Kapitel 138 (Buch 5, 15)

Am Ende blieb nur die schwarze Pechfrau

Hjaldrist’s Blick hing starr und berechnend auf der dichten Baumgruppe vor ihm. Im knöchelhohen Gras stehend, sah er dem Schemen entgegen, der dort nahezu regungslos stand und ihn beobachtete. Direkt vor den Stiefelspitzen des Skelligers veränderte sich der Grund, wurde schleimig und weich. Oh, welch ein Pech das arme Winterkind nur hatte. Das grüne Gras schwand und machte den erbärmlich stinkenden Eingeweiden des grotesken Fleischforstes Platz, den er nun zum zweiten Mal im Schlaf sah. Flüchtig wichen seine Augen über die dick mit rötlicher Masse bewachsenen Bäume, zwischen denen die Schattenfrau stand. Sie sah ihn an, schamlos stierend und sie hatte sich bisher kein Stück weit gerührt. Man erkannte ihre Akzente nicht; nur ein langes Kleid und ebenso langes Haar in Pechschwarz. Ihre Haut, alles an ihr, war dunkel. Sie war ein finsterer Fleck in einer fleischfarbenen Landschaft voller unwirklich gebogener Bäume. Es war unheimlich und ihr Blick löste in Hjaldrist ein riesengroßes Unbehagen und Paranoia aus. Ihre Anwesenheit beunruhigte ihn zunehmend. Doch es blieb keine Zeit, um sich mit ihr zu beschäftigen. Denn er war hier, um einen erneuten Sprung in Anna’s Kopf zu wagen. Sein letzter Versuch dahingehend war nun drei Tage her. Hjaldrist war dabei unschön gescheitert und hatte sein heldenhaftes Vorhaben seine Freundin aus ihren Albträumen zu ‘erretten’ beachtlich in den Sand gesetzt, fand er. Er war, nachdem er sie erfolglos im Traum aufgesucht hatte, stundenlang nicht zu sich gekommen. Anna hatte ihn mir viel Gewalt aufwecken müssen und war ganz aufgelöst gewesen, weil sie geglaubt hatte, Hjaldrist sei irgendetwas geschehen. Sie hatte ihm erst Eine verpasst, damit er wieder zu sich kam und seine Hände dann, Momente später, nicht wieder loslassen wollen. Vor ihm auf der Matratze gesessen hatte sie und ihre Finger, die seine Hände umklammert hatten, waren kalt und merklich zittrig gewesen. Und obwohl ihr Freund in ihrem schlimmen Traum nichts hatte ausrichten können, hatte sie sich bedankt. Ja, Hjaldrist warf es sich vor stümperhaft agiert zu haben, doch für Anna war es angeblich dennoch wertvoll gewesen, dass sie ihn in der Grube Silvens nur ganz kurz erblickt hatte. Sie hatte nicht aufgesehen, als sie dann, am Bett, bei ihm gesessen hatte, sondern einfach auf die Finger gestarrt, die sie festgehalten hatte.

“Lass uns das nicht nochmal machen.”, hatte sie dabei bittend gemurmelt “Ich will nicht, dass irgendetwas passiert. Da träume ich lieber weiterhin schlecht.”

Daraufhin hatten sie damit angefangen zu diskutieren. Oder eher: Hjaldrist hatte einen verbissenen Monolog mit sich selbst geführt, in dem er sich geärgert und immer wieder geäußert hatte, dass er nicht wusste, wie man es anstellen sollte im Traum dauerhaft aufs Höchste konzentriert zu sein. Anna hatte ihn dabei nur groß angesehen. Er hatte sich erheben müssen und war in seinem Zimmer auf und ab gegangen, wie ein nervöses Tier. Und der stolze Jarl hatte sich davor gewehrt einfach so aufzugeben. Denn nun, nachdem er erkannt hatte, tatsächlich in fremde Träume zu gelangen, wollte er das Thema nicht ruhen lassen. Er wollte sich nicht nach einem Versuch geschlagen geben. Und er wünschte es sich seiner Kumpanin aus dem Norden helfen zu können, nachdem er Zeuge dessen geworden war, was sie regelmäßig im Schlaf durchmachte. Und Anna, die ihn erst skeptisch angebrummt hatte, hatte am Ende doch noch genickt, als er sie darum gebeten hatte es noch einmal versuchen zu dürfen. Hjaldrist hatte dabei versprochen viel aufmerksamer und vorsichtiger zu sein, als beim ersten Mal. Und nun stand er hier. Seit wenigen Momenten wusste er, dass er träumte und wich jetzt kritischen Blickes von der lauernden Schattenfrau und den Fleischbäumen ab. Der Mann wand sich fort und machte einen Schritt in die Leere vor sich. Stiefelsohlen trafen auf Steinboden und es hallte leise.

