Kapitel 14

Wenn Sterne Höhlen erleuchten

Märthe war immer als überaus nett und freundlich erschienen. Sie hatte stets gerne geholfen - auch in ihrer Drachenform - und ihre Freunde gegen die Banditen verteidigt, die in Überzahl auf die Insel gekommen waren. Und dennoch fühlte es sich ein wenig seltsam an vor die Höhle zu treten, in der sie wohnte; befremdlich, ungut, vielleicht sogar respekteinflößend. Adlet hatte die beiden Abenteurer hierher geführt, etwa ein, zwei Meilen weit ins Inselinnere und direkt in den dichten Nadelwald von Drakensund. Und hier, zwischen dem Duft der Tannenwipfel, dem Plätschern eines schmalen Baches und dem morgendlichen Tau, der sich einem kalt an die Stiefel heftete, standen der Druide, Rist und Anna also vor der Höhle des besagten grünen Drachen. Der Eingang des Hortes, der in einen großen, felsigen Hügel inmitten des dichten Forsts führte, war breit. Für ein Schuppentier von großem Ausmaß war es also kein Problem in das dunkle Loch zu kriechen, wenn es den Kopf nur ein wenig einzog. Hm. Ob Märthe nun wohl als Drache in ihrem Zuhause saß? Oder als kleiner Mensch? Hockte sie lauernd auf einem großen Goldhaufen und leuchteten ihre Augen im Dunkeln? Anna sah der Höhle etwas skeptisch entgegen, während Adlet guter Dinge voran ging, um eben jene zu betreten. Ringsum zwitscherten die Vögel nicht mehr und es war völlig still. Auch hatte die stets aufmerksame Hexerstochter im Umkreis keine anderen Wildtiere gesehen; nicht einmal einen der Hasen, die es hier gab, wie blaue Flecke am Körper eines ungehorsamen, redanischen Eheweibs. Folglich mussten sich die Tiere also vor der Echse fürchten, die hier hauste, und Anna wusste ja nicht, wie gut ihr dies nun behagen sollte.

Die gähnende Höhle führte tief in den Stein. Der Weg, der in jenen hineinführte, sank nach wenigen Metern bereits ab und an gewissen Stellen war er gar so steil und die moosbewachsenen Steine so glitschig, dass man gut aufpassen musste, um nicht zu stürzen. Hjaldrist hätte es einmal beinah auf den vermeintlichen Halb-, Viertel- oder Achtel-Elfenarsch gelegt, doch Anna hatte ihn gerade noch so am Oberarm erwischen und davor bewahren können im Dreck zu landen und sich das Steißbein anzuschlagen. Adlet schien hingegen aber keinerlei Probleme mit dem Abstieg in den tief gelegenen Drachenhort zu haben. Er ging sehr leichtfüßig und sicher, mit einem knorrigen Gehstock in der Hand und so, als ob er diesen Weg schon hunderte Male zuvor genommen hätte. Und womöglich hatte er das auch, wenn man bedachte, wie er zu Märthe stand. Bestimmt besuchte er sie oft.

“Wir sind gleich da!”, versicherte der kauzige Trankmischer mit dem seltsamen Hütchen aus braunem Filz und Vogelfuß und führte die zwei Jüngeren in eine Kehre in dem breiten Gang. Seine rostige Öllampe quietschte beim Tragen leise schaukelnd vor sich hin, warf einen orangen Schein auf die feuchten Höhlenwände und ließ die Schatten wild umhertanzen. Anna hielt sich nah bei dem Eremiten, um ihn nicht noch zu verlieren, und Hjaldrist bildete mit der Hand an der Axt das Schlusslicht. Sie beide trugen ihre vollen Monturen, Rüstungen und Waffen. Zwar hatte es sich herausgestellt, dass der große Drache der Insel ihnen wohlgesonnen war, doch sie fühlten sich mit Schild und Schwert einfach sicherer. Und auch, wenn es sich um ein mächtiges Tier handelte, gegen das man im Ernstfall nur schwer bestehen könnte, war es ein angenehmeres Gefühl seine Ausrüstung bei sich zu wissen, anstatt förmlich nackt in den Hort einer Echse zu stolpern, deren Zähne so lang waren, dass sie einen im Nu in der Luft zerreißen konnten.

 

Entgegen aller Erwartungen einen grünen, schwanzpeitschenden Drachen auf einem Haufen voller glitzernder Schätze vorzufinden, kam Märthe der kleinen Gruppe in menschlicher Gestalt entgegen. Wie immer in einem schlichten Kleid, zu einem Dutt gedrehten Haaren und mit dem üblichen Lächeln auf den Lippen. Im Gegenzug zu dieser vertrauten Erscheinung, die menschlicher und sympathischer nicht sein konnte, war im sich auftuenden Gewölbe der finsteren Drachenhöhle nichts so wirklich einladend. Es war eben nur eine modrige Höhle mit moosbewachsenen Wänden, Pilzen in den Ecken und kleinen Rinnsalen, die hier und da hörbar durch den Stein herunter plätscherten und in kleinen, unterirdischen Teichen endeten. Leise tropfende Stalagtiten hingen meterlang von der Decke. Manche von ihnen waren so groß und breit, dass sie sich mit den Stalagmiten am Boden zu Stalagnaten geformt hatten und aussahen, wie massive, marmorne Säulen einer riesigen Burghalle. Selbst, wenn sich alle vier Anwesenden an den Händen genommen hätten, hätten sie Mühe damit gehabt einen dieser verwachsenen Tropfsteine zu umarmen. Das leise Pfeifen von Zugwind war zu vernehmen und ein Geruch nach Salzwasser und feuchter Luft. Es war kühl. Vor dem Vorsprung, an dem Märthe ihre drei Gäste empfing, stand das Wasser metertief. Ob es durch irgendwelche weiter unten, im kühlen Nass gelegene Tunnel, bis nach draußen schwappte? Ins Meer vor Drakensund etwa? Oder war der kleine See in sich abgeschlossen? Irgendetwas platschte leise in dem dunklen Wasser, schlug eine sachte Welle und ließ eine gefächerte, sehr lange Rückenflosse blitzen. Anna sah dies im Augenwinkel und versuchte gefasst zu bleiben, sich keine weiteren Sorgen darüber zu machen. Denn wer wusste schon, was da in dem schwarzen Seechen herumschwamm? Darin baden würde die kluge Hexerstochter ganz klar nicht wollen, denn sie hatte nicht vergessen, dass es vor der Drachenhöhle keinerlei Anzeichen für irgendwelche gewöhnlichen Lebewesen gegeben hatte. Was hier unten herum kreuchte, war also womöglich gar nicht tierisch. Nein, ganz sicher nicht. Und wäre Märthe nicht hier, wäre die Nordländerin sicherlich alarmiert gewesen. Sie hätte zur Sicherheit das Schwert mit dem Wolfsknauf gezogen und argwöhnisch abgewartet. Doch der Drache, der beschützte sie, Adlet und Hjaldrist. Alles war also in Ordnung, nicht wahr?

