Kapitel 140 (Buch 5, 17)

Klamme Luft, harter Boden, Pfannenkuchen

“Unser Clan nannte sich einst Falcharoch. Ich kenne nicht alle alten Jarls in- und auswendig, aber vielleicht gab es ja tatsächlich mal einen Finias. Ich werde morgen mal nachlesen...”, grübelte Hjaldrist, während Anna ihn interessiert ansah. Er und seine Kameradin saßen noch immer auf der Terrasse und Anna hatte ihm just in allen Details von ihrem Ausflug in den finsteren Wald nahe der Speerfischküste erzählt. Von den Waldschrat-Totems, die keine Totems waren, von der eigenartigen Krähe des Einsiedlers Théodas und davon, wie sie zusammen mit eben jenem gegessen hatte. Hjaldrist hatte an dem Punkt angekommen leise lachen müssen und seine Freundin wissend über ihre Verfressenheit aufgezogen. Sie sei ‘zu leicht mit Bratenfett zu locken’, hatte er hintergründig gesagt, doch es nicht bitterernst oder böse gemeint. Und dann… dann hatten sie eine Weile geschwiegen und dem tiefroten Himmel über dem Meer zugesehen. Eine frische Brise hatte sie dazu gezwungen sich Mantel und Schulterfell enger um die Körper zu ziehen. Die Sonne war hinter dem weiten Horizont verschwunden und hatte den ersten Sternen Platz gemacht. Und unweigerlich hatte der Jarl an den Traum von vor zwei Tagen zurückdenken müssen. Oder eher: An die verschwommenen Erinnerungen an das ereignisvolle Frühjahr auf der Winterinsel. Damals hatte Hjaldrist es sich so tapfer vorgenommen gehabt Anna nach seiner Krönung mit hierher zu nehmen, um sie unter den Sternen vorsichtig zu fragen, ob sie gerne ein eigenes Haus auf Undvik hätte. Eine indirekte Bitte für immer zu bleiben hätte das dargestellt und, oh, Hjaldrist war wirklich naiv gewesen. Denn seine damalige große Liebe war einfach abgehauen, bevor er überhaupt dazu gekommen war ihr die Außenterrasse zu zeigen. Die Angst hatte sie gepackt, wie so oft, und sie war einfach wortlos gegangen. Und nachdem Hjaldrist das zu spät realisierte hatte, war er oft hier gewesen. Allein. Auf seiner Terrasse. Keine fünf Meter von der Bank, auf der er jetzt saß, entfernt, war er gar einmal zusammengebrochen. Bei Hemdall, was musste das für ein Bild abgegeben haben! Er hatte sich seiner übermächtigen Trauer voll hingegeben, denn er hatte einfach nicht mehr anders können. Geheult hatte er und seine Krone verbittert auf den Boden geworfen. Henrik war da gewesen. Er und Sten. Sie hatten den neuen, doch nervlich ziemlich kaputten Jarl aufgesammelt und ihn in sein Zimmer gebracht, wo er sich dann einmal wieder tagelang eingeschlossen hatte. Wegen Anna. Und nun… nun war er wieder hier. Und die, von der er damals gedacht hatte, sie nie mehr wieder zu sehen, lehnte müde neben ihm und trug die Farben seines Hauses.

Hjaldrist’s Blick sank ein Stück. Er war vollkommen in Gedanken verloren.

Ja, er hatte nach Neujahr daran geglaubt, dass er die Frau, die neben ihm herumlungerte, nie wieder treffen würde. Sie hatte ihm zuletzt das Herz gebrochen und ihn damit zu einem Mann gemacht, der monatelang nicht er selbst gewesen war. All sein aufgestauter Frust hatte ihn angetrieben und ihn dazu gebracht jemand zu sein, der sich hinter einer Mauer aus Gram versteckt hatte. Und jetzt? Nun saß Anna neben ihm und seufzte unschlüssig. Auf dieser verdammten Terrasse.

“Ugh. Ich muss mich umziehen…”, meinte sie stöhnend und fuhr sich mit der Hand abgekämpft über das Gesicht “Und was essen. Sonst ermorde ich noch jemanden…”

Im Mai, nachdem der verloren geglaubte, weiche Rist im neuen, harten Jarl Undviks wieder hervorgelugt hatte, hatte der ja gedacht, seine bindungsängstliche Freundin würde nur aus einer flüchtigen Laune heraus mit nach Skellige kommen und wieder gehen, sobald sie das Gefühl bekäme eingesperrt zu sein. Aber nein. Ein halbes Jahr war jetzt rum und sie war noch immer da. Mehr noch: Sie ging einer festen Arbeit nach, was früher einmal undenkbar gewesen wäre. Und die 25-Jährige ließ alles mit sich machen, als plage sie noch immer ein schlechtes Gewissen. Also nicht, dass Hjaldrist sie ungut behandelte, doch sie sprang eben, wenn er es wollte. Hätte er ihr gerade gesagt, sie solle sich trotz ihres nagenden Hungers als Wache hier postieren und das für die restliche Nacht, hätte sie es getan. Sie motzte wenig, stellte ihr Ego zurück, fügte sich ein. Und… und das passte nicht zu ihr.

“Kommst du später zu mir?”, wollte der gerade noch so schweigsame Hjaldrist wissen, als sich seine Freundin schon abwendete, um zu gehen. Fragend sah sie sich nach ihm um und er lächelte leicht.

“Ich hatte eine Idee.”, gab er zu und deutete sich an die Schläfe “Dahingehend.”

Anna wirkte überrascht.

“Welche Idee?”, wollte sie sofort wissen.

“Erkläre ich dir dann…”, sagte der Jarl auf der schmucken Holzbank “Geh erstmal was essen.”

Die Leibwache zögerte und kräuselte die Brauen. Sie holte Luft, um etwas zu sagen, aber ließ es am Ende doch bleiben und zuckte die Achseln. Mit einem lockeren ‘Bis später’ und einem kurzen Wink ging sie und Hjaldrist sah ihr grüblerisch nach.