“Lass mich raus!”, drang Anna’s Stimme panisch an die Ohren des Undvikers heran und seine Miene wurde augenblicklich finster. Die Kiefer aufeinanderbeißend lief er los und dem dunklen Höhlengang vor sich entgegen. Es war, wie vor drei Tagen. Doch das machte es nicht weniger fürchterlich Anna wieder schreien zu hören.

“Bitte!”, brüllte sie panisch und der voraneilende Skelliger winkte sich im Lauf eine Öllampe herbei. Dieses Mal wusste er auch, wo der Felsbrocken in seinem Weg lag und er stolperte nicht erneut darüber. Anders, als vor drei Tagen nahm er im warmen Laternenschein den rechten Tunnel der Gabelung; in der Hoffnung nicht gleich zu stürzen und sich das Szenario in Silvens Labor noch einmal ansehen zu müssen. Er konzentrierte sich krampfhaft und atmete schwer, rannte weiter und bat stumm zu den Göttern gleich in das Gewölbe zu kommen, in dem der Kerker Silvens lag. Dorthin, wo er an den Rand des Loches treten könnte, in dem Anna kauerte, um dessen Gitterabdeckung zu öffnen. Er würde sie befreien.

“Ich komme!”, rief er atemlos durch den dunklen Gang und das Adrenalin drängte ihn völlig angespannt voran. Die Lampe in seiner Rechten schepperte. Hjaldrist setzte vor und das Schreien seiner Freundin schien in diesem Moment direkt in seinen Kopf vorzudringen. Es erfüllte alles. Seinen Geist, seine Gedanken, einfach alles. Und das Weinen war es auch, das ihn nach wenigen weiteren Metern zum Straucheln brachte. Es wurde so laut, dass er es kaum noch ertragen konnte. Und es tat weh. Schmerzlich stöhnend fasste sich der Mann an die Ohren, als er seitlich an die feuchte Höhlenwand wankte. Seine Schulter traf hart auf jene. Und die alte Öllampe war fort.

“Nein.”, presste er hervor und kniff die Augen zusammen. Beinah ging er in die Knie und er schüttelte das Haupt, um die viel zu laut gellende Stimme in seinem Kopf loszuwerden. Er wurde ganz konfus.

“Nein!”, keuchte Hjaldrist drängend. Und auf einmal war es still. Ruhig wurde es um ihn herum, etwas wärmer und heller, obwohl seine Laterne fort war. Sein Schädel war auf einmal so leer. Der Jarl sah langsam fragend auf und musste zufrieden lächeln, als er in die halb niedergeschlagenen Augen seiner Freundin sah. Sie stand da vor ihm, während er ganz locker auf seinem Thron saß. Sich mit einer Hand an der Rückenlehne des Sessels abstützend, war sie über ihn gebeugt und sah mit einem Gemisch aus Nervosität und Begierde auf ihn herab. Ihre Wangen trugen ein Rot, das sie fast schon niedlich aussehen ließ, mädchenhaft. Es brachte sie durcheinander, dass Hjaldrist sie am Hosenbund festhielt und nicht wieder gehen ließe.

“Was, wenn wer kommt…?”, flüsterte sie unruhig und musste dem Blick ihres Freundes leicht ausweichen, als er leise lachte. Sie war, seit sie beide sich im Frühling wieder getroffen hatten, so oft so unglaublich scheu. Zwei, drei Jahre vorher war dem selten so gewesen. Da hatte sie sich einfach betrunken und war über ihn hergefallen, denn sie waren ganz selbstverständlich Reisegefährten mit gewissen Vorzügen gewesen.

“Ah, egal…”, meinte Hjaldrist nach dem Bedenken Annas leichthin.

Ihre Hose stand längst offen, denn der Undviker hatte ihr eben einen kurzen Vorgeschmack von dem gegeben, was er vorhatte. Er umfasste den Bund des Kleidungsstückes fester und zog ihn der Giftmischerin fast bis zu den Knien hinunter. Weil die Frau ein weites Männerhemd trug, wurde ihr Schoß dabei verdeckt. Hjaldrist schob der Jüngeren die Hand nun unter das lange Oberteil und fasste ihr ganz schamlos zwischen die Beine. Und von früher wusste er noch ganz genau, wie er Anna dabei berühren musste, um ihre Hemmschwelle gleich gen Abgrund zu stoßen. Es würde nicht lange dauern, da wäre es der noch zaudernden Kurzhaarigen egal, dass sie sich hier in der Großen Halle befanden, und sie würde stöhnend kundtun, dass ihr gefiel, was sie beide hier taten. Dabei würde sie auch einen Scheiß darauf geben, dass man sie hören könnte. Anna war schon immer eine Frau der lauteren Sorte gewesen und das nicht nur, wenn es darum ging zu feiern, zu spielen oder sich in die nächste Auseinandersetzung zu stürzen.

