Kapitel 136 (Buch 5, 13)

FLIEGEN

Anna war am nächsten Tag früh auf den Beinen, obwohl ihr eines davon noch immer höllisch wehtat. Zwar war die Frau relativ giftresistent, doch dagegen, dass Dreck tief in ihre Wunde gekommen war, hatte auch sie kein Mittel gehabt. Sie war gestern Abend, nach dem Gespräch mit Rist, noch losgegangen, um sich gründlich zu waschen, doch an dem Punkt angekommen hatte die Bisswunde an ihrem linken Oberschenkel bereits dafür gesorgt, dass ihr Fleisch rebellierte. Ausgewaschen hatte Anna die aufgerissene Haut und Alkohest hatte sie gequält fluchend darübergekippt. Kurz hatte sie sich überlegt doch zu den Heilern zu gehen, doch im Endeffekt hatte ihr eine viertel Phiole Schmerzmittel doch eine ruhige Nacht beschert. Heute war ihre Verletzung leicht entzündet und geschwollen; es war keine heftige Sache und dennoch unangenehm. Da half auch verdünnte Schwalbe nicht so viel - erst recht nicht, wenn sie nicht so gut wirkte, wie bei echten Hexern.

Suchenden Blickes spazierte die schwach humpelnde Frau nun also über den Markt der Stadt. Sie hatte schon vor der Dämmerung gefrühstückt, um früh losgehen zu können. Die Marktleute begannen ihr Tagwerk nämlich zeitig. Die ersten von ihnen wuselten schon geschäftig herum, bevor es wirklich hell wurde, um ihre Waren als erste und möglichst frisch anzubieten. Das war ganz angenehm, denn so hatte Anna nicht darauf warten müssen, dass die Stände und Lädchen öffneten. Sie war, seit sie sehr oft morgens Schichten hatte, zum Frühaufsteher geworden. Es kam selten vor, dass sie bis zum Mittag schlief. Auch dann nicht, wenn sie die Nacht über gearbeitet hatte. Denn es machte sie nervös, wenn zu viele Leute ringsum wach waren. Sie wusste nicht so richtig wieso, aber Anna fühlte sich dann stets ganz unruhig und mehr, als seichte Nickerchen von ein paar wenigen Stunden waren da nicht drin. Daneben konnte sie auch nicht ruhen, wenn es hell in ihrem Zimmer war. Einmal, da hatte sie aus Verzweiflung darüber Adlet’s ‘Socken-Trick’ angewendet, in der man sich eine Socke über die Augen legt, um es dunkel zu haben. Aber das hatte nicht geklappt. Aber wie auch immer. Heute war Anna gut ausgeruht. Sie war gestern so erschöpft ins Bett gefallen, dass sie nicht einmal schlecht geträumt hatte und deswegen hatte sie gerade richtig gute Laune. Und das Schlimme daran? Das pflaumenfarbene Wollkleid von Pavetta, mit dem erdfarbenen, bestickten Leinenkleid darunter, das von einem gewebten Gürtel zusammengehalten wurde, war auch noch verflucht bequem. Verrückt.

Anna hielt vor dem Marktständchen der alten Kräuterfrau Undviks. Sie wusste nicht, wie die Alte mit vollem Namen hieß. Jeder sagte immer nur ‘Mütterchen Evers’ zu ihr. Und man erzählte sich, sie habe Mann und Kind früh verloren und hätte sich dann ganz auf ihre Kräuterdinge konzentriert. Irgendwann sei sie bei den Druiden gewesen und erst nach Jahren wieder zurückgekommen. Und seither stand das Großmütternchen jeden Tag hier und bot seine guten Waren zu recht günstigen Preisen an. Dies war ihr Leben und ihre Kunden oder die Leute, mit denen sie am Markt plaudern konnte, ihre Familie, so schien es. Schließlich hatte sie sonst niemanden mehr. Es war irgendwie traurig. Und dennoch sah die Dame so glücklich aus, wie sie da hinter ihrem schiefen Stand verweilte und freundlich lächelte. Sie musste uralt sein; ihr Körper war leicht gebeugt, ihre Haut beachtlich runzlig und ihre Haare schneeweiß. Sie trug eine abgenutzte Bärenfellmütze am Kopf und ein schlichtes Kleid in Grau. Die Ärmel hatte sie sich hochgekrempelt und sie sah Anna erwartungsvoll an, als jene kam. Denn sie kannte sie schon. Die junge Alchemistin hatte schon oft bei ihr eingekauft.

“Oh, guten Morgen!”, begrüßte die Alte den Huskarl mit einem schrecklich westlichen Akzent “Du bist heute wieder sehr hübsch, Töchterchen!”

Das sagte die Kräuterfrau immer; Egal, ob Anna im Kleid oder in Männerkleidung kam. Ob sie tatsächlich schön zurechtgemacht war oder so aussah, als käme sie gerade von einer durchzechten Nacht, war ebenso einerlei. Die Novigraderin lachte leise und etwas betreten.

“Äh ja. Hallo.”, machte sie.

“Ich habe heute ganz frische Haarschleierlinge und seltenes Mondblütenkraut!”, verkündete die Kräuterkundige und wies auf ihre Ware. Ihre Kundin hob eine Braue.

“Was ist denn Mondblütenkraut?”, fragte sie, denn sie hatte bis dato weder davon gehört, noch hatte sie diese Pflanze schon einmal irgendwo gesehen. Das Kraut lag hier fein säuberlich in kleinen Bündeln auf dem Tresen, hatte eigenartig blaugrüne Blätter und weiße Blüten, die an die von Veilchen erinnerten.

“Mondblütenkraut bringt Glück und schützt vor bösen Mächten, wenn man es sich über den Türrahmen hängt.”, lächelte die Betagte wissend. Anna schmunzelte.

“So, so…”, machte sie und rieb sich das Kinn nachdenklich. Die buckelige Frau vor ihr richtete sich die Fellmütze gerade und wechselte das Thema gleich.

“Die kleine Merle hat heute Geburtstag. Alle sprachen gestern davon.”, sagte sie “Ich hoffe, du bist eingeladen.”

“Hm?”, Anna blickte von dem Mondblütenkraut und den Haarschleierlingen auf “Ah, ja. Naja, ich werde auf ihrer Feier Wache stehen. Mehr oder weniger.”

“Ach, das Mädchen ist nun schon so groß. Ich kann mich noch genau daran erinnern, wie sie früher, als sie mir kaum bis zur Hüfte reichte, über den Platz gelaufen ist.”, erzählte die redselige Dame und lachte nostalgisch “Ihre Geschwister hatten damals schon viel Mühe damit sie im Zaum zu halten. Sie war ein richtiger Wirbelwind und ist es auch heute noch, wie ich höre.”

“Ja… das stimmt…”, grinste Anna schief.

“Heute, da ist sie schon eine junge Frau. Und so hübsch.”, setzte das Kräutermütterchen fort “Und stelle dir vor, sie hat sogar schon bei mir eingekauft.”

“Wirklich?”, fragte Anna und stellte sich dumm. Denn sie war es gewesen, die Merle in den letzten Monaten immer wieder einmal losgeschickt hatte, um diverse Kräuter zu besorgen. Die kleine Jarlsschwester hatte das immer mit strahlendem Gesicht gemacht und sich darüber gefreut, dass man ihr nicht nur in der Theorie etwas von der Alchemie erzählte, sondern sie auch in der Praxis mit einbezog. Was war sie nur hüpfend losgerannt, als Anna ihr zum ersten Mal aufgetragen hatte auf den Markt zu laufen und die Augen nach Lindenblüten und Verbena offenzuhalten. Merle hatte sich gefühlt, als sei sie eine Meistertrankmischerin.

“Ja, wirklich. Sie kam nun schon sechs Mal vorbei und hat dabei die verschiedensten Kräuter angefragt.”, staunte die Alte “Und ich musste ihr nicht einmal erklären, wozu Kamille oder Sewantenpilze gut sind. Ich glaube, sie interessiert sich sehr für die Pflanzenwelt.”

“Na, sowas…”, antwortete Anna und beäugte das Angebot der Kräuterfrau eingehend “Sag, hast du Blau- und Krappwurzeln da?”

“Hmm?”, die Kräuterfrau horchte auf “Ja, natürlich. Der Färber gehört zu meinen Stammkunden. Immer sorge ich dafür, dass ich genug Mittel für ihn da habe. Und hier, auf Undvik, ist Blauwurzel auch sehr wichtig. Denn unsere Clanfarben sind Grün und Blau.”

“Mhm.”, machte Anna knapp “Dann nehme ich davon die kleinste, die du da hast. Und Krappwurzel auch, bitte. Auch ein kleines Stück.”

Das Mütterchen nickte schnell und klaubte alles Angeforderte hervor. Auch nahm Anna am Ende noch Hagebutten und getrocknete Holunderblüten mit. Denn sie hatte vor nicht nur für Merle etwas zusammenzumischen.