Ja, Anna war wieder da und machte tatsächlich den Anschein bleiben zu wollen. Sie war eine haltlose, manchmal verplante Chaotin, doch bemühte sich mittlerweile sichtlich. Erst gestern hatte der Undviker gesehen, wie sie in die Bibliothek gelaufen war, um sich einen dieser todlangweiligen Wälzer über die Clans der Inseln zu holen. Nebenher, so hatte Merle erzählt, interessiere sie sich für den hiesigen Dialekt der Alten Sprache. Die 15-Jährige hatte ganz geschwollen berichtet, dass sie Anna zwei Lieder in der Alten Rede gezeigt habe und sie die Texte zusammen übersetzt hätten. Merle war dabei die große Lehrerin gewesen, denn auch sie sprach dank ihres Vaters flüssig ‘Elfisch’, wenn sie musste. Und offenbar wollte auch Anna manche Floskeln davon verstehen, anstatt nur in der Alten Sprache fluchen oder sich zuprosten zu können. Alles in allem überraschte Hjaldrist das. Genauso, wie er manchmal noch immer als kurios empfand, seine beste Freundin in Blau und Grün herumstehen zu sehen - und das des Öfteren als Festungstorwache, die sich sogar einen Spaß daraus machte der Burgbesatzung zweifelhafte Torparolen beizubringen. Der Jarl, so irritiert er sich manchmal fühlte, freute sich aber über die Wende bezüglich dieser Frau. Er war froh darüber, dass sie einander wiedergefunden hatten und sich vertrugen; dass sie annähernd wieder so miteinander umspringen konnten, wie früher. Und trotzdem war da eine klammernde Befürchtung, die sich anfühlte, wie eine nagende, dunkle Vorahnung: Was, wenn sich die eigentlich eher unberechenbare Anna irgendwann und vom einen aufs andere Mal wieder dafür entschließen würde zu verschwinden? Dass sie das im Frühjahr schonmal getan hatte, saß noch immer tief, trotz allem. Und der Axtkämpfer wusste nicht, ob er sich als enger Freund schlecht fühlen sollte, weil er Anna noch immer nicht so richtig einschätzen konnte. Oh, sie hatte doch sogar gesagt, dass sie ihn lieben würde. Einmal in einer unglaublichen Stresssituation und ein zweites Mal indirekt, als sie relativ ruhig gewesen war. Es hatte aus ihrem Mund so unwirklich geklungen und der Rist von früher wäre ob der Bekundung im Kreis gesprungen vor Glück. Er hätte Anna eng umarmt, ihr liebe Dinge gesagt und sie nicht mehr losgelassen. Nur… nur jetzt, wusste er nicht, was er von alledem halten sollte. Und er hatte keine Ahnung, wie man mit solch einer Situation umging. Es war schwierig. Denn, ja, womöglich waren da noch Gefühle für seine Freundin in ihm. Oder-... nein, ganz sicher war dem so, so viel gestand er sich auch ein. Schlussendlich war er jemand, der gut mit seinen Emotionen umgehen konnte und jene großteils zu deuten vermochte. Aber er wollte auch nie wieder enttäuscht werden. Und einen zweiten, herben Schlag, wie nach seiner Krönung, wollte er nie wieder erfahren. Er wusste, er hätte so etwas nicht noch einmal ausgehalten.

 

“Naja… du bist in den Träumen entweder total apathisch oder ziemlich panisch.”, sagte Hjaldrist nachdenklich. Er lag rücklings auf seinem Bett, mit hinter dem Kopf verschränkten Armen, und ließ die Beine von der Kante baumeln. Nachdenklich sah er der hohen Zimmerdecke entgegen. Es war längst Nacht. Anna, die vorhin verschwunden war, um sich bettfertig zu machen, saß nun in einem einfachen, naturfarbenen Kleid neben ihm und roch angenehm nach Seife. Es war verwunderlich, wie schnell sie es schaffte sich zu waschen, zu essen, sich umzukleiden und dann hierher zu kommen. Sie hatte obendrein auch noch Gewürzkekse dabei, die sie in der Küche gefunden hatte und kaute soeben auf einem davon herum. Ihre skeptischen Augen hingen abwartend auf ihrem sinnierenden Freund und noch konnte sie sich keinen Reim darauf machen, was er heute Nacht genau vorhatte. Er hatte ihr unlängst bloß vage eröffnet, dass er das mit dem Traumwandern noch einmal versuchen wollte. Denn während die Novigraderin tagsüber unterwegs gewesen war, um nach Monstern im Wald Ausschau zu halten, hatte er sich den Kopf unermüdlich über neue Optionen bezüglich der Gedanken- und Traummanipulation zermartert. Dabei war ihm ein Einfall gekommen, den er für brillant hielt.

“Ich habe mich gefragt...”, sprach Hjaldrist weiter und hielt kurz inne, als Anna ihm einen Keks vor die Nase hielt. Er nahm das Gebäck dankend entgegen und biss hinein.

“...was ich außerhalb eines Traums tun würde, würde ich dich so aufgelöst sehen.”, nuschelte er und gestikulierte kurz mit dem halb aufgegessenen Keks “Etwas tun, das dich ablenkt oder aufmuntert, würde ich.”

Anna schwieg und sah auf den dunkelgrünen Webteppich vor dem Bett, während sie selbst auch von einem der knusprigen Gebäckstücke abbiss, die nach Zimt und süßlichem Anis schmeckten. Die Unterhaltung war ihr unangenehm, das sah man. Die Frau fühlte sich bestimmt unwohl berührt, weil ihr Freund damit anfing über ihren schrecklichen Gemütszustand im Schlaf zu sprechen - und damit auch indirekt über ihr Ergehen nahe Kaer Iwahell. Von sich aus redete sie ja kaum darüber und wurde richtig abwehrend, wenn man sie darüber ausfragen wollte. Wie betreten musste sie also sein, wenn Hjaldrist sie jetzt analysierte? Sie beide kamen eben nicht um das hier herum.

“Ich habe dich dreimal in Silven’s Versteck gesehen: Einmal, als du körperlich mitgenommen auf seinem Tisch lagst und ihn beschimpftest. Dann, als du in dem Loch kauertest und durchdrehtest. Und ein letztes Mal, als du wieder im Labor saßest und vollkommen apathisch und weggetreten warst.”, erzählte der gedankenvolle Mann und die Erinnerungen an alle drei Begebenheiten stachen ihm unangenehm in der Brust. Er machte die Lippen schmal und sein Ausdruck wurde härter. Er nahm die Augen von der stillen Giftmischerin, die neben ihm auf der Bettkante saß, und sah wieder gen Decke. Sein Tranlicht warf einen warmen Schein auf sein Profil.

“In zwei der drei Fälle habe ich eingreifen können. Das aber sehr planlos. In der Grube hast du eine haltlose Panik bekommen, als du mich bemerkt hast, und im Labor, am Stuhl, warst du längst nicht mehr ansprechbar.”, rekapitulierte Hjaldrist nachdenklich und mit leicht gesenktem Ton “Ich… bin mir also nicht sicher, ob es funktionieren wird. Aber ich würde dieses Mal versuchen Anker für dich einzurichten.”

“...Anker?”, fragte Anna leise.

“Dinge, an denen du dich festhalten kannst, falls du mir wieder entrinnst. Jedenfalls so lange, bis ich die Konzentration wiederhabe und zu dir zurückkommen kann.”, erklärte der Jarl und drehte seiner Freundin den Kopf wieder zu “Offenbar reicht es nicht, wenn ich bloß erscheine. Und ich ahne auch, wieso: In Träumen schafft man es manchmal nicht Gesichter zu erkennen und Leute damit zu identifizieren. Oder Personen verschwimmen und sind plötzlich jemand ganz anderes. Träume sind kompliziert und manchmal total konfus.”

Nun sah auch die Trankmischerin mit den Keksen am Schoß her. Sie verengte den Blick unschlüssig.

“Aber”, setzte Hjaldrist fort und lächelte Anna dabei ermutigend zu “Gegenstände sind in Träumen zumeist konstant. Jedenfalls, wenn man sie kennt und sie einem vertraut sind. Schau, wenn ich dir im Traum dein Wolfsamulett geben würde, würdest du es sofort erkennen. An Form, Farbe, Gewicht und so weiter. Und es würde damit verbundene Gefühle in dir auslösen, denke ich.”

“Und…?”, fragte die Kurzhaarige in dem hellen Leinenkleid nach. Dessen Ausschnitt war, wenn man Anna’s sonstige Verhältnisse in Betracht zog, beachtlich. Doch der Jarl versuchte eisern Blickkontakt zu wahren. Er hielt der ehemaligen Vagabundin eine Hand abwartend hin. Sie verstand und legte einen Keks darauf, musste schwach grinsen.