Angetan schmunzelte der Sitzende, als er bemerkte, wie Anna die Knie weich wurden, als er zwei Finger in sie schob. Und er erschauderte wohlig mit ihr, als sie sich ihm entgegen zwängte und dabei laut aufseufzte. So, wie früher, zerging sie schnell unter seinen Händen und er musste sich dafür nicht einmal sonderlich anstrengen. Und wie erwartet war es ihr just egal, dass man sie hören könnte. Auch Hjaldrist beachtete dies kaum. Er war viel zu eingenommen von dem, was er hier tat. Anna, die die Nase vom Stehen voll hatte, wollte auf seinen Schoß kommen, doch der Jarl hielt sie davon ab, indem er sie mit der freien Linken an der Hüfte erwischte und daran festhielt.

“Später…”, sagte er, als er sich etwas gerader hinsetzte und andeutete, dass er das hier in die Länge ziehen wollte. Anna dürfte sich auf ihn setzen, aber noch nicht jetzt. Der Skelliger erhob sich also langsam, um die Nordländerin an seiner statt auf den Jarlsthron zu setzen. Einfach so. Er stützte sich links und rechts neben ihr auf die breiten Armlehnen, beugte sich ihrem Gesicht entgegen und küsste die Frau, deren Hände sofort den Stoff seiner Tunika suchten und jenen festhielten. So, als habe Anna Angst, Hjaldrist könnte nun einfach gehen und sie allein zurücklassen. Aber das würde er nicht. Das würde er niemals. Er hatte ihr doch versprochen-

Ja, er hatte ihr irgendetwas versprochen. Heute erst. Nur was?

Hjaldrist hielt inne, während Anna’s Finger an seinem blau-grünen Oberteil zerrten und er ihre warme Zunge noch immer an den halb offenen Lippen spüren konnte. Ihr Atem streifte sein Gesicht und es fühlte sich so erschreckend vertraut an. Und dennoch… irgendetwas stimmte nicht. Hjaldrist hatte versprochen Anna zu helfen. Mit ihren Träumen. Ja, genau. Er hatte ihr versichert, dass er dieses Mal konzentrierter sein würde, wenn er-

Er war in ihrem Kopf. Und als ihn diese Tatsache wieder einholte, schlug der Mann die Augen auf. Er wich abrupt zurück und während ihm plötzlich wieder unangenehm klamme Luft entgegen schlug, konnte er es noch immer förmlich spüren, wie sich die weichen Lippens einer Freundin vor Momenten noch verlangend und betörend an die seinen gepresst hatten. Anna war auch noch immer da. Sie saß vor ihm, doch…

Ein entrückter Laut verließ die raue Kehle Hjaldrist’s, als seine Augen auf die Kurzhaarige sanken. Sie hing auf einem alten, antiken Stuhl, direkt vor ihm, und hatte nur ihr eines, langes Hemd an. Doch der Stuhl war nicht sein Thron und das Hemd… es war vollkommen verdreckt und der Kragen mit dem Blut vollgesogen, das der Frau vom Mundwinkel tropfte. Man hatte die Handgelenke Annas an den Armlehnen der gezimmerten Sitzgelegenheit festgebunden und eingesunken lehnte sie da. Aus halb offenen Augen sah sie mit hängendem Kopf vor sich hin. Ihre Haare waren schwarz, wie Ruß. Und auf einem Tischchen neben ihr lagen unzählige Werkzeuge: Kleine, längliche Röhrchen, Nadeln, blutige Messerchen, Eisenstäbchen, ein kleiner Hammer, eine Zange.

“Ich hätte dich hinlegen sollen.”, kommentierte eine schöne Stimme von der Seite. Silven stand dort vor einem seiner Regale und räumte gerade zwischen ein paar klirrenden Fläschchen herum.

“Du wärst in dem Fall länger bei Bewusstsein geblieben, vorhin. Ganz bestimmt. Du warst über einhundert Sekunden weggetreten.”, sagte der Elf “Aber, ach, der Tisch ist noch so schmutzig. Ich muss ihn erst wieder reinigen. Es wäre eine Zumutung für mich gewesen daran stehend arbeiten zu müssen… nicht wahr? Warum konntest du deine Blase gestern nur nicht unter Kontrolle halten? Tse, tse...”