“Hallo!”, Märthe, sich eine lose kastanienbraune Strähne aus der Stirn wischend, begrüßte die Gruppe nett und nickte ihnen mit einem weichen Ausdruck im Gesicht zu. Ihre smaragdgrünen Augen reflektierten den Schein der Öllampe des skelliger Druiden, wie die einer Katze es täten. Es verlieh der Dame ein sehr seltsames, fremdes Äußeres.

“Ich habe schon auf euch gewartet. Kommt doch mit.”, bat die Frau wohlwollend und Adlet schloss sofort zu ihr auf, um damit anzufangen mit ihr über Belangloses zu plaudern. Über sommerliche Kräuterbeete, verrückte Mäuse und das Wetter, das sich in den letzten Tagen immer mehr gebessert hatte. Sie beide gingen vor und Rist und Anna sahen zu, dass sie ihnen mit weniger als zwei Metern Entfernung nachkamen. So behaglich war die hiesige Höhle nämlich nicht; es war dunkel und überall schien irgendetwas zu lauern, neugierig zu starren und mit leisen Klauen an den Felswänden zu scharren. Oder wurde Anna einfach nur schon paranoid? Oh, bei Melitele!

Sie gingen weiter, während Adlet Märthe schniefend erklärte, wie man angebrannte Milch am besten von Topfböden schrubbte. An den massiven, feuchten Stalagnaten gingen sie vorbei, durch einen, für einen Drachen relativ schmalen Gang hindurch, und endeten schlussendlich in einem zweiten, großen Höhlenraum voller Tropfhöhlengestein. Märthe hob die Rechte plötzlich in einer ausladenden Bewegung, murmelte irgendetwas in einer fremden Sprache und schnippte mit jenen kryptischen Worten Lichter in die Luft. Anna hielt inne und beobachtete aus großen Augen, wie unzählige magische Lichtkügelchen aufstiegen, um sich an die Höhlendecke zu heften, wie flackernde Sterne. Augenblicklich war das Gewölbe nicht mehr allzu finster. Ein fahler, bläulicher Schein legte sich auf die nahen Steingebilde, Gewächse und Zweibeiner, wie helles Vollmondlicht. Jenes gab den Blick mitunter auf einen Platz frei, der auffällig mit Moos und kniehohem Gras überwuchert war, das hier unten und ohne das Sonnenlicht eigentlich gar nicht gedeihen sollte. Da waren gar Blumen mit dicken Blütenblättern zwischen denen kleine Lichter umherschwirrten, als seien sie Glühwürmchen. Doch es waren keine. Anna’s Amulett mit dem aufgerissenen Wolfsmaul vibrierte merklich an ihrem Gürtel und schnell legte sie die behandschuhte Hand darauf, als wolle sie es mit dieser Berührung beschwichtigen. Hjaldrist sah von der Seite aus prüfend zu ihr hin.

“Na kommt!”, Adlet’s auffordernde Stimme riss die beiden staunenden Abenteurer aus ihren Gedanken und dem sprachlosen Gestarre. Er hob die Öllampe etwas an und wedelte in einer Geste damit, die den Jüngeren andeuten sollte aufzuschließen. Und dies taten sie dann auch.

“Es tut mir leid, es ist für euch wohl nicht allzu bequem hier.”, entschuldigte sich Märthe währenddessen.

“Dafür, äh, ist es aber recht... spannend.”, entgegnete Anna mit verheißungsvollem Unterton, die aufmerksamen Augen noch immer an die vielen weißblauen Lichter an der Decke geheftet. Es war wunderschön, wie sie sich dort an den Felsen drängten und mühelos die ganze, große Höhle ausleuchteten. Die sonst so abgebrühte Monsterjägerin glaubte schon, sie werde sentimental und bekam genau dafür einen neckenden Ellbogen Rist’s in die Seite; Ein Knuffen, das mit einem kritischen Blick quittiert wurde. Märthe musste leise lachen, als sie dies sah. Für sie war das hier - die glitzernden Lichter, die Blumen und die beeindruckende Magie - unbedeutender Kinderkram, ganz bestimmt. Doch für jemanden, der solch eine ‘Sternenhöhle’ nicht jeden Tag sah, war es ein besonderes Erlebnis. Und während Anna sich also noch die Augen aus dem Kopf stierte und ihre klammernde Paranoia längst vergessen hatte, zog Adlet seinen Enkel geschäftig in die Richtung des so unnatürlich gewachsenen Grases. Dorthin, wo die unwirklichen Glühwürmchen umher schwebten und weiße Blumen in völliger Dunkelheit gediehen.

“Gefallen dir die Lichter?”, Anna senkte den Blick von der hohen Decke und ließ ihn sofort auf die geduldige Frau neben sich fallen. Die grünen Augen derselben taxierten sie im weiß-bläulichen Licht. Die Novigraderin nickte zögerlich und brachte Märthe damit dazu überaus angetan zu lächeln.

“Deswegen mag ich euch Menschen. Ihr schätzt die Kleinigkeiten im Leben.”, gab die vermeintliche Druidin mit dem Dutt zu “Nun, nicht alle von euch haben diesen kindlichen Sinn, doch die, die ihn besitzen, sind wirklich angenehm. Auch Adlet gehört zu ihnen.”

Ein wenig irritiert blinzelte die Kurzhaarige der offenherzigen Märthe entgegen. Doch dann zog auch an ihren trockenen Lippen ein freundlicher Ausdruck und ihre Miene erschien abrupt weniger hart.

 