Nach einem kurzen Abstecher zum lustigen Fischhändler und einem kurzen Bummel über den restlichen Markt machte sich Anna auf den Weg zurück zur Burg, die am Ende der Stadt auf dem Hügel stand, der in den Klippen vor dem Meer auslief. Mit der Tasche voller Wurzelwerk, einem kleinen Tintenfisch, getrockneter Kräuter und einem Papierbeutelchen voller gebrannter Nüsse, nahm die Frau im mehrlagigen Kleid den Weg, der zur Falkenburg zeigte. Und das tat sie erleichtert und mit Freude im Blick. Denn hatte sie gestern Nacht noch nicht gewusst, was sie Merle zum Geburtstag schenken sollte, so hatte sie jetzt einen richtig guten Plan. Sie freute sich schon auf das Gesicht des Mädchens, wenn jenes sein besonderes Geschenk auspacken würde. Sicherlich würde sich die Kleine so richtig freuen.

 

Das Fest für Merle begann nachmittags. Und genau zu dieser Zeit begann auch Anna’s Dienst. Das teure Kleid, das sie heute seit dem Marktbesuch trug, war fast bodenlang. Doch sie hatte sich ihrer Beweglichkeit wegen damit beholfen, dass sie sich den Saum des Kleidungsstückes vorn hochgesteckt hatte. Damit bildete sich ein Schlitz, durch den Anna auch dann nicht behindert wäre, wenn sie Stufen nach oben rennen müsste. Dabei fiel das Kleidungsstück wegen all des Stoffes noch immer so voll, dass man seiner Trägerin trotz der Raffung nicht unter den Rock sehen könnte. Ja, mittlerweile wusste Anna sich zu helfen, anstatt über Frauenkleidung zu jammern. Darüber trug sie einen breiten Gürtel und ihren Waffengurt. Denn sie war heute nicht direkt Gast der Feierlichkeit ihrer Teilzeit-Schülerin, sondern deren Leibwache. Hjaldrist hatte darum gebeten, dass Anna ein Auge auf Merle warf. Sie solle dem Mädchen nicht auffällig an den Fersen kleben, doch darauf achten, dass die nun frisch 15-Jährige keinen zu großen Blödsinn anstellte oder von rüden Jungen belästigt wurde. Denn letztere waren gerade recht prominent im Leben Merles, die ihren Aroon verlassen hatte, weil er es nicht mochte zu kämpfen. Aber man würde ja sehen, wie die Feier ablaufen würde. Hoffentlich geschähe nichts Ärgerliches, denn obwohl Anna ihren eigenen Geburtstag - oder eher: den Tag, an dem Balthar sie früher einmal entführt hatte - nie an die große Glocke hing, wünschte sie es sich im Gegenzug für Merle, dass deren wichtiger Tag zu einem großen und tollen werden würde.

Das besagte Mädchen lief freudig auf Anna zu, als jene in den Großen Saal kam, der für die heutige Feierlichkeit vorbereitet worden war. Da waren viele lange Tische und Bänke, schöne Gedecke für an die fünfzig Leute und hübsche Tischdecken in Grün und Blau. 

Wäre es in Redanien oder Nilfgaard niemals denkbar gewesen Außenstehende einfach in die Haupthalle der Festung eines Herrschers einzuladen, um dort zu feiern, so war das auf Skellige absolut gewöhnlich. Es war normal, dass der Jarl zu solchen Anlässen seinen Thron links stehen ließ, um bei den Gästen Platz zu nehmen und sich mit ihnen zu betrinken, zusammen zu essen und zu singen. Anderswo hätte so etwas nicht funktioniert und die Leute hätten die Autorität ihres Anführers infrage gestellt. Auch Anna hatte sich anfangs gewundert. Doch Hjaldrist hatte ihr erzählt, dass es selbst der König von Skellige so handhabte, wie ein jeder Jarl. Er sei genauso bodenständig und herzlich, wie die meisten seiner Landsleute. Und diese Vorstellung war großartig. Anna mochte die Inseln.

“Anna!”, strahlte die stürmische Merle und nahm Anlauf. Die Novigraderin hielt inne, als sie das sah, und wirkte ganz kurz etwas überfordert. Sie kam dem Mädchen mit den schwarzen Zöpfen nicht mehr aus, das sie einen Atemzug später schon ansprang. Ächzend musste die Leibwache das Kind auffangen und strauchelte einen Schritt weit zurück, denn Merle hatte ordentlich Schwung genommen.

“Du bist da!”, freute sich die Kleine, schlang Arme und Beine um ihr großes Vorbild und ahnte nicht, dass Rist befohlen hatte, dass die Nordländerin auf seine Schwester achten sollte “Ah, das Fest wird großartig!”

Mit diesen Worten ließ Merle Anna wieder los und sah dann aufgeregt zu ihr auf. Die Ältere schnaufte amüsiert.

“Meine Güte. Da hat aber wer gute Laune…”, stellte sie fest und das Mädchen lächelte so breit, dass ihr Grinsen einmal um ihren Kopf herum gegangen wäre, hätte sie keine Ohren besessen, die es aufgehalten hätten.

“Jepp!”, machte Merle und Anna hielt ihr dann schon ein Leinenbündel hin, das von einem roten Band zusammengehalten wurde.

“Hier.”, lächelte die Große “Alles Gute.”

Die Jarlsschwester machte ganz große Augen, als sie das Geschenk entgegen nahm. Und man möchte meinen, das verwöhnte Gör freue sich nicht über Kleinigkeiten. Doch weit gefehlt. Merle machte vor Freude fast einen Luftsprung.

“Waas?”, staunte sie “Das ist für mich? Von dir?”

“Ja. Mach’s auf.”, schmunzelte Anna und freute sich ebenso. Denn sie hatte nicht damit gerechnet, dass die Jugendlichen so sehr über ihr Geburtstagsgeschenk strahlen würde, bevor sie es überhaupt erst ausgepackt hatte. 

Merle nickte motiviert und eilte zum nächsten Tisch. Dort angekommen legte sie das Leinenpaketchen ab und machte sich daran es auszupacken. Anna trat solange neben sie und beobachtete das gespannt. Zum Vorschein kam das Beutelchen mit den gebrannten Nüssen vom Markt und eine Tranktasche. Letztere hatte Anna gehört. Sie hatte sie aber nie benutzt, weil sie für ihre Zwecke zu klein war. Drei beschriftete Trankfläschchen befanden sich darin. Letztere zwangen das Mädchen dazu ganz große Augen zu machen.

“Huch!”, machte Merle ganz zappelig “Sind das Tränke? Hast du die gemacht?”

“Ja.”, machte Anna locker und verkniff sich ein schalkhaftes Grinsen “Für ganz spezielle Monsterjägerinnen in spe…”

“Ich kann die trinken?”, fragte die 15-Jährige baff “Echt? So, wie Hexertränke?”

“Mhm.”, machte die Kurzhaarige “Und in unseren nächsten Übungsstunden werde ich dir sogar zeigen, wie man sie mischt. In Ordnung?”

Merle platzte schier vor Begeisterung und trat von einem Bein aufs andere. Ohne überhaupt zu wissen, was ihre ‘Ungeheuerjägertränke’ bewirkten, wendete sie sich abermals zu Anna und umarmte die Ältere eng, drückte sie.

“Danke!”, jauchzte sie froh. Es war unglaublich niedlich.

“Ich wollte schon immer damit anfangen Tränke zu mischen!”, gab Merle offen von sich und dann entkam ihr ein Laut, der sich anhörte, als könne sie ihre Freude kaum in sich behalten. Anna tätschelte der Kleineren, die ihr gerade mal bis zu den Schultern reichte, den Kopf. Dann wurde sie wieder losgelassen und die Adelige klaubte nach ihrer neuen Tranktasche aus braunem Leder. Sie zog einen der Absude hervor und las dessen Aufschrift.

“Untotenzuge.”, las sie verheißungsvoll vor und kräuselte die Stirn.

“Wenn du nur einen winzigen Schluck davon nimmst und den Mund damit spülst, dann bleibt der recht lange ziemlich schwarz. Die Zunge und die Lippen auch. Das sieht unheimlich gruselig aus und ich wette, damit kannst du echt viele Leute ziemlich erschrecken..”, erklärte Anna das simple Gemisch aus Zuckerwasser, etwas Salz und konzentrierter Tintenfisch-Tinte. Merle lachte begeistert auf.

“Echt?”, gluckste sie und lachte schadenfroh.

“Probier es einfach mal aus.”, grinste Anna leicht “Die anderen beiden Tränke wirken ähnlich. Der eine färbt die Zunge Tiefblau und der andere Braun.”

“Braun?”, johlte Merle und wollte sich ob der vielen neuen Ideen Leute zu ärgern schon die Hände reiben. Das Mädchen lachte schallend. Und in diesem Moment wusste Anna: Sie hatte mit ihrer Geschenkidee nicht daneben gegriffen. 

