Kapitel 142 (Buch 5, 19)

Wen man auf Undvik suchte

Anna fuhr arg zusammen, als sie Glas splittern hörte. Sie wollte die Augen öffnen, um aufzusehen, als sie bemerkte, dass sie längst vor sich hin blickte. Und nicht nur das. Sie stand aufrecht, war also nicht aus einem Traum hochgeschreckt. Irgendetwas stimmte nicht. Die Zeit zog sich, wie zähes Harz und ihr Körper fühlte sich so schwerfällig an. Warum? Die Frau kniff die schwarzen Augen leicht zusammen und atmete tief durch. Sie wankte ein wenig. Was war los? Es roch nach Lampenöl und das einzige, das der Kriegerin durch den Kopf ging war, dass ‘er nicht immer zur Stelle sein konnte’. Wer? Zur Stelle? Wofür? Noch einmal atmete Anna tief aus. Und schlagartig kam sie im Hier und Jetzt an. Am Weststrand, mitten in der Nacht und vor einem großen Haus. Das war die Werft. Sie stand an deren Rückseite. Öl beschmierte den einen hölzernen Stützbalken des Gebäudes vor ihr und Flammen züngelten bedrohlich daran empor. Anna erstarrte wie im Schock und weitete den Blick entsetzt. Sie wich sofort ein, zwei Schritte ab und sah dem tanzenden Feuer dabei zu, wie es, angetrieben von dem schlierigen Lampenöl aus der zersplitterten Laterne unweit am Grund hochkletterte. Die verwirrte Frau konnte den Moment partout nicht fassen und ein überforderter Laut entkam ihr ob dem. Doch kam sie sofort aufgescheucht nach vorn, riss sich den roten Lodenmantel von den Schultern und wollte das Feuer vor sich damit hektisch ersticken. Anna musste sich dafür auf die Zehenspitzen stellen, denn die Flammen loderten nun schon höher. Es ging zu schnell und die ungeschickte Novigraderin war zu klein, um ihren Mantel über all das hungrige Flackern zu drücken. Und dort, wo sie es tat, fraß sich jenes stellenweiße und dank des dunklen Öls durch den dicken Stoff. Die aufgebrachte Anna zuckte zurück, als sie sich die Hand trotz des Lederhandschuhs übel verbrannte und fluchte. Sie ließ ihren Umhang einfach fallen und aus Ermangelung anderer Optionen lief sie einfach los, um an die Front des Gebäudes zu gelangen.

“Feuer!”, schrie sie außer sich, denn sie wusste, dass die Werft stets von Leuten der Stadt bewacht wurde. Und während sie das tat, wollte sie noch immer nicht verstehen, was hier vor wenigen Momenten erst geschehen war: Dass… dass sie diejenige war, die erst das Öl aus einer Lampe über Holz gegossen und die noch brennende Laterne dann daran zerschlagen hatte. Sie kapierte nicht, warum sie ihre volle Montur trug, obwohl sie heute keine Nachtschicht vor den Toren, sondern frei, hatte; Weswegen sie just nicht in ihrem Bett lag, sondern über den Strand am Westen hetzte, um andere Menschen zu alarmieren. Und jene wurden nun auch auf die rufende Frau aufmerksam. Aufgerüttelt kamen sie Anna gleich entgegen und hatten das Problem bereits gesichtet, denn jenes erhellte das Dunkel in einem schadenfrohen Orange, Rot und Gelb. Das Feuer erreichte beinahe schon das Dach der schönen Werft, die man unlängst erst wieder aufgebaut hatte.

Die zwei Wachen, die um die Ecke bogen musterten Anna nicht lange, ehe sie schon an ihr vorbeiliefen, um zu den verheerenden Flammen zu gelangen. Ein dritter Mann war bereits unterwegs zum sehr nahen Meer, um mit zwei Eimern Wasser zu schöpfen. Ohne überhaupt erst nachzudenken, funktionierte die entgeisterte Anna nurmehr, kam zu der Wache an der See und nahm ihr einen Kübel ab. Unter schwerem Atem lief sie damit zum Brandherd zurück, um das Salzwasser mit viel Schwung gegen den flammenden Holzbalken zu schütten. Dort, wo das Öl an jenem haftete, stach das Feuer einen Moment lange höher empor, doch als der Skelliger mit dem zweiten Eimer kam, löschte dessen Wasser es bis auf Kopfhöhe. Anna sah dem zu und sie erstarrte, als sie die Realisation über diese Misere spät und wie ein Schlag gegen das Haupt traf: SIE hatte die Werft angezündet. SIE war diejenige, die Hilda und Mina beinah umgebracht und die Bäckerei und die Schmiede in Brand gesteckt hatte, nicht wahr? Sie war es. Fahrig wich die keuchende Kurzhaarige ab und starrte zerfahren. Einer der anwesenden Männer riss ihr den alten Kübel aus der Hand und lief los. Und Anna sah mit halb offenstehenden Lippen, wie die bedrohlichen Flammen gierig nach dem hölzernen Dach der Bootsbauerei haschten. ANNA war diejenige, die man auf Undvik suchte.