Hjaldrist sah, wie der Elfenmagier in seinem Blickwinkel umher huschte und irgendwelche Ingredienzen sortierte. Silven seufzte unter seiner Kapuze gespielt wehleidig, als er damit anfing in einer Truhe nach irgendetwas zu suchen. Und Hjaldrist’s Aufmerksamkeit heftete sich abermals auf Anna, die sich kaum rührte. Sie atmete unregelmäßig und blinzelte ab und an benommen, als sie so schief dahing. Ein schmaler Rinnsal aus Speichel und Blut lief ihr noch immer von den Lippen, die so spröde waren, dass sie wund aussahen. Die hellrote Flüssigkeit tropfte ihr vom Kinn und befleckte ihr Leinenoberteil. Hjaldrist schluckte schwer und musste tief durchatmen, doch dann zwang er sich zur Besinnung. Vorsichtig und darauf bedacht Anna nicht wieder zu erschrecken, trat er vor und beugte sich zu ihr. Sie reagierte nicht und vielleicht war das auch gut so. Zumindest würde sie so nicht wieder aufheulen, schreien und um sich schlagen. Sie würde hoffentlich nicht wieder in Panik verfallen, während ihr bester Freund versuchen würde sie mit sich zu nehmen. Jener fasste an die Fessel, die das linke Handgelenk der Halbnackten am Holzstuhl fixierte. Es war nur ein raues Seil, doch der Knoten darin fest. Unzufrieden verzog der Jarl den Mund und verengte die Augen, als er hinter sich fasste und sein Messer dort aus seinem Gürtel zog. Sekunden später traf jenes auf Anna’s geträumtes Tau, das sie festhielt. Und keines der sich hier begegnenden Traumbilder zerfiel. Hjaldrist’s Klinge zerschnitt das Hanfseil, das wunde Striemen an den Armen seiner Kumpanin hinterließen hatte, tatsächlich problemlos. Es war eine simple Tat, doch HIER unsagbar anstrengend. Der Skelliger musste sich am Riemen reißen, um seine Gedanken nicht abdriften zu lassen. Ja, er durfte nicht daran denken, was er gesehen und gespürt hatte, bevor er hierher getragen worden war. Er musste die Bilder an Anna, wie sie benommen vor Erregung auf seinem Thron lehnte, ganz fest fort sperren. Und es war enorm schwierig. Verlegen widmete sich Hjaldrist der zweiten Fessel und versuchte sich gewaltsam auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren. Das blasse Gesicht seiner lethargischen Freundin half dabei. Denn als er sie nun noch einmal eindringlich ansah, blickte er in braune Augen, die von einem kranken Schwarz durchbrochen wurden. Er erkannte tiefe Augenringe, Blut und einen dunklen Bluterguss an dem einen Wangenknochen der Ausgehungerten. Kalt lief es ihm den Rücken hinab und er wisperte einen ungläubigen Fluch.

“Lass uns gehen…”, murmelte der Dunkelhaarige der Frau vor sich zu, die nach wie vor nicht antwortete, sondern nur einfältig vor sich hin sah. Er erfasste Anna unter den komplett zerstochenen Armen, half ihr auf die Beine und sie knickte beinahe ein. Hjaldrist hielt sie jedoch gut genug fest und hob die schwache Frau dann einfach hoch, um sie zu tragen. Verstohlen sah er sich nach Silven um, doch der war auf einmal fort. An dessen Stelle war die Schattenfrau aus dem Fleischwald getreten. Sie stand da, keine zwei Meter entfernt und sah den Jarl an. Jener erschrak fürchterlich und gab einen überforderten Laut von sich. Anna an sich drückend, als sei sie ein wertvolles Gut, das man beschützen musste, wich Hjaldrist zwei, drei Schritte zurück. Und er dachte, sein Herz rutsche ihm in die Hose. Doch der schwarze Schemen starrte nur. Seine  Augenhöhlen waren leer, weswegen man nicht ausmachen konnte, wohin genau er sah. Und das zierliche Gesicht dieser Fremden war genauso ausdruckslos. Wie schwarzer Nebel kaskadierten ihr die Locken über die Schultern und Pech tropfte ihr zäh vom langen Kleid. Aufgebracht wanderte der Blick des erstarrten Undvikers, der sich abrupt wieder verfolgt und unheimlich beklommen fühlte. Eine solch bedrückende Trauer schlug mit einem Mal über ihm ein, das er ganz atemlos wurde.Am liebsten hätte er grundlos geweint. Doch wieso?

“Was-”, keuchte er hervor und bemerkte nicht, wie Anna ihm dabei entglitt “Wer bist du?”

Völlig aus dem Konzept gebracht und mit schmerzendem Kopf, starrte der Krieger. Er wusste nicht was tun, wollte weglaufen, doch konnte nicht. Der Mann vergaß, dass er hier die Kontrolle haben sollte und niemand anderes.

