Kapitel 131 (Buch 5, 8)

Auf bösen pfaden, keine ruh

Es geschah vier Tage nach dem Duellantenfest, als Anna und Hjaldrist Vadim zum ersten Mal wieder bei verhältnismäßig guter Laune sahen. Natürlich wirkte dieser Mann stets grimmig und lachte äußerst selten, doch da war ein Unterschied zwischen einer besorgniserregend aggressiven Miene und dem typischen Gegrummel von Anna’s Ziehonkel. Letzteres war heute endlich wieder zu erkennen und das war schön. Die letzten Tage über hatte sich der einäugige Wolf schließlich kaum blicken lassen und auch die bekümmerte Kasia hatte regelmäßig so ausgesehen, als wisse sie nicht weiter. Wenn der stark distanzierte Vadim einmal länger mit jemandem gesprochen hatte, dann nur mit Rosanna, der Bogenwald-Hexe mit den langen, blonden Haaren. Jeglichen Versuch seitens der unbeholfenen Anna oder dem gutmütigen Lado sich ihm anzunähern, hatte der Vatt’ghern grantig abgeblockt. Und mehr als nur einmal hatte er gesagt, dass er seine Aufgabe die Knochenmutter zu finden alleine lösen müsse. Und dass er diese Bürde niemandem sonst aufzwingen wollte. Das, obwohl er ein Blutband zu Rosanna hatte, die sich seit dem geheimen Ritual im dunklen Forst stets in Vadim’s Nähe aufhielt. Ob sie besonders war? Oder schiss Vadim einfach nur auf sie und es war ihm einerlei, dass er sie mit in den Abgrund zerrte? Auch jetzt stand sie unweit des Hexers am Platz vor der Taverne des Ortes. Und eben jener trank zusammen mit Kasia, Lado, Nyra und irgendwelchen Leuten, die Anna nicht kannte. Die genannte Giftmischerin kam gerade zusammen mit Rist aus dem dichten Forst. Sie hatten sich den Sumpf, den es dort gab, näher angesehen. Sie hatten ein paar Kikimoren beim fröhlichen Bauen einer Höhle im Schlamm beobachtet und waren zur Abenddämmerung aufgebrochen, um zurück in das Dorf zu kommen, bevor es dunkel wurde. Und hier entdeckten sie mit Überraschung, dass Vadim mit Anderen beisammenstand und mit Butterlikör anstieß. Es glich einem Wunder.

Anna, der halbtrockener Matsch am roten Mantelsaum klebte, warf Hjaldrist einen skeptischen Blick zu, den er genauso zweiflerisch quittierte. Zusammen näherten sie sich der kleinen Gruppe, die vor der Schänke herumlungerte und sich gerade über Triviales unterhielt. Kasia hatte sogar ihre Laute bei sich und zupfte ein wenig an deren Saiten herum, um für etwas wahllose Musik im Hintergrund zu sorgen. Die Bardin saß am Boden, im Schneidersitz, ungeachtet des erdigen Drecks und mit einer Falsche temerischen Vodkas neben sich. Als sie Rist und dessen Begleiterin nahen sah, fing sie an zu strahlen wie die Sonne und erhob sich hastig. Etwas taumelig war sie dabei vom Alkohol, doch gleich fand sie einen sicheren Stand und kam auf die Freunde von Undvik zu.

“Anna!”, freute sie sich und dies erschien der Angesprochen als irgendwie… seltsam. Denn was war los? Weswegen sah Kasia sie so an, als habe sie regelrecht auf sie gewartet?

“Ähm, ja. Das bin ich.”, antwortete Anna auf die Ansprache der Bänkelsängerin mit der langen Feder am blauen Barett. Ihre wertvolle Laute mit sich tragend, kam die Temerierin vor der misstrauischen Alchemistin und Hjaldrist zum Stehen. Sie holte breit lächelnd Luft.

“Ich habe etwas für dich!”, verkündete sie feierlich und so manch ein Neugieriger sah aus dem Augenwinkel her “Rist hat mir vorgestern erzählt, dass du Geburtstag hattest. Und, ich weiß, ich bin spät dran, aber ich habe ein Geschenk für dich!”

Die Novigraderin stutzte arg und fühlte sich sofort unwohl berührt. Hjaldrist hatte Kasia verraten, dass Anna wieder um ein Jahr älter geworden war? Dieser Hund! Sie hatte geglaubt, er hätte es vergessen, denn - Melitele sei Dank - hatte ER ihr nicht gratuliert oder ihr irgendwelche Präsente überreicht.

“Äh.”, stammelte Anna und spürte, wie das Adrenalin in ihren Adern aufwallte. Noch nie hatte sie mit Situationen wie dieser hier umgehen können. Wenn ihr jemand alles Gute wünschte, war das ja noch in Ordnung. Doch sobald es um Geschenke und die neugierigen Blicke einer ganzen Gruppe von Menschen ging, wurde sie beachtlich scheu. Sie war auch jetzt prompt so nervös, dass sie nicht sah, wie ihr bester Freund schalkhaft grinste. Doch hätte sie das, hätte sie ihn dafür gehauen. Fest.

“Ein Lied hab ich geschrieben.”, eröffnete Kasia schmunzelnd und kannte keine Gnade “Nur für dich!”

Anna starrte nurmehr überfordert. Und zu allem Überfluss lachten Lado und Nyra nun laut über ihre unbeholfene Reaktion. Na danke. Arschlöcher. Kasia, die kam vor und umarmte die Kurzhaarige vor sich einfach ungefragt, um sie kurz zu drücken. Sie war solch eine liebe Frau. Blöd nur, dass sich Anna gerade extrem bedrängt fühlte. So war sie halt.