Abrupt wand sich die entsetzte Schwertkämpferin ab und rannte los - fort von der Werft und auf den nahen, finsteren Tannenwald zu. Sie wirkte nahezu panisch, als sie lief und im monderhellten Sand vor der Wiese fast stolperte. Mit geweiteten Augen fand sie am Forstrand Saov, der angebunden an einen Baum, brav wartete. Anna fragte sich schon gar nicht mehr wieso. Sie kam zu dem Vierbeiner, der sofort etwas unruhiger wurde und kletterte mit zittrigen Händen in den teuren undviker Sattel. So barsch, wie nie zuvor, hob sie dem geduldigen Pferd die Fersen in die Seiten und trieb es damit zum gestreckten Galopp an. Der Braune mit dem weißen Huf warf den Kopf in die Luft, wieherte laut und preschte los. Sein Frauchen ließ auch bis zur Stadt keine Gnade mit ihm walten und trieb den schnaufenden Vierbeiner völlig außer sich durch das Stadttor. Beinahe trampelte sie dabei eine der alarmierten Wachen nieder, schrie ein heiseres ‘Aus dem Weg!’ und bremste ihr Tier keinen Deut weit. Erst vor dem geschwungenen Festungstor der Falkenburg riss die Burschikose am Zügel Saovs und das so stark und ungeschickt, dass er beinahe stieg. Sie kam mit gläsernen Augen von dessen Rücken, lief, hetzte die Treppe zur Festung hoch und stolperte auf deren Mitte. Hätte die Schwarzhaarige nicht ihre stählernen Kniekacheln und die dicken Handschuhe aus Leder getragen, hätte sie sich dabei sicherlich verletzt. Stattdessen schepperte ihre Rüstung bloß, als sie schwer stürzte und harte Bekanntschaft mit dem abgetretenen Stein machte. Sie ächzte überwältigt dabei, als ihr ein stechender Schmerz durch die Hand mit dem angesengten Handschuh zuckte.

“Anna!”, Thure und Darion hatten Wachdienst vor dem großen Tor und letzterer kam der Frau jetzt entgegen, während Thure als Rekrut nervös auf seinem Platz verharrend abwarten musste. Die Monsterkundige war schon wieder halb auf den Beinen, als ihr Kollege mit dem Glatzkopf und dem roten Vollbart bei ihr ankam und ihr die Hand helfend reichen wollte. Das Adrenalin brachte ihr Blut dazu in ihren Ohren zu rauschen und ihre Lungen brannten vom anstrengenden Ritt hierher.

“Feuer.”, keuchte sie und war völlig außer Atem “Bei der Werft.”

Darion zuckte zusammen und starrte Anna entgeistert an.

“Thure!”, blaffte er gleich “Geh zur Stadtwache, aber schnell!”

Der Huskarl-Rekrut, der gleich wusste, was sein Mentor meinte, nickte schnell und rannte los, um die besagte Wache zu informieren. Und Anna, die schob sich bereits an ihrem älteren Kollegen vorbei, um in die Festung zu eilen.

“Rist!”, rief sie laut, als sie im hallenden Großen Saal ankam, doch der Jarl war nicht hier. Womöglich schlief er bereits, denn es war tiefste Nacht. Die Novigraderin fluchte laut und lief weiter, während ihr alle, die sie dabei passierte, im Fackelschein aufgerüttelt nachsahen. Anna hetzte ohne an irgendetwas anderes zu denken, als sofort mit ihrem besten Freund sprechen zu wollen, an dessen Schreibstube vorbei. Sie warf einen Blick hinein, doch das Zimmer war dunkel, also stob sie weiter, um in das obere Stockwerk zu gelangen, in dem sie das Schlafzimmer des Clananführers finden würde. Verstört und atemlos platzte sie dann, wenige Minuten später, in den besagten Raum. Sie riss die Tür des Jarls ohne vorher zu klopfen auf und kam vollkommen neben sich stehend in das Zimmer, in dem noch ein kleines Licht brannte. Am Schreibtisch stand eine dicke Kerze, denn Hjaldrist beugte sich soeben noch schreibend über irgendwelche Dokumente. Oder jedenfalls hatte er das bis zu diesem Zeitpunkt getan, denn als Anna hier, mitten in der Nacht und laut polternd hereinkam, erhob sich der Dunkelhaarige in der grünen Tunika sofort. Bevor er sich nach der Kurzhaarigen umwandte, hatte er Erlklamm schon in der Hand und einen unsagbar harten Gesichtsausdruck. Es war, als müsse er sich gegen einen Eindringling verteidigen. Doch als er seine Freundin erkannte, entspannte er sich sofort wieder ein Stück.

“Anna!”, stieß der Skelliger entrüstet aus und sein Ton konnte sich nicht zwischen ‘mahnend’ und ‘verwirrt’ entscheiden. Er kräuselte die Brauen und taxierte die Jüngere. Er konnte sich offenkundig keinen Reim auf das hier machen.

“Wie siehst du aus?”, kam es als nächstes, denn dem Jarl, der die Dienstpläne der Huskarle stets mit Henrik besprach, war klar, dass seine entrückte Kollegin eigentlich im Bett sein und nicht voll aufgerüstet herumlaufen sollte. Sofort verfiel er in Unruhe, stellte deine Waffe wieder fort und kam näher, während die Giftmischerin nicht wusste, wie sie anfangen oder was sie überhaupt sagen sollte. Sie stammelte irgendetwas und wirkte völlig zerfahren.

“Ich… ich bin schuld!”, entkam es ihr und aufgebracht wanderte ihr Blick. Sie wusste gerade gar nicht, wohin mit sich. Hjaldrist betrachtete die Frau wirr und kam zu ihr. Er erhob die Hände beschwichtigend.

“Ganz langsam jetzt...”, bat er gezwungen ruhig “Woran bist du schuld?”

Anna verstand nicht so recht warum, doch sie wich vor Rist zurück, als fürchtete sie sich davor, dass er sie nun packen und in den Kerker zerren wolle. Denn das blühte ihr doch? Sie wollte nicht eingesperrt werden. Nicht wieder. Eher sterbe sie.

“Woah…”, machte der Kerl, als er seine scheue Freundin ansah “Was, zum Geier, ist passiert?”

Und weil die abgekämpfte Nordländerin nicht wusste, was sie sonst noch sagen sollte, holte sie Luft und warf dem Jarl direkt Tatsachen vor die Füße.

“Ich habe die Feuer gelegt.”, sagte sie und es hörte sich so falsch an, als sich ihre Worte überschlugen “Ich war das, Rist.”

Der ältere Mann versteifte sich, als er das hörte, und seine Brauen zogen sich weit zusammen. Er öffnete den Mund, um etwas zu sagen, doch schloss ihn wieder. Es schien, als müsse sein brummender Schädel das, was seine Kumpanin ihm hier gerade gebeichtet hatte, erst verarbeiten. Die Gedanken des Undvikers strauchelten merklich. Und dann, am Ende, entkam ihm nur ein verdattertes ‘W-Was?’.