“Im Traum hattest du zum Beispiel absolut kaputte Lippen. Muss daran liegen, dass man dir nichts zu Trinken gibt und das schon lange so handhabt.”, sagte der Skelliger “Was also, wenn ich dich nicht ratlos anspreche, sondern dir einfach ein Döschen von Ravello’s Lippenbalsam gebe? Du stellst das Zeug her, kennst es, und verbindest damit sicherlich gute Dinge. Ich habe dich und Hasi damals doch gesehen, wie ihr laut lachend über euren Rezepturen gebrütet habt. Gleichzeitig hilft das Zeug gegen wunde Lippen, richtig? Also stellt es für dich zum einen schöne Erinnerungen und zum anderen Hilfe oder Heilung dar. Es ist eigentlich simpel.”

Anna’s Gesicht erhellte sich allmählich. Sie schien zu verstehen.

“Und du glaubst, das funktioniert?”, fragte sie.

“Ja. Eher, als das blinde Herumtappen jedenfalls.”, meinte Hjaldrist, der sich seine Keksreste in den Mund steckte, und setzte sich nun hin “Denn ganz ehrlich? Bisher habe ich im Traum sehr spontan reagiert, ohne Plan, chaotisch. Jetzt habe ich aber eine ungefähre Richtung, in die ich steuern will. Natürlich habe ich keine Ahnung, in welchem Traum ich genau landen werde. Aber ich habe mir für alle möglichen Szenarien etwas ausgedacht. Also mach dir keine Sorgen. Wenn das heute klappt, träumst du in Zukunft wieder besser.”

“Sorgen? Ich mache mir keine Sorgen um mich.”, warf Anna plötzlich aufrichtig ein “Ich habe gesehen, wie verwirrt DU die letzten Male über nach dem Aufwachen warst. WENN du denn zu dir kamst. Es war gruselig.”

“Dir ging es auch nicht gut, Anna...”, gab Hjaldrist ruhig zurück.

“Das stimmt. Aber das war ein anderes ‘Nicht-Gutgehen’.”, sagte sie “Ich bin keine Oneiromantin. Träume sind für mich nicht so real, wie für dich. Sie machen mich vielleicht traurig, aber greifen mich abgesehen davon nicht wirklich im Alltag an.”

Nun war es der dunkelhaarige Jarl, der ertappt schwieg. Die Novigraderin seufzte leise und lächelte leicht. Der Ausdruck erreichte ihre eigenartig schwarzen Augen nicht.

“Nur weil ich… manchmal nicht gut im Reden bin, heißt das nicht, dass ich dumm bin.”, sagte sie und wich dem Blick ihres Freundes jetzt aus. Sie atmete tief durch die Nase durch.

“Ich habe ein wenig Ahnung von Magie. Gerade, seit Joris mich unter der Fuchtel hatte.”, verteidigte sie sich, obwohl sie das nicht müsste. Hjaldrist hatte sie niemals ernsthaft als dumm bezeichnet. Natürlich handelte sie manchmal dämlich und vorschnell, aber das war etwas anderes. Dennoch ließ der Undviker die Frau ausreden, denn das hier war ihr sichtlich wichtig.

“Und ich kann mir zusammenreimen, dass Träume für dich etwas ganz anderes sind, als für mich.”, setzte Anna fort “Du wachst nicht auf, lachst über verquere Bilder im Schlaf und tust sie als Hirngespinste ab. Weil sie das für dich nicht sind. Die Visionen von früher? Bei Melitele, die haben dich richtig runtergezogen. Du hast anfangs jeden Tag viel zu viel gesoffen, Hjaldrist. Weil Traumbilder für dich verdammt echt sind. Und ich will nicht, dass dich die Scheiße wieder so sehr mitnimmt, wie damals.”

Hjaldrist blinzelte überrascht. Seine Freundin hatte schon Recht, doch worauf wollte sie hinaus?

“Sollte das heute wieder schiefgehen, dann… dann will ich, dass wir es bleiben lassen.”, wünschte sich Anna und klang dabei ungewohnt bestimmend. Es kam, seit sie auf Undvik war, selten vor, dass sie Ansprüche stellte. Nun aber, tat sie das. Und genau aus diesem Grund nickte der Jarl nach einer langen Denkpause schließlich. Er würde die Bitte akzeptieren.

“In Ordnung.”, sagte er ernst “Aller guten Dinge sind drei, hm?”

“Tja”, lachte Anna leise “WENN die Dinge mal gut wären, was?”

“Das schaffen wir schon.”, glaubte der Undviker und erwischte sich auf einmal dabei eine klammernde Nervosität zu verspüren. Denn heute Nacht bekam er seine letzte Chance für den Versuch seiner besten Freundin zu helfen. Und er wollte diese nunmehr einzige Gelegenheit nicht wieder verspielen.

 

“Ich-... ähm. Was?”, stammelte Anna wenig später wirr, nachdem Hjaldrist sie ganz ernst dazu aufgefordert hatte sich nicht einfach wieder so hinzulegen, um zu schlafen, sondern zu ihm zu kommen. Mit dem Rücken voran am Kopfteil seines Bettes sitzend, hatte er die Jüngere zu sich gewunken und auf seinen Schoß gedeutet.

“Lege deinen Kopf hierhin.”, wiederholte er sich und spürte, wie er selbst etwas unruhig wurde. Doch er bemühte sich darum nicht zu verlegen zu wirken. Anna hingegen, schaffte das absolut nicht und es war nicht verwunderlich. Sie gaffte den Jarl, der ein Kissen zwischen sein Kreuz und das Kopfteil des Bettes gesteckt hatte, groß an.

“Ich werde meine Hände auf deinen Kopf legen, wenn du schläfst.”, erklärte der sich “Vielleicht bringt es ja was. Wir lassen heute nichts mehr auf den Zufall ankommen.”

Was Hjaldrist tatsächlich meinte war, dass er glaubte, mehr Körperkontakt brächte eine bessere Verbindung im Traum. Bisher hatte er während des Schlafes stets nur Anna’s Hand gehalten. Jetzt aber, wollte er dies weiter treiben und beide Handflächen auf ihrem Kopf platzieren. Er… er schätzte, dass es vermutlich noch effektiver wäre, würden sie sich beim Schlafen eng umarmen, aber-

Nein. Das könnte und würde er nicht aussprechen. Denn erstens wüsste er nicht, wie er DAS ruhig und professionell angehen sollte und zweitens würde Anna auf der Stelle ihr Leben aushauchen, würde man ihr sagen, sie solle zu Hjaldrist unter die Bettdecke kommen, um zu ‘kuscheln’. Oh verdammt. Das klang im Kopf des Skelligers so… falsch. Er räusperte sich und deutete abermals auf seinen Schoß. Das wäre im Moment nah genug und müsste genügen.

“Ah…”, machte Anna unbeholfen “Ach so…”

Mehr bekam sie nicht heraus. Das musste sie aber auch nicht.

Hjaldrist sah seiner nervösen Freundin zu, als sie näher rutschte und ihn noch einmal scheu-prüfend ansah. Dann legte sie sich zu ihm. Mit dem Gesicht zum Zimmer bettete sie den Kopf auf seinen Schoß. Offenbar empfand sie das als weniger ‘intim’, als ihm zugewandt dazuliegen. Sollte ihm recht sein.

