Kapitel 139 (Buch 5, 16)

Der wald gehörte ihm und ru

Bjalka kam etwas außer Puste bei Anna an, die gerade am Tor zur Außenterrasse stand und sich die ereignislose Arbeitszeit damit totschlug in die Ferne zu starren. Immerhin war der Ausblick von hier aus richtig schön und man konnte den ganzen Tag lang den Schiffen dabei zusehen, wie sie ausliefen oder zurückkehrten. Vor wenigen Stunden hatte Anna, die schon seit dem Morgen hier stand, auch die ‘Seeschlange’ entdeckt. Haldorn war also von seiner Reise nach Spikeroog zurück. Einer seiner alten Kindheitsfreunde hatte dort geheiratet und natürlich hatte der Seeräuber mit seiner gesamten Mannschaft bei der Feier aufschlagen müssen. Anna schmunzelte bei dem Gedanken. Denn sie wusste nur zu gut, wie diese dreckigen Piraten beim Trinken und Feiern immer loslegten.

“Anna!”, Bjalka’s Stimme riss die Nordländerin mit dem mehrlagigen, nachtblauen Rock aus den seichten Gedanken und fragend sah sie sich zu der Frau mit den vielen Sommersprossen um.

“Hm?”, machte sie überrascht. Warum sah ihre Kollegin so aus, als sei sie hierher gerannt, so schnell sie nur konnte? Argwöhnisch betrachtete Anna sie.

“Hjaldrist will dich sprechen. Jetzt. Im Thronsaal.”, stöhnte der keuchende Huskarl und stützte sich auf die Knie. Anna’s Glieder verspannten sich augenblicklich. Denn es schien, als sei die Angelegenheit äußerst dringend. War etwas passiert?

“Ich löse dich hier ab.”, sagte Bjalka noch und die aufgerüttelte Giftmischerin nickte schnell. Sie wandte sich zum Gehen und nahm die Treppe gen Thronsaal hastigen Schrittes. Die Schwertkämpferin rannte beinahe und malte sich im Kopf schon irgendwelche Miseren aus. Denn es kam äußerst selten vor, dass der Jarl einen zweiten Leibwächter losschickte, um Anna holen zu lassen. Wenn er mit ihr reden wollte, tauchte er normalerweise immer persönlich bei ihr auf oder sprach sie an, wenn sie sich in seiner Nähe aufhielt. Nun aber beorderte er die Kurzhaarige über eine andere Gardistin zu sich in die Große Halle. Oh weia.

Anna beeilte sich und daher dauerte es nicht lange, bis sie durch den Seiteneingang in den Thronsaal kam. Sofort fiel ihr Blick auf ihren Freund weiter vorn. Der wiederum, saß auf seinem massiven Sessel am Ende der Halle und sah beachtlich grüblerisch aus. Seine Augen hingen auf zwei mit Seesäcken bepackten Männern, die vor ihm standen und beim Sprechen wild gestikulierten. Doch wie waren nicht feindselig, sondern schienen sich nur wegen irgendetwas zu beschweren. Und sie muteten an, als seien sie erst angereist. Die stämmigen Kerle waren Skelliger, das sah und hörte man sofort. Sie trugen erdfarbene Kleidung, zottelige Felle und ihre Mäntel waren dunkel-lila. In Braun, Schwarz und Violett wanden sich Tartan-Schärpen um ihre Mitten und Anna verengte die Augen nachdenklich, als sie näher kam. Lila. War das nicht dieser Clan Drummond mit seinem verrückten Jarl in Kaer Muire? Lugos hieß der und den jungen Leuten seiner Sippe sagte man nach sich unter Drogen zu setzen und völlig berauscht wahnwitzige Mutproben zu veranstalten. Die Novigraderin wusste das, denn sie wälzte seit kurzem die Geschichtsbücher der Inseln. Sie war eine Ausländerin in der Garde eines Jarls. Letzteres war ein relativ wichtiger Posten, den sie in den vielen, vergangenen Wochen nicht so geschmückt hatte, wie sie es hätte sollen. Und daher war es jetzt das Mindeste, wenn sich Anna neben mehr Training etwas mit den Büchern der hiesigen Kultur und der Clans auseinandersetzte, nicht? Sie war dabei noch nicht ganz so weit gekommen. Aber über die Politik und die Namen der wichtigsten Clans wusste sie jetzt Bescheid. Genauso, wie über die essentiellen Details der westlichen Religion.

“Überall standen diese Puppen aus Knochen und Holz!”, berichtete einer der bärtigen Neuankömmlinge und Hjaldrist’s Blick fiel aus dem Augenwinkel auf Anna, die mit gerafftem Kleidsaum angelaufen kam.

“Und er griff an, sobald wir näher kamen.”, sprach der mit der lila Schärpe weiter “Aus dem Hinterhalt.”

“Das so nahe dem Hauptweg!”, beschwerte sich der zweite Kerl mürrisch, während die Alchemistin aus Novigrad dazustieß. Hjaldrist nickte ihr im Gruß zu und wies dann ernsten Blickes auf die Leute Lugos’.

“Wir haben ein Monsterproblem.”, meinte er “Und ich möchte, dass du es dir ansiehst.”

Anna wurde hellhörig und äugte interessiert zu den beiden Fremden, die sie wiederum ganz skeptisch betrachteten. Doch sie schwiegen. War wohl besser so.

“Arianna ist eine Hexerin. Sie kennt sich mit derlei Dingen aus.”, stellte der Jarl die Frau ganz selbstverständlich vor, um alle Bedenken seitens der Besucher fortzuwischen “Erklärt ihr also, was ihr gesehen habt.”

