Kapitel 133 (Buch 5, 10)

DIe seehundfrau

Anna strauchelte einen Schritt weit zurück, nachdem Matilda ihr einen harschen Schubs verpasst hatte, trat dabei auf den grünen Saum ihres langen Kleides und stolperte rücklings. Sie konnte sich kaum versehen, da lag sie am harten, staubigen Boden und ächzte ob ihres aufgeschlagenen Handballens und ihres protestierenden Steißes auf. Kurz wurde ihr das Blickfeld ganz eng und sie blinzelte benommen.

“Uh…”, presste die Giftmischerin hervor und biss die Zähne gequält zusammen “Scheiße…”

Und Matilda, die sich die rauen Hände in die Taille stemmte und abschätzig auf die viel Jüngere herabsah, seufzte entnervt. Ein kühler Wind wehte über den Trainingsplatz hinter der Falkenburg und das Meer vor den Klippen brauste wild. Bald würde es wieder regnen, ganz sicher.

“Standhaftigkeit, Mädchen!”, tadelte die brünette Leibwache, die seit einem Jahrzehnt im Dienst der Falchraites stand “Wie oft soll ich es dir denn noch sagen, dass du einen sicheren Stand beibehalten und Angriffe abfangen sollst, anstatt ihnen auszuweichen?”

“Ich-”, fing die abgekämpfte Kurzhaarige am Boden etwas atemlos an, doch durfte nicht ausreden.

“KEIN Huskarl weicht aus, wenn eine Axt auf ihn niedergeht oder eine Faust auf ihn zukommt! Er fängt oder lenkt beides ab, egal wie.”, belehrte Matilda Anna streng und dies mit erhobenem Zeigefinger “Und warum? Sag es mir!”

“Weil… weil man seine Schutzperson unbedingt decken muss…”, machte die Novigraderin im roten Rock kleinmütig und so, als habe sie diese Phrase auswendig gelernt. Betreten atmete sie aus und senkte den Blick. Verdammt.

“Richtig!”, lächelte Matilda breit, doch ihrer Kollegin war kaum zum Grinsen zumute “In deiner Profession stehst du für gewöhnlich zwischen einem aggressiven Angreifer und einem wichtigen Mitglied der Jarlsfamilie. Wenn du ausweichst, dann gibst du die Deckung für den oder die letztere auf. Verstehst du das? So etwas darf auf keinen Fall passieren! Ein Huskarl gibt sein Leben eher her, anstatt abzuweichen oder nachzugeben.”

“Ja… ja ich weiß…”, gab die Ungeheuerkundige zurück und schlug die Augen seufzend nieder. Seit gut zehn Tagen war sie nun wieder auf Undvik und hatte sich aus freien Stücken dem wiederholten, straffgezogenen Huskarl-Training gestellt. Nach allem, was in den vergangenen Wochen passiert war, hatte sie das als dringend angesehen. Denn in ihren kritischen Augen war sie längst nichts von alldem, was Henrik oder Matilda waren. Sie fühlte sich just gar schlecht dabei, wenn man sie, diese… diese Anfängerin, als Leibwache des Jarls betitelte. Denn sie hatte in Bogenwald mehr, als nur einmal versagt. Kurzum: Anna fühlte sich, wie ein Stück unnützer Scheiße. Wie ein Hexerlehrling, der einen kleinen Nekker nicht von einem fauchenden Ertrunkenen unterscheiden konnte oder wie ein Alchemistennovize, der Salz mit Fisstech verwechselte. Sie… sie war vielleicht eine gute Torwache, aber nicht mehr, als das. Nicht wahr? Wegen ihr hatte Hjaldrist zuletzt die Beweglichkeit seines linken Zeigefingers verloren. Das, weil sie nicht flink oder aufmerksam genug gewesen war. Ja, verdammt, Anna hatte auch Vadim nicht angegriffen, nachdem jener den viel schwächeren Rist niedergeworfen hatte. Sie hatte nur ungläubig gestarrt, weil der verdammte Vatt’ghern, den sie momentan für seine Taten verabscheute, zu ihrer Familie zählte. Weil sie ihm vertraut hatte. Und weil sie tiefe Bindungen und Freundschaft über ihre Aufgabe als Huskarl gestellt hatte. Es war ein Fehler gewesen. Ein großer. Und es tat ihr leid. Hätte sie vor Wochen, auf Siofra, eher und hart eingegriffen, wäre die Lage sicherlich nicht heftig eskaliert. Doch das war sie. Und Anna fühlte sich seither schuldig. Nur aus diesem Grund war sie nach ihrer Ankunft auf Skellige sofort zu ihrem Vorgesetzten, Henrik, gerannt, um ihn tapfer darum zu bitten sie hart zu unterweisen und eine gute Leibwache aus ihr zu machen. Seither nahm Matilda sie regelmäßig in die Mangel; diese großgewachsene Frau aus Arinbjorn, die vom Jugendalter an erst als Schildmaid von Lugos und dann als Huskarl auf Undvik gearbeitet hatte. Sie war ungemein erfahren und im Vergleich zu ihr fühlte sich Anna wie ein Häufchen Dreck und so winzig, jung und dämlich. So, als sei ihre jahrelange Ausbildung in Kaer Morhen überhaupt nichts mehr wert. Denn das Training mit der brünetten Kriegerin der Inseln war so viel anders, als das, was die Trankmischerin früher im Norden erfahren hatte. Hier ging es um eiserne Standhaftigkeit, nicht um flinkes Ausweichen. Es ging darum viel einzustecken und Leute zu beobachten, anstatt Finten zu setzen und sofort zuzuschlagen. Und um einen starren Kodex ging es auch, den die flatterhafte Anna bisher nicht immer eingehalten hatte, obwohl sie hoch und heilig darauf geschworen hatte. Scheiße, verdammte.

“Komm hoch.”, forderte Matilda ungnädig und ohne helfende Hand musste Anna wieder allein auf die Beine kommen. Beide Frauen, die sich in der wenig wärmenden Nachmittagssonne gegenüberstanden, trugen keinerlei Waffen bei sich, denn die Grundausbildung eines Huskarls bestand aus dem waffenlosen Nahkampf; Daraus auszuteilen und einzustecken. Leider äußerte sich letzteres seit Tagen recht… unangenehm und Anna hatte von den viel zu zähen Trainingseinheiten neben ihren langen Schichten schon einige blaue Flecken davongetragen, die sie an ihre Patzer erinnerten. Letzte Woche hatte Matilda ihr gar den Arm ausgerenkt und ihr als harte Lektion ein Auge blau geschlagen. Noch immer war dieser Bluterguss am Verblassen und prangte als grünliches Mal im Gesicht der erschöpften Anna, die seit Tagen jeden Muskel in ihrem Körper spüren konnte. Ja, selbst das Treppensteigen war zurzeit eine Qual und sie fühlte sich, als sei sie hundert Jahre alt. Die Heiler der Stadt stöhnten jedes Mal überfordert, wenn sie die Nordländerin auch nur nahen sahen.

“Und nochmal.”, setzte Matilda fort “Ich greife dich an und du wehrst meinen Schlag mit dem Unterarm ab. Nach außen hin. Verstanden? Stelle dir vor, die kleine Merle steht hinter dir und du musst sie vor einem finsteren Banditen beschützen.”