“Das… wäre nicht nötig gewesen...”, murmelte sie räuspernd in den Kragen der Künstlerin, die sie umarmte, und war sicherlich ganz rot geworden. Gleichzeitig waren ihr die Hände kaltfeucht. Oh je. Oh je, oh je. Man hörte Rist leise und verhalten in sich hineinlachen. Wie gemein. Er wusste doch, dass es Anna es nicht aushielt, wenn man ihr zum Tag gratulierte, an dem Balthar sie einst entführt hatte - gut 20 Jahre war dies nun her. Und er war sich auch dessen gewahr, dass sie nicht wusste, was sie mit Geschenken anfangen sollte. Und, Götter, Kasia hatte offenbar auch noch ein Lied geschrieben. Ein LIED. Für sie. Die jungenhafte Monsterkundige wusste gerade gar nicht, wo sie hinsehen sollte. Sie senkte den Blick leicht und rieb sich verlegen den geröteten Nasenrücken. Gerne hätte sie jetzt die Macht besessen mit einem simplen Fingerschnippen im Erdboden verschwinden zu können. Doch leider war sie keine Zauberin. Scheiße.

“Komm!”, sagte Kasia beschwingt und berührte Anna auffordernd am Unterarm, nachdem sie sie wieder losgelassen hatte “Geselle dich zu uns und ich singe dir das Lied vor. Trink nen Schluck Vodka mit mir!”

Die belagerte Giftmischerin hatte überhaupt keine Wahl. Mit Rist, der sie froh mit sich bugsierte, stand sie schnell bei der feierfreudigen Truppe, die sich vor dem ‘Torkelnden Schurken’ versammelt hatte und blickte betreten in die Runde von etwa einem halben Dutzend. Ihre Zunge lag ihr wie Blei im Mund und sie bekam keinen Ton mehr heraus. Ah, wie peinlich. Hjaldrist klopfte ihr im stillen Beistand die Schulter und redete ihr gut zu, doch das machte es auch nicht viel besser. Und dann war da plötzlich Vadim, der sich einschüchternd entschlossen vor Anna aufbaute und sie einen Augenblick darauf einfach so erwischte, um sie einmal feste an sich zu pressen. Die Frau starrte nahezu entsetzt und glaubte es kaum. Ihre Kinnlade klappte ihr auf.

“W-wa-”, atmete sie und hatte die Hände aus einem Reflex heraus defensiv erhoben.

“Ich bin stolz auf dich.”, sagte der Vatt’ghern, dessen festem Griff die Nordländerin nicht ausgekommen war, und pfiff auf die Tatsache, dass die momentane Situation Anna so sehr verwirrte, dass sie gar nicht wusste, wohin mit sich. Vadim hatte sie noch nie umarmt. Warum umarmte er sie? Oh, bei Freya’s Titten!

“Äh…”, entkam es der stocksteifen Anna wieder. Und mehr mochte ihr hierzu nicht mehr einfallen. Oh Mann. War sie gerührt? Ja, ziemlich sogar. Was sollte sie nun nur tun? Sich bedanken? Schweigen? Weglaufen? Die Schwertkämpferin hatte absolut keine Ahnung. Sie stierte nur verdattert, als Vadim sie wieder losließ und Kasia zur schmucken Laute griff, um prüfend ein, zwei Akkorde darauf zu klimpern. Die versierte Bardin runzelte die Stirn unzufrieden, zog eine der Saiten nach und schlug noch einmal probehalber einen Akkord an. Und als sie einen tiefen Atemzug darauf schon mit dem Singen anfing, lauschte ein jeder ringsumher aufmerksam. Ein melancholisches Lächeln kitzelte die Mundwinkel der hübschen Temerierin, als die Verse ihre Lippen verließen:

 

Welch ein Bild, so wild und doch so wunderschön,

Mit tiefen Narben, rastlos, müd.

Ach, könntest du dich selber sehn, in deinen Farben.

Schritt um Schritt, die Suche lässt dich weiter ziehn,

Auf bösen Pfaden, keine Ruh.

Schon willst du vor der Nähe fliehn, die Bürde tragen.

 

Wildweibchen unter Wölfen, warum willst du so sein wie sie?

Lässt keine Seel dir helfen.

Siehst du denn nicht um dich das Rudel?

Wenn der Morgen graut, wenn der Morgen graut, folgst du deinen Sinnen.

Wenn der Morgen graut, heulst du wild und laut, wilder als der Wolf.

 

Schatten ziehn durch deinen Geist.

Eine wird zu zwein.

In das Dunkel, folg ich dir, such ich dich allein.

 

Es war mucksmäuschenstill, als Kasia mit einem langsamen, nahezu theatralischen Streich über die Lautensaiten endete. Und während die wenigen, die Anna nahestanden, betroffen anmuteten, staunte der Rest und brach das überwältigte Schweigen schließlich mit einem begeisterten Applaus. Anna aber, stand da, wie angewurzelt und schaffte es nicht die großen Augen von der Musikerin vor sich zu nehmen. Ihr Blick war glasig geworden, unstet. Sie öffnete den Mund, als wolle sie etwas sagen, doch schloss ihn gleich wieder. Rist tätschelte ihr das Kreuz.

“Und?”, lächelte Kasia breit. Sie sah stolz und hoffnungsvoll aus, wenngleich auch recht nervös. Sie trat von einem Bein aufs andere.

“Ich hoffe, der Text ist in Ordnung.”, meinte die Frau mit den drei Lilien am Barett und Anna musste sich tatsächlich eine kleine Krokodilsträne aus dem Augenwinkel blinzeln. Das, was Kasia für sie verfasst hatte, traf den Nagel auf den Kopf. Es beschrieb genau jene Anna, die verbissen, egoistisch und völlig von sich überzeugt nach Kaer Iwahell gezogen war, um dort in die schlimmste Misere ihres Lebens zu geraten. Und obwohl die Melodie des Liedes schön und beinahe schon fröhlich wirkte, waren die Phrasen, die von ihr begleitet wurden, hart. Sie waren schwer hinunterzuschlucken und gleichzeitig fühlte sich die ertappte Novigraderin unglaublich geehrt. Das, was Kasia hier getan hatte, hatte sie dazu gebracht ihre Mauer für einen Moment lange völlig fallen zu lassen. Es war, als sei diese Bänkelsängerin eine Magierin, die ihre Liederkunst einsetzte, um Menschen zu verzaubern.

“Ich-... ja...”, nickte die stotternde Anna nun schnell und vollbrachte nicht auszudrücken, wie es ihr soeben ging. Ihr Mund war ganz trocken.