Anna klaubte derweil nach Phrasen und alles in ihrem Blickfeld verschwamm allmählich. Noch immer war sie vollkommen zerstreut. Und ja, sie würde hier gleich flennen. Sie könnte nichts dagegen tun, fühlte sich noch immer wie im Schock.

“Ich wollte das nicht!”, wehrte sie sich und schüttelte den Kopf langsam, immer wieder. So, als glaube sie noch immer nicht, was passierte. Denn, oh, das hier durfte doch nicht wahr sein!

“Es tut mir leid!”, keuchte die sonst immer relativ gefasste Anna und ihr Atem ging noch immer ganz schwer. Und während sie so dastand, wand sich Rist plötzlich ab, um zu einem seiner großen Fenster zu laufen und alarmiert nach draußen zu sehen. So, als fürchte er, in der Stadt brenne wieder irgendein wichtiges Haus lichterloh. Doch er erkannte keine Flammen. Die Werft im Westen lag schlussendlich in der genau gegenüberliegenden Richtung der Insel. Hektisch wendete sich der 29-Jährige abermals zu Anna um, überlegte kurz, haderte und setzte dann eine steinerne Miene auf.

“Du”, er zeigte trocken schluckend auf seine aufgelöste Freundin “Wartest hier. Und wehe, du rührst dich fort.”

Und nach diesem harschen Befehl konnte man sich kaum versehen, da war der Jarl auch schon auf und davon. Denn in Momenten wie diesem, da stellte er seine Stadt über seine engste Freundschaft. Er musste.

 

*

 

Als Hjaldrist am frühen Morgen völlig geschafft zurück in sein großes Zimmer kam, war Anna tatsächlich noch da. Er hatte die letzten Stunden am Weststrand zugebracht, wo man die Werft erfolgreich löschen hatte können. Da das weitläufige Gebäude nah am Meer lag und man die Wachen früh genug alarmiert hatte, war nicht zu viel geschehen. An der hohen Rückwand der Bootsbauerei prange nun ein dickes Brandloch, doch abgesehen davon war, Hemdall sei Dank, nichts passiert. Man würde die Kluft binnen einer Woche oder zwei flicken können.

Der matte Jarl trug den roten, angesengten Mantel seiner Freundin über dem Arm, als er eintrat und seine braunen Augen gleich auf Anna fielen, die vor einem der Fenster stand und nach draußen, dem Sonnenaufgang entgegen, starrte. Die Hände stützte sie dabei auf den Fenstersims und sie trug noch ihre volle Montur. Offenbar hatte sie sich kaum gerührt, seit sie des nächtens vollkommen fertig hierhergekommen war. Die Frau hatte zu diesem Zeitpunkt neben sich gestanden und beinahe geweint, als sie herumgestottert hatte. Und dennoch hatte Hjaldrist prompt hart reagiert und sie dann allein gelassen. Nur… so aufgebracht er vor Stunden noch gewesen war, so tat ihm das nun leid. Aber was hätte er vorhin denn auch sonst tun sollen? Anna trösten, während er nicht wusste, was genau in seiner Stadt passierte und ob Menschen verwundet wurden oder gar starben? Nein. Und auch, wenn er das gewollt hätte, hätte er die Trankmischerin aus bloßer Überforderung heraus erst einmal angeschrien. Demnach war es gut, dass er erst zu den Wachen und dann zur Werft gehetzt war, um dort mit anzupacken. Er hatte sich dabei abreagieren können. Und das war gut, denn nun könnte er ruhig mit seiner besten Freundin, die im Grunde nichts für all die grässlichen Feuer auf Undvik konnte, sprechen. Nun, natürlich WAR sie schuld daran, dass Silven, dieser Bastard, sie heute lenkte. Nur wollte Hjaldrist ihr das nicht vorwerfen. Nie hatte er das bisher getan. Denn was hätte dies schon gebracht, außer die momentan so und so unsichere Frau weiter zu beunruhigen oder ihr ein schlechtes Gewissen zu bereiten? Sie war aufrichtig reumütig und wollte das, was sie im Frühjahr getan hatte, wieder gutmachen. Und das zählte.

“Du bist noch da.”, stellte Hjaldrist überflüssigerweise fest, als er sein von der Dämmerung rötlich erhelltes Schlafzimmer betrat und sein Blick die Jüngere festhielt. Sie sah müde auf und war sichtlich geknickt. Nur langsam kam der Jarl zu ihr.

“Hier.”, machte er und legte den nach Qualm stinkenden Lodenmantel der Alchemistin bei eben jener am Sims ab. Dann blickte er aus dem Fenster und dachte nach. Die Augen niederschlagend, holte er Sekunden später schon Luft zum Sprechen.

“Es ist nicht viel passiert.”, sagte er beruhigend “Die Werft steht noch. Nur die Hinterseite wurde beschädigt.”

Von der Seite aus sah der Undviker zu Anna hin, die es nicht schaffte Blickkontakt zu halten. Das hier war schwer. Richtig schwer.

“Das war Silven, nehme ich an.”, setzte Hjaldrist fort und sah nicht weg “Woher wusstest du also vom Brand?”

“...Ich kam in dem Moment, als ich eine Öllampe an der Werft zerschlug, zu mir.”, erzählte die ehemalige Abenteurerin leise “Ich habe mich erschrocken… und es nur allmählich verstanden, was geschieht. So ist es immer, wenn ‘er’ mich wieder freilässt...”

Der Skelliger taxierte seine kleinmütige Kumpanin eingehend.

“Du kamst zu dir und bist dann gleich hierhergelaufen?”, wollte er wissen.