Anna nickte langsam. Und sie verstand auch längst, worum es ging. Der Faustkampf war ihr schon immer gelegen. Vielleicht sogar mehr, als das Führen des Schwertes. Nur gab es da unter anderem ein triftiges Problem: Das Kleid, in dem sie steckte und über das sie andauernd stolperte. Hjaldrist hatte sie, nach den unglücklich verlorenen Duellen in Bogenwald, dazu verdonnert diese obenrum so enge Kleidung zu tragen. Oder vielmehr: Er hatte seine beiden höchst entzückten Schwestern dazu beauftragt sich drei Monate lange um die äußerliche Erscheinung Annas zu kümmern. Und dies resultierte darin, dass die sonst so burschikose, schlampige Frau mit schön zurechtgemachten Haaren, gelegentlicher Schminke im Gesicht, sauberen Fingernägeln, knapper Unterwäsche und wallenden Damenklamotten aus dem Haus musste. Sie trainierte in Röcken, stand im knöchellangen Kleid Wache und musste sich drückende Büstenhalter oder kneifende Batisthöschen regelmäßig leise schimpfend zurechtzupfen. Es war die Hölle. Und Anna hoffte, dass sie sich in den kommenden Wochen noch irgendwie an enge Oberteile und Höschen, die einem sonst wohin rutschten, gewöhnen würde. Was ihr jedoch nie zur Gewohnheit werden würde, war das Parfum, das Pavetta ihr lächelnd zugesteckt hatte: Ein Wässerchen, das süß nach Vanille roch und der schmunzelnden Schwester Rists nach ein MUSS im Auftreten der ‘neuen Anna’, die ja eine Wette verloren hatte, darstellte. Ja, Vanille. Verschissene Scheißkacke nochmal! Es konnte doch kein Zufall sein, dass Pavetta gerade auf diesen Duft zurückgegriffen hatte. Sicherlich hatte ihr großer Bruder dies angeordnet und lachte sich nun glucksend ins Fäustchen, der Idiot. Dieser unglaublich schadenfrohe Arsch. Er machte sich doch über Anna lustig, die zu stolz war, um die Abmachung mit ihrem Kumpan nicht zu akzeptieren. Sicherlich lachte das Viertel-Spitzohr darüber, dass Anna in letzter Zeit gelegentlich beschämt an ihm vorbeischlich. Das, weil sie aussah, wie ein geschniegeltes Mädchen und so roch, wie er es in seinem Opiumrausch in Bogenwald beschrieben hatte. Dieser Dämon hatte seine Freundin damals dümmlich angelächelt, ihr tief in die Augen geblickt und dann gemeint, dass er Vanille schmecke, wenn er sie ansah. Oh, was zum Geier? Anna hatte in dem unfassbaren Augenblick geglaubt, ihr bliebe das arme Herz stehen und sie hatte nichts anderes tun können, als vor den Kopf gestoßen zu starren. Bei Freya, sie hatte nicht gewusst was sagen und sich regelrecht im Blick von diesem Bastard verloren. Heiß und kalt zugleich war es ihr geworden und wenn sie heute daran dachte, dann wurde es ihr noch immer ganz anders.

Ein ruckartiger Schubs kam von vorne. Anna fuhr erschrocken zusammen und landete erneut schmerzlich auf ihrem Hinterteil. Bestimmt hatte sie auch dort schon blaue Flecken. Sie hatte noch nicht nachgesehen und wollte das auch eigentlich gar nicht.

“Bei Hemdall!”, schimpfte Matilda laut “Arianna! Wie oft denn noch? Aufmerksamkeit!”

Die Novigraderin gab einen unartikulierten Laut von sich und musste ob des aufgewirbelten Drecks husten.

“Wenn du gedanklich woanders bist, dann können wir das hier gleich lassen!”, maulte die Sommersprossige mit der blau-grünen Schärpe und wurde langsam wütend. Es war ihr nicht zu verdenken, denn heute zerrte ihr neuer ‘Lehrling’ besonders stark an ihren Nerven.

“N-nein!”, keuchte Anna sofort “Ich passe auf!”

Matilda seufzte tief aus und rümpfte die Nase unzufrieden. Dann nickte sie aber.

“Also gut. Steh auf.”, befahl sie ernst “Und höre mit dem Tagträumen auf, Mädel. Ich weiß, du musst müde sein, aber du beharrst dennoch darauf besser zu werden. Also arbeite härter. Verstanden?”

Anna nickte schnell und verfluchte sich im Geiste selbst. Die Zähne fest zusammenbeißend hievte sie sich wieder auf die Beine.

“Das… Kleid ist hinderlich…”, murmelte sie dabei genervt, ohne sich den Dreck von eben jenen zu klopfen, doch Matilda lachte nur kurz und trocken auf.

“Kleidung soll einen Huskarl nicht daran hindern effektiv zu sein!”, fand die Brünette und hatte damit leider Recht “Wir kämpfen in unserer Uniform, unserer Alltagsklamotte und in Kleidern auf Festen! Also jammere nicht wegen einem einfachen Rock herum! Was, wenn du Pavetta oder Swantje einmal verdeckt auf eine Feier begleiten musst und das in hübscher Kleidung? Stellst du dich dann auch quer, weil du glaubst, nicht ordentlich arbeiten zu können?”

Anna, die eigentlich nicht die Natur besaß nachzugeben, verstummte auf dies hin und schluckte ihren Ärger schwer hinunter. Das tat sie in letzter Zeit oft, was selten, aber doch, darin resultierte, dass sie an den Grenzen des Aufgestauten völlig cholerisch in die Luft ging, um wieder frei atmen zu können. So, wie damals, als sie Hjaldrist in dessen Schreibstube motzend eine harte Rechte verpasst und rumgeschrien hatte.

Anna zog sich den verrutschten Träger ihrer knappen Unterwäsche zurecht und stellte sich wieder gerade hin, atmete tief durch. Das hier… das hier war doch eine Farce; ein vergeblicher Versuch lange Jahre eines Trainings aufzuholen, das Anna einfach nicht in Fleisch und Blut übergehen wollte. Und umso länger sie am weitläufigen Kampfplatz hinter der alten Festung stand, desto mehr fragte sie sich, warum sie das hier überhaupt tat. Um sich oder Rist etwas zu beweisen? Weil sie zu stur war, um aufzugeben? Um sich wie eine bessere Freundin fühlen zu können? Nein. Gerade mit letzterem hatte die Ausbildung, die sie gerade durchlief, absolut nichts zu tun. Denn erst gestern hatte sie sich lange, trockene Theorien aus Henrik’s Mund anhören müssen. Er hatte Anna erklärt, dass sie in Bogenwald nur deshalb gescheitert war, weil sie Beziehungen und Gefühle über ihre Berufung gestellt hatte. Und dass sie nun nur so geknickt war, weil sie sich zu sehr darum scherte, was Hjaldrist von ihr dachte. Beides, so hatte ihr der alte Huskarl gesagt, solle sie aus ihrem Kopf verbannen, um effektiv zu sein. Wenn Anna im Dienst war, dann sei sie nicht die engste Vertraute und Freundin Rists. Wenn sie arbeitete, dann sei sie idealerweise eine versierte, kühle Soldatin unter einem strengen Jarl. Und das Problem bisher, hatte Henrik gemeint, war gewesen, dass die törichte Frau aus dem Norden stets versucht hatte beides miteinander zu verbinden: Freundschaft und professionelle Aufgabe; das Bild eines Seelenverwandten und die Rolle eines Anführers; Bekannte, die einen umgaben, und potentiell gefährliche Menschen, denen man nicht trauen konnte. Es hatte Anna nebenher verwirrt, dass Hjaldrist Bogenwald als Auszeit betitelt hatte. Sie hatte manchmal gedacht, dies gelte für sie beide. Doch so war dem nicht. Ein Huskarl, solange er einen Jarl begleitete, machte niemals Pause, hatte Henrik in seinen Bart gebrummt. Er blieb aufmerksam, kampfbereit, hatte immer alles und jeden im Blick und trank natürlich keinen Alkohol, um allzeit bereit zu sein. Und in all diesen Punkten hatte Anna in den letzten Wochen geschlampt. Denn… denn ganz tief in sich drin konnte sie keine funktionierende Kampfmaschine und kein berechnendes, menschliches Schild sein, so viel wusste sie doch längst. Sie orientierte sich dafür viel zu sehr an ihren Emotionen, die sie in brenzligen Situationen lenkten. Man musste doch nur an den Abend in Bogenwald denken, an dem sie vor törichter Eifersucht eskaliert war und ungeschickt angesprochen hatte, worüber sie nach Lado’s Silven-Ritual nie wieder hatte reden wollen. Wegen einer kleinen, beschissenen Wilden mit Blut in der Hackfresse, die sich zu sehr für Rist interessierte und ihrer roten Mähne wegen sehr an Svenja erinnerte, hatte sich Anna viel Ärger eingehandelt und ihren Freund so sehr enttäuscht, wie auch er sie. Und vor allem hatte sie sich zum Affen gemacht. Dies war ihr bis heute unsäglich peinlich und sie hatte sich während der Schiffsreise zurück nach Undvik oft dabei ertappt Hjaldrist nicht so ganz geradeaus in die Augen sehen zu können. Denn nicht nur, dass sie wegen dieser Fabia - die sie irgendwann nochmal zu Brei verarbeiten würde, ganz sicher - an die Decke gegangen und deswegen eine zurechtweisende Standpauke kassiert hatte, nein. Sie hatte kurz daraufhin, als sie sich unbeholfen für ihre Eifersucht rechtfertigen hatte wollen, auch noch ein irritiertes, befremdliches Hinhalten seitens ihres nicht länger heimlichen Schwarms kassiert. Es war eigenartig gewesen Rist dabei verschämt und dennoch so… ruhig zu erleben. Im Gegenzug zu der fürchterlich ängstlichen Anna von vor neun Monaten, wirkte er bis heute ungebrochen freundlich und nicht so, als wollte er sich distanzieren oder fortlaufen. Es war schräg. Anna verstand das nicht recht. Genauso wenig, wie sie die Tatsache kapierte, dass sich ihr Freund nicht einfühlsam zu ihr gesetzt hatte, als sie nervlich vollkommen am Ende auf der Bank vor der Bogenwald-Taverne gesessen hatte. Er hatte seinen Beruf entschlossen über ihre Freundschaft gestellt. So, wie Henrik es als ‘richtig’ bezeichnet hätte und dennoch fühlte es sich unfassbar falsch an. All das und ihre momentane, anstrengende Zeit auf der Winterinsel war eine unglaubliche, verflochtene Misere, die Anna oft durcheinanderbrachte. Dennoch wollte sich die starrköpfige Monsterkundige durch diese Zeit hindurchbeißen und ihre Gedanken schlichten. Nur wie? Sie hatte keine Ahnung, wie oder wo sie überhaupt anfangen sollte. Anna wurde es noch schwindelig, wenn sie nur daran dachte. Beim fetten Arsch der Melitele, warum hatte sie in diesem Jahr nur so verdammt viel Pech? Warum konnte nichts so laufen, wie sie es gerne hätte? Sie bemühte sich doch so sehr und wollte ein besserer Mensch sein, stattdessen wurde nichts viel besser. Oder jedenfalls glaubte sie das just, in diesem Moment, in dem sie übermüdet und war und bissig wurde. Ach, und dann war da auch noch dieser beschissene Elf in ihrem Kopf, der jederzeit hervorbrechen und alle Menschen um sie herum gefährden könnte. Ganz großartig war das!

