Kapitel 143 (Buch 5, 20)

bremervoord

Keine fünf Tage nach ihrem Gespräch darüber, dass eine kurze Auszeit von Undvik schön wäre, waren Anna und Hjaldrist tatsächlich auf hoher See. Letzterer hatte seine ganze Mannschaft zusammengetrommelt und dieses Mal nicht nur einen Huskarl mitgenommen. Neben Anna, waren auch Matilda und Thure, der Rekrut der Garde, mit dabei. Und so sehr sich die einzige Ausländerin im Bunde darüber freute, denn sie hatte zumindest Matilda sehr gern, so machte sie die Anwesenheit der beiden anderen Leibwächter nervös. Denn was, wenn wieder irgendetwas Schlimmes passierte? Was, wenn Silven herauskam und sie Wind davon bekämen, dass mit Anna irgendetwas gravierendes nicht stimmte? Nach dem letzten, angeblich unglaublich imposanten Auftritt des Scheißmagiers an Bord, hatte man Anna große, magische Fähigkeiten zugesprochen. Als der Wahnsinnige in ihr an Deck schwappende Wellen zu Eis gemacht und buchstäblich ein ganzes Rudel von Ekhidnas zerlegt hatte, hatte man Anna dafür gedankt. Man hatte geglaubt, SIE habe gezaubert und betrachtete sie seither als machtvolle, fähige Hexerin. Gleichzeitig schätzte man sie hoch, weil sie sonst ‘nicht mit ihren Kräften prahlte und jene nur in Notlagen benutze’. Das sei bodenständig und zeige, dass sie gut nach Skellige passte. Oh, Melitele, wenn die Leute nur wüssten…

Anna war bisher also gut davongekommen. Nur was, wenn Silven beim nächsten Mal direkter zu erkennen wäre? Was, wenn es sich ganz offen herausstellen würde, dass die Novigraderin besessen war? Ja, was dann? Sie wäre ihren Platz in der Garde damit los, denn Matilda würde Henrik niemals belügen und daher gegen Anna sprechen müssen. Vielleicht… vielleicht müsste sie Undvik darauf sogar verlassen. Und das wollte sie nicht. Sie hatte Angst. Anna verfluchte die arkane Narbe, die man ihr tief in die Brust geschnitten hatte. Sie hasste ihre eigenartig schwarzen Augen und ihre Hände, die gerade so sehr zitterten. Die Frau saß just unter Deck und an ihrem gewöhnlichen Platz auf der Seeschlange. Hjaldrist hatte sich das Boot seines Bruders einmal wieder ausgeliehen und eben jener war daher zu allem Überfluss auch noch mitgekommen. Ja, ‘zu allem Überfluss’. Noch immer konnte dieser Kerl Anna nicht ausstehen und es war daher beklemmend ihn mit an Bord zu haben.

Anna fummelte sich an den Fingernägeln herum, als sie in ihrer Ecke im Lagerraum saß. Das kleine Zimmerchen, in dem sie und Aldoran bei ihrer ersten Reise auf diesem Schiff geschlafen hatten, hatte sie diesmal Thure und Matilda überlassen. Zwei Leute passten dort hinein, aber nicht drei. Und die Alchemistin aus Novigrad bemühte sich unter ihren Kollegen doch stets darum nicht als jemand aufzufallen, der vom Jarl bevorzugt wurde. Anna wurde das nämlich und das sehr. Aber man versuchte das nicht offen raushängen zu lassen. Demnach schlief die Kurzhaarige auf dieser Reise mit der restlichen Mannschaft im Lagerraum. Viele der Männer und Frauen hatten sich hier Hängematten aufgehängt. Anna aber, hatte sich nur ein paar Felle und einen Schlafsack in die hinterste Ecke des weitläufigen Raumes geworfen. Und dort saß sie nun, mit dem Rücken an die Wand gelehnt und unruhig. Sie hatte momentan viel zu viel Zeit und das war ein Problem. Denn wenn dem so war, dachte sie zu innig nach. Und gerade hatte sie nur eines im Sinn: Was, wenn Silven käme und sie aufflöge? Das durfte nicht geschehen. Doch sie hatte auch keine Macht darüber. Es war zum Haareraufen. Was sollte sie bloß tun?

“Hey Arianna…”, die Giftmischerin erschrak fast, als sie angesprochen wurde. Thure stand vor ihr und hatte eine Schüssel dabei. Anna stieg der Geruch nach Kartoffeleintopf mit Wurst in die Nase. Den gab es, seit Haldorn in seinem ‘Kartoffelwahn’ gewesen war, oft.