“Wenn du es verkackst, hau ich dich…”, murmelte die Kräuterkundige vor sich hin, um die angespannte Atmosphäre zu brechen, und Hjaldrist verkniff sich ein erheitertes Schnaufen. Er klaubte nach seiner Decke und zog sie Anna gutmütig über die schmalen Schultern. Der Stoff ihres Kleides war dünn, sie hätte ohne Bettdecke gefroren. Und so verweilten die beiden dann im Schein der flackernden Tranlampe, die auf Hjaldrist’s Beistelltischchen stand. Er konnte derweil buchstäblich fühlen, wie rasend die Gedanken seiner Freundin kreisten und wie aufgerüttelt sie war. Doch er versuchte die Stimme in seinem Kopf, die ihm verriet, was Anna genau dachte, auszusperren. Schließlich hatte sie ihrem Kumpan einst gedroht und ihm gesagt, dass er es niemals wagen sollte in ihren Schädel zu blicken. Jedenfalls nicht unerlaubt. Und daran hielt er sich, soweit es ging.

Erst nach einer ganzen Weile ging der Atem Annas ruhig und gleichmäßig. Mit der Wolldecke bis zur Nase lag sie mit angezogenen Beinen da und zuckte im Schlaf. Es war soweit. Hjaldrist würde nicht mehr lange brauchen, um bei ihr zu sein. Mittlerweile schaffte er es nämlich unheimlich schnell einzunicken. Wenn er es so wollte, war er binnen Minuten weg. Und das wäre heute gut so. Die Giftmischerin, deren Kopf auf seinem Schoß ruhte, sollte nicht länger schlecht träumen, als nötig.

“Also dann…”, wisperte der Mann sich ganz leise und ermunternd zu. Dann hob er die Hände, um sie achtsam auf Anna’s Kopf zu legen. Tief durchatmend schloss er die braunen Augen und ließ den Kopf zurück, an sein aufgestelltes, großes Kissen am Kopfende des Bettes sinken. Es dauerte tatsächlich nicht lange, da schlief auch er ein.

 

Der Höhlengang, der sich vor Hjaldrist auftat, war geflutet. Er konnte dumpfes Donnergrollen hören, das von weit über seinem Kopf, im Freien, kam und vermutlich schüttete es dort just aus Kübeln. Mit einer alten Öllampe in der Rechten sah er dem breiten Gang vor sich entgegen, der dort, wo er schräg abfiel mit dunklem Wasser gefüllt war. Das hier war der Tunnel, der zu Silven’s Labor führte, ganz bestimmt. Der mittlerweile geübte Oneiromant hatte heute schnell verstanden, dass er träumte, und erstaunlich wenige Probleme damit gehabt wieder hierher zu gelangen. Auch, wenn der Steinweg vor ihm verändert aussah, so war er sich sicher, dass er hier weiter musste, um zu Anna zu gelangen. Also verengte er die Augen entschlossen und ging voran. Das hier war alles im Kopf seiner Freundin. Es war ein Traumgebilde. Und wenn er sich bemühte, dann war ein gefluteter Gang kein Problem für ihn. Ja, wenn der Jarl es so wollte und sich nur angestrengt darauf konzentrierte, dann könnte er unter Wasser atmen und im Dunkel sehen. Er könnte hier alles tun. ALLES. Verbissen setzte der Mann also den ersten Fuß in das laue Nass, das modrig und abgestanden roch. Es erinnerte an altes Abwasser, das tagelang in der Hitze vergammelt war. Hjaldrist unterdrückte ein Würgen und ging weiter. Schnell stand er bis zur Hüfte im schmutzigen Wasser, in dem tote Tiere trieben. Da war eine zerfressene Ratte; Irgendwo, weiter hinten, etwas Größeres, von dem er gar nicht einmal wissen wollte, was es war. Und es stank penetrant nach Verwesung. Dick lag der Mief in der Luft und wurde nicht besser. Hjaldrist hielt inne und schlug die Augen nieder. Tief atmete er durch und das nur durch den Mund, damit er nichts riechen müsste.

“Es ist ein Traum…”, sagte er leise und beschwörend zu sich selber. Eine kleine Handbewegung genügte, um die Öllaterne verschwinden zu lassen und als Hjaldrist wieder aufsah, war der unterirdische Tümpel fort. Das Gewölbe über ihm tat sich weit auf, entfaltete sich und wurde zum monderhellten Nachthimmel. Das widerliche Wasser, in dem er stand, geriet in Bewegung und roch nach Salz und Algen. Die Augen ernst nach vorn gerichtet, ließ sich Hjaldrist nicht aus dem Konzept bringen. Denn ja, er war noch immer in Anna’s Kopf. Vielleicht war er sogar noch in dem Konzept der Höhle, die die Gefolterte gefangen hielt. Womöglich stand er noch in giftigem Wasser voller Kadaver. Doch seine Vorstellung überlagerte das nun, nicht wahr? Denn wenn er es so wollte, dann stellte er sich Dinge vor, die schreckliche Träume, in denen er sich befand, maskierten. Er flocht seine Illusionen einfach in gegebene Bilder ein. So, wie jetzt. Und er würde dies auch sehr bald für Anna tun.

Die braunen Augen konzentriert auf das Meer richtend, das sich vor ihm erstreckte, machte der Jarl einen weiteren Schritt vor. Und das Wasser blieb frisch und kalt. Tief holte der Skelliger Luft. Dann tauchte er ab und es war, als springe er dabei dem Himmel entgegen. Die Sterne, die sich zuvor noch auf der Oberfläche der See gespiegelt hatten, waren, wie er, in das Meer gefallen und erleuchteten die Tiefen fahl. Hjaldrist weitete die Augen, denn das Salzwasser brannte nicht in ihnen. Er öffnete den Mund und atmete durch. Es war kein Problem. Fokussiert nahm er alle Kraft zusammen und schwamm den Lichtern entgegen, die im Wasser waberten und ihm den Weg zu weisen schienen. Und Hjaldrist presste die Kiefer zusammen, während er gegen die launische Strömung anhielt, die ihn zurück bugsieren wollte. Denn dieses Mal würde er sich nicht besiegen lassen. Nicht von pikanten Träumen, die ihm gegen den Kopf stießen, noch von schrecklichen Bildern, die ihn absolut entsetzten. Er würde Ruhe bewahren, konzentriert bleiben, kämpfen. Denn das hier war seine letzte Chance dafür.

Ein heftiger Strom traf den Langhaarigen plötzlich von rechts und zerrte ihn mit sich. Er erschrak, doch ermahnte sich sofort zur Fassung, denn-… Traum. Das hier war ein Traum und ER war der, der bestimmte. Er fuhr herum, kam vor und plötzlich traten seine Sohlen auf harten, hallenden Grund. Hjaldrist stieß die Luft zwischen zusammengebissenen Zähnen aus und öffnete die Augen. Er war klitschnass. Wasser tropfte ihm von den Haaren, dem Kinn, dem Mantel, und machte den Höhlenboden unter ihm feucht. Kurz sah der Jarl hinter sich und erkannte einen gefluteten Gang, in dem dunkles, verdrecktes Wasser stand und bestialisch stank. Und die nasse Spur Hjaldrists führte direkt aus jenem heraus. Der Mann grinste überlegen. Er blinzelte einen flüsternden Fleischbrocken fort, der zu seiner Linken an der Wand gewuchert war. Und als er sich umwand, war das pulsierende Gewebe fort.

“Fick dich, Traum.”, atmete er “Heute erwischst du mich nicht.”

Und mit diesen Worten auf den Lippen ging er weiter.

“Ich hätte dich hinlegen sollen.”, vernahm er derweil eine schöne, säuselnde Stimme in seinem Kopf “Dann wärst du nicht so schnell ohnmächtig geworden...”

Hjaldrist beschleunigte seinen Schritt und lief dem dunklen Tunnel entlang, der so unendlich erschien.

