Kapitel 128 (Buch 5, 9)

Gesichter im Wasser

“Ich bin allerspätestens zum Abend wieder da.”, versprach Anna, als sie sich den weiten Mantel über die Schultern legte und sich noch einmal flüchtig nach Rist umsah. Der Mann, der gestern übel von Vadim zugerichtet worden war, nickte. Eines seiner Augen war schwarzblau unterlaufen und noch halb zugeschwollen. Über seine, von den Heilern wieder gerade gerückten, Nase zog sich eine dicke Naht und er hatte heute nichts gefrühstückt, weil ihm der Unterkiefer dafür zu sehr schmerzte. Der Arme würde den heutigen Tag sicherlich im Bett verbringen, so viel war klar. Anna atmete tief aus. Ihr Freund tat ihr leid.

“Lado hat gesagt, er kocht dir Suppe. Die musst du nicht kauen.”, erinnerte die Frau noch “Und etwas gegen die Schmerzen steht da.”

Sie deutete mit dem Kinn gen Kommode, auf die sie zuvor ein paar Fläschchen grünlichen Elixiers gelegt hatte.

“Mh, ja, ja…”, seufzte Hjaldrist und schnippte in Anna’s Richtung, als wolle er sie damit verscheuchen “Geh schon...”

Er war nicht unbedingt bester Laune. Und die jüngere Novigraderin verstand das. Sie lächelte knapp, fasste nach ihrem breiten Waffengurt und verließ das spartanische Gästezimmer daraufhin schon. Das Wetter vor dem Haus war genauso übel, wie die Laune des undviker Jarls. Es nieselte und für einen Sommertag war es beachtlich kühl. Anna zog sich die Kapuze tief ins Gesicht und das nicht nur, weil sie es nicht mochte, wenn es ihr in die Augen regnete. Sie hatte Vadim nämlich im Augenwinkel erkannt und hatte keinerlei Lust darauf mit ihm zu sprechen. Sie wandte sich also eilig zum Gehen, denn sie wollte noch vor dem Mittag beim Hafen sein. Hjaldrist hatte niemanden außer Anna in das kleine Dorf Bogenwald mitgenommen. Das, damit kein undviker Landsmann bemerkte, dass sie besessen und damit eine potentielle Gefahr war. Also gab es außer der Monsterkundigen keinen, der loslaufen könnte, um der Crew Bescheid zu geben. Jene solle sich abreisebereit machen, denn morgen schon wollte der Jarl nach Hause zurück. Außerdem wünschte Rist, dass seine Mannschaft von den jüngsten Ereignissen im Ort erfuhr, um im Bilde zu sein. Sicherlich kämen Fragen auf, wenn es hieß, man wolle schnell verschwinden. Und Hjaldrist war immer wer gewesen, der seine Leute gut aufklärte. Heute, da würde Anna das für ihn übernehmen. Sie wäre der Bote ihres engsten Kumpels und stand mit ihrem Rang knapp über dem Ersten Maat von Hjaldrist. Wenn sie schrie, müssten die stinkenden Seemänner an den Docks springen. Alle von ihnen. Ein eigenartiger Gedanke. Und eine gesellschaftliche Stellung, an die sich Anna bis heute nicht so ganz gewöhnt hatte. Sie hatte schon simple Stadtwachen Caer Gvalch’cas herumscheuchen müssen oder war von den Skrugga angesprochen worden, als wäre sie ihnen gleich. Also… naja, das war sie wohl wirklich. Und dennoch fühlte es sich immer wieder so schräg an wie jemand behandelt zu werden, der etwas zu sagen hatte. Bevor Anna in Undvik ihre neue Heimat gefunden hatte, war dem schlussendlich meist genau anders herum gewesen. Ja, davor hatte man sie zu gern angeherrscht; sei es in Kaer Morhen oder als Mietklinge.

 

Der Weg gen Hafen hatte sich als überraschend einfach gestaltet. Der Bogenwald war gefährlich und ihn im Alleingang zu durchqueren lebensmüde. Zwar war nicht Saovine, weswegen einen keine fauchenden Schatten anfielen, aber dennoch. Im Forst lebten überdurchschnittlich viele Monster und Ungeheuer: Waldschrate, Forstteufel, Sukkubi, Nymphen und so weiter. Daneben gab es unglaublich viele Nekkerbauten, Endriagen und ähnliches Geschmeiß. Anna hatte sich also gut vorbereitet, bevor sie aufgebrochen war. Auch Hjaldrist hatte ihr ganz beklommen nachgesehen. Doch nun trat sie auf die fast menschenleeren Docks und das, ohne zuvor die Aufmerksamkeit von nur einem einzigen Biest auf sich gezogen zu haben. Das überraschte sie, genauso wie es sie gutgelaunt stimmte. Also trat sie etwas müde vom etwa vierstündigen Marsch, durchnässt, doch frohen Mutes auf die ungepflasterte Hafengasse. Das große Boot aus Undvik lag hier vertäut und stach zwischen den mickrigen Fischkuttern und Handelsfähren vom Festland arg hervor. Es war Haldorn’s Schiff, das sich Hjaldrist ausgeliehen hatte, weil sein neues Drachenboot noch lange nicht fertiggestellt war. Kalt fiel der Nieselregen auf dessen dunkel gestrichenes Holz und den Schlangenkopf am vorderen Ende des Bugs. Das blau-grüne Segel war gut eingeholt worden und daher flatterte nur das Banner der Falchraites traurig im gähnenden Wind. Anna’s Blick wanderte. Und schnell erkannte sie, dass Leute auf der ‘Seeschlange’ waren. Haldorn’s prunkvolles Schiff war ein wenig anders gebaut, als gewöhnliche Boote der skelliger Flotten. Es war so tief, dass man damit zwar nicht an jedem Fluss hochsegeln konnte, doch dafür war es möglich unter Deck zu gehen. Wenn man reiste, war das der reinste Luxus. Anstatt zusammengezwängt auf den Planken schlafen zu müssen, konnte man sich so abseits von schlechtem Wetter, gezwungener Nähe zur Crew und eiskaltem Wind aufhalten. Und wenn man länger irgendwo anlegte, musste man keine Tavernenzimmer anmieten. Was ohnehin schwer war, denn welche Schänke hatte schon Platz für an die siebzig Mann? Keine.