“Er ist in Ordnung. Ich meine… er ist schön, der Text.”, schloss die Kurzhaarige. Sie zog die Nase hoch und das ganz leise, in der Hoffnung, niemand bekäme dies mit. Hjaldrist lachte, als er dem zusah. Doch es klang nicht spöttelnd oder schadenfroh, ganz im Gegenteil. Es war beinahe so, als empfände er das Getue seiner dummen Freundin als... niedlich.

“Uhm…”, hüstelte Anna jetzt schüchtern und wechselte unruhig das Standbein, als sie zur Seite fort sah “Danke, Kasia…”

Die Sängerin aus dem Norden lachte befreit auf. Sie wandte sich sogleich um, um sich nach ihrem Vodka zu bücken und ihn zu Anna zu bringen. Wohlwollend hielt sie der Trankmischerin die Flasche scharfen Kartoffelschnapses unter die Nase.

“Hier. Na zdrowie!”, grinste die Langhaarige unsagbar breit und ihre Freundin nahm den Vodka gerade nur zu gerne entgegen, um einen tiefen Schluck davon zu trinken.

 

Folgend blieben Anna und Rist bei der bunten Gruppe vor der Schänke stehen, um locker miteinander zu plaudern und zu trinken. Anna entspannte sich bald wieder und lachte mit dem grinsenden Lado über stupide Trankmischer-Wortwitze, während sich Rist eine Weile mit Vadim und der angeheiterten Kasia unterhielt. Die bissig starrende Rosanna stand eher unbeteiligt herum und behielt die restlichen Personen kritisch im Auge, während Nyra irgendeinen dicklichen Bekannten heranwinkte und dabei einladend mit einer sündhaft teuren Fasche Est Ests wedelte. Anna war gerade dabei angekommen mit dem Vipernhexer des Bogenwalds über das komplizierte Alraunenschnaps-Brennen palavern zu wollen, da hörte sie am Rande, wie Vadim Hjaldrist entschlossen dazu aufforderte ihm Eine zu verpassen. Ja, wirklich. Sofort hielt die Novigraderin inne und horchte irritiert auf. Sie wand sich herum, um fragend in die Richtung ihres Ziehonkels und Rists zu blicken. Der etwas beduselte Jarl Undviks wirkte verdattert, doch nicht unbedingt abgeneigt. Ja, er war ein Herzeige-Skelliger, obwohl er nicht danach aussah, und dennoch musste sich seine engste Vertraute fragen, warum er so interessiert wirkte. Er konnte sich doch unmöglich danach sehnen sich mit einem überstarken Vatt’ghern zu schlagen!

“Rist?”, sprach Anna ihren Kumpan durch die Gruppe an und Lado, der schon eine ganze Flasche Butterlikör intus hatte, schmunzelte dümmlich.

“Oh weia.”, gluckste die Viper “Vadim, was tut ihr denn?”

“Na, komm schon.”, forderte der Einäugige Hjaldrist auf und breitete die Arme einladend aus.

“Bist du dir sicher…?”, zweifelte der grüblerische Inselbewohner und Anna verstand nicht. Sollte sie sich sorgen? Mit Argusaugen näherte sie sich den beiden Männern. Hatten jene etwa zu viel gesoffen?

“Ja, ich bin mir sicher. Na los!”, forderte der einäugige Wolf auf und die restlichen Versammelten maßen dem nicht viel bei. Selbst Kasia war schon wieder dabei zu ihrem Vodka zu greifen und dabei ein lustiges Lied über Aldoran anzustimmen, der gerade nahte und dabei ziemlich durstig aussah.

“Oh Aldoran, du weiser Fürst, du lebst schon viele Jahre”, trällerte die schmale Bänkelsängern in Blau “Hast ein Haus im Bogenwald, doch leider keine Haare!”

Schallendes Gelächter im Fackelschein vor der Taverne.

“Los!”, brummte Vadim erneut an Rist gerichtet. Und weil eben jener noch immer zögerte, kam der ungeduldige Vatt’ghern einfach vor und verpasste dem kleineren Jarl eine Rechte. In diesem heiklen Moment schien die Zeit stillzustehen. Anna weitete den Blick und sah entrückt dabei zu, wie Rist rücklings taumelte und sich stöhnend das Gesicht hielt. Nur als er aufblickte, war da ein gewisses Funkeln in seinen Augen. Das und ein schiefes Lächeln, das ein jeder Skelliger zeigte, wenn man ihm zu einer Schlägerei unter Freunden aufforderte. Vadim hatte nicht zu fest zugehauen. Denn hätte der kräftige Mutant das, dann stünde Hjaldrist soeben nicht mehr. Ganz offenbar meinte es Vadim nicht ganz so ernst und Rist, der grinste auch noch. Die Situation war harmlos, mochte ein mancher meinen. Doch Anna, die stierte in böser Vorahnung und holte aufgebracht Luft. Es gab da nämlich ein Detail, das ihr Kumpel in Grün vergessen zu haben schien: Rosanna. Rosanna und den Blutpakt zwischen ihr und dem Wolf von Vizima.

“Rist!”, schnappte Anna warnend. Doch zu spät. Der unbekümmerte Westländer holte beherzt aus und schlug Vadim die Faust so wuchtig in die Visage, dass es dem Hexer den Kopf nur so herumriss. Kurz sah es so aus, als verstünde der wankende Vadim nichts mehr; als habe er die Orientierung verloren. Und man konnte ihm das nicht verdenken, denn wenn Hjaldrist einmal mit voller Kraft zuboxte, dann wehte es selbst den stärksten Mann von den Beinen. Es war beachtlich, dass er es gar schaffte einen wahrhaftigen Hexer so heftig zu treffen, dass jener Mutant taumelte. Vadim stöhnte gequält auf und fasste sich ans schmerzende Kiefer, blinzelte überwältigt und machte den Mund einmal prüfend auf und zu. Und nicht nur er tat das. Denn mit dem Schlag in seine dumme Fresse hatte Rosanna unweit schmerzerfüllt aufgeschrien. Das Blutband, das die Hexe und das Katzenauge zueinander geknüpft hatten, funktionierte also. Verdammter Mist! Anna fuhr herum, um sich nach der blonden Hexe umzusehen, die just von Nyra und einem Fremden gestützt wurde. Rosanna spuckte rot aus und wirkte, als schwirre ihr der Schädel.