“Äh… hey.”, entkam es der Sitzenden schleppend und sie äugte kurz in die Richtung des Essgeschirrs in der Hand ihres Kameraden mit den kurzen, schwarzen Haaren und dem gepflegten Bart. Er lächelte wohlwollend.

“Du warst vorhin nicht da, als wir gegessen haben.”, sagte er “Da dachte ich mir, ich bring dir was.”

Anna sah wieder von der Holzschüssel auf. Sie hatte keinen Hunger. Den hatte sie in letzter Zeit auffallend selten und sie wusste nicht warum. War dem seit Kaer Iwahell so?

“Oh.”, machte sie unschlüssig.

“Hier.”, der etwa Gleichaltrige mit dem Schulterplaid in den Farben der Falchraites reichte ihr den Eintopf hin, den er mitgebracht hatte. Ein Löffel folgte, den Anna etwas ungeschickt entgegennahm. Sie hatte gar keine andere Wahl und sah das dampfende Essen in ihren Händen überfordert an, als sich Thure dann zu ihr gesellte. Er setzte sich neben sie und betrachtete seine Kameradin am Rande gar besorgt.

“Geht es dir nicht gut?”, wollte der Huskarl-Rekrut wissen, der vor nicht allzu langer Zeit die Tochter des Schmieds aus der brennenden Schmiede gerettet hatte. Aus der Werkstätte, die Silven in Brand gesteckt hatte.

“Matilda meinte vorhin, dass du manchmal etwas kränklich seist und man sich keinen Kopf darüber machen sollte. Der Jarl selbst sagte das angeblich einmal bei einer Besprechung. Stimmt das?”, fragte Thure bekümmert.

“Mhm.”, antwortete Anna und stellte die Holzschüssel mit der dicken Suppe vor sich am Boden ab “Ich… ähm, bekomme schnell eine Erkältung und Fieber. Aber ist schon in Ordnung. Ich habe immer Medizin dabei.”

Es war eine ziemliche Halbwahrheit. Aber nun ja, es stimmte eben auch, dass die Nordländerin anfing Blut zu husten und erhöhte Temperatur bekam, wenn sie auf Schwalbe vergaß. Die Gifte, die Silven ihr einst verabreicht hatte, wirkten noch immer arg nach und sie konnte dankbar darüber sein überhaupt noch zu leben. Zwar bekam Lado’s Gebräu ihr auch nicht sehr gut, aber zumindest half der scheußliche Absud irgendwo. Nicht ihrem Magen, aber dafür dem Rest ihres labilen Körpers. Oh Mann.

“Du Arme.”, seufzte Thure und kräuselte die Brauen “Aber du musst dich nicht zurückziehen, wenn es dir schlecht geht. Wir Huskarle sind füreinander da, das haben wir geschworen. Du kannst also jederzeit zu mir oder Matilda kommen.”

Anna lachte leise und abfällig-amüsiert. Sie meinte es nicht böse.

“Da ist aber jemand noch sehr ehrgeizig, hm?”, meinte sie. Thure verstummte ob dem und blinzelte betreten. Er hatte seinen Eid erst vor Kurzem abgelegt und seine Kollegin hatte den Nagel wohl auf den Kopf getroffen, wenn es darum ging, dass er sich noch so richtig arg bemühte. Musste er auch. Anderweitig würde man ihn nie aus dem Rekrutenstand heraus erheben. Normalerweise dauerte die strenge Ausbildung zum Huskarl ein ganzes Jahr. In eben jenem musste man sich als neuer Teil der Garde beweisen. Tat man das nicht, wurde entschieden, ob man noch ein weiteres Jahr bleiben durfte oder besser zur Stadtwache gehen sollte.

“Naja…”, hüstelte der Mann mit der Anstecknadel der Leibwache am Kragen, die eine Schlange zeigte, die sich um ein Schwert wandte.

“Das war kein Vorwurf… nur ne Feststellung. Und danke jedenfalls, aber ich komme schon zurecht.”, erklärte sich Anna und sofort wirkte der Kerl bei ihr wieder etwas lockerer. Er kratzte sich nervös lächelnd im Nacken. So, wie er seine Kumpanin schon die ganze Zeit über ansah, musste er eine ziemliche Hochachtung vor ihr haben. Oder Ehrfurcht. Warum? Sie waren doch Kollegen.

“Na dann.”, sagte Thure zögerlich. Und dann schwiegen sie eine Weile, weil der Mann nicht wusste was sagen und Anna einfach nicht von der gesprächigen Sorte Mensch war. Sie aß ein paar Bissen und ihr Kamerad holte irgendwann doch wieder Luft zum Reden. Er holte für eine Frage aus.