Anna’s Blick wanderte zwischen der Seeschlange und der Straße, die gen Gasthaus führte, hin und her. Sie überlegte und kam schnell zum Entschluss erst in der Taverne nachsehen zu wollen, anstatt auf dem Schiff nach Rist’s Ersten Maat zu suchen. Und sie tat gut daran. Als die Frau die Hafenkaschemme betrat und das zum ersten Mal seit Saovine im letzten Jahr, erkannte sie den gesuchten Sigbjørn, sofort. Der bullige Krieger mit dem zotteligen, schwarzen Schulterfell saß mit einigen Landsleuten zusammen und würfelte mit ihnen. Der Skelliger mit den rostbraunen Haaren und dem gepflegten Bart, in den Bronzeperlen eingeflochten waren, sah nicht gleich auf. Einer der Crew musste ihn auffordernd am Arm berühren, ehe er den Kopf hob und sich nach Anna umsah. Sie erhob die Hand im beiläufigen Gruß und sofort saß der Erste Maat des Jarls gerader da. Er hob die buschigen Brauen, legte die Hände flach auf den Tisch und erhob sich in der nächsten Sekunde schon. Es schien ihn zu besorgen, dass er Hjaldrist nirgendwo sah. Verständlich. Es musste alarmierend sein den einzigen Huskarl auf dieser Reise allein zu sehen. Anna winkte sofort beschwichtigend ab, doch der Seebär, der sie um einen halben Kopf überragte und wie immer nach Pfeifenkraut roch, setzte sich nicht wieder hin.

“Arianna.”, stellte er fest und auch die sechs Leute der Mannschaft am Tisch horchten auf. Er nickte anerkennend, als die Jüngere vor ihn kam und ein jeder Kerl im patriarchalischen Norden hätte ob dem verächtlich gelacht. Auf Skellige jedoch, waren die Frauen den Männern gleichgestellt. Und Huskarle waren bedingungslos hochgeschätzt; egal, wer und wie alt sie waren oder wie sie aussahen.

“Wir reisen morgen ab.”, kam die Kräutersammlerin gleich zum Punkt, als sie vor dem großen Skelliger anhielt. Sie zog sich die unglaublich klamme Kapuze vom Kopf und war wirklich froh darüber endlich aus dem Regen herausgekommen zu sein. Sigbjørn kräuselte die Stirn überrascht.

“Morgen schon?”, fragte er “Mh. Aye. Aber warum? Wo ist der Jarl abgeblieben?”

“Der ist noch in Bogenwald. Er… war heute noch nicht in der Verfassung zu reisen, also schickte er mich vor, damit ihr euch schonmal bereit macht. Er will morgen zur Mittagsstunde los.”, berichtete Anna pflichtbewusst und spürte die Aufmerksamkeit aller anwesenden Undviker auf sich kleben.

“‘Nicht in der Verfassung’? Was ist mit ihm?”, wollte Sigbjørn sofort drängend wissen, doch die Novigraderin brachte ihn mit knapp erhobener Hand zum Schweigen. Denn die neugierigen Kerle vom Nachbartisch bekamen schon ganz lange Ohren. Sie reckten die Hälse und lauschten gespannt. Auch die Schankmagd betrachtete die Runde von den Inseln interessiert.

“Reden wir woanders. Wo ist der Rest der Crew?”, wollte Anna wissen “Am Schiff?”

“Aye. Manche von ihnen schlafen wohl noch ihren Kater aus.”, nickte der Seemann “Lass uns zu ihnen gehen. Dann können wir gleich verkünden, dass wir morgen ablegen und du erklärst uns warum.”

Folgend schloss sich die Nordländerin ihren skellischen Kollegen an und verließ mit ihnen das Gasthaus, nachdem Sigbjørn großzügig für alle bezahlt hatte. Er war ein vermögender Mann. Der Erste Maat eines Jarls zu sein war eine gut bezahlte Berufung. Vor allem dann, wenn man sie gut erledigte. Und der raue, doch herzliche Sigbjørn hatte schon für Hjaldrist’s Vater gearbeitet.

Anna trat also nach den Männern aus der Schänke und zurück in den verhassten Regen. Dieses Mal machte sie sich nicht die Mühe die Kapuze aufzusetzen und folgte ihren Kollegen auf dem Fuße, während sie sich das Nieselwasser fortblinzelte. Der Kohlestift, den sie immer benutzte, um sich die Augen schlampig dunkel zu schminken verlief ein wenig und sie wischte sich ein schwarzes Rinnsal von der Wange. Nach Sigbjørn trat sie auf den feuchten Hafensteg und benutzte die schmale Rampe, die auf die Seeschlange führte. Jene blieb zumeist an Land geschoben, denn nur ein wahnsinniger Fremder wagte es ein Schiff der berühmt-berüchtigten Skelliger ungefragt zu betreten. Man fürchtete sich als Inselbewohner demnach nicht vor irgendwelchen Eindringlingen. Denn wenn sie mal kamen, zerlegte man sie buchstäblich im Nu.

Leise über das Wetter fluchend, kam Anna unter Deck. Sie schauderte, denn Regenwasser war ihr nasskalt in den Kragen gelaufen. Und sie schloss abermals zu Sigbjørn auf, der bereits die vom vergangenen Abend benommene Mannschaft zusammenrief. Uh. Gleich müsste die Monsterkundige vor gut fünf Dutzend Leuten reden. Gut, dass sie alle von eben jenen kannte und die Hälfte der Kerle und Weiber ganz gern hatte. Das machte die Situation etwas erträglicher.

Tatsächlich fiel es der Alchemistin keine viertel Stunde später nicht allzu schwer den Versammelten zu erzählen, was geschehen war. Zwar beschrieb sie nicht alles genau im Detail, doch ihre Zusammenfassung sollte reichen. Schlussendlich hatte sie nicht vor zu erklären, wie Vadim Rist’s Nase gebrochen hatte. Oder dass der Axtkämpfer in der Mangel eines Werwolfs gehangen hatte.