“Uh…”, nuschelte Vadim ungeachtet dessen und so, als beeindrucke ihn die Szene “Es ist also wahr. Das Ritual hat funktioniert. Ich wollte es erst kaum glauben...”

Rist, der wohl gerade erst jetzt so richtig verstand, was er getan hatte, rieb sich die schmerzenden Fingerknöchel, während er ebenso nach Rosanna äugte. Die Blondine sah aus, als habe man auch ihr mit aller Kraft ins Gesicht geschlagen. Sie schaffte es kaum sich aufrecht zu halten und ihrer Kehle entrang sich ein weinerlicher Laut. Die Atmosphäre vor der Schänke kippte rapide in eine unwohle Richtung. Wurde es gerade kälter oder kam es Anna nur so vor?

“Vadim! Hjaldrist!”, rief Nyra anschuldigend und klang dabei wie eine Mutter, die mit ihren Balgen schimpft “Was sollte das? Seid ihr beiden von Sinnen?”

Anna, die mit empört offenstehenden Lippen dastand, ließ Rosanna derweil nicht aus dem Blick. Denn sie hatte gerade ein ganz, ganz mieses Bauchgefühl. Eines, das sich binnen Minuten bestätigen sollte. Denn die schlanke Hexe hatte sich kaum wieder aufgerafft und von denen losgerissen, die sie hilfsbereit gestützt hatten, da kam sie mit furiosem Blick auf den Jarl und den Wolfshexer zu. Ihre blutbenetzten Lippen bewegten sich, als spräche sie geflüsterte Worte; einen Zauberspruch vielleicht. Und dann hob sie die Hand an. Sie riss die Finger hoch und vollzog damit eine Bewegung, als wolle sie irgendetwas zwischen deren Spitzen zerquetschen.

“Nein!”, schnappte Anna und wand sich abermals hastig herum. Alarmiert sah sie zu Rist, der plötzlich ganz konfus wurde. Dann war Rosanna da. Anna, die sich in Bewegung gesetzt hatte, kam gar nicht so schnell hinterher, da packte die Hexe den benommenen Jarl und fasste mit der Linken direkt in sein Gesicht. Er schrie auf, als zermalme man ihm den Schädel und dies ging seiner besten Freundin durch Mark und Bein. Sie presste die Kiefer aufeinander, hielt den Atem an, rannte und kam ins Kreuz Rosannas. Äußerst grob erwischte sie die schlankere Langhaarige und riss sie mit aller Kraft von Rist fort, der sofort niederging, wie ein nasser Sandsack. Als habe man ihm mit einem Mal jegliche Energie genommen, ging er nieder. Hart kam der Jarl am Boden auf, als habe er für eine Sekunde das Bewusstsein verloren. Anna stieß die zeternde Hexe solange ohne weiter nachzudenken zur Seite und das so harsch, dass die dumme Schlampe stolperte. Sogleich war die Novigraderin bei Rist, der sich wirr aufsetzte und sich den Kopf hielt. Er keuchte und jammerte etwas Unverständliches. Götter, was hatte Rosanna nur mit ihm gemacht?

“Ich kann nichts sehen...”, wisperte der Mann mit aufkeimender Panik im Ton, als sich seine Freundin zu ihm kniete. Sie ignorierte ab dem völlig, was um sie herum passierte. Es war ihr egal, dass Vadim Rosanna unfreundlich zusammenstauchte und dafür eine magisch gefauchte Retourkutsche bekam. Es war nicht wichtig, dass Aldoran und Lado Kasia davon abhielten dazwischenzugehen. Auch Nyra, die erschrocken starrte und sich die Hände entsetzt vor die Lippen hielt, war Anna einerlei. Das einzig Wichtige war Hjaldrist.

“Wie, du kannst nichts sehen?”, fragte sie ganz durcheinander.

“Ich… ich sehe einfach nichts mehr…”, murmelte Hjaldrist aufgelöst “Sie hat… sie hat irgendetwas mit meinem Kopf gemacht…”

“Scheiße…”, presste Anna zwischen ihren Zähnen hervor und ermahnte sich im Geiste dazu unbedingte Ruhe zu bewahren. Obwohl sie vollkommen aufgebracht war und sich unsagbar zerfahren fühlte, müsste sie gerade die eiserne Fassung behalten. Für sich und für Rist. Denn gerade er schaffte dies soeben nicht, was verständlich war.

“Komm.”, bat sie ihren verstörten Freund und wollte ihm hoch helfen, doch der Skelliger zuckte heftig zurück und erhob den Arm schützend, als man ihn anfassen wollte. Anna schluckte schwer, als sie dies sah und fühlte sich gerade so ohnmächtig.

“Rist.”, flüsterte sie ihrem Kumpel milde zu “Ich bin’s nur.”

Und auf das hin ließ der Ältere seine bandagierte Hand wieder sinken. Er sah auf und es war, als blicke er durch seine Gefährtin hindurch. Seine Augen wanderte, als suchten sie. Doch sie fanden sicherlich nichts weiter, als Schwärze.

“Ich kann nichts-”, entkam es ihm abermals entgeistert, doch Anna beschwichtigte sofort.

“Ja, ich weiß… aber mach dir keine Sorgen.”, antwortete sie und dies sagte sich so leicht “Lass uns gehen. Wir ziehen uns zurück. Du musst runterkommen. Und dann… dann sehen wir weiter, ja?”

Das Häufchen Elend nickte. Und dieses Mal ließ der blasse Axtkämpfer es zu, dass man ihm unter den Arm griff, um ihm auf die Beine zu helfen. Oh, das alles durfte doch einfach nicht wahr sein. Der Abend hatte so gut angefangen. Und jetzt? Jetzt war schon wieder das haltlose Chaos ausgebrochen. Was war bloß mit dem Bogenwald los? Warum passierten ihnen beiden in letzter Zeit nur stets so viele schlechte Dinge? Das war doch nicht normal. Ja, es war nicht normal. Ach, welch ein Pech das arme Winterkind nur hatte...