“Darion hat mir erzählt, dass du nie eine Rekrutin gewesen bist.”, warf der Schwarzhaarige ein und die kauende Anna, die die halbleere Eintopfschüssel gerade wieder von sich schob, sah auf “Er hat gesagt, dass du sofort zum vollwertigen Huskarl wurdest, nachdem der Jarl dich mit nach Undvik brachte.”

Die Giftmischerin mit dem vollen Mund sah Thure stumm an. Worauf wollte er nun wohl hinaus? Auweia.

“Nur richtige Helden werden das.”, plapperte der Bärtige weiter “Nicht Leute, die einfach nur wen aus einem brennenden Haus holten. Sondern welche, die Undvik vor richtigen Katastrophen retteten. Die, über die man am Ende Geschichten schreibt und Lieder singt.”

Anna verschluckte sich fast an ihrem letzten Bissen Kartoffeleintopf. Sie wich dem Blick des Mannes aus, der sie soeben offenkundig anhimmelte und nuschelte irgendwas von ‘Tja, keine Ahnung’. Thure musste ob dieser Entgegnung auflachen.

 

Der Rekrut blieb auch die nächste Zeit über eher anhänglich. Bis nach Bremervoord, einer Stadt am Meer in Cidaris, hing er immer wieder an Anna und wollte von ihr irgendwelche reißerischen Geschichten aus ihrer Vergangenheit hören. Er fragte sie, ob sie einmal gemeinsam trainieren sollten und sie willigte ein. Er kündigte an sie und Matilda einmal auf ein, zwei Bier einladen zu wollen und sie nickte. Doch an dem Punkt angekommen, an dem er die irritierte Novigraderin dazu anhielt zusammen essen zu gehen und das nur zu zweit, hielt Anna skeptisch inne. Sie war, nach ihrer Reise zu Boot, vor etwa einer halben Stunde aufs Festland getreten und während Hjaldrist noch dabei war mit der Mannschaft zu sprechen und Anweisungen für die kommende Woche zu geben, stand Thure just nervös vor Anna und wartete auf eine Antwort.

“...Keine Zeit.”, entkam es ihr nach einer langen Denkpause und sie sah, wie sich Enttäuschung in dem Krieger vor ihr breitmachte. Wäre er nicht Anna’s Kollege gewesen, wäre sie vermutlich recht rüde geworden, um ihn verbal von sich zu drängen. Aber Thure gehörte nun mal zu den Huskarlen. Und bisher war er Anna eigentlich immer sympathisch gewesen. Ja, bisher. Denn gerade wusste sie nicht was sie von ihm halten sollte. Die Trankmischerin war nicht dumm. Vielleicht war sie in puncto Gefühlsduselei ja etwas plump, aber mittlerweile verstand sie sehr gut, was es bedeutete, wenn einem ein Kerl andauernd nette Dinge sagte und einem permanent nachlief. Und Thure war dahingehend nicht so schwer zu lesen, kumpelhaft und übervorsichtig, wie Hjaldrist es einst gewesen war. Anna hatte daher schon geahnt, dass der Rekrut sie für ihren Geschmack zu gerne hatte. Vorgestern hatte er sie schließlich ganz unruhig gefragt, ob sie denn für irgendjemanden schwärme. Sofort hatte Anna dies verneint, um sich in keinster Weise verdächtig zu machen. Und sie hatte sich auf die Zunge gebissen, als Rist im selben Zuge keine drei Meter weit entfernt gestanden und mit Sigbjørn gesprochen hatte. Anna hatte versucht ihn nicht aus den Augenwinkeln anzustarren und sich unberührt gegeben. Ein Fehler. Denn wahrscheinlich machte sich Thure nun genau deswegen Hoffnungen. Verdammt. Anna hätte erwähnen sollen, dass sie jemanden im Sinn hatte, den sie gern an ihrer Seite hätte, anstatt den Kopf zu schütteln. Oder sie hätte lügen können und sagen, dass sie ausschließlich auf Frauen stünde. Hatte sie aber nicht, sie Närrin. Und genau deswegen stand nun ein hoffnungsvoller Gardist vor ihr, der verlegen mit den Schultern zuckte.

“Dann halt ein andern Mal.”, meinte er und tat so, als fände er es nicht unsagbar schade die schweigende Anna heute Abend nicht für sich zu haben. Uh, Götter. Sie atmete tief aus und wandte sich dann schon ab.