Es dauerte nicht lange, da stand das Vierertrüppchen inmitten eines tatsächlichen Haufens an Schätzen. Er befand sich nicht weit von dem Fleck mit den Glühwürmchen entfernt in einer weitläufigen Felsnische und der Boden war auch hier von grünem Gras und weißen Blüten gesäumt, die sich wie durch Geisterhand sanft wiegten. Und die gesammelten Gegenstände des Drachens waren keineswegs chaotisch oder unordentlich zusammengeworfen worden. Die Schätze waren sortiert. Die, die Riemen hatten, waren gar auf kleine Felsen oder gestohlene Ständer gehängt worden. An einem Stalagnat stand ein mannshoher, schwarzer Spiegel, der auf die Entfernung keinerlei Spiegelbild zeigte. Daneben befand sich eine kleine, grün flackernde Laterne am Boden. Rechts davon türmten sich Juwelen und Goldstücke neben einer massiven Holztruhe, deren Deckel verschlossen war, und unweit befanden sich hölzerne Ständer mit Rüstungen und Waffen darauf, die teils elfisch oder riesengroß wirkten. Letztere waren so konstruiert, als hätten sie raue Hünen von mindestens zwei Metern getragen. Es war wahrhaftig imposant, was Märthe hier so angesammelt hatte. Mit halb offen stehendem Mund trat Anna auf den teuren Hort zu und sah um sich. Ihr Blick fiel auf einen schiefen, modrigen Baumstamm, an dem auffallend hell lumineszierende Pilze wucherten, auf eine silberne Schale, die randvoll mit seltsam schimmernden Wasser befüllt war, und auf eine Eiserne Jungfrau, die von oben bis unten aus Gold bestand. Viele dieser Dinge waren sicherlich verdammt wertvoll, während andere vielleicht nur unsinniger Kram von emotionalem Wert waren. Langsam näherte sich die Novigraderin einem dieser ‘Schätze’: Dem Spiegel, der aussah, als besäße er anstelle von reflektierendem Glas eine dunkle, matte Steinplatte. Doch dem war nicht so. Als Anna vor den hübschen Rahmen trat, der etwas höher war, als sie selbst, rührte sich etwas in dem dunklen Material. Es schien sich zu verzerren, zu verschwimmen, und vor den ungläubigen Augen der Kriegerin materialisierte sich schleppend ein immer schärfer werdendes Bild. Das Bild einer Frau mit halblangen, unordentlich im Nacken zusammengebundenen, braunen Haaren. Die Frisur, wenn man es denn so nennen konnte, mutete an, wie hastig mit einer stumpfen Schere geschnitten. Die Haut der Frau im Spiegel war blass, beinahe weiß, und in ihrem etwas verdreckten Gesicht prangte eine dicke Narbe, die sich hässlich über den linken Wangenknochen zog. Dies etwas schräg vom Ohr bis unter die Augenmitte. Anna stutzte, gab dabei einen hörbaren Laut der Verwirrung von sich. Sie sah ihre kurze, rot-schwarze Jacke in dem Spiegelbild, die alten, verdreckten und undichten Stiefel, die sie seit Kaer Morhen trug. Da war ihr vertrautes Langschwert der Wolfsschule an das sich in einer zweiten, ledernen Scheide eine weitere Waffe von etwa derselben Länge schmiegte. Sie sah teurer aus, als die Stahlwaffe. Der Silberdolch, der steckte im Gürtel, als habe man ihn dort nur beiläufig hingesteckt. Da waren Anna’s Gürteltaschen, das Tranktäschchen, in dem sie statt Tränken Öl, Salz, Zucker und Pfeffer aufbewahrte. Dazu gesellten sich ihre Handschuhe und ihre Hose. Die Ausrüstung wirkte etwas ramponiert und so, als sei die Frau, die sie trug, durch einen Wald voller Schrate und Bären gegangen. Als Anna den Blick wieder nach oben wandern ließ, sah sie in ihr eigenes Gesicht, in das wirre Strähnen der unordentlichen, selbst geschnittenen Frisur hingen. In ihr ungesund bleiches und narbiges Gesicht, aus dem ihr zwei goldene Augen entgegen starrten, die aussahen wie die einer Viper. Und das Bild im Spiegel grinste grimmig zufrieden, fast schon bösartig und angriffslustig. Anna fasste sich an die linke Wange, doch spürte dort keine Narbe. Das Spiegelbild tat es ihr gleich. Es gab einem das Gefühl, als verschlucke man einen Kübel voller Eiswasser. Es stellte einem die Nackenhaare auf, brachte das Herz dazu einen Schlag lang auszusetzen. Und es schnürte einem die Brust eng zusammen. Anna wich augenblicklich zurück und spürte kaum ein überfordertes Stöhnen später eine Hand an der Schulter. Es waren die Finger von Märthe, die sanft und beruhigend zudrückten und die Jüngere zurück in das Hier und Jetzt holten.

“Der Spiegel zeigt uns unsere größten Wünsche, aber auch damit verschränkte Ängste, Kind.”, erklärte der weise Drache von der Seite aus. Ziemlich entrückt warf Anna der Frau einen Blick zu, der mehr sprach, als tausend Bände.

“Wirklich?”, Hjaldrist’s ungläubige Stimme mischte sich dazwischen und sogleich drängte er sich an Anna vorbei, um ebenso einen Blick in den magischen Spiegel zu werfen. Während er die Spiegelfläche skeptisch beäugte, erstarrte er dann immer mehr. Die anwesende Novigraderin bemerkte, wie sich der Jarlssohn vorbeugte, als traue er seinen Augen nicht. Wie er den Blick taxierend verengte und sich an die rauen Lippen fasste. Sie hörte, wie der Skelliger tief durchatmete. Doch als sie über seine Schulter lugte, um einen Blick auf das Spiegelbild ihres Freundes zu erhaschen, war da bloß wieder diese schwarze, glanzlose Oberfläche; keine Reflektion von Rist’s tiefsten Wünschen oder schlimmsten Ängsten. Offenbar zeigte der Spiegel also nur demjenigen etwas, der direkt vor ihm stand. Anderen, neugierigen Gaffern gegenüber blieb er verschlossen. Fragend sah Anna also zu ihrem stummen Kumpel hin, berührte ihn auffordernd am Arm. Hjaldrist war etwas blass um die Nase geworden und starrte nach wie vor auf das Artefakt vor sich, als sei er geistig ganz weit fort.

“Was siehst du?”, murmelte die Hexerstochter neugierig und zog nach Aufmerksamkeit klaubend am Ärmel des Mannes. Sie riss ihn durch diese Geste und das Nachfragen wohl aus den Gedanken, denn zerstreut hob der Skelliger den Blick und blinzelte sprachlos vor sich hin.

“Hmm?”, machte Anna. Als der konfrontierte Hjaldrist zu ihr sah, mutete er besorgt an. Besorgt und mit einem Funken Ärger in der steinharten Miene.

“Nichts.”, gab er endlich als Antwort zurück und die Kriegerin runzelte die Stirn tief. Sie fragte aber nicht weiter nach. Und so, wie der Schönling wagte es auch sie nicht mehr in den Magierspiegel zu sehen. Besser, sie widmeten sich also anderen Dingen.

 

“Ihr könnt euch etwas aussuchen.”, Märthe’s liebes Angebot kam sehr, sehr unerwartet. Und als Anna und Rist - die gerade überaus interessiert flüsternd eine der elfischen Rüstungen beäugten - aufblickten, sahen sie, wie die Drachenfrau in dem simplen Kleid lächelte. So, wie sie es immer tat. Adlet stand bei ihr und nickte ermutigend. Sein rostiges Öllicht quietschte etwas, als er die Hand damit etwas sinken ließ.

“Die Rüstung gefällt euch wohl, ihr könnt Teile davon haben, wenn ihr wollt.”, bot die großzügige Trankmischerin an “Adlet erzählte, dass ihr demnächst auf einem der Boote der Banditen abreisen werdet. Ich glaube also, Dinge aus meinem Hort könnten auf einer langen Reise nützlich für euch sein. Nützlicher, als sie es hier sind, jedenfalls.”

Anna machte zum gefühlten zwanzigsten Mal am heutigen Tage große Augen und auch Rist wusste auf einmal nicht so recht, was er sagen sollte. Sonst war er eigentlich nicht auf die Klappe gefallen, doch jetzt fielen ihm die passenden Worte. Ein wenig verloren wirkend standen sie also vor der fein geschmiedeten Elfenrüstung und hatten keine Ahnung, ob sie das Angebot Märthes einfach so annehmen könnten. Der Drache machte es ihnen jedoch gleich leicht.

