Kapitel 135 (Buch 5, 12)

Wut und Sorge lagen nah beieinander

Mit dem Schädel, den der Nekker-Krieger gestohlen hatte, machte sich Anna einige Zeit später auf den Rückweg nach oben. Dies gestaltete sich als beschwerlich, denn der Boden war schlammig und steil. Immer wieder fluchte die Novigraderin mit dem schmerzenden, noch immer leicht nachblutenden Schenkel leise oder rutschte beinah aus. Ihr Silberschwert hatte sie sich vorhin am nachtblauen Rock abgewischt und wieder zurück, in die Lederscheide, gesteckt. Ihre Laterne hing erneut am lederumwickelten Schwertgriff und baumelte dort scheppernd vor sich hin. Und so bahnte sich die Kurzhaarige den Weg empor, bis zurück in die Grabesstätte von Ean und der zweiten, unbekannten Person. Und dort angekommen, hielt die abgekämpfte Alchemistin mit der Bisswunde an der Schulter vor dem Sarkophag, der geplündert worden war und dessen Deckel schief an der Totenkiste gelehnt dastand. Im Schein ihrer Laterne musterte Anna das kopflose Skelett kurz. Doch dann zögerte sie nicht damit den Schädel, der zu dem armen Knochenhaufen gehörte, wieder mit in den Steinsarg zu legen. Dies natürlich ganz achtsam. Warum hätte sie das auch nicht tun sollen? Es fühlte sich richtig an.

“So”, machte Anna leise “Jetzt bist du wieder komplett und dein Kopf kein Hut mehr. Wer du auch immer warst… ah, ist ja egal...”

Schwach grinste sie und stemmte sich eine dreckige Hand zufrieden in die Seite, ehe ihre dunklen Augen auf den Sargdeckel fielen. Sie runzelte die Stirn kurz, zögerte. Doch dann setzte sie sich in Bewegung, um vor den Deckel zu treten und beherzt anzupacken. Nur mit sehr viel Mühe und einem lauten Ächzen schaffte es die schmale Frau daraufhin jenen auf das Behältnis des wieder vollen Skelettes zu hieven und zuzuschieben. Staub fiel von den Rändern der spartanischen Totenlade und Stein schabte schwer gegen Stein. Dann war es vollbracht und der oder die Tote konnte wieder in Frieden ruhen. Anna klopfte sich den Sand von den Händen und musste den Kopf ein wenig über sich selbst schütteln. Dann machte sie kehrt, um zu gehen. Schatz hatte sie hier leider keinen gefunden, denn in der ehemaligen Trollhöhle viele Fuß weiter unten hatte es nichts Spannendes zu finden gegeben, aber sei’s drum. Das, was Anna hier erlebt hatte, war viel, viel besser, als eine langweilige Schicht im Großen Saal der Falkenburg. Und das, obwohl sie ein unpraktisches Kleid trug und zwei tiefe Bisswunden davongetragen hatte. Ja, die Frau fühlte sich regelrecht beschwingt und hätten ihr linkes Bein und ihre Schulter nicht so sehr geschmerzt, wäre sie federnden Schrittes und summend von Dannen gezogen. Nun aber, da sie leicht lädiert war und das Adrenalin langsam ganz aus ihr schwand, hinkte sie fast schon ein kleines Bisschen und stöhnte geschafft.

Anna trat von der Bestattungsstelle der namenlosen Person zurück in den kleinen Korridor der verschütteten Gruft, der gen Treppe nach oben führte. Und sie würde sich beeilen müssen. Wer wusste schon, wie lange sie nun bereits hier war? Es waren sicherlich Stunden und die Gardistin hatte Hjaldrist doch versprochen zur Dämmerung zurück zu sein. Also wollte die Schwarzhaarige schon gezwungenermaßen loseilen. Aber sie stockte bereits nach wenigen Schritten. Denn sie vernahm eine leichte Bewegung hinter sich oder jedenfalls fühlte es sich im Moment so an, als sei da jemand. Augenblicklich fuhr die Frau herum und hatte die Hand schon wieder am Schwert, an dessen blutbefleckten Griff die kleine, quietschende Tranlampe hing. Ein verhalten erschrockener Laut entkam ihr, als ihr Blick folglich auf einen weißen, halb durchsichtigen Schemen fiel, der da plötzlich stand und sie anstarrte. Direkt in der Mitte des Ganges verweilte die Erscheinung in dem langen, weißen Gespensterkleid und sah Anna aus leblos milchigen Augen in einem eingefallenen Gesicht an. War das eine Mitternachtserscheinung? Eine Pestmaid vielleicht? Anna strauchelte einen Schritt rückwärts und weitete die Augen, als sie die Andere hektisch taxierte und in ihrem Kopf nach auswendig gelernten Texten über Spektren und Verfluchte suchte. Und Anna hielt inne. Denn sie wusste nicht so recht, was tun. Das fahle Wesen griff nicht so, wie es eine Mitternachtsbraut getan hätte, an, sondern stierte nur. Doch dies war alarmierend genug. Es war unheimlich, wie der hässliche, weibliche Schemen mit den langen Haaren glotzte. Dessen Kleid bauschte sich locker auf, wie bei einem Unterwassertanz und Haarsträhnen der Gestalt gesellten sich sanft wiegend dazu. Anna hatte es die Sprache verschlagen und sie war wie zur Eissäule erstarrt. Sie ertappte sich dabei den Atem anzuhalten und als sich die Erscheinung plötzlich bewegte, zuckte sie heftig zusammen: Die Geisterfrau hob einen Arm an, um in eine bestimmte Richtung zu zeigen. Schweigend deutete sie gen Raum, in dem Ean lag, und verharrte dann in dieser Position. Anna beobachtete dies mit halb offenstehenden Lippen. Ihre Verblüffung war ihr durchaus anzusehen. Also schön. DAS hier war keine Pestmaid oder dergleichen. Die Erscheinung war nicht per se aggressiv und von ihr ging auch keine ansteckende Trauer oder Wut aus.