Die Trankmischerin versteifte sich ein wenig, als ihr Anführer sie so offiziell betitelte, doch blieb stumm und sah die zwei Krieger bei sich abwartend an.

“Hm?”, machte der eine überrascht “Eine Hexerin? Seit wann arbeiten die als Hauswachen?”

“Das soll vorkommen.”, fand der andere, doch wirkte dabei etwas aufgeregt “Kennst du nicht die Geschichte von Torgeir dem Roten und dem Hexer Gerd? Ja, Gerd, DER hat das auch gemacht.”

“Hmpf.”, brummte der Erste, doch zuckte dann mit den Schultern “Ist ja auch egal. Mir wäre es jedenfalls lieb, wenn das Monster verschwindet, bevor wir in vier Tagen zurück zum Hafen müssen.”

“Richtig.”, fand Besucher Eins “Ich schlage mich gern gegen allerhand Gesocks oder Tiere, doch bei Viechern, die Magie wirken können, hört der Spaß auf.”

Anna hob die Brauen.

“Magie?”, fragte sie gleich “Inwiefern?”

“Es hat einen Sturm herbei beschworen und die Krähen auf uns losgeschickt.”, berichtete der Bärtige und Anna spürte den stechenden, wissenden Blick Rists an sich heften.

“Hatte es ein Geweih?”, hakte Anna nach und die Gäste nickten.

“Ja, es hatte Hörner.”, erinnerte sich der eine “Und sein Kopf sah aus, wie ein skelettierter Pferdeschädel.”

Sein Freund nickte zustimmend.

“Wir haben die Straße von der Schwertfischküste aus genommen und dort, etwa eine Stunde gen Inland-”

“Ich weiß, wo es war.”, entkam es der Kurzhaarigen sofort und sie bemerkte, wie nicht nur die Leute von Lugos verblüfft dreinsahen. Auch Hjaldrist betrachtete sie jetzt ganz eigenartig.

“Und es ist ein Waldschrat, nehme ich an.”, sprach Anna weiter “Bisher kam er aber nie so weit aus dem Forst heraus. Ich war vor kurzem dort und konnte problemlos zwischen den Bäumen umhergehen.”

Man merkte, dass Rist gerade gerne aufgesprungen wäre, um seine Freundin ganz empört zu fragen, was sie so nahe des Reviers eines Waldschrates gesucht hatte. Doch er hatte Gäste und gab sich daher ruhig. Genauso, wie er soeben unheimlich selbstsicher wirkte, wenn es um die Professionalität seiner sogenannten ‘Hexerin’ ging. Er gab sich vor Lugos’ Männern keinerlei Blöße. So, wie es sich für einen stolzen Clananführer gehörte, eben. 

“Du wusstest, dass das Monster da ist?”, hakte eine der Lilaschärpen nach “Und du hast es einfach dabei belassen?”

“Ja. Ich sehe keinen Sinn darin Ungeheuer oder Monster zu töten, solange sie uns nicht gefährlich werden. Würde ich jedes Unwesen umbringen wollen, das auf Undvik kreucht und fleucht, würde ich meinen Lebtag nicht fertig werden.”, antwortete die Ungeheuerkundige ehrlich “Der Schrat, von dem man sich schon länger erzählt, war letzte Woche noch tief im Wald. Ich habe keine Totems gesehen und sein Zuhause grenzte nicht annähernd an den Handelsweg. Er war demnach keine Gefahr. Forstschrate verlassen ihr Gebiet für gewöhnlich nicht und sind nebenher nützlich, wenn es um Ogroiden geht, die sich in ihrer Nähe einnisten wollen. Sie töten diese nämlich.”

“Hä?”, machte einer der Fremden verwirrt und Hjaldrist musste sich ein Grinsen verkneifen.

“Das ist so, wie mit Spinnen.”, drückte Anna simpel aus “Manche Leute haben Schiss vor denen und wollen sie zertreten. Dabei vergessen sie, dass diese Tiere nützlich sind und Ungeziefer töten.”

Sie lächelte schmal. Stille tat sich im Thronsaal auf. Der Jarl brach dieses Schweigen wenige Herzschläge später.

“Sieh dir die Sache bitte einmal an, Anna. Und zwar gleich.”, bat er und die Jüngere nickte.

“Alles klar.”, antwortete die Frau und fing noch einen letzten Blick des Undvikers auf. Wären sie nun alleine gewesen, hätte er sie spätestens jetzt darum gebeten bloß vorsichtig zu sein und zum Anbruch des Abends wieder hier aufzutauchen. Doch jetzt gab er sich streng. So, wie immer, wenn er seine Krone aufhatte. Anna nickte ihm noch einmal knapp zu und dann machte sie kehrt, um sich ein wenig nervös für den Weg gen Hafen und ein etwaiges Aufeinandertreffen mit einem Waldschrat zu rüsten.

 

Es nieselte, als Anna in das feuchte Unterholz trat. Kaum zwei Stunden hatte sie zurück zu dem Ort gebraucht, wo Henrik und Bjalka sie vor kurzem, nach ihrem Ausflug nach Dorve, gefunden hatten. Hier, zwischen Hafen und Caer Gvalch’ca war der Wald dicht und finster. Das herbstliche Wetter machte die Lichtverhältnisse unter den hohen Baumkronen auch nicht besser. Die Novigraderin, die sich ob der Kälte ihr Wolfsfell übergeworfen hatte, duckte sich unter ein paar verzweigten Ästen hindurch und sah verschlagen um sich. Gerne hätte sie just auch ihren Wollumhang getragen, doch der hätte sie zwischen all den Sträuchern nur behindert. Außerdem war er rot. Damit fiel man zwischen Blättern und Farnen einfach zu sehr auf, wenn man eigentlich relativ unbemerkt durch den Forst spazieren wollte. 

