Kapitel 134 (Buch 5, 11)

Von schaufeln und kleinen Abenteuern

“Hallo Anna!”, der kleine, dunkelhaarige Göttling tauchte wie aus dem Nichts an der Seite der Novigraderin auf, die die unebenen Stufen in den Keller der alten Falkenburg nahm. Anna, die es eilig hatte, erschrak nicht einmal, als das freundliche Ungeheuer neben ihr auf die Treppe sprang und sich neugierig an ihre Fersen heftete. Jenes trug über seinem alten, grünen Hemdchen eine zu große Weste, die sicherlich einmal einer Person aus der Burg gehört hatte.

“Hey Ahti.”, entkam es der Nordländerin mit der scheppernden Tranlaterne bloß knapp und mit schwerem Atem, denn sie war vorhin von den Ställen bis hierher gerannt. Sie lief die letzten fünf Steinstufen nach unten und bog um die Ecke, gen Speisekammer. Ein kühler Luftzug begrüßte sie hier.

“Wo willst du hin? Hast du Hunger und willst die Speckvorräte stehlen? Kann ich mitmachen?”, lachte der Göttling erwartungsfreudig und hatte Mühe damit der Kriegerin zu folgen. Anna lächelte und eilte in ihrer momentan eher… fraulichen und an Schildmaiden erinnernden Arbeitsmontur dahin: Mit nachtblauem Wollkleid, das ihr bis zu den Waden reichte, blau-grüner Schärpe, breitem Ledergürtel, Rüstungsteilen, Stahlmesser und Silberschwert. Letzteres hatte sie immer nur dann bei sich, wenn sie Dienst vor den Toren hatte. Denn dort draußen waren Menschen ihr kleinstes Problem.

“Nein. Ich brauche eine Schaufel!”, verkündete Anna, als sie bei der Holztüre ankam, die zur großen Vorratskammer der Festung führte. Jene war verschlossen, doch das war kein Problem. Die Alchemistin hatte sich den Schlüssel hierfür, ähm, ausgeliehen.

“Eine Schaufel?”, staunte Ahti nicht schlecht und kam neben die Leibwache, die sich gerade auf Umwegen bewegte. Eigentlich sollte sie gerade gar nicht hier sein.

“Ja.”, nickte Anna und fummelte sich den Eisenschlüssel aus der Tasche, den sie sich aus dem Schreibzimmer von Rist geholt hatte. Der war nicht da gewesen, also hatte sie sich einfach bedient. Es gab auf einer Kommode nämlich ein großes Kästchen mit allen möglichen, mehr oder weniger wichtigen Schlüsseln darin, die Rist nicht bei sich hatte: Mit welchen für einzelne Zimmer, den Garten, die kleine Rüsthalle und so weiter. Und ein jeder Huskarl hatte im Grunde Zugriff darauf, solange er einen Dienst vor sich hatte, in dem er ein betroffenes Gebiet bewachen oder durchkämmen müsste. Anna hatte heute zwar nichts in der Speisekammer zu suchen, außer einer Schaufel, aber was soll’s. Sie würde den Schlüssel bald zurück an seinen Platz hängen und fertig. Darüber könnte sich wohl kaum jemand beschweren.

“Du willst in der Speisekammer eine Schaufel finden?”, fragte Ahti nach und beobachtete, wie Anna in den besagten Raum trat, in dem es verführerisch nach Essen roch. Ihre Tranlampe anhebend, um besser sehen zu können, stolzierte sie voran und sah sich nach Haldorn’s Kartoffeln um. Ja, dieser Idiot hatte im letzten Jahr dafür gesorgt, dass die hiesigen Bauern nur Kartoffeln anbauten, weil er gefürchtet hatte, das Volk würde den harten Winter ohne diese vielseitigen Knollen nicht überstehen. Und, bei Melitele’s Arsch, der Ertrag war überwältigend gewesen, wie es schien. Denn noch immer türmten sich die besagten Kartoffeln hier, in einer der Ecken der Halle, und die Küchenangestellten der Quartiere waren längst dazu übergegangen die Kartoffeln mithilfe einer Schaufel umzuverfrachten oder in Eimer zu befördern. Anna hatte den Gärtner vor kurzem darüber schimpfen gehört, dass sein geliebtes Grabwerkzeug verschwunden war und was läge daher näher, als anzunehmen, dass eben jenes hier unten sei?

“Ha. Volltreffer!”, machte Anna mit einem schelmischen Lächeln im Gesicht, als sie die gesuchte Schaufel tatsächlich gegenüber an der steinernen Wand lehnen sah. Direkt neben drei Kübeln vor einem Kartoffelberg. Ahti hüpfte derweil auf den letzteren und stahl zwei der braunen Knollen, die sicherlich niemand vermissen würde. Tatsächlich konnte man in der Festung nämlich schon keine Kartoffeln mehr sehen. Der spitzfingerige Göttling grinste zufrieden, als er sich die Beute in die Westentaschen steckte und sich nach der Trankmischerin aus dem Norden umsah. Anna, wiederum, nahm sich die Schaufel, legte sie sich locker über die Schulter und wandte sich wieder dem Ausgang zu. Sie hatte auf ihrem Weg dorthin kein Interesse daran sich am geräucherten Fleisch, Käse, dem Obst oder dem Gemüse hier unten zu bedienen. Tatsächlich. Denn erstens hatte sie Dringendes zu erledigen und zweitens hatte sie erst vor einer knappen Stunde eine Kleinigkeit gegessen: Honigkuchen. Merle hatte ihre Mentorin in Monster- und Kräuterlehre heute Früh am Burgtor abgefangen und ihr das Backwerk zugesteckt, das sie in ein sauberes Tuch gewickelt gehabt hatte. Dies mit den Worten ‘Viel Erfolg und komm bald wieder’ auf den Lippen. Es war eine niedliche Geste gewesen; beinahe so süß wie der klebrige Kuchen, den das Mädchen und ihre Mutter gebacken hatten und der von Zucker so sehr durchsetzt war, dass er ewig hielt.

“Komm raus, Kartoffeldieb, oder ich schließe dich ein!”, rief Anna, als sie zurück in den Kellergang trat und sie hörte, wie Ahti hinter ihr einen panischen Laut von sich gab und sofort heranstolperte. Die Frau rollte schmunzelnd mit den Augen, als sie dies bemerkte und wartete auf den kleinen Göttling. Erst dann schloss sie die Vorratskammer wieder ab und ließ den Schlüssel dazu in ihrer Gürteltasche verschwinden. Sie trug heute einen Schulterüberwurf aus Wolfspelz, denn es war seit der Rückkehr aus Bogenwald wirklich frisch draußen. Sie hatte das Fell schon vor längerem im Norden gerben lassen. Damals, als sie allein unterwegs gewesen war, hatten sie einmal drei der wilden Hunde angefallen. Nachts, in einem Wald. Einer der Wölfe war noch nicht ausgewachsen gewesen und anders, als seine Gleichgesinnten, hatte die bedrängte Anna ihn mit einem sauberen Schwertstich in die Flanke erwischt. Damit war sein Pelz noch gut intakt gewesen und die damals so grimmige Frau hatte nicht lange damit gezögert den toten Wolf einfach mitzunehmen. Das Fell solch eines Tieres hatte in ihren Augen doch so gut zu ihr, der melodramatisch einsamen Wölfin, gepasst. Die Leute des Dorfes, in das sie dann blutverschmiert gekommen war, um völlig trocken nach einem Kürschner zu fragen, hatten die Fremde ganz schön dumm angestarrt. Regelrecht gefürchtet hatten sie sich vor der unfreundlichen Kriegerin mit der fuchsroten Strähne im kurzen Haar.