“Jemand des Redanischen Geheimdienstes ist nebenher im Dorf und wir wissen nicht, was er genau dort sucht. Er gab sich mir gegenüber freundlich, doch das mag nichts heißen…”, endete Anna, als sie inmitten der interessierten Runde von Seeleuten stand und beim Sprechen gestikulierte, allmählich. Sigbjørn starrte sie schon die ganze Zeit über ernst an und manche der Männer und Frauen unter Deck wirkten entrückt.

“Und zuletzt wurde der Jarl schwer verwundet. Es gab einen Zwischenfall und ein Vatt’ghern ging auf ihn los.”, erzählte Anna weiter und war darauf bedacht das Gesicht ihres Freundes unter seinen Leuten zu wahren “Der Hexer erwischte ihn hart. Ein jeder anderer wäre wohl gestorben, aber Hjaldrist hat das Ganze relativ gut überstanden.”

Überwältigtes Raunen. Die Mannschaftsleute sahen einander erstaunt an. Sigbjørn quittierte dies sogleich mit einem stolzen Brummen.

“Der Jarl ist ein Held! Natürlich übersteht er selbst Angriffe von Hexersleuten. Diese Mutanten sind zwar unglaublich stark, doch sogar sie würden es nie schaffen Hjaldrist niederzustrecken!”, fand der Bärtige bestimmend.

“Pah.”, machte ein anderer - das war Herke - und verschränkte die Arme mit biestiger Miene vor der Brust “Diese verdammten Vatt’ghern! Ähm. Nichts gegen dich, Huskarl.”

Anna linste zu Herke und zuckte bloß die Achseln. Ihr war klar, dass die hier versammelten Undviker ganz naiv glaubten, sie sei eine waschechte Hexerin. Ihr Ruf auf der Winterinsel erzählte von nichts anderem. Und manche Leute sahen deswegen zu Rist auf. Nach Torgeir dem Roten war er der erste Clananführer, der es geschafft hatte eine vermeintliche Mutantin auf seine Seite zu ziehen und sie als Leibwache für sich zu begeistern. Es schien, als stelle ihn diese Erzählung als noch mächtiger dar und man verglich ihn mit dem verehrten Torgeir, der einst sehr, sehr lange gelebt und dabei den ruhmreichen Hexer Gerd an seiner Seite gewusst hatte. Es war fast schon so, als betrachte man Anna in alledem als eine Art… riesengroßen Vorteil, der das Jarlshaus besser machte. Und das nur, weil sie ein Hexermedaillon besaß und über Monster und Alchemie Bescheid wusste. Schon lustig. Und sie brach den irrsinnigen Glauben der Leute nicht. Es tat Rist’s Ansehen gut, wenn sie sich als Vatt’ghern gab. Außerdem konnte man Gerüchte, wenn man es denn einmal wollte oder müsste, schwingen wie Waffen.

“Was Sigbjørn sagt, ist wahr.”, lächelte Anna leicht und man kritisierte sie nicht, weil sie, als Huskarl, keinerlei Verletzungen vorwies. Normalerweise, da hätte sie zugerichtet sein sollen, nicht der Jarl. Jedenfalls, wenn man außer Acht ließ, dass es um Vadim ging, der Anna niemals ein Haar gekrümmt hätte. Und wenn man ignorierte, dass sie KEINE Hexerin und damit nicht überstark war. Stattdessen rückte die Mannschaft auch sie in ein gutes Licht.

“Als der Hexer auf den Jarl losging...”, fing jetzt ein weiterer Seemann an und richtete sich an die jüngere Monsterjägerin “Hast du mit deiner Magie gegen ihn bestanden und ihn verjagt?”

“Was…?”, machte Anna und ihr Blick wurde etwas unstet. Solch eine Frage hatte sie nicht erwartet. Sollte sie lügen?

“Hast du ihn verletzt?”, wollte man wissen und der konfrontierten Frau kam das Bild von Vadim in den Sinn; die Szene, in der sie ihm entgegen gebrüllt hatte ihn nie wieder sehen zu wollen. Und dass er das Allerletzte sei. Die Trankmischerin bildete sich ein ihren abrupt innehaltenden Ziehonkel damit hart getroffen zu haben.

“Verletzt?”, dachte sie laut “Ja, das habe ich wohl. Sehr...”

Die Krieger mit den grün-blauen Plaids ringsum jubelten und grinsten grimmig-amüsiert. Ganz klar hatten sie gerade einen epischen Kampf zwischen zwei Mutanten vor Augen. Anna kommentierte dies einfach nicht weiter. Sie warf einen Seitenblick zu Sigbjørn, der ihr eine Hand auf die Schulter legte.

“Ich werde mich hier um alles kümmern. Noch etwas Proviant kaufen und Schnaps besorgen, um die Männer in den kommenden Wochen auf See bei Laune zu halten.”, versprach er “Geh du zum Jarl zurück und bestelle ihm Grüße. Wir sehen uns dann morgen.”

Die schwarzhaarige Kriegerin nickte dankbar.

“Alles klar. Bis morgen.”, machte sie. Und dann machte sie kehrt, um erst etwas essen zu gehen und daraufhin zurück nach Bogenwald zu wandern. Ganz sicher wäre sie noch vor dem späten Nachmittag zurück bei Hjaldrist. Wie es ihm und seinem malträtierten Gesicht wohl ging?