Mit der Hand am Heft ihres Silberschwertes musste sich Anna nicht weit in den Wald hinein wagen. Sie hatte jenen kaum betreten, da fiel ihr das erste Totem auf: So, wie von Lugos’ Leuten beschrieben, stand bereits unweit des Handelsweges eine groteske ‘Puppe’ aus Ästen und Tierknochen. Erstere bildeten ein schiefes ‘T’, mit einem Fuchsschädel und kleinen, klappernden Schienbeinen daran. Sofort verlangsamte die Monsterjägerin ihren Schritt. Eingehend beäugte sie das Gebilde, doch fasste es vorerst nicht an. Sie hätte damit nur unnötig Aufmerksamkeit auf sich gezogen und den gefährlichen Schrat, der hier hauste, verärgert. Also ging sie mit gespitzten Ohren weiter und fand das zweite Gestell aus Holz, Knochen und zerschlissenen Fellfetzen schon bald. Auch jenes umging sie und das mittlerweile auf unglaublich leisen Sohlen. Bedacht schritt die Frau voran und versuchte dabei ruhig zu atmen. Seit einiger Zeit konnte man nun nicht mehr ausmachen, wo der Waldrand war, und wäre man blind geflohen, hätte man sich hoffnungslos verirrt. Aber Anna würde nicht weglaufen. Da lagen Welten zwischen ihren Fähigkeiten von damals, als der Schrat von Redgill sie verfolgt hatte, und dem Denken, das sie heute besaß. Auch ihre Ausrüstung war so gut, dass sie gerade zwar beunruhigt war, doch sich nicht fürchtete. Ihr silbernes Schwert war meisterlich verarbeitet und glänzte vor Waffenöl und in ihrer Tasche warteten drei bis zum Rand mit Splittern und Schwarzpulver gefüllte Drachenbomben darauf einem Gegner entgegen geworfen zu werden, der Feuer hasste. Ein großer Waldschrat wäre zwar ein härterer Gegner, doch keineswegs unbesiegbar. So viel Selbstbewusstsein hinsichtlich der Monsterjagd besaß Anna mittlerweile und ganz ehrlich? Sie war auch sehr neugierig. Es interessierte sie, warum der Schrat plötzlich so nah an den Waldrand gekommen war, um dort seine warnenden Totems zu platzieren. Hatte ihn vielleicht etwas aus dem Forstzentrum vertrieben?

Die Trankmischerin schob ein paar kleine Äste eines nass tropfenden Haselbusches beiseite, um weiter in den unheimlichen Wald vordringen zu können und erkannte dabei von der Seite aus eine weitere, groteske Puppe aus Zweigen und den Gebeinen kleiner Tiere. Noch immer lauschte sie aufmerksam und hielt den Griff ihres teuren Schwertes kampfbereit umfasst. Anna trat in eine flache Pfütze und hörte, wie der Herbstwind die Blätter zum Rascheln brachte. Weit entfernt rauschte es in den Wipfeln der Tannen und man konnte auch das stürmische Meer bis hierher vernehmen. Eine Krähe krächzte nicht weit entfernt und dieser Vogelschrei ließ Anna schließlich innehalten. Denn Waldschrate scharten diese schwarzen Gefiederten oft um sich. Genauso, wie sie die Wölfe riefen. Das Gesicht der aufhorchenden Ungeheuerjägerin wurde hart und sie wand den Blick in die Richtung, aus der Flügelschlagen zu hören war. Da war ein Rascheln im Geäst und irgendwo knackte es vernehmbar im Unterholz. Vögel stoben auseinander und flatterten wild empor. Und dann, auf einmal, kam etwas von hinten. Die bis aufs äußerste angespannte Novigraderin war darauf vorbereitet gewesen und sprang sofort zur Seite. Sie wich aus, fuhr herum und zeichnete Quen in die Luft. Abrupt glomm es orange in ihrem Blickwinkel auf und sie tat ein, zwei Schritte zurück, um einen sicheren Stand einzunehmen. Eine Windböe wühlte durch das Blattwerk ringsum, verbog kleine Äste und warf Laub launisch umher. Etwas kam von links und prallte an dem magischen Schild der Schwarzhaarigen ab. Alarmiert drehte sie sich herum. Dann noch ein Geschoss. Ein… ein Stein? Er krachte gegen Quen, doch der zischende Schild hielt dem locker stand. Anna stutzte. Hatte da gerade jemand einen Stein geworfen?