“Ich… wollte zuerst noch dabei helfen das Feuer einzudämmen. Weil ich nicht verstanden habe, was ich getan habe. Und dann-... danach bin ich hierher.”, erklärte die Schwertkämpferin mitgenommen. Ihre Lippen wurden schmal und getreten sah sie vor sich hin. Ihre schwarzen Augen hingen beklommen auf dem roten Mantel am breiten Fensterbrett. Sie zupfte nervös an einem losen Faden herum, der von jenem abstand. Ihr einer Handschuh sah angekohlt aus. Hatte sie sich verletzt?

“Es tut mir leid.”, endete die Kräuterkundige ihre Worte.

“Entschuldige dich nicht. Das warst nicht du.”, forderte der Undviker jetzt auf und meinte es auch so. Und er wusste, dass er seinen haltlosen Zorn über die Feueranschläge auf der Insel auf den rachsüchtigen Elfen in Anna’s Kopf fokussieren sollte und nicht auf die Besessene selbst. Es war etwas, das ihm anfangs nie leichtgefallen war, doch mittlerweile glaubte er einigermaßen damit umgehen zu können. Anna nickte langsam, doch wenig überzeugt. Sie machte sich Vorwürfe wegen Kaer Iwahell.

“Niemand der anderen verdächtigt dich, da es gewöhnlich ist, dass du nachts vor den Toren umherstromerst. Man denkt, du seist einfach in der Nähe gewesen, als das Feuer ausbrach. Selbst Haldorn sprach vorhin zum ersten Mal annähernd gut über dich, weil du so schnell Alarm schlugst.”, setzte Hjaldrist jetzt fort und das, was folgte, wollte ihm beachtlich zäh von der Zunge kommen “Und dennoch müssen wir Konsequenzen ziehen, Anna.”

Man sah, wie die Frau den Atem kurz anhielt und überfordert blinzelte. Sie schluckte schwer und sah nicht her. Die schwache Herbstsonne schob sich draußen über den Horizont.

“Ich habe auf dem Rückweg darüber nachgedacht.”, sprach Hjaldrist weiter und es war ihm sehr unangenehm, denn er ahnte, wie sich Anna gerade fühlen musste. Und obwohl er ihr Anführer war, so wollte er doch auch ihr Freund sein. Sie liebte ihn und er hätte es ihr so gerne viel öfter gezeigt, dass er sie auch sehr hoch schätzte, doch leider musste das hier nun sein.

“Wir werden dich bewachen lassen müssen, denn ich kann und will nicht permanent bei dir sein, um aufzupassen.”, entschloss der Jarl mit dem Fellüberwurf also “Ich sehe demnach keinen anderen Weg, als jemanden nahe deinem Zimmer zu postieren.”

Nun blickte die schwer getroffene, freiheitsliebende Kriegerin zu Hjaldrist auf. Und er sah in ihren Augen, dass sie sich gerade gern mit Händen und Füßen gewehrt hätte. Da war er, dieser eigenartige Funke, der laut danach schrie einfach durchzubrennen und auf alles zu scheißen. Und er traf Hjaldrist unerwarteterweise harsch in seinem Innern.

“Du willst mich… bewachen lassen?”, fragte Anna entrüstet nach und sie musste sich zusammenreißen, das war augenscheinlich. Wo sie früher gezetert hätte und mit knallender Tür verschwunden wäre, stand sie jetzt da, wie ein begossener Köter und war ganz verwirrt. Der Skelliger nickte, so leid es ihm auch tat. Gerade, da wollte er seine Rolle als Jarl am Hals erwischen und zu Tode schütteln.

“Solange wir keine andere Lösung haben, schiebst du deine Dienste nur noch in meiner oder in der Anwesenheit anderer.”, sagte er und weil er das Oberhaupt Insel war, waren diese Worte keine nichtssagenden Vorschläge, sondern fixe Regeln “Wenn du vor die Tore gehst, dann nur mit mir. Und nachts stellen wir einen Huskarl vor deine Türe, der es melden kann, wenn du bei Dunkelheit unerwartet losziehen willst. Ich werde mir dafür noch eine gute Ausrede einfallen lassen.”

Anna schwieg auf dies hin und wendete den Blick schnell wieder ab. Gerne hätte Hjaldrist gerade in ihren Kopf gesehen, doch er tat es nicht.

“Entschuldige, aber so werden wir das handhaben.”, beschloss er seufzend und sah, wie sie unsteten Augen der Frau über die orange-rote Ferne vor dem Fenster wanderten. Sie hatte die Arme fest verschränkt und die Schultern leicht angezogen; fühlte sich sichtlich und äußerst unwohl. Denn obwohl sie im Grunde noch ihre Freiheiten hätte, jene nur nicht alleine in Anspruch nehmen könnte und nachts jemanden vor der Tür stehen haben würde, wurde die Falkenburg für jemanden wie sie doch gerade zu einem Käfig. Oder nicht? Unschlüssig musterte der Jarl seine Freundin und er hätte sie am liebsten darum gebeten doch etwas zu sagen. Irgendwas. Er wusste doch, dass er streng war, weil er es musste und weil er JEDEN hier schützen wollte. Weil er einen guten Mittelweg für alle finden mochte, so, wie immer. Trotzdem kam er seinem Stand nicht aus. Und vor allem ertappte sich der Undviker gerade dabei in seinem Hinterstübchen etwas zu empfinden, das sich wie eine beißende Angst anfühlte. Der Mann wollte nicht, dass Anna wieder ging. Denn dieses Mal wäre dies endgültig, ganz bestimmt. Er wollte, dass sie blieb. Unbedingt.

“Anna…?”, fragte er langsam nach und sie sah aus ihren unergründlichen Gedanken auf. Die Frau mutete kurz etwas wirr an, befeuchtete sich die trockenen Lippen dann mit der Zunge und setzte tatsächlich zum Reden an.

“Wenn ich… wenn ich rausgehe…”, begann sie und ihr zittriger Unterton erzählte von dem schrecklichen Humor, den sie immer an den Tag legte, wenn sie arge Emotionen überspielen wollte “Dann kommst du nun also wieder mit? Immer?”

Die Kurzhaarige wollte sicherlich kurz und belustigt lachen, doch stattdessen schnaubte sie nur und zwang sich zu einem Lächeln.