“Er… ist mein Bruder…”, hörte er Anna’s Japsen unter seinem Scheitel “Er studiert… in Oxenfurt.”

Die Augen zusammenkneifend schüttelte der Oneiromant das protestierende Haupt, verscheuchte die leisen Stimmen und blieb auf seinem Pfad, anstatt wieder verwirrt und aufgerüttelt um sich zu sehen und nach Anna zu rufen. Etwas packte ihn von hinten und stieß ihn brutal vor. Mit einem überwältigten Laut auf den trockenen Lippen sprang der Undviker und verlor kurz den Halt. Doch er stürzte nicht. Seine Sohlen trafen auf weiches, duftendes Gras. Die Vorstellung daran half ihm dabei die Fassung zu bewahren und es funktionierte tatsächlich. Hyazinth-Duftwasser, Süßkram, Feuerwerke. Er müsste sich fangen und zwar sofort. Ein Blinzeln und er war zurück in der kalten Höhle. Ein unsagbares Stechen in seinem Kopf wollte Hjaldrist lähmen, doch er schüttelte es genauso ab, wie fremde Stimmen, modriges Wasser und Stöße von böswilligen Händen. Schwer atmend hielt der Mann dennoch an, kniff ein Auge zu und wand sich ob einer plötzlichen Anwesenheit, die er spürte, herum. Eine steinige Wand versperrte ihm auf einmal den Weg. Er fasste an sie.

“Lass mich raus…”, flüsterte er. Er starrte erst wirr, fasste sich jedoch gleich. Und als der Undviker dann, einen Wimpernschlag später, zurücktrat, kauerte Anna vor ihm. Sie sprach leise mit sich selbst und umklammerte dabei ihre angezogenen Knie.

“...Durch Zeichnungen, ähnlich des in Serrikanien heimischen Panthera Tigris…”, murmelte die verdreckte Kurzhaarige und lachte leise, als sie irgendeinen Text zu zitieren schien “Sowie durch die kranke Blässe des Gesichts…”

Hjaldrist straffte die Schultern. Dann ging er vor der Nackten in die Hocke und war heilfroh darüber, dass er hier gelandet war und nicht im Labor Silvens. Ja, insgeheim hatte er es sich gewünscht im Loch aufzutauchen, denn hierfür hatte er sich eine gute Lösung erdacht. Und womöglich war er tatsächlich nur da, weil er so sehr darauf gehofft hatte. Die wahnsinnige Anna wäre nämlich solch eine einfachere Aufgabe, als die apathische oder die, die fiebrig am Experimentiertisch des Elfenmagiers aus Kaer Iwahell lag.

“Anna.”, sprach er die Frau an und berührte sie dieses Mal nicht. Sie wippte vor und zurück und fröstelte zähneklappernd. Also zog sich Hjaldrist seinen Wollmantel aus und legte ihn der Jüngeren um die bibbernden Schultern. Auch dieses Mal spürte sie das. Doch anders, als eine prüfende Berührung durch eine Hand gab ihr das Kleidungsstück sofort Sicherheit und hielt sie davon ab panisch loszubrüllen. Sie erschrak zwar heftig und zuckte im ersten Moment zurück. Doch dann fasste sie sich verdattert an das Kleidungsstück, dessen Fellkragen sie an der vernarbten Wange kitzelte. Mit der blutigen Linken fasste sie zögerlich an den dicken Stoff in Blaugrün. Es war wie ein kleiner Triumph und Hjaldrist’s besorgter Ausdruck wurde einen Deut weicher. Oh, ja, es funktionierte! Doch der Jarl freute sich nicht zu lange, sondern konzentrierte sich weiterhin. Er war nämlich noch nicht fertig. Also schloss er die leicht geröteten Augen und versuchte in seinem angestrengten Geist das Bild eines wärmenden Feuers zu fassen. Er hörte Anna leise schniefen.

“...Durch Zeichnungen, ähnlich des in Serrikanien heimischen Panthera Tigris…”, flüsterte sie entrückt vor sich hin und Hjaldrist hielt den Atem an.

Feuer. Holz, das knackte und kleine Funken, die emportanzten. Der Geruch nach Rauch, der einem ein wenig in den Augen brannte, wenn man zu nah ran ging. Wärme, Rot, Gelb, Orange. Und auf einmal war es da. Anna rührte sich und ihr Freund, der noch immer vor ihr hockte, machte den Blick weit. In der Mitte der kleinen, doch tiefen Grube flackerte ein knisterndes Lagerfeuer empor. Ein angestrengtes, leises Stöhnen entkam dem anwesenden Undviker und seine Hände zitterten. Er fühlte sich, als habe er stundenlang und ohne Unterbrechung gelesen. Seine Augen schmerzten und sein Kopf brummte unsäglich. Doch das würde ihn nicht aufhalten, nicht wahr? Abwartend linste er zur verrückten Novigraderin, die vom Feuer ganz gebannt dasaß. Sie war in dessen Schein blass und ihre Augenringe beachtlich. Da war Blut an ihrem Schlüsselbein, der Brust und der Hand; Dreck an den Füßen, Knien und der Wange. Ihre Unterarme waren teils von Nadeln zerstochen oder von kleinen Messerchen zerschnitten, geschwollen und rot. Doch gerade, für eine Sekunde, sah man die arme Frau mit den wirren, braunen Haaren lächeln. Es war ein Moment, den der gewitzte Undviker nutzte. Er erhob seine Handfläche und besann sich abermals. Dieses Mal auf das Gewicht einer Pfanne und das Gefühl den Griff eben jener zu halten. Er würde den Hunger der Gefangenen vor sich ausnutzen.

“Du hast sicher lange nichts gegessen…”, wisperte er, die glasigen Augen noch auf Anna geheftet “So, wie du aussiehst.”

Eine gusseiserne Pfanne manifestierte sich zwischen den kalten, feuchten Fingern des Skelligers. Und dann, ganz abrupt, fuhr seine Freundin zusammen und starrte ihn aus großen Augen an. Angst verzerrte ihr das Gesicht. Oh nein. Warum? Sie gab einen überforderten Laut von sich, dann ein panisches ‘Er kommt’. Scheiße. Die schwere Pfanne in der fahrigen Hand Hjaldrists schwand mit einem Mal, als Anna zu schluchzen begann.

“Nein, ich will sterben!”, heulte sie und rutschte auf ihrem Hinterteil zurück, bis sie mit dem Kreuz voran an die Wand stieß “Bitte!”

Nun hieß es Handeln und zwar schnell. Ein Ruck ging durch Hjaldrist’s Körper und mit dem bedrohlich flimmernden Lagerfeuer im Rücken folgte er der ängstlichen Frau bis zur Grubenmauer. Vor ihr in die Hocke ging er, fasste sich hastig in die Tasche und zog etwas daraus hervor. Während er es herauszuholen gedachte, bildete es sich erst zwischen seinen Fingern und als er Anna dann die offene Hand hinhielt, lagen darin fünf weiße Knochenwürfelchen. Eindringlich starrte der Krieger sein Gegenüber nun an und betete im Stillen, dass das hier half. Denn zugegeben? Diese Aktion war eben spontan gewesen. Er hatte es sich nicht zurechtgelegt dem Traumgebilde der verrückten Alchemistin Würfel zu zeigen. Dunkler, gespenstischer Nebel waberte schadenfroh in die Grube und fiel knöchelhoch auf deren feuchten Grund. Das Lagerfeuer erlosch beinahe. Doch dann… dann hörte Anna auf zu weinen. Aus dunkel untermalten Augen und in Hjaldrist’s Mantel gehüllt, sah sie auf die Würfelchen in dessen Hand. Und dann flüsterte sie etwas, das dem Jarl einen großen Stein vom schnell schlagenden Herzen fallen ließ:

“Es ist doch egal, wer von uns beiden gewinnt…”, sagte sie so leise, dass man es kaum hören konnte “Wir zocken diese Arschlöcher ab und teilen uns das Geld später…”

“Ja… ja genau…”, gab Hjaldrist froh zurück und erinnerte sich an den Abend im Norden, an dem sie beide wahllos Tavernenbesucher des Viertels des Bettlerkönigs in Novigrad betrogen hatten. Es war die Nacht gewesen, in denen sie sich im Vollsuff hatten tätowieren lassen.