 

Drei Stunden später befand sich Anna schon wieder im dichtesten Teil des Bogenwalds. Den halb überwachsenen Hauptweg nahm sie und musste sich wundern, denn das Unkraut, der Efeu und das Moos hier schienen unglaublich schnell zu wuchern. Auf ihrem Weg zum Hafen waren die Pflanzen längst nicht so dominant gewesen, wie jetzt. Man konnte den Pfad kaum noch erkennen. Unter dicken Regentropfen hastete die Frau dahin und versuchte dabei nicht allzu viel Lärm zu verursachen, denn man wusste ja nie. Sie hatte wenig Lust darauf irgendeinem Waldgeschöpf zu begegnen und in einen Kampf zu geraten. Anna wollte lieber so schnell als möglich ins Dorf zurück. Denn zugegeben? Sie hatte es nicht nur eilig, sondern der mystische Forst war ihr unheimlich. Dies erst recht, weil sie allein hier herumstreifen musste. Gestern, als sie mit Rist beim Sumpf gewesen war, hatte sich die eigenartige Präsenz des Bogenwalds noch erträglich angefühlt. Schlussendlich war ihr bester Freund bei ihr gewesen und einander waren sie immer eine Rückendeckung. Nur jetzt? Nun fühlte sich Anna so, als folge ihr irgendetwas oder -jemand. Als hingen in den hohen Baumkronen große, glotzende Augen, die jeden Schritt und Tritt von ihr penibel beobachteten. In ihrem Verfolgungswahn hob sie den Kopf also, doch erkannte über sich nicht mehr, als sattes Laubwerk, von dem der Regen tropfte. Dennoch sah sie weiter skeptisch um sich und hielt nicht an, denn in einem verwünschten Forst stehenzubleiben war schlecht. Ein paar Bäume linkerhand sahen eigenartig verdreht aus. Sie bogen sich in ihren Mitten und wurden damit zu borkigen ‘C’s mit heller Rinde. Nicht weit von ihnen schien die Luft zu flimmern, als sei sie heiß, und rechts flatterten ein paar Vögel wild kreischend auf. Beinahe zuckte Anna ob dem alarmiert zusammen. Und obwohl der Abend seinen Schleier noch nicht einmal annähernd über das Land legte, war es düster. Denn die Baumkronen ließen nur wenig des heute so und so schon spärlichen Lichts bis zum Boden durch.

“Ganz toll…”, flüsterte Anna grummelig zu sich selbst, seufzte einmal leise und zog sich den Mantel enger um den Körper. Sie hätte noch etwa eineinhalb Stunden des Marsches vor sich und sie freute sich nicht darauf. Der Marsch zum Hafen war ja erträglich gewesen. Nur jetzt? Jetzt stimmte irgendetwas nicht.

Die Kriegerin mit dem Silberschwert an der Hüfte kam noch ein Stück weiter, ehe sie erneut damit anfing sich besorgniserregend bedrückt zu fühlen. Die stichelnde Empfindung war diesmal so stark, dass Anna wahrhaftig innehielt und einen forschenden Seitenblick nach links warf. Patschende Schritte. Der Regen prasselte zwar noch immer herab und es gluckerte hier und da, doch die nackten Füße auf feuchtem Grund waren unverkennbar gewesen. Es hatte sich angehört, wie die Schritte von Moderhäuten oder großen Nekkerfüßen. Der Geruch nach Verwesung stieg Anna süßlich-schal in die feine Nase und sie schnupperte vorsichtig, bevor sie sich unbewusst versteifte. Nervös biss sich die Kurzhaarige auf die Unterlippe und nahm die schwarzen Augen nicht von dem Fleck des Waldes, aus dessen Nähe sie Geräusche vernommen hatte, die eindeutig nicht zum Wetter, den Sträuchern oder Bäumen gehört hatten. Ihr Kopf ratterte dabei regelrecht. Sie verengte den Blick, spähte forschend und wand den Blick herum. Wieder ein Platschen. Patsch, patsch. Und dann sah sie ihn. Oder eher: es?

Verdutzt erkannte Anna den nackten Männerleib, der durch das Unterholz huschte. Er was blassblau, wie der Körper einer Leiche, und der Kopf fehlte ihm. Es war nicht so, als habe man dem Wesen eben jenen abgehackt, nein. Es war, als habe auf seinen Schultern nie ein Schädel gesessen. Pusteln und Warzen übersäten Torso und Schenkel des Monsters und stellenweiße sah dessen fahle Haut schuppig aus. Der verharrenden Alchemistin standen die Lippen einen überwältigten Spalt weit offen und sie blinzelte, als sähe sie eine Wahnvorstellung, die wieder verging, wenn man die Augen einmal kurz schloss. Und tatsächlich war das Ungetüm daraufhin fort. Dies aber nur, um zwei Atemzüge später hinter Anna aus dem Dickicht zu stieben und gierig nach ihr zu grapschen. Sofort wand sich die äußerst angespannte Kriegerin herum und zog das Silberschwert, dessen Runen gespenstisch glommen, mit einem Ruck. Sirrend schnitt die leichte Klinge durch die stinkende Luft. Der kopflose Körper vor Anna war unheimlich schnell. Er sprang, als wolle er auf sie aufhocken, doch die Nordländerin wich ab und das Ding hüpfte in die Leere. Ohne weiter nachzudenken hob die Novigraderin mit der Waffe zu. Doch auch sie schlug daneben, weil sich der warzige, nackte Leib unter ihrem Schwertstreich davonduckte. Wie auch immer dieses kopflose Monstrum sah, es war unsagbar unheimlich und Anna tänzelte aufgescheucht zur Seite. Da war das Monster wieder hinter ihr und das so hastig, dass sich die Kurzhaarige kaum versehen konnte. Sie keuchte erschrocken und stieß mit dem Schwertknauf barsch hinter sich. Das Biest wich zurück, doch sprang ihr im nächsten Moment schon gelenk auf den Rücken. Es war dabei so schwer, dass Anna beinahe rücklings umkippte. Plötzlich spürte sie grobschlächtige, kaltfeuchte Hände an ihrem Hals, die gewaltsam zudrückten. Sie würgte, doch umfasste ihr Schwert umso fester. Die aufgerüttelte Frau wollte den kopflosen Leichenkörper abschütteln und tat das, was ihr als letzter Ausweg erschien: Sie warf sich zurück und ganz offenbar hatte das makabre Ungetüm nicht damit gerechnet. Denn es landete voran hart am Grund und Anna mit ihrem vollen Gewicht auf ihm. Der Griff um ihre Kehle wurde für wenige Herzschläge lange lockerer und sie schaffte es sich loszureißen, ehe sie sich schwer nach Atem ringend herumdrehte und blind zustach. Sie traf. Anna erwischte das Monster tatsächlich und durchbohrte dem Männerkörper die rechte Schulter. Sie verkniff sich einen Kampfschrei, denn HIER wollte sie nicht laut sein. Und sie stemmte sich sofort mit aller Kraft auf ihr Schwertheft, um es noch tiefer zu treiben. Weiches Fleisch gab nach und es stank bestialisch nach altem Tod. Die Alchemistin spießte das zappelnde Geschöpf unter sich buchstäblich auf dem Erdboden fest. Ein feindselig-zufriedener Ausdruck zog an ihrem Gesicht und sie biss die Zähne zusammen, als sie das Silberschwert ein letztes Mal mit aller Kraft niederruckte. Das Monster am Boden strampelte indes und wühlte mit seinen nackten Füßen die regennasse Erde auf. Und dann, ganz unerwartet, rollte es sich schwungvoll zur Seite. Dies mit solch einer Kraft, dass es Anna halb mit sich zerrte und sich, als die Frau kräftigen Widerstand leistete, einfach die scharfe Schwertklinge aus dem Körper fetzte. Der Giftmischerin entfleuchte ein verärgerter Laut und ein rüdes Schimpfen. Und auf einmal… auf einmal war da ein zischendes Geräusch in ihren Ohren; ein dezentes ’Schhh’, das immer näher zu kommen schien. Dieser Laut war es, der sie plötzlich traf, wie eine wuchtige Welle, wie ein heftiger Windstoß oder eine gesalzene Ohrfeige. Und auf einmal fiel die Welt in ein eiskaltes Schwarz.