“Hm. Das wird sich anfühlen, wie früher.”, entkam es der eher Unbeholfenen noch. Und dann verfiel sie wieder in Schweigen, während sie ihren Jarl verunsichert ansah. Ja, da stand sie und hatte keine Ahnung, welche Reaktion genau angebracht wäre. Ob sie scherzen, dumme Sprüche klopfen oder heulen sollte. Aber… sie blieb. Vorerst. Hjaldrist atmete auf.

“Ja, das glaube ich auch...”, sagte er, obwohl er es nicht so ehrlich meinte, und am liebsten hätte er Anna gerade einfach tröstend umarmt, sie festgehalten und ihr gesagt, dass sie sich nicht sorgen müsse, weil er alles tun würde, um ihr zu helfen. Doch der betretene Axtkämpfer legte stattdessen nur freundschaftlich einen Arm um die, die da neben ihm am Fenster verweilte, und blieb still, als er sie kurz im stummen Beistand an seine Seite drückte. Anna ließ es zu, doch reagierte nicht weiter darauf. Und sie schwiegen eine ganze, unangenehme Weile lange.

“...Leg dich etwas hin, wenn du kannst.”, sprach der Undviker irgendwann in die zähe Stille hinein und drückte die Schulter Annas, an der er noch die Hand liegen hatte, sacht. Dann ließ er den Arm sinken. Man sah die schwarzhaarige Frau nicken, dann blickte sie noch einmal traurig zu ihrem Freund, ehe sie, ohne noch ein Wort zu verlieren, ging. Und Hjaldrist, der ihr genauso stumm nachsah, fühlte sich beachtlich schlecht. Ja, wenn er ganz, ganz ehrlich zu sich selbst war, hatte er ein übles Gewissen. Das, weil ER doch eigentlich der letzte war, der Anna einsperren wollte. Der Mann hoffte, die Besagte wusste das. Und er sah ihr beklommen nach, als sie die Türe leise schloss. Erst, als die Jüngere fort war, verzog sich der Mundwinkel des Jarl allmählich grantig und ein leises Fluchen verließ seine Kehle. Denn die verflixte Katastrophe mit Silven wurde nicht besser, im Gegenteil. Seit dem großen Ritual mit Lado und Nyra ging es gefühlt steil bergab. Natürlich half es, dass man die Identität des Magiers unter Anna’s Scheitel jetzt kannte. Doch sonst? Seit dieser ganzen Geschichte, diesem BETRUG an Anna im Bogenwald, geriet alles noch mehr aus den Fugen. Das war es an jenem Abend schon kurz vor dem Ritualisieren: Hjaldrist hatte, als sei er ein verschlagener Verräter, und gegen sein gutes Gemüt, seinen grausamen Tod vorgetäuscht. Er hatte seiner engsten Freundin damit den Schock ihres Lebens verpasst und das auch noch im guten Wissen. Es war widerlich gewesen. Der langhaarige Skelliger ekelte sich deswegen nahezu vor sich selbst. NATÜRLICH war Anna auf dies hin in Panik verfallen und hätte dies nicht schon längst gereicht, hatte sie Lado angeschrien, Rotz und Wasser geheult und dabei gesagt, sie habe Hjaldrist geliebt. Von einem neu gefundenen Zuhause, das man ihr gewaltsam entrissen hatte, hatte sie gesprochen. Die schluchzende Frau war am Ende gewesen und der Jarl ahnte, dass sie sich in jener finsteren Nacht etwas angetan hätte, wäre er nach dem Ritual nicht sofort bei ihr gewesen. Noch nie hatte sich Hjaldrist so schnell aufgerappelt, um zu Anna zu kommen, wie damals. Und als die Nordländerin verstanden hatte, dass man sie reingelegt hatte, hatte ihr nasser Blick so, so viele Bände gesprochen. Sie hatte sich selbst zurückstellend geweint, dass es schon in Ordnung gewesen sei sie zu hintergehen, um Silven hervorzulocken. Doch sie hatte es nicht so gemeint. Hjaldrist hatte ihre zerfahrenen Gedanken gehört und gewusst: An diesem Abend hatte die Jüngere das Vertrauen in die Welt einmal mehr verloren. Selbst, als Hjaldrist ihr beistehen und sie trösten hatte wollen, hatte sie weggesehen und sich verhalten, als sei ihr seine Anwesenheit zuwider. Und er konnte das verstehen. Vielleicht hätte er selbst auch so reagiert.

Und jetzt? Jetzt war er, der beistehen wollte, derjenige, der absolut über Anna verfügen musste, weil es vorerst keinen anderen Weg gab. Dabei wünschte er ihr nur Gutes. Hjaldrist war so froh darüber, dass die Monsterjägerin hier war und wollte ihr alle Freiheiten geben, die auf der Winterinsel möglich waren. Er hätte Anna am liebsten als seine Hexerin und Beraterin in Monster- und Magiedingen eingesetzt. Nebenher vielleicht sogar als Alchemistin, die die Heiler unterstützte und Gegengifte näher erforschte. Oder als Lehrende in Trankdingen für die Skrugga. Denn genau in solch einer Rolle sah er sie. Doch stattdessen musste man sie hier festhalten, indem man ihr den Huskarl-Eid abnahm, ihr einen verpflichtenden Dienstplan unterschob und sie stundenlang in der Großen Halle herumstehen ließ. Hjaldrist hatte Henrik befohlen ein gutes Auge auf die ‘neue’ Gardistin aus Novigrad zu haben und Sten, der schlich ihr nicht ohne Grund permanent nach. Der Skrugga beobachtete sie während seiner Arbeitszeit beim Training, bei Marktbesuchen, bei Spaziergängen innerhalb der Stadt und immer dann, wenn sich die Besessene inmitten vieler Leute aufhielt. Letztens in der Taverne, als sie Henrik und Thure abgezockt hatte und letzterer sie später als Redanierin betiteln hatte wollen? Der eingeweihte Sten war da gewesen und Anna ahnte nicht warum. Es war schlimm. Und Hjaldrist fühlte sich, als sei er der Böse. So, wie damals, vor dem Ritual in Bogenwald. Silven zwang ihn dazu zum Dreh- und Angelpunkt aller schlimmen Erfahrungen seiner Freundin zu werden. Zu einem Bild aus Verlust, Vorwürfen, Betrug und Unsicherheit. Oh, ob sich dieser Dreckself damit bei Hjaldrist rächen wollte? Nachdem dieses Monster Anna für dunkle Experimente missbraucht hatte, stürzte es also Hjaldrist’s Privatleben und seine Insel ins Chaos? Und das, weil der Skelliger diesem Dreckskerl versprochen hatte ihn eigenhändig zu töten.