Die Besagte, heute längst nicht mehr einzelgängerisch und wieder bei Sinnen, nahm die Treppe zurück nach oben und hörte, wie Ahti hinter ihr noch ein paar Abschiedsworte von sich gab. Sie erhob die freie, behandschuhte Hand kurz zum Gruß und verschwand, hastete die Stufen nach oben und kam nach wenigen Minuten in die Große Halle. Bjalka und Doran, zwei andere Huskarle, standen dort Spalier und sahen interessiert auf, als ihre ‘etwas andere’ Kollegin nahte. Erst steuerte Anna auf den Ausgang zu. Doch dann erinnerte sie sich an den Schlüssel in ihrer Tasche und machte sofort kehrt, um zur Schreibstube des Jarls zu laufen. Die zwei Hauswachen im Saal sahen der zielstrebigen Alchemistin mit der Schaufel irritiert nach, doch fragten schon gar nicht mehr. Anna war hier, in Caer Gvalch’ca, schon immer aufgefallen und das nicht nur, weil sie die einzige Ausländerin der Garde war. In den ersten Wochen nach ihrem Arbeitsantritt hatte sie sich noch oft wirre Fragen oder Kritik der unschlüssigen Huskarle anhören müssen. Man hatte ihr manchmal gar ein klein Bisschen Wahnsinn nachgesagt, da Henrik vor wenigen Jahren persönlich dafür gesorgt hatte, dass Anna, diese Herumtreiberin, im Kerker Undviks landete. Das, weil sie Haldorn behelligt, am Marktplatz einen riesen Ärger angezettelt und beinahe wen getötet hätte, bevor sie aus ihrer Zelle verschwunden und geflohen war. Zu guter Letzt war sie dann, in diesem Frühjahr, wieder hier aufgetaucht und hatte den Onkel des jetzigen Jarls abgestochen, als sei sie eine angeheuerte Meuchlerin. Der Ruf der Frau war also teils fragwürdig und zwielichtig gewesen. Auch, nachdem sie am Schiff Haldorns angeblich gezaubert und Wasser zu Eis verwandelt hatte, hatten die Leute viel geredet. Manche hielten sie bis heute für eine große Magierin und Hexerin. Aber nun gut. Zumindest wunderte sich jetzt keiner mehr darüber, wenn Anna Jarlsschwestern auf Pferderücken in den Thronsaal schickte, laut mit sich selbst sprach, irritiert auf ihr Hexermedaillon starrte, oder munter herumspazierte, obwohl eine abtrünnige Skrugga oder ein rachlustiger Redanier sie mit vergifteten Waffen gestochen hatten. Anna war im Vergleich zu anderen beachtlich schräg, doch mittlerweile akzeptierte und respektierte man sie. Und, wenn man Matilda’s lieben Worten von vor zwei Tagen Glauben schenkte, dann gab es unter den Soldaten und Angestellten des Jarls sogar Leute, die die Trankmischerin sehr mochten. Es war ein schöner Gedanke.

 

Anna klopfte kurz an, doch wartete auf keine Reaktion von drinnen, bevor sie in das Schreibzimmer Rists trat. Jener saß wieder nicht an seinem Tisch, also machte sich die hektische Frau einfach ohne weitere Umschweife daran zu den Kästchen mit den vielen Schlüsseln der Festung zu gehen und jenes zu öffnen. Sie holte den Schlüssel der Speisekammer aus ihrer Gürteltasche und hängte ihn brav zurück an seinen Platz. Erst dann bemerkte sie das eigenartige Kribbeln in ihrem Nacken und sah sich sofort instinktiv um. Hjaldrist stand unweit hinter ihr und Anna fuhr abrupt zusammen und gab einen erschrockenen Laut von sich. Gerade so schaffte sie es nicht reflexartig zuzuschlagen.

“Scheiße!”, stieß sie heiser aus und wich einen Schritt weit zurück. Der ruhige, noch immer erkältete Skelliger sah sie derweil wenig begeistert an und zog die Nase leise hoch. Er hatte zuvor in einem seiner antiken Bücherregale hinter der offenen Tür gekramt und Anna hatte ihn ob dem nicht bemerkt. Nun stand er aber da, ein aufgeklapptes Heftchen in seinen Händen, mit Krone am Kopf, dicken Schal und gerunzelter Stirn. Seine dunklen, schwach geröteten Augen fielen auf die alte Schaufel, die seine Freundin - oder, nein, seine Unterstellte, denn er hatte gerade die verdammte Krone auf - bei sich hatte. Der Krieger legte die Stirn in noch tiefere Falten und die schockierte Anna, die erst wieder zu Atem kommen musste, ächzte überwältigt. Ihr war ganz warm geworden.

“Verdammte Kacke!”, machte sie empört “Ich hätte dich gerade fast mit der Schaufel erschlagen!”

Die Brauen des Jarls wanderten in die Höhe und sein Blick sank von dem besagten Grabgerät zurück zu der Hauswache im ungewohnten Kleid. Oh, Anna kannte diesen Blick. Er verlangte eine Erklärung.

“Äh.”, fing sie also sofort an “Ich hatte mir kurz den Schlüssel zur Vorratskammer ausgeliehen. Du warst vorhin nicht da, also-”

Die teils entnervte und teils verwirrte Miene des Jarls veränderte sich nicht. Anna stöhnte und schlug die schwarzen Augen kurz nieder.

“Ah, egal.”, murrte sie “Ich brauchte eine Schaufel und hab mir die vom Kartoffelberg geholt. Und ja, ich sollte gerade vor dem Tor sein und nach den Harpyien vor der Küste sehen, ich weiß, ABER-”

Noch immer starrte Hjaldrist abwartend und so, als beeindrucke ihn das Gerede seines ‘Huskarls mit den besonderen Ansprüchen’ wenig. Er befeuchtete sich die Lippen flüchtig mit der Zunge und klappte das Heft in seinen Händen langsam zu. Der dicke Schriftzug darauf beschrieb eine Ausgabe irgendeines Sammelbandes aus Ban Ard. Vermutlich ging es um die Zaubererschule dort. Anna zog die Brauen zusammen, als sie den Blick auf den Pergament-Umschlag des Heftes erhaschte und sah erst wieder gescheucht auf, als sich ihr Gegenüber hintergründig räusperte.

“Eine Schaufel.”, wiederholte Rist mit zynischem Unterton und sprach damit endlich. Seine Stimme war vom Husten ganz belegt, obwohl Anna ihm erst gestern Salbei-Thymian-Tee vorbeigebracht hatte. Wahrscheinlich trank er das bittere Zeug nicht. Selber schuld.

“Ja, ne Schaufel.”, nickte die Monsterkundige und war froh darüber nicht getadelt zu werden, weil sie sich ohne zu fragen einen Schlüssel genommen und dann, bei ihrer Rückkehr, so selbstverständlich hier herein geplatzt war. Ah, sie hatte eben nicht viel Zeit. In sechs, sieben Stunden würde es dämmern und sie wollte ihr Vorhaben bis dahin erledigt haben.

“Willst du damit die Harpyien verhauen oder was?”, fragte der Undviker und man sah, dass er sich dabei ein Grinsen verkneifen musste. Oh, Freya sei Dank.

“Nein. Die Viecher sind soweit keine Gefahr. Sie haben sich einen neuen Nistplatz nahe dem verlassenen Schrein am Hügel gesucht. Etwas nördlicher und ziemlich abgelegen ist das. Sie werden niemanden stören.”, erklärte Anna “Deswegen wollte ich mir eine andere Arbeit suchen. Ich habe kurz Kuchen gegessen und dabei ist mir Gerd eingefallen. Der Draugar. Du weißt schon.”

“Mhm. Der ganze Zucker regt wohl zum Nachdenken an.”, machte der Jarl “Und weiter?”

“Nachdem er damals verschwunden ist, fand ich an der Stelle mit seiner Asche einen kleinen, bronzenen Schlüssel.”, erinnerte die Giftmischerin nun “Ich hatte die Sache ganz vergessen, weil wir so viel zu tun hatten. Aber, äh... gestern war ich nochmal in Dorve und habe mich dort umgesehen. Es gibt dort, in der Nähe einen alten Friedhof. Man kann zwar nicht mehr alle Grabsteine lesen und viele davon fehlen einfach… aber ich will nach Gerd’s Überresten suchen. Er versprach uns für seine Erlösung doch Wissen. Also nehme ich an, dass bei seinen Gebeinen ein Schatz liegt oder er jenen irgendwo versteckt hat. Und der Schlüssel gehört bestimmt dazu. Vielleicht gibt es irgendwo eine Schatulle oder so...”

“Du willst auf einem verlassenen Friedhof herumgraben?”, fasste Rist jetzt mehr oder weniger treffend zusammen “Hm.”

“So sieht’s aus.”, bestätigte Anna und lächelte stolz über ihre glorreiche Idee. Sie sah, wie ihr vier Jahre älterer Gesprächspartner nachdachte und sie bemerkte einen kurzen, so vertrauten Funken Abenteuerlust im Blick des Jarls. Doch Hjaldrist tat den ab. Ja, er beharrte nicht darauf Anna begleiten zu wollen, wie es sich gleich zeigen sollte.