“Mh. Bis später…”, murmelte sie dabei und Thure erhob eine Hand im flüchtigen Gruß. In genau dem Moment kam Rist von der Seeschlange spaziert, wandte sich im Gehen noch einmal zu dem Schiff um und beäugte, wie die Mannschaft das riesige Segel einholte. In dem Moment lief er rücklings in die nervöse Anna. Götter sei Dank.

Der wirre Jarl zuckte zusammen und sah sich gleich nach derjenigen um, in die er gerannt war. Und die Nordländerin, die quasi vor Thure geflohen war, glaubte, ihr fiele in Stein vom Herzen.

“Rist!”, machte sie und lächelte nervös. Sie hatte das Unbehagen über das Gespräch mit ihrem Arbeitskollegen noch immer nicht ganz abgestreift. Hjaldrist hob die Brauen.

“Ja, das bin ich. Und entschuldige.”, meinte er schlicht, weil er seine Freundin beinahe rücklings umgerannt hatte. Der leichte Wind wehte den Geruch nach Salzwasser und Algen über die Docks und irgendwo flatterte ein schweres Banner in der Brise. Bald käme wohl die Sonne durch.

“Äh, schon gut.”, plapperte Anna sofort weiter und es war, als suche sie Schutz vor einem Verfolger. Dabei stellte Thure ihr doch gar nicht nach.

“Gehen wir nachher was essen? Allein?”, fragte sie Hjaldrist.

“Hm?”, machte der Schönling positiv überrumpelt “Klar. Mir hängt der Magen eh schon in den Kniekehlen. Und ich habe keine Lust auf ein Abklappern der ganzen Tavernen der Stadt, um mich mit den anderen ins Delirium zu saufen. Sigbjørn hat dies nämlich vor und wollte mich und meinen Bruder einladen.”

Wehleidig seufzte der Clananführer und rollte leicht mit den braunen Augen.

“Dann hauen wir doch einfach ab! Prima!”, freute sich Anna, die Thure und auch Haldorn heute gern aus dem Weg gehen wollte, so, wie Rist dem Schnaps. Was käme einem da also gelegener, als sich mit dem besten Freund in aller Ruhe eine gemütliche Gaststube zu suchen?

“Wir können in ein paar Momenten los.”, sagte der Jarl noch locker “Der Skrugga, der mir schrieb und von dem Adeligen berichtete, der Kontakt zu uns haben möchte, kommt erst nach der Dämmerung hierher, um uns ins Bild zu setzen. Bis dahin haben wir viel Zeit.”

 

Bremervoord war eine richtig schöne Stadt und eine, die Anna sogar bekannt war. Das nicht, weil sie schon einmal hier gewesen war, sondern weil sie in Geschichten davon gehört hatte. Als sie vor einem Jahr und nach ihrer Flucht von Undvik die Jaruga gen Osten entlang gereist war, hatte sie in einer alten Kaschemme Männer reden gehört. Es war an dem Abend gewesen, an dem sie Kasia kennengelernt und sich haltlos mit der Bardin betrunken hatte. Die Kerle hatten über die Geschichte des Mannes gesprochen, der in Bremervoord herrschte. Und eben jene war ihr noch gut im Gedächtnis, denn sie fand sie damals schon spannend.

“Der Herzog dieser Stadt soll mit einer Meerjungfrau verheiratet sein.”, erwähnte Anna begeistert, als sie neben Rist dahin spazierte. Sie hatte die Hände in den tiefen Taschen stecken und ihr Freund war derweil DER Blickfang für alle Zivilisten ringsumher. Er trug seine schmale Krone nämlich noch. Und er täte das auch weiterhin, denn seine Leute waren in der Stadt. VIELE von ihnen, an die siebzig. Im Grunde arbeitete er also gerade, denn ein Jarl auf Reisen, der gleichzeitig eine Mannschaft, Wachen und Skrugga dabeihatte, machte keine Pause. Genauso wenig wie ein Huskarl, der ihn stetig zu begleiten hatte. Sein Glück, dass eben jene Gardistin seine engste Kumpanin aus dem Norden war. So konnte er wenigstens Blödsinn reden und musste nicht professionell sein.

“Mit einer Meerjungfrau?”, lachte der besagte Mann, der sich mit Anna gemächlich auf den Weg gemacht hatte, um eine gute und gleichzeitig etwas versteckte Taverne zu finden.