Anna verkniff sich ein Fluchen und zog den schwerfälligen Rist auf die Füße. Sie hakte sich bei ihm unter, um ihn sicher zu stützen und führte ihn dann ohne Weiteres vom Platz fort, auf dem sich soeben diverse Leute böse anbrüllten.

“Anna!”, rief Lado der Besagten besorgt nach. Im Gehen sah sie zu dem bärtigen Hexer zurück und schüttelte den Kopf abwehrend. Mit unglaublich ernster Miene gab sie Lado so zu verstehen, dass er vorerst nicht folgen sollte. Sie würde das mit Rist schon irgendwie hinkriegen. Und sicherlich hätte der gerade sehr beeinträchtigte Jarl auch wenig Lust darauf, dass mehrere Leute um ihn herumstanden und ihn sensationsgeil taxierten. Also verschwand Anna mit Hjaldrist um die Ecke, um in der Düsternis der frühen Nacht in Lado’s Haus zu verschwinden. Der Undviker krallte sich dabei hilfesuchend an ihren Ärmel und dies war beängstigend. Rist war sonst niemand, der zu schnell die Beherrschung verlor, doch in diesem Moment stand er vollkommen neben sich. Was auch immer Rosanna getan hatte, die Folgen waren jetzt schon verheerend. Und hoffentlich nicht permanent.

“Hier hoch. Achtung, Stufe.”, murmelte Anna, als sie mit ihrem blinden Freund in die Hütte der Viper eintrat und die knarrende Tür daraufhin etwas umständlich hinter sich schloss. Im Schein der Öllampen ging sie mit dem verwirrten Hjaldrist zum Esstisch und setzte ihn dort auf einem der alten Stühle ab. Und obwohl der Jarl nun saß, ließ er den Hemdärmel seiner Kollegin nicht sofort los. Es war als bitte er damit still um Beistand. Er sah vollkommen mitgenommen aus und sein Blick fiel nach wie vor alarmierend leer in das Nichts. Anna schluckte trocken. Was tun? Oh, was tun? Sie atmete einmal tief durch, überlegte und streckte die freie Hand nach einer nervösen Denkpause nach dem Gesicht des Sitzenden aus.

“Lass mich mal sehen.”, murmelte sie milde und schob die behandschuhten Finger unter das unrasierte Kinn des Älteren. Dies, ohne einen ihrer sonst immerzu präsenten Hintergedanken zu hegen. Ja, unter normalen Umständen hätte Anna das hier nicht getan. Aus Respekt. Und wenn sie es doch gewagt hätte, dann wäre sie dabei vermutlich sturzbetrunken und unbedacht gewesen. Sie hätte sich in dem Fall viele aufregende Stücke für ihr gierendes Kopftheater ausgedacht, in denen sie Hjaldrist’s hübsches Gesicht hielt, bevor sie beide viel weiter gingen. Aber das gerade eben war nichts von alledem. Anna machte sich einfach nur riesengroße Sorgen und wollte helfen. Also hob sie das Kinn Rist’s ein Stückchen an und beugte sich vor, um sich dessen Augen ansehen zu können.

“Was tust du…?”, fragte der verlorene Undviker verunsichert, doch ließ seine Freundin widerstandslos gewähren.

“Deine Pupillen sind ganz weit…”, stellte Anna fest und überlegte kurz, ehe sie suchend aufblickte und nach der rostigen Sturmlaterne fischte, die unweit am Tisch stand. Sie hob eben jene direkt vor die Nase ihres Freundes. Doch weder er, noch seine Pupillen reagierten in irgendeiner Form. Das war schlecht. Nervös stellte Anna die flackernde Lampe wieder fort.

“Anna...?”, entkam es Rist noch einmal wirr, denn er sah nicht, was ringsum passierte.

“Ich habe gerade nachgesehen, ob sich deine Pupillen zusammenziehen, wenn ich dir in die Augen leuchte.”, erklärte sie “Und sie tun es nicht.”

Verdrießlich sah der Skelliger vor sich hin und kaute sich bang auf der Lippe herum. Er senkte das Haupt und fuhr sich mit einer Hand über das noch immer sehr bleiche Gesicht. Anna beobachtete das ratlos und fragte sich, was tun. Ja, was könnte sie machen? Zu weite Pupillen rührten, wenn nicht von Magie, von einem Trauma oder Toxinen her. In beiden Fällen hätte die im Grunde gelehrte Novigraderin gewusst was tun, denn sie kannte sich nicht nur blendend mit Gegengiften aus, sondern auch mit der grundsätzlichen Versorgung von Verletzungen. Zwar war sie weit davon entfernt eine Heilerin zu sein, doch die Straße hatte ihr viel gelehrt und schlussendlich hatte sie ihre Anatomielektionen aus Kaer Morhen gut im Kopf. Und genau ob dem wollte ihr just ein kleines Lichtlein aufgehen. Sie zog einen weiteren Stuhl an sich heran, um sich direkt vor Hjaldrist zu setzen. Dann beugte sich Anna ihrem Freund abermals entgegen.

“Ich fasse deinen Kopf jetzt an.”, machte sie und schritt zur Tat. Vorsichtig fasste sie an Rist’s Hinterkopf und fühlte, ob sie dort etwas Feuchtes spürte. Sachte prüfend griff sie in das dunkle Haar des Westländers.

“Du bist umgekippt.”, erinnerte Anna derweil “Hast du dir den Kopf dabei angeschlagen?”

Der Skelliger zuckte bei der Berührung seiner Kumpanin heftig zusammen und knirschte gepeinigt mit den Zähnen. Das war Antwort genug. Zwar war da kein Blut, doch das mochte nichts heißen. Die Alchemistin zog ihre Finger wieder an sich und wusste nicht so recht, ob sie erleichtert sein sollte oder nicht.