“Na, dann bin ich mal gespannt, was du findest…”, sagte der Westländer. Denn so gerne er vielleicht mit nach Dorve gekommen wäre, so hatte er hier viele Verpflichtungen und war nebenher auch noch angeschlagen. Ob er das schade fand? Anna tat es jedenfalls. Daher lächelte sie fast schon bedauernd und atmete einmal flach aus. Hoffentlich wäre Rist bald wieder gesund. Und sie wünschte es sich, dass er sich dann wieder einmal ein paar Stunden Auszeit nehmen würde, um zusammen mit seiner Kumpanin aus Novigrad durch die Gegend zu ziehen, zu trinken oder zu würfeln. Nun, da Aldoran und Ravello nicht mehr hier waren, konnte Anna nurmehr Merle behelligen, wenn sie sich langweilte. Pavetta war ihr auf Dauer einfach zu frauenhaft und die anderen Huskarle… nun ja… Anna traute es sich noch nicht so recht manche Mitglieder davon zu fragen, ob sie einmal etwas mit ihr unternehmen wollten. Das, obwohl sie mit einigen von jenen richtig gut zurechtkam, zugegeben.

“Gespannt? Ja… ja, und ich erst.”, gab Anna zurück ohne Hjaldrist dazu anzustacheln sich auch irgendwo eine Schaufel zu holen und zusammen mit ihr auf Schatzsuche zu gehen.

“Pass auf dich auf. Die Wegewächter vermuten im Südosten einen unnatürlich großen Zyklopen, konnten ihn aber noch nicht aufspüren und hoffen, dass er nicht zu weit in den Norden kommt. Die Nachricht darüber kam erst heute.”, entkam es dem Jarl und die Schwertkämpferin mit dem grau melierten Schulterfell nickte.

“Oh… alles klar. Uhm. Ich bin zum Anbruch der Dunkelheit wieder da.”, versprach sie. Die Kurzhaarige zögerte eine Weile, wechselte das Standbein ein wenig unruhig, überlegte. Doch dann ging Anna und ließ ihren Freund - nein, Anführer - in dessen Zimmer zurück, in dem es immer so gut nach alten Büchern roch.

 

Anna’s Weg trieb sie folgend auf dem Rücken Saovs und im gestreckten Galopp gen Dorve. Sie nahm dafür die einigermaßen ebene Hauptstraße, denn jene war zu Pferd am unproblematischsten. Es dauerte also kaum eine Stunde, bis sie an ihrem Ziel angekommen war, wo sie ihr schwer schnaubendes Reittier am Zügel hinter sich her und gen Friedhof führte. Jener lag verlassen und vielleicht einen halben Kilometer vom dem Geisterdorf entfernt, in dem einst der Draugar Gerd sein Unwesen getrieben hatte. Frohen Mutes band Anna ihr Pferd dort an einen schmalen Baum und ging um Saov herum, um die mitgebrachte Schaufel von dessen Sattelzeug zu nehmen. Die Frau hatte das längliche Werkzeug dort mithilfe eines Seiles festgezurrt und löste das Tau mit flinken Fingern. Ihre ledernen Stiefel waren jetzt schon bis zu den Knöcheln dreckig, denn der Boden war nach dem starken Regen der letzten Tage ganz matschig. Nicht mehr lange und der schmatzende Schlamm würde gefrieren, ganz bestimmt. Der skellische Herbst war nämlich genauso eisig, wie der frühe Winter im Norden. Anna freute sich nicht darauf.

Die Monsterjägerin tätschelte die Flanke ihres Pferdes noch einmal, ehe sie sich mit geschulterter Schaufel abwendete und den Blick suchend schweifen ließ. Der Friedhof war nicht der größte und daher sehr überschaubar. Er war etwa so groß, wie der Marktplatz Caer Gvalch’cas und lag am Fuße einer Felsformation und eines beachtlichen, tannenbewachsenen Hügels. Es sah aus, als sei jener vor längerer Zeit einmal eines schweren Unwetters wegen abgesackt und als Mure gen Wiese gerutscht. Sicherlich hatte all das Geröll und der Dreck teile des alten Friedhofs unter sich begraben. Anna verengte die Augen berechnend und zupfte sich den grauen Fellüberwurf zurecht. Dann machte sie sich guter Dinge daran auf den trostlosen Platz unter dem wolkenverhangenen Himmel zu marschieren. Saov senkte ruhig den Kopf und fing damit an im welken Gras zu seinen Hufen nach noch grünen Büscheln zu suchen. So gelassen, wie das kluge Tier war, herrschte gerade keine Gefahr. Doch sobald sich ein Monster oder ein Raubtier nähern würde, würde Saov sofort anschlagen. Und Anna, die nicht weit entfernt über den überwucherten Friedhofsplatz ging, wäre sofort zur Stelle, um zu kämpfen oder sich auf den Rücken ihres Rosses zu schwingen und zu verschwinden. Denn hier, auf Undvik, war letzteres manchmal die bessere, intelligentere Wahl. Nirgendwo anders gab es schließlich so große und so gefährliche Bestien, wie hier. Schon alleine durch die abgelegene Wildnis zu stromern war sehr mutig und es war nicht unbegründet, dass man Wegewächter, Boten oder Jäger, die abseits der Straßen wanderten, als absolut lebensmüde betitelte. Auch Anna äugte man des Öfteren kritisch nach, wenn sie Falkenburg verließ, um bis an die Zähne bewaffnet oder nachts nach draußen zu gehen. Denn man wusste, dass sie sich nicht immer auf den großen Wegen hielt, sondern auch durch die verwilderten Teile Undviks streifte, um dort nach Ungeheuern und Monstern zu sehen; nach Nestern, Höhlen, möglichen Gefahren für die Zivilbevölkerung und so weiter. Hjaldrist hatte ihr, was dies anging, strikt befohlen sich von Untieren fernzuhalten, sollten diese zu groß oder zu vielzählig sein. Er wollte, dass Anna beobachtete und nicht kämpfte; dass sie Einzelheiten notierte, ihm Bericht erstattete und sich nicht in unnötige Gefahrensituationen begab. Dies jedenfalls nicht alleine. Und der Jarl meinte das auch bitterernst. Selbst mit wenigen Harpyien an der Küste war nicht zu spaßen, denn man konnte sich kaum versehen und deren Kampfschreie lockten aggressive Sirenen oder gar Ekhidnas an. Zudem ging seit Wochen ein Gerücht um, in dem von einer Kelpie nahe des Falkenturms weit im Norden die Rede war. Sprich: Als Rist es Anna vor drei Tagen aufgetragen hatte nach den Harpyien am Strand zu sehen, hatte er das mit strengen Anordnungen auf den Lippen getan, die besagt hatten die Monster nur dann anzugreifen, wenn sie eine direkte Bedrohung darstellten. Demnach hatte sich die Novigraderin den Geflügelten später auch sehr vorsichtig genähert und sie stundenlang beobachtet, ehe sie zum Entschluss gekommen war, dass deren neues Nest in sicherer Entfernung zur Stadt und der wieder halb reparierten Werft lag. Sie würden die Menschen Undviks nicht stören und das würde auf längere Zeit auch so bleiben, denn Harpyien wechselten ihren Nistplatz für gewöhnlich sehr selten.

Anna hielt vor einem Grab an, dessen verwaschenen Stein mal nurmehr schwer lesen konnte, ging davor in die Hocke und versuchte die gemeißelte Inschrift zu entziffern.

“Gerda… Svirsdottir…”, las die Frau leise vor sich hin und presste die trockenen Lippen dann unzufrieden aufeinander. Mist. Knapp daneben. Für einen Moment hatte sie schon geglaubt das gesuchte Grab von Gerd gefunden zu haben. Die Monsterkundige erhob sich wieder und ging weiter. Dies lange und ohne einen einzigen Erfolg. Am Ende einer knappen Stunde war sie daher und aus Ermangelung besserer Ideen dabei die Schaufel in die Erde eines namenlosen Grabes zu setzen. Sie wollte gerade damit anfangen jenes freizulegen, als Saov unweit wieherte und unruhig um sich sah. Sogleich hielt Anna inne und horchte auf. Ohne zu zögern ließ sie die Schaufel in der weichen Erde stecken und wich in die Richtung ihres Vierbeiners ab. Denn zögernd nachzudenken war in solchen Situationen und hier beachtlich schlecht. Also eilte Anna gen Saov, der damit anfing den Kopf nervös in die Luft zu werfen. Auf so leisen Sohlen, als möglich, kam sie zu dem schnaufenden Tier und erfasste es sofort am punzierten Zaumzeug, sah um sich und lauschte angestrengt. Der Zyklop, den die Wächter erst vor kurzem gesichtet hatten, ging ihr unweigerlich durch den Kopf. Anna dachte an haushohe Meeresbestien, die gefährlichen, weißen Wolfsrudel und giftige Flugschlangen, die hierzulande riesig werden konnten. Würde es gleich Anzeichen dafür geben, dass solche Unwesen hier auftauchten, würde die Frau eventuell fliehen müssen. Doch... da war nichts. Oder jedenfalls konnte Anna kein Monstrum in der unmittelbaren Nähe erkennen oder riechen. Aber sie hörte etwas. Und das, was ihre Ohren vernahmen, war ihr durchaus bekannt. Sie warf den Blick gen Friedhof zurück, als sie ein leises Schnattern und Geraschel zwischen Zweigen vernahm. Saov wieherte abermals unzufrieden und sein Frauchen streichelte ihm beschwichtigend die samtigen Nüstern.