Die Kiefer aufeinanderpressend verengte die unruhige Giftmischerin die schwarzen Augen, die unsteter wurden, und atmete tief durch die Nase aus. Sie war zornig. Irgendwie verzweifelt, aber vor allem wütend. Das, weil sie immer so vieles ungebremst vor die Wand fuhr, was sie sich vornahm. Von der Seite aus linste die seit Tagen schon aufgekratzte Anna zur abwartenden Matilda. Dann fuhr sie zu jener herum, setzte augenblicklich vor, schlug zu und die wachsame Kämpferin vor ihr wehrte ihre Hand ab. Noch ein Hieb folgte. Die brünette Leibwache setzte zum Gegenschlag an und Anna packte ihr an das Handgelenk, verdrehte es und trat vor, um Matilda einen Fuß in die Hacke zu setzen. Die Nordländerin wollte die Undvikerin zurückstoßen, doch die Ältere wand sich gekonnt aus dem Griff der Kurzhaarigen, die sich nicht beruhigen würde. Im Gegenteil. Es dauerte nur wenige Momente, bis Anna einen frustrierten Laut von sich gab. Mit dem Unterarm schlug sie die Faust Matildas so fest fort, dass es ihr selbst wehtat. Sie wich einem Knietritt aus, obwohl sie dies nicht sollte und schubste die andere von sich, als sei sie eine dreckige Straßenkämpferin. Beinahe kassierte Anna eine harte Rechte, doch zuckte geistesgegenwärtig zur Seite - ein erneuter Fehler in den Augen eines Huskarls, doch egal - und schlug mit einem grantigen Schrei auf den Lippen zu. Matilda konnte den Hieb gegen ihr Schlüsselbein nicht mehr abwehren und keuchte verhalten auf, als sie getroffen wurde. Doch sie taumelte nicht, sondern fasste vor, um Anna herrisch am Oberarm und damit im Zaum zu halten. Der Griff der kantigen Leibwache war schmerzhaft, doch die ehemalige Vagabundin vom Festland spürte das gerade kaum und wollte treten. Sie hielt erst inne, als Matilda sie bestimmend ansprach.

“Genug!”, befahl die mit fester Stimme “Halt!”

Die Novigraderin stutzte und die schwielige Hand der Größeren hielt sie fest, wie ein Schraubstock. Ihr Atem ging schwer und von der Seite aus sah sie aus schmalen Augen auf. Schwer schluckte die verdrossene Frau im roten Kleid und ihr Mundwinkel zuckte missgestimmt zur Seite.

“Genau das ist dein Problem.”, erkannte Matilda gezwungen nüchtern und war selbst ganz außer Puste, tatsächlich “Deine Emotionen leiten dich und das ist schlecht. Bemerkst du das? Du wirst völlig haltlos, wenn du nicht weißt, wie du mit deinem Ärger umgehen sollst. Du handelst dann nur noch instinktiv und aggressiv. So, wie ein bedrängtes Tier. Doch wir sind keine Tiere, Arianna.”

Anna wollte Matilda den Arm entziehen und jene ließ dies jetzt auch zu. Halb wand sich die Kräutersammlerin ab und schlang bärbeißig einen Arm um sich.

“Mh. Wir sind für heute fertig…”, sagte die Brünette bei ihr und gab damit endlich nach “Ruh dich aus. Du hast zur Abenddämmerung Dienst vor den Toren. Bis dahin sind es nur wenige Stunden.”

Die Trankmischerin, die sich kaum am Riemen reißen konnte, sah unzufrieden vor sich hin und ihre Zähne mahlten. Finsteren Blickes rieb sie sich den schmerzenden Oberarm, doch dann nickte sie zögerlich. Es fiel ihr schwer ein ‘Danke, Múinteoir’ - eine Wertschätzung für einen geschätzten Lehrer in der hiesigen Umgangssprache - auszusprechen und dennoch tat sie es. Denn, ganz ehrlich? Diese skelliger Kriegerin hier mühte sich sehr mit ihr ab und Anna wusste doch, dass der Huskarl es immer nur gut meinte. Langgezogen atmete die Schwarzhaarige aus. Sie schob Worte in ihrem Mund hin und her und das lange, bevor sie das missmutige Schweigen endlich brach.

“Hjaldrist meinte, zu den Wegewächtern zu gehen, wäre, wie ein Lebewohl. Wir haben kürzlich an Bord der Seeschlange darüber geredet.”, sprach die Schwertkämpferin mit gesenkter Stimme in die Stille hinein “Aber ich würde doch viel besser zu ihnen passen, oder?”

Matilda dachte gut nach, bevor sie antwortete. Doch dann, nach dieser besonnenen Pause, nickte sie schließlich.

“Sie sind den Hexern nicht unähnlich.”, sagte die Große “Also ja. Und dennoch bestehen die Wächter aus Leuten, die nichts mehr zu verlieren haben, Arianna. Du hast das aber. Vielleicht glaubst du, dass du nichts besitzt, aber das tust du im Vergleich zu denen, die monatelang im kargen Süden patrouillieren, glaub mir.”

Anna schloss den trockenen Mund und sah hin und her gerissen auf. Sie schwieg wieder und sah, wie sich ob dem ein schwaches Lächeln auf den Zügen ihrer geduldigen Trainingspartnerin abzeichnete.