“Ich… weiß nicht.”, stöhnte der Sitzende “Mir war kurz schwarz vor Augen. Und mein Schädel brummt ganz schön, ja.”

“Vielleicht kommt dein beeinträchtigtes Sehen nicht von der Magie der dummen Fotze.”, schätze Anna und obwohl sie diese Annahme beruhigte, sprach sie ungeheuer abfällig. Der Gedanke an Rosanna machte sie wütend.

“Womöglich kannst du gerade nichts sehen, weil du dir den Kopf zu hart angeschlagen hast.”, befand die Kriegerin “Aber das geht im Normalfall vorbei. Ich kann dir ein Mittel geben, das hilft, Rist.”

“Was…?”, der in die Leere sehende Mann hob das schwere Haupt und schien nicht zu glauben, was man ihm soeben versicherte.

“Solltest du durch den Sturz von vorhin eine kleine Blutung im Kopf haben, dann hilft Henkersgift.”, sagte der Huskarl neunmalklug.

“Was?”, schnappte der Jarl “Du spinnst doch. Unsere Skrugga setzen den Scheiß ein um-”

“Jede Medizin ist Gift, du Dödel. Man muss nur auf die Dosis achten. Elixier aus Birkenrinde, das man sich bei Husten in den Tee träufelt, streckt einen auch hin, wenn man zu viel davon zu sich nimmt.”, grinste die Nordländerin gutmütig und klopfte ihrem Freund zuversichtlich die Schulter “Henkersgiftserum wird aus Arenaria gewonnen. Diese Pflanze verdünnt das Blut. Und in kontrollierter Menge ist das gut, wenn du, plump gesagt, ‘nur’ Druck unter der Schädeldecke hast.”

“Muss ich das jetzt genau verstehen?”, seufzte der mitgenommene Adelige und ließ die Schultern hängen.

“Nein. Du musst mir nur vertrauen und Zeug aus meinem Alchemiekoffer schlucken.”

“Bei Hemdall.”

“Ich hole dir was. Bleib brav sitzen, ja?”

“Ja, ja. Ich gehe schon nirgendwo hin…”

 

Tatsächlich half das Henkersgift, das Anna dem vertrauensvollen Hjaldrist etwas später gegeben hatte, etwas. Sie hatte einen kleinen Tropfen davon in eine Kanne mit genau einem Liter Wasser gefüllt, von dem Gemisch wiederum einen Tropfen genommen und ihn dann in einen großen Humpen mit Melissentee gegeben. Den Rest der toxischen Flüssigkeit hatte Anna längst vernichtet und die benutzte Wasserkanne ausgekocht. Und jetzt saß sie wieder vor Hjaldrist und leistete ihm still Gesellschaft. Noch immer saß der Undviker eingesunken auf seinem Platz und blickte beklommen vor sich hin, obwohl er angeblich schon wieder ganz vage, dunkle Schemen erkennen konnte. Den dampfenden Becher stark gesüßten Tees hielt er in seiner heilen Hand und schwieg. Anna konnte sich vorstellen, woran er gerade dachte: Daran, dass er vielleicht nie mehr ganz klar sehen könnte. Er, als Jarl. Was würde so etwas wohl bedeuten? Dass Rist seinen Posten abgeben müsste? An Haldorn oder Pavetta? Und dann? Grübelnd saß die Novigraderin in der rot-schwarzen Jacke mit am Tisch, stützte das Kinn auf eine Hand und ihr Blick streifte ihren Kumpel immer wieder mitleidig oder besorgt. Mittlerweile waren ihr die besänftigenden Worte ausgegangen und sie starrte nurmehr. Das Schweigen im Raum war ungemütlich, doch was sollte Anna noch von sich geben? Sie hoffte nurmehr, dass der mit Gift versetzte Tee, den ihr Gefährte trank, ihn völlig kurierte oder jedenfalls dabei half, dass ihr Lieblingsundviker bald wieder viel mehr sehen könnte, als nur schattenhafte Umrisse.

Anna äugte erst aus ihren Gedanken auf, als jemand ins Haus trat. Auch Rist hob den Kopf und versuchte die unglaublich schlechte Sicht auf die Haustür zu fokussieren. Doch er erkannte nicht, wer da stand. Denn hätte er das, wäre er sicherlich prompt grantig geworden. Anna’s Ausdruck wurde zur steinharten Maske.

“Vadim.”, stellte sie brummig fest.

“Ich muss mit euch sprechen.”, sagte der Wolf, doch Rist wehrte diesen lauen Versuch sofort ab.

“Verzieh dich.”, schnappte der Skelliger sogleich und sein Mundwinkel zuckte aggressiv “Geh!”

Ein Schatten huschte über die Miene des Vatt’ghern.

“Was Rist sagt.”, entkam es Anna verstimmt und sie ballte die Hände zu Fäusten “Lass uns in Frieden, du Narr.”

“Wie bitte?”, murrte Vadim.

“Du hast ganz genau gewusst, was das Blutband macht!”, setzte Anna gleich fort und drohte jetzt schon in Rage zu geraten “Und trotzdem hast du Hjaldrist benutzt, um es auszutesten!”

“Arianna-”

“Nein! Geh weg, Arschloch!”, blaffte die Kurzhaarige und erhob sich jetzt von ihrem Platz. Anschuldigend zeigte sie auf ihren Onkel und ihre Augen waren nurmehr wütende Schlitze.

“Du hättest dich einfach selbst verletzen können, um zu sehen, ob deine Hexenschlampe dadurch auch blutet!”, fauchte sie “Aber nein! Stattdessen willst du, dass Rist dich schlägt! Geht’s noch?”

“Er hätte nicht müssen!”, wehrte sich der Mutant.

“Du hast ihn dazu gezwungen!”

“Habe ich nicht.”

“Fick dich, Vadim! Du verdammter Huren-”

“Anna! SO redest du nicht mit mir!”

“Ah? Und wie dann? Ich bin kein kleines Kind mehr, also behandle mich nicht so!”

Der Wolf schnaufte auf das hin wütend und strafte die Jüngere mit einem bösen Blick. Rist saß einfach nur schweigend da und sah erbost in die ungefähre Richtung Vadims.