“Was zum-”, keuchte die Frau, ehe eine enorme Druckwelle sie packte und wuchtig fortwarf. Sie kam ganz plötzlich und Anna, die sich kaum versehen konnte, hatte gegen diese Art von Magie keinerlei Chance. Jene erwischte sie von links, packte sie und bugsierte sie meterweit durch die Luft. Hart und unter dem Zersplittern von Quen schlug Anna laut ächzend am Waldboden auf, rollte zwischen aufgewirbeltem Dreck und Laub weiter und wurde von einem dichten Dornengestrüpp abgefangen. Es ging so schnell, das sie kaum verstand, wo oben und wo unten war, doch sie hielt ihr langes Schwert fest und kam sofort wieder auf die Beine. Etwas konfus rappelte sie sich hoch, mit Blättern im Haar und Erde an der Wange. Die Dornen des Brombeerstrauches, der sie aufgefangen hatte, hatten ihr den Stoff des Gambesons zerkratzt und ihr kleine Löcher in den dunkelblauen Rock gerissen. Sie strauchelte kurz, doch stand wieder und rümpfte die Nase zornig. Ihre protektive Magie hatte sie vor Schlimmerem bewahrt. Und als sie jetzt wieder mit kampfeslustiger Miene vortrat, schälte sich zwischen den Bäumen ein Pferdeschädel hervor. Ein riesiges Geweih, auf dem eine Krähe saß, streckte sich davon ausgehend gen Blätterdach. Und Fetzen aus Leder, Moos und mottenzerfressenem Stoff fielen dem Wesen über den dürren Körper. Seine Augenhöhlen waren leer und das Kiefer des makabren Gesichts weit aufgerissen. Anna biss die Zähne zusammen und verzog die Miene feindselig. Ihre schwarzen Augen wanderten berechnend und sie wartete ab, war zu allem bereit, was gleich käme. Doch als sich das Monster aus dem Halbschatten schälte, wollte ihr der Ausdruck auf einmal entgleisen. Die Giftmischerin weitete verdutzt die Augen.

“Verschwinde!”, donnerte der… ähm, ‘Waldschrat’ und formte wild tanzendes Feuer zwischen seinen Fingern. Zwei böse verengte Augen in einem mit Schlamm beschmiertem Gesicht sahen ihr auf Halshöhe der Monster-Verkleidung entgegen. Der schwarze Vogel am Geweih krähte unruhig. Anna’s Schultern sanken und die gewaltige Anspannung wich teils schon aus ihrem Körper. Dies resultierte darin, dass die zuvor noch so wild dreinsehende Frau gleich nurmehr ziemlich bedröppelt dastand.

“Geh, Eindringling!”, grollte der Fremde zornig und fachte seine flackernden Flammen demonstrativ an. Seine Kopfbedeckung aus Pferdeschädel, Fell und Hirschgeweih war imposant, das musste man ihm lassen.

“Ähm.”, gab Anna, unbeeindruckt von den Drohungen des Kerles, zurück “Dir ist klar, dass Waldschrate kein Feuer beschwören können...?”

“Was?”, spie der Mann in den braunen Lumpen und Fellen vollends pikiert und sein Vogel krächzte mit ihm “Woher weißt du das?”

“Uhm… ich… hab’s mal wo gehört.”, erklärte Anna lasch und ließ das Schwert sinken, auf dem die eingearbeiteten Runen gespenstisch schimmerten. Man konnte das Gesicht des Verkleideten vor ihr nicht zur Gänze ausmachen, da er sich einen dunklen Schal bis über die Nase hochgezogen hatte. Doch seine blauen Augen verengten sich just grantig.

“Verdammt!”, fluchte er giftig und löschte sein magisches Feuer, indem er die Finger seiner Rechten, über der es flammte, mit einem Mal ballte. Er schnaufte verärgert und warf einen weiteren Stein, dem Anna gerade noch so ausweichen konnte, indem sie ihren Kopf hastig einzog.

“Hey!”, beschwerte sie sich patzig “Hör auf damit! Was soll die Scheiße?”

“Verschwinde!”, schimpfte der Einsiedler mit den Hörnern.

“Nein!”, maulte Anna zurück und sah, wie sich der Skelliger eilig nach einem weiteren Stein bückte. Sie zuckte zurück und verzog den Mund verärgert.

“Hör auf damit!”, drohte sie “Warum greifst du Leute an? Meine Fresse, was ist nur los mit dir?”

“Der Wald gehört mir und Ru! Andere haben hier nichts verloren!”, krächzte der Möchtegern-Schrat.

“Wie bitte?”, keuchte Anna “Wer bist du überhaupt? Und warum verkleidest du dich?”

“Was?”, grummelte der Fremde “Sei nicht unhöflich, DU… du Trampel!”

Als ob die dicke Krähe des Typen ihm beipflichten wollte, zeterte sie. Die Alchemistin blickte die beiden starr an und ihre nicht vorhandene Begeisterung stand ihr wahrlich ins Gesicht geschrieben. Noch immer hing ihr Laub im Haar. Ratlos wechselte sie das Standbein.

“Ich bin Théodas, der Herr dieses Waldes! Meine Freunde nenen mich Théo!”, stellte sich der Mann ganz unerwartet vor und seine Stimme klang hinter seinem Schal etwas gedämpft “Aber wir zwei sind keine Freunde. Und es ärgert mich, dass du dich nicht fürchtest!”

Théodas setzte noch einmal dazu an seinen Stein zu werfen, doch Anna erhob das Schwert in einer stummen Drohung und einem mahnenden ‘Ah-Ah!’ auf den Lippen. Tatsächlich hielt der magisch Begabte inne und knurrte ein ‘A d'yaebl aép arse’. Die ehemalige Vagabundin, die diese Worte ihres besten Freundes wegen verstand, zog die Brauen zusammen.

“Fick du dich doch und zwar selber.”, gab sie schnippisch zurück und der Skelliger schnaufte entsetzt. Ein unangenehmes Schweigen tat sich auf.