“Was zum…”, wisperte die Giftmischerin und blinzelte verunsichert. Ihr Blick wanderte von der weißen Frau fort und hin zu der schmucken Mausoleumstür, auf die jene deutete. Es mutete gar an, als wolle die Fremde, dass die Novigraderin dort hineinging. Nur wieso? 

“Wer bist du…?”, fragte Anna leise, doch bekam keine Antwort. Sie konnte sich jene aber auch gut selbst zusammenreimen: Der Geist, der hier stand, gehörte vermutlich zu dem Skelett des zweiten Grabes hier. Zu dem, das Anna wieder ganz gemacht hatte. Oder? Und nur deswegen war die stumme Fremde aufgetaucht.

“Du kanntest Ean.”, stellte die besagte Nordländerin leise fest “Nicht wahr…?”

Der Schemen legte die Kopf langsam einen Deut weit schräg. Dann schlug er die leeren Augen nieder. War das ein Ja?

“Warst du seine Frau?”, hakte der Huskarl mit dem wadenlangen Kleid nach, doch bekam als Antwort nur ein Schweigen. Anna verzog den Mundwinkel unzufrieden und fragte nicht weiter nach. Ihre Aufmerksamkeit heftete sich wieder auf die geschmiedete Tür, auf die das vermeintliche Gespenst zeigte. Ob jenes die Novigraderin auf etwas aufmerksam machen wollte? Warum? Vielleicht… vielleicht als Dank dafür, dass sie den Schädel der toten Frau wieder zurückgebracht hatte? Es fiel Anna wie Schuppen von den Augen.

“Ooh…”, machte sie in ihrer Erkenntnis langgezogen, doch zögerte nach wie vor. Sie hatte eigentlich keine Hintergedanken gehabt, als sie das alte Skelett vorhin wieder vervollständigt hatte. Die Kriegerin hatte es nur für richtig gehalten, nichts weiter. Denn sie hätte es auch nicht gewollt, dass ihr Grab geschändet und ihre Überreste zerrüttet zurückblieben. Daher war sie nun ganz positiv überrascht. Und so bewegte sie sich dann allmählich auf den weißen Schemen zu, der sie lethargisch anstarrte. Ganz langsam tat sie das und die Tote ließ dies zu. Sie war tatsächlich nicht feindselig und das war unsäglich erleichternd. Anna hatte nämlich keinen Mondstaub dabei und ihr vorsorglich mitgebrachtes Geisteröl befand sich in ihrer Tranktasche und nicht auf ihrem Schwert. Jenes noch ganz spontan zu benetzen, hätte nicht geklappt.

“Das… Schild…”, atmete die Geisterfrau so leise, dass man es kaum hören konnte. Es war wie ein Flüstern im lauen Wind. Anna stockte in ihrem Tun, als sie keine zwei Meter vor der Verschiedenen stand, und sah auf.

“Was?”, machte sie irritiert. Doch die Fremde erklärte sich nicht, sondern verschwand mit einem Mal. Sie löste sich einfach in Luft auf, wurde nebelhaft eins mit dem klammen Nichts, und Anna starrte ob dem nur noch wirr in die Leere vor sich. Ihre Schultern sanken ein kleines Stück weit. Und sie blinzelte verblüfft. Schild? Hatte der Schemen die Marmorplatte gemeint, auf der der Name Eans stand? Ja, das musste es sein! Schneller, als noch zuvor setzte sich die anwesende Nordländerin dieser Erkenntnis wegen in Bewegung, um in den Raum zu huschen, in dem der Sarg des vor vielen Jahren Verstorbenen stand. Und sie spazierte sogleich auf das staubige Steinschild zu, das am hinteren Ende des Raumes, über dem Sarg prangte. Anna musste mit einem Knie auf den Sarkophag kommen und sich strecken, um die Platte zu erreichen, doch als sie das tat, bemerkte sie, dass sich jene bewegen ließ. Sie hing einfach so an zwei eisernen Haken, wie ein Gemälde, und ließ sich abnehmen. Und dahinter prangte im Mauerwerk eine Lade. Eine unversperrte Nische, in der etwas lag. Anna’s Lampenschein erreichte all das nur vage, denn schlussendlich hing ihr die Lichtquelle noch immer auf Hüfthöhe am Schwertgriff. Also beugte sie sich relativ blind vor, um das an sich heranzuziehen, das hinter Ean’s Namensschild versteckt gewesen war: Eine kleine Kiste, die etwa so lang war, wie ein Unterarm und genauso breit. Anna klaubte das Behältnis aus der Wand und wich dann ein Stück weit zurück, die Schatulle in beiden behandschuhten Händen und mit großem Blick. Sie wendete sich halb ab, um das Kästchen achtsam auf Ean’s Sarkophag zu stellen, und platzierte die Tranlaterne direkt daneben. Da war ein bronzenes Schloss, das die Schatulle mit den Messingbeschlägen zusammenhielt und die Alchemistin besah sich dies mit ungläubiger Verblüffung im Blick. Ob das hier die Kiste war, zu der Gerd’s Schlüssel passte? Oh, bestimmt. Anna wurde ganz aufgeregt. Schnell machte sie sich daran sich den Bronzeschlüssel des Draugars aus der Gürteltasche zu klauben und siehe da: Wenige Sekunden später schon, entsperrte jener die schlichte Schatulle, die Anna gefunden hatte. Sie konnte es kaum glauben, denn es war beinahe, wie im Märchen. Ja, wenn sie später einmal jemandem die Geschichte von dem Schlüssel des Draugars erzählen würde, würde man ihr wohl kaum glauben.