Wie von deren Anblick gefesselt fasste Anna nun nach den fünf Würfeln ihres Freundes. Mit spitzen Fingern nahm sie jene an sich und hielt sie dann einfach nur mit verzweifelter Miene fest. Hjaldrist schluckte trocken. Er sah hinter sich und das Lagerfeuer flammte wieder empor. Und der schwarze Nebel, der nach ihm haschen hatte wollen, war fort. Er gestikulierte knapp mit der Rechten und seine Pfanne war wieder da. Und dann, einen Atemzug später befand sich darin Speck und Eierkuchenteig. Der Undviker, der beides erdacht hatte, musste gar nicht dazu ansetzen seine Freundin darauf aufmerksam zu machen. Denn auf einmal sah sie abermals erschrocken auf und direkt zu ihm. Als bemerke sie den Krieger erst jetzt und als glaube sie ihren Augen nicht. Anna’s Blick war benommen und dennoch erkannte man, wie sie eine Erkenntnis hart traf.

“Hunger?”, fragte der Jarl sie und versuchte sich an einem möglichst gelassenen Grinsen, als er dasaß und seine unnatürlich schwere Pfanne fragend anhob, die an seinem Arm zerrte. Die Kurzhaarige, die die Knochenwürfel noch immer an sich presste, wie einen Schatz, sah schleppend zu der Eisenpfanne, doch dann zurück zu Hjaldrist.

“Rist?”, entkam es ihrer heiseren Kehle und anders, als erhofft, hörte sie sich dabei nicht erleichtert, sondern so gebrochen an, dass es selbst dem Undviker wehtat. Sie wand den Kopf ab und auf einmal blickte der Jarl in braune, feindselige Augen. Seine Kumpanin stand plötzlich vor ihm, in gestreifter Jacke, Mantel und ihrer vollen Ausrüstung. Er blinzelte verwirrt und hatte die Kurzhaarige noch nie so furios gesehen. Ihr Blick war eiskalt und ihr Ausdruck der eines abgrundtief bösen Menschen. Ihre braunen Haare mit der Fuchssträhne waren wirr und wie ein wildes Tier bleckte sie die Zähne. Dann kam sie vor, erwischte den Mann und beförderte ihn nach hinten, bis sein Rücken eine harte Wand traf. Da war plötzlich ein Dolch an seinem Hals und zerschnitt ihm dort oberflächlich die Haut.

“Sprich mich noch EINMAL auf ihn an, du Bastard”, zischte die so fremde Anna zornig, als sie die Worte herrisch ausspie “Und ich töte dich! Ich TÖTE dich!”

“Was…?”, machte der schockierte Hjaldrist tonlos und wagte es nicht sich zu rühren. Anna stieß ihm den Unterarm gegen das Schlüsselbein und zwängte ihn daran harsch der Mauer entgegen. Ihre metallene Armschiene drückte sich schmerzhaft gegen Knochen und Haut. Ein kleines, warmes Rinnsal lief dem Jarl an der Kehle hinab, an dem die kalte Silberschneide lag. Und Anna, die lachte nur grimmig und absolut arrogant. Sie beugte sich Hjaldrist entgegen.

“Weißt du… ich hätte kein Problem damit, du Arschloch.”, flüsterte sie dem Mann vor sich zu. Sie war ihm dabei so nah, dass er ihren Atem im Gesicht spüren konnte. Und starr sah sie ihn an. Ihre Augen passten nicht zu ihrem Handeln, denn sie waren gläsern und sprachen von tiefer Kränkung und Trauer. Sie heulte doch fast.

“Ich bin eine Mörderin, Hase.”, lächelte die wispernde Anna schief und musste erneut kurz und trocken auflachen “Und ich stech auch dich ab, wenn du nicht aus meinem Leben verschwindest. Also lass mich allein!”

Mit dem letzten Satz, den sie laut blaffte, ließ sie Hjaldrist los, trat einen Schritt zurück, rümpfte die Nase angewidert und spuckte ihn verächtlich an. Entsetzt betrachtete der Jarl die Frau und verstand seine Lage sofort, als er an Ravello’s Brief von vor gut acht Monaten dachte. Hjaldrist war in Anna’s Kopf. Und, verdammte Kacke, er hatte dies just für einige Momente lange vergessen. Er war so ein Narr!

Feuer, klamme Luft, Pfannenkuchen.

Die wilde Anna mit dem Silberdolch kam wieder auf ihn zu und sah ihn an, als wolle sie ihn wahrhaftig ermorden. Hjaldrist biss die Zähne zusammen. Die Frau packte ihn an den Oberarmen, doch sank aberplötzlich nieder. Sie war so schwer, dass Hjaldrist sie nicht halten konnte und fiel. Und auf einmal saß er wieder am harten Boden und schwarze Haare kitzelten ihn an der Nase. Sie waren vorhin doch noch braun gewesen.

“Er kommt…”, keuchte Anna, die mit gesenktem Kopf vor ihrem Freund saß und die Stirn an dessen Kinn liegen hatte. Ihre Hände klammerten sich hilfesuchend an seine Arme und der wärmende Wollmantel aus Undvik fiel ihr über die bebenden Schultern.

“Sowie durch die kranke Blässe des Gesichts…”, murmelte die Frau noch entrückt. Das Lagerfeuer in der Grube warf Schatten an die kahlen Wände. Irgendwo fiel Metall klirrend zu Boden und Hjaldrist zuckte zusammen. Er müsste sich besinnen. Jetzt. Sofort. Und er musste sich wieder konzentrieren, verdammt. Die Augen krampfhaft schließend und die Brauen zusammenziehend, dachte er an Hyazinthen und bunte Lichter. Er legte einen Arm um das Häufchen Elend vor sich und drückte dessen kalten Körper an sich heran. Angestrengt keuchte er und sein Schädel pochte schon wieder wie wild. Der Undviker konnte sein eigenes Blut in den Ohren rauschen hören, doch er ließ sich nicht unterkriegen; nicht schon wieder. Das hier war seine dritte und letzte Gelegenheit.

Weiches Gras, bunte Laternen, ein Märchenschloss im Hintergrund, eine rufende Nachtigall.

Und als Hjaldrist aberplötzlich in der Wiese vor Beauclair saß, war da keine Anna, die sich mit Est Est betrank und über bescheuerte Witze lachte. Sie stopfte kein Essen in sich hinein und trug auch nicht das schöne Kleid aus dem Caed Myrkvid. Die Anna, die nun noch immer zwischen den Beinen ihres überforderten Gefährten saß und sich mit gesenktem Haupt an dessen Arme klammerte, war krank. Getrocknetes Blut und Dreck klebten ihr überall. Da waren Narben an ihrer Wange und ihre Haare waren pechschwarz. Sie trug kein Kleid, sondern den skelliger Wollmantel mit dem weißen Fellbesatz.