 

In den folgenden Stunden bemerkte Anna mit Zufriedenheit, wie Merle mit ihrer neuen Tranktasche am Gürtel herumlief. Sie hatte jene auch schon ganz stolz all ihren Familienmitgliedern gezeigt und während die Frauen ganz angetan gelächelt hatten, hatte Rist die Stirn unschlüssig gerunzelt und Haldorn brummig über die böse Anna geschimpft, die es wagte Merle in ‘Magiedingen’ zu verziehen. Welch ein Quatsch. Die kleine Tasche für Phiolen war nebenher nicht das einzige, das nun am schmalen Gürtel der Jarlsschwester hing. Sondern da war auch noch ein kleines Messer in einer schönen, rotbraunen Lederscheide, auf die eine Schlange punziert worden war. Anna ahnte, von wem die Waffe kam.

“Ein Messer, hm?”, fragte die Frau den Mann, der neben ihr an einer der Säulen der Halle lehnte und das heitere Treiben im Saal beobachtete. Rist sah her.

“Ja.”, sagte er gleich schief lächelnd “Ist doch gut, oder nicht?”

“Mh, ja.”, bestätigte Anna, deren Augen auf Merle hingen, die unweit mit ein paar Freunden beisammen saß und Kuchen aß. Mittlerweile wurde es Abend und einige Erwachsene waren schon dezent angeheitert. Ein Skalde war da und spielte fröhliche Lieder. Die Atmosphäre war toll und ausgelassen.

“Das Messer passt zu ihr. Sie wird mal eine Kriegerin werden, keine feine Dame.”, setzte die Novigraderin fort und ihr Freund, der gerade nur bei ihr stand, weil er eine kurze Pause von den ganzen lauten Gästen brauchte, linste von der Seite aus zu ihr.

“So, wie du.”, meinte er nach ein paar Sekunden des Schweigens.

“Na, hoffentlich nicht so sehr, wie ich.”, schmunzelte Anna und suchte den Blick ihres Kumpels hintergründig. Jener sah sie fragend an und so, als sähe er die Gardistin nicht als völliges Chaos auf zwei Beinen an. Sie wollte erst etwas sagen, doch winkte dann ab. Hjaldrist nahm das hin.

“Was ist in der Tranktasche?”, wollte er dann wissen und schniefte leise. Er fummelte sich sein Taschentuch aus der Tasche und putzte sich die Nase. Noch immer war er erkältet, doch an seinem Husten konnte man hören, dass es bald besser werden würde.

“Monsterjägertränke.”, sagte Anna verstohlen.

“Nein, ohne Scheiß jetzt.”, näselte der sich schnäuzende Jarl.

“Ah, ich wette, du wirst heute noch sehen, was es ist.”, meinte die Alchemistin leger und warf ihrem Freund abermals einen bedeutungsschwangeren Blick zu. Sie wollte nicht lachen, doch schaffte es auch nicht ernst zu bleiben.

“Herrje…”, fiel es dem Schönling dazu nur noch ein.

“Keine Sorge.”, versicherte die belustigte Giftmischerin noch “Es ist im Grunde nur Zuckerwasser. BESONDERES Zuckerwasser…”

Und dieses Wässerchen sah man dann, kaum eine Stunde später schon, in Aktion. Anna saß gerade am Tisch, der dem Merle’s am nächsten stand, als das Kind auf einmal auf die lange Sitzbank sprang und kehlige Monstergeräusche von sich gab.

“Rahhh!”, brüllte der Wirbelwind laut und fing damit sofort die Aufmerksamkeit Vieler ein. Auch Hjaldrist, der am Ende der Halle saß und gerade bei einem Braten und Bier mit Haldorn sprach, sah alarmiert auf, als es seiner Schwester schwarz von den Lippen tropfte. Speichel, vermischt mit konzentrierter Tinte und klebrigem Zuckerwasser, war wirklich, wirklich garstig. Anna biss sich auf die Lippe, um nicht loszulachen. Sie ließ den Becher Wasser in ihrer Rechten sinken.

“Ich bin ein Untoter!”, gurgelte Merle und kam mit ihren dreckigen Schuhen von der Bank auf den gedeckten Tisch. Alle, die sie zuvor entsetzt angestarrt hatten, blinzelten nun verwirrt.

“Oh ja, um die Monster zu verstehen, rahhh…”, maulte das Mädchen mit dem unschön schwarzen Mund und sabberte sich dabei dunkel an “Muss ich eines von ihnen werden!”

Die ersten Freunde der Kleinen lachten laut los. Man sah, wie sich Haldorn grimmig die Schläfe rieb und sich die Miene seines Bruders im Gegenzug ungemein erhellte. Auch Hjaldrist würde gleich vor Lachen brüllen, ganz sicher.

Und dann tat Merle so, als greife sie eine ihrer Freundinnen an: Sie kam vom Tisch gesprungen und fing damit an sich mit dem blonden, kichernden Mädchen zu kebbeln. Böse knurrend und schreiend versuchte die böse Untote ihr Gegenüber zu Tode zu kitzeln und an diesem Punkt angekommen war die Stimmung wieder unheimlich fröhlich. Es war schön. Und Anna freute sich darüber, dass Merle ihre spontan zusammen gemischten Mixturen, für harmlosen, erheiternden Schabernack einsetzen konnte.

 

Der Abend nahm seinen Lauf und blieb ruhig. Also jedenfalls hinsichtlich unguter Geschehnisse. Still, das war die rauschende Feier Merles nämlich keineswegs. Der Skalde hatte gute Laune und selbst Pavetta war kurz nach der Dämmerung schon betrunken. Zusammen mit ihrem Verlobten Ilvar saß sie mit ein paar Bekannten beisammen und lachte so, wie sie nur lachte, wenn sie viel zu viel getrunken hatte: laut grunzend. Es war unglaublich unterhaltsam. Auch Haldorn, der ein paar Leute seiner Mannschaft hier hatte, war mit dem Bier schon gut dabei. Laut sangen die Männer gerade ein Seefahrerlied über ein Fass voller Wein unter Deck eines untergehenden Schiffes. Anna hielt sich solange in Merle’s Nähe auf, die zur Feier des Tages einen Humpen Met trinken durfte. Noch immer waren ihre Lippen etwas schwarz, doch das störte sie nicht. Neben Anna waren noch fünf weitere Huskarle im Saal. Sie alle trugen alltägliche Kleidung, um nicht zu sehr aufzufallen. Es kam bei rauschenden Festen nicht besonders gut an, wenn die Wachen ganz augenscheinlich und streng an den Wänden aufgestellt herumstanden, wie Zinnsoldaten. Hjaldrist hatte es lieber, wenn sie sich wachsam und unauffällig unter die Leute mischten. Und so stand Anna jetzt am Rande und grüßte Bjalka, die in einem wallenden, orangen Kleid daherspazierte. Auch die Brünette war im Dienst und hatte ihre Axt am Gürtel hängen. Dennoch gesellte sie sich kurz zu ihrer Kollegin und nahm sich ein paar Minuten Auszeit, um sich etwas zu unterhalten.

“Wie geht es dir?”, lächelte die freundliche Undvikerin “Hast du gestern noch Ärger bekommen?”

“Ähm, ja.”, log die Angesprochene “Aber naja, dumm gelaufen. Immerhin habe ich keinen Latrinendienst aufgebrummt bekommen.”

Mitleidig lächelte die Frau mit der Zahnlücke und ihr Blick folgte dem Annas gen Merle. Zusammen beobachteten sie das spitzbübische Mädchen, das gerade etwas von ihrem Trank, der blaue Zungen machte, in die Becher ihrer Freunde tröpfelte.

“Sie hat dich wirklich gern.”, stellte Bjalka fest und die Nordländerin sah auf “Ich habe gehört, du unterrichtest sie.”

“Ähm, ja. Ein wenig.”, gab Anna zu “Ich kenne mich mit Kräutern aus und erzähle ihr ab und an davon.”

“Wie kommt’s?”, wollte die Langhaarige wissen und sah von Merle fort, zu ihrer Gesprächspartnerin “Bist du tatsächlich eine Vatt’ghern, so, wie sich viele erzählen?”

“Nein… nein, bin ich nicht.”, gab die Jüngere, die mit der Garde immer sehr ehrlich war, zurück und nahm den ruhigen Blick nicht von Rist’s kleiner Schwester “Ich lernte nur bei einem von denen. Das ist alles. Aber viele Leute auf Undvik denken, ich sei eine Hexerin. Und ich lasse sie einfach in dem Glauben, denn offenbar trägt das zu Rist’s Ansehen bei.”