 

Als Anna wieder zu sich kam, war es dunkel. Benommen blinzelte sie und hob den Kopf schwach, um verwirrt um sich zu sehen. Was? Wo war sie…?

Da war eine Lichtung. Eine Lichtung, auf die Mondschein fiel und ein kleiner Waldteich. Glühwürmchen blinzelten an dessen Ufer und verschwanden immer wieder einmal kurz hinter hohem Schilf. Anna zuckte zusammen und verstand nur schleppend, was geschehen war. Ja, sie erinnerte sich: Da war dieses kopflose Ding gewesen. Sie hatte eben jenes verwundet. Und dann? Sie wusste es nicht mehr. Der Atem der zuvor noch so matten Novigraderin beschleunigte sich und aus großen Augen starrte sie gen Teich, als sie sich aufsetzte. Sie sah an sich hinab, neben sich und hob den Kopf dem Himmel entgegen, den man hier stellenweise durch das Blätterdach hindurch erspähen konnte. Anna schüttelte das schwirrende Haupt und sah abermals an sich hinunter. Da erkannte sie, wie nah sie gerade am Wasser saß. Ihre gesamte linke Seite war klitschnass. Verwirrt stierte sie und fasste sich an den tropfenden Ärmel. Sie fror und ihr feuchter Wollmantel klebte ihr unangenehm und schwer am Körper. Und-

Oh nein. Anna schnappte nach Luft, ehe sie den Atem mit pochendem Herzen anhielt. Ihr Schwert. Es war fort.

“Nein…”, wisperte sie und tatschte an die Stelle, an der der vertraute Waffengriff aus ihrer Lederscheide ragen sollte. Doch da war nichts. Anna verfiel sofort in Hektik, sah um sich und ließ die weiten Augen über den matschigen Boden wandern. Die teure Klinge war nirgendwo zu sehen. Und als wäre das gerade ihr allergrößtes Problem, erhob sich Anna auf unsicheren Füßen. Sie wischte sich nicht einmal den ganzen Dreck von der Kleidung, als sie sich herumwand und die Aufmerksamkeit unruhig umherschweifen ließ. Scheiße. Scheiße, verdammte! Ihr Silberschwert war fort. Hier, in der Finsternis, sollte es ob seiner leuchtenden Runen in der Blutkehle leicht auszumachen sein. Doch nichts. Da war nichts. Kein orangenes Glimmen wie von Glut in der Nacht.

Ein Plätschern riss Anna eine Sekunde später schon aus ihrem rasenden Denken und instinktiv wich sie zurück. So weit tat sie das, bis sie an den ersten dicken Baum stieß, der die kleine Lichtung begrenzte. Ihre großen Augen richteten sich zurück zum Teich im Forst. Und da war es wieder. Das nackte Wesen, das so sehr nach Verwesung stank, stieg aus dem Wasser hervor und kam ans Ufer. Doch anders, als früher, bewegte es sich nicht mehr so hastig. Im weißlichen Mondlicht, erkannte Anna, dass sich der pickelige Männerkörper beim Gehen krümmte. Er hinkte bei jedem Hüpfer, den er machte und wand sich gar einmal so, als habe er Schmerzen. Oh. Ja, genau. Anna hatte das Biest verletzt. Und augenscheinlich war es zwar unmenschlich, doch nicht in der Lage sich zu regenerieren. Selbst in der vorherrschenden Düsternis erkannte Anna, dass eine Seite dieses Ungetüms dunkel besudelt war. Blut. Viel Blut. Der Schlag mit der verheerenden Silberwaffe schien dafür gesorgt zu haben, dass sich die Wunde des Monsters nicht schloss. Schmal lächelte die Novigraderin ob dem, als sie sich in die Schatten der Bäume duckte und beobachtete. Penibel tat sie das und erkannte, wie das Biest einmal halb um den Teich herumlief. Es hatte dabei eine eigenartige Gangart und watschelte auf eine Weise, die gruselig und ulkig zugleich war. Anna verhielt sich solange still. Sie atmete kontrolliert, bedacht flach und leise.