“Verschwinde!”, forderte er heiser, doch die Pechfrau ging nicht. Sie blieb einfach nur stehen und stierte ihn regungslos an. Es roch nach Blut und altem Tod. Stickige Wärme umgab den Axtkämpfer für einen Moment und er hörte Fliegen laut summen. Wieder wurde das Geräusch lauter und immer lauter. Es schwoll so weit an, dass es sich anfühlte, als platze einem der Schädel.

Hjaldrist fuhr zusammen und schrie auf, als er sich ruckartig aufsetzte. Der Jarl stand vollkommen neben sich, als er aus geweiteten Augen in sein halbdunkles Zimmer starrte und nur schleppend verstand, dass er einmal wieder schlecht geträumt haben musste. Er beschwichtigte sich im Innern selbst und ermahnte sich flüsternd dazu wieder ruhiger zu atmen. Es war nichts passiert. Er hatte nur geschlafen. Alles war gut und er war in Sicherheit. Es war Morgen und er… er würde gleich hinuntergehen und Adlet, Märthe und Anna fragen, ob sie gemeinsam frühstücken sollten. Denn ja, Hjaldrist war seit gestern Abend zwar der Jarl dieser Insel, dennoch wollte er bei seinen Freunden sein und sich nicht großkotzig distanzieren. Der freundliche Mann würde mit seinen Engsten ins Esszimmer der Burg gehen und dann würden sie beisammensitzen, um über die vergangenen Wochen zu sprechen. Über den Tod Orlans und darüber, wie es nun weitergehen sollte. Sie würden scherzen können, lachen. Und dann, oh ja, dann würde Hjaldrist Anna ganz stolz die Burg zeigen: Die schöne Außenterrasse, das Badehaus, sein Zimmer, die Schreibstube seines Vat-... SEINE Schreibstube. Sie würden gemütlich zu Mittag essen und das verschneite Undvik daraufhin erkunden. Anna würde das sicherlich gut gefallen. Es gab schöne Ecken hier und auch Monster, die sie zusammen erledigen könnten. Hjaldrist musste breit lächeln, als er daran dachte. Ja, er vergaß seine Träume schnell wieder und er freute sich, als er aus seinem Bett kroch und sich ankleidete. Leise summte er sogar vor sich hin, während er plante seinen Schwarm gleich mit einem lauten, heiteren Tamtam aus dem Bett zu reißen. Vielleicht würde er den anhänglichen Hugin und den laut kläffenden Munin ja auf Anna loslassen. Denn diese Chaotin, hatte es nämlich an sich immer bis kurz nach Mittag zu schlafen, wenn man sie nicht weckte. Aber heute würde das nicht passieren. Der Tag war jung und sie hatten viel zu entdecken: Das ganze gute Essen nach dem viel zu langen Reisen, Führungen durch den Ort, Monsterjagen; einfach nur etwas ausgelassene Freizeit nach all den grimmen Dingen, die kürzlich geschehen waren. Es wäre so, so befreiend. Und dann… dann am Abend… also-

Hjaldrist würde Anna zur Seite nehmen und sie vorsichtig ansprechen. Das hatte er jetzt schon lange vor und endlich war die Zeit dafür da. Er würde sie bitten mit ihm auf die große Außenterrasse zu kommen, denn dort sah man nachts den ganzen Sternenhimmel. Und dann, so hatte er ganz wagemutig geplant, würde er ihre Hände nehmen und sie fragen, ob sie nicht für immer bleiben wollen würde. Also, ähm, nicht ‘so’, denn er wusste doch, dass die Giftmischerin keine Frau war, die man binden konnte. Aber er wollte ihr zumindest ein eigenes Haus am Stadtrand anbieten. Mit Kräutergarten, kleiner Bank im Freien, Kamin und einem weichen Bett. Und vielleicht würde er ihr Arbeit geben, wenn sie denn wollte. Anna könnte doch zur Leibwache gehen. So hätte Hjaldrist sie immer hier, bei sich. Sie würde gutes Geld verdienen und müsste nie wieder hungern. Oder war das zu viel verlangt? Der hoffnungsvolle Undviker wusste es nicht. Generell war er sich so unsicher, wenn es um die flatterhafte Nordländerin ging. Er liebte sie. Er verehrte sie abgöttisch. Doch er wollte sich ihr nicht aufdrängen. Hjaldrist wollte einfach nur, dass seine Seelenverwandte blieb.

Doch geblieben, das war sie nicht. Anna war fort.