“Hör zu, ich habe nicht vor dir oder deinem Wald irgendetwas zu tun.”, brummte die verstimmte Frau “Ich kam hierher, weil du heute Morgen Reisende angegriffen hast und man glaubte, du seist ein Waldschrat, weil du überall Totems aufstellst und dir einen Pferdekopf aufsetzt.”

“Totems?”, maulte Théodas “Das sind Vogelscheuchen!”

“Im Wald braucht man keine Vogelscheuchen.”, fand Anna.

“Ich schon!”, sagte der Verrückte “Ru mag die!”

Die Krähe flatterte mit den Flügeln und gluckste.

“Bei Melitele!”, stöhnte die Ausländerin “Seid ihr skelliger Druiden eigentlich ALLE so unglaublich wahnsinnig? Ich habe noch keinen von euch getroffen, der normal im Kopf ist.”

“Was?”, pikierte sich der Schrat-Mann abermals “Wie?”

“Was ‘was’?”, gab Anna zurück.

“Du hast andere wie mich getroffen?”

“Äh, ja.”

“Kennst du Adlet?”, wollte er wissen und die Miene der Novigraderin erhellte sich ein Stück.

“Ja… ja. Tu ich.”, gab sie langsam von sich “Ich habe bei ihm gelernt. Ein Jahr lang. Ist schon etwas her.”

Die hellen Augen im dreckig dunklen Gesicht des Einsiedlers weiteten sich ungläubig. Er zog sich den groben Schal aus dem Gesicht und soweit Anna zwischen all der verschmierten Erde erkennen konnte, waren die Züge des Mannes ziemlich fein. Es überraschte sie. Und es verblüffte sie auch, dass der Mann, der etwas größer war als sie, nun auf sie zukam. Er beugte sich ihr entgegen, um sie genau ansehen zu können, und stemmte sich dabei die Hände in die Seiten. Kleine Knochen und Holzperlen, die er sich an die Kleidung gebunden hatte, klapperten dabei leise. Anna wich einen halben Schritt zurück. Sie mochte es nicht, wenn Fremde ihr zu nahe kamen. Und besonders zu DIESEM Fremden hier wollte sie lieber Abstand haben.

“Eine Schülerin von Adlet bist du?”, fragte der so weibisch aussehende Typ mit dem Schlamm im Gesicht und kräuselte die schalen Brauen “Wie heißt du, hä?”

“...Anna.”

“Aha! Freut mich sehr, Anna.”

Die Besagte runzelte die Stirn und obwohl der Druide sich gerade freundlicher gab, als vorher, traute sie ihm nicht.

“Du wolltest mich gerade noch mit einem Stein bewerfen und nun freust du dich mich zu sehen?”, murrte sie zurecht beleidigt und hielt das Schwert nach wie vor fest in der Rechten.

“Ja.”, sagte Théodas, als sei dies völlig gewöhnlich. Ach, du Schande…

“Und warum?”

“Weil du in meinen und Ru’s Wald kamst.”

“Nein, ich meine: Warum bist du jetzt nett zu mir?”

“Freunde von Adlet sind auch meine Freunde.”, erklärte der Mann schlicht. Dann ließ er wieder von Anna ab, doch betrachtete sie weiterhin interessiert. Und diese Neugierde beruhte am Ende auf Gegenseitigkeit.

“Du wohnst also hier?”, fragte der Huskarl nach einer Denkpause nach und Théo nickte.

“Ja, schon lange. Und ich passe auf.”, sagte er stolz.

“Worauf? Auf den Forst?”

“Das auch.”

“Und worauf noch?”, fragte Anna weiter und war gespannt, was nun wohl käme.

“Darauf, dass der Jotunn nicht kommt.”

Die Kriegerin blinzelte irritiert.

“Der Riese?”, hakte sie nach.

“Genau. Ich habe es Finias versprochen.”, seufzte Théo.

“Wem?”

“Dem Jarl.”, empörte sich der Eigenbrötlerische “Sag mir nicht, dass du den nicht kennst!”

“Äh… ach ja. ‘Finias’, ja.”, murmelte die unschlüssige Anna in gespielter Erkenntnis. Und sie beließ es vorerst dabei. Théo lächelte solange breit und man konnte ahnen, dass er unter seiner Lage aus Dreck ziemlich hübsch sein musste. Alleine seine Augen waren schon schön. Er war ein Elf, das war klar. Nur was tat jemand wie er hier und das auch noch im Aufzug eines Druiden, der sich wie ein Waldschrat gab? Entweder war dieser Mann vollkommen verrückt oder er tat nur so, um sich irgendeinem größeren Wohl unterzuordnen. Anna tippte auf ersteres.

“Magst du Pilze, Anna?”, wollte Théo auf einmal wissen.

“Pilze?”, fragte sie irritiert “Naja… ja, schon. Manche. Warum?”

“Ich habe frische Steinpilze und Riesenschirmlinge. Die wollte ich mir braten.”, erklärte der Einsiedler “Du kannst mit mir essen, wenn du willst. Ich habe nicht oft Besuch.”

Die Brauen der Frau wanderten hoch und sie sah den Elfen vor sich planlos an. Ihr Blick streifte auch einmal den Vogel, den man offenbar ‘Ru’ nannte und der sich gerade der Regennässe wegen aufplusterte. Sie überlegte gut. Und dann nickte sie ganz zögerlich. Denn sie wollte mehr über Théo und seine angebliche Aufgabe hier erfahren. Sie hatte in ihrem Leben schon viele schräge Individuen getroffen, doch dieser Mann hier setzte dahingehend ganz neue Maßstäbe und machte sie schon ein wenig sprachlos. Er hatte einen Vogel. In zweierlei Hinsicht.