Ein wütender Laut verließ die trockenen Lippen Hjaldrists und er war längst dabei in seinem großen Zimmer auf und ab zu gehen, denn er konnte gerade nicht stillstehen. Er war zu aufgerüttelt, zu zornig, rasend. Der ratlose Mann fühlte sich, als sei er irgendein Spielball in einer grotesken Geschichte und obwohl er alles gut machen wollte, legte man ihm und seinen Verbündeten Steine in den Weg. Riesengroße Steine. Hjaldrist glaubte mit der Kette Nyras eine mächtige Waffe gegen Silven zu haben und letzterer lachte ihm ins Gesicht, als er wahllos Unruhe stiftete und Menschen verwundete. Der Skelliger wollte Anna helfen und wurde stattdessen zu dem, der sie hereinlegte und sie später in seiner Burg ankettete. ER, von allen Personen in diesem makabren Spiel. Ja, gerade ER. Und es kotzte ihn mittlerweile SO an.

Hjaldrist hielt in seinem unruhigen Umhergehen in seinem Raum vor einem seiner Schränke inne und hob impulsiv zu, weil er nicht wusste, wohin mit all seinem Frust. Ein zorniger, erstickter Schrei entkam ihm dabei und er fühlte es kaum, wie er sich die Knöchel am antiken, stabilen Mobiliar aufschlug. Sein Gesicht war eine finstere, verärgerte Maske und er war froh, dass weder Anna, noch Silven, das gerade sahen. Es ging nicht anders. Es war zu viel. Alles.

“Scheiße!”, keuchte Hjaldrist, haute noch einmal mit voller Wucht gegen den rumpelnden, hölzernen Kasten und es war, als entweiche ihm damit seine aufgestaute Wut ein Stück weit. Die geballten Hände des tief durchatmenden Kriegers entspannten sich wieder etwas und er sah seiner Schranktür abwesend entgegen. Seine Rechte schmerzte, doch das war egal. Hjaldrist ließ die Stirn schwer atmend gegen die Schranktüre sinken.

“Scheiße…”, wisperte er vor sich hin.

 

Am folgenden Abend empfing der Jarl, der einen Verband um seine aufgeschlagene Hand gewickelt hatte, Henrik, Matilda, Darion und Bjalka in seiner Schreibstube, die zuweilen auch als praktisches Beratungszimmer diente. Er lehnte mit dem Hinterteil voran an seiner Tischkante, als sich die Huskarle zu ihm gesellten. Und er hatte sie nicht zufällig ausgewählt, denn Henrik war der Hauptmann und die anderen Drei diejenigen der Garde, mit denen sich Anna blendend zu verstehen schien. Letztere war auch hier. Anders, als alles anderen, die mit Silven zu tun hatten, wollte Hjaldrist die Kurzhaarige nämlich nicht ausgrenzen, wenn es um Entscheidungen ging, die sie miteinbezogen. Die planlose Alchemistin war gerade erst eingetreten und sah verunsichert in die Runde. Hjaldrist nickte ihr mit einem schwachen Lächeln im Gesicht zu, das ihr bedeuten sollte kein Misstrauen verspüren zu müssen.

“Hallo Anna!”, freute sich Bjalka gleich, während sich der pflichtbewusste, immer kurz angebundene Henrik an seinen Anführer wendete.

“Worum geht es?”, wollte der Hüne mit dem dichten, geflochtenen Bart wissen. Und Hjaldrist räusperte sich leise, bevor er zu Sprechen anfing.

“Also… Ihr könnt euch bestimmt daran erinnern, wie wir Anna vor ein paar Monaten im Keller gefunden haben? Henrik, du warst einer derer, die sie daraufhin in ihr Zimmer brachten.”, sagte der Undviker mit der Krone am Haupt und der angesprochene Huskarl nickte. Der Blick der Kräuterkundigen im Hintergrund sank und Matilda warf ihr einen sehr besorgten Blick zu.

“Ja. Es ist uns bekannt, dass sie krank ist.”, gab der älteste Huskarl von sich “Doch bisher hat sie das nicht bei der Arbeit eingeschränkt, Hjaldrist. Sie kam ihrer Verfassung wegen kein zweites Mal zu spät und beweist sich sogar vor den Toren. Niemand geht dort sonst freiwillig raus. Sie ist ein sehr wertvolles Mitglied der Garde.”

“Ja, ich weiß. Du musst sie nicht in Schutz nehmen, mein Freund.”, gab der Jarl gleich seufzend zurück “Und darum geht es auch nicht. Also nicht direkt. Anna hat ihre Krankheit gut im Griff, nur manchmal und besonders dann, wenn sie wegen ihr nicht schlafen kann, wird sie zunehmend verwirrt.”

“Huch…?”, machte Bjalka verdattert und ihr Ausdruck wurde mitleidig. Hjaldrist linste zu Anna hin und hoffte, dass sie just mitspielen würde. Denn obwohl er hier gerade nicht direkt log, streckte er die Wahrheit ein wenig. Er wollte seine Freundin dadurch davor schützen als gefährliche Besessene zu gelten. Denn wäre dies ans Licht gekommen, hätte keine der anderen Leibwachen je wieder mit ihr arbeiten wollen. Niemand mochte Paktierer. Und Menschen, die auf Skellige als Freunde von Dämonen galten, wurden entweder verbannt oder hingerichtet. Ersteres wäre auf Undvik genauso viel wert, wie zweiteres.