“Da sind doch Nekker…”, flüsterte sie zu sich selbst “Eindeutig.”

Diese hässlichen Wesen waren klein und schwach, doch garstig und flink. Alleine waren sie keine Gefahr, doch wenn sie in Gruppen auftraten und man nicht gut aufpasste, dann unterlag man ihnen schnell. Auch attackierten sie zuweilen Tiere. Pferde waren da keine Ausnahme. Daher hielt Anna gedankenvoll inne und linste berechnend zu Saov hin, ehe sie sich nach ein paar Wimpernschlägen dazu entschloss ihn loszubinden.

“Ich sehe mir das an…”, meinte die Frau wispernd zu ihrem treuen Ross und streichelte jenem die weiche Nase “Aber du kannst nicht bleiben. Tut mir leid.”

Damit legte sie dem Vierbeiner die Zügel über den Hals und machte diesen Riemen locker am Sattel fest, damit er nicht ganz lose herumschlackerte. An die Satteltasche trat sie heran, fischte sich ihre Tranlampe, eine Phiole Schwalbe, Zündhölzer und ihr stählernes Messer hervor. Ein harter Klaps gegen Saovs Hinterteil folgte daraufhin und er trabte wiehernd los, wie von der Hornisse gestochen. Das wertvolle Zuchttier war schnell genug, um von keinem großen Monster erwischt zu werden und so stark, dass es kleinere Biester einfach niedertrat. Zudem war Saov, so wie die meisten Pferde des Jarlshauses, darauf trainiert immer sofort nach Hause zu rennen. Dort, beim bewachten Stall der Falkenburg, war es schlussendlich sicher. Anna konnte das wertvolle Tier mit dem einen weißen Huf nicht alleine angebunden lassen, während sich in der Gegend bösartige Nekker herumtrieben und sie selbst irgendwo in den kargen Sträuchern verschwand, um eben jene aufzuspüren. Also müsste sie später zu Fuß nach Caer Gvalch’ca zurück. Dies war ein langer Marsch auf steilen Wegen, aber egal. Anna hatte ihr Schwert, eine rostige Laterne, Feuerhölzchen und Schwabe bei sich. Zudem waren ihre Stiefel bequem, ihr Schulterfell warm und sie konnte Quen sprechen. Anna war damit für alles gewappnet, fand sie. Ja, sie wäre mit ihrer momentanen Ausrüstung ein paar Tage lang gut in der Wildnis zurechtgekommen, wenn man bedachte, mit wie wenig Hab und Gut sie noch vor etwa zehn Monaten umhergereist war. Alles war gut. Die Alchemistin sah ihrem Pferd daher zufrieden nach, das von Dannen preschte und sie hoffte, dass man sich nicht zu sehr um sie sorgen würde, wenn Saov alleine in der Stadt auftauchte. Sie versprach Rist im Geiste sich zu beeilen und dem braunen Hengst bald zu folgen. Das hoffentlich mit neuen Informationen und tollen Nachrichten über den Schatz aus Dorve.

Die Schultern straffend wendete sich die selbstsichere Trankmischerin wieder ihrem Vorhaben zu. Ganz genau hinhorchend ging sie auf den Totenacker zurück, während sie sich das Messer in den Gürtel steckte, die Schwefelhölzer und den gestreckten Hexertrank in ihrer Tasche verschwinden ließ und die Tranlampe einfach behelfsmäßig über ihren Schwertgriff hing, als sei jener ein Haltehaken. Dieses Mal ging sie die Augen aufmerksam auf den matschigen Boden gerichtet voran und tatsächlich erkannte sie dort bald kleine Spuren, die aussahen, als kämen sie von klauenbewehrten Kinderfüßen.

“Wer sagt’s denn…”, murmelte die Kurzhaarige grinsend und schnappte sich im Vorbeigehen beiläufig ihre Schaufel, die noch in der Erde des anonymen Grabes steckte. Bei jedem Schritt schepperte ihr die Lampe leise gegen die Hüfte. Den Spuren folgend, die erst etwas wirr durcheinander liefen, dann aber direkt in eine Richtung deuteten, schlich die Frau über die Begräbnisstätte. Das, bis sie an den Fuß des halb eingesackten Hügels kam. Und dort, zwischen großen Steinen und dichtem Gebüsch, entdeckte sie ein Loch, das in die Erde führte. Anna ging auf die Knie und beugte sich vor, um in die Kluft hineinzustarren, die im Durchmesser keine halbe Elle maß und an einen Dachsbau erinnerte. Sie lauschte und konnte von weit drinnen klatschendes Fußgetrappel und ein hohes Knurren und Glucksen hören, das sich hastig entfernte. Beides hallte wider, als befände sich im Bauch des Hügels eine kahle Höhle oder dergleichen. Und genau diese Tatsache spornte die ungebrochene Neugier Annas nun an. Der Erdrutsch, der hier vor vielen Jahren abgegangen sein musste, hatte sicherlich eine Gedenkstätte oder dergleichen verschüttet. Sie MÜSSTE sich das ansehen. Nekker hin oder her; die wären kein Problem für sie. Also konnte man sich kaum versehen, da stieß die Nordländerin die Spitze ihrer Schaufel in die Kluft, die in den Hügel hineinführte. Mit ihrem ganzen Körpergewicht stemmte sie sich gegen das Blatt des Werkzeuges und grub, um das Loch, das die Nekker als Höhleneingang gebrauchten, zu vergrößern. Sie schaufelte die nasse Erde beiseite und hatte dabei große Mühe, denn die Schicht aus Steinchen, kleinen, zähen Wurzeln und Unkraut war dick. Es dauerte lange, bis Anna es geschafft hatte das zuerst so kleine Loch so zu erweitern, dass sie glaubte hindurchpassen zu können. Und als es so weit war, warf sie die Schaufel aus dem Kartoffelkeller fort und ging auf alle Viere, um prüfend in die Öffnung zu linsen. Sie zog die Brauen skeptisch zusammen, horchte, doch vernahm minutenlang keine Nekkergeräusche in der ihr nächsten Umgebung mehr. Also setzte sie sich wieder gerade hin und fummelte die Zündhölzer hervor, um mit jenen die kleine Tranlaterne zu erleuchten. Anna zögerte daraufhin nur kurz. Doch dann krabbelte sie einfach wagemutig in die Öffnung in der Erde, während sie die alte Lampe vor sich her schob, um Licht zu haben. Dreck rieselte dabei auf sie hernieder, und sie kniff die Augen zusammen. Der schmale Gang, durch den Anna am Ende nurmehr robbend durchpasste, war gerade einmal an die zwei Meter lang und dennoch ertappte sich die burschikose Novigraderin im letzten Stück davon dabei sich auf einmal unheimlich beklommen zu fühlen. Sie stockte. Mit der Dunkelheit und Enge, die sie auf einmal umgab, kamen verdrängte Erinnerungen hoch, die ihr die Brust zuschnüren wollten. Gedanken, die sie vor Sekunden noch nicht in ihrem Kopf gehabt hatte: An finstere Löcher und das Eingesperrtsein. Daran gefesselt zu werden und sich nicht rühren zu können, weil einen irgendeine unsichtbare Kraft lähmte. An grausige Bilder, die die Kranke seit Monaten auch immer wieder nachts, im Schlaf, verfolgten und sie ab und an schweißgebadet aufschrecken ließen. Lange Röhrchen, Finsternis, der scharfe Geruch nach Alkohest, bitterer Geschmack nach Galle auf der Zunge, Schmerzen, Orientierungslosigkeit.

Anna hielt inne und ließ den Kopf mit einem Mal niedersinken. Mit der Stirn an der kühlen Erde atmete sie tief durch und fluchte leise. Dabei klang sie aber weniger wütend, sondern verzweifelt. Sie kniff die Augen zu und biss die Zähne aufeinander, als die klamme Angst mit spitzen Fingern nach ihr haschte. Doch die Frau versuchte jene fortzuschieben. Ja, sie müsste an etwas Schönes denken. Sie durfte keine Panik bekommen. Niemand hatte sie soeben eingesperrt. Sie… sie war doch sicher. Anna war sicher. Sie sollte sich auf das Licht ihrer Tranlampe konzentrieren. Ja, Licht war schön und es war direkt vor ihr.

“Scheiße…”, flüsterte die Fahrige dem klammen Boden entgegen und schluckte schwer. An etwas Gutes denken. Und ruhig atmen. Beides wollte ihr gerade nicht gelingen.