Das Monster weiter vorn… es musste eine Art Wassermann sein. Ein Brag vielleicht. Brags hatten es an sich verirrte Wanderer - vor allem Frauen und Kinder - anzugreifen. Sie kamen aus dem Hinterhalt, um ihre Opfer mit sich zu nehmen, sie gewaltsam zu schänden oder zu ertränken. Dafür, dass es sich hier wirklich um einen Brag handeln musste, sprach letzteres. Denn Anna war vorhin halb im Teichwasser liegend zu sich gekommen. Der Wassermann hatte sie ersäufen wollen, als sie ohnmächtig gewesen war, richtig? Nur warum hatte er es nicht geschafft? War Silven etwa da gewesen, um seinen Wirtskörper zu beschützen? Nein. Womöglich war der Wassermann nur zu geschwächt gewesen, um Anna zur Strecke zu bringen. Verwundet, wie er war, hatte er sie vielleicht mühsam hierhergeschleppt, doch auf dem letzten Meter versagt. Blutend war er wohl zurück ins Wasser verschwunden, um sich auszuruhen. Und jetzt kam er wieder, um sein grausiges Werk zu vollenden. Oder jedenfalls glaubte er das. Ja, tatsächlich kam das Biest an genau die Stelle, an der Anna vor wenigen Minuten noch ganz wirr gelegen hatte. Und dort stand er dann. Obwohl er keinen Schädel besaß, war es unverkennbar, dass es den Brag irritierte, dass seine Beute fehlte. Unzufrieden stieg er von einem Fuß auf den nächsten und fing damit an im Kreis zu laufen, wie ein eingesperrtes Tier. Anna beobachtete dies mit Genugtuung und zog sich noch etwas weiter in den Schatten zurück. Dabei setzte sie die Füße vorsichtig nieder, um kein Rascheln oder Knacken zu verursachen. Sie fasste sich hinten an den punzierten Gürtel und zog langsam das Kampfmesser, das dort in seiner Scheide aus mahagonifarbenem Leder steckte; ihre einzige Waffe, die sie soeben hatte. So verharrte die 26-Jährige und verfolgte aufmerksam, was der Brag weiter vorne tat. Nervös hastete er auf und ab und taumelte dabei immer wieder, weil ihm seine frische Wunde schmerzte. Einmal warf er sich gar auf den Boden und wand sich dort wie eine sterbende Schlange im Gras. Es war morbid mit anzusehen. Und dennoch lächelte Anna berechnend. Ihre Miene wurde von Sekunde zu Sekunde entschlossener. Denn, ach, sie hätte eigentlich fliehen können. Aber sie würde nicht. Erstens hätte dies gegen ihr ehrgeiziges, halsstarriges Wesen gestanden und zweitens irrte sie des Nächtens lieber dann durch den Bogenwald, wenn sie keinen mordlüsternen Wassermann auf ihrer Fährte wusste. Ja, sicher war sicher. Und aus genau dem Grund brach die kühne Frau einen sehr tiefen Atemzug später schon aus dem nächtlichen Schwarz. Mit verbissenem Blick und ihrem langen Messer fest in der Rechten sprang sie aus ihrer sicheren Deckung und hastete direkt auf den Barg zu, der sie natürlich bemerkte. Er drehte sich um, da war die Monsterjägerin schon da und rammte ihm die Klinge mit einem Mal zwischen die Rippen. Sie biss die Kiefer dabei aufeinander und gab keinen Mucks von sich, denn in einem gefährlichen Forst war es besser ruhig zu sein. Lediglich die Luft stieß Anna schwer durch die Nase aus, als sie das bluthungrige Messer tiefer trieb. Und es fühlte sich an wie damals, als sie Orlan abgestochen hatte. Kühl sah die Kurzhaarige über den kopflosen Rumpf hinweg in die Leere und drehte die Schneide im faulig stinkenden Leib vor sich langsam, fast schon gefühlvoll. Und sie lächelte schon wieder dünn. Der Barg indes fuchtelte herum und packte Anna entkräftet an den Oberarmen, doch sie zwängte das immens geschwächte Biest von sich und schlug die Augen nieder. Das Monstrum sank nach ein paar Zuckern schon zusammen. Es glitt regelrecht von der Klinge Annas und mit jedem Herzschlag sprudelte ihm mehr dunkles Monsterblut aus der tödlichen Brustwunde. So ermattet war der Barg, dass er nicht einmal mehr im vergeblichen Überlebenskampf zappelte oder strampelte. Der bleiche Leib blieb einfach nahezu regungslos zu den Füßen der Nordländerin liegen. Noch immer ging deren Atem unregelmäßig und sie fühlte sich einen Moment lange irgendwie so… taub. Sie zog die Brauen zusammen und sah Hjaldrist’s wahnsinnigen Onkel vor sich. Anna öffnete die Augen wieder halb. Und Orlan war fort. Sie schluckte trocken und ihr Blick suchte den toten Wassermann, dessen Leben soeben entschwand.

“Götter…”, wisperte die Frau, die wieder ins Hier und Jetzt zurückfand, wenig begeistert. Sie rümpfte die Nase angewidert, denn der Gestank auf der Lichtung war extrem penetrant. Nach verwesenden Innereien roch es nun und das zähe Blut der Bestie sickerte in den Grund, wie abgestandene Leichenflüssigkeit. Anna würgte trocken und wand sich halb ab. Sie brauchte einen Moment. Um sich das blutige Messer bald darauf nicht an der Kleidung abwischen zu müssen und sich damit mit stechender Verwesung zu besudeln, ging sie zum Teich, in dem sich stellenweise der Mond widerspiegelte. Sie kam an dessen Ufer und Glühwürmchen stoben zu allen Seiten fort, als Anna am Wasser in die Hocke ging und Waffe und Hände im kühlen Nass wusch. Sie rubbelte die dunkelroten Flecken von ihrem Messer, wischte es am Mantel trocken und steckte es in seine Scheide zurück. Die Finger daraufhin in den Teich tauchend, ließ sie die Augen über die Wasseroberfläche wandern und nur allmählich schwand die Aufregung wieder aus ihren Gliedern. Sterne spiegelten auf der Teichoberfläche, vor der sie hockte; zwischen Schilf, Wasserlilien und-