“Ja… die Namen des Herzogs und dieser Tante sind mir entfallen. Also nennen wir sie einfach mal… ähm… Hans und Klaudia.”, schlug die erfinderische Giftmischerin vor und wieder hörte man den Jarl glucksen. Doch er schwieg jetzt und hörte bloß gespannt zu.

“Man sagt sich, Hans war einmal am Meer spazieren. Und dort, am Strand von Bremervoord, traf er Klaudia, eine Meeresfrau mit grünlicher Flosse und lockigen, blonden Haaren, in denen Muschelspangen steckten.”, fing Anna an und erzählte damit nach, was sie damals, in der finsteren Absteige voller Fisstech-Verkäufer, Spieler und Huren gehört hatte “Klaudia war so hübsch, dass Hans sich sofort in sie verliebte. Die Meerjungfrau erwiderte diese Gefühle aber nicht. Sie war nicht dazu bereit ihre Flosse aufzugeben, um Beine zu bekommen und an Land zu ziehen. Also sprang sie zurück ins Meer und ward nie wieder gesehen.”

“Äh… aha.”, machte Rist wenig beeindruckt, doch Anna brummte.

“Ich bin noch nicht fertig.”, machte sie “Also: Die Perlentaucher von Bremervoord - die es heute übrigens noch geben soll - wurden zu der Zeit oft bestohlen und manche von ihnen sogar getötet. Es war mysteriös und man fand lange keine Schuldigen dafür. Die seltsamen Morde und Funde von Leichen am Strand häuften sich und angeblich waren sogar Hexer in den Fall involviert, um herauszufinden, was los war. Einer von ihnen fand die Ursache schließlich: Klaudia war nicht die einzige Meerjungfrau vorm Hafen. Neben ihr tummelte sich dort ein ganzes Unterwasser-Volk, das es auf die großen Perlen abgesehen hatte. Also stahlen diese Wesen der See die kostbaren Steine und töteten die Menschen, die ihnen dabei in die Quere kamen. Denn sie sahen die kostbaren Perlen als ihr persönliches Privileg und verbanden damit irgendwas Religiöses, glaube ich.”

Hjaldrist runzelte die Stirn, als er nun zu Anna sah. Und er mutete gespannt an. Er hatte Geschichten schon immer gemocht und offenbar war er jetzt ganz Ohr für die Erzählung seiner Gefährtin.

“Und dann?”, wollte er wissen.

“Ein Krieg brach aus.”, erklärte die Monsterkundige weiter “Zwischen den Menschen und den Ungeheuern des Meeres. Klaudia, die es natürlich auch noch gab, sah das und es gefiel ihr nicht. Denn anders, als viele ihrer Leute, war sie sehr sanftmütig und mochte die Menschen. Also kam sie zurück an den Strand. Und sie entsagte ihrer Flosse, um zu Hans zu gehen und ihn zu heiraten, auf dass die Meereswesen und die Menschen Frieden schließen. Hans ging darauf ein, denn noch immer hegte er Gefühle für sie. Und seither hausen die beiden in der Burg von Bremervoord.”

Hjaldrist hob die Brauen. Und er gab einen verblüfften Ton von sich, als er sich nach der hohen Festung umsah, die sich inmitten der Stadt auf einem kleinen Hügel erhob. Vom Wind gebauschte, blaue Banner mit weißen Muscheln darauf zierten jene. Dieses Wappen erinnerte wohl an die weltberühmten Perlentaucher der Stadt.

“Glaubst du daran?”, fragte der Jarl “Ich meine an dieses Märchen.”

“Hmm…”, Anna kratzte sich am Kinn und zuckte die Achseln “Ich weiß nicht. Es wäre jedenfalls das erste Mal, dass ich davon höre, dass eine sogenannte Meerjungfrau an Land kommt, um einen Typen zu heiraten. Aber ich mag die Geschichte. Genauso, wie die von der Seehundfrau, die du mir letztens erzählt hast.”

Rist grinste leicht.

“Wir könnten ja mal nachsehen.”, schlug er nach einem kurzen, bedächtigen Grübeln vor.

“Wie?”, murrte Anna verwirrt. Der Skelliger tippte sich als Antwort bedeutungsvoll gegen die Krone und erst jetzt verstand seine Weggefährtin. Ihre Miene lichtete sich.

“Wenn ich schon mal hier bin, könnte ich ja sehen, ob ich eine Audienz beim verehrten Herzog ‘Hans’ bekomme.”, griente er schelmisch und Anna wurde ganz aufgeregt vor stupider Abenteuerlust. Sie musste wölfisch lachen.

“Au, DAS wäre was.”, fand sie und wollte sich die behandschuhten Hände reiben.