“Nein. Verdammte Scheiße…”, wisperte die Schwarzhaarige weiter und ihre Hände, die sich an der kleinen Lampe festklammerten, hatten damit angefangen zu zittern. Im Moment fühlte sie sich so hilflos und die Erinnerung daran, wie man sie in eine metertiefe, dunkle und stinkende Grube warf - ohne Wasser und Essen -, heftete sich schadenfroh nagend an sie. Sie wusste nicht, wie lange sie damals dort unten gekauert hatte. Irgendwann hatte sie das Zeitgefühl verloren und hatte geglaubt, sie würde zwischen alten Leichen und Rattenscheiße wahnsinnig werden und komplett durchdrehen. Es war… eine quälende Erinnerung, die sie so peinigte, dass die Frau sie noch niemandem in vollem Detail erzählt hatte. Ihr Herz raste und kalter Schweiß brach ihr aus. Dennoch gab Anna sich einen Ruck. Und sie wusste nicht so recht wie, doch Augenblicke später hatte sie den Kriechgang plötzlich hinter sich gelassen und saß in einem kleinen Raum. Ihre Tranlampe am Boden, zwischen ihren angezogenen Knien, vergrub die emotional Gebeutelte das Gesicht an den dreckigen Handflächen und ermahnte sich im Geiste dazu wieder gelassener zu atmen. Oh, das hier durfte doch nicht wahr sein! Was zum Geier war bloß mit ihr los? Sie wollte das nicht!

Ein entferntes, ganz dumpf wahrnehmbares Glucksen riss Anna eine Weile später aus ihrer verkrampften Starre. Sofort zuckte sie zusammen und sah aus weiten Augen auf. Es war gleich wieder so still, dass sich die Giftmischerin fragen musste, ob sie sich das Geräusch von gerade eben nur eingebildet hatte. Ja, wie lang saß sie nun schon hier am Grund? Hatte sie… hatte sie etwa geheult? Sie hatte geheult. Oh, verdammt. Erst jetzt sah Anna, dass sie auf steinernem Boden saß, der keine drei Meter weiter vorn in einer abgetretenen Treppe endete, die nach unten, in den Erdgrund führte. Da waren geschmiedete Fackelhalter an den Wänden und erzählten von einer Zeit, als dieser Ort noch besucht worden war. Anna blinzelte verblüfft und nur langsam hörten ihre Schultern damit auf zu beben. Sie zog die Nase leise hoch, vergaß das Versteck von Silven und die strammen Lederriemen, die sie dort schmerzhaft, auf dessen Experimentiertisch, festgehalten hatten. Die Frau reckte den Hals neugierig und fasste nach ihrer Lampe zwischen ihren Knien, um jene anzuheben, um mehr zu sehen. Das warme Licht warf ein sanftes Orange auf die Wände und gen Treppenabgang. Das hier… das hier war eine Gruft, nicht wahr? Und vermutlich hatte sie einst einer wohlhabenden Familie gehört.

Anna, die sich allmählich wieder zusammenriss, erhob sich langsam und klopfte sich mit der freien Hand etwas Dreck vom nachtblauen Kleid. Zögerlich und aufmerksam lauschend näherte sie sich den Stufen, die in das Dunkel hinab führten. Ob heute ein paar Nekker in dem alten Mausoleum hausten…? Bestimmt. Anna ließ die Hand an das Heft ihres Silberschwertes, das Sicherheit versprach, sinken und setzte sich in Bewegung, um die Treppe nach unten zu nehmen. Schon auf den Steinstufen angekommen schlug der Nordländerin der modrige Geruch nach Schimmel entgegen. Der Boden und die Wände waren sichtbar feucht und teils von grünem Gewächs überzogen. Sie ging weiter, kam nach etwa fünfzehn Stufen schon auf ebenem Grund auf und vor ihr präsentierte sich ein Gang, der links und rechts in jeweils einen Raum zu führen schien. Sich umsehend erkannte die Frau geschwungene Verzierungen an den Wänden und zwei Statuetten, die in kleinen Nischen der Wände standen. Vor jenen anhaltend und sie im Lampenschein genauer musternd, kam Anna zum Schluss, dass es sich bei einer davon um Freya handeln musste. Die zweite konnte sie nicht identifizieren. Vielleicht war die dargestellte Heilige ja elfisch. Auf Undvik wusste man das nie so genau, denn die Aen Seidhe waren hier früher sehr präsent gewesen. Man musste sich doch nur die heutige Jarlsfamilie der Insel ansehen, die ebenso Elfenblut in sich trug.

Anna’s schwarze Augen wanderten über die schöne Statuette vor sich, die ein locker fallendes Kleid und einen Blumenkranz im offenen Haar trug. Die dargestellte Frau mit den hübschen Locken lächelte und hob eine Schale, die sie in den Händen hielt, empor. Nur langsam riss die Novigraderin ihre Aufmerksamkeit von dieser sympathischen Göttin fort und blickte zurück in den länglichen Gang. Irgendwo tropfte es leise und rhythmisch vor sich hin. Ansonsten war es still. Spinnweben hingen dick von der Decke und wehten gespenstisch in der schwachen Zugluft. Das unterirdische Grabmal schien also irgendwo einen zweiten Ausgang zu haben. Vielleicht war dessen Mauerwerk irgendwo weiter hinten eingestürzt, weswegen der Wind durch die kalten Korridore gähnte. Anna würde sich das ansehen und die Gegend ganz genau unter die Lupe nehmen. Sie lächelte breit, als sie vorfreudig daran dachte. Anna, so panisch sie vor wenigen Minuten noch gewesen war, fürchtete sich nicht. Sie hatte schon schlimmeres gesehen, als verlassene Katakomben, also sah sie dies hier als willkommenes Abenteuer an. Und sie dankte ihrem besten Freund dafür, dass er ihr die Gelegenheit hierfür gab; Dass er sie an der langen Leine hielt und sie mittlerweile nicht nur mehr als Torwache oder Leibgardistin gebrauchte. Nur… warum tat er das? Ging es ihm tatsächlich nur darum, dass er die Monsterbewegungen in der nahen Gegend, fern der Wegewächter, gerne im Auge haben wollte? Oder wollte er Anna einen geduldigen Freundschaftsdienst erweisen, indem er sie regelmäßig freiließ? Kein anderer Huskarl erfuhr das und selbst Henrik ging nur ungerne alleine vor die Tore, wenn er nicht musste. Es war, als habe Anna eine gewisse Sonderstellung, die sie selbst als enormes Privileg ansah, und die andere als Strafarbeit betrachteten. Vielleicht ließ Rist seine sprunghafte Kumpanin auch nur wegen letzterem vor die Tore gehen. Hätte man Anna’s Aufgaben nämlich als Belohnung und nicht als Lektion betrachtet, dann hätte der Jarl die Frau zurückgehalten, oder? Damit es nicht noch mehr auffiel, dass er ihr nah stand und sie beide gut miteinander befreundet waren. Das war nämlich so und so schon augenscheinlich. Wenn Hjaldrist Reisen antrat, nahm er nämlich immer Anna mit. Wenn er sich langweilte, dann suchte er sie auf, um mit ihr Karten zu spielen oder einfach nur zu plaudern. Und wenn der Schönling sich einmal ernsthaft um die wankelmütige Kriegerin sorgte, dann lief er gar zu ihr ins Badehaus, anstatt sie gewohnt streng zu sich zu beordern. Er hatte gar ganz offen mit seinem eigenen Bruder gestritten, weil dieser Anna hart kritisiert hatte. Damals, am Strand, nach dem Kampf gegen den tobenden Meeresriesen war das geschehen. Hjaldrist hatte Anna gegen Haldorn’s respektloses Mundwerk verteidigt und hatte jenen vor allen Anwesenden geschlagen. Seither war es glasklar, dass die seltsame Novigraderin keine austauschbare Soldatin war. Und so sehr es die eigentlich so in sich gekehrte Besagte unwohl berührte, dass manche so dachten, so freute es sie auch irgendwo tief in ihr drin. Dennoch: Sie wollte in Zukunft nicht noch mehr als jemand auffallen, der Sonderbehandlungen bekam. Genau, sie würde den Kopf einziehen und ab und an zur Schau jammern, wenn es hieß, sie solle im strömenden Regen nach draußen, um die Gegend nach Ungeheuern abzugrasen. Hjaldrist sollte nämlich nicht dastehen müssen, als bevorzuge er jemanden zu sehr. Besonders nach dem letzten Aufenthalt in Bogenwald ermahnte sich Anna dazu weniger Ansprüche zu stellen und die Klappe in Rist’s Anwesenheit zu halten, wenn sie glaubte, sie könne ihn mit ihren Worten irgendwie beleidigen oder bloßstellen. Denn sie waren keine halblustigen Vagabunden auf gefährlicher Weltreise mehr und einer von ihnen beiden war heute jemand von Stand. Das wollte Anna in Zukunft öfter beachten. Sie täte gut daran, wenn sie ihre Arbeit behalten mochte. Das hatte auch Matilda gesagt.