Hjaldrist machte die Augen ungläubig weit und wurde unruhiger, doch ermahnte sich erneut zur Fassung. Dennoch wurde sein blasses Gesicht ein Stück weicher. Der Mann schwieg und wartete ab, als seine fokussierten Gedanken das hübsche Bild Toussaints gewaltsam aufrechterhielten. Es war eine Vorstellung, die die wahnsinnige Anna kannte. Denn sie war einst auch hier gewesen, bevor ihr Leben eine Wende zum Schlechten erfahren hatte. All das hier, die kitschige Gegend, der Geruch nach Süßem und das entfernte Lachen und Klatschen der Leute, war nicht nur in Hjaldrist’s Kopf, sondern auch in ihrem. Es war eine schöne Erinnerung, die sie beide miteinander teilten und die der Oneiromant wieder wachkitzelte.

Nur langsam sah Anna auf. Sie wirkte träge und sah über Hjaldrist’s Schulter stumm in die von Feuerwerken erleuchtete Gegend. Die Frau rührte sich erst kaum, doch dann setzte sie sich gerader hin und ließ ihren Freund los. Ihre spröden Lippen standen ihr einen Spalt weit offen und ihr Blick wurde unstet. Man sah ihr an, dass ihr Kopf auf Hochtouren arbeitete; hier im Traum und auch in ihrer Realität. Und dann, nach ein paar schweren Atemzügen, sah sie aus dem Augenwinkel zu dem Jarl, zwischen dessen Knien sie noch immer saß. Sie verengte den Blick forschend und sah wieder in die bunt erhellte Landschaft hinter dem abgekämpften Telepathen zurück.

“Tse.”, machte sie dann auf einmal abfällig-amüsiert “Ich sollte damit aufhören so viel zu trinken. Ich hab ne Gedächtnislücke… glaub ich.”

Erwartungsvoll tief atmete Hjaldrist ein und stierte die Kurzhaarige nach wie vor hoffnungsschwanger an. Trotz allem vergaß er nicht, wo und wieso er hier war. Er müsste all das hier stützen, bis Anna selbst fest hier angekommen wäre. Nur… nur woran würde er das erkennen? Er verzog das Gesicht ob eines heftigen Schmerzes, der durch seine Schläfen zog, und Anna taxierte ihn mit erhobenen Brauen. Ihre Lippen waren nicht mehr wund, sondern weich und rot vom Wein.

“Kopfweh, hä?”, wollte sie wissen und dann lachte sie plötzlich “Dabei ist Est Est angeblich so hochwertig, dass man davon keinen Schädel bekommt. Wir wurden beschissen, Rist! Man hat uns Fusel verkauft! Wir Idioten!”

“Ja… stimmt wohl.”, spielte der Mann gleich mit, denn er müsste jetzt exakt hierher passen. Ja, er dachte an Beauclair zurück und trug auf einmal wieder seinen orangen Gehrock aus dem Druidenhain. Grinsend erhob sich Anna und ihr rotes Kleid fiel ihr wallend über die Hüfte nach unten. Sie streckte sich seufzend, knackte mit der Schulter und sah sich um. Eine Weinflasche lag in ihrer Hand und ihre zuvor schwarzen Haare waren wieder braun. Als sie sich die freie Hand folglich in die Seite stemmte und sich nach ihrem Kumpel umsah, waren ihre Wangen vom Alkohol gerötet und ihr Schmunzeln schief. Sie war hübsch und so… glücklich. Es tat unerwartet weh sie so zu sehen. Denn heute, da-

Nein. Hjaldrist’s Gedanken durften nicht abschweifen. Er könnte später Vergleiche zwischen der Monsterjägerin von vor drei Jahren und der Leibwache von heute ziehen. Nun musste er hierbleiben und zwar völlig. In der Ferne stand eine schwarze Frau mit Pechkleid zwischen den Bäumen und beobachtete ihn ruhig. Der Undviker sah sie nicht.

“Also! Was machen wir jetzt, hm?”, fragte Anna “Der Wein geht langsam zur Neige und ich habe Hunger. Gehen wir was fressen, Rist. Ich habe nahe dem Markt nen Stand gesehen, der Fleisch auf Spieß verkauft!”

Schnell nickte der Skelliger und erhob sich, denn er wollte sich geben, wie der Vagabund von vor drei Jahren. Beinahe schaffte er es nicht aufzustehen, weil es ihm dabei so unglaublich schwindelig wurde. Er strauchelte kurz und fasste sich stöhnend an den Kopf. Ihm war schlecht und heftige Emotionen begannen ihn zu beuteln. Hjaldrist wurde so traurig und wusste nicht, warum. Seine Brust wurde so eng.

“Beim fetten Arsch der Großen Mutter!”, lachte Anna und ahnte nicht, wie tragikomisch das hier gerade war. Sie kam her, hakte sich energisch bei dem Jarl unter und schnaufte heiter.

“Kein Wein mehr für dich!”, entschloss sie und wankte selber leicht “Aber für mich!”

Die Abenteurerin kicherte und hob die Flasche, um sich selbst noch einen Schluck zu genehmigen. Es war gut, dass sie ihren Gefährten gerade stützte, denn Hjaldrist glaubte, er ginge gleich in die Knie. Ihm war schummrig und sein Körper war just so schwach. Verzweiflung grapschte gierig nach ihm und er konnte ihr kaum noch widerstehen.

“Komm, wir holen uns was zu Futtern. Dann geht es dir auch gleich besser, Käferschubser, du wirst sehen.”, machte die Anna mit der rotbraunen Strähne und Hjaldrist, der schwerfällig nickte, spürte, wie sie ihm einen dicken Kuss auf die Wange drückte. Die Jüngere sagte noch irgendwas, aber ihr Freund vernahm ihre Stimme nur noch äußerst dumpf. Sein Blickfeld wurde enger und enger. Er schmeckte Galle und dann wurde plötzlich alles schwarz.

 

Als Hjaldrist die Augen das erste Mal leise ächzend aufschlug, lehnte er mit dem Rücken voran am hölzernen Kopfende seines weichen Bettes und Anna’s Kopf lag noch immer auf seinem Schoß. Seine Hände waren in ihren dunklen Haaren vergraben und schlaftrunken sah er auf die Schlummernde hinab. Sie lag nicht mehr ganz so da, wie vorhin. Denn die Frau hatte sich ihrem Freund zugedreht und das Gesicht am bestickten Saum seiner blauen Tunika vergraben. Ihre Stirn lag an seinem Bauch und eine ihrer schlaffen Hände knapp daneben. Anna wirkte so ruhig. Hjaldrist atmete schwer aus und fühlte sich so krank. Seine Augen flimmerten und er konnte nichts dagegen tun, dass sie ihm wieder zufielen.

 

Als der Skelliger das zweite Mal aus einem tiefen, traumlosen Schlaf aufsah, war Anna fort. Hjaldrist lag mittlerweile, anstatt sitzend zu lehnen, und jemand hatte ihn zugedeckt. Er zog die Stirn kraus und ächzte leise, ehe er sich die schmerzenden Augen rieb und den pochenden Kopf hob. Er fühlte sich nebenher etwas wirr und beduselt, doch das war nichts. Seine Aufmerksamkeit wanderte also ungebrochen; über eine dampfende Teekanne auf seinem Beistelltisch und Hugin, der wie ein großer Bettvorleger aus schwarzem Zottelfell vor der Schlafgelegenheit ruhte. Der faule Hund zuckte kurz mit den Ohren und wedelte beiläufig mit dem Schwanz. Viel mehr rührte er sich aber nicht.