Was Anna Momente später in der Holzschatulle fand, war ein uralt aussehendes, ledergebundenes Buch mit etwa zweihundert Seiten, ein paar antik anmutende Münzen, eine elfisch aussehende Brosche und eine getrocknete Distelblüte. Besonders das Buch haschte nach der Aufmerksamkeit der neugierigen Frau. Sie nahm es sich und klappte es vorsichtig auf, denn das Schriftwerk wirkte, als falle es bei zu starker Berührung auseinander. Es war vollkommen vergilbt und abgegriffen. Manche Seiten waren zerknittert oder eingerissen; andere fehlten komplett. All die Texte darin waren in geschwungener Handschrift und mit dunkler Tinte verfasst. Und die Schrift war so schön, dass Anna im ersten Moment glaubte, sie sei elfisch. Tatsächlich war es aber eine gemeine Sprache, die die Trankmischerin lesen konnte, obwohl das S und das T so anders aussahen, als eben jene Buchstaben, die heute ganz anders geschrieben wurden. Auch waren manche Worte oder ganze Absätze im skelliger Dialekt verfasst, doch die Nordländerin musste ja nicht jede einzelne Phrase deuten können, um zu verstehen. Im sanften Licht ihrer Lampe hielt sich Anna das antike Buch dicht vor die Nase und blätterte ein paar Seiten vor, um dann zu einem Leseversuch anzusetzen.

‘...sei mächtig... eine Magie, die die Elfen nach der Verschiebung der Welten vor 1100 Jahren mit sich brachten.’, stand da ‘Ich bin mir noch unsicher über diese Tatsache und vielleicht werde ich nie hinter das Geheimnis von all dem kommen. Doch ich versuche es.’

1100 Jahre? Die Sphärenkonjunktion war nun schon 1500 Jahre her. Das Werk hier war also an die vierhundert Jahre alt? Ob es vielleicht ein Tagebuch eines Ahnen von Ean war? Möglich. Die höchst interessierte Kämpferin blätterte weiter und warf einen erneuten Blick in das schöne Schriftwerk.

‘...werter Kollege Olgur berichtete... diese Waffe. Die Artefaktmagie lag ihm, so wie mir, seit jeher. Und darum erforschten… rund um-’, hier prangte ein Loch in der Seite. Erst viele Zentimeter weiter unten konnte man weiterlesen.

‘Speer, der seine Erscheinung... Ich meine, die Elfen... tränkten mit Magie und nannten ihn Erlkla-’, noch ein dicker Fleck und unleserliche Schrift. Anna legte die Stirn in Falten und blätterte noch ein Stück weiter. Eine der Seiten zerfiel dabei buchstäblich, obwohl sie schon so vorsichtig mit dem alten Wälzer umging. Sie atmete entnervt aus und wagte es noch eine Seite weiter zu blättern.

‘...der Riesen und des Jotunns, der sie befehligte.’, entzifferte sie die stark vergilbten Buchstaben. Und dann, ein paar Absätze weiter entdeckte Anna einen Namen, der sie sofort breit lächeln ließ: Sandulf ar Haern Gvalch’ca.

“Falkenauge.”, übersetzte die flüsternde Anna, die über elfische Liederbücher der Bibliothek auf Undvik ein paar rudimentäre Fetzen der Alten Sprache aufgeschnappt und gelernt hatte, froh “Ha. Da hat jemand wohl seine Meinung über den Kerl aufgeschrieben…”

Und das war doch was! Ein vierhundert Jahre altes Tagebuch irgendeines Forschers Undviks, in dem Sandulf erwähnt wurde. DAMIT hatte die Novigraderin etwas, das sie Rist heute mit einem breiten Grinsen im Gesicht überreichen könnte. Denn sicherlich las der nur zu gerne, was Leute vor Dekaden von seiner Familie gehalten hatten. Und wer wusste schon? Vielleicht fand er in dem alten Buch ja etwas, das ihn fesselte oder ihm ganz neu war. Er beherrschte den hiesigen Dialekt und verstünde all die Buchkapitel, die noch leserlich waren. Das war großartig. Der Draugar, den Anna, Merle und Rist erlöst hatten, hatte doch von ‘Wissen’ als Belohnung für seine Befreiung gesprochen. Er hatte dabei den Schlüssel hinterlassen, den die Kräutersammlerin gefunden hatte und der zu der Schatulle Eans passte. Sicherlich hatte der Wiedergänger das staubige Buch, das die Alchemistin just in den Händen hielt, als die Belohnung für seine Erlösung angesehen. Und wenn es nur ein unheimlich wertvolles Schriftstück über alte Tage mit wenig neuer Information darin wäre… es würde sich als Sammlergegenstand gut in Hjaldrist’s durchhängendem Holzregal über die lange Geschichte Undviks machen, ganz sicher. Dieser Kerl stand doch ziemlich auf Wälzer und bestimmt stellten die ganz alten Stücke darunter wahre Schätze für ihn dar.

 