“Na los.”, lachte sie und verschränkte Hände dann abwartend hinter dem Rücken “Nehmt euch etwas. Jeder ein Teil. Es soll mir gleich sein, was.”

Eine direkte Aufforderung, nach der noch einige betretene Momente vergingen, bis die zwei Abenteurer langsam nickten und damit anfingen sich suchend umzublicken. Keiner von ihnen interessierte sich aber für die golden und kunstvoll beschlagene Rüstung der Aen Seidhe. Während Hjaldrist grüblerisch dastand und sich am unrasierten Kinn kratzte, wanderte seine Kollegin etwas umher und blieb dann nahe dem magischen Spiegel stehen. Dort, wo die kleine Öllaterne auf dem grasbewachsenen Boden stand und ein gespenstisch grünliches Licht verstrahlte, das sich fahl auf das Gesicht der Novigraderin und die nahe Umgebung legte. Eine Lampe war praktisch. Rist hatte seine damals, als er den zornigen Waldschrat davon abgehalten hatte die arme Anna zu zerfetzen, zerstört. Er hatte sie laut scheppernd an dem fauchenden Monstrum zerschlagen und seitdem waren sie beide ohne eine gute Lampe gereist. Und die Hexerstochter, die war ja recht praktisch veranlagt. Die Laterne vor ihren Stiefelspitzen erschien ihr also als ein ziemlich gutes Teil. Ja, denn was sollte sie schon mit einem Magiespiegel, einer elfischen Vollrüstung, die einen stark in der Bewegung einschränkte, oder mit einem Baumstamm voller leuchtender Pilze? Eine kleine Laterne war toll. Fragte sich nur, was jene noch konnte, außer zu leuchten. Denn bestimmt war das Ding zu noch viel mehr gut. Anna fasste nach dem Henkel des besagten Stückes, um es aufzuheben und sie sah auf. Ihre braunen Augen suchten Märthe. Dann hob sie die grün leuchtende Laterne in ihrer Hand an, um sie der viel Älteren zu zeigen.

“Märthe? Was kann die?”, fragte sie erwartungsvoll. Die Kräutersammlerin kam näher und schenkte der gespannten Monsterkundigen ein Lächeln.

“Diese Laterne stammt aus Serrikanien. Man sagt, dass man in ihrem Schein nicht lügen kann. Also abgesehen davon, dass sie einfach nur schönes Licht spendet, wenn man sie mit Lampenöl befüllt und anzündet.”, meinte Märthe rätselhaft und schmunzelte. Anna’s Miene verrutschte ein Stück weit.

“Was? Wie?”, fragte sie “Ernsthaft?”

Noch nie hatte sie von derlei Artefakten gehört. Die geschmiedete Laterne mit den verzierten Glasfensterchen brachte Leute also dazu die Wahrheit zu sprechen? Die Druidin nickte.

“Es funktioniert aber nur, wenn der Mond im Zenit steht. Um Mitternacht und in der Dunkelheit.”, erklärte die Skelligerin “Jeder, auf den das grüne Licht zu dieser Zeit fällt, spricht die Wahrheit und schafft es nicht zu lügen.”

Ganz, ganz zögerlich, doch sicher, legte sich auf das Gesicht der gewitzten Novigraderin ein breites Lächeln. Langsam kippte jenes dann, wurde schief und sie sah von Märthe fort, um die Lampe in ihrer Hand genauer anzusehen. Sie hob sie sich vor die Nase, musterte sie interessiert. Aus dem Augenwinkel linste sie keine Sekunde später schon zu Hjaldrist, der gerade ein Kriegshorn in den Händen wiegte. Dem Mann fiel dieser verschlagene Blick natürlich sofort auf und er maulte ein ernstes ‘Denk nicht einmal dran, Arianna!’. Die Angesprochene musste lachen, verkniff sich eine halbernste Drohung über den Einsatz von Lügenlampen und winkte dann ab. Ihre Aufmerksamkeit glitt zu dem Horn in Rist’s Händen.

“Gefällt dir das?”, wollte sie wissen “Es sieht ziemlich schlicht aus.”

“Das tut es wohl, aber es ist eine sehr wirksame Waffe.”, warf Märthe wissend dazwischen.

“Ich habe das Horn in einem verlassenen Labor auf Spikeroog gefunden. Ich denke, es gehörte einmal einem Druiden oder einem Zauberer. Oder aber ein mächtiger Mann Skelliges hat es für viel Geld von einem Magier verzaubern lassen.”, sinnierte die nette Kräuterkundige “Ich habe es nie ausprobiert, doch ich fand damals, in dem Labor, in dem ich das Artefakt entdeckte, Aufzeichnungen darüber. In diesen alten Notizen stand, dass das Horn nicht nur als einfaches Kriegshorn benutzt werden kann, sondern geflügelte Ungeheuer vom Himmel hole.”

Hjaldrist entkam nach dieser Erläuterung ein positiv überraschter Laut der Erkenntnis, als er zurück auf das wertvolle Horn in seinen Händen sah.

“Das könnte praktisch sein. Was meinst du, Anna?”, wollte er wissen und die kurzhaarige Hexerstochter nickte ohne allzu lange nachzudenken. Schließlich waren geflügelte Wesen immer richtig, richtig nervtötend und die Kämpfe gegen sie gefährlich und lang. Eine Sirene, die wie ein scharfer Pfeil vom Himmel schoss, war bei Weitem verheerender, als ein Ertrunkener, der sich stets auf Augenhöhe befand. Und ein rasender Gabelschwanz war weniger gefährlich, wenn er am Boden, anstatt in der Luft, war. Das Horn, das Fliegende vom Himmel holte, war also wirklich eine sehr nützliche Waffe.

 

Nach dem Treffen in der großen Sternenhöhle hatte Märthe ihre drei Freunde zurück zu Adlet’s Hütte begleitet, um gemeinsam zu essen und noch den ganzen Nachmittag lang bei Milchtee und skelliger Honigkuchen beisammen zu sitzen. Irgendwann, gegen Abend, hatten Anna und Rist dann damit angefangen ihre Sieben Sachen zu packen. Und so sehr sich die jungenhafte Novigraderin im Bunde dabei gefreut hatte wieder auf die Straße zu gehen, zu arbeiten und etwas zu erleben, so hatte ihr der Gedanke Drakensund bald zu verlassen, Kummer bereitet. Die lauschige, einsame Insel war für sie schlussendlich zu einem kleinen Zuhause auf Zeit geworden. Die Giftmischerin hatte sich hier stets wohl und willkommen gefühlt, viel gelernt und sich einige Dinge von der Seele geredet. Ihr Herz war beim Packen also richtig schwer geworden, denn Abschiede waren niemals schön.