“In Ordnung.”, sagte Anna ihres stichelnden Interesses wegen, doch steckte ihr Schwert nicht weg. Sie würde es noch eine Weile lange in der Hand behalten, denn sicher war sicher. 

Daraufhin folgte die Leibgardistin dem wahnsinnigen Druiden und Ru durch den dunklen Forst. Es regnete noch immer, doch umso tiefer sie in den Wald kamen, desto weniger der kalten Tropfen schafften es durch die dichten Baumkronen hindurch. Théo summte leise, als er voranging und seine Rückansicht mit dem Schädel und dem Geweih sah verquer aus. Der Elf war ganz unbekümmert, als er seiner neuen Bekannten den Rücken zudrehte und auch dies zeugte davon, dass er durchgeknallt oder aber sehr mächtig sein musste. Dieses Mal war sich Anna nicht sicher, welche der beiden Eigenschaften sie ihm zuordnen sollte. Vielleicht traf ja sogar beides gleichzeitig zu. Und diese Annahme machte den Waldwächter hier nicht unbedingt vertrauenswürdig. Dennoch heftete sich die Novigraderin an die Fersen des Blauäugigen und folgte ihm eine halbe Ewigkeit lange, bis sie eine kleine Lichtung erreichten, auf der eine Hütte stand. Sie war uralt und vollkommen zerfallen gewesen, hätte dickes Wurzelwerk sie nicht gestützt. Das eingesunkene Strohdach wurde von dicken Efeuranken gehalten und eine Kletterpflanze mit blauen Blüten wucherte über das Skelett des Hauses. War das dieses Mondscheinkraut, das die Kräuterfrau, Mütterchen Evers, letztens am Markt angeboten hatte? Das, das angeblich vor bösen Mächten schützte? Anna musste die Stirn in tiefe Falten legen und Théo, der sah sich endlich nach ihr um. Die Krähe auf seinem Geweih putzte sich ganz geschäftig ihr noch immer ganz feuchtes Gefieder.

“Willkommen!”, lächelte der Elf und breitete die Arme einladend aus “Das hier ist mein Heim! Ich lebe nunmehr seit, hm, 243 Jahren hier!”

Der Gast des Kerles verschluckte sich fast an der eigenen Spucke, als diese Worte fielen.

“Äh?”, entkam es der verdutzten Anna und sie musste husten. Der verdreckte Verrückte hier war also ein Aen Seidhe? Nein, oder? Ach du Scheiße. Waren diese Leute denn nicht eigentlich so, wie Ehillea, Rist’s Großtante? Arrogant, anmutig und… naja… ‘elfisch’ halt? Théo war auf den ersten Blick nicht so. Und das einzige, das ihn gerade als Elf ausmachte, war sein hübsches, schlammbeschmiertes Gesicht.

“Magst du Riesenschirmlinge, Anna?”, wollte der Druiden-wasauchimmer-Aen Seidhe wissen, als er schon ganz geschäftig um seine Wurzel-Hütte wuselte, um dort Ausschau nach den besagten Gewächsen in seinem kleinen Kräutergärtchen zu halten. Die anwesende Kriegerin folgte ihm skeptisch.

“Parasole…?”, wollte sie wissen, denn so nannte man die besagten Pilze im Norden.

“Ja, genau! Du beweist ja wirklich eine ehemalige Schülerin Adlets zu sein!”, flötete Théo und buckelte schon suchend in seinem Garten herum. Es war kurios, dass er jenen hatte, denn schlussendlich lebte er in der Wildnis, wo Pilze überall wuchsen. Man müsste hier nicht weit gehen, um welche zu finden.

“Nicht jeder mag Riesenschirmlinge, weißt du. Denn sie schmecken ein wenig bitter.”, erklärte der Elf und fasste sich unter seine langen Schulterfelle, um dort irgendwo eine Sichel hervorzuholen. Anna beugte sich zur Seite, um das besser beobachten zu können.

“Ja… ich weiß.”, murmelte sie und wunderte sich noch immer. Théo bückte sich nach irgendetwas und verlor seinen schweren Kopfschmuck dabei fast. Ru flatterte ob dem und schimpfte. Daraufhin begann der Mann in der Alten Sprache zu fluchen, wie ein Rohrspatz, und das Beachtliche dabei war, dass Anna dank Hjaldrist die Hälfte davon verstand.

“Bloede Pest!”, maulte der Aen Seidhe vor sich hin und sein Vogel erhob sich schnatternd in die Luft “D’yaebl!”

Die Trankmischerin presste die Lippen fest aufeinander, um nicht loszulachen. Sie sah fort und betrachtete einen wahllosen Punkt am nächsten Baumstamm, um sich vor dem Losjauchzen abzulenken. Denn wer wusste schon, wie Théo reagiert hätte? Er war wahnsinnig und gerade, da war er auch wirklich wütend über seinen schlecht sitzenden Pferdeschädel. Er brummte noch irgendetwas Unverständliches, ehe er sich daran machte sich den ungewöhnlichen Hut abzunehmen. 