Es dämmerte längst, als sich Anna auf den Weg nach Hause machte und das auch noch zu Fuß. Schließlich hatte sie Saov vor Stunden laufen lassen, damit er nicht angebunden in einem unsicheren Gebiet voller Monster stehen müsste. Leider. Denn in ihrem momentanen Zustand kam die Leibwache aus Falkenburg langsamer voran, als sonst und bis zur Stadt war es ein Fußmarsch von etwa zwei, drei Stunden. Dabei war es nicht einmal der lange Weg, der die Alchemistin entnervte, sondern die Sonne, die ihre letzten, schwachen Strahlen soeben über den Horizont warf. Keine halbe Stunde mehr und es würde dunkel werden. Und Anna, die wäre dann noch nicht zurück in der Burg, obwohl sie es ihrem Freund und Anführer versichert hatte. Tja. Sie hatte sich also ganz schön verplant, weil aus ihrer kleinen Suche zwischen ein paar verlassenen Gräbern ein langer Ausflug unter die Erde geworden war. Einer, in dem sie die Besinnung einmal verloren und ewig zitternd am kalten Grund der Gruft gekauert hatte. Anna hatte allein schon dabei viel Zeit verloren, ganz sicher. Und sie schimpfte sich selbst eine Närrin, als sie nun durch die kalte Wildnis zog. Sie hielt sich auf einem schmalen Pfad, der einmal quer durch den Wald vor Dorve führte. So ersparte sie sich den Umweg, den sie über die Hauptstraße gemacht hätte und machte damit an die dreißig Minuten gut. Die Augen wachsam nach vorn, in die nurmehr mäßig erhellte Gegend gerichtet, eilte Anna dahin, so gut es nur ging. Ihr linker Stiefel war innen ganz feucht, da sie sich nach dem Kampf gegen die Nekker Wasser über die Bisswunde am Oberschenkel gegossen hatte. Und eben jenes, vermischt mit Blut, war ihr in das Schuhwerk gelaufen und machte ihr den Strumpf nass. Es war unangenehm, doch Anna maß dem nicht so viel Aufmerksamkeit bei. Es war gerade viel wichtiger auf die Umgebung zu achten, denn nachts kamen die Viecher und Monster raus, die nur bei Dunkelheit über Undvik kreuchten und fleuchten. Und jene, so wusste die Schwertkämpferin mittlerweile, waren weit gefährlicher, als die, die tagaktiv waren. Denn sie hatten einen ausschlaggebenden Vorteil auf ihrer Seite: Die Finsternis der Nacht. Also wanderte Anna just angespannt und mit dem Silberschwert in der Hand, um jenes gar nicht erst ziehen zu müssen, sobald irgendein Biest auf sie aufmerksam würde. Das tat sie oft, wenn sie Nachtschicht vor den Toren hatte. Es war besser, man war bereit und schnell, als zu unvorsichtig. So viel hatte die Gelehrte in Monstersachen längst verstanden, wenn es um die etwas ‘andere’ Winterinsel ging, auf der der Mensch in der Nahrungskette nicht sehr weit oben stand.

Die Frau kam eine Stunde lange ganz gut voran, ohne auf irgendein großes Hindernis lebender Natur zu stoßen. Unterwegs war sie ein paar grunzenden Wildschweinen ausgewichen, hatte ein ihr bekanntes Ghulnest umgangen und darauf geachtet von dem Unterholz fernzubleiben, dem man nachsagte, es sei das Heim eines kleinen, fiesen Waldschrates. Und nun, nachdem sie so lange in Ruhe durch die hereinbrechende Nacht gelaufen war, hörte sie plötzlich wieder etwas. Es kam von weiter vorn, links, und es mutete an, als trommelten Hufe über eine Wiese. Sofort hielt Anna inne und sah auf. Leicht duckte sie sich und schlich ein paar Meter weiter, um sich unter ein paar Ästen hindurch und gen Waldrand zu bewegen. Dort draußen war etwas. Und es würde sie hoffentlich übersehen. Das Getrappel kam näher. Da waren vier, fünf Beine oder mehr. Eigenartig. Anna lauschte gespannt und beugte sich im Schutz der dichten Sträucher vor. Und dann, Sekunden später schon, löste sie sich aus ihrer nervösen Haltung, in der sie all ihre Sinne anspannte. Denn sie hörte jemanden laut pfeifen. Sie wusste nicht genau wer es war, doch der Pfiff gehörte eindeutig zu jemandem ihrer Kollegen, denn er orientierte sich am Schrei eines Rotmilans. Henrik hatte früher angeblich einmal damit angefangen zu pfeifen, wenn er seine Leute zu sich rufen wollte; einmal lang, einmal kurz und wieder lang. So, wie die braun gefiederten Raubvögel im Inland der Insel. Das hatte sich etabliert und mittlerweile verständigten sich viele Leute der Garde damit. Besonders, wenn sie die Augen nacheinander offenhielten oder auf irgendetwas aufmerksam machen wollten. Und dass hier gerade jemand so pfiff, bedeutete, dass man Anna suchte. Sofort setzte sie sich also in Bewegung und lief los, auf den Rand des Forstes zu und in die Richtung, aus der das Hufgedonner der zwei Pferde kam. Trotz ihres schmerzenden Beines legte die ächzende Kriegerin einen Zahn zu, sprang über dicke Wurzeln und wackelige Steine. Unweit stob ein aufgeschrecktes Reh davon. Dann preschte Anna aus dem Unterholz, holte Luft und rief den anderen Menschen mit all ihrem verbliebenem Atem nach. Die Reiter hatten sie schon um ein ganzes Stück passiert, als das geschah. Doch sie waren so aufmerksam, dass sie ihre Vierbeiner sofort zügelten und kehrt machten, nachdem sie ihre Kumpanin gehört hatten. Anna, die auf die weitläufige Wiese gerannt war, erhob das Schwert und wedelte damit, um in der Dunkelheit der Nacht gesehen zu werden. Das Metall ihrer Waffe spiegelte das fahlblaue Mondlicht leicht wieder. Die Huskarle erkannten das bald und kamen schnell zu ihrer schrägen Kollegin zurück.

“Anna!”, entkam es Bjalka, als sie die Novigraderin erkannte und sie wirkte heilfroh. Sie brachte ihren Schimmel zum Stehen und rutschte gleich von dessen breiten Rücken, um vor die Jüngere zu kommen. Die Skelligerin mit dem braunen Zopf und dem schwarzen Gambeson der Hausgarde wirkte erleichtert, als sie ihr verdrecktes Gegenüber sah. Sie lächelte und die breite, doch sympathische Lücke zwischen ihren beiden Schneidezähnen blitzte hervor.

“Bei Jörmungandr! Wir machten uns Sorgen!”, sagte sie direkt “Dein Pferd kam heute alleine und völlig aufgebracht zurück und wir rechneten mit dem Schlimmsten.”