“Denke einfach darüber nach.”, riet die Leibwache mit den halblangen, zurückgekämmten Haaren “Und wenn du in ein paar Monaten noch immer so denkst, wie jetzt, dann geh. Die Wegewächter mögen zwar ein Haufen von teils Ausgestoßenen sein, doch ihre Berufung ist eine der wichtigsten auf ganz Undvik. Sie beschützen nicht nur die Jarlsfamilie, sondern uns alle. Und dafür gebührt ihnen ein enormer Respekt. Gleichzeitig gibt es daneben aber auch so viele andere Aufgaben in und rund um die Burg. Du solltest dir durch den Kopf gehen lassen, welche davon dir am ehesten liegen könnten. Vielleicht wärst du eine gute Lehrerin in Hexerdingen oder eine wertvolle Giftmischerin für die Skrugga. Oder eine großartige Apothekerin, die mit Kräuterkunde ihr Geld macht. Nur, weil du von einem Katzenauge aufgezogen wurdest, heißt das nicht, dass du allein in die Wildnis gehen musst, um dort mit wenig Pech zu sterben. Du bist doch noch so jung.”

Anna musterte Matilda still, als jene sprach. Und allmählich schaffte auch sie es wieder ruhiger zu atmen. Erst jetzt bemerkte die Alchemistin, wie sehr ihr der Arm, das Steißbein und die aufgeschlagene Hand schmerzten. Doch sie machte keinen Mucks und jammerte nicht. Und so, wie sie ihr Gegenüber ansah, hatte Matilda längst realisiert, dass Anna ernsthaften Rat bei ihr suchte. Denn sie fühlte sich gerade eher verloren und vorgeführt, als alles andere. Auch, wenn es niemand auf Skellige dermaßen grob mit ihr meinte, wie sie es selbst tat.

“Man muss sich als Huskarl geboren fühlen, um dieser Profession nachzugehen, denn man lebt sie. Es ist eine ehrenvolle Einstellung, die man nicht einfach ablegen kann.”, fand die Große “Und wenn du glaubst, dass du anderweitig glücklicher wärst oder deinen Alltag nicht mit dem Kodex vereinbaren kannst, dann gehe einen anderen Weg. Wie auch immer der hier aussehen mag. Aber laufe nicht wieder davon.”

“Ich laufe nicht weg.”, wehrte sich Anna sofort entschlossen.

“Das ist gut.”, lächelte die erfahrene Skelligerin schwach “Nur Angsthasen fliehen.”

“Ich weiß. Und ich habe keine Angst. Ich bin nur… angepisst.”

Nun war es die kantige Matilda, die ihr kleineres Gegenüber eingehend taxierte. Und ihr Ausdruck wurde allmählich weicher dabei. Anerkennend nickte sie, dann trat sie vor Anna, um ihr eine Hand zu reichen. Zögerlich ging die irritierte Novigraderin darauf ein. Matilda drückte ihr die Finger herzlich, zog die Jüngere daran an sich und klopfte ihr mit der freien Hand kameradschaftlich den Rücken.

“Ich mag dich. Viele tun das, obwohl du nicht daran glaubst, Hexerin.”, lachte der sonst so strenge Huskarl leise und ließ die stille Anna einen Atemzug später wieder los. Jene betrachtete die Brünette sprachlos und stand da, wie ein begossener Köter.

“Wir sehen uns morgen, gleich nach Sonnenaufgang.”, lächelte Matilda noch schief “Komm nicht zu spät, sonst setzt es was.”

Und mit diesen Worten wandte sie sich ab und ließ die starrende Ausländerin, deren Kleid schwach nach Vanille roch, allein am großen Trainingsplatz zurück.

 

Völlig geschafft schleppte sich Anna nur wenige Zeit später in das Badehaus. Denn ja, sie hatte zwar nicht mehr viele Stunden bis zu ihrer Nachtschicht, doch sie wollte sich nach dem anstrengenden Training mit Matilda zumindest kurz waschen, bevor sie sich hinlegte. So chaotisch und nachsichtig die jungenhafte Alchemistin manchmal auch sein konnte, so hasste sie es unsauber zu sein und verdreckt arbeiten zu gehen. Und geschwitzt, das hatte sie heute schon zur Genüge. Der Staub des Kampfplatzes hinter der Burg hing ihr in den schwarzen Haaren und Dreck klebte ihr an der Wange. Doch immerhin war heute kein Blut geflossen. Das erleichterte die Zeit vor ihrem dringenden Nachmittagsnickerchen sehr.

Ihrer schmerzenden Beine wegen ächzend, hob die Frau mit dem leicht grün unterlaufenen Auge den Saum ihres Kleides vorne etwas hoch, um sich die ledernen Stiefel von den Füßen treten zu können. Erst dann betrat sie den sauberen Vorraum der großen Holzhütte unter der idyllischen Außenterrasse der Festung Caer Gvalch’cas. Anna lehnte die leise knarrende Tür zu und machte sich dann schon entnervt stöhnend daran sich die filigrane Frontschnürung ihrer Kleidung mit spitzen Fingern aufzuzerren. Sich daraufhin aus dem weit fallenden Kleid aus dem Caed Myrkvid zu zwängen, war mühsam, denn der schlanken Kriegerin tat alles weh und ihre eine Hand war aufgeschlagen. Und als wäre dies nicht schon genug, trug sie auch noch ein naturfarbenes Unterkleid, das sie loswerden müsste. Dabei verschwendete die Möchtegern-Leibwache keinen Gedanken daran, dass jemand anderes hereinplatzen könnte. So gut wie alle, die das Badehaus sonst nutzten, klopften nämlich an, wenn sie sahen, dass man die Türe zur Umkleide zugelehnt hatte. Außerdem war früher Nachmittag. Zu dieser Zeit kam hier selten jemand der Jarlsfamilie oder der engeren Kreise vorbei.

Beachtlich ungeschickt wurde Anna nach dem langen Unterkleid auch die halb durchsichtige, weinrote Unterwäsche los, die Pavetta ihr verrucht grinsend und mit einem ‘Du magst Rot doch’ auf den Lippen aufgezwungen hatte. Dann fasste sie nach einem großen Tuch aus dem Regal an der einen Wand, an der man auch etwas Feuerholz aufgestapelt hatte, und wandte sich der offenstehenden Tür zum Saunaraum zu. Dieser wäre gerade natürlich nicht angeheizt. Aber das wäre auch nicht nötig. Anna wollte sich nur zwei, drei Kübel Wasser über den Kopf kippen und sich von oben bis unten mit Seife abschrubben, bevor sie verschwinden würde, um in ein kurzes Koma zu fallen. Oh ja, das klang gut. Sie freute sich schon auf ihr weiches Bett und drei, vier Stunden Schlaf. Es war ein heiß ersehntes Ziel, das ihr gleich als sehr weit entfernt vorkommen würde. Denn noch bevor die leicht fröstelnde Anna in den Hauptraum des Wasch- und Badehauses treten konnte, klopfte jemand an und entnervt atmete sie aus. Die Kämpferin legte sich ihr trockenes Tuch wie einen wärmenden Überwurf über die verspannten Schultern und holte Luft für eine Antwort.

“Bin gleich fertig…”, rief sie und als die Türe Sekunden später einfach geöffnet wurde, rechnete sie mit Matilda, Merle, Swantje oder Pavetta. Diese Frauen hatten sich hier in der Vergangenheit schon des Öfteren ganz selbstverständlich plappernd dazugesellt. Doch weit gefehlt. Als sich Anna beiläufig umsah, erhob Rist zwischen Tür und Angel die Hand ganz locker zum Gruß und die Novigraderin glaubte, sie falle auf der Stelle tot um. Sie erstarrte wie zur Eissäule und ihr einziger, flüchtiger Gedanke war die Erleichterung darüber, dass ihr das große, über die Schultern geworfene Tuch bis knapp über den Allerwertesten reichte und damit das verdeckte, das man ihr abrupt wegstarren könnte. Das Blut wollte ihr in die Wangen steigen, doch sie ermahnte sich im Geiste dazu Ruhe zu bewahren. Irgendwie.

“Hallo.”, machte Hjaldrist nur und kam auf nackten Füßen herein. Er trug einen dicken, fellbesetzten Mantel aus dicker Wolle, einen Schal und sah ziemlich zermürbt aus. Doch Anna schaffte es gerade nicht sich darauf, diese auffallend harmlose Erscheinung, zu besinnen. Sie wollte impulsiv ein paar pikierte Worte über das Anklopfen und Warten schnappen, doch stattdessen entkam ihr bloß ein wirres ‘Äh’. Und obwohl sie sich nicht ganz zu ihrem Freund umdrehte, zog sie sich das Badetuch sofort eng um den Körper. Ihr Gegenüber bemerkte das natürlich, musste amüsiert schnaufen und mit den geröteten Augen rollen.