Nun, am nächsten Morgen luden die zwei Vagabunden ihre gut gefüllten Rucksäcke früh in eines der vier kleinen Boote, die die ruppigen Drachenjäger zurückgelassen hatten. Der Morgen graute erst, da überprüfte Hjaldrist schon die dicken Segeltaue des Schiffchens, das am Strand lag, und zurrte fachmännisch irgendwelche Seile zurecht. Es würde nicht mehr allzu lange dauern, bis die Flut käme. Und dann würde das alte Boot, das man an einem schiefen Holzpfahl festgebunden hatte, vollends im schäumenden Meerwasser schwimmen. Man müsste es also nicht mühsam den Wellen entgegenschieben. Und so seltsam es auch klang, so hatte Anna keinen allzu großen Bammel vor der anstehenden Reise über das unruhige Meer Skelliges. Denn sie hatte gut vorgesorgt und sich einen einfachen, bräunlichen Trank mit Baldrian und Hopfen zusammengebraut, der ihren Magen taub und sie selbst sehr müde machen sollte. Sie würde dank dieses Absuds nicht wieder wie eine Blöde reihern oder sich ob des Wellenganges vor Angst halb einpissen müssen. Mit etwas Glück würde die Hexerstochter sogar schlafen.

“Danke für alles.”, lächelte die besagte Kurzhaarige, die sich ihren bitteren Trank bereits in den Rachen gekippt hatte. Das leere Fläschchen hatte sie sich beiläufig in die tiefe Manteltasche gesteckt und nun stand sie ihren zwei neuen Freunden der Dracheninsel gegenüber.

“Ach, nichts zu danken! Du warst eine gute Schülerin, ja, ja.”, schniefte Adlet und breitete die Arme weit aus, um Anna darauffolgend eigenartig, doch eng zu umarmen und die Jüngere väterlich zu drücken.

“Kommt mich doch wieder einmal besuchen, ja?”, bat er. Märthe stand still neben ihm und ihr schlichtes Kleid aus erdfarbenem Leinen bauschte sich in der Meeresbrise. Sie lächelte sanft, wartete mit einem Bündel aus Wollstoff und Bast in den Händen geduldig ab.

“Klar.”, antwortete Anna dem schrägen Druiden, als sei sie sich absolut sicher, dass man sich bald wiedersehen würde. Doch dies war Blödsinn, das wusste sie. Womöglich würden sie einander nie mehr wieder treffen. Ja, vielleicht sprachen sie just, in diesem Moment, das allerletzte Mal miteinander. Und diese Annahme machte der Nordländerin die Kehle ganz trocken und eng. Sie hatte den wirren Adlet, der sie behandelt hatte, wie ein sehr netter Onkel es getan hätte, schließlich fest ins Herz geschlossen. Die gerührte Frau atmete einmal tief durch und ermahnte sich im Geiste zur Fassung, dann wandte sie sich Märthe zu.

“Danke für die Lampe.”, meinte die Kriegerin in der gestreiften Jacke dabei und blinzelte sich kaum merklich eine kleine Krokodilsträne aus dem Augenwinkel, wischte sich flüchtig über die Wange und zwang sich zu einem frohen Ausdruck. Die Drachenfrau vor ihr lachte leise.

“Bitte, bitte.”, meinte jene “Und hier. Wir haben euch noch etwas Proviant eingepackt. Brot, Trockenobst, Wurst und Heringsmarmelade”.

Mit diesen Worten überreichte die Kräutersammlerin mit den tiefgrünen Augen Anna das geschnürte Bündel. Bestimmt befand sich darin viel zu viel Essen für zwei Leute, denn besonders Adlet war jemand, der es stets viel zu gut meinte. Eher platzte man, als unter seinem schiefen Strohdach zu verhungern. Dankend nahm Anna das ‘Fresspaket’ entgegen und wartete darauf, dass sich auch Rist bei seinem Onkel und Märthe verabschiedete. Dieser Abschied fiel aber weniger schwermütig aus, sondern gleichmütig-freundlich. Hjaldrist ließ sich von Adlet auf dessen unbeholfene Art umarmen, reichte Märthe herzlich die Hand und bedankte sich, wie Anna es zuvor getan hatte.

“Passt auf euch auf.”, meinte der tickende Adlet noch lieb und die zwei Abenteurer nickten. Dann machten sie sich daran in ihr kleines Boot zu steigen. Die wasserscheue Anna tat dies zuerst und wirkte dabei so unsicher, wie eh und je. Sie setzte sich sofort hin, bevor Rist wieder auf die Idee kommen könnte witzelnd am Wassergefährt zu ruckeln. Der Besagte folgte dann gleich und entrollte das flatternde Segel, als die Flut nahte. Schon in wenigen Stunden wären sie zurück in Kaer Trolde.

 

*

 

Anna erwachte, als jemand an ihr rüttelte und ihren Namen drängend murmelte. Sie zuckte zusammen, blinzelte schlaftrunken und gab ein benommenes Seufzen von sich, als sie müde aufsah. Im ersten Moment wusste sie gar nicht, wo sie war, als sich Rist mit prüfender Miene über sie beugte.

“Guten Morgen, Sonnenschein. Wir sind da.”, verkündete er dabei trocken und Anna hob die Brauen perplex an. Oh. Ach, richtig. Sie waren heute von Drakensund abgereist, um zurück auf die Hauptinsel von Skellige zu gelangen. Die Novigraderin hatte davor einen Baldrian-Trank getrunken, der sie beruhigen hätte sollen. Und ob dem hatte sie die schaukelnde Seefahrt über geschlafen, wie ein Stein. Oh, welch ein Glück, dass sie erst jetzt geweckt wurde! Sie hatte nichts von dem dummen, tiefen Salzwasser und den blöden Wellen mitbekommen!

“Bist du endlich wach?”, wollte Hjaldrist wissen und starrte noch immer taxierend. Anna nickte.

“Gut… dann komm. Wenn wir den Weg gen Westen nehmen, sind wir am späten Nachmittag schon in Rogne.”, meinte er nachgiebig und deutete auf die unbequemen Rucksäcke, die seine Freundin als Kopfkissen und harte Armstütze benutzt hatte. Ein schmerzliches Ächzen entkam Anna, als sie sich aufsetzte und sich dabei den Schlaf aus den Augen rieb. Sie fasste sich in den starren Nacken und verfluchte dabei ihre vorangegangene, schlechte Schlafposition auf dem ungemütlichen Holzgrund. Urgh. Ihr armes Kreuz! Währenddessen schulterte Rist schon seinen Rucksack und klemmte sich das Proviantbündel von Adlet unter den Arm. Der Schönling warf einen abwartenden Blick zu seiner Kollegin. Auch Anna klaubte nach ihrem Gepäck und bereits Momente später setzte sie die abgetretenen Stiefel in den hellen Sand der Küste vor… äh, wo waren sie eigentlich genau? Der Ort hier sah nicht aus, wie der Walfriedhof von dem aus sie vor mehr als einem halben Jahr nach Drakensund übergesetzt waren. Anna’s Kopf hob sich gen Sonne, die wärmend vom Himmel schien und deren Strahlen hier und da von kreischenden Möwen und rufenden Sturmvögeln durchbrochen wurden. Sie stand noch nicht am höchsten Punkt. Es war also noch nicht einmal Mittag.