Anna näherte sich langsam der schmiedeeisernen Tür, die linkerhand in das unterirdische Mauerwerk eingelassen war. Jene stand halb offen und quietschte ganz schön, als die Frau sie aufschob. Dahinter tat sich ein schmaler Raum auf, in dessen Mitte ein steinerner Sarkophag auf einem hüfthohen Podest stand. Anna äugte neugierig nach vorn und näherte sich dem prunklosen Sarg, blickte um sich und erkannte am Ende des Raumes eine alte, verwitterte Tafel, auf der ein Name prangte: Ean Nilsson Sjöberg. Die Jahreszahl darunter gab an, dass er vor hundertachtzig Jahren und im Alter von 35 gestorben war. Das war relativ jung. Anna streckte die Hand aus, um den grauen Staub vom Sarkophag des Mannes zu wischen. Ob dieser Ean einst irgendein wichtiger Kerl gewesen war? Jemand, den man als Helden und Riesentöter betitelt hatte, vielleicht? Ein Kapitän eines Schiffes oder ein Schlächter von großen Kraken? Solche Leute bekamen auf Skellige oft richtig schöne Begräbnisse. Viele von diesen Personen, besonders Mitglieder von Jarlsfamilien, bekamen gar eine Seebestattung, doch wenige wollten das nicht und erhielten Grabmäler. So, wie dieser Sandulf, Rist’s Vorfahre, der nach seinem Tod nicht ins Meer geschickt, sondern nahe am Waldrand und der Heimat seiner Elfenfrau begraben werden wollte. Hm. Vielleicht sollte Anna die hiesigen Bücher einmal nach der Familie Sjöberg durchforsten. Es interessierte sie, wer sie gewesen waren.

Die durch ihre Kriechaktion von vorhin über und über verdreckte Giftmischerin sah sich weiter um, doch sah hier nichts mehr, das ihr eine wertvolle Information war. Da lag eine goldene Kette am Fußende von Ean’s Sarg, doch sie fasste das Schmuckstück mit dem roten Edelsteinanhänger nicht an. Sie war schließlich keine Grabräuberin, die alles mitgehen ließ und die Toten bestahl. Und sicherlich war die Kette ein Geschenk von sentimentalem Wert eines Angehörigen Eans gewesen. Also ging sie und ließ den kleinen Raum wieder hinter sich. Das zweite Gewölbe auf der rechten Gangseite war nicht mehr so gut erhalten, wie das andere. Denn in der hinteren Wand prangte ein großes Loch im Mauerwerk, das aussah, als seien die Steine von irgendetwas großem eingerissen worden. Von einem Riesentausendfüßer vielleicht. Oder? Nein, die kamen auf Skellige nicht vor, da sie das Klima nicht mochten. Felsentrolle kamen also eher infrage. Auch die Größe des Lochs in der Wand sprach dafür, dass sich jene hier durchgearbeitet haben mussten. Anna blieb stehen, als ihr dies in den Sinn kam und sie zögerte argwöhnisch. Ihre Augen suchten den Sarkophag im Raum, dessen Deckel traurig neben der Totenlade lehnte. Man erkannte, wie dem vermoderten Skelett in dieser der Schädel fehlte. Ob ihn jemand gestohlen hatte? Bei Melitele, wer tat denn sowas? Die wagemutige Alchemistin kam näher und hob die flackernde Tranlaterne an. Das Steinschild hinter dem Sarg fehlte auch, denn dort, wo es hängen sollte, zog sich die Kante des Mauereinsturzes durch die Erde. Anna linste prüfend dorthin und trat dann vor die vielen Steine, die neben all dem Dreck und dem Geröll verstreut umherlagen. Sie äugte nach einer Platte aus Marmor, doch erkannte keine. Der Name der oder des hier ruhenden, kopflosen Toten bliebe ihr also vorerst ein Geheimnis. Schade. Also hob sie den Kopf an und leuchtete in den Tunnel, der nach der eingerissenen Mauer in die Dunkelheit führte. Und Anna überlegte nicht lange, bis sie den Weg dort hinein einschlug. Würde sie auf Felsentrolle stoßen, dann hätte sie bald ein großes Problem. Doch die motivierte Monsterkundige hoffte einfach darauf, dass die Ogroiden längst fort waren. Das Grab hier war sehr alt. Vielleicht waren auch die Trolle, die hier einen Tunnel gegraben hatten, längst tot. Nichtsdestotrotz gestikulierte Anna knapp mit ihrer freien Hand und zeichnete in einem kurzen Moment der Konzentration Quen in die Luft. Sicher war sicher. Dann ging sie los und, begleitet vom Schein ihrer Laterne und dem schwachen Schimmern der glimmenden Magie an ihrer Haut, der Schwärze vor sich entgegen.

Umso tiefer Anna dabei in den Stein kam, desto öfter hörte sie das leise Tropfen von den Wänden. Hier und da waren jene sogar dermaßen feucht, dass kleine Rinnsale an ihnen hinunterliefen und sich in Pfützen am glitschigen Boden sammelten. Die ehemalige Vagabundin mit der grün-blauen Schärpe kam weit, bevor sie plötzlich wieder das vertraute Schnarren eines Nekkers vernahm. Und sie hielt sofort an. Der Gang, in dem sie soeben stand, war breit und fiel schwach ab. Ihre Lampe erreichte die Wände nurmehr fahl, doch die Decke war relativ niedrig. Hätte sich Anna hier auf die Zehenspitzen gestellt und die Arme nach oben gestreckt, hätten ihre Fingerspitzen kalten Stein gestreift. Doch gerade, da bewegte sie sich kaum und horchte. In weiser Voraussicht stellte sie ihre rostige Tranlaterne ab und zog das Silberschwert. Sekunden später schon sprangen ihr drei kleine, dunkle Schemen entgegen und Anna, die bereits damit gerechnet hatte, wich sofort geschickt zur Seite aus und schlug mit der Klinge zu. Einer der Nekker fiel sofort gurgelnd und unkoordiniert zappelnd zu Boden. Die anderen ließen sich davon aber nicht beirren und griffen erneut an. Einer von ihnen verbiss sich nach einem Verblassen von Quen in der linken Armschiene der Alchemistin, während Letztere den zweiten Nekker mit einem wuchtigen Schwertschlag abwehrte. Sie hob ihren linken Arm, an dem das erste Monster hing, ruckartig zur Seite und der Nekker verlor seinen Halt daran, stürzte zu Boden. Da war ein Geknurr und Gegrolle, das aus dem dunklen Gang kam. Und es folgten weitere, kleine Biester. Fünf an der Zahl kamen wie aus dem Nichts herbei, um ihren Gleichgesinnten zu helfen. Einer sprang Anna ins Kreuz und biss zu. Die Frau keuchte laut auf, als sich die scharfen Zähnchen in ihre Schulter gruben, und schlug mit dem Ellbogen nach hinten. Sie traf das dort hängende, fauchende Biest schwer und es fiel von ihr ab. Sie trat abrupt zu und brach einem nahenden Nekker damit den Schädel. Zwei weitere kamen an dessen Stelle. Einer von ihnen verlor einen Arm an die hungrige Klinge der Trankmischerin. Doch der andere erwischte Anna. Er haute vor, zerriss ihr dabei den Rock und verbiss sich fest in ihrem Bein. Sie schrie überwältigt auf, als sich die Monsterzähne in ihren linken Oberschenkel gruben. Die Kurzhaarige versuchte einen sicheren Stand einzunehmen, nicht zu straucheln, und packte das besagte Scheißvieh grob im bloßen Genick, wie eine räudige Katze. Doch der Nekker ließ nicht locker und Menschenblut floss. Einer seiner Freunde zerkratzte der Kräuterkundigen mit einem Hieb der scharfen Krallen den Oberarm der Waffenhand und zerriss dabei ihren Ärmel. Das vermeintlich kluge Geschöpf wollte Anna das Silberschwert entreißen, doch schaffte es natürlich nicht. Die stärkere Frau schlug das bissige Monster an ihrem Bein mit der Rückhand ihrer Linken, an der das Metall ihres Armschutzes prangte, fort, dass es nur so schepperte. Sie stieß einen Kampfschrei aus und hackte nach dem Nekker, der ihr an die Waffe hatte wollen. Ihr Silber suchte daraufhin auch die anderen und fuhr dabei selten in die Leere. Es dauerte keine Minute mehr, da waren die kleinen Monster ringsumher tot und Anna stand schwer atmend und mit finsterer Miene zwischen ihnen. Blut tropfte ihr vom Kinn. Es war nicht ihres. Doch die Bisswunde an ihrem Bein brannte wie Feuer. Die Schwertkämpferin biss die Zähne zusammen und sah keuchend um sich. Acht Nekker. Sie waren hinüber. Doch Anna glaubte dort, weiter hinten und in der Finsternis, kurz das Licht reflektierende Augenpaare erkannt zu haben. Die hiesige Höhle war demnach längst nicht frei von kleinen, hinterhältigen Ogroiden, so viel stand fest. Für den Moment hatten sie sich wohl ängstlich zurückgezogen. Fragte sich nur, für wie lange. Und sicherlich versteckte sich noch irgendwo deren größerer Rudelführer. Denn die gab es in Nekkergruppen stets. Also blieb die verdreckte Kämpferin alarmiert, als sie nach ihrer Laterne am Boden fasste und sich vorerst unregelmäßig atmend zur Wand zurückzog, um jene schützend im Rücken zu haben. Dort angekommen, lehnte sie erst sich selbst, dann das Silberschwert an den kühlen Stein, stellte die Tranlampe wieder ab und ließ den Blick langsam an sich hinunter wandern. Prüfend fiel er auf ihren zerrissenen Rock und zögerlich schob sie jenen beiseite. Anna seufzte entnervt. Ihr Oberschenkel sah nicht gut aus.