Anna runzelte die Stirn und beugte sich leicht vor. Zögerlich nahm sie die sauberen Hände aus dem Gewässer und erhob sich, machte den Hals lang. Und erst an diesem Punkt erkannte sie die Leichen. Blasse Körper schwammen in dem sonst so idyllischen Waldteich. Kleine und große, aufgeblähte und noch relativ frische. Manche von ihnen trieben mit dem Gesicht nach oben unter der Wasseroberfläche und ihre weit aufgerissenen Augen starrten dem hübschen Nachthimmel entsetzt entgegen. Anna lief ein eiskalter Schauer über den Rücken hinab, wie ein kalter, glitschiger Aal. Sie wich augenblicklich zurück und verkniff sich einen überforderten Laut. Sie sah den nackten Leib eines kleinen Mädchens mit langem Haar und den aufgedunsenen Körper eines Mannes, dem die blaue Zunge aus dem weiten Mund schwoll. Augenblicklich überkam Anna abermals ein ungeheurer Ekel und sie musste sich schaudernd abwenden, um sich nicht noch auf die Stiefel zu kotzen. Sie holte schnappartig Luft und fasste sich mit verzogenem Mund an den Magen, der sich umzudrehen drohte. Unartikuliert und flüsternd fluchte sie und entfernte sich sofort gute zehn Meter weit von dem Totenteich. Gleichauf sah sie sich in böser Vorahnung um. Sie müsste weg von hier, aber schnell. Denn dieser schreckliche Ort war doch ein regelrechter Magnet für hungrige Nekrophagen. Nun, da der Barg nicht mehr war, der sein Revier zu Lebzeiten verteidigt hatte, kämen die Biester sicherlich bald, um den toten Wassermann und die Leichen im Wasser zu fressen. Ja, Anna müsste fort und zwar so eilig sie nur konnte. Denn sie hatte nur ihr Kampfmesser und wenig Lust darauf nur damit gegen Ghule und dergleichen zu kämpfen. Ihr Silberschwert lag irgendwo im verschissenen Wald und sie wusste soeben nicht einmal genau, wo sie war. Orientierungslos lief sie also los und dies mit dem gewagten Ziel den Hauptweg wieder zu finden. Irgendwie. Sie schritt in die klamme Dunkelheit des Bogenwalds und glaubte dessen Geräusche von allen Seiten herandringen zu hören. Da waren sie wieder, die starrenden Augen in den Baumkronen. Und dieses Mal war sich Anna nicht mehr sicher, ob sie sich jene nur einbildete, oder ob sie real waren. Sie versuchte starr geradeaus zu sehen und sich im Geiste zur Ruhe zu ermahnen, doch so einfach war das nicht. Denn die Monsterkundige hatte gegen reißende Angst anzukämpfen. Ja, tatsächlich wollte sie gerade eine grausame Furcht überrollen und sie stellte sich jener mit all ihren Sinnen dagegen. Hastig ging sie durch die Finsternis, kämpfte sich durch dornige Büsche hindurch und lief beinahe in einen Baum. Sie stolperte dahin, legte sich dabei einmal fast auf die Nase. Und dann kam ihr auf einmal eine rettende Idee. Eine dumme vielleicht, doch auch eine, die ihr paradoxerweise mehr Sicherheit versprach: Anna gestikulierte kurz und ein orange flackernder Schild blitzte rings um sie auf. Quen umgab sie gleich mit schützender, gewohnter Magie, doch dies war in erster Linie nicht der Grund, warum die Frau das Zeichen beschrieben hatte. Ihre Motivation dahinter war nicht unbedingt eine sichere Abschirmung von unvorhergesehenen Angriffen, sondern Licht. Es war ganz simpel. Der arkane Schild verströmte einen warmen Schein mit dessen Hilfe Anna hier weiter sehen konnte, als nur ein, zwei Meter. Erleichtert lächelte sie und wagte es wieder ihren Schritt zu beschleunigen, bis sie lief. Sie achtete nicht mehr bedacht darauf vorsichtig und leise zu sein, denn wenn man im Dunkel ein oranges Glühen verströmte, war jegliche Vorkehrung dafür nicht erkannt zu werden, müßig. Anna wollte einfach nur ihr Silberschwert wiederfinden. Und dann müsste sie so schnell es ging zu ihrem besten Freund zurück. Sicherlich machte sich Rist schon verrückt vor Sorge. Wie spät es mittlerweile wohl war?

 

“Anna!”, das entfernte Rufen ließ die Besagte aufsehen, nachdem sie eine gefühlte Ewigkeit durch den Forst geirrt war. Und ihre Miene erhellte sich, als sie die Stimme als eben jene von Hjaldrist ausmachte.

“Mädchen!”, und das war Tar’Azul. Der Kurzhaarigen fiel ein Stein vom Herzen und sie beschleunigte ihren Schritt auf dem Hauptweg des Forstes, den sie vor weniger Zeit erst wiedergefunden hatte. Es war unglaublich, dass sie das im Dunkel überhaupt vollbracht hatte, wo der Pfad doch größtenteils unkrautüberwuchert war. Anna hatte dies allein ihrem Silberschwert zu verdanken, das mit markant leuchtenden Runen am Weg gelegen hatte. Sie hatte während des stundenlangen Umherirrens und einem kurzen Kampf gegen ein kleines Rudel Nekker die wie zu ‘C’s gebogenen Bäume wiederentdeckt. Und dann, genau dort, wo der Barg Anna vor vielen Stunden erwischt hatte, war ihr Langschwert gewesen. Die Novigraderin hatte vor Freude beinahe geheult, als sie es fahrig an sich genommen hatte. Denn ja, ihre Klinge war unglaublich viel wert. Doch für sie vor allem auf emotionaler Ebene. Anna hätte es sich niemals verzeihen können, hätte sie das Geschenk von Rist nicht wiedergefunden; dieses Symbol für einen letzten Sold oder aber des Beweisens von Loyalität. Daher schritt sie jetzt frohgemut voran und schüttelte die klammernde Paranoia ab, die sie bis hierher verfolgt hatte. Zwar war Anna’s Kleidung noch immer feucht und sie unglaublich erledigt, doch in diesem Moment fand sie genug Kraft, um erneut loszulaufen.