“Ah. Tut mir leid.”, die konfrontierte Alchemistin lächelte betreten und schluckte trocken, als sie erkannte, wie hinter Bjalka Henrik auf den Plan trat. Henrik, der bärtige Schrank von Mann und der Anführer der Huskarle unter Hjaldrist. Er kam nicht von seinem Pferd, um Anna zu begrüßen, die sich etwas versteifte.

“Wir reiten nach Hause.”, befahl er gleich herrisch und ohne vorigen Gruß “Unterhaltet euch dort und nicht hier.”

Die Frau vor Anna schenkte der Monsterkundigen einen kritisches Lächeln und zeigte zu ihrem Pferd.

“Komm.”, machte Bjalka einladend “Du reitest mit mir.”

Anna nickte schwach. Und Henrik’s Ton von gerade eben mochte ihr nicht gefallen. Alleine, dass ER da war, bedeutete Unheil. Sicherlich wartete in Caer Gvalch’ca großer Ärger und eine lange Standpauke auf sie. Das, weil sie ungewollt dafür gesorgt hatte, dass man gedacht hatte, ihr sei unterwegs etwas zugestoßen. Oh weia.

 

Hjaldrist kam seinen drei Huskarlen in der Großen Halle mit langen Schritten und wehendem Fellumhang entgegen, als jene später in der Festung eintrafen. Es wirkte gar so, als habe er ziemlich unruhig darauf gewartet, dass Bjalka und Henrik wiederkehrten; als habe er auf heißen Kohlen gesessen. Seine Ausstrahlung war erst unschlüssig, forschend und nervös, als er nahte. Doch das änderte sich schnell, sobald er Anna erblickte und erkannte, das sie wohlauf war. Hatte er zuvor eine enorm schlimme Befürchtung im Blick gehabt, so verrutschte sein Ausdruck und wurde beachtlich finster. Anna widerstand dem Drang sofort stehenzubleiben und kehrt zu machen, als sie das sah, und folgte Bjalka und Henrik brav, bis jene pflichtbewusst vor dem Jarl anhielten. Rist wendete sich natürlich zuerst an die beiden und ließ die einzig von oben bis unten verranzte Soldatin hinter ihnen solange außen vor.

“Danke.”, sagte er ihnen geradeheraus “Ich wusste, dass ich mich auf euch verlassen kann.”

Bjalka lächelte stolz und Henrik nickte verantwortungsbewusst. Anna sah schüchtern zwischen den zwei Huskarlen und deren Befehlshaber hin und her. Sie kaute sich auf der Unterlippe herum.

“Gehe bitte zurück an deinen Posten, Bjalka.”, bat Hjaldrist die brünnette Frau mit der Zahnlücke und wandte sich dann an den geduldigen Anführer seiner Gardisten “Danke, dass du die Überstunden gemacht hast. Wir sprechen morgen, ja? Geh nach Hause.”

“Mhm. Kein Ding.”, brummte der bullige Skelliger und nickte seinem viel kleineren Jarl anerkennend zu. Dann, nach einem letzten, flüchtigen Blick gen Anna, ging der blonde Hüne und auch Bjalka entfernte sich, um ihre Nachtschicht wieder aufzunehmen. Nurmehr die etwas bedröppelte Nordländerin, die immer auffiel, egal, was sie tat, blieb zurück und musste einem sichtlich verärgerten Rist entgegensehen. An und für sich wäre das ja kein Problem gewesen. Sie beide hatten in der Vergangenheit oft gestritten und Anna hatte nie Angst vor dem sonst so lieben Viertelelfen gehabt. Nur… hatte der Schönling gerade seine Krone auf dem hübschen Kopf und zwei Wachen mit gespitzten Ohren standen weiter vorn, am Tor. Anna befand sich auf formellem Gebiet. Und in Kombination mit Hjaldrist’s momentanem Blick war das nicht gut. Ganz und gar nicht gut. Denn hier, im Thronsaal waren die Konsequenzen für schlechtes Handeln oft sehr hart; gerecht, doch ungemütlich. Anna wechselte unruhig das Standbein. Ihr schwebten bereits wochenlange Latrinen- oder Stalldienste, anderweitige Überstunden oder Strafarbeiten unter Haldorn vor. Oh, der stolze Kapitän, der die Schwarzhaarige absolut nicht ausstehen konnte, hätte sie sicher dazu verdonnert das Deck der ‘Seeschlange’ zu putzen und deren Relig dick mit Pech zu bestreichen. Das so lange, bis Anna die Hände abgefallen wären, ganz sicher. Ah, sie wollte nicht. Sie wollte gerade ganz weit weg und dennoch stand sie wie festgewurzelt da.

“Ähm”, entkam es der Frau und man hörte ihr das schlechte Gewissen durchaus an “Da bin ich.”

“Das sehe ich.”, antwortete der Jarl in der blau-grünen Tunika sofort “Und ich will hören, warum.”

“Uhm… warum? Also… naja...”, stammelte Anna etwas unbeholfen und die schmalen Augen des Mannes vor ihr duldeten keine Ausflüchte. Sie bohrten sich durch die Novigraderin und spießten sie an Ort und Stelle fest. Ach, was glaubte der Kerl denn bloß? Dass sich die arme Kriegerin hier einen Spaß daraus gemacht hatte nicht rechtzeitig nach Hause zu kommen? Sie war doch keine rebellische Jugendliche mehr. Anna befeuchtete sich die Lippen flüchtig mit der Zunge. Ihr Mund war gerade verdammt trocken. Und eigentlich hätte sie gerade gerne gemault, dass sich Rist einkriegen sollte, denn es sei doch alles gut. Aber… aber sie hatte sich vorgenommen das in aller Öffentlichkeit nicht mehr zu tun und zu bedenken, was oder wer sie HIER im Gegenzug zu ihrem Freund war. Im Geiste ermahnte sie sich zur Besinnung und atmete einmal flach durch. Ja, ganz ruhig.