“Mhm. Ich verstehe. Du hast Recht...”, sagte Bjalka nachdenklich und eine Pause folgte, ehe sie weiter redete “Damals, vor sechs Jahren und nachdem Hjaldrist verschwunden war, wusste man erst nicht, wo er hin ist. Man bezeichnete ihn als Vatermörder und wollte ihn blutadlern lassen. Doch er war wie vom Erdboden verschluckt. Und später ging das Gerücht um, dass er mit einem Hexer umherzöge, der ihm helfe. Und dann, irgendwann, sprachen die Leute von einer Frau mit kurzen Haaren und einem Hexermedaillon. Das warst du, nicht wahr?”

Anna schwieg daraufhin und fragte sich, warum Bjalka gerade so sehr auf dieses Thema einging. Worauf wollte sie hinaus? Sie verschränkte die Arme locker vor der Brust und äußerte sich nicht.

“Die Leute hatten Angst, als du nach Neujahr hier aufgetaucht bist und Orlan getötet hast. Du hast so bitterböse ausgesehen. So, als mache es dir nichts aus zu meucheln. Ich… stand damals in Orlan’s Nähe, denn ich hatte Nachtdienst. Und du hast mich so wild angesehen, während du ihm das Messer in den Rücken getrieben hast.”, erinnerte sich die ehrliche Leibwache nun “Und du warst die mit dem Amulett. So ein eigenartiger, oranger Schimmer umgab dich. Du kannst dir nicht vorstellen, welche Geschichten über dich kursierten. Es war so, als stünde auf einmal eine Figur aus einem dunklen Märchen hier. Die meisten Undviker hatten noch nie einen Hexer gesehen. Und auf einmal waren davon gleich mehrere da, um die Ordnung zurückzubringen und Hjaldrist zu helfen.”

Anna blieb stumm und ihr Blick auf Merle geheftet, die zur Musik schunkelte und schon wieder Kuchen in sich hineinstopfte. Rist war gerade bei ihr und hatte geschwisterlich einen Arm um sie gelegt, als er über die blauen Zungen der Jugendlichen an der Tafel lachte.

“Und kurz nach Belletaine kamst du auf einmal wieder.”, endete Bjalka ihren Monolog ganz betroffen “Du warst davor immer, wie ein Geist. Doch auf einmal warst du eine von uns. Und du fügtest dich einfach ein. Ich wunderte mich erst, doch dann nannte ich mich selbst eine Idiotin, weil ich so voreingenommen war. Denn… du bist echt nett und überhaupt nicht böse.”

Anna zog die Brauen zusammen und linste endlich forschend zu der Frau neben sich.

“Ja, ich hatte echt Schiss vor dir. Obwohl ich ein Huskarl bin. Wegen der Sache mit Orlan.”, gab jene jetzt leise kichernd zu “Aber das war Blödsinn. Ich bin echt froh, dass du uns unterstützt und dich sogar vor die Tore traust, um dich ganz alleine Monstern zu stellen, wenn der Jarl das verlangt. Das muss hart sein.”

Diese Worte entlockten der Novigraderin ein Lächeln. Und ehe sie antworten konnte, trat Swantje vor die Frauen und haschte nach deren Aufmerksamkeit. Hjaldrist’s Mutter hatte ein Brettchen dabei, auf dem vier Kuchenstücke lagen.

“Guten Abend.”, lächelte die Frau nett und hielt den Huskarlen das Gebäck unter die Nase “Wollt ihr etwas Kuchen? Ihr arbeitet hart, daher solltet ihr auch etwas essen. Henrik hat bereits zwei davon gehabt und fand die Torte großartig.”

So war sie eben. Zwar hatte Swantje einen der höchsten Ränge Undviks inne, dennoch verhielt sie sich wie eine Glucke, die nicht nur ihren Kindern regelmäßig Essen zusteckte.

“Sten hat den Kuchen gebacken. Er ist köstlich!”, schwärmte die Jarlsmutter in dem unglaublich schönen Kleid aus grüner Wolle mit blauem Leinenbesatz. Eine goldene Stickerei verlief an den Säumen des schmucken Kleidungsstückes und eine gestickte Schlange wand sich um dessen Kragen.

“Hmm…”, machte Bjalka, die Swantje’s Gehabe schon gewohnt war. Denn sie stand schon Jahre im Dienst der Falchraites. 

“Was ist da drin?”, wollte die Gardistin wissen “Nüsse? Die vertrage ich nicht so gut…”

“Es sind zwei verschiedene Kuchenböden…”, erklärte die Ältere sofort nett “Der braune ist mit Nuss, aber der helle nicht. Der ist mit serrikanischem Safran.”

“Ah!”, freute sich Bjalka und fasste nach einem der Stücke aus hellem Teig. Dann hielt Swantje auch Anna das Brettchen hin.

“Hier.”, lächelte sie sanftmütig “Du magst Haselnüsse doch?”

Ein klein wenig verdattert betrachtete die Alchemistin erst Swantje, dann den Kuchen. Sie nickte zögerlich und nahm sich eines der dunklen Tortenstücke.

“Danke…”, machte sie, als sie den Kuchen an sich nahm und Swantje beobachtete das zufrieden.

“Das Kleid steht dir sehr, Anna.”, bemerkte sie gutmütig “Pavetta trägt es nie, weil sie die Farbe nicht mag. Aber dir passt es unglaublich gut.”

“Ähm. Danke.”, entgegnete die Schwertkämpferin abermals und war ein wenig nervös dabei. Sie konnte mit Komplimenten nicht gut umgehen, obwohl sie sie ermunterten, zugegeben. Anna wusste einfach nie, was sie sagen sollte, wenn ihr jemand zu nette Worte schenkte. Stattdessen wich sie fremden Blicken in solchen Situationen gerne aus. Und das tat sie auch jetzt wieder. Stumm probierte sie etwas von ihrem Haselnusskuchen und Bjalka verabschiedete sich solange, um, bewaffnet mit Torte, zu ihrer Arbeit zurückzukehren. Doch Swantje blieb einfach und ließ den Blick einmal über die ganzen Gäste schweifen. Nur allmählich sah Anna wieder auf und zu der schönen Frau mit den dunklen Haaren hin. Auch jene nahm sich noch ein Kuchenstück - das vorletzte auf ihrem Brettchen - und aß es, einfach so, mit den Fingern.

“Puh…”, machte sie dabei “Hiernach kann ich nichts Süßes mehr sehen. Das ist schon mein drittes Stück.”

Anna stutzte. Doch dann musste sie lachen und augenblicklich war die Atmosphäre wieder locker und entspannt. Von der Seite betrachtete die Nordländerin Hjaldrist’s erhabene und doch so unkomplizierte Mutter. Und sie erinnerte sich an die Geschichte über deren Faustkampf-Karriere. Das hier war die Gelegenheit sie darauf anzusprechen.

“Swantje?”, fragte die nach Vanille riechende Trankmischerin im pflaumenfarbenen Kleid also “Kann ich dich was fragen?”

“Ja, natürlich.”, lächelte die Jarlsmutter positiv überrascht und sah her. Sie krümelte sich gerade den bestickten Kragen mit Nusskuchen voll.

“Rist… äh… Hjaldrist erzählte mir einmal, dass du früher eine Straßenkämpferin warst.”, sagte Anna und betrachtete die Ältere erwartungsvoll. Jene blinzelte verblüfft, lachte dann aber laut und stolz und straffte die Schultern.

“Oh ja.”, machte sie “Und was für eine, das kann ich dir sagen!”

“Das kann man sich gar nicht vorstellen.”, sprach Anna ganz offen und musste grinsen. Sie biss abermals von ihrem Kuchenstück ab. Jener schmeckte unglaublich gut und war zum Glück nicht so süß, wie das klebrige Honiggebäck von letztens.

“Ich kam ursprünglich nicht von Undvik, sondern von Spikeroog.”, erzählte Swantje nun frei heraus und ihre Erinnerungen daran schienen schön zu sein, denn sie strahlte “Mein Vater war ein einfacher Schmied und wollte, dass ich sein Geschäft später einmal übernehme. Ich lernte es früh ein wenig zu kämpfen und hatte Spaß daran.”

Anna horchte gespannt.

“Irgendwann stellte ich mich den Faustkampfwettbewerben meiner Insel und wurde dort zum Champion. Und als ich hörte, dass es anderswo auch noch würdige Gegner gäbe, ging ich los, um Ruhm und Ehre für meine Familie zu erlangen.”, lächelte Swantje “Es zog mich in die Ferne. Mein Vater wollte nicht, dass ich gehe, doch ich hatte eben meinen eigenen Kopf. Ich reiste los und nahm das erste Schiff nach Undvik. Die drei Kampfgegner waren hier damals der Fleischer, ein seltsamer Kerl aus den Wäldern und irgendein vermeintlicher Elfenkrieger. Ich besiegte sie alle ohne große Probleme und brach Halbjørn, dem letzteren, die hübsche Nase.”

“Oh je…”, schmunzelte Anna in sich hinein und ahnte schon, was käme.