“Und jetzt hau schon ab! Ich will dich nicht sehen!”, knurrte Anna.

“Nein.”, bestand Vadim und kam näher, anstatt zu verschwinden. Jetzt sprach er Hjaldrist an, weil er glaubte bei seiner Ziehnichte auf Granit zu beißen.

“Es war dumm, was passiert ist. Aber trotzdem will ich normal mit euch beiden reden können.”, forderte er “Und zwar jetzt. Es ist mir wichtig.”

“Ach ja?”, sagte der Jarl kühl. Er stellte seinen Becher fort und verfehlte den Tisch dabei beinahe.

“Aber ICH will nicht reden. Lass mich in Ruhe, Vatt’ghern.”, äußerte der Inselbewohner feindselig.

“Tse.”, machte Vadim ungläubig. Dann sah er wieder zu Anna.

“Hat er dir gesagt, dass du mir gegenüber so schnippisch sein sollst?”, wollte er wissen.

“Was?”, schnarrte Anna empört. Was glaubte dieser Hexer denn? Dass sie die Marionette von Rist sei, oder was? Das war sie nicht.

“Er schreit und du springst. Das fiel mir in den letzten Tagen schon auf und es bereitet mir Sorgen.”, sagte der Hexer abfällig “Du warst nie so. Und auf einmal tust du ganz groß und so, als seist du irgendeine stupide Wache. Hjaldrist setzt dir Flausen in den Kopf! Er bringt dich von deinem Weg ab, den wir Wölfe dir einst zeigten. Und dabei merkst du gar nicht, dass er dich wie einen Laufburschen behandelt!”

Vadim war zornig, oh ja. Doch das rechtfertigte nicht, was er hier von sich gab, befand Anna. Was hatte dieses Thema außerdem mit dem Blutpakt-Scheißdreck von vorhin zu tun? Nichts. Anna’s gesamter Körper verspannte sich. Man hörte Rist freudlos lachen.

“Er redet schon so, wie ER.”, warf er an seine Freundin gerichtet ein und es war klar, dass er mit ‘er’ Balthar meinte “Ich muss nicht einmal dafür argumentieren, denn das tut er indirekt selber.”

“Was?”, grollte Vadim “Wie wer rede ich denn?”

“Hör ihm einfach gut zu, Anna.”, riet der Jarl noch und lächelte schmal, ehe er sich locker zurücklehnte.

“Du manipulierst sie?”, schimpfte der wutschäumende Hexer jetzt und er sah aus, als ginge er jeden Moment auf Rist los. Zur Sicherheit kam Anna vor und zwischen die Männer. Streng starrte sie den ärgerlichen Vadim dabei an und sie wusste: Er würde IHR niemals etwas antun. Gleichauf schüttelte sie den Kopf langsam und ungläubig. Denn Hjaldrist hatte Recht. Das, was Vadim von sich gegeben hatte, hätte tatsächlich von Balthar kommen können. Damals, auf Sturmfels, hatte der elende Mistkerl dieselben Worte benutzt, wie sein Zunftsgenosse: Rist rede Anna Flausen ein. Er manipuliere sie. Sie sei naiv und dumm. Fehlte nurmehr, dass der anwesende Wolf den Jarl beschuldigte seiner treuen Gardistin an die Wäsche zu wollen.

“Ja, du redest, wie Balthasar. Tse. Was kommt als nächstes, hm?”, lachte Anna beleidigt “Dass du mich davor warnen willst schwanger zu werden, weil ich dann nicht mehr arbeiten kann? Da hab ich gute Nachrichten für dich Vadim: Das kann mit Sicherheit nicht mehr passieren, denn mein Körper ist dank Silven völlig am Arsch!”

Betretenes Schweigen.

“Lass sie in Frieden. Ihr Leben geht dich nichts an...”, ergänzte Rist nach einer Kunstpause noch trocken, obwohl ihn die Meldung rund um Anna’s Körper und Silven zu irritieren schien. Und die Zähne des Hexers mahlten, als er den skellischen Jarl reden hörte. Vadim rümpfte die Nase verärgert. Schwer zu sagen, was ihn dazu brachte Anna im nächsten Moment ganz plötzlich beiseite zu stoßen. War es der haltlose Ärger über Rist? Der Gram über Silven? Beides? Jedenfalls bugsierte er die kleinere Frau ohne jegliche Vorwarnung aus dem Weg und holte aus. Es passierte so schnell, dass sich Anna kaum versah. Auf einmal war Vadim über Rist und verpasste ihm bereits eine zweite Rechte. Hjaldrist hatte sein Messer gezogen, doch stach damit in die Leere, weil er nichts sah. Da war Blut. Der anwesende Vatt’ghern schlug Rist die scharfe Waffe aus der Hand, zerrte den fast Blinden von dessen Stuhl und warf ihn barsch zu Boden. Es rumpelte und polterte laut. Der Teebecher fiel vom Tisch und Anna glaubte in dieser Sekunde, ihr rutsche das Herz in die Hose. Sie befürchtete, ihr Onkel töte ihren besten Freund.

“Nein!”, schrie sie und sprang an die Seite des Wolfes, in der Hoffnung ihn genauso leicht wegzerren zu können, wie Rosanna eine Stunde zuvor. Der Krieger zeigte sich davon aber wenig beeindruckt, denn was war eine normale und viel schmalere Frau schon für einen breitschultrigen Mutanten wie ihn?

“Vadim!”, bellte die Kurzhaarige, doch der Einäugige schlug weiter und wie von Sinnen auf Hjaldrist ein, der am Boden lag und versuchte sich schmerzlich stöhnend unter dem Vatt’ghern fortzuwinden. Er erhob den Arm schützend, doch das brachte wenig. Noch ein Boxhieb. Es knackte und den Kopf des Jarls riss es zur Seite. Anna schrie entrückt und sie erkannte, wie Rist zwei, drei Herzschläge lange wegzutreten schien. Sein Gesicht war voller Blut und quer über seiner Nase, bis unter das linke Auge, war die helle Haut aufgeplatzt. Rot lief es ihm aus dem Mund und er musste laut husten, war auf einmal wieder bei sich. Erst wusste er ganz benommen blinzelnd nicht, was geschah, doch dann rollte er sich hektisch zur Seite. Anstatt zum vergeblichen Versuch anzusetzten vor dem übermächtigen Hexer zu fliehen, zog er die Beine eng an und vergrub den malträtierten Kopf zwischen den Armen.