“Ru! Squass’me!”, stöhnte der Kerl noch. Was auch immer das hieß. Der Vogel, der unweit auf einem Baum saß, krächzte kurz und Anna linste aus den Augenwinkeln zu dessen Besitzer zurück. Und als jeder seinen Kopfschmuck aus Schädel, Geweih, Fellen, Leder, Knochen und Holzperlen fort stellte, kamen blondes, langes Haar und spitze Ohren zum Vorschein. Die Novigraderin gaffte ganz interessiert, während sich der viel, viel Ältere daran machte ein paar seiner wohl selbst gezüchteten Parasole abzuschneiden. Mithilfe seiner Kräutersichel tat er das und war auf einmal wieder völlig ruhig. Théo war offenbar Choleriker. Es passte ganz und gar nicht zu seinem klischeehaft elfenhaften Auftreten.

“Man muss Pilze immer abschneiden, Anna.”, säuselte er vor sich hin “Wenn man sie mitsamt ihren Wurzeln ausreißt, wachsen sie nämlich nicht nach.”

 

Anna aß später mit Théo. Er war ein schräger Eremit und vollkommen zerfahren, doch man musste ihm lassen, dass er wusste, wie man Pilze zubereitete. Überhaupt schien dieser Elf ganz besessen von diesen Gewächsen zu sein; genauso, wie Adlet. Auch Rist’s Onkel hatte immer schon von Sewanten und dergleichen geschwärmt und sogar ekelhaften Tee daraus gekocht. Sie erkannte also manche Parallelen zwischen dem Mann von Drakensund und dem Blonden, mit dem sie gerade beisammen saß. Noch immer klebte dem Aen Seidhe getrocknete Erde im Gesicht, doch er störte sich nicht daran, als er sich ein Stück in Fett gebratenen Parasol in den Mund steckte. Der Aen Seidhe besaß kein Besteck. Also aßen er und seine Besucherin mit den Händen. Es machte Anna nichts aus.

“Du lerntest Adlet also vor dreißig Jahren kennen. Hier. Weil er beim Pilzesuchen ein rotes Bändchen verloren hat?”, rekapitulierte Anna die lange Erzählung seitens des Älteren nun und er nickte. 

“Ich wollte ihn verjagen, aber verstand bald, dass er so ist, wie ich.”, meinte der Blonde und wippte mit dem rechten Bein. Das tat er schon die ganze Zeit und langsam aber sicher ging es Anna auf die Nerven. Doch sie erwähnte dies nicht.

“Verstehe…”, sagte sie langsam.

“Also half ich ihm beim Suchen und wir haben sein Bändchen wiedergefunden. Keine Ahnung, was er auf Undvik getan hat. Aber naja.”, endete der Elf seine Erzählung froh und klaubte mit spitzen Fingern nach einem Steinpilz in der gusseisernen Pfanne, die vor ihm am Tisch stand. Er und sein Gast saßen in seinem Haus, dessen Mobiliar ähnlich kaputt war und von Pflanzen gestützt wurde, wie die Hütte selbst. Seltsamerweise machte das Heim so einen fast schon märchenhaften Eindruck.

“Ich dachte, ihr kanntet euch länger.”, warf Anna ein.

“Nein. Wir haben nur zusammen nach seinem Bändchen und dann nach Fliegenpilzen gesucht. Danach sah ich ihn nie wieder.”, gab Théo zurück und die Giftmischerin, die eine andere Auffassung der Bezeichnung ‘Freunde’ hatte, fragte nicht weiter nach. Sie lächelte nur etwas beklommen und kam zum Entschluss, dass sie hier nicht sonderlich weit kommen würde. Der Aen Seidhe, der sich gerade das kräuterdurchsetzte Fett von den Fingern leckte, hatte viel wirres Zeug erzählt. Einiges davon hatte die Novigraderin sogar deuten können: Nämlich, dass der Blondschopf einst ein Berater eines Jarls namens Finias Falcharoch gewesen sei und einen großen Angriff der Riesen miterlebt hatte. Er habe gegen jene gekämpft und seinem Anführer dann versprochen auf Ewig auf die Bewegungen von Jotunn, den Vater der Ogroiden, zu achten, um Undvik zu beschützen. Jener befände sich irgendwo hier, schlafend in Eis… oder so ähnlich. Und die treue Ru spüre es genau, wenn der größte aller Riesen erwachen würde. In dem Fall würde Théo zu Finias eilen, um ihn vorzuwarnen und ihm erneut gegen den mächtigen Feind beizustehen. Dass der anwesende Huskarl vorsichtig erklärt hatte, dass es auf Undvik keinen Finias gäbe, hatte Théo genauso ignoriert, wie die Tatsache, dass der herrschende Clan Flachraite genannt wurde. Es war, als lebe der Aen Seidhe in seiner ganz eigenen Welt, aus der er es nicht hinaus schaffte. Man hätte ihm Hjaldrist hierher bringen können, mitsamt Krone und seiner ganzen Garde, und der Einsiedler hätte nicht verstanden, wer der Schönling denn sei. Im Leben Théos gab es also nur Eisriesen, Ru, seinen besten Freund Finias und… und Pilze. Mehr wollte nicht in seinen hübschen Kopf hinein.

“…Ich sollte gehen. Es wird sonst spät.”, seufzte Anna irgendwann, denn sie ahnte, dass es bald dunkel werden würde. Sie wollte vor Anbruch der Nacht zuhause sein und ein Fußmarsch von zwei, drei Stunden erwartete sie. Also erhob sie sich etwas schwerfällig.

“Nein.”, wand Théo bestimmend ein, als er sie starr ansah.

“Was?”, fragte sie argwöhnisch nach.

“Tschüss.”, lächelte der eigenartige Druide dann plötzlich “Aber lass dich nicht von den Nebelnissern erschlagen. Sie bluten ihre Beute aus und lassen sie liegen, um sie zu fressen, sobald sie am Verwesen ist. Das wäre sehr unschön. Außerdem stinkt es. Ru mag das nicht.”