“Halbjørn stach mir sofort ins Auge. Er hatte spitze Ohren und gehörte in meinen unwissenden Augen eindeutig zu den Aen Seidhe. Noch nie hatte ich einen von denen gesehen, geschweige denn verprügelt.”, lachte die Dunkelhaarige nun “Es stellte sich aber schnell heraus, dass er kein Aen Seidhe, sondern der Sohn des Jarls war. Und weil ich ihm die Nase gebrochen hatte, drohte mir einer seiner Huskarle großen Ärger an. Doch im Endeffekt kam ich ungeschoren davon und wurde Faustkampfchamion Undviks. Ich blieb, zumal sich Halbjørn sehr um mich bemühte. Es schien, als habe er sich in dem Moment, in dem ich ihn K.O. geschlagen habe, in mich verliebt. Kaum ein Jahr später waren wir ein Paar.”, erklärte die Frau und wurde gegen Ende ein wenig melancholisch “Er war manchmal sprunghaft und hatte oft Blödsinn im Kopf. Aber er war auch ein großartiger Mann und ein guter Jarl. Du hättest ihn gemocht. Jeder liebte ihn.”

Anna, die sich durch die letzte Äußerung ertappt fühlte, schwieg. Denn tatsächlich hatte sie im letzten Jahr, zu Saovine, einmal die Gelegenheit dazu gehabt mit Halbjørn’s Geist zu sprechen. Doch das erwähnte sie nicht. Sie wollte Swantje nicht vor den Kopf stoßen.

“Hm… sicherlich.”, gab sie demnach bloß von sich und schenkte ihrer Gesprächspartnerin ein zuversichtliches Lächeln.

 

Der restliche Abend verlief problemlos. Abgesehen von einem Moment, in dem ein Junge Merle zu nah getreten war, war nichts geschehen. Der etwa 16- oder 17-jährige Freund des Mädchens hatte sie bedrängt und sie küssen wollen. Angespannt hatte Anna schon dazwischen gehen wollen, doch sie hatte Merle ein paar wenige Sekunden gelassen, um sich selbst zu beweisen. Denn obwohl die Leibwache extra herberufen worden war, um Merle zu beschützen, wusste sie auch, wie unglaublich ungut es war von allen so behandelt zu werden, als sei man ein rohes Ei. Also hatte sie ein paar Atemzüge lange abgewartet. Und die Schwester des Jarls hatte sie nicht enttäuscht: Merle hatte den aufdringlichen Jungen am Kragen erwischt und fortgeschubst. Sie hatte ihm beleidigt gedroht und der Narr hatte sich daraufhin schnell aus dem Staub gemacht. All das hatte Anna dazu gebracht wohlgelaunt zu grinsen. Denn SIE war es gewesen, die es Merle eingebläut hatte sich bloß nie etwas gefallen zu lassen, weil sie glaubte, sie müsse den Erwartungen anderer Leute gleichkommen. Demnach war die Novigraderin zufrieden mit dem Ausgang des Moments, in dem sich Merle erst unwohl gefühlt, doch dann als die Starke hervorgegangen war. Und nun, da war die jüngste Falchraite im Bett. Haldorn hatte sie vor einiger Zeit nach oben begleitet und Anna wartete just nurmehr auf Hjaldrist, um ihn zu fragen, ob sie noch helfen könne. Schlussendlich waren noch ein paar betrunkene Gäste da, die sich gut mit Pavetta, deren Verlobten und Swantje unterhielten. Auch Rist wurde gerade noch belagert, obwohl er schon beachtlich matt aussah. Dennoch gab er sich freundlich. Seine Miene wurde erst entnervt, als man ihn Minuten darauf allein ließ und Anna zu ihm trat.

“Solche Tage sind manchmal wirklich anstrengend… als Jarl kommt man den Leuten nie aus. Da hilft auch kein Met.”, sagte der Mann leise, als seine Freundin neben ihm stand, und rieb sich mit Zeigefinger und Daumen die Nasenwurzel. Er schlug die Augen nieder und hustete heiser.

“Du solltest auch Tee trinken, anstatt Met.”, riet Anna und sah ihren Kumpan bedeutungsvoll von der Seite aus an. Jener rollte schmunzelnd mit den Augen.

“Ich habe dir welchen zusammengemischt. Diesmal ohne Salbei.”, sagte sie “Ich wollte ihn dir noch geben.”

Überrascht sah der Jarl her.

“Er ist nicht bitter und wirkt vielleicht sogar noch besser.”, glaubte die Kräuterkundige “Versprochen.”

“Hm.”, grinste der Skelliger, doch erörterte nicht warum genau er das tat. Anna hob die Brauen.

“Was denn?”, fragte sie.

“Vielleicht wird ja doch noch mal ne Heilerin aus dir.”, scherzte der Kerl und die pikierte Nordländerin gab einen abfälligen Laut von sich.

“Eher nicht. Tees gehören zur Grundausbildung eines jeden Alchemisten, weißt du.”, erklärte sie “Ich kann Tee für und gegen alles mögliche zusammenstellen. Es ist nicht schwer.”

Auf dies hin schwiegen die beiden eine kleine Weile. Dann holte Anna Luft für eine letzte Frage.

“Kann ich hier noch was tun?”, wollte sie wissen.

“Nein. Alles gut.”, kam es zurück.

“Dann gehe ich jetzt…”, entschloss sie “Ich bringe dir noch eben den Tee und lege mich dann hin.”

“In Ordnung.”, antwortete Rist und Anna wand sich ab. Sie kam aber keinen Schritt weit, denn der Jarl sprach sie noch einmal und plötzlich ganz kurzentschlossen an.

“Ach, weißt du was? Ich komme mit.”, verkündete der Mann mit gesenkter Stimme “Ich habe keine Lust mehr auf Betrunkene.”

Die Alchemistin musste grinsen, als sie von diesem Fluchtplan hörte.

“Na dann.”, machte sie und deutete mit dem Kinn fort. Hjaldrist wartete daraufhin nicht länger und ging zusammen mit der Jüngeren los. Sie machten sich auf den Weg in den westlichen Trakt, in dessen oberen Stockwerken man Anna’s Zimmer fand. Früher, da war dieses Hjaldrist’s Raum gewesen. Doch mittlerweile war es sicher, dass es ein permanentes Schlafzimmer der anwesenden Angestellten des Hauses bleiben würde. Und die Giftmischerin hatte großes Glück damit, denn der Raum war schön, hell und nebenher auch groß.

“Du hinkst.”, stellte Rist nach einer Weile fest, als er hinter Anna die Stufen nach oben nahm.

“Wegen meinem Bein.”, sagte Anna knapp und kam zu dem kurzen Korridor, der unter anderem zu ihrem Zimmer führte “Ich wurde gestern gebissen.”

“Ja, ich weiß.”, kam es seitens des Jarls und er hustete leise “Aber ich dachte, es sei nicht schlimm.”

“Es hat sich etwas entzündet… aber es geht.”, versicherte die Frau und spazierte zu ihrer Zimmertüre, ehe sie eintrat und Hjaldrist ihr folgte. Jener ließ das Thema rund um das rebellierende Bein seiner Freundin vorerst ruhen und sah sich flüchtig um. Hier herrschte das übliche Chaos. Es war zwar nicht dreckig, doch hier und da lagen Kleidungsstücke so am Boden, als habe sie Anna nach dem Ausziehen dorthin geworfen und seither nicht wieder aufgesammelt. Ein paar Bücher waren irgendwo neben einem Teller mit längst hart gewordenem Brot aufgestapelt und neben dem Schreibtisch lagen zerknüllte Pergamente am Boden. Denn der Eimer für den Papiermüll quillte über. Das Bett war ungemacht und ein Paar schmutziger Ersatzstiefel stand direkt davor, am schönen Teppich. Die Novigraderin störte all das nicht. Sie nahm sich den Waffengurt ab und hängte ihn an eine kleine, schmiedeeiserne Garderobe, auf der auch eine provisorische Lederscheide hing, in der ihr Silberschwert steckte. Dann hielt sie auf ihren großen Tisch zu, auf dem all ihr Alchemiekram lag. Hjaldrist folgte ihr und sie bemerkte, wie er folglich all das Zeug am Schreibtisch betrachtete. Anna zog eine der beiden Schubladen des Mobiliars auf und klaubte ein Leinensäckchen aus jener hervor. Sie roch prüfend daran und lächelte dann. Erkältungstee für Rist.

“Hier.”, sagte sie nett und wendete sich wieder an den Älteren, der neben ihr stand, um ihm die süßlich duftende Teemischung zu geben. Doch der Schönling sah Anna längst skeptisch an und der Grund dafür war offensichtlich: Er hatte ein Fläschchen in der Hand, das mit einem Totenkopf auf einem Papieretikett markiert war. Gift. Es sah genau so aus, wie das, das die Kräuterkundige früher täglich zu sich genommen hatte.

“Was ist das?”, wollte der Jarl gleich wissen und sah Anna dabei durchdringend an. Er hielt die Phiole mit der bräunlichen Flüssigkeit darin hoch und still ließ die Konfrontierte den Blick darauf sinken.

“Ach.”, machte sie und wollte die Situation sofort auflockern “Das ist das Mantikorgift von damals. Es… naja… war mir zu schade zum Wegwerfen.”

Etwas verlegen lächelte die Kurzhaarige.

“Also habe ich es noch. Genauso wie das scheißteure Henkersgift. Den anderen Kram habe ich damals auf See und nach unserem Wiedersehen im Frühling über die Reling geworfen. Es war ein Verlust von vielleicht zweihundert Kupfern.”, erklärte die Novigraderin und man sah, wie sich auch Hjaldrist gleich wieder entspannte “Aber besonders Mantikorgift ist viel, viel wertvoller und wird von den Hexern auch für die Kräuterprobe verwendet. Ich konnte den Wert kaum schätzen, wollte es aber eh nie verkaufen. Leute stellen mit Gift nur zu viel Scheiße an, daher bewahrte ich es auf. Ich… überlegte mir erst, ob ich es Lado geben sollte. Er will seine Schule ja neu aufbauen und sich irgendwann Kinder-... uh. Nein.”

Anna sah auf das Fläschchen in Rist’s Hand und überlegte kurz. Dann kam sie zu einem Entschluss:

“Nimm es doch für die Schatten oder die Wächter mit.”, schlug sie vor “Die Skrugga gehen verantwortungsvoll mit Toxinen um. Und mit einigen Tropfen von dem hier könnte man sicherlich auch einen Riesen zu Fall bringen oder ihn zumindest sehr schwächen. Vielleicht wollen die Wegewächter das einmal versuchen. Der Ausgang würde mich brennend interessieren.”

Hjaldrist wirkte überrascht. Warum?

“Was?”, lächelte Anna betreten “Ich… stehe bei dir ziemlich in der Kreide. Also nimm es schon. Dann bin ich es endlich los und weiß, dass es sinnvoll genutzt wird und nicht um Kinder bei der Probe der Gräser zu töten.”

Der Jarl lachte kurz und ziemlich perplex. Doch er äußerte sich nicht weiter.

“Na gut.”, sagte er “Danke.”

“Passt schon.”, kam die übliche Antwort auf dessen Dank zurück “Und hier. Der Tee.”

Hjaldrist nahm auch das Leinensäckchen mit dem Gemisch aus Hagebutte, Lindenblüte und Holunder an sich. Er nickte anerkennend und steckte sich das Gift und die Kräuter in die Tasche. Daraufhin entstand eine kurze, unschlüssige Stille, in der auch Rist nicht so wirklich zu wissen schien, was er sagen oder tun sollte. Oder vielleicht hatte er geplant zu gehen und mochte nun doch nicht? Anna sah ihn erst etwas ratlos an und bemerkte, wie sie ein wenig unruhiger wurde. Dann rang sie sich aber zum Sprechen durch.

“Ich habe Karten gekauft.”, entkam es ihr und sie bemerkte selbst gar nicht, wie hoffnungsvoll sie dabei klang “Also Spielkarten. Sie sind schön. Wir könnten noch was spielen. Außer Gwent kenne ich zwar keine richtigen Kartenspiele, aber… naja.”

Anna schluckte trocken.

“Wie? Du kannst keine Kartenspiele, außer Gwent?”, fragte Hjaldrist gleich nahezu empört.

“Trinkspiele halt… Pferderennen oder Martern kann ich. Aber sonst…”

“Na, dann zeige ich dir noch eins, bevor du schlafen gehst.”, grinste der Jarl und war offenbar gleich in seinem Element, obwohl ihn eine Erkältung plagte “Ich träume momentan eh wieder schlecht, also kann ich genausogut noch eine Weile bleiben.”

Ein helles Lächeln zog an Anna’s Lippen. Erleichtert atmete sie auf.

 

“Wir spielen ‘Schwimmen’.”, entschloss Rist, als er Anna Momente später auf deren Bett gegenüber saß und die Frau runzelte die Stirn tief. Sie reichte dem Jarl ihre neuen, teuren Spielkarten, die gleich von jenem gemischt wurden. Die interessierte Frau sah ihm aufmerksam zu.

“Jeder bekommt drei Karten.”, sagte Rist und fing an auszuteilen. Er teilte drei mal drei Karten aus, wobei er eines der Pakete in die Mitte legte. Auf jenes zeigte er.

“An diesen Karten können wir uns bedienen.”, meinte er “Man muss immer drei Karten auf der Hand haben und kann entweder alle oder nur eine Karte mit den Karten in der Mitte austauschen. Klar soweit?”

Anna nickte.

“Gut. Also… Der, der am Ende 31 Punkte hat oder ihnen am nächsten ist, gewinnt die Runde. Es gibt drei Runden. Wer zwei davon gewinnt, gewinnt auch das Spiel.”, erklärte der Jarl “Drei gleiche Karten zählen als 30 einhalb. Ein Ass als 11. Bilder als 10 und Zahlen geben so viele Punkte, wie sie auch darstellen. Verstanden?”

“...Warum heißt das Spiel ‘Schwimmen’?”, hakte die Gegenspielerin des Viertelelfen nach “Weil es von hier kommt oder du mich ärgern willst?”

Hjaldrist lachte auf und warf seiner Freundin einen schiefen Blick zu.

“Nichts von beidem. Sondern weil es in größeren Runden Leute gibt, die schwimmen, sobald sie drei Runden verloren haben. So, wie bei Glückshaus, wenn man kein Geld mehr hat und nur noch einmal würfeln darf.”, klärte der Kerl auf “Nachdem wir aber nur zu zweit sind, gehen die Runden ganz schnell und niemand kommt ins Schwimmen.”

“Oh…”, machte Anna langsam und verstand “Na dann. Spielen wir einfach mal?”

“Klar. Fang an.”, lächelte der Ältere und er schien aufrichtig froh darüber zu sein nun hier zu sitzen, anstatt bei den Betrunkenen im Thronsaal oder allein mit seinen Träumen und Visionen in seinem großen Schlafzimmer. Und auch die Alchemistin im Bunde freute sich. Sie gewann sogar ein paar Runden und schon nach wenig Zeit machte es ihr wahrhaftig Spaß ‘Schwimmen’ zu spielen. Ihre Gesellschaft hätte zudem nicht besser sein können und sie hatte vorhin eine ihrer letzten Flaschen Serrikanischen aus ihrer Kommode geholt, der nun als kleine Unterlage für die gute Laune diente.

Hjaldrist raufte sich soeben die Haare, weil Anna ihn um einen Punkt geschlagen hatte und fragte sich, wie das nur sein konnte.

“Tja.”, lachte die Kurzhaarige, die gerade an der Flasche mit dem Fusel aus der Wüste genippt hatte und das Behältnis nun ihrem besten Freund reichte. Rist hatte seine Krone längst abgenommen und beiläufig auf den Beistelltisch des Bettes geschoben. Und er stöhnte wehleidig, bevor er niesen musste und sich dann daran machte sich ein paar große Schlucke des Wüstenfusels in einen kleinen Becher zu gießen. Es hätte die anwesende Frau nicht gestört, hätte er in seinem kränkelnden Zustand aus derselben Flasche getrunken, wie sie. Die Gefahr, dass sie sich bei dem Mann ansteckte, war so und so schon hoch. Doch Rist hatte nach einem eigenen Trinkgefäß verlangt, um trotz allem Rücksicht zu zeigen.

Anna rutschte in eine bequemere Position und kam in den Schneidersitz, als sie ihrem Kumpan in der neuen Runde drei Karten reichte. Dabei bemerkte sie nicht, dass ihr der Schlitz des vorne gerafften Kleides über das linke Bein nach oben rutschte. Man sah nicht viel von ihrem Oberschenkel, doch das, was man erspähte, ließ den Jarl erst große Augen machen und dann unsagbar kritisch starren. Anna bemerkte es zu spät und erwiderte den Blick ganz verdattert, ehe sie sich den verrutschten Kleidsaum wieder über ihr Bein zog.

“Wann hast du den Verband zuletzt gewechselt?”, fragte Rist direkt und meinte damit die verbundene Wunde, die er gerade gesehen hatte.

“Äh. Heute Mittag. Vor der Arbeit.”, sagte Anna ehrlich und wusste, worauf ihr Freund hinaus wollte. Ihre tiefe Verletzung blutete ab und an noch etwas und klebte ihr den Verband mittlerweile schon wieder feucht an die helle Haut. Sie hatte keine Zeit gehabt, um die Bandage zu wechseln und diese offenkundige Tatsache ließ Hjaldrist jetzt entnervt aufschnaufen.

“Zeig her…”, bat er und Anna glaubte, sie verhöre sich. Doch dann besann sie sich darauf, dass er sie viel früher auch immer dazu aufgefordert hatte. Der damalige Vagabund hatte sich immer sehr gesorgt und gewusst, wie schlampig seine kopflose Begleiterin oftmals sein konnte. Es war nicht selten vorgekommen, dass er ihr saubere Verbände angelegt und sie währenddessen genervt getadelt hatte. Daher gab die Alchemistin auch jetzt nach. Sie atmete flach durch die Nase durch und nickte dann schwach, legte ihre drei Karten weg und kam auf der weichen Matratze näher. Rist gestikulierte auffordernd gen Rocksaum und Anna zögerte, ehe sie jenen wieder anhob. Sie rutschte etwas näher an die Bettkante heran, um das verwundete Bein locker von jener hängen lassen zu können und raffte das lila Kleid so weit hoch, dass man einen guten Blick auf ihren versehrten Schenkel hatte. Hjaldrist beugte sich vor und streckte die Hand aus. Anna erstarrte.

“Bei den Göttern… die Bandage ist völlig eingesifft.”, erkannte er und fasste vorsichtig an das Bein vor sich “Und der Biss ist entzündet. Die Haut ist ganz heiß.”

Seine Freundin schwieg und starrte nur..

“Wir wechseln den Verband und zwar jetzt.”, entschloss der Langhaarige gutmütig “Vorher spiele ich nicht mit dir weiter. Alles klar?”

Anna gab einen verhaltenen Laut von sich, der sich wie eine Zustimmung anhörte. Rist suchte Blickkontakt und die aufgebrachte Jüngere blinzelte überwältigt.

“Ähm…”, machte sie und versuchte nicht zu stottern “Ich… habe Verbandszeug in meinem Rucksack. Glaube ich.”

“Ich hole es…”, nickte der Jarl entschlossen und erhob sich dann, um sich suchend umzusehen.

“Bei-… beim Schrank. Daneben. Am Boden.”, murmelte Anna und Rist erkannte das gesuchte Gepäckstück gleich. Und während er auf jenes zuging, um darin zu wühlen, sah ihm die anwesende Frau ganz ohnmächtig nach. Sie blieb still - ganz anders, als ihr armes Herz - und wartete ab. Sie senkte den Blick ein Stück weit, als der Andere gleich wiederkam. Er hatte einen eingerollten Verband und etwas Salbe dabei. Anna hatte damit angefangen beides immer zusammen mit etwas Alkohol im kleinen Fach ihres Rucksackes aufzubewahren. So hatte man auf längeren Märschen vor dem Tor immer alles, was man zum Verbinden bräuchte, beisammen.

“Du sollst doch achtsamer mit deiner Gesundheit umgehen…”, ermahnte der Skelliger, als er wieder vor Anna trat und schüttelte den Kopf leicht über sie “Ich weiß, du trinkst Lado’s Zeug und bist dadurch vielleicht etwas schwerer kaputt zu kriegen. Womöglich klingen Entzündungen dadurch ja auch schneller ab und du bekommst kein Wundfieber. Aber dennoch. Irgendwann wirst du keine Schwalbe mehr trinken und deine Wunden werden nicht mehr innerhalb weniger Tage vollkommen verheilen. So etwas, wie der Biss an deinem Bein, wäre dann richtig gefährlich.”

Anna verengte die Augen leicht, als sie vor sich hin sah. Sie hatte heute keine Nachsicht walten lassen wollen. Sie hatte einfach den ganzen Tag über gearbeitet und dadurch völlig auf ihren Verband vergessen. Und dennoch: Rist hatte schon Recht, so viel sah sie ein.

“Ich weiß.”, sagte sie also kleinmütig und hörte den Stehenden leise seufzen.

“Manchmal bist du wirklich unglaublich.”, sagte der noch, doch wirkte dabei nicht böse. Und die verletzte Nordländerin rechnete schon damit, dass er jetzt zurück zu ihr auf die Bettkante käme, um ihr zu helfen. Aber weit gefehlt. Rist ging vor Anna in die Hocke und legte das Verbandszeug neben ihr auf der Schlafgelegenheit ab. Er schob die warme Hand vorsichtig unter das Knie seiner Kumpanin und drehte deren Bein ganz leicht, um sich die alte Bandage ansehen zu können, die sich großzügig darum schlang. Vielleicht wollte er wissen, ob das Blut daran getrocknet war und den Stoff damit an Anna’s Verletzung klebte oder nicht. Im Moment war DAS aber ehrlich gesagt das kleinste Bedenken der Frau, die sich sofort wieder leicht anspannte und das nicht des leichten Schmerzes wegen. Völlig zerfahren sah sie auf den Mann vor sich hinab und ihr Kopftheater klinkte sich schadenfroh ein. Denn da war dieser Traum, der ihr nun schon zweimal in jeweils leicht abgeänderter Art untergekommen war und an den sie sich prompt erinnern musste. Bei Freya, er war immer so bildlich gewesen, dass sie ihn sich beinahe komplett zurück ins Gedächtnis rufen konnte: Da war Rist gewesen, der auf seinem Thron gesessen und so berechnend gestarrt hatte. Er hatte Anna zu sich gerufen und ihr dann einfach unverhohlen zwischen die Beine gefasst. Irgendwann… war sie nurmehr ziemlich benebelt vor Lust über ihm gelehnt. Mit einer Hand an der Rückenlehne des Throns und mit offener Hose, die ihr irgendwo auf Halbmast hing. Sie hatte kaum sprechen können und ihre Sorgen nur sehr lasch zwischen verhaltenem Stöhnen und mädchenhaftem Gekeuche äußern können. Anna hatte im Traum Angst gehabt, jemand käme und sähe sie und ihren Vorgesetzten. Der aber, hatte nur verwegen gelacht und mit den Schultern gezuckt. ‘Na und?’, hatte er leichthin gesagt, als seien diese Worte eine Herausforderung. Die völlig eingenommene Frau hatte unter seinen geschickten Fingern verdammt weiche Knie bekommen. Und deswegen hatte Rist sie an der Taille erwischt, nachdem er sich erhoben hatte und hatte Anna einfach auf seinen Thron gesetzt. Bereitwillig hatte sie das zugelassen, denn in dem Moment hätte man alles mit ihr machen können. Und dann… dann war Rist vor ihr in die Knie gegangen. Er hatte der Frau die Hose impulsiv von einem Bein gezogen, um ihr die Knie weiter auseinander drücken zu können. Dann hatte er sich leicht vorgebeugt und-

Anna zuckte arg zusammen, als ihr abrupt ein schmerzliches Ziehen durch den Schenkel jagte, und sie musste die Zähne zusammenbeißen. 

“Entschuldige. Ich dachte, der Stoff ginge besser ab… wir hätten den Verband nass machen sollen.”, murrte Hjaldrist daraufhin sofort betroffen. Er hatte gerade die verkrustete Bandage von der Wunde der soeben noch so geistesabwesenden Gardistin gezogen. Ob er sich dabei, so, wie er vor Anna kniete, wirklich keine hintergründigen Gedanken machte? War Rist tatsächlich dermaßen ‘unschuldig’ oder tat er nur so unbekümmert?

“Naja. Das war’s… wir machen Salbe drauf und dann wird es bald besser.”, versprach er seufzend und sah nicht auf, als er nach dem Salbendöschen und der frischen Bandage am Bettrand fischte. Oh, Melitele sei Dank sah er nicht her. Denn Anna hatte just Mühe damit sich wieder zu fassen. Bestimmt war sie auch noch hochrot geworden, denn sie bekam die pikanten Bilder aus ihren Träumen und all das Wunschdenken noch immer nicht ganz aus ihrem Dummschädel. Doch wie hätte sie das GERADE schon können? Rist hockte da vor ihr, praktisch zwischen ihren Beinen, und fummelte ihr unter dem hochgezogenen Rock am Oberschenkel herum. Verdammte Scheiße. Und sie liebte ihn. Ja, noch immer und abgöttisch. Da konnte sie sich drehen und wenden, wie sie wollte; es wurde nicht besser. Leider. Denn da gab es eine weite Kluft zwischen ‘Ich bin untervögelt und sehe einen hübschen Menschen’ und ‘Ich hatte seit einem halben Jahr keinen Sex und meine große Liebe kniet gerade zwischen meinen Knien’. Kacke. Gerade jetzt und wäre sie sehr betrunken gewesen, dann hätte Anna Rist dumm grinsend vorgeschlagen mit ihr zu schlafen. Einfach so. Sie hätte ihn vielleicht ganz direkt dazu aufgefordert sie zu bumsen, denn ganz ehrlich? Die Arme war gerade an einem Punkt angelangt, wo ihr das im trunkenen Zustand sehr schnell von den Lippen gekommen wäre. Ja, wenn Hjaldrist nur wüsste, woran sie gerade dachte, dann-

Oh.

Anna glaubte, ihr bliebe das Herz stehen. Und ihre geweiteten Augen klebten starr an dem Jarl, der ihr gerade in aller Ruhe Salbe auf die Beinwunde gab und dazu ansetzte ihr den frischen Verband umzuwickeln. Heiß und kalt lief es Anna über den Rücken als die Realisation sie traf, wie ein Brett gegen den Schädel. Denn, Scheiße nochmal, Rist KONNTE manchmal hören, was in ihrem Kopf vor sich ging, nicht? WANN tat er das genau? Kam es spontan und unkontrolliert? Oder vermochte er das mittlerweile sogar bewusst? Sie hatte ihm früher einmal grantig gesagt, dass sie nicht wollte, dass der Oneiromant das bei ihr tat, aber… aber…

Die Schultern der Frau sanken weit. Zuerst linste sie hilfesuchend gen Schnapsflasche, die ihr die Situation gerade nicht schnell genug erleichtern könnte. Wirr sah sie also zu Hjaldrist zurück, starrte sprachlos. Und dann vergrub das Gesicht in den kalten, feuchten Händen. Uh, nein. Rist hatte gerade nicht zugehört, oder? Oh, hoffentlich hatte er das nicht. Die ganze Situation war doch schon verwirrend genug. 

Geschlagen ließ sich Anna zurück, auf das Bett sinken und blieb dann einfach mit den Händen vor ihrer puterroten Visage liegen. Gut, dass es hier drin nicht allzu hell war und ihre Öllichter nur mäßiges Licht spendeten. Scheiße. Warum waren ihre Gedanken nur so schmuddelig? Warum konnte sie nicht einfach so naiv sein, wie sie manchmal tat?

“Anna?”, hörte sie ihren Freund gleich kritisch fragen hören. Sie spürte, wie er den Verband an ihrem Bein schnell gut zuzog und ihr dann den bestickten Kleidsaum brav bis zu den Knien hinunterstreifte.

“Mhm.”, machte die Angesprochene.

“Ist alles gut?”

“Mh-mh.”, gab sie verneinend zurück und nahm die Finger vor ihren Wangen nicht fort. Sie schämte sich. Und gleichzeitig war sie rattig, wie Nachbar’s Köter. Es war eine Misere und sie wollte die Kartoffelschaufel, die sie in Dorve vergessen hatte, haben, um sich damit ein tiefes Loch zu graben und für immer darin zu verschwinden.

“Soll ich dir was von deinen Schmerzmitteln geben?”, wollte Rist geduldig wissen. Und obwohl Anna gerade fand, dass er es ihr geben sollte und zwar auf ganz andere Art und Weise, nickte sie schnell und tat so, als verspüre sie Pein und keinen feuchten Fleck in der halb durchsichtigen Unterhose. Oh Mann. Wo war bloß ihr ach so festes Vorhaben abgeblieben sich von ihren reißenden Gefühlen hinsichtlich ihres besten Kumpels zu distanzieren? Sie sollte wohl doch zu den Wegewächtern gehen. Denn dann wäre sie erstmal weit genug weg, um wieder einen kühlen Kopf zu bekommen.

“Hier.”, machte Hjaldrist, als er Augenblicke später schon wieder da war. Ah, konnte er nicht weggehen? Die Matratze gab unter seinem Gewicht nach, als er sich neben Anna setzte. Und erst jetzt nahm sie die Hände wieder vor ihrem entgeisterten Gesicht fort. Sie sah erst an die Zimmerdecke, dann zu dem hübschen Mann am Bett, der ihr ein volles, mittelgroßes Fläschchen mit dreckig grünem Inhalt reichte. Die Kriegerin nahm jenes entgegen und bedankte sich leise. Dann kippte sie sich davon den ganzen Inhalt in den Rachen. Rist machte große Augen, als er das sah. Denn die halbe Menge einer KLEINEN Phiole dieses Absuds war schon eine starke Sache. Man wurde ganz wirr und dämmrig davon und... das war gut. Jedenfalls sah Anna das gerade so. Wenn sie gleich völlig bescheuert werden würde, würde sie wenigstens nicht mehr den Drang verspüren ihren Freund auffallend nervös angaffen zu wollen oder ihn rausschicken zu müssen, um sich dann, wie recht oft in letzter Zeit, äh, selbst anzufassen.

 

“Oi! Glaubst du, ich kann fliegen?”, nuschelte Anna keine halbe Stunde später schon und Rist verkniff sich seit Minuten schon gewaltsam das Grinsen oder Lachen. Sie realisierte das nur am Rande und es war ihr einerlei.

“Nein.”, sagte der Mann gezwungen beherrscht und presste die Lippen erheitert zusammen.

“Hmpf. Ich will’s versuchen…”, lächelte die bedröppelte Frau dümmlich und stand auf.

“Hey!”, machte der Jarl gleich alarmiert und erhob sich ebenso, als die Jüngere schon taumelig auf eines ihrer Zimmerfenster zuhielt, unter denen es an die fünfzig Meter weit steil bergab ging. Er kam ihr nach und erwischte sie sofort mit beiden Armen fest von hinten.

“Aber-”, wollte sie sich beschweren, doch Rist zog sie von dem Fenstersims fort, auf den sie gerade hatte kommen wollen. Das Elend gab einen frustrierten Laut von sich und zappelte herum.

“Mann, Rist!”, meckerte die fahrige Kurzhaarige und brummte, als sie zurück gen Bett geschleift wurde. Ihr Aufpasser wuchtete die Widerspenstige auf ihre Matratze zurück.

“Vergiss es.”, ächzte der Mann währenddessen bestimmend “Du kannst nicht fliegen, Anna.”

“Wah!”, fiel es der nur ein, als sie sich erst wieder orientieren musste und verstand, dass man sie gerade auf ihr Bett geworfen hatte. Sie war ganz konfus, setzte sich hin und fasste sich an den Kopf.

“Und du bleibst jetzt brav im Bett.”, entschloss Rist noch.

“Man… kann nie wissen, ob man fliegen kann oder nicht, wenn man es vorher nicht ausprobiert hat...”, protestierte die Monsterkundige und sah verzwickt zu ihrem Freund auf, der sich zu ihr gesellte.

“Doch, ich weiß das. Und ich kann dir sagen, dass Menschen NICHT fliegen können.”

“Warum?”

“Weil ich der Jarl bin.”

“Das ist eine blöde Ausrede, Rist…”

“Außerdem tobt unter deinem Fenster, vor den Klippen, das Meer. Und kannst du schwimmen?”

“Nein. Nicht so gut.”, meinte Anna traurig.

“Siehst du? Was, wenn du ins Meer fällst, weil du nicht fliegen kannst, hm?”

“Oh… das wäre schlecht… ich würde ertrinken.”

“Genau das. Und dann würden dich die Ertrunkenen und Sirenen fressen.”

“Ertrunkene? Eugh…”

“Genau. Also bleib hier sitzen. Bitte”

“Hm… in Ordnung…”, machte die Beduselte enttäuscht und rieb sich den Nasenrücken. Hjaldrist schüttelte derweil das Haupt ungläubig über sie, soviel bekam sie mit. Doch er schimpfte nicht, denn er selbst hatte ob des starken Schmerzmittels der bewanderten Alchemistin schon einmal völlig neben sich gestanden.

“Ich bin müde…”, seufzte Anna leise und war auf einmal ganz wehleidig. Und irgendetwas an ihr schien Rist ganz nachgiebig zu machen. Sie konnte im Moment aber nicht fassen, was. Generell wurde gerade alles sehr schwierig und sie schaffte es kaum den Blick ordentlich zu fokussieren.

“Dann schlaf.”, riet der Axtkämpfer “Es ist ohnehin schon spät.”

“Schläfst du hier?”, jammerte die Frau gleich weiter “Früher hast du immer mit mir geschlafen.”

Der Mann zog die Stirn kraus. Und er schwieg betreten.

“Mit mir, zusammen in nem Bett, meine ich… in Redgill und in Novigrad und in Zerrikanterment…”, ergänzte die Wirre im weit fallenden Kleid ganz unbedacht und wand sich schon um, um ungeschickt zu ihrem Kissen zu krabbeln. Bei jenem angekommen, umarmte sie es und ließ sich schwerfällig niedersinken. Sie gähnte leise.

“Ich mag nicht alleine schlafen, Rist.”, murmelte sie niedergeschlagen und hörte sich dabei an wie ein kleines Kind “Das ist voll blöd…”

Und dann blieb der Problem-Huskarl Caer Gvalch’cas einfach leise vor sich hin seufzend liegen. Anna schaffte es nicht mehr einen klaren Gedanken zu finden oder an kühle Vernunft zu denken und würde das auch noch in den nächsten Stunden nicht auf die Reihe bekommen. Aber das machte nichts. Denn es würde nicht lange dauern, bis sie in einen tiefen Schlaf fiele.

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