“Scheißviecher…”, murmelte sie dabei böse vor sich hin und riss sich dann einen Streifen aus dem rechten Ärmel, der ihr dank eines der besagten Biester in Fetzen vom Schwertarm hing “Ich glaub’s ja nicht.”

Mit der feuchten Wand im Kreuz sah Anna noch einmal kurz achtsam um sich. Dann widmete sie sich aber ihrem verletzten Bein, goss mit zusammengepressten Kiefern Wasser aus ihrer Trinkflasche darüber und benutzte den Stoff ihres kaputten Leinenärmels dafür die frische Bisswunde schlampig zu verbinden.  Sich die blutigen Hände danach am ramponierten Rockteil abwischend, hob die Frau den Kopf wieder an und horchte aufmerksam. Sie fasste nach dem Schwert, das neben ihr lehnte, nahm die Tranlampe an sich, und setzte sich allmählich wieder in Bewegung. Denn sie war hier noch lange nicht fertig. Sie wollte sehen, was am Ende des breiten Ganges unter der Erde auf sie wartete.

 

Eine ganze Weile ging Anna weiter durch die modrigen Höhlengänge, die so steil abfielen, dass man aufpassen musste, um nicht unglücklich auszurutschen. Die vorsichtig vorangehende Schwertkämpferin hatte gegen die zähe Dunkelheit hier nur ihre kleine orange flackernde Laterne. Ganz leise quietschte der Henkel der Lichtquelle bei jedem Schritt und deren Schein streifte unebene Wände, matschigen Grund und zuletzt weitläufiges Wasser, das sich zur Rechten Anna’s auftat. Der Gang wurde zu einer ebenen Höhle; einem Gewölbe von etwa zwanzig Metern Breite und einer Höhe von etwa der Hälfte. Ganz oben, am hinteren Ende der Decke prangten zwei von Pflanzen verwachsene Löcher, durch die sehr wenig Tageslicht von draußen hereinfiel und hier unten Schemen von Felsen und dicken Wurzeln erahnen ließen. Ungefähr ein Drittel der Gegend bestand aus einem unterirdischen See. Sicherlich war man hier so tief im Grund, dass das Meerwasser von einer Höhle vor den Klippen hereindrängte. Oder aber der kleine See, dessen Ende Anna des fehlenden Lichtes wegen nicht ganz ausmachen konnte, bestand aus Grundwasser. Jenes war hier, auf Undvik stellenweise sehr hoch.

Ein leises Platschen ließ Anna aufhorchen und sofort verstärkte sie den Griff um ihre teure Waffe. Sie ging weiter und das mit den Augen in die Richtung, von der soeben das Geräusch des unruhigen Wassers oder einer Pfütze gekommen war. Da war ein leises, zorniges Schnattern eines Nekkers, doch jener griff nicht an. Irgendwo huschten kleine, nackte Füße über den nassen Boden. Die Frau grinste freudlos. Denn so gerne sie sich erleichtert über die momentane Furcht ihrer Gegner gezeigt hätte, so wusste sie auch, wie unberechenbar Nekker waren. Im ersten Moment flohen sie, nur, um einem wenige Minuten später fauchend in den Rücken zu fallen. Und genau darauf war die gewiefte Novigraderin vorbereitet. Sie würde nicht zum Versuch ansetzen die Ogroiden in der Dunkelheit zu jagen. Dies brächte wenig, denn die Monster hatten Nachtsicht und außerdem befand sich die Kämpferin in deren Revier. Sie würde also einfach darauf warten, dass die Nekker angriffen. Es war ganz einfach und wie beim Ködern von wilden Tieren, die Blut rochen. Nur dass das verwundete Lockmittel, Anna, in diesem Fall kein wehrloses Stück Fleisch war, das man zum Abendbrot verspeisen könnte. Sie war der Tod eines jeden kleinen Monsters, das sie attackierte. Und obwohl die übrigen Nekker das seit vorhin eigentlich wissen sollten, fielen sie die Schwarzhaarige mit dem Fellüberwurf wenige Zeit später schon an. Anna hatte sich gerade, die Ohren in die Stille hinein gerichtet, eine Einbuchtung am Rand der Höhle angesehen, in der ein dicker Trollfelsenpanzer und das dazu passende Skelett lagen, da kamen die garstigen Biester von hinten. In weiser Voraussicht hatte die ehemalige Ungeheuerjägerin ihre Lampe nahe der besagten Nische mit den Trollüberresten abgestellt und fuhr nun ihre Feinde erwartend herum. Sie atmete tief durch und zeichnete Quen in die Luft. Es dauerte kaum eine Sekunde und ging verdammt schnell. Ihr Schwert traf einen Nekker. Ein zweiter Ogroid prallte am magisch aufglimmenden Schild der Frau ab und stürzte rücklings zurück. Wie eine wehrlose Schildkröte lag er zappelnd am Kreuz, ehe er wieder auf die Beine kam, um in die schützende Finsternis zu verschwinden. Wäre Anna nun eine Hexerin gewesen, hätte sie genau gesehen, wohin ihr Gegner floh. Denn in diesem Fall hätte sie Katze intus, anstatt eine kleine, rostige Lampe mit sich zu tragen. Doch sie war kein Vatt’ghern und daher ärgerte sie sich.

“Ja, verzieh dich, Missgeburt.”, schnaubte sie gereizt, ehe noch ein kleiner Ogroid von links kam. Er starb einen Herzschlag später röchelnd und blutspuckend. Es stank widerlich metallen-bitter nach dunklem Monsterblut.