“Das… das ist wahr.”, sagte die anwesende Alchemistin jetzt und ihrem Kumpel wollte ein Stein vom Herzen fallen “Ich nehme jeden Morgen Medizin, die nachts langsam nachlässt. Und… und dabei kann es passieren, dass ich, ähm-”

“Wenn sie wach wird, wird sie manchmal absolut wirr und damit ein Stückchen auch eine Gefahr für sich selbst. Es geschieht nicht oft, doch es passiert.”, ergänzte der Mann im grünen Rock und die drei anderen Skelliger sahen ihn äußerst unschlüssig an.

“Eine Gefahr?”, fragte Henrik gleich argwöhnisch nach, doch sein Vorgesetzter winkte besänftigend ab.

“Anna geht dann spazieren und vergisst wo sie ist. So, wie manche sehr alten Leute.”, log er und Bjalka, Darion, Matilda und Henrik schienen allmählich zu verstehen. Sie sahen einander an und wirkten betroffen.

“Oh… das wussten wir nicht.”, machte Darion langsam und äugte mitleidig zu der Nordländerin in der Runde hin. Jene wiederum, zuckte ohnmächtig die Achseln.

“Und ich will nicht, dass sie irgendwann in ihrem Nachthemd vor die Tore geht, weil sie nicht weiß, wo sie hingehört, und dort von wilden Tieren oder Monstern attackiert wird. Darum will ich, dass jemand zu später Stunde ein Auge auf sie hat.”, wünschte sich der Jarl “Irgendjemand wird also ab heute jede Nacht im oberen Stockwerk des Westflügels stehen und mir Bescheid geben, sollte Anna ihr Zimmer nachts verlassen.”

Henrik nickte sogleich und stellte keine weiteren Fragen.

“Kein Problem.”, sagte er “Aber… es erscheint mir auch als übertrieben DICH in diesem Fall zu wecken. Können wir uns nicht um sie kümmern?”

Hjaldrist hatte die abwartende Anna noch immer im Augenwinkel und bemerkte, wie sie sich leicht anspannte. Sie war die ganze Zeit über schon merklich nervös. Doch das machte nichts. Welcher Gardist wäre nicht aufgebracht gewesen, wenn man seinen vermeintlich dementen Geisteszustand vor seinen Kollegen breittrat?

“Nein, könnt ihr nicht.”, sagte Hjaldrist sogleich bestimmend “Ich weiß, wie man in diesen Momenten mit ihr umzugehen hat und auch, welche ihrer Tränke ein wenig helfen. Ihre Gesundheit ist sehr wichtig. Also will ich, dass man umgehend zu mir kommt, sollte sie nachts herumwandern wollen. Verstanden?”

Henrik nickte abermals und sicherlich erinnerte er sich dabei daran, wie Hjaldrist vor einiger Zeit, als er verwundet zu Hause gelegen hatte, jeden Tag vorbeigekommen war, um nach ihm zu sehen. Fír, dieses seltsame Waldwesen, hatte den alten Huskarl damals böse erwischt und der Jarl hatte dafür Sorge getragen, dass man sich bestmöglichst um ihn kümmerte. Und genau aus diesem Grund wirkte es auch nicht verdächtig, wenn der Jarl darauf bestand höchstpersönlich geweckt zu werden, sobald seine bekannterweise beste und auch kränkelnde Freundin des nachts verloren umherspazierte.

“In Ordnung.”, sagte Henrik also “Ich arbeite an den Dienstplänen und lege sie dir morgen vor. Heute Nacht steht Bjalka im Westflügel. Danach sehen wir weiter, wie wir die Schichten untereinander aufteilen, bis es Anna wieder besser geht. Vielleicht brauchen wir einen Mann mehr für die Nachtwachen, aber nachdem wir nun Thure an Bord haben, dürfte das kein Problem sein.”

“Aye.”, machte die Frau mit der Zahnlücke gleich entschlossen und schenkte der Novigraderin im Raum ein nettes Lächeln “Alles für unsere Kumpanin hier! Wir Hauswachen halten zusammen, bei Freya, das haben wir geschworen.”

Anna sah auf diese Aussage hin erst etwas baff zu Bjalka, dann irritiert zu Hjaldrist. Und letzterer warf ihr bloß einen zuversichtlichen Blick zu und nickte schwach. Seine Leute waren großartig und einmal wieder bewies sich das hier.

“Ähm…”, machte die positiv überraschte Monsterkundige, die sich immer schwer damit getan hatte sich in Gruppen zu integrieren, und ihre Augen suchten ihre herzliche Kollegin erneut “Danke.”

“Was Bjalka sagt. Und… falls es sonst nichts mehr gibt, würden wir gehen.”, meinte Henrik nun und Hjaldrist nickte.

“Anna, bleib bitte noch kurz.”, bat letzterer jedoch noch, bevor er die anderen Vier mit einem anerkennenden Nicken verabschiedete. Der breite Hauptmann der Hauswache tätschelte der viel kleineren Ausländerin im Vorbeigehen noch die Schulter und dies so fest, dass Anna laut ächzen musste. Dann waren er, Darion, Bjalka und Matilda fort. Nurmehr die zwei ehemaligen Abenteurer blieben. Hjaldrist, nach wie vor mit locker verschränkten Armen an seinen Tisch gelehnt, betrachtete Anna einen Moment lange.

“Ja…?”, fragte die Frau im roten Kleid aus dem Caed Myrkvid unsicher “Was ist noch?”

“Entschuldige das alles.”, sagte der Jarl dann aufrichtig, denn er hatte den ganzen Tag lange den Drang danach gehabt das hier zu tun “Verstehst du meine Intentionen, Anna?”

Sie wirkte perplex.

“Ich-...”, begann sie und schluckte trocken “Ja. Du willst eben nicht, dass ich-... nein, Silven noch einmal irgendein Unglück lostritt. Das verstehe ich gut, denn ich möchte das auch nicht.”