“Ich musste Saov zurück schicken, weil ich eine Gegend erkunden wollte, in die er nicht folgen konnte. Und es waren einige Nekker in der Gegend.”, fing Anna also nach ihren anfänglichen Schwierigkeiten zu Sprechen an “Ich weiß, das ist nun etwas länger her und es tut mir leid, dass ich nicht eher kommen konnte.”

Eine der Wachen am Tor linste neugierig her. Der Blick kitzelte nur so im Nacken und dass Rist Anna noch immer unverrückbar starr und berechnend ansah, half auch nicht. Der Adelige stemmte sich eine Hand in die Taille.

“‘Etwas länger’? Dein Pferd kam vor SECHS STUNDEN beim Stall an.”, erinnerte der Jarl dabei hart und sein Gegenüber biss die Zähne zusammen, denn die kühlen Worte fühlten sich an, wie eine Ohrfeige. Oh, Anna gefiel das hier nicht. Sie hatte es noch nie gemocht, wenn Rist so fremd mit ihr redete. Es brachte sie durcheinander.

“Ich… weiß.”, gab sie lasch zu “Ich habe eine Gruft gefunden. Und… und die war sehr groß. Ich war die ganze Zeit dort und habe mich umgesehen. Es gab kein Licht. Ich wusste nicht, wie spät es ist.”

Abwartend sah Hjaldrist Anna an, als wolle er noch mehr hören und als beeindrucke ihn die Geschichte rund um die Gruft wenig. Das war seltsam. Und allmählich fragte sich die Kämpferin, ob er nur deswegen so vehement Blickkontakt hielt, um sie nicht genauer mustern zu müssen. Es fiel ihr nämlich auf, wie seine Augen kurz betroffen an ihr hinunter gelinst hatten. Er… er war gerade nicht so streng, wie er tat, oder? Ob er sich sorgte und das nicht heraushängen ließ, weil er hier den großen Anführer spielen musste?

Anna zog die Brauen zusammen und suchte ungeschickt nach Worten. Jedoch fielen ihr keine ein, die die Situation viel besser gemacht hätten. Also wand sie sich ihrer Umhängetasche zu. Sie nahm sich jene ab und reichte sie ihrem Jarl. Auffordernd nickte sie dabei.

“Das interessiert dich vielleicht.”, meinte sie “Es war nicht so einfach daran zu kommen. Und dann… naja… war’s wohl auch wieder eher ein Zufall… aber egal. Sieh’s dir an.”

Rist wirkte erst argwöhnisch, dann überrascht, als er auf das Mitbringsel sah. Und mit skeptischem Blick nahm er die Ledertasche entgegen. Kurz sah er hinein und kräuselte dabei die Stirn. Die Wache am Tor lugte noch immer herüber und vielleicht packte der Undviker das neu entdeckte Od seines ausländischen Huskarls deswegen nicht aus. Ja, er wickelte den breiten Riemen der Tasche um eben jene und klemmte sich das Bündel anschließend unter den Arm. Noch einmal taxierte er Anna und schien zu überlegen.

“Brauchst du einen Heiler?”, wollte er ruhiger, als noch zuvor wissen.

“Nein. Es ist in Ordnung.”, gab Anna zurück und er nickte.

“Komm mit.”, bat er dann und dies erleichterte seine Freundin ungemein. Denn als er jetzt sprach, sah er nicht mehr so wütend aus. Dennoch wählte er der anderen Anwesenden wegen härtere Worte.

“Ich muss ein ernstes Wörtchen mit dir sprechen.”, meinte Rist “Allein. Es kann nicht angehen, dass du deine Versprechen mir gegenüber nicht hältst. Gruft hin oder her.”

“Ich-... Natürlich.”, machte die Frau, die verstand, ganz vorbildlich und bemühte sich um einen gespielt kleinmütigen Ton. Dann folgte sie dem Älteren auch schon leicht humpelnd.

Es war Minuten später so schön in die gemütliche Schreibstube Hjaldrist’s zu treten, denn Anna wusste, dass sie hier mehr sie selbst sein durfte, als im Thronsaal. Sie lächelte sogar zuversichtlich, als sie die Tür hinter sich und ihrem Kumpan schloss. Jener wendete sich sofort im Schein der Fackeln an den Wänden an sie.

“Was zum Geier ist passiert, Arianna?”, machte er gleich aufgebracht und seine Augen fielen auf den eingerissenen, blutigen Rock seiner Vertrauten “Du hast gekämpft. Wogegen? Ich will alles hören und zwar sofort.”

“Das waren nur Nekker.”, entschärfte Anna gleich und kratzte sich am Hinterkopf “Aber da waren viele von denen. Elf an der Zahl, wenn ich mich recht erinnere. Und sie hatten einen Anführer. Deswegen habe ich Saov losbinden und wegschicken müssen. Ich wollte nicht, dass sie ihn angreifen, solange ich meinen Aufgaben nachgehe.”

Hjaldrist atmete durch die Nase durch und musterte die Kleidung seiner Freundin, in die Pavetta eben jene heute Früh gesteckt hatte: Das nachtblaue, befleckte Wollkleid mit dem eingerissenen Rock, den ramponierten rechten Ärmel des engen Hemdes darunter, die blutigen Handschuhe.

“Ich dachte, Henrik und Bjalka hätten dich aus einem Graben am Wegesrand gefischt. So, wie du aussiehst.”, sprach der Jarl ehrlich weiter und dieses mal klang er wieder mehr, wie er selbst: Teils betroffen, teils neugierig. Aber vor allem nicht mehr herrisch, sondern gewohnt menschlich. Das war er nämlich. Mehr, als viele andere, die Anna kannte.

