”, machte der hübsche Undviker leichthin “Anna hat in Angren eine weiße Bruxa umgelegt, da wird sie doch wohl mit einem Lykanthrop fertig.”

Die betroffene Kriegerin selbst äußerte sich dazu nicht weiter, sondern setzte sich in Bewegung, um das Stahlschwert in ihrer Lederscheide durch Silber zu ersetzen zu gehen. Nur für den Notfall. Sie bekam dabei nur am Rande noch mit, wie sich Tar’Azul sehr über die Geschichte mit der Bruxa wundern musste.

 

Es dauerte nicht lange, bis Anna daraufhin an Ben herantrat. Sie hatte sich dafür nicht nur ihr Silberschwert geholt, sondern auch Kettenweste und Armschienen angezogen. Man wusste ja nie. Und obwohl der bloßfüßige Mann mit dem alten Pilgerhut nicht so wirkte, als sei er per se bösartig, war die Trankmischerin lieber gut vorbereitet, als später spitze Fänge in den Körper geschlagen zu bekommen. 

“Ben.”, sprach sie den Lykanthrop in Menschengestalt direkt an und der Kerl mit dem Dreitagesbart und den graublauen Augen sah sich gleich zu ihr um. Er lehnte lässig an der abgegriffenen Ausschank und hielt einen halbvollen Humpen Bier in der Hand.

“Ja?”, fragte er unschuldig.

“Wir müssen uns unterhalten.”, äußerte Anna und wusste, dass Rist, Tar’Azul und Lado gerade sehr aufmerksam herübersahen.

“Müssen wir das?”, lächelte der Werwolf kühl “Weswegen?”

Die lockige Frau, mit der Ben zuvor noch geschäkert hatte, wurde zur Nebensache. Und Anna sah den Wolfsmensch einfach nur stumm an. Ihr Blick erzählte viel. Zum Beispiel, dass sie ganz genau wusste, was ihr Gegenüber war und dass sie es bitterernst meinte. Ben verstand das bedeutungsvolle Starren und wurde gleich ein wenig strenger.

“Euer Freund hat die gebrochenen Finger verdient, falls es das ist, warum Ihr mich behelligt.”, fand der Kerl im nächsten Atemzug “Ich mag es nicht, wenn man unfair kämpft.”

“Man möchte meinen, dass es generell ungerecht war, dass jemand wie IHR an den Duellen teilgenommen hat. Aber darum geht es mir im Grunde nicht.”, lenkte Anna gleich um und linste einmal kurz zu der Blondine, die noch nahe bei dem Lykanthropen stand und ihn sicherlich für einen gewöhnlichen Mann und großen Turniersieger hielt. Ben bemerkte diesen Blick und seufzte einmal genervt. Er machte eine scheuchende Handbewegung gen Blondchen.

“Lillia, würdest du uns kurz alleine lassen?”, fragte er das Mädchen, das daraufhin etwas pikiert aussah. Sie machte die rot geschminkten Lippen schmal und funkelte Anna ganz böse an.

“Ich nehme ihn Euch schon nicht weg.”, brummte die Nordländerin abfällig und rollte mit den Augen. Lillia ging daraufhin erhobenen Hauptes davon und ließ Ben und die Monsterjägerin allein.

“Ich stehe nämlich nicht so auf Hund.”, fügte Anna ihrer vorigen Äußerung noch provokativ nach und das so, dass nur der Werwolf es hörte. Wenn ihn dies ärgerte, dann erkannte man es nicht. Keine Regung war in seinem Gesicht zu erkennen und mit spröder Freundlichkeit setzte er zu einer Antwort an.

“Ihr habt mich nicht verraten. Warum?”, wollte er wissen.

“Wir haben momentan drei Hexer im Dorf. Da muss ich Euch nicht verraten, oder?”, sagte Anna “Sie wissen längst Bescheid.”

“Ach?”, Ben wirkte tatsächlich überrascht “Und warum lasst ihr Mutanten mich herumlaufen?”

“Weil du niemandem gefährlich bist. Oder jedenfalls wünschen wir uns das.”

“Warum sollte ich gefährlich sein?”

“Weil du ein Wolfsmensch bist. Und die meisten deiner Art sind unberechenbar und aggressiv.”

Ben lachte kurz und leise.

“Ihr habt keine Ahnung, wie viele von uns unter euch Normalsterblichen leben… und das, ohne, dass man es je bemerkt.”, erwähnte er.

“Ich weiß.”, gab Anna schlicht zurück “Und nur weil dem so ist, steht Ihr noch, Ben.”

“Wollt Ihr mir drohen?”

“Wollt Ihr Ärger machen?”

“Nein. Ich will nur meine Ruhe vor Hexersvolk, wie Euch. Ich will mein Bier in Frieden trinken und später ein hübsches Mädel bumsen.”

Das war ja mal direkt. Anna biss sich auf die Innenseiten der Wange, um nicht zu kichern.