“Was denn…?”, machte der Kerl, seufzte dann aber gleich verständnisvoll, als Anna verlegen schwieg “Tut mir leid. Aber ich wollte nicht in der Kälte warten. Der Wind ist heute echt schneidend.”

Die Trankmischerin runzelte die Stirn. Kälte? Ja, es war heute kühl, denn es wurde Herbst. Doch es war doch nicht so eisig, wie der abgeschlagene Undviker gerade tat. Außerdem war er sonst doch so wetterfest.

“Und nachdem eh nur du da bist, dachte ich, ich komme rein.”, seufzte der Jarl noch und verzog das Gesicht leicht, bevor ihn ein lautes Niesen schüttelte. Anna zog die Stirn in noch tiefere Falten, als sie ihren Kollegen betrachtete. War er etwa krank? Dies hätte erklärt, warum er erst nachmittags und völlig mitgenommen aussehend hier auftauchte. Die unglaubliche Anspannung wich allmählich wieder aus dem Körper der Kurzhaarigen, als sie verstand. Und sie schimpfte nicht. Zwar brachte es sie heillos durcheinander hier halbnackt vor Rist zu stehen, doch sie war nicht mehr die voreingenommene und männerhassende Kratzbürste von vor fünf Jahren auf Drakensund. Außerdem war es doch nicht das erste Mal, dass ihr guter Kumpan sie so sah. Götter, sie beide hatten früher einmal schamlos miteinander geschlafen. Oft. Anna sollte sich nicht so zieren.

“Tse…”, machte die Kriegerin also bloß leise und mit witzelndem Unterton “Dass DU nochmal ne Grippe bekommst und das im lauschigen skelliger Spätsommer… unglaublich.”

“Ah, sei still… und sieh zu, dass du fertig wirst. Ich will in die Sauna.”, brummte Hjaldrist und setzte sich eingemummt in seinen Wintermantel auf die schmale Holzbank der Umkleide, in der es nach dem unweiten, salzigen Meer roch. Offenbar wollte er solange hier, in der Umkleide, warten, während der Wind draußen schadenfroh pfiff. Der Kränkelnde zog den Kopf ein und schlug die glasigen Augen nieder, als er leise fluchte. Er schniefte und fummelte stöhnend ein kleines Stofftaschentuch hervor, auf das Pavetta seine Initialen gestickt hatte. Armer Kerl. Anna verkniff sich ein Schmunzeln über das fiebrige Häufchen Elend von Westländer, dann verschwand sie im großen Raum der Hütte, um sich schnell zu waschen.

Als sie sehr bald, ordentlich eingewickelt in ihr Tuch und mit tropfenden Haaren wiederkam, saß Rist noch immer an seiner Stelle. So, als habe er sich in den letzten Minuten überhaupt nicht bewegt. Er sah auf, als seine Freundin nahte und Anna spürte den musternden Blick des matten Kriegers dabei auffallend lange an sich heften. Es machte sie nervös, doch sie sagte nichts. Sollte er doch gaffen. Vielleicht gefiel ihm ja irgendetwas an dem, was er sah. Zugegebenermaßen hätte das die Jüngere gar gefreut.

“Du hast zugenommen.”, kommentierte der Skelliger direkt und versuchte sich an einem schelmischen Grinsen, das mehr müde aussah, als alles andere. Anna rollte gleich mit den Augen.

“Ich sehe das einfach mal… als Kompliment.”, machte sie leiser, als sie es eigentlich wollte und räusperte sich dann. Ja, wahrscheinlich war Rist’s Bemerkung gut gemeint gewesen. Schlussendlich hatte die ausgezehrte Frau nach Kaer Iwahell ewig gebraucht, um wieder ein paar Kilos mehr auf die Rippen zu bekommen. Sie hatte sehr lange unheimlich krank ausgesehen und sich viel übergeben müssen, doch seit der Behandlung durch Aldoran und Lado wurde es wieder viel, viel besser. Womöglich wäre es heute ja auch drin, dass Anna ihre tägliche Ration Schwalbe etwas reduzierte. Doch sie traute sich nicht, weil sie die lauernden Konsequenzen davon nur allzu gut kannte. Sie ging lieber auf Nummer sicher.

Die Giftmischerin deutete gen Saunabereich.

“Du kannst jetzt rein.”, sprach sie das Offensichtliche, wie eine Aufforderung sie allein zu lassen, aus. Denn obwohl sie sich dabei ertappte den hübschen Undviker, trotz dessen unschlüssiger Worte und grantiger Belehrungen in Bogenwald, noch immer irgendwo fest für sich gewinnen zu wollen, wollte sie nicht dabei beobachtet werden, wie sie sich erst entblößte und dann zu ungeschickt versuchte in ihr mehrlagiges Kleid zu schlüpfen. Der Gedanke daran war ihr… unangenehm. Und sie wollte nicht, dass Rist sie als total schusselig betrachtete. Anna wollte, dass er sie schätzte und nicht auslachte, obwohl er es nie böse meinte, wenn er es einmal tat.

“Und du hast viele blaue Flecken, Anna.”, setzte der Jarl seine Aussage von früher fast schon besorgt fort. Er zog die Brauen zusammen und gab einen nachdenklichen Laut von sich. Er wollte dem noch etwas nachsetzen, doch so weit kam er gar nicht, denn seine Freundin sprach dreist dazwischen.

“Das kommt vom Training.”, antwortete die Frau trocken und fast schon schnippisch, weil sie sich fragte, warum sich der Jarl der kleinen Verletzungen wegen überhaupt wunderte “Ich… mache zurzeit viel mit Matilda, falls es dir noch nicht aufgefallen ist. Ich mühe mich ziemlich ab, weißt du.”

“Hm? Warum so patzig?”, murrte Rist abwehrend “Hast du deine Tage?”

Anna’s Begeisterung stand ihr auf diese Meldung hin ins Gesicht geschrieben. Und sie verkniff sich eine Antwort, in der sie verstimmt erklärt hätte, dass sie seit den grausigen Experimenten Silvens nicht mehr blutete. Warum, das wusste sie nicht. Und momentan hatte sie auch ganz andere Probleme, als dass sie sich darum scherte, dass die schlimmste Zeit des Monats einfach ausblieb. Ja, sie begrüßte das sogar. Dennoch passte es ihr nicht, dass ihr Gegenüber ihr vorwarf aufmüpfig zu sein. Denn das war sie nicht. Oder? Na, doch. Vielleicht ein kleines Bisschen. Es war bisher ein langer, frustrierender Tag gewesen und sie war müde.

“Mutter und Merle haben einen ekelhaft süßen Honigkuchen gebacken. Hol dir was davon. Sowas half bei dir doch immer, Flohbeutel...”, kommentierte der anwesende Undviker gutmütig seufzend. Es waren Worte, die die wirre Anna innehalten ließen und die wackelige Situation sofort entschärften. Die Frau atmete tief durch und musste tatsächlich etwas grinsen, als sie an das Kuchenangebot dachte. Hätte sie früher nun losgezetert und geblafft, dass Rist sie ja gar nicht kenne und er ein blöder Kerl war, der sie immer nur ärgere und das gerne, so schüttelte sie jetzt einfach nur schief lächelnd den Kopf und deutete mit dem Kinn gen Saunabereich.

“Es ist frei.”, erinnerte sie locker.

“Mhm.”, machte der frierende Skelliger und starrte seine Freundin noch immer durchdringend an. Was war denn? Er mutete an, als läge ihm noch immer etwas auf der Zunge und als müsse er gründlich darüber nachdenken es auszusprechen. Wieder versteifte sich die Nordländerin ob dieser Annahme etwas und wich dem Blick des Älteren aus. Sie zögerte, doch dann machte sie sich mit gespielt gelassenem Ausdruck im Gesicht daran ihre dreckigen Sachen, die sie vorhin lieblos auf Boden und Bank geworfen hatte, zusammenzusammeln. Ihr Herz schlug ihr dabei bis zum Hals und sie verfluchte es dafür. Sie… wollte doch einfach nur noch ins Bett und etwas Ruhe. Anna wollte gerade nicht reden. Sie hatte für den heutigen Nachmittag schon genug und nicht den Kopf für irgendwelche ernsten Themen oder Fragen.