Es war düster draußen. Wie spät es wohl war? War es noch Morgen, dass es so finster war, oder das Wetter schlecht? Leise seufzend ließ Hjaldrist den Kopf zurück auf sein großes Kissen sinken. Er würde noch eine Weile liegen bleiben. Ja, nur kurz, denn er fühlte sich noch ganz matt. Er wollte noch nicht aufstehen und an die Arbeit gehen, sondern Ruhe, denn seine Gedanken hüpften wild im Kreis. Hjaldrist wollte sie erst schlichten. Doch dazu käme er nicht, wie es sich gleich herausstellte. Denn jemand öffnete die leise knarrende Zimmertür und trat ein. Man hörte einen zweiten Hund hecheln und Pfoten, die am Steinboden näher tappten. Dann das Rascheln von Stoff. Munin brummte und setzte dazu an zu Kläffen, doch Anna’s Stimme kam ihm dazwischen.

“Pscht.”, machte sie leise “Sei ruhig, Fusselmonster.”

Der kluge Hund murrte wehleidig, doch blieb still. Hjaldrist äugte zu der Frau, die eingetreten war, und erst jetzt bemerkte jene, dass er nicht mehr schlief. Sofort lächelte sie erleichtert und kam näher. Sie hatte eine Laterne dabei.

“Du bist wach.”, stellte sie froh fest “Ich habe, ähm… Frühstück gemacht.”

Beim letzten Satz wurde die burschikose Frau im Leinenkleid mit dem großzügigen Ausschnitt ganz verlegen. Sie hüstelte.

“Äh, naja…”, ergänzte sie “Ist wohl nicht so gut, wie deins, aber ich bin schon seit Stunden wach und da dachte ich-... ach, egal.”

Damit kam Anna an das Bett und stellte eine Schüssel mit Löffel ab, in der sich etwas befand, das nach Rührei aussah. Sie hatte noch eine zweite davon bei sich, die sie aber behielt. Nahe dem Fußende stieg sie über den schlafenden Hugin, um sich auf die Matratze setzen zu können. Ihre Lampe stellte sie am Grund ab.

“DU hast Frühstück gemacht…?”, wiederholte der Jarl ziemlich perplex “Das markiere ich mir rot in meinem Kalender. Wir machen nen undviker Feiertag daraus.”

“Ha-ha.”, machte die Kurzhaarige, die noch immer betreten in ihre Schüssel sah und verzog den Mund leicht. Dann fasste sie nach ihrem Löffel, um sich etwas Rührei darauf zu schaufeln. Sie war etwas rot geworden.

“Ich bin der Jarl, ich könnte das tatsächlich tun, Anna.”, grinste der Krieger und die Frau verdrehte brummend die Augen. Hjaldrist beließ es vorerst dabei. Anstatt sein Gegenüber weiter zu triezen, richtete er sich auf und rieb sich den steifen Nacken. Seine Gedanken wendeten sich dabei erneut dem zu, was er in den letzten Stunden im Schlaf gesehen hatte, und er fragte sich, ob sein Eingreifen dieses Mal erfolgreich gewesen sei oder nicht. Er war sich nämlich alles andere als sicher. Nachdenklich fasste der Jarl nach der Schüssel Essen, die Anna für ihn mitgebracht hatte. Sie beide hatten es im Traum nach Beauclair geschafft. Und dann…? Der mental völlig ausgezehrte Skelliger hatte Momente darauf nicht mehr weitermachen können und war wohl aufgewacht. Er… er erinnerte sich daran plötzlich ganz schwach geworden zu sein und er hatte nichts gegen die lauernde Ohnmacht tun können, die ihn im Traum ereilt hatte. Verdammt…

Der Mann sah langsam auf und beobachtete, wie sich Anna einen Löffel Rührei in den Mund steckte. Er tat es ihr gleich und noch immer war er ganz in Gedanken verloren. Das Knacken eines Schalenstückes zwischen seinen Zähnen riss ihn Sekunden später endlich in die Gegenwart zurück und er verzog das Gesicht.

“Da sind Eierschalen drin.”, nuschelte er mit halbvollem Mund und hörte seine Freundin schnauben.

“Die sind gesund.”, gab sie zurück und steckte sich demonstrativ noch einen Löffel der schrecklich ungewürzten und leicht angebrannten Eierspeise in den Mund, obwohl sie damit nicht sehr glücklich aussah. Es schien ihr nicht zu schmecken, doch so stur, wie sie war, würde sie aufessen. Einfach nur so, um nicht dumm dazustehen. Hjaldrist kannte sie doch. Und er verkniff sich ein Lachen. Anna, die das wiederum bemerkte, war mittlerweile ganz unruhig geworden und schlug die Augen tief durch die Nase durchatmend nieder. Und weil Hjaldrist nicht ganz so gemein sein wollte, setzte er zu einem kleinen Lob an.

“Aber naja, für jemanden, der sonst sogar Wasser anbrennen lässt, ist es echt ganz gut geworden.”, lächelte er dümmlich. Munin, der bereits die ganze Weile über brav an seiner Seite, vor dem Bett, saß, legte den massigen Kopf auf die Bettkante, um sein Herrchen aus großen Augen anzustarren. Hjaldrist schielte erst zu ihm und dann verstohlen zu Anna. Er schöpfte sich das Rührei des Todes auf den Löffel und hielt den, weil die Alchemistin nicht hersah, seinem Hund hin. Man konnte sich kaum versehen, da hatte der freudige Munin den Happen verspeist und bettelte winselnd nach mehr.

“Ich kann mich nicht daran erinnern etwas geträumt zu haben.”, sprach Anna dann auf einmal in die Ruhe hinein “Ist das… gut?”

Skeptisch sah sie zu ihrem Freund und es schien ihr egal zu sein, dass jener das mühsam gekochte Frühstück gerade an sein gieriges Haustier verfütterte. Gerade hatte sie andere Sorgen.

“Sonst erinnere ich mich immer an meine Albträume.”, erklärte die Monsterkundige ratlos “Habe ich denn schlecht geträumt, Rist?”

Der Angesprochene blinzelte verblüfft. Anna wusste nichts mehr?

“Ähm, ja. Ja, hast du.”, bestätigte er “Ich habe dich aber rausgeholt. Hoffe ich. Jedenfalls waren wir am Ende in Beauclair und du warst ziemlich glücklich und… ziemlich betrunken.”

“Echt?”

“Echt.”

Anna gab einen überraschten Ton von sich.

“Meinst du, es hat geklappt?”, fragte sie gleich hoffnungsvoller.

“Womöglich…”, glaubte der Undviker und erwiderte das Lächeln seiner Kameradin ehrlich “Am besten, du achtest in nächster Zeit auf deine Träume. Ja? Und wenn dich das Frühjahr dabei nicht mehr ereilt, dann haben wir es tatsächlich geschafft.”

“Nein. Dann hast DU es geschafft. Ich habe nur geschlafen, während du dich bemüht hast.”, korrigierte Anna gleich und entlockte Hjaldrist damit ein schiefes, doch am Rande scheues Lächeln. Er winkte ab und hätte sich am liebsten am Hinterkopf gekratzt. Denn das, was er getan hatte, war für ihn selbstverständlich gewesen. Seine beste Freundin mochte das vielleicht nicht so sehen, doch er würde wieder und immer wieder in ihren Kopf gehen, um alles Schlechte daraus zu verbannen.

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