Entrückt blinzelte Anna und fragte sich, warum sie sich überhaupt noch wunderte oder fragte, wovon der irre Aen Seidhe überhaupt sprach.

“Ähm. Ja. Mach ich.”, versicherte sie und der Sitzende lächelte freundlich. Mehr erzählte er nicht mehr, sondern wendete sich einfach wieder seiner leergegessenen Pilzpfanne zu. Der schräge Kerl nahm sie in beide Hände und fing damit an sie sauber zu lecken. Anna warf ihm noch einen letzten, wirren Blick zu. Dann verließ sie seine Hütte und trat zurück auf die Waldlichtung. Ru saß dort noch immer auf ihrem Baum und beobachtete die Besucherin mit schräg gelegtem Kopf. Anna zog die Brauen misstrauisch zusammen. Irgendetwas an diesem Vogel war seltsam, doch sie wollte keine Gedanken daran verschwenden. Nicht jetzt. Sie müsste sich beeilen und zurück nach Hause, um Rist hiervon zu erzählen.

 

Anna fand Hjaldrist auf der großen Terrasse der Falkenburg, nachdem sie kurz nach der Dämmerung zurück in die Stadt gekommen war. Sie hatte nicht lange nach ihm suchen müssen, denn er hielt sich gerne hier auf. Besonders Abends, da man hier einen wunderschönen Blick auf den Sonnenuntergang hatte. Selbst nachts war es großartig hier zu stehen, denn man konnte von dem Punkt aus den gesamten Sternenhimmel über Undvik betrachten. Mit etwas Glück sah man dabei sogar die Himmelslichter, die sich ab und an gespenstisch grün über das Firmament zogen.

Den Jarl im Blick, der auf der Bank der Terrasse saß, kam die Frau also auf den Platz und ließ sich ohne Umschweife neben dem Älteren nieder. Er hatte aufgesehen, als sie gekommen war und wirkte ungemein erleichtert über ihre Wiederkehr.

“Uff…”, atmete die Kurzhaarige abgekämpft und lehnte sich zurück “Meine Füße...”

“Anna.”, erkannte Rist froh und wandte sich der Anderen sogleich zu. Neugierig betrachtete er sie.

“Und?”, fragte er erwartungsvoll.

“Ich hab den Waldschrat gefunden.”, erzählte die Kriegerin und wahrte einen ernsten Ausdruck “Er war tatsächlich dort, wo die Leute von Lugos ihn und seine Totems erspäht hatten.”

Hjaldrist kniff die Augen skeptisch zusammen und sein Blick wanderte forschend über den Körper seiner Freundin. So, als wolle er überprüfen, dass sie noch all ihre Gliedmaßen besaß und unverwundet war. Das war sie. Also abgesehen von den wenigen Kratzern und Löchern im Kleid, die von den Brombeersträuchern stammten, in die man sie geworfen hatte.

“Wirklich?”, hakte der Westländer nach und suchte unruhig Blickkontakt “Und? Mach es nicht so spannend.”

“Er griff mich erst an”, setzte Anna fort “Und dann... lud er mich zum Essen ein.”

Rist stutzte so heftig, dass man glauben hätte können, er kippe von seiner Bank.

“Was?”, stieß er aus. Erst jetzt fing die Giftmischerin damit an zu grinsen. Sie musste auflachen und ihr Kumpel erwischte sie am Ärmel, um fordernd daran zu zupfen.

“Und weiter?”

“Er… heißt Théodas. Seine Freunde nennen ihn Théo und er ist angeblich der beste Freund eines Finias Falcharoch.”, erzählte Anna “Er ist kein Schrat, sondern ein… elfischer Druide mit einem Kopfschmuck aus Pferdeschädel und Geweih.”

Hjaldrist sah seine Leibwache an, als tische die ihm gerade eine riesengroße, schlechte Lügengeschichte auf. Seine Augen waren weit und sein Ausdruck ungläubig. Sie sprach weiter.

“Er ist ein Aen Seidhe, denke ich. Denn er lebt schon seit fast 250 Jahren hier. Er meinte, er warte darauf, dass der Jotunn käme… und dann würde er gegen diesen Riesen in den Kampf ziehen. So, wie er es früher einmal getan hat.”, meinte Anna “Er… ist ein verrückter Einsiedler, der Fremde angreift und einen Vogel hat. Also einen echten: Ne Krähe. Magiebegabt ist er obendrein und… oh… ja, er kennt Adlet.”

“Verarsch mich nicht.”, gab Hjaldrist entrüstet von sich und war ganz perplex.

“Tu ich nicht.”, lachte Anna wieder “Versprochen. Und ich wette, du würdest es interessant finden mit ihm zu reden, obwohl er viel Stuss brabbelt...”

Amüsiert sah die Schwarzhaarige zu dem Jarl und fand dessen verdattertes Gesicht gerade unheimlich belustigend.

“Ich kann ihn dir ja mal vorstellen.”, schlug sie schmunzelnd vor “Na? Bereite dich nur darauf vor eine Stunde lange durch einen Wald voller Neblinge, Krabbspinnen, Nekker, Wölfe und gelegentliche Alghule zu laufen und dann von einem Wahnsinnigen mit Steinen beworfen zu werden.”

“Wie… ähm, verlockend.”, fiel es dem Jarl darauf nurmehr ein. Und auch er konnte nicht anders, als dezent verunsichert zu grinsen.

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