“D’yaebl, Anna…”, machte er “Ich dachte schon, dir sei was passiert. Du sagtest, du seist zur Dämmerung wieder hier, du Dummfisch. Stattdessen kommt dein Gaul hier an, als habe er unterwegs den Jotunn gesehen.”

Die unwohl berührte Kriegerin lachte verlegen und versuchte das ob des bescheuerten Schimpfnamens, den sie gerade erhalten hatte, nicht zu laut zu tun. ‘Dummfisch’? Wie beknackt.

“Äh… ja… entschuldige. Das ist nicht mein Plan gewesen. In unterirdischen Gewölben vergeht die Zeit so schnell.”, beteuerte sie und Rist schnaufte nachgiebig. Endlich. Es schien ihn ungemein zu besänftigen, dass Anna nicht schwer verwundet war und lebte. Das war gut. Zudem sah er wahrscheinlich ein, dass das, was seine frühere Reisegefährtin heute getrieben hatte, nicht bloß unbedachter Firlefanz gewesen war. Um das zu unterstreichen, fing die Kriegerin mit dem etwas schief sitzenden Kleid an zu erzählen. Der leichte Duft nach Vanille war längst aus ihrem Haar und von ihrem Nacken gewichen und hatte dem schalen Geruch nach Tod und feuchter Erde Platz gemacht.

“Beim Friedhof von Dorve gibt es ein verschüttetes Mausoleum. Dort bin ich rein. Ich musste durch ein feuchtes Erdloch kriechen. Deswegen bin ich nun auch so dreckig.”, begann sie und erzählte dann gestikulierend von den beiden Steinsärgen und dem kopflosen Skelett, von einem Toten namens Ean Sjöberg und einem dicken Loch in einer Wand. Von schimmligen Wänden und zwei schönen Statuetten von Göttinnen. Sie kam gerade ganz aufgeregt bei dem Part an, an dem sie in den dunklen Gang nach der eingerissenen Mauer hinabstieg, als Rist sie kurz unterbrach.

“Anna…”, machte er und deutete mit dem Kinn zu dem Stuhl für Besucher vor seinem Schreibtisch. Denn noch immer standen die Frau und er kurz nach Tür und Angel herum. Die Kurzhaarige, deren Redefluss ins Stocken geraten war, blinzelte fragend, aber erfasste gleich, was der Jarl meinte. Sie nickte und machte sich daran sich zu setzen. Ein wohliges Seufzen entkam ihr, als sie sich folglich auf dem Stuhl zurücklehnte. Au ja. Sitzen tat so gut.

Hjaldrist kam zu seiner Kollegin und legte deren mitgebrachte Tasche auf dem antiken Tisch ab, auf der zwischen Briefen und Pergamenten eine kleine Kerze brannte. Er lehnte sich mit verschränkten Armen an die Kante des Mobiliars und hörte weiter aufmerksam zu. Anna erklärte nun, dass sie ein Nekkerrudel angetroffen und getötet hatte. Sie erzählte ausschweifend von dem Nekker-Krieger mit dem Schädelhut und dass eben jener Knochen zu dem zweiten Skelett der Gruft gehört hatte. Dass sie jenen zurückgebracht hätte und dann einer Erscheinung begegnet war.

“Sie sah aus, wie eine Frau. Mit langen Haaren und einem wallenden Kleid.”, sagte die Novigraderin und rieb sich das schmerzende Bein leicht “Ich dachte zuerst, sie würde mich attackieren wollen, aber das hat sie nicht. Stattdessen zeigte sie mir eine Schatulle im Raum von Ean.”

Anna fasste nach ihrer Tasche aus Fettleder, die vor ihr am Tisch lag, zog sie an sich heran und fischte das beschriebene, hölzerne Kästchen umgehend hervor. Lächelnd zeigte sie es dem interessierten Rist.

“Die hier habe ich gefunden. Der Schlüssel von Gerd passt in ihr Schloss. Ich weiß nicht, was der Draugar mit Ean zu schaffen hatte. Vielleicht waren sie irgendwie miteinander verwandt oder Gerd hat das Grab auch nur gefunden. So, wie ich.”, sagte die zufriedene Novigraderin und klappte die Schatulle dann auf. Vorsichtig nahm sie das uralte Tagebuch aus dem schützenden Behältnis und reichte es dem abwartenden Hjaldrist hin. Jener ließ die verschränkten Arme wieder locker und wirkte perplex. Er nahm das staubige Schriftwerk mit spitzen Fingern entgegen.

“Vorsicht.”, mahnte Anna dabei “Das Ding ist scheißalt. Der, der es verfasst hat, schrieb darin, dass sie Sphärenkonjunktion vor 1100 Jahren gewesen sei.”

Die Miene des anwesenden Undvikers war ganz verdattert.

“Dann ist das Buch etwa 400 Jahre alt.”, stellte er richtigerweise staunend fest “Und du hast schon darin gelesen?”

“Ein wenig, ja. Aber ich verstand nicht alles, denn manche Buchstaben sehen komisch aus und einige Worte sind in skellischem Dialekt verfasst. Den kann ich noch nicht so richtig.”, gab die Alchemistin zu “Zudem fehlen manche Teile oder sind so vergilbt, dass man sie nicht entziffern kann. Aber: Sandulf wird darin erwähnt. Auf Seite 23 schon. Ich dachte, das könnte dich interessieren. Er war ja dein Urur-und so weiter-Großvater. Und irgendwo gibt es eine Passage, wo abgehackt ‘Erlkla’ steht. Dabei musste ich an deine Axt denken.”