“Rist!”, rief sie, um auf sich aufmerksam zu machen “Azul!”

Es dauerte nicht lange, bis die zwei Krieger der Frau am finsteren Weg entgegenkamen. Sie hatten flackernde Sturmlampen bei sich und besonders der Skelliger im Bunde sah gerade so aus, als fiele eine extrem plagende Last von ihm ab.

“Anna! Bei Freya’s Titten!”, stöhnte er, als er angelaufen kam. Die Nordländerin verlangsamte den Schritt, um vor ihrem Kumpel stehenzubleiben. Doch der wiederum, machte keine Anstalten es ihr gleichzutun und innezuhalten. Er kam stattdessen frontal und umarmte Anna sofort, um sie geschwisterlich an sich zu drücken. Er schimpfte irgendetwas in seinem Dialekt, das vermutlich an seinen Huskarl gerichtet war, und dennoch fühlte es sich gut an festgehalten zu werden. Auch Tar’Azul kam jetzt in den Laternenschein und seufzte erleichtert auf.

“Wir haben dich gesucht! Du warst ewig fort.”, sagte der Hexer “Lado ist auch unterwegs, um Ausschau nach dir zu halten. Und selbst Vadim hat seine Abreise abgeblasen, um mit Kasia nach dir zu sehen.”

“Tse…”, lachte Anna leise in Rist’s braun melierten Fellkragen und erwiderte dessen Umarmung schließlich “Scheiß auf Vadim.”

Man vernahm, wie Tar’Azul belustigt schnaufte. Ja, man konnte regelrecht hören, wie er mit den Augen rollte.

“Wo warst du, verdammt?”, wollte der anwesende Jarl dann sofort wissen, erwischte seine Freundin an den Oberarmen und drückte sie von sich, um sie streng anzusehen. Sein eines blaues Auge sah schon wieder besser aus, als noch am Morgen.

“Es ist weit nach Mitternacht, Arianna.”, brummte der Undviker und die Schuldige grinste betreten “Und… zitterst du? Du bist ganz nass. Und dreckig. Was zum Geier?”

“Tut mir leid…”, murmelte die Burschikose “Es gab… Probleme.”

“Du hättest Hjaldrist sehen sollen.”, kommentierte der Hexer, der neben den Freizeit-Abenteurern stand abfällig-amüsiert “Er lief schon am frühen Abend nervös auf und ab, weil du noch nicht zurück warst.”

“Natürlich bin ich das!”, meinte der aufrichtige Undviker sofort und machte keinen Hehl daraus besorgt gewesen zu sein “Hätte ich unbekümmert auf meinem Arsch sitzen sollen, während ANNA quasi verschollen ist?”

Der alte Vatt’ghern schmunzelte, doch sagte nichts mehr. Rist atmete einen Seufzer und ließ seine Kumpanin wieder los. Mit gekräuselter Stirn bedachte er sie.

“Was war los?”, wollte er wissen.

“Ein Monster hat mich erwischt…”, gab Anna zu und sie sah, wie Hjaldrist erstarrte “Es hat mich verschleppt und… naja, ich landete jedenfalls irgendwo im Nirgendwo und musste den Weg erst wiederfinden. Und dann waren da noch Nekker. Scheiße, können die nachts gut sehen...”

“Du sagst das so, als sei es ganz normal, wenn dir so etwas passiert.”, kommentierte Tar’Azul und Rist taxierte seine Freundin, als wolle er sich dessen versichern, dass sie nicht verwundet war. Er würde nichts finden, denn bis auf ein paar Schrammen war die Überlebenskünstlerin unversehrt.

“Mh. Ich sag es mal so: Ich wunder mich schon gar nicht mehr...”, stöhnte Anna achselzuckend “Aber lasst uns doch zurück ins Dorf gehen. Ich brauche dringend einen heißen Becher Tee. Und dann erzähle ich euch alles, ja?”

 

In dieser Nacht saß Anna noch lange mit Rist, Tar’Azul, Aldoran und Lado beisammen. Und sie erzählte den Männern bei Gewürztee und süßem Butterlikör alles, was sie am vergangenen Tag erlebt hatte. Erst spät - oder eher: früh - verließen sie und Hjaldrist die lauschige Hütte der Viper dann, um in ihr Gästezimmer zu gehen und etwas Schlaf zu finden. Auf ihrem Weg dorthin kam ihnen der zerstreute Vadim in die Quere, der sich erst erleichtert über die Wiederkehr seiner Ziehnichte zeigte und sich dann bei ihr und dem Jarl Undviks entschuldigte. Der Hexer ging dabei gar auf die Knie und beteuerte, dass er nicht wusste, was in ihn gefahren sei und so weiter. Ein eigenartig beklemmendes Bild. Vadim meinte es ehrlich. Und dennoch zeigte ihm der sture Rist die kalte Schulter, verschwand erhobenen Hauptes und zusammen mit seinem Huskarl.

Kurz bevor die beiden Freunde den Bogenwald am folgenden Tag unausgeschlafen verließen und dafür planten an Bord der Seeschlange zu dösen, waren Vadim und Kasia fort. Es schien, als seien sie nach dem vergeblichen Versuch des reumütigen Wolfes sich zu entschuldigen gegangen. So verabschiedeten sich Anna und ihr Kumpel von allen Übrigen, die ihnen wichtig waren, um alsdann mit all ihrem Gepäck gen Hafen aufzubrechen. Besonders das Lebewohl mit Lado, Leto und Aldoran war schwer gewesen. Denn es war nach dieser kräfte- und nervenzehrenden Reise wahrscheinlich, dass Hjaldrist und Anna den verfluchten Bogenwald mit all seiner wirren Magie niemals mehr wieder betreten würden. Wie es um Nyra stand, wussten sie nicht. Wahrscheinlich würde man sie in Zukunft kontaktieren, sollte es Probleme mit ihrer grünen Kette geben. Und was mit Hieronymus war? Das war genauso unklar und es interessierte Anna zudem wenig. Doch auch ihn, so wusste sie zu der Zeit noch nicht, würde sie eher wiedersehen, als gewollt.

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