“Du, Anna?”, durchbrach die heisere Stimme des Jarls die unwohle Stille und die Angesprochene stockte. Doch sie blickte nicht auf. Oh je. Sie schluckte trocken.

“Tu mir einen Gefallen”, setzte Rist fort und es war fraglich, ob er gerade insgeheim Spaß an der offenkundigen Unruhe seiner Gefährtin hatte “Und mach das Feuer für die Steine an.”

Die Augen der verblüfften Alchemistin fielen zurück zu dem Erkälteten, der sich die laufende Nase putzte. Und irgendetwas in ihrem abschätzenden Blick ließ nun auch ihn innehalten.

“Uhm...”, machte der näselnde Undviker hinter seinem weißen Taschentuch und zitterte noch immer etwas “Wenn du willst, meine ich. Das war eben kein Befehl… nur eine Bitte…”

Anna’s Miene lockerte sich ein wenig, als sie dies vernahm. Sie hob die Brauen und die erhebliche Erleichterung über die banale Angelegenheit trieb sie dazu belustigt zu schnauben.

“Hm. Schon gut.”, machte die Trankmischerin dann und lächelte sogar etwas “Ich mach das Feuer im Ofen an, von mir aus. Den Rest erledigst du aber alleine. Ich bin nämlich genauso im Arsch, wie du… und ich muss nachher noch arbeiten.”

Triumphierend lächelte der verschnupfte Mann im Wintermantel und versuchte sich ein heftiges Niesen zu verkneifen. Doch er schaffte es nicht. Anna wandte sich derweil um, um ein paar trockene Scheite des an der Wand aufgestapelten Feuerholzes zu klauben. Sie warf jene beiläufig in den alten Kohle- und Reisigkübel in der Ecke, nahm sich jenen und machte dann kehrt, um zurück in den Saunaraum zu gehen. Das nach wie vor auf bloßen Füßen und in ihr trockenes Tuch eingewickelt. Ihr Ziel war der rußige Ofen, in dem man die Steine der Schwitzhütte erhitzte. Sie würde dem halbtoten Hjaldrist den Gefallen tun sich hier um das Feuer zu kümmern. Und während sie dazu ansetzte, ermahnte sie sich jetzt schon im Geiste dazu ihren kranken Kumpel nicht gleich von oben bis unten zu mustern oder ausgehungert anzustarren. Ja, Anna hoffte, dass der Mann auf eines der Badetücher zurückgreifen würde, anstatt gleich völlig nackt aufzutauchen, wie es die meisten Skelliger eigentlich gewohnt waren. Denn wenn es so käme, so wusste die Novigraderin jetzt schon, würde sie glotzen. Und dann, wenn ihr währenddessen bewusst werden würde, wie sehr und wie augenscheinlich sie das täte, würde sie im Boden versinken wollen. Zwar wusste Rist mittlerweile, was Anna für ihn fühlte, doch das war keine Ausrede dafür, dass sie ihm alles weggaffen könnte und er nicht fragen durfte wieso. Außerdem wollte die Monsterkundige ihrem engen Freund nicht zu nahe treten. Sie fühlte sich, seit ihr ihr Liebesgeständnis herausgerutscht war, ohnehin schon aufdringlich genug. Anna tat zwar nichts, fasste Hjaldrist nicht falsch an, versuchte nicht angetan zu stieren und legte viel daran ihre lebhaften Spinnereien in gewissen Momenten aus ihrem Schädel zu verbannen. Dennoch kam sie sich ziemlich bescheuert vor. Tja. Verrückt. Ob es… ob es Rist früher auch einmal so ergangen war, wie ihr? Sicherlich. Und bestimmt war all das hier gerade die böse Retourkutsche dafür, dass Anna damals so idiotisch und abweisend gewesen war; dafür, dass sie den unbeholfenen Skelliger nach seiner Liebeserklärung in Kaer Trolde von sich gestoßen und geglaubt hatte, ganz weit weg laufen zu müssen. Was für ne gequirlte Bullenscheiße. Was hatte sie sich dabei nur gedacht? Die grübelnde Frau zog die Brauen unzufrieden zusammen, als sie vor dem Ofen mit der quietschenden Lade hockte und mithilfe eines Feuersteins Funken in das schwarze Rohr setzte. Jene griffen gleich gierig auf das knochentrockene Reisig und die Hölzer über. Anna blies der Glut Luft zu und legte ein Scheit nach, als die Flammen bald stark emporloderten.

Sie bemerkte Momente später im Augenwinkel, wie Rist kam, und hatte Glück. Also jedenfalls, wenn man es von dem Standpunkt aus sah, dass sie sich heute nicht blamieren wollte. Denn der frühere Vagabund trug nicht nur ein Tuch um die Hüfte, sondern auch eines um die Schultern, das ihn wohl etwas wärmen sollte. Vom Fieber völlig fertig und frierend ließ er sich auf einer der ordentlich gezimmerten Holzbänke nieder, die hier im Kreis aufgebaut waren und atmete einmal angestrengt durch. Anna drehte ihm den Kopf zu und beobachtete den Axtkämpfer kritisch. Bei den Göttern… ob sie ihrem Freund nachher dazu raten sollte die Heiler aufzusuchen? Denn er sah wirklich ganz und gar nicht gut aus, wie er sich da in sein zusätzliches Badetuch einmummte und aus halb geschlossenen Augen vor sich hin sah. Schwer zu glauben, dass er gleich beschwingt aufspränge, um die heißen Steine in den Eisenkorb in der Mitte des Raumes zu legen und Wasser darüber zu kippen. Ja, Anna musste sich fragen, ob man so abgeschlagen, wie es der niesende Jarl gerade war, überhaupt gerne aus dem Bett kroch, um in die Sauna zu gehen. Oder ob-

Oh. Moment mal.

Anna schloss die knarrende Ofenlade vor sich. Langsam erhob sich die Frau aus ihrer Hocke und behielt Rist dabei ganz berechnend im Blick. Auch der Krieger sah mittlerweile abwartend her. Und es erschien allmählich klar, warum er eigentlich hier war. Oder täuschte sich Anna etwa?

“Hast du mich gesucht und mich daraufhin nur darum gebeten, dass ich Feuer mache, damit ich noch bleibe?”, fragte sie, während es im Ofen vernehmlich knisterte und knackte.

“Hm?”, der angesprochene Undviker verzog keine Miene.

“Oder wolltest du wirklich nur hierher und hast mich aus Zufall angetroffen?”, wollte Anna nicht genervt, doch bestimmt wissen. Sie war schließlich nicht ganz so dumm, obwohl sie oftmals zu selten hinterfragte.

Auf Hjaldrist’s Zügen zeichnete sich etwas ab, das an ein ertapptes Schmunzeln erinnerte. Eine Braue der anwesenden Alchemistin zuckte in die Höhe. Aha!

“Mh… etwas von beidem.”, gab der Inselbewohner ehrlich zu “Du hast mich erwischt.”

Argwöhnisch taxierte Anna den adeligen Haufen aus Fieber und Badetüchern, der ein wenig bedeppert lächelte und mit den Schultern zuckte.

“Warum?”, hakte sie sogleich nach “Du hättest mich auch holen lassen können, um allein mit mir zu sprechen, anstatt dich hierher zu schleppen...”

“Stimmt.”, gab der heisere Rist ganz offen zurück “Und trotzdem wollte ich heute auch bald ins Badehaus. Also verband ich beides einfach miteinander. War das etwa eine dumme Idee?”

Anna schwieg und zupfte sich ihr helles Tuch zurecht, das sich großzügig um ihre Brust, Mitte und Hüfte legte. Sie musste dabei dezent unwohl berührt aussehen, misstrauisch oder gar beleidigt. Denn der Jarl wurde gleich etwas ernster und klärte sie auf.