“Es ist sicher kein Problem. Den Fürstentitel habe auch ich inne und wenn ich ein bisschen schlau palavere, dann serviert man uns sicherlich sogar Essen.”, meinte Rist vorfreudig “Und das ist bei irgendwelchen Empfängen immer großartig. Ich wette, hier gibt es guten Fisch.”

“Ha. Na, dann waltet mal Eures Amtes, Eure Durchlaucht. Ich will ne Meerjungfrau sehen.”, schnaufte Anna bewusst klotzig und Hjaldrist verdrehte die Augen grinsend darüber. Es war schön zu scherzen. In letzter Zeit war es nicht so oft vorgekommen, dass die beiden Freunde das miteinander getan hatten. Anna fühlte sich regelrecht beschwingt und das zum ersten Mal seit langer Zeit. Es war eine gute Idee gewesen hierher zu kommen.

Oder jedenfalls dachte sie das noch einen Moment lange, bis ihr die bunte Bühne am Marktplatz auffiel, den sie soeben betraten. Denn jene kam ihr bekannt vor. Der Mann, der auf eben jener stand, die Rolle eines Drachen spielte und dabei eine ‘Prinzessin’ festhielt, genauso.

Anna blieb stehen und stockte. Und Rist tat es ihr gleich, denn er hatte die Schauspieler soeben auch erblickt.

“Das…”, murmelte er “Das sind doch Albion und Honigstimme.”

Die schwarzhaarige Gardistin machte den Hals lang, um zu spähen, und erkannte weitere bekannte Gesichter am Rande der kleinen Bühne: Linda und Mia. Die beiden Schwestern aus Novigrad; die Eine eine normale Frau, die andere eine Elfe und Oneiromantin. Eine Träumerin, die es einmal auf Hjaldrist abgesehen gehabt hatte. Anna machte die Augen skeptisch schmal. Und auch ihr älterer Begleiter zögerte merklich. Hjaldrist war nicht unbedingt versiert, wenn es um Frauen ging, die ihm schöne Augen machten. Er war einfach zu schüchtern dafür. Jedenfalls wenn er sich selbst als denjenigen sah, der in Sachen Erfahrung unterlag. Bestimmt ging es ihm also auch mit dem Gedanken an eine Magierin nicht so gut, die einst in seinen Traum gekommen war, um zum dreisten Versuch anzusetzen ihn dort flachzulegen. Und das in der Gestalt seiner besten Freundin, die er zu dieser Zeit noch geliebt hatte. Anna’s Blick sank weit bei dem Gedanken. Der Mann neben ihr gab solange einen nachdenklichen Laut von sich und warf Anna einen Seitenblick zu.

“Gehen wir essen.”, machte er und mutete dabei leicht verzwickt an. War ihm nicht zu verdenken. Seine Gefährtin nickte schnell. Und zusammen machten sie, zwischen unzähligen Zuschauern des Spektakels weiter vorn, einen Bogen um den farbenfrohen Wanderzirkus, mit dem sie vor Jahren zusammen gereist waren. Vorerst.

 

Erst bei Dunkelheit und nach einem ordentlichen Abendessen kamen Anna und Hjaldrist zur Seeschlange zurück, die ruhig im Hafen lag. Viele Mitglieder der Mannschaft waren fort, um zu trinken und sich ihres Landganges zu erfreuen. Nur Matilda, Thure und drei, vier müde Männer von Sigbjørn lungerten gerade unter Deck herum, als der Jarl und seine Kumpanin wiederkehrten. Anna ließ den Blick kurz forschend schweifen, als sie in den Fracht- und Schlafraum trat. Rist hielt bereits froh auf einen fremden Mann zu der sich zu den Huskarlen an Bord gesellt hatte. Die aufmerksame Giftmischerin kannte jenen nicht, doch wahrscheinlich war er der Skrugga, den man erwartet hatte. Der Unbekannte, der sehr, sehr unscheinbar aussah, erhob sich sofort, als er seinen Clananführer erkannte und er lächelte breit.

“Hjaldrist!”, entkam es dem Kerl, der nicht unbedingt nach Skelliger aussah. Er mutete an wie jemand, der hier lebte. Er hatte halblanges, braunes Haar, war glattrasiert und trug schlichte Kleidung aus der Gegend. Hätte Anna nicht gewusst, dass er ein Jarlsschatten war, hätte sie ihn gefragt, was er hier am Schiff suche und ihn dann hochkantig rausgeworfen.