“Dann drohe ich Euch nicht und hoffe, dass man auf Euer Wort bauen kann.”, machte sie. Der Lykanthrop sah auf diese Worte hin positiv verblüfft aus. Er taxierte Anna einmal von oben bis unten und stemmte sich eine Hand in die Seite. Er gluckste belustigt.

“Ihr seid selbstbewusst.”, fand er “Und das, obwohl Ihr eine Frau seid.”

Der Novigraderin entkam ein entnervtes Stöhnen. Es schien so, als sei Ben wirklich mehr Mann, als Ungeheuer.

“Meine Fresse.”, murmelte sie und ihr Gegenüber lachte auf. Er haute der etwas Kleineren beschwingt gegen den Oberarm und schob ihr am Tresen seinen Humpen zu, in dem helles Bier schäumte.

“Ihr seid lustig. Anna, richtig?”, machte Ben “Lasst uns reden.”

“Reden?”, wunderte sich die Burschikose sofort “Das Angebot kommt… unerwartet.”

“Wieso?”, fragte der Lykanthrop mit dem grauen Hut “Ihr wisst was ich bin und Ihr und Eure Freunde lassen mich in Ruhe. Da kann man doch ganz offen miteinander plaudern.”

Anna hob eine Braue. Und sie erwischte sich selbst dabei neugierig zu werden. Dann ja, es interessierte sie, woher Ben kam und was er über seinesgleichen zu erzählen hätte. Leute, die durch einen Fluch zum Werwolf wurden, unterhielten sich meistens nicht gern. Sie knurrten bloß, kämpften und wollten zerfetzen. Geborene Lykanthropen aber, schienen ganz anders zu sein, als diese verwünschten Bestien. Und ganz ehrlich? Die Giftmischerin hatte nicht damit gerechnet. Vor allem nicht nach dem aggressiven Auftritt Bens im Turnierring.

“Plaudern, hm?”, machte sie und versuchte sich wieder etwas lockerer zu machen. Ben’s aufrichtiges Grinsen half dabei.

“Ja. Mich interessiert es nämlich, wo Ihr Euer Hexeramulett herhabt. Bisher waren mir stets nur hässliche Krieger eures Schlags auf den Fersen, aber Ihr seid eine wirklich hübsche Frau.”, sagte Ben und beäugte Anna eingehend. Sie trat einen halben Schritt weit zurück, denn es war ihr unangenehm. Sie ging nicht auf das Kompliment ein, das man ihr gerade gemacht hatte, denn ihr war bewusst, dass der Typ vor ihr sie umgarnen würde, würde sie so tun, als fühle sie sich geschmeichelt. Und nichts lag ihr ferner, als für einen Werwolf die Beine breit zu machen.

“Das Medaillon war ein Geschenk.”, erklärte sie “Und ich bin nicht exakt wie ‘die’.”

“Aha.”, machte der Lykanthrop “Aber Ihr habt ein Silberschwert.”

“Das… war auch ein Geschenk.”

Ben schnaubte amüsiert. Und als Anna realisierte, wie komisch sie tatsächlich auf den Mann wirken musste, konnte auch sie nicht anders, als leicht zu schmunzeln.

“Und was ist mit Euch?”, hakte die Kurzhaarige nach “Ich habe noch nie mit einem wie Euch geredet. Jedenfalls nicht so zivilisiert…”

“Ich bin wegen dem Duellantenfest hergekommen.”, gab Ben schlicht an “Ich wollte schon immer einmal bei so etwas mitmachen. Ich lebe hier, auf Siofra. Also war meine Reise nicht sehr weit.”

“Ihr lebt hier?”

“Seit 27 Jahren schon, ja. Mein Vater ist der Hauswalter der Hafenschänke und meine Mutter kocht dort.”

Anna stutzte heftig.

“Die beiden sind-?”

“Nein. Nur meine Mutter. Sie wurde einst verflucht, doch hat sich mittlerweile gut im Griff. Manchmal hat sie Schwierigkeiten damit ihre menschliche Gestalt zu behalten, darum steht sie nur in der Küche. Die Gäste bekommen sie selten zu Gesicht. Das vor allem auch, weil es auf der Insel zu oft vor Hexern wimmelt. Und manche von ihnen verstehen nicht, dass es auch Leute wie uns gibt, die nicht nur töten und fressen wollen.”

Wirr starrte die Kräuterkundige ihren Gesprächspartner an, während er erzählte. Sie hatte das Bild des Wirtes in der Kaschemme an den Docks vor Augen; Des Mannes, der sie und Rist viel früher einmal vor den Forstwesen Bogenwalds gewarnt hatte. Niemals hätte sie gedacht, dass dessen Angetraute ein Werwolf sei, der die Speisen im Gasthaus zubereitete. Und dass er einen Sohn hatte, dem die Lykanthropie vererbt worden war. Verrückte Welt.

“Oh…”, fiel es Anna nur noch ein. Und diese wenig feindselige Reaktion schien es Ben anzutun. Er freute sich darüber, dass man ihn nicht verurteilte, das war klar. Und ganz augenscheinlich war er wirklich nicht gefährlich - oder aber ein sehr, sehr guter Lügner.

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