“Matilda war vorhin bei mir.”, sagte er “Sie macht sich Sorgen um dich. ICH mache mir Sorgen. Denn ja, es ist mir natürlich aufgefallen, dass du in letzter Zeit hart trainierst. ZU hart, vielleicht...”

Die konfrontierte Alchemistin blinzelte überwältigt und wich dem Blick ihres kränkelnden Gegenübers kurz aus. Mit der Hand fuhr sie sich betroffen durch den Nacken und atmete langgezogen aus. Ein unwohles Schweigen kam auf und machte sich zäh im Raum breit. Es war klar, dass Rist darauf wartete, dass seine Freundin etwas zum Thema sagte. Doch das war nicht so einfach. Der Undviker hatte Anna schon oft ermahnt und ihr einmal sogar grantig gesagt, dass sie ‘Reden lernen’ solle. Aber… aber die ehemalige Monsterjägerin fand in manchen Situationen eben keine erklärenden und ruhigen Worte. Erst recht nicht, wenn sie sich in die Ecke getrieben fühlte. So war sie halt. Und sie könnte sich nicht verbiegen, um das zu ändern und anderen ganz plötzlich als redseliges Plappermaul zu gefallen. Denn sie wusste nicht, wie und wollte auch kein völlig anderer Mensch sein. Seit sie auf Undvik lebte, hatte sie nämlich allmählich damit angefangen sich zu mögen.

“Hör damit auf dich so hart an deine Grenzen zu treiben, Arianna.”, sagte Hjaldrist dann, nach einer Weile, und brach damit endlich die beklemmende Stille “Und denke nicht immer so oft in Extremen. Damit tust du dir selbst keinen Gefallen. Ein Blinder sähe, dass es dir nicht guttut, wie du momentan handelst. Dein verbissener Ehrgeiz in allen Ehren. Ja, ich finde es sogar gut, dass du deinen Sturkopf von früher nicht verloren hast und ihn heute dafür einsetzen willst alles richtig zu machen. Aber...”

“WIE soll ich besser werden, wenn ich mich nicht an meine Grenzen treibe?”, gab die Frau mit dem grünlich unterlaufenen Auge und den schmerzenden Gliedern zurück. Sie hob den Blick und sah ungewohnt streng aus, ballte die Finger leicht. Rist seufzte leise.

“Übung. Wiederholung. Vielleicht… naja, öfteres, aber kürzeres Training? Was weiß ich?”, antwortete ihr Freund und schniefte leise “Das musst du dir selbst aussuchen.”

Anna legte die Stirn in leichte Falten und verschränkte die Arme vor der Brust.

“Weißt du… ich war früher immer beachtlich schlecht im Lesen. Ich habe Bücher gehasst, denn Mutter wollte, dass ich ihr jeden Tag fünf Seiten eines Märchenbuches aus Hindarsfjall vorlese.”, erzählte der nostalgische Jarl nach einer knappen Kunstpause “Ich schaffte es nie einen vollen Satz mit einem Mal vorzulesen. Und ich war schon froh, wenn ich es hinbekam ein längeres Wort fehlerfrei wiederzugeben. Ich habe manchmal Buchstaben oder sogar ganze Silben vertauscht und das völlig unbewusst. Ich fühlte mich unsagbar dumm und verstand einfach nicht, warum es mir trotz meiner Bemühungen und all dem Unterricht nicht gelingen mochte zu lesen.”

Verblüfft betrachtete Anna Rist nach diesem kleinen Geständnis. Er, der Bücherwurm, hatte als Kind nicht richtig lesen können? Das war ihr neu.

“Echt…?”, entkam es der Frau also sehr verwundert. Ihre verschränkten Arme sanken allmählich wieder und sie lauschte aufmerksam. Hjaldrist hatte sie durch sein Gerede nun ganz für sich.

“Ja, echt.”, gab der Langhaarige zurück “Fünf Seiten am Stück waren eine enorme Qual für mich und ich habe dafür ewig gebraucht. Also teilte Mutter meine schwierige Übungsaufgabe irgendwann auf: Ich solle ihr einfach dreimal am Tag ein paar Zeilen vorlesen. Damit ich mich nicht mehr stundenlang abmühte, um alles auf einmal zu schaffen, und dadurch nur noch frustrierter wurde. Ja, bei Hemdall, ich weinte richtig oft, weil ich nicht weiterwusste und so ungeschickt war.”

“Und dann?”, wollte Anna aufrichtig interessiert wissen.

“Lesen war bald und durch die kleineren Hürden, die ich nehmen musste, kein allzu großer Zwang mehr. Ich musste mich nicht mehr geknickt davor fürchten stundenlang an fünf blöden Seiten herumkauen zu müssen. Sondern ich konnte zu Mutter gehen und ihr etwas vorlesen, wann es mir passte, solange ich es dreimal am Tag tat.”, sprach Hjaldrist mit kratziger Kehle und lächelte dabei schwach vor sich hin “Es fing an mir Spaß zu machen. Ich übte so lieber und las Mutter dabei immer dieselbe Lieblingsgeschichte vor. Und irgendwann funktionierte das alles, wie von selbst. Ich wurde selbstbewusster und ging irgendwann, ganz ohne Probleme, neue Texte an. Verstehst du? Und als ich dann keine zehn Jahre alt war, liebte ich es Haldorn oder Pavetta vorm Zubettgehen irgendwelche Märchen aus meinem hindarsfjaller Buch vorzutragen.”

Die überraschte Nordländerin sah ihren Freund groß an.

“Matilda erzählte mir, dass ihr heute sechs Stunden lang am Kampfplatz gestanden habt. Und dass du am Ende ganz aufgelöst warst. Dass du zornig wurdest und damit anfingst dich einmal wieder zu hinterfragen.”, setzte der ältere Skelliger fort “So, wie ich damals, als ich vor meinen bescheuerten Buchseiten voller schwerer Wörter saß und verzweifelte, weil mir nach Stunden die Konzentration abhandenkam. Und weil ich trotzdem weitermachen musste und wollte.”

Ganz langsam nickte Anna. Denn sie verstand mittlerweile, was ihr Gefährte meinte. Ihre Augen wanderten nachdenklich fort und fixierten einen wahllosen Punkt an einer der gestrichenen Holzbänke. Sie sollte also an den kleinen Rist und dessen Märchenbuch denken, wenn sie sich das nächste Mal beim Training dabei erwischte nicht mehr weiter zu wissen? Das… das könnte sie versuchen. Womöglich helfe ihr das ja tatsächlich.

“Gut…”, lächelte der Jarl so, als habe er gerade gehört, was Anna dachte. Er verkniff sich einen Augenblick darauf ein Niesen, rieb sich die laufende Nase und keuchte leise. Er räusperte sich um seinen vermutlich schmerzenden Hals freizubekommen. Skeptisch linste Anna zu dem Grippekranken zurück, der auch heute wieder keinen Hehl daraus gemacht hatte, dass er sich um seine beste Freundin sorgte. Das, weil sie sich selbst in letzter Zeit oft übernahm und zu gezwungen darauf hinarbeitete sich zu verbessern. Und obwohl der Westländer sie in Bogenwald böse getadelt hatte, saß er nun hier und bemühte sich darum Anna gute Ratschläge zu geben. Es war unwahrscheinlich nett von ihm. Und die Frau aus dem Norden liebte es jedes Mal, wenn er irgendwelche Geschichten erzählte, um damit Metaphern zu geben oder Brücken zu bauen. Immer, wenn Rist das tat, stand sie einfach nur da und konnte nicht anders, als ihn anzustieren und sich seines Talentes wegen zu wundern durch Erzählungen Bilder in die Luft zu malen. Es brachte sie auch heute wieder zum Lächeln. Und gerade, da wollte sie auch gar nicht mehr ins Bett.

“Wovon handelte das Märchen?”, fragte sie.

“Was?”, Rist hob die Brauen und schien über das Nachhaken seitens Anna positiv überrascht zu sein.

“Deine Lieblingsgeschichte, die du erwähntest. Die, die du Swantje immer vorgelesen hast.”, erinnerte sie und der perplex blinzelnde Jarl musste lachen.

“Die interessiert dich?”