Hjaldrist’s Füße trugen ihn plötzlich hastig die Treppe der großen Burg hinunter. Mit schnell gehendem Atem und dunkler Vorahnung im Blick eilte der ungläubige Jarl durch die weitläufige Haupthalle der Falkenburg, drängte sich an zwei irritierten Huskarlen vorbei und stob auf die Terrasse in elfischer Bauart hinaus, von der aus man den ganzen Ort und das Meer dahinter sehen konnte. Er hielt erst an, als er an deren steinernem Geländer angekommen war und stützte sich keuchend daran ab. Er war völlig außer Atem.

“Nein…”, entkam es ihm leise und in einer vernichtenden Realisation, als seine geweiteten Augen ängstlich suchend über die Ebene vor der Stadt wanderten. Ein harscher Wind brauste über das verschneite Land und brachte die Tannen zum Rauschen. Vereinzelte Schneeflocken wirbelten umher und es war so kalt, dass der unregelmäßige Atem Hjaldrists als weißer Dunst aufstieg.

Anna war verschwunden. Er hatte sie vorhin mit seinen großen Hunden im Schlepptau aufwecken wollen und hatte sie nicht gefunden. Gesucht hatte er sie, aber ihr unbenutzter Gästeraum war leer gewesen, all ihre Sachen weg. Einer der aufmerksamen Jarlsschatten hatte schnell bestätigt, dass der Stalljunge ihm erzählt habe, dass die Alchemistin nachts ein Pferd genommen und darauf davon galoppiert war. Und all das reichte schließlich aus, um Hjaldrist die Augen zu öffnen; ihn sehen zu lassen, warum sich Anna gestern Abend so abweisend und unsicher gegeben hatte. Oh, warum war es ihm denn nicht gleich klar gewesen? Er hätte etwas dagegen machen können, dass sie ging, ganz bestimmt! Er hätte sie hier halten können, irgendwie! Er war Schuld an ihrem Verschwinden. Immer war er Schuld an allem und machte so viele Fehler.

“Sie ist weg...”, wisperte der verzweifelte Mann zu sich selbst, einmal, zweimal, und diese Worte, die sich anhörten, als habe sie jemand anders gesagt, schmerzten immens. Sie waren wie ein riesiger Speer aus Eis, der sich in die ungeschützte Brust des Kriegers grub und ihn mit einem Ruck aufspießte, ihn wehrlos zurück und ausbluten ließ. Es war, als schlüge sein Herz langsamer, obwohl er vom Weg hierher noch ganz atemlos war und ihm die kalten Hände zitterten, mit denen er sich an das harte Terrassengeländer krallte. Der vernichtende Gedanke daran, dass Anna regelrecht vor ihm und von Undvik ‘geflohen’ war, lähmte ihn, schwächte ihn, ließ seine gläsernen Augen unstet wandern. Ein enormes Gewicht zerrte seine Schultern gen Grund, klammerte sich gierig an ihn und der kühle Wind schien ihn laut zu verspotten. Er fühlte sich so klein. Denn das war er. Ja, was oder wer war er schon? Ein dummer Kerl mit einer Krone am Kopf, der glaubte, besonders zu sein; Einzigartig für Anna. Doch das war er nicht. Er war nichts.

“Sollen wir sie zurückholen?”, drang eine trockene Stimme an Hjaldrist heran und er zuckte erschrocken zusammen, sah entrückt auf. Einer der Skrugga stand mit hinter dem Rücken verschränkten Armen hinter ihm und wartete augenscheinlich auf Befehle.

Anna zurückholen…?

Die trockenen Lippen des jungen Jarls standen einen kleinen Spalt weit offen, als er lange starrte und sein Kopf auf Hochtouren arbeitete. Doch tatsächlich fühlte sich jener leer an. So leer. Was sollte er nur tun? Anna war nicht mehr hier. Er wollte, dass sie wieder zurückkam. Er wollte es mehr, als alles andere. Hjaldrist’s Kehle brannte und seine Brust wurde ihm viel zu eng zum Atmen. Seine große Liebe käme nicht wieder, nicht wahr? Nie wieder würde er sie sehen. Sie hasste ihn. Welch ein Pech das Winterkind nur hatte.

“Was…?”, wisperte der Geplagte, ehe er sich einigermaßen und für wenige Momente fing. Er haderte mit sich. Ihm war übel geworden, eiskalt. Er wollte frösteln und sah die fremden, leeren Augen die ihn derweil beobachteten, nicht. Sein Magen drehte sich um und er verkniff sich ein Würgen. Es roch nach Tod. Doch irgendwie fasste Hjaldrist sich.

“Nein…”, entschloss er dann “Nein. Lasst sie.”