“Wo sind wir?”, wollte die orientierungslose Hexerstochter wissen, als sie zu ihrem Freund aufschloss, der sich nach der Bootsfahrt im schmalen Schiffchen etwas die Beine vertrat. Er hatte sich vom Wasser entfernt und beugte eins seiner Knie prüfend, streckte es wieder und schnaufte dabei unzufrieden. Dann blickte der Jarlssohn auf und deutete auf eine unweite Felsformation, die aussah, als habe ein Steinmetz sie mit Hammer und Meißel bearbeitet. Die meterhohen Steine sahen aus, wie ein verzerrter, großer Fuß. Ja, Anna hatte Fantasie.

“Die ‘Zehen des Riesen’. Wir befinden uns nördlich von Redgill. Ich hatte keine große Lust darauf nochmal dort durch den Wald mit dem Scheißschrat zu wandern.”, sagte Rist und verwundert musterte die Novigraderin ihn daraufhin “Die Steinformation da vorn nennt man so, weil sie aussieht wie ein, naja, Fuß. Eigentlich wurde sie nur von Wind und Wetter geformt... doch die hiesigen Leute behaupten, die Weltenschlange Jörmungandr hätte alle Riesen, die ihm nicht gehorchten, zu Stein verwandelt. Auch den, zu dem der Fuß da gehöre.”

“Jörmungandr?”, fragte Anna unwissend nach, als sie neben Rist her ging. Noch immer sah sie ihn an, interessiert und wacher, als noch zuvor. Die Wirkung ihres starken Schlafmittels steckte ihr zwar noch tief in den müden Knochen, ließ aber allmählich nach. Sich zu unterhalten half dabei und auch die frische Meeresbrise, die an ihrem Überwurf riss und ihr durch das Haar streifte, tat gut.

“Die Urschlange. Sie beißt sich selbst in den Schwanz und treibt kreisrund durch den Raum, wirft keinen Schatten. Du hast noch nie davon gehört?”, wollte der redselige Skelliger im grünen Mantel wissen. Und erst jetzt wurde es Anna so richtig gewahr, dass die Leute der Inseln einen anderen Glauben hatten, als die Menschen in den Nördlichen Königreichen. Sie hatte hier sehr oft gewisse Götterdarstellungen gesehen, die ihr fremd gewesen waren. Und auch Adlet hatte einmal von Freya, der Großen Mutter, erzählt, die in ihren Aufgaben und Bestimmungen Melitele sehr nah kam. Und jetzt erwähnte Rist eine Schlange, die sich in den eigenen Schwanz biss? Seltsam. Die Monsterjägerin sollte sich wohl endlich mehr für diese Art von Thema interessieren.

“Ich… nein, ich habe nie davon gehört.”, gab die Novigraderin zu, setzte dem dann aber noch eine Frage nach “Ist das auf deiner Rüstung Jurmungandor?”

“Jörmungandr.”, korrigierte der Mann “Und nein. Ist er nicht.”

“Hmm.”, Anna’s braune Augen fielen auf die eingekerbten Verzierungen auf Hjaldrist’s Lederausrüstung. Auf die geschwungene, detailreiche Schlangendarstellung auf seinem Brustpanzer, die man wohl mit einem heißen Eisen eingebrannt oder kunstvoll mit einem scharfen Messer eingeschnitten hatte. Punziert war das schöne Bild jedenfalls nicht worden, so viel erkannte sogar Anna.

“In den Nördlichen Königreichen bedeuten Schlangen nichts Gutes.”, meinte die Braunhaarige und suchte wieder Blickkontakt, nachdem sie die Aufmerksamkeit von der Ausrüstung ihres Freundes losgerissen hatte. Sie begleitete ihn gemächlich spazierend durch die meeresnahe Wiese, die von der Gischt etwas feucht war. Ihr ‘gestohlenes’ Boot, das ließen sich einfach lieblos zurück. Vor ihnen tat sich eine bewaldete Anhöhe auf, die in einem Tal zwischen imposanten Bergmassiven ruhte. Ein schmaler Weg führte schnurstracks dorthin. Sie würden ihn nehmen.

“Ja, dort stehen Schlangen häufig für Lügen, Verrat oder zwielichtige Dinge. Viele Leute der Nördlichen Reiche haben sogar Angst vor den Tieren, obwohl die sehr scheu sind.”, erzählte Anna weiter und verzog den Mundwinkel dabei etwas. Sie selbst fürchtete sich nicht vor den besagten Reptilien. In Kaer Morhen hatte es viele davon gegeben. Im Sommer hatte man davon dutzende in den kleinen Nischen und Klüften der maroden, von der Sonne erwärmten, Festungsmauer entdecken können.

“Das ist hier mancherorts nicht viel anders.”, versicherte Rist der Frau unerwarteterweise, als er sich an die Riemen des schweren Rucksackes fasste, um sie mit einem Mal und ächzend etwas kürzer zu ziehen.

“Aber du magst sie trotzdem?”, wollte die neugierige Novigraderin wissen.

“Hm, ja, schon.”, gab der Skelliger zu und schenkte seiner Freundin einen Seitenblick “Manchmal, da ist es auch eine stumme Aussage das Symbol der Schlange zu tragen.”

“Oha, das klingt ja richtig philosophisch, Rist. Oder geht es um Heraldik? Nun bin ich neugierig.”, grinste die Kriegerin hintergründig und ihr Blick durchdrang den armen Undviker. Jener schwieg. Ob er sich gerade ertappt fühlte oder dachte, er habe sich verraten? Anna verkniff sich ein wissendes Grinsen.

“Ist das so eine Sache deiner Familie? Das mit den Schlangen? Ich meine… nicht jeder lässt sich einfach mal so solch eine Lederrüstung anfertigen, wie du sie hast, hm? Sie passt übrigens gut zu dem Ring, den du trägst.”, entkam es Anna wölfisch und sie sah, wie ihr Kumpan mit dem goldenen Schlangenring an der Linken die dunklen Augen verengte. Prüfend sah er sie an, mit einer vagen, düsteren Vorahnung im Blick. Und er sagte nichts. Doch Anna lachte am Ende nur unbeschwert und haute ihm kumpelhaft gegen den Oberarm.

“Schau nicht so. Du kannst ruhig darüber sprechen. Ich weiß Bescheid, denn Adlet hat aus dem Nähkästchen geplaudert.”, gab sie zu “Er hat mir von Undvik und deiner Familie erzählt.”

“Ähm. Was?”, entkam es Rist ganz überrumpelt und er blieb abrupt stehen. Anna’s belustigter Ausdruck wurde heller und ihr Grinsen noch viel breiter. Auch sie hielt an und wendete sich dem sprachlosen Schönling zu. Und obwohl sie so stichelnd und verstohlen nachgehakt hatte, als sei dies hier ein Verhör, blieb ihr gewieftes Lächeln freundlich.