“Ja. Ich mag Märchen.”, gab die Kurzhaarige gelassen zu und der Kranke grinste müde.

“Ha. Wenn du hier gleich für etwas warmen Dampf sorgst, dann erzähle ich dir die Sage vielleicht.”, meinte er und kratzte sich schnaufend die juckende Nase. Es war eine indirekte Aufforderung, der die Nordländerin auch gleich nachkam. Es dauerte keine zehn Minuten, bis sie Salzwasser aus einem der noch vollen Eimer im Raum über zurechtgestapelte, heiße Steine im Korb vor den Holzbänken leerte. Es zischte laut und dunstete abrupt ganz schön. Ächzend wich die Novigraderin von all dem heißen Dampf zurück und pustete einmal vor sich in die Luft, als helfe ihr das jene abzukühlen. Mit der freien Hand wedelte sie vor ihrem Gesicht herum und stellte den Wassereimer ab. Als sie sich daraufhin hoffnungsvoll nach dem wartenden Rist umsah, deutete der geduldig auf den Platz neben sich und Anna gesellte sich gleich zu ihm. Wie versprochen, holte der Mann Luft und fing damit an zu erzählen:

“Die Geschichte handelt von einem Mann namens Kjell, der in Larvik lebte. Er war niemand, der zu viel feierte oder trank. Lieber war er für sich und stromerte stundenlang durch die Natur. Und bei einem seiner nächtlichen Spaziergänge, sah er am abgelegenen Strand, weit hinter seinem Dorf, fünf lachende Frauen tanzen. Er wunderte sich und fragte sich, was jene da taten und das so spät in der kalten Nacht und ohne Lagerfeuer. Also näherte er sich. Doch als die Tanzenden Kjell bemerkten, fassten sie schnell nach fünf Seehundpelzen, die am Meeresufer lagen, warfen sie sich über die Schultern und verwandelten sich in Seehunde, die im Wasser verschwanden. Kjell traute seinen Augen kaum und er eilte zu dem kleinen Platz, an dem sich die Damen in Meerestiere verwandelt hatten. Er hielt Ausschau nach ihnen, doch sie waren fort. Als er sich umdrehte, um nach Hause zu gehen, bemerkte er zu seinen Füßen ein einziges, graubraunes Seehundfell. Er sammelte es misstrauisch ein, steckte es in seinen Rucksack und ging ein Stück weit. Noch bevor er auf den Weg zurückkehren konnte, kam ihm zwischen den Sträuchern eine einsame Frau entgegen. Und sie war die hübscheste Dame, die er jemals erblickt hatte. Sie war ganz verzweifelt und fragte Kjell, ob er einen Seehundpelz gesehen hätte, denn sie vermisse den ihren.”

“Lass mich raten”, wand Anna gleich ein “Kjell gab das Fell nicht her?”

“Richtig.”, nickte Rist und putzte sich die Nase, bevor er weitersprach “Denn er hatte sich schon im ersten Augenblick in die Frau verliebt und wollte sie daher nicht zu den anderen Seehunden zurückgehen lassen. Weil sie so orientierungslos, naiv und weltfremd war, nahm Kjell die schöne Dame mit, die sich Alda nannte. Die beiden heirateten und bekamen drei Kinder. Jene hatten allesamt Schwimmhäute zwischen den Fingern und Haare in der graubraunen Farbe von Seehundfell. Dieses Merkmal sollte sich auch weiterhin durch die Familie ziehen.”

Anna gab einen erheiterten Laut von sich, doch ließ ihren Kumpel weiterreden.

“Alda wurde nie so richtig glücklich, obwohl sie ein sehr gutes Leben und liebe Kinder hatte. Kjell verehrte sie weiterhin sehr und brachte ihr jeden Tag die hübschesten Blumen und kleine Geschenke mit nach Hause, um sie aufzuheitern. Doch es zog seine Frau immer wieder zum Meer zurück, in das sie stundenlang ganz sehnsüchtig hineinstarrte. Und sie hörte nicht auf sich zu fragen, wo denn ihr Seehundpelz abgeblieben sei.”, erzählte der erkältete Undviker weiter “Irgendwann, nach Jahren, fand eines ihrer Kinder das Fell versteckt in der Gartenlaube. Irgendwo zwischen Lagerkisten und Gerümpel. Es brachte den Pelz aufgeregt seiner Mutter, die das Fell nahm und sofort unbedacht los eilte, um damit zum Strand zu laufen.”

“Hm? Sie verschwand doch nicht etwa?”, hakte Anna ganz empört nach und beugte sich leicht vor, um Rist gespannt anzusehen “Sie hatte doch Leute, die sie liebten.”

“Aye, das stimmt. Aber dennoch...”, gab Hjaldrist langsam zurück “Kjell wollte die plötzlich so veränderte und kühle Alda aufhalten. Doch die legte sich den Seehundpelz über die Schultern, verwandelte sich und sprang ins Meer. Sie ließ alles zurück, was sie hatte: All ihre Engsten, ihr Heim und ihre Zukunft auf Larvik. Denn sie liebte nichts und niemanden so sehr, wie ihre Freiheit.”

Die letzten Phrasen sprach der fiebrige Jarl mit der kratzigen Stimme unglaublich bedeutungsvoll aus. Und er sah sie stumme Anna dabei nicht an. Nur allmählich realisierte sie, welche Parallelen Rist hier gerade gezogen hatte: Gleichnisse zu ihr und ihrem Verschwinden von Skellige von vor Monaten. Die Schwarzhaarige fühlte ob dem, wie sie ein wenig nervös wurde und sie fummelte ihres nagenden, schlechten Gewissens wegen unruhig am unteren Saum ihres Badetuches herum. Sie sah fort. Doch der Ältere neben ihr lächelte nur leicht und für einen Moment vielleicht sogar etwas melancholisch.

“Ich mochte die Idee von Menschen, die sich in Seehunde verwandeln können.”, sprach der Mann und näselte dabei leicht, da er dazu ansetzte sich erneut in sein mitgebrachtes Taschentuch aus Stoff zu schnäuzen “Ich dachte damals, als Kind, das ginge tatsächlich.”

Anna sah von der Seite aus zu ihrem Freund zurück, der sich die gerötete Nase putzte und kurz schauderte. Der heiße Wasserdampf ringsum machte ihnen beiden Haut und Haare ganz feucht und Anna wischte sich ein paar verirrte, nasse Strähnen aus der Stirn.

“Haldorn und ich legten uns damals Schaffelle über die Schultern und spielten Gestaltwandler.”, erzählte Rist daraufhin weiter und lachte leise “Pavetta hat uns immer ausgelacht. Hm. Gute Zeiten...”

Das schiefe Gegrinse des Undvikers war ansteckend und die zuvor noch kleinmütige Anna gab einen leisen, amüsierten Laut von sich. Schade, dass sie damals, in Kaer Morhen, niemanden zum Spielen gehabt hatte. Naja, also niemanden, außer Rufus, ihren dicken Kater. Hätte Balthar sie nicht früh aus Novigrad entführt, hätte sie im Kindesalter ihren älteren Bruder Niklas und etwas später auch den kleinen Hannes als Spielkameraden gehabt. Nur wäre sie, wäre ihr flatterhafter Ziehvater nicht gekommen, um sie mitzunehmen, nun nicht hier. Sie wäre keine Angestellte eines angesehenen Jarlshauses auf Skellige, keine Alchemistin und keine Ungeheuerkundige, die Hexertränke vertrug und es mit einem Handwink schaffte das Erdelement anzurufen. Anna wäre heute ein einfaches Waschweib, die Mutter von viel zu vielen Kindern und eine unterbutterte Frau von irgendeinem armen Narren Redaniens. Und obwohl sie in den vergangenen Jahren so viel einstecken hatte müssen und sehr krank war, war sie heilfroh darüber, dass sie jetzt hier neben Rist saß und nicht in einer schäbigen Fischerhütte der vermeintlich freien Stadt der Nördlichen Königreiche. Sie hätte ihr Leben just nicht eingetauscht, trotz allem. Und obwohl sie heute Nachmittag so verdammt frustriert und am Ende gewesen war, war sie im Grunde doch irgendwie glücklich.

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