Rist musterte das Buch in seinen Händen just mit großer Neugierde. Und achtsam klappte er es auf, um einen Blick hineinzuwerfen. So stand er dann da: Locker an seinen massiven Tisch gelehnt und die dunklen Augen aufmerksam auf die alten Seiten vor sich gerichtet. Denkbar, dass er die ganze kommende Nacht damit zubringen würde hier zu bleiben und das staubige Werk neugierig zu studieren, obwohl er noch immer kränkelte. Anna lächelte schwach, als sie dem vertieften Mann eine Weile lang einfach nur beim Lesen zusah. Sie mochte es ihn so verloren in etwas zu sehen, das ihm lag. Daher störte sie den Mann nicht weiter, sondern beobachtete nur. Dann, irgendwann und nach einer gefühlten Ewigkeit, nahm sie die Augen von Rist, was ihr zugegebenermaßen nicht leicht fiel, und setzte sich müde seufzend gerader hin.

“Also…”, machte sie bald und stand auf. Die Kriegerin stützte sich dabei etwas schwerfällig auf der Tischplatte vor sich ab. Au, ihr armes Bein...

“Ich geh dann mal.”, sagte sie und erst jetzt sah Rist wieder aus seinem neuen Buch auf, als habe er vergessen, dass seine Freundin noch dagesessen hatte. Seine Brauen wanderten in die Höhe und er holte sofort Luft zum Sprechen.

“Anna.”, wand er eilig ein und die Besagte hielt fragend inne “Danke...”

“Hm?”, machte sie schlicht und winkte ganz beiläufig ab “Passt schon.”

Doch der Jarl war nicht fertig, denn just schien er sich wieder daran zu erinnern, dass Anna Blut an der Kleidung kleben hatte. Und einiges davon gehörte ihr, das war klar. Daher wurde der Ausdruck des Kerls gleich wieder ernster.

“Verbinde die Wunden gut.”, bat er “Und nicht so behelfsmäßig, wie das letzte Mal. Ich will mich nicht wieder um dich sorgen müssen, weil du aus Schlampigkeit Wundfieber bekommst.”

Die Leibwache schwieg und ihre schwarzen Augen betrachteten das Gesicht des Jarls kurz, doch eingehend. Anna’s Blick wurde weicher.

“Klar.”, machte sie und ertappte sich dabei sich innerlich ungeheuerlich darüber zu freuen, dass Rist gesagt hatte, er sorge sich um sie. Es war eigentlich selbstverständlich, denn schlussendlich waren sie doch Freunde. Und als Freund sorgte man sich eben. Aber dennoch. Auch er lächelte jetzt. Und der Axtkämpfer streckte eine Hand aus, um sie auf die heile Schulter der Jüngeren vor sich zu legen und sanft zuzudrücken. Es war nur eine kleine, anerkennende Berührung und dennoch tat sie gerade so, so gut. Unweigerlich musste Anna grinsen und als ihr dankbarer Freund nicht wegsah und sie dies langsam nervös machte, senkte sie eben den Blick.

“Bis morgen.”, entkam es ihr dabei mit leiserer Stimme und der Undviker ließ seine Hand an der Schulter der 26-Jährigen sinken. Anna wollte schon gehen, da hielt der langhaarige Undviker sie abermals auf.

“Du kannst morgen eine Stunde später bei Merle auftauchen.”, sagte er “Mutter und Pavetta haben noch etwas mit ihr vor, bevor die Feier losgehen soll. Die Leute kommen also erst kurz nach Mittag.”

Anna erstarrte abrupt, als sie das hörte und ihre Augen weiteten sich. Oh, verdammt!

“Ich glaube, sie wollen mit ihr zu Sten, damit sie sich in seiner Backstube einen Kuchen für abends aussucht. Sie haben ihre Torte heute nämlich ziemlich… naja. Die Küche brannte fast ab. Irgendwas stimmte mit dem Ofen nicht.”, hüstelte der Schönling und Anna starrte ihn entsetzt an. Denn, Scheiße, sie hatte völlig auf den Geburtstag der jüngsten Falchraite vergessen. Sie hatte in letzter Zeit so viel gearbeitet und trainiert, dass sie alles andere hinten angestellt hatte. Anna hatte überhaupt keinen Kopf mehr für irgendetwas gehabt und sich vollkommen im Kämpfen, Wachestehen und Herumstromern verloren. Das teils auch, um nicht andauernd an bedrückende Dinge denken zu müssen.

“Anna?”, fragte Hjaldrist kritisch nach und glaubte wohl, der Besagten ging es ob ihrer Verletzungen doch nicht so gut “Was ist...?”

“Kacke.”, gab die Vergessliche aber einfach nur gehetzt zurück und sprach dabei eher mit sich selbst “Ich habe noch kein Geschenk.”

Das skeptische Geschaue des anwesenden Undvikers verrutschte mit einem Mal  in eine amüsierte Richtung. Seine Brauen wanderten hoch.

“Wie?”, entkam es ihm heiter.

“Was… was schenkt man Merle denn?”, plapperte die verdreckte Anna wehleidig “Die hat doch schon alles! Oh verdammt...”

Rist lachte, als er der Jüngeren dabei zusah, wie sie sich die schmutzigen Haare raufte.

“Keine Ahnung.”, sagte er “Ich habe auch eine Ewigkeit gebraucht, bis mir eine Idee kam.”

“Und was für eine Idee?”, fragte Anna entrückt und kam noch einmal vor ihren Kumpel, um ihn ratsuchend anzustieren “Sag schon! Tu wenigstens so, als würdest du versuchen mir zu helfen!.”

Wieder lachte Rist auf und dieses Mal klang er ziemlich schelmisch dabei.

“Ich geb dir fünf Kupfer.”, setzte die Gardistin zu einem Bestechungsversuch an.

“Was? Nein. So billig bin ich nicht.”, wehrte der Jarl ab.

“Fünf Silber!”, bot Anna.

“Nein.”, schmunzelte Hjaldrist.

“Ah, fick dich doch...”, seufzte sie wiederum geschlagen.

“Pff!”, schnaufte Rist auf dies hin schief lächelnd “Überleg dir schön selbst was. Ich bin echt mal gespannt, was dabei rumkommt.”

Anna entkam ein genervtes Stöhnen. Na toll.

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