“Du hast doch nicht etwa geglaubt, dass dein Onkel nichts sagt? Ich denke, er wusste noch nicht einmal, dass du von Zuhause abgehauen bist. Das bist du doch, oder?”, fragte Anna “Ansonsten würdest du ja auch kein Geheimnis aus deiner Abstammung machen und selbst Freunden wie MIR vorlügen, dass du der Sohn eines ollen Tuchhändlers seist.”

Stille. Hjaldrist sagte auf die Konfrontation seitens seiner Kumpanin erst einmal gar nichts, sondern stand da, wie ein begossener Köter. Anna hatte nämlich den Nagel auf den Kopf getroffen, nicht wahr? Es war schwer zu sagen, ob das, was sich da in den Augen des Mannes von Undvik widerspiegelte, Überraschung oder Entsetzen war. Vielleicht ja auch beides. Es schwand aber glücklicherweise bald. Der Kleinmütige entspannte sich wieder, räusperte sich und dann, ganz unerwartet, erwiderte er Anna’s abwartendes Starren mit einem vertraut schiefen Lächeln.

“Ich hab’s dir damals doch gesagt.”, meinte er schlicht “In Blandare.”

“Was?”

“Dass ich ein Jarlssohn bin. Du meintest zu dem Zeitpunkt übrigens, du seist eine Prinzessin. Hast du mich etwa belogen?”

Anna blinzelte verdattert. Dann entkam ihr ein entnervtes Stöhnen, doch sie konnte sich dabei eines Grinsens nicht erwehren. Ja, das war Rist wie er leibte und lebte. Sie schüttelte den Kopf ungläubig.

“Ach ja...”, entgegnete sie langgezogen und mit einem Funken Zynismus im Ton “Wie konnte ich DAS bloß vergessen?”

“Pff.”

Und damit setzten sich die beiden Vagabunden langsam wieder in Bewegung. Die grünliche Laterne Märthes, die an Anna’s Rucksack baumelte, schepperte leise bei jedem Schritt und Steinchen knirschten unter ihren schweren Sohlen. Das Thema um Rist’s Herkunft war für die Frau noch lang nicht gegessen oder abgetan. Doch war es der Axtkämpfer selbst, der es nach einigen Schritten wieder ansprach und zwar auf ernstere Art und Weise, als noch zuvor. Neben Anna hermarschierend, sah er prüfend zu ihr und musterte ihr Profil eindringlich.

“Es macht dir also nichts aus.”, stellte er fest.

“Was denn?”, wollte die gutmütige Kurzhaarige wissen. Ihr Blick hing, nach vorn gerichtet, an den steilen Bergen, in deren Richtung der Weg zeigte. Die Gipfel der Massive waren mit Schnee bepudert.

“Na, die Sache mit meiner Familie. Ich… bin adelig und das ist dir wohl egal.”, klärte der Skelliger überflüssigerweise auf und Anna zuckte gleichgültig mit den Schultern.

“Klar. Warum sollte es mich stören? Du bist kein abgehobener Schnösel und du machst dir die Hände gern dreckig. Das spricht für dich. Und von mir aus könntest du genauso ein Bettler sein. Würde nichts ändern. Du wärst immer noch du.”, versicherte die Frau selbstsicher und musste ob des Gedankens an einen verdreckten, zahnlosen Rist in Lumpen und mit scheppernder Almosen-Dose in den Händen leise in sich hineinlachen. Sie bemerkte die Erleichterung im Gesicht ihres eigenartig dreinblickenden Freundes daher nicht.

“Naja, nicht jeder sieht das so locker, wie du.”, sagte der Krieger, als hätte er diesbezüglich schon schlechte Erfahrungen gemacht. Ein tiefes, genervtes Seufzen entkam ihm und er rollte mit den Augen. Die Hände in die Taschen steckend spazierte er neben Anna her.

“Es gibt Leute, die damit anfangen fürchterlich zu schleimen oder die, die sich nicht mit Menschen höheren Standes abgeben wollen. Dann gibt es da noch die Frauen, die einem sabbernd nachgeiern, weil sie nach Geld und Ruhm haschen. Und dann sind da die Typen, die dem Sohn eines Jarls bei Straßenkämpfen nicht auf die Fresse hauen wollen, weil sie harte Sanktionen fürchten.”, erzählte der Undviker weiter. Er und Anna hatten schon längst den Pfad eingeschlagen, der auf die grasbewachsene Anhöhe führte, die mit dichten Nadelbäumen bewachsen war. Sehr bald befänden sie sich schon zwischen jenen.

“Mh. Kann ich mir denken.”, bestätigte die Giftmischerin “Und deswegen hast du so getan, als seist du irgendein normaler Reisender. Wegen der Vorurteile.”

Rist nickte knapp. Anna konnte ihn verstehen. Trotzdem würde sie es in Zukunft nicht mehr dulden von ihm angeschwindelt zu werden, sollte er denn daran denken es noch einmal tun zu wollen. Denn er hatte nun keinen Grund mehr dazu, oder? Anna war keine aufdringliche Heiratswillige und sie würde auch nicht davor zurückscheuen Hjaldrist eine ordentliche Rechte zu verpassen, wäre es angebracht. Sie waren Freunde.

“Spielen wir jetzt mit offenen Karten, Rist?”, fragte sie noch zur Sicherheit nach. Es war ihr ein wichtiges Anliegen, denn sie wollte noch lang mit ihrem Aard auf zwei Beinen umherreisen. Wieder nickte der schwarzhaarige Skelliger zögerlich.

“Ja, tun wir.”, versicherte er “Aber posaune nicht herum, wer ich bin, ja? Ich habe keine Lust auf irgendwelche Unannehmlichkeiten.”

“Verstanden.”

“Und ich will auch nicht, dass mich mein Vater zurückholt. Darum darf er nicht wissen, wo ich bin.”

“Klar. In dem Sinn geht es uns beiden doch ähnlich.”, grinste Anna und warf ihrem Freund einen vielsagenden Blick zu. Und zum ersten Mal, während sie über das heikle Thema ‘Familie’ redeten, lachte auch er verhalten, anstatt herumzudrucksen oder auszuweichen.

“Stimmt wohl.”, gab er nickend zu. Denn er wusste schließlich, dass die abenteuerlustige Novigraderin ihre ‘Verwandten’ genauso sang- und klanglos verlassen hatte, wie er. Zwar kannte er noch nicht die ganze Geschichte Annas, doch im Groben wusste er Bescheid. Manchmal, da schien es wahrhaftig so, als seien sie beide sich ähnlicher, als sie zuerst angenommen hatten. Und vermutlich verstanden sie sich auch deswegen so gut. Zudem mochten sie es unkompliziert und das erleichterte ihnen das gemeinsame Reisen in jeglicher Hinsicht enorm. Eine Sache gab es da aber noch: Ein Detail, das die Kräuterkundige noch nicht angesprochen hatte, obwohl es sie schon lange brennend interessierte:

“Und die Sache mit den Elfen stimmt auch?”, warf Anna plötzlich ein und lenkte das Thema damit in eine ganz neue Richtung.