Denn wie lautete dieses eine Sprichwort aus Toussaint denn noch gleich? Das, was Ravello einmal erwähnt hatte? ‘Wenn du etwas liebst, lass es ziehen.’ und… und ‘wenn es zu dir zurückkommt, dann gehört es dir für immer.’. Doch Anna käme nicht zurück. Sie nahm gerade Anlauf, um ein neues Leben zu wagen. Eines ohne ihn. Es war, als sei sie unerwartet gestorben. Hjaldrist könnte nie wieder mit ihr sprechen. Es war vorbei.

“Lasst sie.”, sagte der dunkelhaarige Mann abermals mechanisch und sah den pflichtbewussten Zuträger bei sich knapp nicken. Der besagte Mann mit der grün-blauen Schärpe wandte sich einfach ab und ging. Hjaldrist sah ihm nach, ehe die Entgeisterung erneut ungnädig nach ihm haschte und seine braunen Augen wieder den klaren Horizont suchten. Da war nichts und niemand. Keine Person auf einem Pferd, kein Schiff. Nichts. Und dieser trostlose Anblick tat so unglaublich weh, wollte ihn zerfetzen. Eine ganz plötzliche Schwäche machte dem frischen Jarl die Beine wackelig und er stützte sich schwer auf dem kunstvollen Geländer vor sich ab, an dem schwarzer Nebel hing. Er hielt sich auch noch daran fest, als er zwei Wimpernschläge später auf die Knie ging und den Kopf dabei tief hängen ließ. Es war ihm egal, dass die Leute ihn so sahen. Und es war ihm einerlei, dass die beiden Wachen, die herbei eilten, seine dicken Tränen erkannten. Oh, er fühlte sich geschlagen, besiegt, getreten wie ein Straßenköter, wertlos. Und unglaublich ohnmächtig. Der benommene Hjaldrist wusste nicht, was er tun sollte. Anna war fort und es fühlte sich an, als habe sie einen Teil von ihm mit sich genommen. Ja, sie war weg. Das Gesicht in den Händen vergrabend schluchzte der Mann mit der Krone am Haupt. Und am Ende blieb nur die dunkle Pechfrau, die ihm geduldig zusah.

 

Als Hjaldrist ganz schleppend aufwachte, fühlte er sich unsagbar matt. Er öffnete die Augen schlaftrunken und blieb einfach schlapp liegen, während sein Blick diejenige suchte, die ihm zugewandt schlief. Wie vor drei Tagen hatte er Anna’s Hand genommen, als er zu ihr gekommen war, um in ihre Träume zu gehen. Und er hielt jene noch immer fest. Doch… es hatte wieder nicht funktioniert. Hjaldrist hatte sich ablenken lassen und seine geschundene Freundin war ihm wieder entfallen. Und das nur, weil er auf einmal Bilder vom Jahresanfang gesehen hatte. Von dem Tag nach seiner Krönung. Es… es hatte alles so real gewirkt. Und es ließ ihn jetzt absolut niedergeschlagen und wirr zurück. Ihm war schlecht. Geistesabwesend sah der Undviker der ruhenden Anna entgegen. Sie zuckte, atmete schwer aus und verzog das Gesicht leicht im Schlaf. Und dies half nicht dabei, dass sich Hjaldrist besser fühlte, im Gegenteil. Er ließ ihre Hand los und legte ihr die Finger stattdessen an die Schulter, um sie sanft daran zu rütteln. Und augenblicklich schreckte die Frau mit einem entsetzten Laut auf den Lippen hoch. Ihre Augen waren glasig und sie verstand offenbar noch nicht so ganz, wo sie war. Denn anstatt sich aufzusetzen und sich entnervt zu geben, rutschte sie nah an ihren Freund heran und vergrub das Gesicht ohne ihre übliche Verlegenheit an seiner Halsbeuge.

“Er kommt...”, gab sie dabei aufgelöst von sich und mutete überhaupt nicht an, wie die scheue oder verlegen-brummige Anna, die man sonst kannte. Hjaldrist hatte sie aber auch noch nie erlebt, wie es ihr ging, wenn man sie aus ihren wiederkehrenden Albträumen riss. Also nahm er es ohne zu Hinterfragen hin, dass ihm die Novigraderin beachtlich nah kam. Sie tat das, als suche sie Schutz vor irgendwas oder irgendjemandem. Als glaubte sie, sie träume noch immer und als geschähe irgendetwas Fürchterliches, wenn der Oneiromant bei ihr sie wieder losließ. Es war eine Annahme, die ihm den Magen ganz flau machte. Und zögerlich legte er einen Arm um die, die sich erst wieder fangen müsste. Dabei sprach Hjaldrist kein Wort, denn auch er müsste seine Gedanken nach den letzten Stunden erst sortieren und sich fragen, was er nur hätte besser machen können. Er fühlte sich noch immer so abgeschlagen und müde, irritiert und veralbert, dass es ihn nicht einmal nervös machte, dass Anna soeben zum serrikanischen Klammeraffen mutiert war. Und das, nachdem er glaubte ihr im Traum ganz, ganz anders ‘nah’ gekommen zu sein, als jetzt. Auf seinem Thron. Mitten in der Großen Halle. Gerade interessierte ihn nichts von alledem. Später erst, da würde er sich vielleicht verdattert daran zurückerinnern.