“Vadim! Hör auf!”, schrie Anna aus vollster Kehle und riss heftig am Rückengurt des Hexers, der sich dadurch keinen Zentimeter rührte. Oh, eigentlich hätte sie ihm jetzt das Schwert durch den Leib treiben sollen. Ja, normalerweise wäre dies ihre Aufgabe gewesen. Doch sie konnte nicht. Denn zum einen war sie zu verwirrt und zum anderen ging es hier um… um Vadim. Um ihre Familie. Oder?

“Hör auf!”, johlte die Frau abermals hilflos. Und tatsächlich wich der Wolf nun von dem schwer Verwundeten am rötlich besudelten Boden zurück. Sofort kam die Novigraderin dazwischen und warf sich beim stöhnenden Hjaldrist auf die Knie. Sie streckte die Hand nach der Schulter ihres Freundes aus, der irgendwo zwischen seinen Armen hindurch zu ihr aufsah. Viel Wasser stand in seinen braunen Augen und es war schwer zu sagen, ob des Schmerzens wegen oder aus Scham, weil man den sonst so stolzen Skelliger halbtot geprügelt hatte. Eines der unterlaufenen Augen war bereits dabei zuzuschwellen und erschrocken zuckte Anna zurück. Noch nie, seit sie ihn kannte, hatte sie Rist so gesehen. NIE. Er zitterte am ganzen Leib und sein Ausdruck sprach von verebbender Panik, die nurmehr erdrückende Gram übrigließ. Blut stand ihm vorm Mund, an der wohl gebrochenen Nase, an der Stirn. Es sickerte feucht in seinen fellbesetzten Kragen und der Atem des Adeligen ging flach und unregelmäßig. Wie im Schock war er, fahrig, unfähig sich zu rühren. Und zuletzt… zuletzt holte er bebend Luft. Er wollte etwas sagen, doch schaffte es nicht, weil seine Stimme brach. Und an diesem Punkt angekommen, beugte sich Anna über Rist und klaubte ihn aus seiner Embryostellung, um ihn mit ohnmächtigem Gefühl im Innern an sich zu drücken. Noch immer verstand sie nicht, was hier gerade geschah und ihr Herz klopfte ihr wie wild. Sie war dermaßen überrumpelt und bestürzt, dass sie partout keinen klaren Gedanken fassen konnte. Anna presste einfach nur ihren besten Kumpel, der soeben tatsächlich leise weinte, an sich. Auch sie war völlig wirr und wisperte ein paar Worte, die beruhigend klingen sollten. Sie spürte die heile Hand des wackeligen Undvikers an der Seite, als sie es gerade so schaffte nicht mit ihm zu heulen. Die Hand Rists krallte sich in ihre Jacke. Und Vadim war noch immer da. Anna sah nicht zu ihm auf, obwohl ihre Pflichten als Huskarl es ihr gerade geboten ihn unbedingt zu töten. Ja, eigentlich hätte die Frau just aufspringen und dem Hexer einen Kampf auf Leben und Tod liefern müssen. Stattdessen entschied sie sich aber dazu Hjaldrist festzuhalten, damit er nicht schniefend, blutend und elendiglich am harten Boden kauern müsste. Als ehrenvolle Leibwache versagte sie somit einmal wieder. Aber nicht als beste Freundin. Und zuletzt war sie dies doch vor allem anderen.

“So etwas… so etwas passiert, wenn Leute zu viel Macht haben…”, keuchte Rist jetzt heiser und man hörte, dass er gar ein Schluchzen unterdrücken musste “Für SIE sind wir nicht mehr, a-als dumme Kinder, Anna…”

Selbst noch so aufgebracht, dass ihre Hände ganz kalt und feucht waren, saß die Angesprochene da und ließ es zu, dass Hjaldrist ihr das Oberteil vollblutete. Die Hand hob sie zögerlich an, um sie dem Verwundeten an den Kopf zu legen. Mit den Fingern fuhr sie ihm dann sachte durchs lange Haar und hatte Mühe damit ihre Stimme fest klingen zu lassen.

“Ich… ich weiß. Ich weiß. Und wir… wir reisen morgen ab, Rist. Oder übermorgen. Wenn es dir besser geht.”, flüsterte sie “Wir segeln nach Hause und kommen nie wieder an diesen verfluchten Ort zurück. Nie wieder.”

Sie glaubte, dass der Skelliger, der den Kopf an ihrer Schulter vergrub, schwach nickte. Und erst an diesem Punkt angekommen hob sie den Blick gen Vadim. Ihre schwarzen Augen fingen ihn voller Abscheu ein und sie hielt es nicht aus, wie er dastand und starrte. Das Thema ‘Familie’ konnte ihr nun, nachdem sie den vernichteten Hjaldrist angesehen hatte, nicht egaler sein. Und zu gern wäre sie Vadim jetzt tatsächlich an die Kehle gesprungen, wie ein tollwütiger Köter. Doch sie tat es nicht. Denn da war jemand, dem sie Beistand leisten musste. Und die Trankmischerin war zwar furios, doch nicht lebensmüde. Vadim war ein Hexer und was für einer. Sie hatte noch nie einen seines Schlages getroffen, der so stark war, wie Vadim von Vizima. Im Nullkommanichts hätte er Anna und auch Rist umgebracht, hätte er das wollen. Es war also aussichtslos und lebensmüde die Klinge gegen ihn zu ziehen.

“Hau ab!”, schnappte Anna also bloß und brach damit die drückende Stille. Der Vatt’ghern rührte sich jedoch kein Stück weit. Sie glaubte es nicht.

“Verschwinde, du Bastard!”, johlte die Alchemistin “Ich will dich niemals mehr wiedersehen! Du bist das Letzte, Vadim. Das Allerletzte!”

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