“Adlet kann die Klappe aber auch wirklich nicht halten…”, brummte Rist und stieß ein nachgiebiges Seufzen aus. Er fasste sich ungläubig stöhnend an das Gesicht.

“Aha. Also ist es wahr.”, erkannte die Frau aus Kaer Morhen begeistert und schlug die Handflächen einmal zufrieden aufeinander “Du hast Elfen in der Familie!”

Ihre Lampe schepperte und Hjaldrist rückte das verschnürte Essensbündel unter seinem Arm zurecht, das gerade so nicht in die Rucksäcke passen hatte wollen.

“Ich habe dir doch auch schon mal von meiner Großmutter erzählt…”, fiel dem hüstelnden Skelliger nurmehr ein, als sei dies eine lasche Ausrede. Er bestätigte seiner Kollegin damit indirekt zumindest zu einem Viertel elfisch zu sein. Ja, elfisch. Wirklich komisch. Denn eigentlich waren es gerade die Skelliger, die von der Mentalität und dem Äußeren her nicht so recht zu den Spitzohren passten. Sie waren nämlich rau, groß, laut und haarig. Mit Bären-Berserkern, ruppigen Seemännern und Weibern, die eben jenen in nichts nach standen. Elfen aber, die waren feingliedrig und elegant, mochten den Klischees zufolge Kunst und Geschichte. Tja. Möchte man jedenfalls so glauben. Denn wenn man sich den guten Hjaldrist ansah, schien das mit den Elfen und Skelligern doch ganz gut zu klappen.

“Die mit den seidenen Unterhosen!”, brach es aus Anna hervor und sie gluckste amüsiert.

“Genau die.”, schmunzelte ihr Begleiter zustimmend nickend.

 

“Warte.”, entkam es Anna nach einem Fußmarsch von weniger als einer halben Stunde. Sie hatten den dichten Tannenwald zwischen den Bergen längst betreten und versuchten sich, so gut es ging, am holprigen Weg zu halten, der in das verschlafene Bergdörfchen Rogne führen sollte. Hjaldrist hatte vorhin kurz erwähnt, dass er dieses Dorf schon einmal besucht hätte und genau wüsste, wo es lag. Es sei recht ruhig dort, die Leute nett und das Essen deftig. Außerdem setzten die Bewohner Rognes wohl einen ganz besonderen Gewürzwein an - mit irgendwelchen Algen darin - und Anna solle den unbedingt probieren. Ob sie das wollte interessierte den begeisterten Hjaldrist an diesem Punkt nicht. ‘Sie müsste’ und es führte vermutlich kein Weg daran vorbei.

“Was denn?”, fragte der besagte Skelliger sofort und hielt so, wie seine stockende Freundin inne. Er sah fragend zu ihr hin, ehe er die Augen suchend in die nach Tannennadeln und Moos duftende Umgebung richtete. Die Luft war zwischen all den Bäumen feucht und frisch. Irgendwo zwitscherten ein paar Vögel.

“Was ist, Anna?”, wollte Rist erneut wissen, da die Besagte nicht antwortete. Dieses Mal tat er dies drängender und mit gesenkter Stimme. So, als befürchte er von einem lauernden Monster gehört zu werden.

“Da vorne. Im Unterholz. Hast du das gesehen?”, wollte die Alchemistin wissen und nickte ernsten Blickes einer Ansammlung von dichten Brombeersträuchern und dicken Baumstämmen entgegen. Balthar hatte sie früher stets ermahnt aufmerksam zu sein und die Umgebung immer im Augenwinkel zu haben. Eine Angewohnheit, die die Frau niemals mehr loswerden würde und das war auch gut so. Denn wie gerade eben, schien es sich auszuzahlen. Tatsächlich nahte da nämlich etwas raschelnd und ästeknackend. Die braunen Augen der Novigraderin verschmälerten sich einen Deut weit und Hjaldrist hatte schon die Axt in der Hand. Hufe traten aus dem Gebüsch weiter vorn, vier Beine, dann acht. Da waren glattes Fell und schnaubende Nüstern, eine zottelige Mähne und etwas, das klang, wie erfreutes Kinderlachen. Anna erstarrte wie zur Eissäule und beinah entgleiste ihr die Miene in ihrer enormen Überraschung. Hjaldrist sah noch dämlicher drein, als seine Kollegin, ließ die Axt sofort sinken und holte Luft, um etwas zu sagen.

“Lin?”, entkam es ihm, als glaube er, das hier passiere gerade nicht wirklich. Der angesprochene Götting mit dem Blumenkranz im Haar, der leger auf dem Rücken Apfelstrudels saß, winkte fröhlich.

“Hallo!”, flötete der Kleine. Auch Kurt, Anna’s Pferd, war hier und sah Lin lethargisch dabei zu, wie jener vom Rücken Apfelstrudels rutschte. Leichtfüßig kam der Göttling mit den schwarzen Haaren daraufhin zu Rist und Anna, erwischte letztere froh an der Hand und zog froh daran.

“Lin!”, erkannte die Frau fassungslos “Du bist da!”

“Ich habe doch gesagt, dass ich warte.”, lächelte der großäugige Waldbewohner, der Anna’s behandschuhte Hand herzlich drückte “Und ich habe sogar auf die Pferdchen aufgepasst!”

Dann wendete sich das liebe Wesen Hjaldrist zu, begrüßte auch ihn und dies erschien so verdammt unwirklich. Doch das war es nicht. Lin war tatsächlich hier. Mitsamt den Pferden, von denen Anna geglaubt hatte, sie würden zurück nach Blandare laufen, sobald man sie zu lang allein herumstehen ließ. Die sonst so kluge Hexerstochter hatte sich gewaltig geirrt.

“Wie… wie hast du wissen können, dass wir hier ankommen? Und dass wir überhaupt zurück sind?”, fragte der perplexe Rist, als er eng von dem nach frisch geschnittenem Gras riechenden Göttling umarmt wurde, der ihm gerade einmal bis knapp unter die Brust reichte.

“Die Möwen haben es mir gesagt.”, entgegnete Lin. Anna und Hjaldrist tauschten irritierte Blicke aus.

“Und die Pferde...?”, warf die ungläubige Novigraderin ein “Du hattest früher Angst vor ihnen und nun tauchst du hier zusammen mit ihnen auf.”

Der Göttling mit der fahlblauen Haut lachte heiter, ließ Rist wieder los und wandte sich der Frau zu, verschränkte die Hände hinter dem Kopf und beugte sich verspielt ein Stück weit vor.

“Das stimmt. Aber wir sind nun Freunde.”, lächelte der Kleine in der viel zu großen Weste aus dem verlassenen Sägewerk. Er wirkte so unbeschwert, wie ein wahrhaftiges Kind. Und gleichzeitig waren seine Erscheinung und seine Aussagen so verquer und rätselhaft. Man würde wohl nie ganz schlau aus ihm werden. Dennoch war Anna sehr froh darüber ihn zu sehen. Auch sie lächelte nun allmählich und ehrlich.

“Also, wo gehen wir hin?”, wollte Lin erwartungsvoll und mit vorfreudig glänzenden Augen wissen.

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