“Richtig…”, bestätigte der ältere Undviker dies “Und gleichzeitig fühle ich mich schlecht, weil ich dich quasi einsperren muss. Ich will, dass du das weißt. Ich bin dein Freund, vergiss das niemals.”

“Danke, Rist. Aber… also, falls du glaubst, dass ich dich als den Bösen sehe, liegst du falsch…”, fing Anna zögerlich an und ihre eigenartigen Augen suchten einen wahllosen Punkt am Tisch neben dem Inselbewohner “Ich… ich war dir heute Morgen irgendwie böse, ja… aber im Endeffekt war das Blödsinn. Ich kann froh sein, dass du mich nicht in den Kerker wirfst.”

“In den Kerker?”, fragte Hjaldrist empört und ließ die Arme gleich sinken “Mörhogg, nein. Eher würde ich dich bei mir einquartieren und dir Nyra’s Kette permanent drohend vor die Nase halten. Was denkst du denn?”

Daraufhin murmelte die Schwertkämpferin etwas vor sich hin, das sich nach einer Art Zustimmung anhörte.

“Was?”, machte der Skelliger irritiert.

“Nichts.”, redete sich Anna gleich heraus. Dann lächelte sie schwach vor sich hin. So oder so war es erstaunlich, wie gelassen sie gerade wirkte. Etwas traurig, ja, doch leger. Es war trügerisch. Wie eine Ruhe vor dem Sturm. Vielleicht würde sie heute Nacht ja noch ihren Rucksack packen und durch ihr Zimmerfenster verschwinden. Meer unter den Klippen hin oder her, diese Frau war im Fliehen so gut, wie niemand sonst auf dieser Welt. Eine Festung war kein Hindernis für sie.

“Und… wie wollen wir weitermachen?”, fragte die jungenhafte Nordländerin noch, als sie wieder Blickkontakt suchte “Wir haben bisher von keinem der anderen gehört. Vadim ist keine Option mehr. Ich will dieses Arschloch nie wieder sehen. Auch die Greifen haben sich nicht gerührt und gerade, da fühle ich mich, als kämen wir nicht voran. Im Gegenteil. Irgendwie… irgendwie geht alles den Bach runter. Und seit heute Nacht fühle ich mich echt sehr unwohl, Rist. Also noch mehr, als sonst.”

Hjaldrist versuchte nicht überfordert zu blinzeln, als Anna aussprach, was er sich heute Morgen erst gedacht hatte. Doch auf der anderen Seite war es doch offensichtlich, dass es ihm nicht viel anders ging als ihr. Er gab einen nachdenklichen Laut von sich und rieb sich das Kinn gedankenvoll. Der Mann holte Luft um ein Thema anzuschneiden, über das er in den vergangenen Tagen des Öfteren nachgedacht hatte. Und jetzt, da erschien ihm die Zeit dafür günstig.

“Wir verreisen ein wenig. Ich würde gerne einmal nach Cidaris. Einer der Skrugga ist zurzeit dort und schrieb mir, dass ein sehr einflussreicher Mann Interesse an Beziehungen zu Skellige hätte.”, sagte er langsam und Anna wurde hellhörig “Seeluft täte uns beiden zudem gut und du brauchst, schätze ich, auch einmal wieder eine Auszeit von Undvik, hm?”

Anna runzelte die Stirn skeptisch.

“Du willst wieder weg? Bist du dir sicher? Du hast bald Geburtstag.”, entkam es ihr.

“Ja, ich bin mir sicher. Pavetta wird mich vertreten und Mutter meinte, sie schaue ihr dabei etwas auf die Finger.”, erklärte der Jarl beschwichtigend “Um ehrlich zu sein fragte mich meine Schwester schon das letzte Mal ganz aufgeregt, ob sie sich um die Briefe und die Leute der Stadt kümmern dürfte. Also soll sie eine Gelegenheit dafür bekommen. Und auch, wenn ich der Jarl bin, kann ich meinen Geburtstag anderswo feiern.”

Die seit Wochen schon hübsch zurechtgemachte Alchemistin musterte ihren Freund zweiflerisch, doch er beharrte darauf den jämmerlichen Moment endlich etwas aufzulockern und Anna wieder zum Lachen zu bringen. Tatsächlich war es auch in Ordnung, wenn er auf Reisen ging, solange ihn ein kompetentes Familienmitglied vertrat. Er war nicht der einzige Jarl, der ab und an fort musste; wenngleich er dabei noch nie andere Clans oder Handelspartner besucht hatte, so, wie es andere Anführer handhabten. Er war bisher stets nur den Problemen seiner besten Freundin nachgejagt. Asche auf sein Haupt.

“Und Merle fragte übrigens, ob sie dich während unserer nächsten Reise vertreten darf.”, grinste er in seiner Mission wieder für etwas bessere Laune zu sorgen “Bestimmt kommt sie deswegen nochmal auf dich zu...”

“Oh je…”, stöhnte Anna jetzt tief, konnte es sich aber tatsächlich nicht verkneifen zu schmunzeln “Naja… sie könnte ja eine Teeküche eröffnen und die Ratten aus dem Keller vertreiben. Ahti, der Göttling, hilft ihr bestimmt gern dabei.”

Hjaldrist lachte leise, als er daran dachte, wie seine kleine Schwester und ein kleines Ungeheuer kampfschreiend durch die Vorratskammer liefen, um dort gegen gefräßige Nager zu schlagen. Und wie Merle einem jeden in der Festung irgendeinen scheißbitteren Absud aus Kamille, Salbei und Sepia-Tinte andrehen wollte, weil ihre Mentorin hinterhältig grinsend gesagt habe, dass der ja ‘für und gegen alles gut’ sei. Oh Mann. Hjaldrist fragte sich ja, ob Anna früher auch einmal so gewesen war, wie die jüngste Falchraite. Wahrscheinlich.

Kommentare zu Kapitel 142

Kommentare: 0