“Micha!”, begrüßte Rist den etwa gleichaltrigen Mann lächelnd und ließ sich von jenem fest drücken, als seien sie beide befreundet “Lang nicht mehr gesehen!”

“Das kannst du aber laut sagen!”, lachte der sehnige Skrugga und ließ den etwas kleineren Jarl wieder los, um ihn aufgeregt anzusehen. Er klopfte ihm kameradschaftlich die Schulter.

“Wie lange ist es her? Zehn Jahre?”, fragte er.

“Kommt hin.”, grinste Rist und Anna, die nun bei der kleinen Runde hielt, beäugte Micha interessiert. Er wirkte wie ein richtig netter Kerl. Wie einer dieser Sonnenschein-Menschen, denen man es nicht zutraute jemals grantig sein zu können.

“Ich dachte, ich spinne, als ich damals die Nachricht davon erhielt, dass ich für dich arbeiten soll. Wir glaubten nach deinem Verschwinden, du seist tot... und plötzlich standest du wieder auf der Matte.”, plapperte der sympathische Skrugga. Matilda zeigte sich von dessen überschwänglichen Gehabe nicht überrascht und Thure und die anderen waren dabei Karten zu spielen. Nur die anwesende Novigraderin schien neugierig zu sein, wenn es um den strahlenden Micha ging.

“Das hier ist Anna.”, erwähnte Hjaldrist und die Genannte, in deren Richtung er dabei deutete, versteifte sich ein wenig. Sie nickte schwach zum Gruß, als Micha zu ihr sah. Er lächelte freundlich und nickte ebenso.

“Freut mich.”, sagte er “Ich habe schon von dir gehört. Gut, dass du dich als Freundin von Hjaldrist und nicht als manipulative Mutantin oder Zauberin herausgestellt hast, die es auf Geld oder den Thron abgesehen hat. Die Geschichten von vor drei, vier Jahren waren… naja, beschissen.”

Die Frau blinzelte verwundert und war zu perplex, um nachzuhaken. Und Micha wandte sich gleich wieder an Hjaldrist.

“Können wir reden, Hjaldrist? In Ruhe?”, wollte der Schatten gleich wissen “Ich würde dich gerne auf den neuesten Stand bringen. Und… naja, vielleicht auch ein klein wenig über Triviales reden. Ich wette, du hast viel zu erzählen.”

Hjaldrist lachte, als er den letzten Satz hörte. Und er gab einen zustimmenden Laut von sich.

“Ich habe ein kleines Zimmerchen hier unten.”, erwähnte er, als er sich schon abwenden wollte “Komm mit.”

Kurz zögerte der Jarl, doch dann streiften seine Augen Anna in einer stummen Aufforderung. Sie verstand die Einladung sofort und es war einfach Hjaldrist mit einem kurzen Blick und einem schwachen Lächeln zu verstehen zu geben, dass sie gleich nachkäme. Und das, ohne dass jemand der anderen ganz direkt etwas davon mitbekommen würde.

 

Als Anna wenig später in die Kajüte Rist’s kam, saß jener mit seinem alten Kumpel beisammen und scherzte mit ihm. Leise schloss die Frau die Tür hinter sich und die zwei Männer blickten kurz auf. Dann redete der Skrugga schon weiter.

“Jedenfalls flog dieser Idiot mit lautem Getöse aus der Burg und ward nie wieder gesehen. Ich dachte, ich bepisse mich vor lachen.”, sagte er und Hjaldrist rollte amüsiert mit den Augen. Der Jarl saß auf seiner Bettkante herum, während Micha sich einen hölzernen Hocker herangezogen hatte. Anna bequemte sich gleich einfach auf die große Kiste, die am Bettende stand. Und ehe sie überhaupt etwas sagen konnte, beugte sich Micha vor, um ihr eine Flasche mit hübschem Etikett zu reichen. Positiv überrascht sah die Kriegerin darauf.

“Ist nicht vergiftet.”, zwinkerte der schalkhafte Braunhaarige auf dem alten Schemel. Es war ein flacher Spruch, den man von den Skrugga immer wieder einmal hörte. Man sagte es ihnen schließlich nach verdammt gefährlich und hinterhältig zu sein.

“Wäre auch kein Problem, wenn.”, schmunzelte Anna leise und diese gelassene Reaktion ließ den Schatten stutzen. Rist gluckste erheitert, doch klärte seinen Zuträger nicht darüber auf, dass seine Freundin vermutlich nicht tot umfallen würde, hätte man ihr Gift ins Getränk gemischt.

“Micha betreibt einen Weinladen in der Stadt.”, erzählte er stattdessen, um seine Freundin ins Bilde zu setzen “Am Anfang machte er mit skelliger Mjodr Geld, aber mittlerweile verkauft er auch den Fusel aus Toussaint oder dem Norden.”

“Das ist wahr.”, machte der offenbar ausgewanderte Undviker stolz “Ich kam noch unter dem Befehl von Hjaldrist’s Vater Halbjørn hierher und es gefiel mir in Bremervoord. Sehr sogar. Also warum nicht bleiben, dachte ich mir.”

“Tse.”, gluckste Rist leise “Ich glaube, dir gefiel eher ein ganz bestimmtes Mädel und nicht die Stadt selber...”

Micha lachte ertappt auf. Anna roch derweil prüfend an der ihr gereichten Weinflasche und erkannte, dass es sich dabei um süß-herben Met handelte. Sie probierte einen kleinen Schluck. Das Gesöff schmeckte vorzüglich.

“Honigwein aus Faroe.”, kommentierte der Schatten vor ihr zwinkernd “Das Zeug ist sündhaft teuer, aber für Hjaldrist ist mir nichts zu schade.”

“Schleimer.”, fand der Mann mit der Krone am Kopf gespielt vorwurfsvoll.

“Ihr seid wohl alte Freunde, was?”, glaubte Anna auf dies hin schon und gab die Flasche an Hjaldrist weiter. Mehr als ein, zwei Schlucke hatte sie nicht vor zu trinken. Denn wie war das nochmal? Als Huskarl war man auf Reisen ständig im Dienst. Und sie wollte nicht besoffen in einer Ecke enden.

“Ja. Micha und ich spielten als Kinder öfter zusammen. Das Haus seiner Familie liegt quasi neben der Festung, gleich unterhalb des Weges zum Tor und nahe der Schmiede.”, erzählte Rist gleich ganz offen “Bis Micha zu den Spionen kam, hatten wir viel miteinander zu tun, nur dann verlor man sich irgendwie aus den Augen. Zumal dieser Mistkerl ans Festland zog.”

“Hach! Gute alte Zeiten.”, lächelte der Schatten schief “Wobei ich es hier wirklich nicht allzu schlecht habe. Der Weinhandel läuft gut. Bremervoord ist eine schöne Stadt und das Wetter ist viel besser, als auf Skellige.”

“Und dein Mädel? Wie hieß sie noch?”, schnaufte der Jarl.

“Nikola. Der geht es auch gut.”, tönte Micha zufrieden. Anna musste verhalten grinsen und tauschte einen Blick mit Rist aus, der an der Metflasche nippte.

“Und ich rieche nun nebenher eine tolle Gelegenheit für dich, Hjaldrist, um Geschäfte zu tätigen. Wie schon geschrieben, gibt es hier nämlich jemanden, der Kontakte zu den Inseln sucht. Und du bist bisher der erste, der auf dies hin hierher gekommen ist. Das ist gut.”, fand Micha.

“Wer ist denn dieser Adelige, der verhandeln will?”, hakte der Jarl interessiert nach.

“Sein Name ist Gabrial De Capries.”, erklärte der Schatten “Er lebt in einem riesigen Anwesen am Stadtrand und handelt mit allerlei Leuten. Ihm gehören einige Marktstände und Läden hier, soweit ich weiß.”

“Verstehe…”, sagte Hjaldrist grüblerisch “Und wenn er solch eine Handelsmacht hat, ist er sicherlich auf gute Schiffe aus. Daher Skellige.”

“Hm, könnte sein, ja.”, nickte Micha “Es läge nahe.”

“Vielleicht hat er aber auch Probleme mit Piraten.”, warf Anna von der Seite aus ein und die Männer horchten auf. Sie zuckte mit den Schultern.

“Auch das wäre möglich, ja… guter Punkt.”, entkam es dem Skrugga nach einer Denkpause “Aber triff ihn einfach mal, Hjaldrist, und lasse dir alles genau erklären. Ich bin schon gespannt auf das, was dabei rumkommt, zugegeben.”

“Mhm.”, nickte der Jarl “Könntest du morgen Früh zu ihm gehen und ihm ausrichten lassen, dass ich vorbeikomme? Kurz nach Mittag?”

“Klar.”, versprach der lockere Micha und ließ sich die Metflasche reichen “Aber nun erzählt mir mal von euren vergangenen Abenteuern, ihr beiden. Ist es wahr, dass ihr in Blandare eine ganze Horde wütender Riesenkäfer mit bloßen Händen erledigt habt?”

Kommentare zu Kapitel 143

Kommentare: 0