“Meine Fresse…”, flüsterte Anna unregelmäßig atmend und machte die Augen weit, in der Hoffnung so im zähen Schwarz des Gewölbes besser sehen zu können. Es klappte nicht besonders gut, bis gar nicht. Dennoch erkannte die Frau Momente später, wie sich etwas Weißliches vor ihr aus der Finsternis schälte. Sie stutzte und glaubte erst ein laufendes Skelett zu sehen. Doch dann erkannte sie schnell, dass es sich um einen Nekker handelte, der so groß war, dass er ihr bis zur Taille reichte. Und dass er sich einen menschlichen Totenschädel auf das eigene Haupt gebunden hatte. Wie einen grotesken Hut trug er diese Überreste und Anna ahnte, dass jene zu dem geplünderten Sarg des Mausoleums weiter oben gehörten. Nebenher hatte sich das Monster Knochen an Arme und Beine gebunden. Dies entweder aus makabrer Zierde oder weil sie wie schützende Schienen wirken sollten; wer wusste das schon? Monsterlogik, wenn man das überhaupt so nennen konnte, war meist verquer. Anna rümpfte die Nase, als der Nekker-Krieger und vermeintliche Anführer der hiesigen Bestien, schnarrend auf sie zusprang. Sie wich zurück und die langen Krallen des Wesens fuhren ob dem in die Leere. Gleich setzte die Frau zu einem Gegenangriff an und streifte den grollenden Nekker mit dem Silberschwert an einer Schulter. Jener gurgelte laut und schmerzverzerrt, denn die besondere Metalllegierung bekam ihm nicht gut. Anna setzte nach, doch ihr Feind wich strauchelnd aus und wirkte verwirrt. Das war der Unterschied zu den Kämpfen gegen Menschen. Monster waren chaotisch und handelten instinktiv. Sie kannten keine Schwerthuten oder ausgeklügelte Finten. Sie versuchten einfach nur zu beißen oder zu kratzen, irgendwie. Sie waren aufgekratzt und daher leicht durcheinander zu bringen. Und genau deswegen hatte Anna das Duellantenturnier in Bogenwald gehasst. Sie hatte erst gar nicht in den Ring steigen wollen, denn zur Unterhaltung und gegen Leute zu kämpfen, lag ihr ganz und gar nicht. Sie wollte sich nicht zügeln und unter den Augen Vieler schön kämpfen müssen, denn beides konnte sie nicht. Wenn die Giftmischerin gegen irgendwen stritt, dann wollte sie kämpfen, als stünde ihr ein stupides Monster gegenüber: Zur Not schlampig und mit allen Mitteln, nicht sportlich und voller Respekt. Bei Melitele’s Unterbuchse, niemals würde sie mehr auf irgendein Duell eingehen. Diese Scheiße hatte ihr nichts als Ärger und einen Nahtod beschert. Anna gab einen grantigen Laut von sich und hob unsauber zu, traf dennoch. Balthar hatte sie ausgebildet und das hart. Aber ganz ehrlich? Er hatte damit aufgehört, als sein ‘Prinzesschen’ gerade einmal an dem Punkt angekommen war, an dem richtige Hexernovizen erst richtig angefangen hätten. Training auf wackeligen Schwebebalken über einer Grube? Mit verbundenen Augen gegen scharfe Waffen kämpfen? Schnellenden Armbrustbolzen ausweichen? All das hatte Anna nie gemacht. Oder eher: Sie hatte es niemals machen dürfen, obwohl sie es so gerne hätte. Exakt berechnete Schwerthiebe oder komplizierte Schläge aus dem erweiterten Hutenlauf? Die hatte die Trankmischerin nie offiziell gelernt. Dennoch schnitt ihre Klinge just tief und brachte den kreischenden Nekker-Krieger vor ihr zum Wanken. Ja, Scheiß doch auf die Ausbildung in Kaer Morhen. Sie kam auch mit ihren eigenen, vielleicht dreckigen, Methoden weit.

Damals, da hatte es einen Hexer in Balthar’s Alter gegeben. Volmar. Ein ganz netter Kerl. Er hatte die aufgeregte Anna einmal, als sie kaum zehn Jahre alt gewesen war, mit nach draußen nehmen wollen, um ihr ‘echte Monster’ zu zeigen. Vielleicht hatte er Mitleid für sie empfunden oder selbst ein Mündel haben wollen. Aber nein, Balthar hatte Volmar dabei erwischt, wie er das kleine Mädchen mit den ungepflegten Haaren und der dreckigen Tunika unter seinem dunklen Umhang versteckt hatte mitschleifen wollen. Es hatte daraufhin einen heftigen Streit gegeben, denn es hatte doch nicht eingehen können, dass Anna, die kleine schwache Anna, einem echten Biest begegne. Deswegen hatte sie ihren ersten Ghul erst mit fünfzehn erblickt. Mit fünfzehn! Sie war immer eine Nachzüglerin gewesen und hatte nie so viel Einsicht bekommen, wie es einem Jungen zuteil geworden wäre. Und ihr Training hatte auf praktischer Seite auf dem Stand eines vielleicht vierzehnjährigen Novizen aufgehört; Eines ‘echten’, jungen Lehrlings und nicht eines Mädchens, das man etwas im Kampf unterrichtete, weil man nicht wusste, was man sonst damit anstellen sollte. Das Training war also irgendwann einfach nicht mehr weitergetrieben worden und Balthar hatte Anna weismachen wollen, dass sie all den Rest, den ein Hexer wissen musste, von den Büchern lernen würde. Er hatte der enttäuschten Jugendlichen damals klarmachen wollen, dass es klüger sei all die dicken Wälzer in der Festung zu lesen und die Alchemie zu erlernen, als sich dem Schwebebalken oder Übungspartnern mit scharfen Waffen zu stellen. Und dass sein ‘Wölfchen’ gut daran täte etwas mit Rufus spielen zu gehen, anstatt ihn, das Arschloch aus Brugge, weiter zu behelligen. Tse.

Der Nekker wich einem Hieb der Frau vor sich aus und sprang sie daraufhin abrupt an. Mittlerweile blutete er stark und kämpfte verzweifelt um sein Leben. Seine Klauen und Zähne hoben auf die Nordländerin ein, doch Quen hielt dem gut stand und Anna schlug das Monstrum barsch von sich. Sie deutete einen Satz nach vorn an und der Nekker zuckte erschrocken zusammen. Dann stach sie zu und trieb dem widerwärtigen Wesen die Silberklinge tief in die Magengrube, spießte es regelrecht auf. Gammelig miefendes Monsterblut floss in Strömen. Die zwei kleineren Nekker, die nun von hinten kamen, interessierten Anna derweil kaum. Deren messerscharfe Zähne kamen nicht durch deren flackernden magischen Schild hindurch, der seit Silven auffallend lange hielt, und daher zeterten sie wild und grantig vor sich hin. Anna, die das Schwert mit einem Ruck aus dem Leib des sterbenden Nekker-Kriegers mit dem Schädelhut riss, hielt die Augen schwer atmend auf jenen gesenkt. Und sie wunderte sich. Früher, in Kaer Morhen, da war sie die ewige, belächelte Anfängerin unter vielen exzellenten Kriegern gewesen, die sich tierisch vor Alghulen gefürchtet hatte. Man hatte sie nie wirklich ernst genommen und ihr das Training über gewisse Grenzen hinaus einfach verwehrt. Im Grunde war die Nordländerin immer weit davon entfernt gewesen ein Vatt’ghern zu werden. Sehr, sehr weit. Dennoch stand sie jetzt hier. Sie kam mit ganzen Gruppen von rasenden Nekkern im Zwielicht zurecht und schaffte es zur Magie in der Erde zu sprechen. Sie hatte ein meisterliches Silberschwert in der Hand, wahre Freunde und keine Angst mehr. Ja, Anna konnte Gifte aus den Büchern der Katzenaugen trinken und starb nicht daran. Hätten sich die Hexer aus ihrer damaligen Schule das jemals gedacht…? Wohl kaum. Und trotzdem… all das, was die frühere Umherziehende heute konnte oder war, kam nicht von ungefähr. Für manches davon hatte sie viel bezahlt und dies nicht in Münzform. Ihr auffallend leichtes Schwert war die Erinnerung daran, dass sie ihren besten Freund einst im Stich gelassen hatte. Ihre starke Giftresistenz war ein Ergebnis einer traumatischen Entführung, die sie so gerne vergessen hätte. Und ihre naive Angst, die hatte sie verloren, weil sie in den letzten Jahren viel zu viel Schreckliches gesehen hatte. Ob es das wert war? Manchmal vielleicht. Nur ab und an… da hätte Anna auch gern auf alles verzichtet. Sie hätte ihre schöne Waffe, ihr jetziges Wissen und ihr eigenartig resistentes Blut ohne zu zögern dafür eingetauscht zu dem Tag vor dem letzten Neujahr zurückreisen zu können. Zu jenem, an dem sie mit Rist in der Taverne Kaer Troldes gesessen, laut lachend gewürfelt und dabei nicht geahnt hatte, was ihr bester Freund ihr bald sagen würde. Oh ja. Heute, da erwischte sich Anna manchmal dabei einfach nur gewöhnlich sein zu wollen. Ja, wirklich. Jemand, der vor gut zehn Monaten mit Rist zurück nach Caer Gvalch’ca gegangen wäre, um auch dort zu bleiben. Vielleicht hätte sie ihn am Abend seiner Krönung ganz heimlich irgendwo in einer dunklen Ecke geküsst und ihm schief lächelnd gratuliert, anstatt ein halbgares ‘Alles Gute’ zu murmeln, dem neuen Jarl dabei nicht einmal in die Augen zu sehen und dann zu verschwinden. Ja, das hätte sie tun sollen. Sie hätte sich und anderen damit viel erspart und wäre heute keine verdammte Besessene, die auf verdünnte Hexertränke angewiesen war und in einsamen, zu grüblerischen Stunden fürchtete sich nie wieder richtig zu erholen.

Ein letztes Herumfahren und ein ruckartiger Schwerthieb zur Seite folgten und auch die zwei verbliebenen Nekker starben nach einem kurzen, zornigen Hin und Her schnell. Am Ende blieb die tief ausatmende Anna allein mit einer Tranlampe und ihrer vor Blut triefenden Waffe in der totenstillen Dunkelheit zurück.

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