“Du bist wach…”, sagte der Mann leise und sprach damit auch irgendwo zu sich selbst “Alles ist gut.”

Und es half ein wenig. Ihm und auch seiner Freundin, deren Atem allmählich wieder ruhiger wurde. Dennoch zog sie sich nicht von Hjaldrist zurück, sondern murmelte stattdessen leise Flüche über Elfenmagier in seinen Hemdkragen. Der Jarl seufzte und die schwarzen Haare der Frau vor ihm kitzelten ihn im Gesicht. Er pustete sich ein paar dieser verirrten Strähnen vor der Nase fort, doch ließ Anna gewähren. Warum hätte er sie auch zuwider von sich drücken sollen? Bei Hemdall, er ekelte sich weder vor ihr, noch empfand er es als ungut sie bei sich zu haben. Die Jüngere roch gut und ihr Körper war unter dem dünnen Unterkleid angenehm weich und warm. Sie war seine beste Freundin, trotz allem, was früher einmal gewesen war. Außerdem war er, im Vergleich zu Anna, jemand, der Leute schnell umarmte und dies als völlig gewöhnlich ansah.

“Ich… ich habe dich gesehen…”, entkam es der Novigraderin nach langer Zeit gedämpft. Die ganze Zeit über hatte sie sich kaum gerührt und nur ihr Griff an Hjaldrist’s Oberteil war stetig lockerer gewordem.

“Wirklich…?”, fragte der Undviker in die Stille hinein “Wann genau?”

Anna zögerte. Sie schien angestrengt nachzudenken und als Hjaldrist spürte, wie sie etwas von ihm abwich, ließ auch er sie los. Kurz trafen sich ihre Blicke, ehe die Alchemistin schon schüchtern wegsah und sich auf den Rücken drehte, um sich den Arm über das Gesicht zu legen. Sie stöhnte leise und der Westländer verkniff es sich sich betreten zu räuspern. Die kurze Situation war eben… eigenartig gewesen.

“Ja…”, entkam es ihr und sie schluckte trocken “Du hast mir auf die Beine geholfen. Ich… ich habe es bemerkt, doch ich konnte mich nicht bewegen. Ich konnte nichts tun, Rist, obwohl ich wollte. Mein Körper gehorchte mir einfach nicht. Und ich hatte Angst. Ich weiß aber nicht, wovor genau.”

Der Jarl richtete den Oberkörper hoch und stützte sich dafür auf seinen Ellbogen.

“Und dann…?”, hakte er schon etwas hellhöriger nach.

“Ich weiß nicht. Du… hast mich hochgehoben, denke ich.”, erinnerte sich Anna langsam und ließ den Arm an ihren schwarzen Augen wieder sinken, um beklommen an die Zimmerdecke zu starren. Sie zog die Brauen grüblerisch zusammen.

“Dann… war da jemand. Er… hat dich gepackt und auf einmal saß ich wieder… wieder auf dem Stuhl und-”, die Giftmischerin stockte, ehe sie weiter redete “Und alles begann von vorne. Ja, ich hatte Angst wegen dem Stuhl.”

Schwer atmete sie durch die Nase aus.

“Scheiße, verdammte. Mehr… mehr weiß ich nicht mehr.”, meinte sie. Und der zerknautschte Hjaldrist, der mittlerweile saß, sah sie unschlüssig an. Jemand hatte auch ihn gepackt. Silven? Nein. Das konnte nicht sein. Außer ihm, Anna und dem Elfen, der ihn nicht gesehen hatte, war niemand in den heutigen Träumen vorgekommen. Und dass der Skelliger versagt hatte, lag nur daran, dass ihm die Konzentration wieder abhanden gekommen war. Er hatte sich anstrengen wollen, es aber nicht geschafft. So, wie beim ersten Versuch seiner Freundin zu helfen. Oder lag das Problem ganz woanders? Vielleicht… musste er in den Träumen irgendetwas anderes tun. Nicht chaotisch drauflos rennen, sondern nach einem Muster handeln. Womöglich gab es ja eine Art Pfad, die er nehmen müsste, damit alles so verlief, wie er es wollte. Hjaldrist legte die Stirn in Falten und fuhr sich gedankenvoll über das unrasierte Kinn. Wo war der Haken? Ein frustrierter Ton entkam ihm. Er hatte all seine Notizen doch so penibel studiert.

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