Kapitel 144 (Buch 5, 21)

Kein Schatten

Gabrial De Capries, der Mann von dem Micha gesprochen hatte, schien tatsächlich ein unheimlich wohlhabender Mann zu sein. Sein Grundstück am Rande der Stadt Bremervoord war riesig: Umgeben von einem großen Garten und mit einem Vorhof, stand hier eine Villa, die sicherlich Platz für fünf Großfamilien geboten hätte. Da waren dutzende Bäume und Büsche, hübsch zurechtgeschnittene Hecken und längliche Beete mit weißen Rosen. In der Mitte des Hofes und vor der großen Pforte des Hauses plätscherte ein imposanter Springbrunnen vor sich hin und die Gegend wirkte nahezu idyllisch und perfekt. Wären da nur Wachleute gewesen. Es gab nämlich keine. Diese eigenartige Tatsache war Anna schon beim Betreten des großen Grundstückes aufgefallen, das von einem hohen, schmiedeeisernen Zaun umgeben war. Das Tor in eben jenem hatte einfach offen gestanden und der Weg bis zum Eingang der Villa war menschenleer. Hätte die Novigraderin es nicht besser gewusst, hätte sie angenommen, hier gäbe es nichts von Wert und hier hause niemand. Doch tatsächlich war Micha heute, nach dem Mittag, zu Hjaldrist zurückgekommen, um ihm zu erzählen, dass der adelige Händler, dem all dies hier gehörte, den Jarl zum Abendessen einladen wollte. Er habe nachmittags keine Zeit, würde aber gerne nach der Dämmerung sprechen, verhandeln, zusammen speisen und trinken.

Und hier waren sie nun. Hjaldrist hatte Anna und Thure im Schlepptau, als er den fein gepflasterten Weg zur Villa von De Capries nahm und sich dabei forschend umsah. Schöne Öllaternen auf schmalen, metallenen Pfählen, die man in die Erde gesteckt hatte, erhellten den abendlichen Pfad und tauchten die paar Stufen, die zur Hauspforte empor führten, in ein tanzendes Licht. Leise plätscherte der Brunnen aus hellem Stein im Hintergrund. Und während Thure einen erstaunten Laut von sich gab, schnaufte Anna bloß skeptisch. Rist sprach gleich aus, weswegen:

“Ziemlich ‘einsam’ hier, was?”, merkte er an und seine burschikose Freundin, die wie Thure in ihrer offiziellen Huskarl-Montur steckte, gab einen zustimmenden Ton von sich.

“Wenn ich reich wäre, würde ich mein Hab und Gut bewachen lassen.”, kommentierte sie.

“Vielleicht mag De Capries es so.”, schätzte Thure ganz naiv “Womöglich ist er eigenbrötlerisch. So wie der alte Brak. Kennt ihr den?”

Brak war ein ziemlich alter Mann aus Caer Gvalch’ca, der, seit man denken konnte, allein und zurückgezogen am Stadtrand auf Undvik hauste. Er war unfreundlich und sehr eigen. Sogar die Kinder hatten Angst vor ihm und man sagte sich, er esse Fleisch und Fisch nur roh, weil er glaubte dadurch älter zu werden und gesünder zu leben. Oder so ähnlich.

“Tse…”, lachte Anna leise, doch äußerte sich nicht weiter über die Unbeschwertheit von Thure. Auch Hjaldrist schwieg und trat vor das hohe Tor der schmucken Villa, an deren Fassade satter Efeu nach oben kletterte. Zögerlich hob er eine behandschuhte Hand und klopfte einen Atemzug später schon an. Dreimal pochte er gegen das weiß gestrichene Holz. Und dann warteten die drei Besucher. Dies nicht lange. Denn so, als habe De Capries sie bereits erwartet, öffnete er die leise quietschende Haustüre schon wenige Momente später. Ein schmales Lächeln, lag auf seinen Lippen, als er den Jarl vor sich sah. Er war ein schlanker Mann mit kurzem, gepflegtem Bart. Seine Kleidung aus teurem Stoff, vor allem in Grau und Schwarz gehalten, wirkte schlicht, doch nobel. Und die kurzen, braunen Haare hatte er sich ordentlich zurückgekämmt. Irgendetwas an seinem stechenden Blick mochte Anna nicht gefallen. Dieser Mann wirkte auf Anhieb wie ein lauerndes Tier.

“Oh.”, machte er und sprach leicht nasal dabei “Der Jarl aus Skellige, nehme ich an. Undvik, richtig?”

Seine stahlblauen Augen suchten Sekunden später schon Thure, dann Anna. An letzterer blieben sie eine Weile länger hängen, als an allen anderen hier. Warum? Die Schwertkämpferin zog die Brauen kraus.

“Und seine Begleiter. Hallo. Ich bin Gabrial De Capries.”, der Adelige und angebliche ‘Händlerkönig’ des Ortes nickte anerkennend “Ich habe schon auf euch gewartet. Kommt doch bitte herein.”

Er trat beiseite und machte Platz, damit Rist dankend eintreten konnte. Anna folgte eben jenem auf dem Fuße und bemerkte dabei, wie De Capries sie von oben bis unten taxierte. Der Blick des Mannes hing interessiert an dem Wolfsamulett an ihrem Gürtel, als sie aus den Augenwinkeln zu ihm sah. Doch sie blieb stumm und ignorierte dies vorerst. Thure folgte zum Schluss und sah schon wieder neugierig um sich. Natürlich versuchte er professionell zu wirken, doch so ganz am Riemen reißen konnte er sich trotz seiner strengen Ausbildung nicht. Schlussendlich war er zum ersten Mal auf einem ‘Festlandeinsatz’ und es war für diesen unbekümmerten Mann wohl etwas Bedeutsames seinen besungenen Jarl ganz stolz zu einem Abendessen mit einem potentiellen, neuen Kontakt zu begleiten. Während er also vor Motivation und Begeisterung nur so strotzte, beobachtete die zurückhaltende Anna die Umgebung eher kritisch. Sie hatte kein gutes Gefühl und es war alarmierend, wie schnell eben jenes sie ereilt hatte. Anna fragte sich, ob es dabei nur ihr so ging. Ihre Aufmerksamkeit wanderte über die weitläufige Eingangshalle und die marmornen Treppen, die in den oberen Stock führten; Über den massiven, popeligen Kronleuchter an der Decke und die vier Türen die links und rechts vom Saal in weitere Räume führten. Schlussendlich glitten ihre schwarzen Augen wieder über Hjaldrist und hin zu De Capries, der elegant gestikulierte, während er sprach. Entfernt roch es hier nach Rauchkraut und irgendwo sang ein Vogel. Vielleicht hielt sich De Capries ja einen in einem Käfig.

“Bitte kommt. Hier entlang.”, bat der Bremervoorder “Das Speisezimmer befindet sich gleich hier.”

Der hochgewachsene Mann ging voran und seine Gäste folgten ihm. Er hielt auf die Türe hinten rechts zu und öffnete sie. Dahinter lag ein Speisesaal, der angenehm warm von Kerzen und Tranlichtern erhellt wurde. Auf einer langen Tafel darin stand einiges zu Essen. Viel zu viel für nur wenige Leute. Es war also klar, dass der Händlerboss heute angeben wollte.  Womöglich wollte er zeigen, wie viel Macht er hatte, denn nur vermögende Menschen konnten sich eine voll gedeckte Tafel leisten, die an die vier Meter maß. Leute wie De Capries dachten nicht darüber nach, wie viel Speis und Trank sie für ihre Gäste brauchten; Wie viel genügte und wann es reichte. Diese gestopften Reichen fuhren immer sofort ein Festmahl auf, von dem man am Ende mindestens drei Drittel wegwerfen musste, weil sie niemand aufaß. Welch eine Verschwendung. Als jemand, der lange auf der Straße gelebt und sich oft mühsam durch das Leben geschlagen hatte, empfand Anna für so etwas nur grimmigen Missmut. Früher hatte sie ab und an nicht einmal genug Geld besessen, um sich ein Laib Brot zu kaufen. Dies besonders in den Monaten, in denen sie alleine gereist war. In Angren hatte sie Ratten gegessen oder gar tagelang gehungert. Sie verstand nicht, wie man dermaßen verschwenderisch sein konnte, wie De Capries, und verkniff es sich verächtlich mit den Augen zu rollen. Pah. Hjaldrist war, im Gegenzug zu diesem Kerl, ein JARL. Und selbst er hatte immer ein Auge darauf, dass bei Feierlichen oder dergleichen genug zu essen da war und gleichzeitig nichts davon verkam.

Anna war also nicht begeistert und ihr Magen war flau, als fühle sie sich verfolgt. Thure hingegen, staunte noch immer und hinterfragte offenkundig nicht. Und Rist ließ sich nichts anmerken. Bestimmt dachte er aber ähnlich, wie Anna. Das tat er in verqueren Situationen wie dieser hier stets. Und sicherlich fühlte er sich auch nicht allzu wohl, als er wenig später an der gestreckten Tafel von De Capries Platz nahm. So, wie man es von Rist kannte, deutete er seinen zwei Huskarlen folglich an sich mit zu ihm zu gesellen, denn er mochte es nicht, wenn seine Gardisten wie steife Soldaten neben oder hinter ihm herumstanden. Daher zog Anna den Stuhl neben ihrem Freund heran, um sich zu setzen. Während sich Hjaldrist dann schon mit dem zweiten Adeligen im Raum unterhielt, betrachtete die anwesende Novigraderin den voll beladenen Tisch vor sich und versuchte dies nicht auffallend kritisch oder zu eingehend zu tun. Ja, sie mochte Essen. Sie war einer der Menschen, die nahezu unermüdlich Leckereien in sich hineinstopfen konnte. Doch nicht, wenn eben jene auf einer Ablage eines Typen standen, der ihr höchst suspekt erschien und dies schon seit der ersten Sekunde. Anna’s prüfende Augen wanderten und hefteten sich an den gravierten Krug, nach dem De Capries gerade fasste. Er stand noch und schenkte jetzt jedem seiner Gäste reichlich Rotwein ein.

“Von einem guten Freund in Beauclair.”, erklärte er dies näselnd “Es ist sein neuester Herbstwein und er schmeckt vorzüglich.”

“Ah. Wirklich?”, machte Hjaldrist so, als fände er dies höchst interessant und als fühle er sich geschmeichelt, weil man ihm solch einen guten Tropfen kredenzte. Man nahm es ihm ab, denn wenn er sich einmal ernsthaft verstellte, war er wirklich gut darin. Zwar war der sonst so aufrichtige Undviker niemand, der dies gern oder oft tat, aber wenn er musste, tat er es mit Bravour.

Der lächelnd nickende De Capries stellte den bauchigen Weinkrug wieder zwischen Spanferkel und Obstplatte ab und dies ohne sich selbst noch etwas zu trinken einzugießen. Aha. Anna hatte es ja befürchtet. Nur fragte sie sich, warum der Mann aus Bremervoord tatsächlich so dumm war sich ganz offenkundig nichts einzuschenken. Oder glaubte er, es fiele den Anwesenden nicht auf, dass er dies nicht tat? Was ging nur in seinem Kopf vor?

Unauffällig linste Anna zu Rist hin, der nun klugscheißerisch etwas über Weine aus Toussaint erzählt bekam und die Stirn dabei in nachdenkliche Falten legte.

“Auch ein Freund von mir hat in Toussaint ein Weingut.”, erzählte er offen und De Capries hob die schmalen Brauen überrascht an. Er mutete im Gegensatz zu Rist so an, als schauspielere er. Als verstelle er sich, mache gute Miene zum bösen Spiel und als führe er irgendetwas im Schilde.

“Tatsächlich?”, wunderte sich der Händlerkönig und lachte angetan “Das ist ja wunderbar! Ich liebe Beauclair. Die Landschaft dort ist großartig.”

“Das ist wahr.”, machte Hjaldrist. Anna zog ihren tönernen Weinbecher solange näher an sich heran und roch vorsichtig ins Leere ohne das Trinkgefäß anzuheben. Sie hätte Thure damit nur noch dazu animiert zu trinken oder De Capries auf sich aufmerksam gemacht und das wollte sie nicht. Aber... da war keine bittere Note in der Luft. Es roch hier bloß nach Rebensaft. Nach dem, Schwein, gekochtem Gemüse und pikanter Soße, frischem Brot und Birnen. Seltsam. Für jemanden wie Anna waren zumindest die geläufigsten Toxine immer schnell auszumachen. Sie hatte früher die meisten davon zusammengepanscht und getrunken. Natürlich wusste sie daher auch, wie die Absude rochen. Und das taten sie zumeist.

Da war plötzlich ein Fuß unter dem Tisch. Er gehörte dem Jarl, der neben Anna saß und stieß sie leicht auffordernd an. Rist wollte unverkennbar wissen, ob etwas mit dem Wein nicht stimmte, denn natürlich war auch er vorsichtig und klug genug nicht zu trinken, wenn sich nicht einmal der Gastgeber etwas eingoss. Doch seine Freundin war sich noch nicht sicher, während De Capries noch immer palaverte und sich längst nicht hingesetzt hatte - bestimmt, weil er so geschäftig war. Nun einen Toast auszusprechen und schnell einen Schluck zu trinken wäre unhöflich und auffällig argwöhnisch gewesen. Wie sollte Anna also herausfinden, ob der Wein in Ordnung war oder nicht? Noch einmal stupste Hjaldrist die Kriegerin unter dem Tisch an und ihr Mundwinkel zuckte leicht unzufrieden. Kurzum tat sie daraufhin das, was ihr grauenvoll spontan als einzig unauffällige Lösung erschien, damit sie vor allen anderen trinken könnte: Sie fing an zu husten und tat damit so, als habe sie eine trockene, rebellierende Kehle. Thure sah sofort besorgt zu seiner keuchenden Kollegin hin, in der Annahme, sie werde schnell krank und habe sich wieder irgendetwas eingefangen.

“Alles gut?”, fragte er vorsichtig und auch die anderen beiden Männer hielten in ihrer Unterhaltung über Toussaint und dessen Wetter und Leute inne. Anna, die noch immer hustete und sich überfordert räusperte, hob eine Hand beschwichtigend abwinkend an, ehe sie mit der zweiten schon nach ihrem Weinbecher fasste. Wasser hatte sie bisher ja keines bekommen - welch ein Glück. Sie zögerte nur eine Sekunde unwohl und bemerkte, wie sich Rist bei dem, was gleich käme, kaum merklich versteifte. Er wandte seiner Freundin den Kopf zu und sah sie todernst an. Wer ihn kannte, sah dabei die schlimme Vorahnung in seinem Blick und wie sich da ein Funke Beklommenheit darin widerspiegelte. Machte er sich etwa Sorgen? Hatte er ein schlechtes Gewissen, weil er glaubte seine Kollegin als ‘Vorkoster’ zu missbrauchen? Das müsste er nicht. Es wäre viel schlimmer gewesen, wenn er an dem Wein genippt hätte und folglich daran gestorben wäre.

Anna setzte den Becher demnach an ihre Lippen und nahm einen tiefen Schluck. De Capries beobachtete dies auf eine überraschend bekümmerte Art und überhaupt nicht schadenfroh.

“Oh je.”, machte er überzogen seufzend “Geht es, junge Dame?”

Anna nahm noch einen zweiten, beherzten Schluck und hatte ihr Trinkgefäß damit beinahe zur Hälfte geleert, ehe sie es wieder abstellte. Sie atmete einmal tief durch und nickte dann.

“Ja, alles gut. Entschuldigung.”, machte sie. Und gleichauf, als sie sich auf ihren Körper konzentrierte, wunderte sie sich. Denn sie hatte damit gerechnet Gift zu schmecken. Vielleicht auch nur einen ganz, ganz kleinen Deut davon. Aber da war nichts. Sie spürte auch nichts. Anna wurde es nicht schlecht, schwindelig oder dergleichen. Ihre Kehle blieb weit und ihr Magen entspannt. Dies auch noch nach fünfzehn Sekunden. Der Wein war vermutlich sicher. Achtzehn, neunzehn, zwanzig. Und während Anna Hjaldrist einen bedeutsamen Blick zuwarf, sah Thure beachtlich erleichtert aus. Fünfundzwanzig, sechsundzwanzig, siebenundzwanzig. Erst jetzt ließ sich De Capries endlich nieder. Und er fasste nach dem zweiten Krug am Tisch, um sich etwas davon einzugießen. Es war Wasser oder Weißwein. Thure berührte Anna von der Seite aus am Unterarm und tätschelte jenen leicht im stummen Beistand, weil er dachte, der Kurzhaarigen ginge es nicht allzu gut. Vierzig, einundvierzig, zweiundvierzig. Und Rist wendete sich wieder an den Mann aus Bremervoord, als sei nichts gewesen.

“Arianna kränkelt oft.”, erklärte er für seine Kumpanin und spielte damit ihr Spielchen mit, um den Gastgeber nichts Böses ahnen zu lassen. Es sprach dafür, dass auch er De Capries nicht traute. Denn ja, irgendwas hier stank zum Himmel. Anna bildete es sich nicht ein. Nur was stimmte nicht? Was war es, das sie und offensichtlich auch Rist so unruhig stimmte?

Fünfundsechzig. Anna saß noch immer und fühlte sich kein Stück anders, als bei ihrem Eintritt in diese seltsame Villa. Diesmal war es ihr Stiefel, der den von ihrem Kumpel in einer stummen Versicherung anstieß. Siebzig. Momente darauf prosteten sich die anwesenden Parteien zu und der Jarl aus Undvik konnte das tun, ohne einen plötzlichen Gifttod zu befürchten.

 

An diesem Abend redeten Hjaldrist und De Capries über mögliche Geschäfte und während der letztere tatsächlich ansprach einst Probleme mit skelliger Piraten gehabt zu haben, erwähnte er auch, dass er vor allem an der Schiffsbau-Expertise der Inselleute interessiert wäre. Er wollte Boote kaufen. Drei Stück. Und Rist willigte ein. Anna, die dieses lange Gespräch beim Essen mit anhörte und die ganze Zeit über schwieg, bemerkte, wie fremd sich ihr bester Freund in dieser Zeit gab. Er tat großzügig und höflich und reagierte so offen, dass es ihr auffiel, dass er nichts von alledem, was er sagte, ernst meinte. Sein Lächeln war nicht aufrichtig und wenn man ihm nahestand, realisierte man schnell, dass er nurmehr hier war, um zu erfahren, was in der eigenartig einsamen Villa falsch lief. Dass es das tat, war doch klar. Und als De Capries sich irgendwann am späten Abend kurz abwandte, um nach einer weiteren Weinflasche aus Toussaint klauben, starrte Anna Hjaldrist eindringlich an. Ihre Miene war hart und warnend. Und dies hatte einen guten Grund. Rist taxierte sie erst etwas unschlüssig und sie nickte gleich in die Richtung des dunkel gekleideten Gastgebers. Ihre Lippen formten ein stilles ‘Die Wand’. Und der Jarl sah sich sofort nach dem Mauerwerk im Rücken von De Capries um. Schatten hoben und senkten sich dort durch das Licht der vielen Lampen und Kerzen. Doch einer fehlte: Der des Bremervoorders, der sich just wieder gerader hinsetzte und die Flasche entkorkte, die er vor sich auf dem Tisch abgestellt hatte. Anna erkannte, wie Rist die Wand hinter dem Händlerkönig solange noch immer anstarrte. Und man sah ihm förmlich an, dass ihn die Erkenntnis sofort hart traf. De Capries war ein Vampir. Ein höherer. Er MUSSTE einer sein, denn nur Blutsauger wie er besaßen keine Schatten. Und nun, da dies Anna gewahr war, bemerkte sie auch, wie blass der Braunhaarige war. Seine Kleidung und sein Gehabe - all dies passte nur allzu gut zu einem Kerl wie ihm. Die Monsterkundige ballte die Hände unter dem Tisch zu Fäusten und versuchte nicht unsagbar nervös zu wirken. Höhere Vampire waren irrsinnig gefährlich. Es gab wohl keine Kreaturen, die mächtiger waren, als sie. Anna, Hjaldrist und Thure befanden sich gerade in enormer Gefahr. Und sicherlich wusste De Capries, dass sie dies längst ahnten. Er lächelte schmal. Und augenblicklich fühlte sich die anwesende Frau wie eine Vollidiotin und so klein. JETZT machte es Sinn, dass der Gastgeber ihr silbernes Medaillon zuvor so eindringlich betrachtet und vorgegeben hatte tagsüber keine Zeit zu haben.

“Ich würde mich freuen, wenn ihr übermorgen an meiner Abendfeierlichkeit teilnehmt, die ich halbjährlich ausrichte, um meine engsten Geschäftspartner einzuladen.”, meinte De Capries und brach damit das angespannte Schweigen. Selbst Thure sah mittlerweile so aus, als sei ihm die Situation nicht mehr allzu wohl.

“Ich habe den Zirkus engagiert, der zurzeit in der Stadt ist und einige Gäste eingeladen. Darunter befinden sich auch einige einflussreiche Freunde. Womöglich kennt Ihr den ein oder anderen davon ja bereits.”, erzählte der Vampir und der letzte Part von dessen Aussage klang so vieldeutig “Es wäre mir eine Freude Euch ebenso hier zu haben, Jarl.”

“Ah.”, machte Rist trockener, als er es vielleicht vorgehabt hatte “Ich denke darüber nach, ja. Danke.”

De Capries nickte zufrieden. Und Anna schwante Übles.

 

Der restliche Abend verlief zwar in angespannter Atmosphäre, doch nichts Schlimmes passierte. Überraschend, wie Anna fand. Der Vampir von Bremervoord gab sich ungebrochen umgänglich und überzogen freundlich. Dennoch lag der Schein irgendeines hintergründigen Plans auf ihm. Hjaldrist unterhielt sich dennoch so mit De Capries, als drohe ihm keine Gefahr. Und Anna blieb unglaublich aufmerksam und kampfbereit, obwohl sie wusste niemals gegen einen hohen Vampir bestehen zu können. Die Bruxa nahe Spalla war damals ihre Obergrenze des Schaffbaren gewesen. Die Schwarzhaarige konnte sich heute noch sehr gut daran erinnern, wie es gewesen war gegen die ‘Weiße Hexe’ zu kämpfen und dabei fast das Leben zu verlieren. Es war einschüchternd, wie enorm stark Vampire waren; wie schnell und wendig. Jedenfalls dann, wenn man selbst keine übermenschlichen Kräfte besaß. Die Albino-Bruxa hatte also eine heftige, nahezu unbezwingbare Gegnerin dargestellt. Und Anna wollte nicht wissen, was drohte, sollte De Capries die Fassung verlieren. Also blieb sie friedlich und gab sich so unwissend, als möglich. Und tatsächlich schafften sie, Rist und Thure es in dieser Nacht heile aus der schmucken Villa des Händlerbosses heraus. Dass sie dies taten, war genauso kurios wie die Tatsache, dass ein hoher Vampir den Handel in der Stadt dominierte, einen Jarl zu sich einlud, um Schiffe zu kaufen, und einen Zirkus für ein halbjährliches Fest engagierte. Es fühlte sich beinahe so an, als sei De Capries einfach nur ein gewöhnlicher, arroganter Adeliger. Aber das war er nicht. Und Anna hatte keine Lust darauf sich noch länger mit ihm abzugeben, als sie es heute hatte müssen. Denn ja, an diesem Abend waren sie und ihre Komparsen heile davongekommen. Doch das hieß nichts. Der Adelige führte etwas im Schilde, dessen war sie sich ganz sicher. Und sie wollte nicht herausfinden was.

“Dieser Typ ist gefährlich.”, entkam es Anna selbstsicher, als sie zurück am Schiff waren. Es war spät gewesen, als sie die Seeschlange vor gut einer halben Stunde betreten hatten. Und nachdem Thure verschwunden war, um schlafen zu gehen, war die Giftmischerin aus dem Norden in Rist’s Kajüte aufgetaucht, um mit ihm die verzwickte Lage zu besprechen. Oder eher: Sie hielt seit einigen Augenblicken einen mürrischen Monolog und ihr Freund, der auf seinem Bett herumsaß, sah ihr still dabei zu. Seine Krone hing zusammen mit seinem wollenen Mantel an dem geschmiedeten Eisenhaken neben der Türe und im Moment war der Skelliger wieder der Monsterjäger, der sich gern Geld in Straßenkämpfen verdiente; nicht das autoritäre Clanoberhaupt von Undvik. Eine alte Öllaterne verströmte das einzige Licht hier und malte ein sanftes Orange an die Wände aus dunklem Holz. Von draußen konnte man ganz leise vernehmen, wie kleine Wellen gegen die Schiffswand schwappten.

“Und ich werde zwar nichts dagegen tun können, wenn du dich dazu entschließen solltest zu seiner Feier zu gehen...”, setzte Anna fort, lehnte sich mit unzufriedener Miene an die Wand und verschränkte die Arme vor der Brust “Aber ich rate dringend davon ab. Hast du bemerkt, wie er mich angesehen hat? Sicherlich hat er irgendetwas gespürt. Wegen Silven. Und nebenher-... na, er ist ein VAMPIR. Muss ich DAZU noch mehr sagen?”

“Also ich würde schon gern hin.”, konterte Rist unsagbar trocken “Ich mag Festlichkeiten.”

Anna hielt verdattert inne und starrte den Kerl vor sich wenig begeistert an. Gleichauf suchten ihre Augen in seinem Gesicht nach irgendetwas. Und sie fand dieses ‘Etwas’ auch auf Anhieb: Ein halbernstes Grinsen, das sich der sarkastische Undviker nicht so ganz verkneifen konnte.

“Stell dir nur mal vor, Anna.”, fing der Jarl begeistert seufzend an und machte eine weite Handgeste “Essen, Musik, genug zu Saufen, ein höherer Vampir und Zirkusleute, die man eigentlich nicht so gern antreffen möchte. Also… zumindest eine von denen.”

Der jungenhaften Alchemistin entkam ein abfällig-amüsiertes Schnauben.

“Ah, ja. Was könnte es Schöneres geben…?”, endete sie die Meldung ihres skellischen Kollegen und rollte mit den Augen. Hjaldrist schmunzelte.

“Was tun wir also…?”, fragte die Novigraderin wieder ernster und Rist betrachtete sie eine Weile lange sehr nachdenklich. Auch er wirkte dabei ein paar Atemzüge lange streng, ehe er zu irgendeinem Entschluss zu kommen schien und die angespannten Schultern ein wenig sinken ließ. Dann deutete er auf den Platz auf der Bettkante neben sich. Wahrscheinlich machte es ihn verrückt, dass die nervöse Anna noch immer herumstand. Also löste sich die Frau bald von der Wand in ihrem Kreuz, um sich daraufhin neben dem Inselbewohner niederzulassen und ihm damit einen Gefallen zu tun.

“Ich sage: Wir trinken was.”, fing Rist an und fasste nach einer Flasche Michas von gestern, die noch vor seiner schmalen Schlafgelegenheit am Boden stand “Und kommen etwas runter. Ich habe keine Lust darauf mir heute noch den Kopf zu zermartern. Es ist spät.”

Anna beobachtete ihren Freund skeptisch und er reichte ihr schon den Met hin. Ohne nach der Flasche zu fassen, blickte die Kurzhaarige zu dem Älteren auf.

“Feierabend, Huskarl.”, schnaubte der Mann belustigt “Und trink schon. Da. Du hattest gestern kaum was von dem Faroe-Met und er ist wirklich, wirklich gut.”

Hjaldrist drückte seiner zu zögerlichen Kumpanin das Trinkbehältnis in die Hände, in dem süßer Wein gluckerte.

“Wir sind losgesegelt, um eine Auszeit von all dem Ärger auf Undvik zu haben und etwas frische Luft zu schnuppern.”, machte er gutmütig “Wir werden uns hier also keine neuen Sorgen aufhalsen oder uns in Katastrophen stürzen. Diesmal wird gefaulenzt und irgendwelche halsbrecherischen Abenteuer können mir gestohlen bleiben. Wir zwei trinken jetzt also ganz entspannt zusammen, unterhalten uns ein wenig und morgen besprechen wir die Lage mit Haldorn, Sigbjørn und den anderen. Wir müssen nicht bleiben. Wir könnten auch woanders hin. Weiter in den Süden vielleicht. Am Handel mit De Capries bin ich so und so nicht interessiert und lieber suche ich eine andere Stadt auf, als hier ein Gast eines hinterhältigen Vampirs zu sein, der allen etwas vormacht.”

Anna betrachtete Rist schweigend, als er sprach und hielt die Metflasche locker in beiden Händen. Erleichterung machte sich in ihr breit.

“Also bleib ruhig.”, lächelte der Jarl noch und rempelte die Giftmischerin freundschaftlich von der Seite an “Du machst dir sonst schon immer einen viel zu großen Kopf, also denk nicht über Bremervoord nach. Sowas bringt einem nur Magengeschwüre ein. Oder jedenfalls sagte mein Vater das immer.”

Der Mann grübelte kurz, zuckte dann aber mit den Schultern und ein schwaches Grinsen zog ob dem an den Mundwinkeln Annas. Und womöglich hatte Rist ja Recht. Sie sollte sich keine allzu großen Sorgen machen. Morgen würden sie vermutlich schon von hier ablegen und alles wäre gut. Sie nickte zögerlich, als sie daran dachte. Dann nahm sie einen kleinen Schluck aus der teuren Flasche des Weinhändlers der großen Stadt.

 

Die Freunde blieben noch lange wach und unterhielten sich über dieses und jenes, während sie zusammen tranken. Ihr Gespräch war wunderbar trivial. Dies war ungemein befreiend. Und Anna wusste nicht, ob es am Met lag, aber Rist verhielt sich ihr gegenüber etwas zugetaner, als sonst. Womöglich bildete sie es sich auch nur ein, weil sie beide nicht in einer riesigen Festung auf Undvik standen oder sich kartenspielend auf einer riesigen Schlafgelegenheit gegenüber saßen, sondern weil sie zusammen auf einem schmalen Bettchen an Bord eines Bootes herumlungerten. Das bei lockerer Unterhaltung und leisem Gelächter. Aber dennoch. Es machte die Nordländerin innerlich unruhig, als Rist ihr die Hand zum erneuten Mal auf die Schulter legte, während er über eine dumme Geschichte von vor zehn Jahren lachte. Er lehnte sich dabei amüsiert und locker an die Seite der Gardistin und schnaufte heiter, als er mit der Flasche gestikulierte.

“Ich dachte, Haldorn würde hochrot in die Burg verschwinden.”, gluckste der Mann “Aber stattdessen lief er einfach nur in Unterhosen über den Vorplatz der Festung. Und dann kotzte er sich auf die neuen Stiefel. Vater war furios und hat ihn buchstäblich am Ohr in die Große Halle gezerrt, während er ihm einen Vortrag darüber hielt, wie man sich als Jarlssohn benehmen sollte. Und, Mann, sah das vielleicht witzig aus. Weißt du, Vater war ein halber Aen Seidhe und sah dementsprechend aus. Er bewegte sich manchmal auch so komisch elfenartig, denn er kam ziemlich nach Großmutter. Haldorn jedoch… naja, er war und ist halt Haldorn...”

Anna kicherte verhalten, damit man sie nicht noch bis in den Frachtraum hörte, und ermahnte ihr Herz im Geiste dazu nicht so arg zu klopfen, als sie Hjaldrist’s Körperwärme dicht an ihrer Seite spürte. Seine Finger lagen noch immer an ihrer Schulter, rutschten etwas daran hinab und auf ihren Rücken. Und sie erinnerte sich krampfhaft daran, dass er im Grunde doch schon immer jemand gewesen war, der andere Leute schnell anfasste. So, wie seine Mutter auch. Wenn er gutgelaunt scherzte, haute er Freunden aufs Kreuz oder in die Seite. Wenn er sich freute, umarmte er einen schon mal lachend. Er schubste Anna harmlos, wenn sie olle Späße machte oder schob sie herrisch herum, wenn sie ihm im Weg stand - das tat sie oft und zumeist nicht unbeabsichtigt. Und der kleinen Merle zerzauste Rist permanent das gefärbte Haar, während das Mädchen lauthals darüber schimpfte. Distanziert war also was anderes.

“Er rannte in Bruche über den Hof? Im Winter?”, fragte Anna belustigt nach und hatte längst Bilder im Kopf. Unterhaltsame Bilder von einem Haldorn, der halbnackt herumeilte, weil seine schalkhaften Kollegen seine Kleidung versteckt hatten. Und das auch noch im Hochwinter. Und sie stellte sich vor, wie sein spitzohriger Vater herangeeilt kam, um ihn quasi ‘einzufangen’. Dies laut in Alter Rede schimpfend und fluchend über seinen Sohn, der sich ganz und gar nicht galant verhielt.

“Ja…”, nickte Rist “Er war aber auch sturzbesoffen. Die ganze Nacht davor war er mit seiner Crew in der Taverne, um irgendeinen Beutezug zu feiern.”

“Dein Bruder ist ein Idiot.”, schmunzelte die anwesende Frau und bekam die Metflasche zurück. Als sie einen tiefen Schluck trank, nahm Rist die Finger wieder von ihrem Schulterblatt. Dennoch blieb er eng neben ihr sitzen - mit dem Rücken voran an der Wand, an der das Bett stand - und schüttelte den Kopf ungläubig über Haldorn. Und so sehr es Anna auch durcheinanderbrachte, dass Hjaldrist ihr gerade so nah war, wie eher selten in den letzten Monaten, fühlte es sich gut an. Es war am Ende doch nahezu beschwingend und die Kriegerin genoss den Moment einfach, anstatt sich zu verrückt zu machen. Oder jedenfalls versuchte sie das.

“Ja, ist er.”, antwortete Rist “Aber der beste Idiot. Er mag so sein, wie er eben ist, aber er ist einer der wenigen Leute, auf die ich mich immer verlassen kann. Er ist ein sehr guter Kerl.”

“Hm.”, machte Anna und wiegte den Kopf abschätzend “Kann sein. Dazu kann ich leider wenig sagen. Mich glotzt er ja immer nur böse an.”

“Ach, der taut schon noch auf. