Kapitel 137 (Buch 5, 14)

Seit dem Frühjahr

Anna’s Hände lagen an der kalten, feuchten Erdwand vor ihr und sie atmete heiser, als sie den Blick hob. Es war dunkel und es stank bestialisch nach Verwesung, Moder und Exkrementen. Sie stand aufrecht, doch das nur beachtlich unsicher, weswegen sie sich am Rand der Grube abstützen musste. Und, oh, sie fror. Er hatte ihr die Kleider weggenommen, glaubte sie. Anna konnte sich nicht mehr so genau daran erinnern. Tief holte sie Luft.

“Lass mich raus!”, rief sie kehlig und war nun, nach einer quälenden Ewigkeit hier unten, vollends verzweifelt und verwirrt. Sie schluckte schwer und ihre Finger zitterten heftig. Ihre linke, durchstochene Hand schmerzte höllisch und blutete noch immer. Sie hatte eine panische Angst.

“Bitte!”, brüllte sie, so laut sie noch konnte, doch niemand antwortete ihr.

Die Frau fuhr mit einem leisen, doch erschrockenem Ton auf den trockenen Lippen hoch. Abrupt hob sie den Kopf und starrte in das nur spärlich erhellte Zimmer. Ihre Atmung ging schnell und sie war erst völlig konfus, doch gleich verstand sie, wo sie war: Zuhause. Tief stieß sie die Luft durch ihre halb offenstehenden Lippen aus, während ihr Blick noch immer in der Leere hing. Eine der beiden Öllampen am Beistelltisch brannte noch immer und verströmte ein flackerndes, warmes Licht. Da lag eine Jarlskrone neben der kleinen Flamme. Anna’s unstete Augen sanken nur langsam auf das Schmuckstück und in dem Zuge dann auch auf dessen Besitzer. Hjaldrist war noch da. Ihr zugewandt und eine Armlänge entfernt lag er auf der zweiten Bettkante und schlief ganz offensichtlich. Seine Freundin sah ihn eine Weile lang schweigend und noch immer etwas blass an. Als wäre sie noch nicht ganz wach, tat sie das. Dann schloss sie den Mund. Die Lider niederschlagend fuhr sich die Frau mit einer Hand über das Gesicht und ließ sich dann wieder zurück auf ihre Matratze sinken, rollte sich auf den Rücken. Ein überfordertes Stöhnen entkam ihr dabei. Und sie blieb einfach noch ein paar Momente lang liegen, bis sie richtig im Hier und Jetzt ankam. Verdammt. Anna presste sich die Handballen vor die Augen und versuchte die vergangenen Traumbilder aus ihrem schwirrenden Kopf zu verbannen. Jene… jene waren ihr dabei nicht einmal neu, denn es waren immer dieselben Gedankenstücke, die sie so oft einholten. Diese Fetzen, detailliert, doch kurz, waren die einzigen Erinnerungen an das, was nach dem dritten Tag ihrer Ankunft in Kaer Iwahell im Frühling geschehen war. Nur wieso? Warum hatte sie so viel von der Zeit während ihrer Entführung vergessen? Waren die Dinge, die ihr widerfahren waren und von denen sie nichts wusste, gar schlimmer als das, was sie immer wieder träumte? Beim Arsch Meliteles… manchmal glaubte Anna ja, ihr fiele wieder mehr ein. Dann fühlte es sich an, als wie wenn einem ein Wort auf der Zunge lag. Und trotzdem wollte es der Trankmischerin nicht in den Sinn, was Silven genau getan oder gesagt hatte. Die Frau konnte sich nicht einmal mehr daran erinnern, wie er ausgesehen hatte. Warum?

Erschöpft nahm Anna die Hände endlich wieder von ihren Augen und seufzte genervt, als sie an die dunkle Zimmerdecke starrte. Hjaldrist murmelte im Schlaf ein leises, unverständliches Wort und verstummte direkt wieder. Anna drehte den Kopf, um abermals zu dem zu sehen, der da ganz ruhig mit im Bett lag und seelenruhig schlummerte. Rist hatte sich die Stiefel ausgezogen, bevor er sich hingelegt hatte. Sein schöner Fellumhang von Pavetta hing irgendwo am Bettende und sein Gürtel mit der ledernen Tasche daran daneben. Mit seiner zusammengerollten Wolltunika als Kissen schlief er scheinbar tief und fest. Und obwohl er im fahlen Lampenschein etwas bleich um die Nase erschien und man an seinen Augenringen sah, dass er schon wieder - oder noch immer? - kränkelte, war er unheimlich hübsch. Anna lächelte schwach. Es war nett von ihm gewesen hier zu bleiben. Aber sie hätte das auch für ihn getan, hätte er am Rad gedreht und, ähm, aus dem Fenster springen wollen. Die Alchemistin riss den Blick von ihrem Freund und musste über sich selbst die Augen rollen. Ja, das mit dem Fliegen war neu.

“Oh Mann…”, wisperte sie ganz leise und setzte sich dann hin. Kurz verzog die Nordländerin das Gesicht, denn ihr stechender Oberschenkel meldete sich gleich wieder zu Wort und erinnerte daran, dass man seinen Verband heute frühzeitiger wechseln sollte. Und das würde Anna auch gleich tun. Dieses Mal ohne die Hilfe ihres besten Freundes. Sollte der mal schön weiterschlafen. Denn solange er das tat, käme sie wegen ihres Verhaltens von gestern Abend nicht in Verlegenheit. Also bemühte sich die Frau im vom Liegen zerknitterten Kleid darum so vorsichtig, als möglich an die Bettkante zu rutschen, um aufzustehen. Den Göttern sei Dank musste sie dabei nicht über Rist krabbeln, denn ihre Schlafgelegenheit stand nur mit dem Kopfende an der Wand. Links und rechts davon war genug Platz, um von den restlichen drei Seiten aus aufstehen zu können. Anna kam also auf die Beine und strich sich das Kleid vorne etwas glatt. Sie hielt inne und sah sich noch einmal nach dem Jarl um, der heute als pflichtbewusster Aufpasser und bester Kumpel bei ihr genächtigt hatte. Kurz taxierte sie ihn, wie er in Hose und Hemd dalag; erkältet und mit seiner Tunika unter dem Kopf mit den vom Schlafen wirren Haaren. Die Kriegerin zog die Brauen zusammen und musste nicht lange überlegen, bevor sie dazu ansetzte nach ihrer dicken Schurwolldecke zu klauben. Anna hob jene zögerlich an, um Hjaldrist folglich zuzudecken. Sein improvisiertes Kissen nahm sie ihm aber nicht weg, um es mit dem echten zu ersetzen. Erst dann fischte sie die Öllampe von ihrem Nachttischchen, um damit durch das noch morgendlich dunkle Zimmer zu gehen. Sie hielt erst an einem Fenster, um es leise zu öffnen und frische Luft hereinzulassen. Dann holte sie sich ihren Rucksack und trat damit vor ihren Schreibtisch, um sich auf den Stuhl davor zu setzen. Sie stellte die Laterne ab und atmete einmal müde durch. Ihr Gepäckstück zwischen den Füßen, an denen noch ihre frisch geputzten Stiefel steckten, zog Anna dann einen sauberen Verband hervor und tastete blind nach ihrer Alchemiekiste auf der Ablage, um dieses aufklappbare Kästchen an sich heranzuziehen. Die Frau schob sich den lila Rock hoch und nahm sich den alten Verband von gestern Abend ab. Die Wunde darunter sah schon ein kleines Bisschen besser aus, bräuchte aber sicherlich noch eine Weile, bis sie verheilen würde. Anna holte helle Salbe zwischen all ihrem Alchemiekram hervor und machte sich daraufhin daran sich frisch zu verbinden.

 

Mit einem Stück zähen Trockenfleisches zwischen den Zähnen saß Anna dann, etwas später, noch immer an ihrem Tisch und ihre Augen hingen auf dem dunkelblauen Meer, das in der Dämmerung an zwei Schiffen am Horizont riss. Von ihrer Position aus konnte sie gut nach draußen äugen, denn die Falkenburg war elfischer Bauart, was hieß, dass es hier unter anderem viele hohe Fenster gab. Eines davon befand sich direkt vor dem Tisch der Kurzhaarigen, die gerade gedörrtes Fleisch frühstückte, um eine Unterlage für Schwalbe zu haben. Wenn sie den Trank nämlich nahm, ohne vorher etwas gegessen zu haben, musste sie sich ganz schrecklich übergeben. Das immer wieder über Stunden hinweg, denn der Hexertrank bekam ihrem Magen alles andere, als gut. Also stopfte sie noch einen Streifen Fleisch in sich hinein, als sie gedankenverloren aus dem Fenster starrte und dabei den Kopf locker auf eine Hand stützte. Ihr war etwas schummrig. So, als habe sie ein bisschen Fisstech genommen. Und sie wusste, dass das soeben nicht besser geworden wäre, wäre sie zu abrupt aufgestanden. Ihr labiler Kreislauf begann zu meckern, sobald die Wirkung von Lado’s Absud abflaute. Mittlerweile kannte Anna die Auswirkungen von diesem Abebben der ‘Medizin’ schon in- und auswendig: Erst wurde sie leicht abgeschlagen, dann kam der schleichende Schwindel. Danach fing sie sich an so zu fühlen, als habe sie eine fürchterliche Grippe mit Schüttelfrost und krampfenden Gliedern. Das war der Punkt, an dem sie in der Vergangenheit oft aus dem Schlaf aufgewacht war, um ganz schnell Schwalbe zu trinken. Verpasste sie diesen Moment, dann fing ihre Nase damit an unsagbar schlimm zu bluten. Und danach kamen der trockene Mund, die Schmerzen, der schreckliche Bluthusten und die klammernde Ohnmacht, denen sie damals, vor gut fünf Monaten in Bogenwald fast erlegen war. Aber gerade, da war noch alles gut. Anna war erst beim vagen Schwindel angekommen, also hatte sie noch viel Zeit, um in Ruhe zu essen und dann nach einer der kleinen Fläschchen aus ihrem Gepäck zu klauben, in der die rötliche Flüssigkeit schwappte, die Lado ihr immer im Vorrat zusammenpanschte. Nie hatte er dafür Geld verlangt, der gutmütige Kerl. Das war mitunter ein Grund dafür, warum sie ihm damals das geheime Rezept der hoffentlich echten Kräuterprobe anvertraut hatte. Und er besaß es natürlich noch immer. Sie hatte es vor wenigen Wochen auf Siofra in seinem Alchemieschrank liegen gesehen. Zusammengerollt hatte es ganz offen da gelegen. Anna hatte das Pergament, das Adlet ihr einst geschrieben hatte, genommen und in die Lade des Giftschrankes der Viper gelegt, damit es nicht jeder sofort und mit einem Handgriff stehlen könnte. Hm. Ob Lado wirklich plante seine Schule wieder groß zu machen…? Anna wusste ja nicht, was sie davon halten sollte. 

Den letzten Bissen trockenen Fleisches, das sie sonst auch immer beim Dienst bei sich hatte, hinunterschluckend, fasste Anna abermals nach ihrem hölzernen Kästchen, lugte forschend hinein und nahm sich eine Phiole gestreckter Schwalbe heraus. Sie entkorkte jene und zögerte einige Momente lang. Urgh. Wie lang nahm sie diese Scheiße nun schon? Sie hatte sich noch immer nicht daran gewöhnt. Unglücklich zuckte Anna’s Mundwinkel. Dann leerte sich die Novigraderin den gesamten Inhalt des Fläschchens in den Mund. Das Glasbehältnis daraufhin vor sich abstellend, schloss Anna die Augen und schluckte das Toxin hinunter. Dann fing es an. So, wie jeden Morgen. Die beißende Flüssigkeit lief ihr nicht einfach so den Rachen hinab, sondern fühlte sich an, als breite sie sich explosionsartig in ihrem Brustkorb aus. Die Frau atmete einmal scharf ein, dann hielt sie den Atem an und verzog das Gesicht gepeinigt. Die Unterarme vor sich auf den Tisch gestützt, senkte sie den Kopf und ächzte leise. Es war, als reiße ihr jemand die Rippen auf; als ziehe sich ihre Speiseröhre krampfartig zusammen. Schwalbe fühlte sich an, wie flüssiges, heißes Metall. Das Gift erreichte den Magen Annas, der sich augenblicklich verknotete und sie kurz würgen ließ. Doch sie biss die Kiefer zusammen und ermahnte sich im Geiste dazu regelmäßig durch die Nase zu atmen. Ein und aus. Noch einmal. Und wieder. Denn alles war doch so, wie immer. Dennoch brach ihr der Schweiß aus und ihr Kopf sank tief, bis er zwischen ihren Armen auf der hölzernen Tischplatte lag. Ein verhaltenes Jammern entkam Anna, als sie sich da so krümmte. Und sie glaubte, die Schwalbe käme ihr gleich genauso stechend und schmerzhaft wieder hoch, wie sie sich just in ihren Körper gefressen hatte. Es war solch ein zerrender, durch und durch alles erfüllender Schmerz, dass es der Schwarzhaarigen die Tränen in die Augen trieb. So, wie jeden Morgen. Aber anders, als jeden Tag in der Früh, hatte Anna Gesellschaft. Und genau diese stand nun hinter ihr. Die gequälte Alchemistin hatte Hjaldrist gar nicht kommen gehört und bemerkte ihn erst, als er neben ihr stand. Die Hand an ihre Schulter legend, fasste der Mann vor, um nach dem leeren Trankfläschchen Lados zu fassen und es zu betrachten. Anna sah schwach auf. Noch immer ging ihr Atem stockend und ihre Augen waren gläsern. Sie sagte nichts, denn gerade fühlte sich ihr Hals dafür noch viel zu eng an. Sie hörte den Mann bei sich, der noch sehr verschlafen aussah, seufzen. Dann stellte er die Trankphiole wieder ab. Die Hand an der Schulter blieb Anna aber noch eine kleine Weile im stillen Beistand erhalten.

“Es mag dich aufrecht halten, aber es tut dir nicht gut…”, glaubte Rist “Fang an es zu reduzieren.”

Anna schüttelte das Haupt leicht und vielleicht war das vorschnell.

“Du hast keine Ahnung, wie es sich anfühlt, wenn ich es nicht vorschriftsmäßig nehme…”, krächzte die Frau mit der belegten Stimme. Ihr Schwindelgefühl schwand allmählich, doch ihr Bauch tat weh.

“Und da bin ich auch froh drüber.”, gab der Jarl direkt zu “Es reicht mir aber auch zu sehen, wie du immer mit dir ringen musst, wenn du den Mist trinkst. Auch, wenn ich mich wundern muss, weil du es immer wieder aushältst. Schwalbe ist Gift. Ein viel stärkeres, als du dir früher schon stets hinunter gezwungen hast. Und keiner kann mir erzählen, dass das auf Dauer gut ist. Normale Leute sterben daran, Anna. Und du auf kurz oder lang sicherlich auch.”

Anna schwieg. Ach, sie hatte ja auch keine Ahnung, was sie tun sollte. Lado hatte ihr jedenfalls dazu geraten seinen Absud einfach weiterhin so, wie gewohnt, zu nehmen. Und daran hatte sie sich bisher auch gehalten. Gleichzeitig war sie kein Vatt’ghern. Sie war nicht vollkommen resistent gegen alle Auswirkungen von Hexerdingen. Selbst Quen zwang sie ab und an noch in die Knie, wenn sie es schlampig ausführte. Die Schwarzhaarige war zu irgendeiner unglaublich schlechten Parodie von all dem geworden, das sie sich früher gewünscht hatte. Jedenfalls fühlte es sich manchmal so an.

“Ich… will nicht wieder dieses zähe Fieber kriegen, Rist.”, öffnete sich Anna ganz plötzlich, als ihr hustender Freund die Finger von ihrer Schulter nahm “Ich will nicht noch einmal so schwach werden, dass ich eine Woche lang nicht mehr aufstehen kann, und Blut husten muss. Ich möchte einfach nur gesund werden, meinem Alltag sorgenfrei nachgehen können und nützlich sein, ohne mich manchmal viel stärker zeigen zu müssen, als ich es bin. Aber ich weiß nicht, wie.”

Stille tat sich daraufhin im Raum auf. Durch das offenstehende Fenster konnte man das Meer rauschen hören und eine Brise brachte den angenehmen Geruch nach Salzwasser mit sich. Der war mittlerweile so gewöhnlich in Anna’s Leben. Genauso, wie das ständige, mal nahe und mal ferne, Brausen der See. Es war eigenartig. Vor wenigen Wochen, in Bogenwald, hatte sich die schlaflose Trankmischerin dabei ertappt es nachts als viel zu still zu empfinden. Sie hatte kaum einnicken können, weil ihr die leise, rhythmische Geräuschkulisse des Meeres gefehlt hatte; das Wellenrauschen, der Wind und das gelegentliche Krähen der Möwen oder das Rufen der Sturmvögel.

Anna holte Luft, um das Schweigen zu brechen, das sie so pathetisch losgetreten hatte. Sie brauchte zwei Anläufe, um passende Worte zu finden, doch als sie das tat, schaffte sie es auch wieder sich gerader hinzusetzen. Sie räusperte sich, um die schmerzende Kehle freizubekommen.

“Ich verstehe, was du meintest. Wegen Schwalbe.”, sagte sie aufrichtig und ihre Augen hingen wieder auf den beiden Booten, die weit entfernt im Meer trieben. Ein abfällig-erheitertes Schnauben entkam der Frau, ehe sie ihre Aussage fortsetzte und sich dabei die Schläfe rieb.

“Weißt du, was in dem Trank unter anderem drin ist? In Schwalbe, meine ich. Ertrunkenenhirn, Rist. Innereien von einem Leichenfresser.”, meinte Anna und der schale Geschmack auf ihrer Zunge brachte sie dazu unwohl zu erschaudern “Das Zeug ist nicht nur irgendein Gift aus Kräutern. Im Grunde kippe ich tote Monster in mich rein und hätte ich mich nicht längst an diesen Gedanken gewöhnt, dann-… urgh.”

Man hörte, wie auch der entrückte Jarl einen leisen Laut des Ekels von sich gab. Er holte merkbar Luft zum Reden, doch seine Freundin war noch nicht fertig. Sie lächelte matt vor sich hin.

“Ich… werde Lado und Aldoran schreiben. Und dann überlege ich mir was. Wenigstens in DER Angelegenheit will ich soweit allein was tun können, ohne, dass irgendwer irgendwas über meinen Kopf hinweg entscheidet oder mir irgendein Elf dazwischenfunkt.”, sagte sie ruhig “Denn du hast Recht.”

Hjaldrist, der noch immer bei seiner Freundin stand, schwieg einige Herzschläge lange. Dann nickte er aber. Er legte Anna die Hand auf den Kopf und ob dieser ungewohnten Berührung erstarrte die Frau kurz. Doch sie entspannte sich schnell wieder. Swantje tat das auch immer bei ihren Kindern. Ihr ältester Sohn schien sich das von ihr abgeschaut zu haben. Ein Deut eines Lächelns kitzelte die Mundwinkel der Giftmischerin.

“Mach das.”, sagte Rist und schaukelte das ganze Thema rund um Lado’s Schwalbe und Kreislaufzusammenbrüche oder Krankheit nicht weiter hoch, sondern wechselte es. Er tat gut daran, denn seine Kumpanin hatte keine große Lust sich den Kopf noch weiter zu zerbrechen.

“Du hast schon gefrühstückt?”, fragte der Undviker nach.

“Ja. Trockenfleisch.”, erzählte Anna.

“Also nein.”, schnaufte der Stehende seine Antwort.

Anna brummte etwas Unverständliches. Irgendetwas über Ansprüche und etwas, das sich anhörte wie ‘Früher war für uns auch Dörrobst auf altem Brot Frühstück’. Der Jarl lachte abfällig-belustigt und ließ seine Finger im Haar der Sitzenden sinken.

“Also… ich mache mir gleich ‘Pfnannenknuchen’ mit Speck.”, flötete er hintergründig und Anna, die man damit IMMER locken konnte, wurde ganz hellhörig “Viel Spaß mit deinem Dörrzeug auf Brot, du Flughund.”

“Flughund?”, maulte sie und drehte sich auf dem Stuhl, um zu ihrem kränklich grinsenden Kumpan sehen zu können.

“Köterschule”, kombinierte er “Und Fliegen. Das wolltest du gestern doch. Flughund.”

“Hmpf...”, schmunzelte die Sitzende.

“Aber wie auch immer. Ich glaube, ich kippe mir dann noch Honig oder Sirup über die Pfannenkuchen. Ja, das mache ich. Der soll nebenher gut gegen Halsschmerzen helfen, habe ich gehört.”, dachte der Axtkämpfer bewusst laut und Anna machte die Lippen ganz schmal. Sie verengte die schwarzen Augen grüblerisch, ehe sie sich geschlagen gab.

“...Ich glaube, Trockenfleisch ist doch kein Frühstück. Du hast dich vorhin wohl verhört.”, entkam es ihr also lasch und man sah, wie sich der Undviker im Raum ein Lachen verkniff. Er gluckste leise, musste dann aber niesen. Etwas überfordert schniefend deutete er seiner Kollegin dann an ihm einfach zu folgen, doch sie schüttelte den Kopf.

“Ich komme nach.”, gab sie etwas kleinmütig lächelnd von sich. Und das aus zweierlei Gründen: Erstens wollte sie sich erst frische Kleidung anziehen und zweitens hätte es… eigenartig gewirkt, wären sie beide zusammen ganz verschlafen aus Anna’s Zimmer gekommen. Am Ausgang zur unweiten Terrasse stand seit Svenja’s Angriff meistens ein Huskarl herum und auch so wuselten in der Brug genug Leute umher. Und die Nordländerin wollte nicht, dass wieder irgendwelche Gerüchte über sie und ihren besten Freund aufkämen; so, wie zu Mittsommer, als sie den lallenden Rist ins Bett gebracht, bei ihm geschlafen und am Morgen einem grantigen Haldorn über den Weg gelaufen war, als sie das Zimmer des Jarls verlassen hatte.

Hjaldrist zuckte die Achseln.

“Dann bis gleich.”, machte er und wandte sich ab, um seine Sachen zusammenzusammeln, die nahe der Schlafgelegnheit Annas verteilt umherlagen. Er setzte sich die Krone auf die wirren Haare, gähnte, schlüpfte in seine wadenhohen Stiefel, hustete, warf sich seinen Fellmantel über den Arm und ging dann mit einer kurzen, grüßenden Handgeste raus. Die jungenhafte Alchemistin, die dies beobachtet hatte, blickte dem langhaarigen Mann nach, als er ging. Es würde nicht lange dauern, bis sie ihm folgen würde. Und wer weiß? Vielleicht träfe sie dann, in der Küche ja auf ‘Knochknönig Knorbert’. Es hätte sie gerade jedenfalls ungemein erheitert.

 

“...Rist?”, fragte Anna zögerlich und brach damit das frühmorgendliche Schweigen im Esszimmer. Sie war auffallend wortkarg gewesen, seit sie vorhin von oben gekommen war, um mit Hjaldrist zu frühstücken. Der Besagte war noch zu matt und kränklich, als dass er beim Essen große Themen oder überflüssig erzwungene Plaudereien losgetreten hätte. Also hatte er bisher schweigend zwei, drei Pfannenkuchen in sich hineingestopft und dem gezuckerten Kräutertee seiner Alchemistenfreundin gefrönt, der tatsächlich gut gegen seine Halsschmerzen und den Husten half. Es hatte ihn bei weitem nicht gestört nicht zu sprechen. Er und Anna hatten schon immer, seit sie sich kennenlernten, stumm zusammensitzen können und es war niemals unangenehm gewesen. Warum hätte es das also heute sein sollen? Dennoch sah Anna, die just das rote Kleid aus dem Caed Myrkvid trug, ihn gerade so zerknirscht an.

“Hm?”, machte der Mann, nachdem die Jüngere ihn angesprochen hatte, und sah von seinem dampfenden Teebecher auf, der süßlich nach Holunder und Lindenblüten duftete. Das Parfüm, das Pavetta der Nordländerin aufgeschwatzt hatte, mochte dazu passen.

“Wie weit bist du eigentlich mit… naja, deiner Gabe?”, fragte Anna etwas ungewandt. Sie hatte bisher nicht mehr, als einen Pfannenkuchen gegessen und das war ungewöhnlich für sie. Normalerweise, da verhielt sie sich, wenn es um jene ging, wie ein ausgehungerter Ghul auf einem verlassenen Schlachtfeld nach einem Kriegsszenario. Generell, so war es Hjaldrist längst aufgefallen, hatte sie in letzter Zeit selten Appetit.

“Was meinst du genau?”, hakte Hjaldrist skeptisch nach und ließ seine Gabel sinken. Irgendetwas stimmte nicht. Was war los?

“Diese Visionen, die du immer hattest…”, sagte Anna und drehte ihren warmen Teebecher etwas abwesend zwischen ihren Fingern mit den auffallend sauberen Nägeln. Sie kam sich dumm vor, das sah man ihr an, denn sie tat sich schwer damit Blickkontakt zu halten.

“Träumst du noch immer so oft so schlecht…?”, wollte sie wissen.

“Manchmal…”, gab der dunkelhaarige Jarl ehrlich zurück “Warum fragst du? Habe ich mich letzte Nacht etwa komisch verhalten?”

“Was? Nein…”, wand Anna schnell ein “Es war alles gut. Also… bei dir, meine ich.”

Hjaldrist runzelte die Stirn und sah seine Kumpanin einfach nur abwartend an. Worauf wollte sie hinaus?

“Ich… träume seit Monaten immer wieder dasselbe. Also stets die gleichen Dinge. Manchmal in vielleicht etwas abgeänderter Form. Mal realer, mal verquerer.”, eröffnete sie plötzlich und atmete geschlagen aus “Es ist aber immer schlimm. Und es bringt mich jedes Mal durcheinander. Manchmal habe ich die Bilder nach dem Aufwachen noch stundenlang im Kopf. Sie machen mich oftmals echt fertig und deswegen wollte ich fragen-”

Die Frau hielt inne und schob die Worte in ihrem Mund hin und her, ehe sie sie von sich gab.

“Vielleicht hast du ja einen Rat. Denn mittlerweile wird es echt schwer für mich.”, meinte sie und lebte hier gerade genau das, was sie vorhin, nachdem sie Schwalbe getrunken hatte, ausgesprochen hatte: Sie gab sich nicht gezwungenermaßen hart, sondern war ganz sie selbst und gestand sich Schwächen ein. Es kam überraschend, denn gerade in letzter Zeit übernahm sie sich oft, wenn es darum ging durchzuhalten.

“Ich weiß, ich bin keine Träumerin. Aber vielleicht… naja…”, räusperte sich die Frau und sah in ihren Becher, als warte dort eine Antwort auf sie “Vielleicht kennst du ja trotzdem einen Trick… oder so. Ich weiß nämlich nicht, was ich tun soll.”

Hjaldrist betrachtete Anna noch immer etwas verblüfft, doch dann wurde seine Miene schnell ernster. Er hatte nicht gewusst, dass seine Kumpanin nachts so oft geplagt wurde. Natürlich träumte jeder einmal schlecht, das war normal. Nicht gewöhnlich war es aber, wenn man im Schlaf stets dasselbe sah und davon auch klammernd eingeholt wurde, wenn man wach war. Träume waren da, um den Alltag zu verarbeiten und nicht, um jenen schwerer zu machen.

“Warum hast du mir das nicht früher gesagt?”, wollte der undviker Krieger wissen. Seine Freundin wiegte den Kopf unschlüssig und rieb sich den Nasenrücken betreten. Dann zuckte sie mit den Schultern. Wahrscheinlich hatte sie Hjaldrist nicht mit der Thematik behelligen wollen, weil er in ihren Augen schon genug für sie tat. Diese Idiotin. Nachgiebig musste der Langhaarige seufzen. Sein Blick fing damit an zu wandern, als er anfing nachzudenken und grüblerisch nahm er einen Schluck seines Tees. Erst nach einer ganzen Weile redete er.

“Wovon handeln die Träume genau?”, wollte er wissen.

“Von-... vom Frühjahr.”, gab Anna zurück und ihr Kumpan wusste, was sie damit meinte: ‘Frühjahr’, das war in diesem Fall ein Ausdruck für Gegebenheiten, die die Kriegerin nicht aussprechen wollte. Dinge, die ihr damals, im Frühling in Kaer Iwahell passiert waren.

“Das dachte ich mir fast…”, gab Hjaldrist aufrichtig zu. Denn er ahnte, nein, WUSSTE, doch, dass seine engste Freundin vor ein paar Monaten einen ordentlichen Schlag erfahren hatte, der sie auch heute oftmals eisern gepackt hielt. Es war ein Trauma gewesen. Und der Jarl wusste nur zu gut, wie sich so etwas äußerte. Auch ihm war früher etwas widerfahren, das er nicht aussprechen wollte. Bei ihm nannte man es nicht ‘Frühjahr’, sondern ‘Die Sache mit Alrik’. Und diese hatte ihn damals nicht nur immer wieder in fürchterlichen Träumen eingeholt, sondern auch tagsüber. Und es war erschütternd und einschränkend gewesen. Das war es heute gar noch manchmal. Etwa dann, wenn es um das Thema ‘Sex’ ging. Was dies anging, würde Hjaldrist wohl niemals mehr ganz freizügig werden. Aber wie auch immer. In seinen Augen gab es nur zwei Dinge, die solche verschissenen Angelegenheiten heilten: Viel Zeit, darüber reden und Rache. Der Skelliger wusste aber auch, dass Anna erst beim ersten dieser drei Punkte stand. Der zweite war in ihrem Fall nicht so leicht, denn sie tat sich mit großen Emotionen schwer. Und der dritte… der bedurfte langwieriger Planung, doch würde auch irgendwann eintreten. Da war er sich ganz sicher. Silven würde sterben. Irgendwann.

“Also…”, fing Hjaldrist an “Ich weiß nicht, ob du direkt etwas gegen deine Träume tun kannst, Anna. Denn du bist keine Oneiromantin, wie du schon sagtest.”

Die Novigraderin sah nach dieser Meinung nicht überrascht aus. Sie hatte wohl mit einer Antwort solch einer Art gerechnet. Dennoch wirkte sie ein wenig enttäuscht.

“Was helfen würde, wäre es öfter über deine Erinnerungen an das Frühjahr zu sprechen. Darüber, wie es dir ging und wie du heute davon denkst.”, glaubte der Undviker und sah gleich, wie sich die Andere ein wenig versteifte. Ihr Blick wurde unstet und sie fing damit an an dem Bändchen herumzufummeln, das zu der Frontschnürung ihres schönen Kleides gehörte. Bei Hemdall, sah sie vielleicht beklommen aus.

“Dir ist niemand böse, wenn du es nicht tust. Aber du solltest es irgendwann machen.”, gab Hjaldrist von sich “Friss nicht alles in dich rein und glaube, dass du ganz allein damit zurecht kommst.”

Anna nickte halbherzig und schwieg. Es war eine indirekte Abwehr. Punkt Eins. Sie bräuchte noch Zeit.

“Und… naja… wegen den Träumen.”, griff der Mann das eigentliche Thema wieder auf “Ich bin mir sicher, dass du nicht in sie eingreifen kannst. Aber vielleicht vermag ICH das ja.”

Die Giftmischerin linste nach diesen unerwarteten Worten skeptisch her.

“Erinnerst du dich daran, wie Mia in meinen Traum kam?”, fragte der Jarl nach “Ich hatte es dir erzählt, bevor wir von Vizima abgehauen sind. Sie tauchte einfach in meinem Schlaf auf und interagierte dort mit mir. Das auch noch so, wie sie es wollte. Sie formte meine Traumbilder. Einfach so.”

Die hellhörig gewordene Schwarzhaarige nickte erneut langsam.

“Jeder Oneiromant kann in die Träume Anderer gehen. Also rein theoretisch.”, erklärte der Skelliger “Ich sollte es daher auch können. Nur habe ich es noch nie versucht. Es ist ein schwieriges und auch… naja, eher intimes Verfahren, meine ich. Ich wäre auch ehrlich gesagt nie auf die Idee gekommen irgendwen im Schlaf heimzusuchen. Warum auch? Ich bin weder manipulativ, noch interessiert es mich, wovon irgendwelche Menschen träumen.”

Man erkannte, wie es in Anna’s Kopf ganz schön zu arbeiten begann. Gut.

“Also… wenn du möchtest, könnte ich versuchen mir deine Traum anzusehen.”, schlug er vor “Es wäre nur ein Experiment… aber wenn es klappen sollte, könnte ich versuchen das, was du träumst, zu verändern. Zum Positiven. Es würde mich, zugegeben, auch interessieren, ob ich das tatsächlich kann.”

“Du meinst das geht wirklich…?”, fragte die Kriegerin unschlüssig, doch durchaus interessiert.

“Ja. Es sollte. Ich kann manche Dinge in meinen Träumen mittlerweile auch so anpassen, wie ich es will. Warum sollte es bei dir also nicht funktionieren?”

Anna gab einen zustimmenden Laut von sich und schien zu verstehen. Ihr Freund lächelte leicht, obwohl er gerade nicht ganz so selbstsicher und zuversichtlich war, wie er es gerne gewesen wäre.

“Hmm… versuchen wir’s einfach.”, entschloss die Frau einen tiefen Atemzug später schon “Wenn es nicht klappen sollte, habe ich eben Pech gehabt. Oder?”

“Sehe ich auch so.”, fand Hjaldrist “Dann komm heute, nach der Arbeit, einfach zu mir, ja? Bis dahin habe ich meine alten Notizen von Mia gesichtet und mir hoffentlich einen Plan zurechtgelegt.”

“In Ordnung.”, sagte Anna. Auch sie lächelte jetzt endlich schwach, nahezu erleichtert, und verstand vielleicht gar nicht, welch eine große und gefährliche Erlaubnis sie ihrem besten Freund hier gerade erteilt hatte.

 

Anna tauchte kurz vor Mitternacht bei Hjaldrist auf. Nachdem sie von ihrem Dienst am Tor kam und heute nicht in der Wildnis umher gestromert war, trug sie keine Metallrüstungsteile an sich. Denn innerhalb der Stadt war es im Vergleich zu draußen sehr sicher. Also hatte sich die Frau nur das rote Kleid vorn hochgerafft, um nicht darüber zu stolpern, ihre grün-blaue Schärpe und den Waffengurt angelegt und sich ein wärmendes Schulterfell übergeworfen. Ein wenig Dreck klebte ihr an der Wange und ihre Haare waren nicht mehr ganz so ordentlich, wie heute Morgen, als sie etwas außer Atem hier ankam. Dennoch sah sie hübsch aus. Offenbar war die Kräutersammlerin direkt hierher gekommen, anstatt sich noch einmal kurz zurückzuziehen, zu essen oder ihr Stahlschwert abzulegen. Entweder war sie also ziemlich aufgeregt und hatte nicht anders können, als gleich zu Hjaldrist zu rennen, oder aber, sie glaubte schnell wieder wegzukommen und alle anderen Dinge später noch erledigen zu können. Das würde sie aber nicht.

“Hey.”, begrüßte der besagte Skelliger seine Freundin, nachdem jene erst brav angeklopft hatte und dann eingetreten war. Er hatte sich von seinem Platz am Fenster erhoben, aus dem er eine geraume Zeit lang gestarrt hatte. Nachdenklich und stirnrunzelnd hatte er den wilden Wellen des Meeres im Vollmondschein zugesehen und sich dabei gefragt, ob er es heute Nacht wohl schaffen würde, Anna zu helfen. Er hatte keine Ahnung und die geplante Aktion war eher ein wahnwitziger Versuch, als alles andere. Der Undviker war also nervös. Sehr. Doch er ließ es sich nicht anmerken, um seine Gefährtin nicht zu verunsichern. Mia hatte Hjaldrist damals oft klugscheißerisch erklärt, dass man unheimlich vorsichtig sein musste, wenn man in die Träume anderer ging. Seine Mitschriften hatten ihm diese Warnung heute noch einmal dick unterstrichen. Denn machte man währenddessen Fehler, konnte es passieren, dass man auf der ‘anderen Ebene’ hängen blieb oder den Schlafenden, den man ‘besuchte’, mental schädigte. Der Plan des Jarls war also nicht so ungefährlich, wie er es vorgab zu sein. 

“Äh ja… da bin ich.”, entkam es der Frau dezent planlos, als sie zwischen Tür und Angel stand. Hjaldrist winkte sie gleich zu sich und sie folgte dieser stummen Bitte auch. Leise klapperte ihr metallenes Schwerheft bei jedem Schritt gegen ihren Gürtel und der schwache Geruch nach Vanille begleitete sie noch immer. Der Undviker biss sich ob dem auf die Innenseiten der Wangen und verkniff sich so ein schiefes Schmunzeln. Er nickte Anna stattdessen zu, als sie bei ihm hielt.

“Wie hast du vor die Sache anzugehen…?”, wollte die Kriegerin direkt wissen und sah betroffen aus. Wahrscheinlich hatte sie sich den Kopf heute den ganzen Tag darüber zermartert. Und obwohl sie so beunruhigt wirkte, starrte sie auch zielstrebig. Sie war offenkundig dazu bereit alles zu tun, um ihre Albtraumbilder loszuwerden.

“Geh schlafen. Mehr musst du nicht machen.”, erklärte Hjaldrist jedoch nur schlicht und sah, wie Anna’s Brauen in die Höhe wanderten. Irritiert sah sie ihn an und er deutete mit dem Kinn gen Bett. Dies, wiederum, brachte die Frau schlussendlich ganz durcheinander. Sie sprach es zwar nicht aus und der Jarl bemühte sich auch nicht darum in ihren wirren Kopf zu sehen, doch er spürte dieses scheue Durcheinander dennoch. Er verzog keine wissende Miene, sondern lächelte beschwichtigend.

“Oder willst du in dein Zimmer gehen?”, hakte der Mann nach.

“Äh.”, murmelte Anna “Nein. Alles gut. Ich dachte nur nicht, dass ich hier schlafen muss…”

“Nun ja, um zu träumen, muss man schlafen. Ich kann dich nicht einfach in Trance versetzen, ich bin kein Magier.”, erläuterte Hjaldrist und bemerkte dabei, wie blöd das klang “Uh… jedenfalls nicht SO einer…”

Anna’s Ausdruck erhellte sich und man hörte sie erheitert glucksen.

“Du hast dich also noch immer nicht so ganz daran gewöhnt.”, stellte sie richtig fest. Ihr Freund zuckte die Achseln und grinste betreten.

“Hjaldrist, der große Zauberer.”, setzte sie neckend fort und die Atmosphäre wurde gleich viel leichter “Irgendwann ziehst du sicherlich Hasen aus Hüten.”

“Pff. Als ob du mit Magie nichts am Hut hättest, Hexerin.”, schnaufte der Langhaarige und Anna gab einen abfällig amüsierten Ton von sich. Zwar tat sie das immer und rollte dabei manchmal auch entnervt mit den Augen, doch Hjaldrist wusste, dass es ihr irgendwo schmeichelte so betitelt zu werden.

“Aber wie auch immer…”, sagte Hjaldrist und kam damit auf das heutige Vorhaben zurück “Wenn du willst, kannst du noch etwas essen gehen. Wir haben es nicht eilig und du siehst aus, als seist du nach der Arbeit ohne Umwege hierher gerannt.”

“Schon gut. Ich habe schon gegessen.”

“Tatsächlich?”

“Ich habe doch immer Trockenfleisch in der Tasche…”

Hjaldrist stöhnte entnervt. Dörrfleisch zählte bei ihm nämlich längst nicht mehr als vollwertige Speise. Anders, als er, war Anna aber ein wenig im Früher hängengeblieben. Er wartete ja nur darauf, dass sie ihr Zelt irgendwann einmal vor den Toren aufschlug, um darin zu schlafen. Oder dass sie im Burghof ein Lagerfeuer entfachte, um sich die Hände daran wärmend davor zu sitzen.

“Es reicht mir aber. Ich kann morgen auch viel frühstücken. Gerade… bekäme ich eh nichts runter.”, sprach die Frau ganz ehrlich aus und lachte verlegen. Er schien, als sei sie noch nervöser, als ihr Gegenüber. Hjaldrist's Gesichtsausdruck wurde wieder weicher.

“Also gut…”, meinte er “Mach's dir halt bequem.”

Anna nickte und sah sich nach einem knappen Zögern um. Ihre Finger suchten die Schnalle von ihrem Rüstgurt. Ihr Freund, der das beobachtete, verstand, dass sie sich bettfertig machen wollte. Daher holte er gleich Luft, um zur nächsten Frage anzusetzen.

“Soll ich solange raus…?”, fragte er und bemerkte nicht, wie vorsichtig er dabei klang. Schon komisch, wenn man bedachte, wie sie beide noch vor Neujahr mit diesem Thema umgegangen waren. Hjaldrist war damals, in den zusammen belegten Tavernenzimmern, schonmal in Bruche herumgelungert und hatte auch Anna desöfteren dabei beobachten können, wie sie sich einfach das Hemd auszog und halbnackt durch den Raum marschierte, um sich ein frisches zu suchen. Es war nach Novigrad so normal gewesen. Nur dann hatten Hjaldrist’s Worte, die er in Kaer Trolde verloren hatte, alles umgeworfen und durcheinander geschmissen. Seither verhielten sie beide sich nicht mehr, als seien sie Zwillinge. Vieles war verzwickter geworden. Erst recht, seit Anna zugegeben hatte in ihren besten Freund verliebt zu sein. Der betroffene Undviker hatte dahingehend nicht nachgehakt, denn er hatte sich bisher nicht getraut. Doch er fragte sich, seit wann die Giftmischerin Gefühle für ihn hegte, die nicht platonisch ausfielen. Seit sie ihn nach ihrem törichten Verschwinden zum ersten Mal wieder gesehen hatte? Oder war es erst danach, auf Undvik, passiert? Oder vor alledem vielleicht? Oh nein, in dem Fall wäre Anna nach Orlan’s Fall doch niemals von hier verschwunden. Oder doch? Hjaldrist hatte keine Ahnung und umso länger er darüber nachsann, desto mehr verwirrte es ihn. Seine jungenhafte Kumpanin mutete auf den ersten Blick so simpel an, doch war ein ungeheuer komplizierter Mensch. Zu kompliziert, möchte man meinen.

Anna, die ein paar Schritte in den Raum gemacht hatte und soeben Gürtel und Schärpe ablegte, hielt inne. Sie überlegte nach Hjaldrist’s Frage nicht lange, ehe sie Blickkontakt suchte. Dann schüttelte sie den Kopf. 

“Bleib ruhig.”, sagte sie. Also blieb der Skelliger und wartete mit den Händen in den tiefen Taschen ab. Er stand ein wenig so da, wie bestellt und nicht abgeholt und zugegeben? Er fühlte sich am Rande dusselig, als er sich abwartend an das Bücherregal lehnte, das unweit stand. Aus dem Augenwinkel linste er zu seiner Kumpanin, die sich das rote Kleid mit dem grünen Saum überraschend geschickt auszog und daraufhin nurmehr ihr naturfarbenes Unterkleid trug. Jenes war, abgesehen vom unten weit fallenden Rockteil, schmäler und enger, als das Überkleid. Natürlich. Es wäre doch unsinnig gewesen, wenn nicht. Und obwohl Hjaldrist eigentlich nicht gaffen wollte, erkannte er, wie sich unter dem hellen Stoff die dezenten Säume von Unterwäsche abzeichneten. Und zwar nicht von solch einer, wie sie Männer trugen. Der Jarl ertappte sich nach dieser spannenden Entdeckung dabei zu starren. Und er wunderte sich sehr. Anna schien ihre verlorene Wette ja wirklich todernst zu nehmen. Nie im Leben hätte Hjaldrist gedacht, dass seine Freundin schöne Unterwäsche anziehen würde, die die Kurven, die sie ja auch tatsächlich hatte - man mochte es kaum glauben - betonten. Ja, der Gewinner der Wette hatte erwartet, Anna würde schummeln und unter ihrem Kleid entweder nichts oder eine Bruche tragen. Doch dem war ganz augenscheinlich nicht so und diese Tatsache machte ihn perplex.

“Darf ich?”, die Stimme Annas riss den stillen Jarl in das Hier in Jetzt zurück. Er zuckte leicht zusammen, bevor er aufsah.

“Äh, was?”, machte er verdattert und erkannte, wie die Frau in dem verdammt interessanten Unterkleid auf die Waschschüssel deutete, die Hjaldrist auf seiner kleinen Kommode vor einem Wandspiegel stehen hatte.

“Meine Hände sind ganz staubig. Ich habe heute mit einem Stockbetrunkenen die Stufen vor der Burg aufwischen müssen.”, erklärte die Kurzhaarige, die, so chaotisch sie auch sein konnte, noch nie verdreckt ins Bett gegangen war. Hjaldrist blinzelte kurz verblüfft über sich selbst und schalt sich einen Narren.

“Uhm, klar.”, gab er knapp von sich “Das Wasser ist frisch.”

Die Novigraderin mit dem Dreck an der einen Wange nickte froh und machte sich dann daran sich die Hände zu waschen. Das Seifenstück, das neben der Wasserschüssel gelegen hatte zwischen den Handflächen reibend, sprach sie ruhig weiter.

“Der Kerl wollte in die Festung, um Haldorn zu verprügeln. Er maulte herum und meinte, er würde ‘diesem Großmaul schon noch zeigen, wer der größte Seeräuber Undviks ist’…”, erzählte sie und musste leise in sich hineinlachen “Er hat Henrik angeschrien und dafür eine Kopfnuss von ihm kassiert. Aber er stand wieder auf, gab keine Ruhe und fluchte herum. Er wollte mit einem Messer auf uns losgehen, also bin ich ihm ins Kreuz gesprungen. Ohne Waffe, denn sonst hätte ich auch noch eine Kopfnuss seitens Henrik kassiert, ganz sicher...”

Hjaldrist betrachtete Anna skeptisch, als sich jene über die Waschschüssel beugte, um sich etwas Wasser ins Gesicht zu spritzen.

“Und dann?”, wollte er wissen. Er hatte von all dem Tumult nichts mitbekommen. 

“Er wollte mich abstechen und ich habe ihn die Treppe runtergeschubst. Dann habe ich noch einmal nachgetreten, weil er uns und deine Familie lautstark beleidigte.”, erzählte die Alchemistin schulterzuckend weiter und ihr Freund hörte ihr zweiflerischen Blickes zu “Es ist nichts Schlimmes passiert. Er hat sich den Arm gebrochen und Henrik hat ihn erst zu den Heilern geschleppt, die sehr unsanft mit ihm waren, und ihn dann zum Ausnüchtern in den Kerker geworfen.”

Der Jarl hob eine Braue. Und er war froh, dass Anna nun unversehrt hier stand, anstatt schon wieder im Lazarett zu liegen. Nicht auszudenken, hätte der Betrunkene sie mit dem Messer erwischt. Es mochte ja sein, dass die Trankmischerin robust war und schon viel, viel Schlimmeres erlebt hatte, doch ihrem Freund ging es trotzdem immer nah, wenn sie verwundet wurde. Er war schließlich kein gefühlloser Klotz. Im Gegenteil: Manchmal wünschte er es sich sogar nicht so empathisch zu sein. Was nicht ging, denn allein seine magische Veranlagung drängte ihn sehr oft dazu sich wie ganz von selbst in andere Menschen hineinzufühlen.

Anna, die sich fertig gewaschen und sich das Gesicht abgetrocknet hatte, wendete sich Hjaldrist just wieder zu. Abwartend sah sie ihn an und da lag nurmehr eine stumme Aufforderung in ihrem Blick. Der Mann wusste, was sie bedeutete. Er wies gen Bett und lächelte aufmunternd. Einen Atemzug später sah er, wie sich seine Kollegin zu der großen Schlafgelegenheit begab und sich dort auf die weichen Felle setzte. Anna wirkte dort ein wenig verloren, doch gab sich ruhig. Die Unterwäsche hatte sie sich nicht umständlich ausgezogen, so, wie sie es wohl immer tat, um bequem ruhen zu können. Vermutlich, weil sie nicht wollte, dass Hjaldrist bemerkte, dass sie Batist trug oder wie die Kleidungsstücke aussahen. Es war der Jüngeren vielleicht peinlich, dass sie unter dem Unterkleid keine Männerkleidung trug. Obwohl es das nicht müsste. Im Gegenteil. Und ganz ehrlich? Gerade fragte er sich schon, welche Farbe Anna unter ihrem Leinenkleid anhatte. Er war ja auch nur ein Kerl.

“Und du bleibst nun wach und wartest…?”, wollte Anna wissen “Du hast mir noch nicht erklärt, wie du es anstellen willst.”

“Ähm. Ja, ich warte ein wenig.”, bestätigte der Mann und stieß sich von seinem Regal ab, um näher zu treten “Und sobald du im Tiefschlaf bist, komme ich zu dir und versuche in deine Träume zu gelangen.”

“Und wie?”

“Das… weiß ich auch noch nicht so genau. Aber keine Angst. Ich werde dich dabei höchstens am Arm berühren müssen. Ohne eine körperliche Verbindung wird das nämlich nichts, glaube ich. Ich bin keine Mia.”

Anna schloss den Mund und sah ihren Freund belämmert an. Es wirkte, als denke sie sich gerade sonstwas. Dies entlockte dem Jarl ein kleines Lachen. Ja, ja, er wusste doch, dass die Novigraderin zwar in sich gekehrt war, aber ein recht lebhaftes Kopftheater besaß. Man musste ihr doch nur einmal zuhören, wenn sie besoffen war und damit anfing verwegen zu werden. Unlängst, an Bord der ‘Seeschlange’, hatte sie sich hoffnungslos mit Dalgur betrunken, weil sie den starken Wellengang nicht ausgehalten hatte. Und dann hatte sie damit angefangen Crewmitglieder Haldorns miteinander verkuppeln zu wollen. Hjaldrist war gerade dazugestoßen, als sie sich an den verdatterten Nilsson gelehnt hatte und ihm ganz lasziv zugemurmelt hatte, wie gut er doch zu diesem Schönling Kai passen würde. Und dass sie nichts dagegen hätte den beiden Kerlen dann auch einmal zuzusehen, wenn sie es miteinander trieben. Es war gleichauf belustigend und verstörend gewesen, wie die Schwarzhaarige dann gemutmaßt hatte wer von den beiden denn oben läge und wer unten. Haldorn war darüber außer sich gewesen vor Ärger.

“Ich werde nicht an dir rumfummeln, versprochen.”, witzelte der Skelliger hintergründig, woraufhin die unruhige Anna irgendetwas sehr Unverständliches brummte, das ein ansatzweises 'als ob mir’ beinhielt. Hjaldrist grinste noch immer.

“Hm?”, machte er fragend und in einer indirekten Herausforderung. Der Undviker gab sich dabei aber auch nur so, weil er genau wusste, dass die nüchterne Anna den Kopf einziehen und nicht schelmisch werden würde. Andernfalls wäre nämlich auch er ins Stottern geraten, wusste er. Hjaldrist mochte jetzt zwar ein Jarl sein und ein gewisses Auftreten leben, doch das hieß nicht, dass er nicht verlegen wurde, wenn man ihm nah trat. Es war schon immer so gewesen. Damals, nachdem er zum ersten Mal mit seiner hier anwesenden, besten Freundin geschlafen hatte, hatte er sie am Folgetag auch nur deswegen damit aufgezogen, weil er GEWUSST hatte sie quasi entjungfert zu haben. Er war in dem Fall der Erfahrene gewesen, der sich eine große Klappe hatte erlauben können, weil die puterrote Anna so und so nichts anderes hervorgebracht hatte, als irgendwelches Gestammel und leise Flüche.

“Äh, nichts.”, kam es lasch und völlig erwartet als Antwort seitens der Monsterkundigen. Und dabei beließen es die beiden ehemaligen Abenteurer dann auch.

 

Anna schien von ihrem langen Tag erschöpft gewesen zu sein, denn es verging kaum eine Stunde, da war sie eingeschlafen. Obwohl sie anfangs noch so nervös gewirkt hatte, schlummerte sie nun tief und fest, irgendwo zwischen Hjaldrist’s ganzen Fellen und unter einer dicken Decke, denn die herbstlichen Nächte konnten trotz Kamin schweinekalt werden.

Die Augen des Jarls hingen auf der Schlafenden, die da so ruhig auf seinem Bett lag und sich damit beachtlich vertrauensvoll in seine Hände legte. Hjaldrist hatte nun seit geraumer Zeit auf der Kante seiner Schlafgelegenheit gesessen und in einem seiner Notizbücher über Mia’s Lektionen gelesen. Er war unruhig, denn er hatte keine Ahnung, was heute Nacht in Anna’s Traum passieren würde, würde er es denn überhaupt schaffen jenen zu betreten. Der Verlauf und der Ausgang dieser Sache waren dem Mann ungewiss. Genauso, wie es sich anfühlen würde, quasi in den Kopf eines Anderen zu sehen. Gelegentlich Gedanken zu lesen und Stimmen zu hören, war ja das Eine. Bewusst und tief in den Geist von jemandem vorzudringen das Andere. Und Hjaldrist war erstaunt über Anna’s blindes Vertrauen, das sie ihm entgegen brachte. Ja, sie legte sich hier hin, schlief ein und dies mit der offen ausgesprochenen Erlaubnis an ihren besten Freund geistig alles mit ihr tun zu dürfen. Es war nahezu unheimlich, wie selbstverständlich die burschikose Kriegerin auf all das hier eingegangen war. Und nun lag sie hier, ihrem Freund zugewandt, wie auf dem Präsentierteller, und schlief seelenruhig. Noch.

Hjaldrist klappte sein Büchlein zu und schlug die Augen tief durchatmend nieder. Er legte seine Notizen fort und trat sich die halb offenen Stiefel von den Füßen, um ganz auf das Bett zu kommen. Dann legte auch er sich hin und nahm den Blick dabei nicht von der Frau vor sich. Der Undviker machte sich Sorgen, soviel gestand er sich ein. Und er hoffte, dass das, was bald passieren würde, zum Wohle aller ausgehen würde. Er würde jedenfalls alles daran setzen, dass es so käme.

Zögerlich fasste der nach vorn. Seine Finger suchten Anna’s Handrücken und umfassten jenen langsam. Er würde heute Nacht nicht wieder loslassen.

 

Hjaldrist fröstelte, bevor er die Augen aufschlug und etwas schlaftrunken um sich sah. Es war düster und die Luft sehr klamm. Er verstand nicht sofort, wo er sich befand. War das hier ein Wald? Die grauen Bäume sahen so eigenartig aus: Deren Stämme waren dürr und knorrig. Sie bogen sich alle in dieselbe Richtung, als habe man sie zerknicken wollen, es jedoch nicht geschafft. Manche von ihnen waren so hoch, dass man ihre Kronen kaum sah; andere wiederum, waren kleiner. Und der Boden unter den Füßen des Jarls war sehr weich. Es war, als stünde er in Schlamm. Es regnete leicht und es war unglaublich kühl. Hjaldrist hatte seinen Mantel offenbar zuhause vergessen. Jenen und auch so gut, wie alles andere. Er trug bloß Hemd und Hose. Doch warum? Die Kälte und Nässe des seltsamen Forsts, den er nicht kannte, war ihm längst in Kragen und Ärmel geschlüpft. Der feuchte Farn, der ringsumher spross, hatte ihm Stiefel und Füße unangenehm feucht gemacht. Er fror und Nieselregen fiel ihm kalt auf Haupt und Schultern. Der Mann verengte die Augen unschlüssig, als er unwohl einen Schritt tat und die eigenartig geknickten Bäume eingehend betrachtete. Nebel waberte gespenstisch am Grund entlang und war an manchen Stellen so zäh, dass man nicht durch ihn hindurch sehen konnte. Der Matsch schmatzte unter Hjaldrist’s Sohlen, die von einem auf den anderen Moment schwanden und den Jarl mit bloßen Füßen in gallertartige Masse treten ließen. Augenblicklich stockte er. Und noch ehe er den wirren Blick gen Boden sinken ließ, wurde de Luft um ihn herum wärmer, dicker, unangenehm stickig. Der vermeintliche Schlamm, der ihm zwischen die Zehen kroch, war auf einmal warm, und es stank penetrant nach altem Blut. Metallen-süßlich lag es in der Luft und der Jarl gab einen überwältigt angeekelten Laut von sich. Da zogen sich plötzlich schleimige Fäden von Baum zu Baum. Dreckig rote Schlieren hefteten sich an deren helle Stämme und weiches, durchsetztes Fleisch klammerte sich an deren Kronen. Dicke Batzen dieser pulsierenden Masse hingen, wie übergroße und groteske Bienenstöcke an den gebogenen Bäumen, und Hjaldrist’s Atem stockte in dem Entsetzen, das nach ihm haschte und ihn beuteln wollte. Augenblicklich fühlte er sich so, als beobachte ihn jemand, doch er konnte keine Menschenseele ausmachen. Hjaldrist wich zurück und seine trockenen Lippen standen ihm überfordert einen Spalt weit offen. Es stank bestialisch. Und als der Mann verstand, dass er durch verwesende Därme watete, würgte er trocken und fuhr sofort herum, um zu fliehen. Er wollte in seinem plötzlichen Grauen schreien, aber fand seine Stimme nicht. Dabei ereilte ihn zugleich ein nagendes Gefühl. Diese Empfindung, die man hatte, wenn man glaubte irgendetwas enorm Wichtiges vergessen zu haben. Nur… nur was war dem Undviker entfallen? Der Schritt des flüchtenden Mannes wurde langsamer, als seine Miene bei dem Gedankenzug wieder härter wurde und die Angst mit einem Mal aus seinen Augen schwand, um dem Nachdenken Platz zu machen. Hjaldrist verengte den Blick, blieb stehen und sah vor sich in die Leere. In seinem Augenwinkel waberte noch immer das stinkende Fleisch und es schien zu ihm zu flüstern, doch als Hjaldrist tief ausatmete, verstand er allmählich, was vor sich ging. Es wollte ihm wie Schuppen von den Augen fallen und sofort warf er einen Schulterblick hinter sich. Das Bild, das sich ihm bot, war unverändert morbid und grausig. Noch immer fühlte er sich verfolgt. Doch umso länger er starrte, desto mehr erkannte der Oneiromant, dass all dies hier eine Szenerie war, die nur in seinem Kopf existierte. Sie war zwar echt, doch nicht ‘so’. Die Lippen des Jarls verzogen sich zu einem schmalen Lächeln, das seine dunklen Augen nicht erreichte. Er schlug die Lider nieder. Oh, all das hier war in seinem Hirn. Und ER sollte es beherrschen, nicht andersherum. Denn er träumte. Sich angestrengt konzentrierend, ballte der Undviker die Hände zu Fäusten. Er biss die Zähne zusammen und sog die Luft schwer ein. Wald, Bäume, Grün, Frühling. Er wusste noch, wie imposant der Waldrand nahe Beauclair früher einmal auf ihn gewirkt hatte. Jener hatte so viel schöner, satter und idyllischer angemutet, als jeder Forst, den der Skelliger je gesehen hatte. Damals, als er den Blick den Laubdächern in Toussaint entgegen gehoben hatte, hatte er seinen bestickten Gehrock aus dem Caed Myrkvid getragen, fingerlose Lederhandschuhe und seinen pelzbesetzten Schulterüberwurf aus Ard Skellig.

Hjaldrist schlug die Augen wieder auf. Und auf einmal stand er wieder in dem schönen Forst von damals. Er ermahnte sich im Geiste zur Ruhe, als er verstohlen um sich sah. Ja richtig, ER war hier der, der die Zügel in der Hand hatte. Sein Unterbewusstsein hatte keine Kontrolle mehr. Zumindest nicht hier und jetzt. Der Mann senkte die Aufmerksamkeit auf seine fingerlosen Handschuhe in Hellbraun. Vögel zwitscherten im Hintergrund und eine warme Frühlingsbrise kitzelte die Nase des Westländers mit dem Schulterfell. Entfernt roch es nach kandierten Nüssen und dem schweren Duftwässerchen, das bei den Damen gerade so angesagt war. Hyazinth und Orange. Alles war wieder so, wie an dem lauschigen Tag in Beauclair vor-... waren es drei Jahre? Vier? Nur irgendetwas fehlte noch immer. Es war, als läge Hjaldrist auf der Zunge, was er vermisste. Nur was? Prüfend sah er sich um und seine Gedanken krochen quälend langsam voran. Es kostete ihn so viel Kraft nachzudenken. Der Krieger machte ein paar Schritte durch das grüne Gras, während unweit zwei rufende Pfaue in den Büschen verschwanden. Ganz kurz wollte dieses Bild flackern und einem verdrehten Bildnis eines Fleischbaumes Platz machen, doch Hjaldrist besann sich schnell genug, um das zu verhindern. Da war ein dunkler Schatten gewesen, der hinter den Bäumen hervor gelugt hatte, glaubte er. Etwas, das so groß gewesen war, wie er selbst. Doch er ignorierte das. Hjaldrist träumte schlussendlich und er hatte vorerst alles im Griff. Der Jarl wollte Erlklamm bei sich haben und die schöne Waffe manifestierte sich einfach so in seiner Hand. Es war ein wenig kühl und auf einmal schmiegte sich sein wärmender Wollmantel an seinen Körper. Nur irgendetwas war falsch und passte nicht. Ja… er erinnerte sich auf einmal. Anna fehlte. Die Augen in dieser plötzlichen Erkenntnis weitend, stutzte Hjaldrist nun heftig. Denn, oh, damals war seine beste Freundin doch bei ihm gewesen und hatte sich über die gepuderten Ritter der Stadt lustig gemacht, während sie zwei auf dem Weg zu einem rauschenden Fest Beauclairs gewesen waren. Stände mit Süßkram, gepflasterte Wege, lachende Leute, bunte Laternen und Lichter am Himmel. Sie alle kamen just zurück und Hjaldrist stand mittendrin. Nur Anna, die betrunken gelacht und ihren Kumpel unter den bunten Feuern ganz dreist und auch noch mit Zunge geküsst hatte - so, wie in schelchten Schundheftchen -, fehlte. Denn all das hier war nicht real und Hjaldrist war nur hier, weil er der Besagten helfen wollte. Ja, genau, er hatte ihr versprochen etwas gegen ihre schlimmen Träume zu tun oder es zumindest zu versuchen. Er hatte in den Schlaf der Frau kommen wollen, um zum ersten Mal mit dieser Art der Gedankenmanipulation zu experimentieren. Hjaldrist hatte dies noch nie zuvor gemacht. Im Grunde kannte er nur die Theorie, die Mia ihm vor Jahren erklärt hatte. Er war ein Laie und dennoch vertraute die dumme Anna ihm so sehr. Gerade jetzt, in diesem Moment, lagen sie zusammen in seinem Bett und schliefen, richtig? Und der Axtkämpfer hatte die Hand derweil an der seiner Kumpanin liegen, weil er hierfür Körperkontakt brauchte. Mia, die hatte ihm damals aus der Ferne in den Traum schleichen können. Doch so versiert, wie diese Professorin, war er längst nicht. Und er hoffte, dass es genügte, einfach nur Anna’s Haut zu berühren, während er versuchte ihr beizustehen.

Noch einmal schloss der Mann die Augen fest, kniff sie fast schon zusammen. Und er versuchte sich mühsam darauf zu konzentrieren, was er hier gerade versuchte. Darauf, was seine Fingerspitzen außerhalb des Traumes fühlten. Warme, weiche Haut. Hjaldrist tat einen Schritt vor und seine Stiefel traten von weichem Gras auf harten Stein. Es hallte, als befände er sich ganz plötzlich in einer Höhle. Und als er wieder aufsah, war es stockdunkel. Der Mann sah nach links und rechts und sein Blick wanderte prüfend und berechnend. Durch die Nase atmete er Kühle ein und roch frische Luft und Regen. War es Nacht? Irgendwo, draußen, rief eine Eule. Es drang nur weit entfernt an den Jarl heran. Wo war er? Es war viel zu finster. 

Hjaldrist hob die behandschuhten Finger und linste auf seine offene Handfläche. Er konzentrierte sich, stellte sich mit schmerzendem Kopf ein Öllicht vor. Doch nichts geschah. Er verengte die Augen leicht und biss sich grimmig auf die Lippe, setzte zu einem neuen Versuch an. Sein Herzschlag beschleunigte sich und seine Glieder spannten sich an. Er dachte an wärmende Flammen und das leise Quietschen von alten Henkeln der Laternen. Hjaldrist wusste genau, wie es sich anfühlte solch eine in der Hand zu halten und er wusste auch, wie dies roch. Öl, Tran, dann kurz Schwefel, Feuer, Metall, Glas, das leise Quietschen des Rädchens, wenn man den Docht höher drehte. Der Träumer schluckte trocken und atmete schwer aus. Und dann, auf einmal, war da eine Öllampe. Deren rostiger Griff lag ganz leicht in seiner Hand und die Flamme des billigen Dinges erhellte die felsige Umgebung mit einem warmen Licht. Erleichtert atmete der Skelliger auf. Scheiße, verdammte! Er hatte schon geglaubt, er bekäme das hier nicht hin. So leicht es ihm in seinen eigenen Träumen sonst fiel gewisse, simple Dinge herbeizudenken, so stellte dies hier eine richtig große Hürde für ihn dar. Und gleichauf war dies eine Bestätigung, nicht wahr? Jetzt, gerade, war Hjaldrist wahrhaftig in Anna’s Kopf. Andere Menschen zu beeinflussen war nicht einfach und das hatte sich soeben merklich geäußert. Der Undviker hatte es tatsächlich geschafft den Traum der Schwarzhaarigen zu betreten und musste ab nun wirklich, wirklich vorsichtig sein. Denn alles, was er jetzt tat, hatte nicht nur mehr Auswirkungen auf sein eigenes Innenleben. Sondern auch auf das von der, die neben ihm lag und schlief. Und anders als er, vermochte SIE nicht zwischen Realität und Traum zu unterscheiden. 

“Lass mich raus!”, die bekannte Stimme ließ Hjaldrist sofort alarmiert aufhorchen.

“Bitte! Bitte!”, der Kämpfer mit der Laterne erstarrte regelrecht, als er Anna schreien hörte. Noch nie hatte sie das so verzweifelt und so panisch getan. Es ging einem durch Mark und Bein und Hjaldrist, dem das Herz gen Knie sackte, zögerte nicht lange, bevor er losrannte. Er fürchtete sich dabei nicht und wusste, dass man ihm hier nichts anhaben könnte. Daher bemühte er sich auch nicht darum zu schleichen oder sich in den Schatten zu verbergen. Der Inselbewohner lief durch den dunklen, weitläufigen Tunnel, der in den Stein hinein führte. Er rief laut nach Anna, doch sie schien ihn nicht zu hören, denn es kam keine Antwort seitens der Frau. Verflucht! Hjaldrist stolperte beinahe über einen Steinbrocken, der in seinem Weg lag, doch fing sich gerade noch so. Und dann tat sich vor ihm urplötzlich eine Gabelung auf. Er hielt schwer atmend inne und hob die Laterne an, um den gespaltenen Tunnel besser ausleuchten zu können. Er haderte mit einer Entscheidung, sah zwischen seinen beiden Optionen hin und her. Dann hastete er in den linken Gang, der niedriger war, als der rechte. Leicht geduckt lief der relativ planlose Mann also weiter. Und nur wenige Momente später stürzte er plötzlich nach vorn. So, als gäbe man ihm einen harschen Schubs von hinten, fiel er vor und landete bäuchlings und aufkeuchend im Dreck. Es ging so schnell, dass er zuerst nicht verstand, was geschehen war. Doch als er dann, nach einem verhaltenen Husten, wirr aufsah, erkannte er einen schlanken Mann in dunkler Robe. Mit Kapuze am Kopf und wallendem Mantel schritt er auf einen taillenhohen Tisch zu, auf dem jemand lag. Und Hjaldrist, der sich hektisch auf die Knie rappelte, schien für alle Anwesenden unsichtbar zu sein. Aufgebracht weitete der Jarl die Augen und kam auf die wackeligen Beine. Seine Lampe, das Bild, das er sich erdacht hatte, war ob seiner entfleuchten Konzentration aberplötzlich fort.

“Liebe ist so etwas Schönes, nicht wahr? Ja, ja, ich weiß...”, hörte man den Fremden seufzen und Hjaldrist stockte abrupt, als er dem Kreuz des Sprechenden entgegensah. An jenem vorbei, fiel sein Blick auf die Frau, die an Hals, Beinen und Armen auf dessen grotesker Ablage aus Holz und Metall fixiert worden war. Sie blinzelte apathisch und ihre braunen Haare mit der markanten, fuchsroten Strähne klebten ihr feucht an der Stirn. Sie schwitzte und zitterte unsäglich, hatte wohl Fieber, und man hatte ihr ihre Kleidung genommen. Vollkommen entblößt lag sie da, wie ein Vieh auf der Schlachtbank. Doch sie war zu abwesend, um sich daran zu stören. Hjaldrist konnte sich vor Empörung kaum rühren und sein ungläubiger Blick ließ die rotbraunen Haare an Anna’s Schläfe nicht los. Er hatte sie zuletzt vor… vor fast einem ganzen Jahr so gesehen. Und in dem Augenblick vergaß er beinah darauf, wo er war und was er vorhatte. Er wusste nicht warum, doch das längst vergangene Bild seiner Freundin mit den freundlich braunen Haarsträhnen und den menschlich wirkenden, haselnussbraunen Augen, bannte und paralysierte ihn in diesem Moment. Denn sie sah emotionslos her und gleichzeitig durch ihren besten Freund hindurch.

“Sag mir, Täubchen…”, sprach der Fremde weiter. War das Silven? Er MUSSTE es sein.

“Wie heißt er?”, wollte der wissen “Und wie stehst du zu ihm? Weißt du, er ist interessant für mich. Ich könnte ihm so viel schenken. Und bestimmt würdest du ihn doch auch sehr gerne wiedersehen.”

Anna atmete flach durch und ihr Blick flimmerte. Doch sie schwieg. Ihre linke Hand sah vollends ramponiert aus und erinnerte vage an die nicht verheilen wollende Verwundung, die sie damals in Bogenwald hergezeigt hatte. Blut lief ihr über die Brust, in die man ein aggressives Zeichen geschnitten hatte.

“Ah, du redest nicht…”, stellte der Magier überflüssigerweise fest “Stellst du dich apathisch oder habe ich es tatsächlich schon geschafft dich kaputtzumachen? Du warst doch so großmäulig und gabst dich stark. Ach, da dachte ich, ich kann rauer mit dir sein. Tut mir wirklich sehr leid.”

Da war eine kleine Regung in Anna’s blassem Gesicht. Ein minimales, grantiges Zucken ihres Mundwinkels. Ein Fehler.

“Ah. Ich verstehe. Du stellst dich apathisch.”, erkannte der kluge Silven nämlich sofort und die braunen Augen der Frau mit den widerwärtig zerstochenen Armen wurden schmäler. Sie presste die bleichen Lippen zusammen.

“Du denkst, du bist klug, Täubchen. Aber es wird dir nichts bringen dich zu verstellen…”, lachte der Elf leise “Ich habe dich und lasse dich nicht wieder los. Und weißt du, was ich machen werde? Ich werde dich später ins Loch werfen und für ein paar Tage dort lassen. Danach wirst du dich bestimmt gerne mit mir unterhalten.”

“...Ich… ich unterhalte mich nicht mit jemandem…”, fing Anna nun plötzlich heiser wispernd an und hatte offenbar große Mühe mit dem Sprechen “Mit jemandem… dessen Namen ich nicht kenne.”

“Meinen Namen willst du hören?”, fragte Silven überrascht. Seine weise Stimme war sanft und schön, regelrecht einnehmend.

“Mh…”, machte die Liegende deren Lippen spröde waren.

“Hmm…”, machte der Kerl nun amüsiert. Dann entschloss er sich tatsächlich dazu zu antworten. Fraglich, warum. Entweder war er dumm oder sich dessen so sicher, dass sein Versuchskaninchen all das hier vergessen würde, dass er einfach redete. Eher letzteres.

“Silven aep Furiel Nirhan Tellihn.”

“Silven…?”, flüsterte die mitgenommene Novigraderin leise und so, als wolle sie sich diesen Namen bestätigen lassen.

“Richtig.”, sagte der Elf sanft.

“Fick dich, Silven.”

Ein kurzes Schweigen entstand auf diese Worte hin. Und dann hob der wankelmütige Magier plötzlich mit aller Kraft zu. Hjaldrist wollte sofort loshetzen, um dazwischenzugehen. Er rannte los, da sprang er wieder ins Nichts und erschrak sich diesmal so sehr darüber, dass er aufbrüllte.

“Lass mich raus!”, brüllte er aus vollster Kehle und seine Hände lagen auf der erdigen, feuchten Wand vor ihm. Er zitterte, hatte keine Kleider mehr am Körper. Silven hatte sie ihm genommen, glaubte er. Doch der kränkelnde Skelliger war sich nicht sicher. Er wusste nicht mehr, wie lange er nun schon hier, in dem dunklen Loch, eingesperrt war. Der Mann von den Inseln hatte jegliches Zeitgefühl verloren. Er wusste nur, dass er sterben würde, würde man ihn nicht bald befreien. Und er hatte solch eine Angst.

“Lass mich raus…!”, rief er erneut mit brechender Stimme, als er den gläsernen Blick nach oben richtete. Ein Gitter verschloss die Grube, in der er auf ganz wackeligen Beinen stand.

“Bitte!”, schrie er verzweifelt und schluchzte laut. Denn er wollte nicht sterben. Er wollte zurück nach Kaer Iwahell und sich für alles entschuldigen, das er getan hatte. Er wollte… er wollte-

Hjaldrist stutzte heftig und riss die Augen auf. Überfordert stieß er den Atem aus und aberplötzlich wich er vor der dreckigen Wand zurück, an der er sich just noch abgestützt hatte. So, als habe er sich die Hände an jener verbrannt. Vollkommen verwirrt senkte er den Blick erst auf seine schmutzigen Finger, die plötzlich wieder in Handschuhen steckten, und dann... zu ihr. Denn da kauerte sie. Direkt vor Hjaldrist’s Füßen saß Anna an der Erdwand und hatte das Gesicht an den Knien vergraben. Sie war völlig verdreckt und ihre geschwollene linke Hand war voll mit Blut. Es war hier unten so dunkel und dennoch konnte der Jarl alles ganz deutlich sehen. Er erkannte, dass seine Freundin nichts anhatte und dass ein madenzerfressener Rattenkadaver neben ihr lag. Da war Erbrochenes und ein halb mumifizierter Leichnam. Hjaldrist konnte ausmachen, wie wirr die Haare seiner Kumpanin aussahen, wie ausgemergelt sie war und wie sehr sie schlotterte. Sie war krank. Und wahnsinnig. Denn sie lachte. Anna lachte leise in sich hinein, schniefte und sprach aufgeregt mit sich selbst. Das Blut von der Wunde an Brust und Schlüsselbein war ihr über den Bauch hinab gelaufen und ihre noch so sanft braunen Augen vom Weinen ganz rot. Es war erschreckend sie so zu sehen, befremdlich, entwaffnend und unwirklich. Und obwohl das hier ein Traum war, wusste der Mann, dass all das hier nicht weit entfernt von der Wirklichkeit sein musste, die seine Gefährtin im Frühjahr erfahren hatte. Denn er hatte die Aufzeichnungen Silvens gelesen, die Vadim ihm gegeben hatte.

Oh, Anna hatte damals Scheiße gebaut. Sie war so, so dumm und besessen von ihren mörderischen Zielen gewesen; ein eiskaltes Arschloch und eine ruchlose Verräterin. Doch das, was der fahrige Hjaldrist gerade sah, war keine gerechte Strafe für die Taten der Alchemistin. Das hier war einfach nur abscheulich und etwas, das man nicht einmal seinen schlimmsten Feinden wünschte.

“Anna...”, sprach der Skelliger das Häufchen Elend am Boden an. Doch die Kurzhaarige reagierte nicht. Schwer schluckte er. Dann trat er vor, um bei der Nackten in die Hocke zu gehen. Und dann, prüfend und sehr achtsam, streckte er die Hand nach ihr aus. Er erwartete schon, dass seine Finger in die Luft fassen würden oder er den Halt im Traummoment wieder verlöre. Doch nichts von beidem geschah. Hjaldrist’s Hand legte sich auf den zitternden, wunden Arm der Kauernden. Und jene reagierte prompt und heftig. Sie fuhr zusammen und johlte auf, wich ab und schlug ohne Ziel zu. Wie von Sinnen wich die Verdreckte zurück und fing an zu heulen, wie ein Schlosshund. Der anwesende Undviker starrte entsetzt und versuchte sich am Riemen zu reißen. Doch tatsächlich hätte er gerade am liebsten mit Anna geweint. All das hier traf ihn hart. 

“Anna!”, entkam es Hjaldrist laut bittend “Ich bin es! Siehst du mich?”

Die Frau weinte nur wieder hysterisch und drehte sich fort, um das Gesicht schützend zwischen den Händen zu vergraben. Das Blut der Linken verschmierte ihr dabei die Wange und Hjaldrist fluchte leise, denn er fühlte sich so ratlos. Was sollte er nur tun? Gerade machte er nichts besser. Im Gegenteil. Anna, die all das hier träumte, litt und er schaffte es nicht sie davon zu befreien. Dabei schien sie ihn doch wahrzunehmen. Oder? Konnte es vielleicht sein, dass sie ihn nicht erkannte? Dass er in ihren Augen ganz anders aussah? Sah sie in ihm gerade vielleicht den Elfen, der sie folterte?

“Ich bin es.”, sagte der Axtkämpfer schnell, doch diesmal besänftigender “Ja, ich bin es, Rist. Ich bin da...”

Und dies schien plötzlich etwas in der Anderen auszulösen. Denn sie sah erschrocken auf und als ihr gebrochener Blick den des Sprechenden traf, brach es jenem das Herz. Die Jüngere verstummte. Und dann… dann rührte sie sich kaum noch. So, als habe sie einfach aufgegeben. Also setzte sich Hjaldrist in Bewegung.

“Ich helfe dir.”, sagte er “Das hatten wir so abgemacht. Erinnerst du dich? Du träumst nur und all dies hier ist längst vorüber. Du bist in Sicherheit. Auf Undvik. Zuhause.”

Die Gefolterte verstand jedoch gar nichts von alldem. Sie war völlig irrational, zerstreut und ihre Aufmerksamkeit labil. Sie war just nur eine Rolle in einem immer wiederkehrenden Albtraum; ein Sinnbild dessen, wie ihr Unterbewusstsein ihre Entführung damals wahrgenommen hatte. Anna… sie war gerade nicht wirklich sie selbst. Und dennoch erlebte sie ihre plagenden Erinnerungen gerade auf ein Neues im Schlaf.

“Komm her…”, der hockende Skelliger streckte die Arme nach der Frau vor sich aus, die ihn so unglaublich unbeholfen und zerfahren ansah. Und sie folgte seinen Worten nicht. Natürlich nicht. Sie kam ihren Träumen nicht genau so aus, wie Hjaldrist es tat, der eine oneiromantische Veranlagung hatte. Anders als er, würde sie es im Traum niemals fassen können, dass sie schlief und alles um sie herum nur in ihrem Kopf passierte. Anna glaubte gerade noch immer, sie sei wahrhaftig in Silven’s Labor. Also entschloss sich der Jarl jetzt dazu einfach nichts mehr zu sagen und Initiative zu ergreifen, egal, was käme. Zu reden brächte nichts, denn seine Freundin konnte nicht verarbeiten, was er von sich gab. Also näherte er sich ihr, wollte ihr die Hände reichen und ihr beim Aufstehen helfen. Hjaldrist würde Anna tragen müssen, ganz bestimmt. Doch er stoppte, ehe er überhaupt dazu angesetzt hatte. Seine dunklen Augen hielten die Zitternde fest, die hier so unruhig atmete und die Nase leise hochzog. Und in dem Moment konnte Hjaldrist nicht anders, als sie zu umarmen, bevor er irgendetwas anderes tat. Er drückte die Verwundete eng an sich und hoffte, dass es irgendwie helfe. Ihm selbst gab es jedenfalls gleich einen Deut eines besseren Gefühls. Anna war eiskalt und ihr Körper fühlte sich an, wie der einer Toten. Es war grausig.

“Er wird für das hier büßen…”, flüsterte Hjaldrist, als spräche er eher mit sich selbst, als zu der Kurzhaarigen in seinen Armen. Sie schwieg. Und langsam ließ Hjaldrist sie wieder los, um sie erst prüfend anzusehen und sich dann den Gehrock auszuziehen. Er legte jenen der Frau über die schmalen Schultern, zog ihn ihr vorne über den entblößten Körper und hob den Blick zu dem Gitter, das die Grube versperrte, empor. Jenes war nicht wirklich da. Es war nur in Anna’s Kopf und Hjaldrist würde dafür sorgen, dass es verschwände. Jetzt, sofort. Und er schloss die Augen abermals, um sich zu konzentrieren. Schwer durchatmend zog er die Brauen zusammen und dachte an den idyllischen Wald von Beauclair, während er seine leise jammernde Freundin festhielt, die schon wieder damit anfing mit sich selbst zu sprechen. Er wollte sie dorthin bringen, weit fort von hier und an einen schönen Platz, den sie sich in Zukunft erträumen könnte. Hjaldrist wollte Anna zurück nach Toussaint geleiten. Zu dem Fest mit den vielen Ständchen und den farbenfrohen Feuerwerken, unter denen sie sich wieder haltlos mit verdammt teurem Est Est betrinken und lachend umherlaufen könnte. Zum augenrollenden Sebastian und dem breit grinsenden Philippe. Und zu sich.

Doch Anna’s Körper entglitt ihm, als er an die bunten Lichter am Himmel dachte. Die ganze, vorherrschende Situation fiel dem Skelliger durch die kalten Hände, wie feiner Sand, als sein brummender Kopf nicht mehr so recht folgen wollte. Es fühlte sich an, als säße er wieder zuhause in Undvik, in seinem Zimmer und über ein Buch gebeugt. Beschwerlich, frustrierend. Als sei er wieder acht Jahre alt und unfähig dazu einen ganzen Satz flüssig vorzulesen, obwohl er sich so sehr bemühte. Angestrengt versuchte er sich zu der Anna zurückzudenken, die in einem dunklen Loch neben einer toten Ratte und ihrem eigenen Erbrochenen kauerte. Doch es war zu spät. Die schauerlichen Kopfbilder der Frau huschten weiter und rissen den Undviker gewaltsam zurück. Mit Klauen packten sie ihn schadenfroh an den Schultern und er konnte nichts dagegen tun. Erschrocken schrie er auf. Hjaldrist fiel rücklings und landete wuchtig am Kreuz. Er ächzte laut und öffnete die Augen ganz benommen. Ein schmerzliches Stöhnen entkam ihm, als er eine helle Zimmerdecke und die undeutlichen Schemen von drei Männern erkannte, die sich über ihn beugten. Zäher Schwindel holte ihn ein und er bekam keine Luft mehr, keuchte und japste. Sein Blickfeld war plötzlich so eng und verschwommen. Alle Geräusche ringsum waren dumpf. Und plötzlich war da diese Pein, die seinen ganzen Körper zu erfüllen schien. Hjaldrist hörte jemanden markerschütternd schreien und realisierte erst spät, dass er selbst es war, der gellte. 

“Wo ist die Paktiererin?”, blaffte jemand entfernt.

Hjaldrist glaubte ersticken zu müssen und weitete die Augen, doch konnte nicht mehr sehen, als Schatten und verschwommene Bilder. Er drehte sich schwerfällig zur Seite und spuckte einen Schwall Blut aus, hustete und würgte. Sein Kopf, seine Arme, seine Hand, seine Knie. Alles schmerzte. Ihm war so verdammt schlecht und er wusste nicht, wo er war. Er stöhnte und flehte um Hilfe. Wo war Rist? Er war sonst doch immer da gewesen. Das machte keinen Sinn. All das hier musste ein schlechter Scherz sein.

“Brennen soll sie!”, bellte wer.

“Sie stirbt!”, keuchte ein anderer. Vadim?

“Hier, Schwalbe und Donner. Gib es ihr.”, Lado.

“Zurück! Wir werden das ruhig klären!”, mischte sich eine dritte Männerstimme ein. Wer war das?

Die Panik hielt den Jarl immer fester umklammert und ließ ihn nicht wieder los. Oh, Freya, er wollte sterben! Irgendwer drückte ihn zurück auf den Rücken und zwang ihm den Mund weit auf. Er konnte nichts dagegen tun.

“Rist!”, drang eine Stimme an seine Ohren heran. Jemand rüttelte an seinen Schultern und benommen blinzelte er, ehe ein Klagen seine Lippen verließ.

“Scheiße, Rist!”, das war Anna. Aber… warum? Sie hatte ihn doch vor Monaten schon verlassen. Schwach drehte der Mann den Kopf, um schleppend zu der Kurzhaarigen aufsehen zu können, die über ihn gebeugt am Bett saß und ihn schüttelte. Die aufgebrachte Novigraderin schimpfte in sich hinein und war außer sich. Ihre Augen waren so eigenartig schwarz. Ihre Haare auch.

Dann eine Ohrfeige, dass es nur so klatschte. Und jene war es auch, die den zusammenfahrenden Hjaldrist in das Hier und Jetzt zurückholte. Sie weckte ihn buchstäblich und ließ ihn eine Sekunde später schon überwältigt stöhnend hochfahren. Kerzengerade saß er folglich auf seinen Fellen und sein Atem ging schnell und unregelmäßig. Er schwitzte aus allen Poren und war verwirrt. Anna saß da vor ihm und sah abgekämpft aus. Unsäglich erleichtert atmete sie auf, doch presste sich die Hände gleich ungläubig und erschüttert vor den Mund. Es war hell im Zimmer. Die Sonne schien längst.

“Du bist nicht aufgewacht.”, plapperte die Giftmischerin hinter ihren Fingern und ihre Worte überschlugen sich “Du hast die Augen nicht aufgemacht. Ich dachte, du wachst nicht wieder auf. Ich wollte niemanden holen, denn ich hätte nicht gewusst was-”

“Was…?”, wisperte der Ältere und unterbrach seine Freundin damit atemlos. Er betrachtete sie vollends entrückt, schüttelte den Kopf und versuchte zu verstehen, was soeben geschehen war. Hjaldrist’s Blick wanderte von Anna fort und gen Fensterfront. Es sah aus, als sei es längst Mittag. Eiskalt lief es dem Mann den Rücken hinunter, als ihn die vergangenen Traumbilder wieder einholten. Er schwieg, als er zu der nervösen Novigraderin zurücksah. Sie war nicht verdreckt und blutig, nicht ausgezehrt und krank. Ihre Lippen waren rot und nicht fahl, ihre Augen klar. Sie sah gut aus und sprach nicht wieder im Wahn mit sich selbst. Und das einzige, das sie just durcheinander brachte war, dass sie es bis jetzt nicht geschafft hatte ihren engsten Freund aufzuwecken, so schien es.

“Wie… wie lange bist du schon wach?”, wollte der Jarl völlig neben sich stehend wissen. Sein Schädel pochte, wie verrückt.

“Seit dem Morgen.”, entkam es der Frau im weißen Unterkleid sofort “Ich… ich glaube, ich habe dich im Schlaf gesehen, aber ich bin mir nicht sicher. Da… da war wieder das Loch und… dann hat er mich geholt und du warst wieder fort. Dann wurde ich schreiend wach.”

Der Skelliger starrte sein Gegenüber ernsten Blickes an. Seine Lippen wurden schmal und sein Ausdruck hart. Er hatte es nicht geschafft. Beinahe… beinahe hatte er es. Aber nein. Er hatte heute kaum etwas verändert und in Anbetracht dessen, was er gesehen hatte, war das vernichtend.

“Scheiße.”, flüsterte er und wich dem Blick Annas aus, ehe er sich mit der zittrigen Hand geschafft über das müde Gesicht fuhr. Oh, Hjaldrist fühlte sich, als habe er seit Tagen nicht geschlafen. Die schmerzenden Augen rieb er sich und strich sich die vom Liegen wirren Haare zurück. Dann seufzte er geschlagen und sah erst auf, als seine Freundin nach seinen Händen fasste. Sie tat das beachtlich scheu, aber doch. Fragend sah der Jarl zu ihr.

“Danke.”, entkam es der Trankmischerin und weil sie so unruhig war, klang sie unbeholfen. Es sah aus, als wolle sie ihrem Dank noch etwas nachsetzen, denn sie holte ganz entschlossen Luft dafür. Doch sie schien es sich im letzten Moment anders zu überlegen, schloss die Lippen und sagte nichts mehr. Nur die Hände ihres Gegenübers hielt sie noch ein paar kleine Momente lange fest.

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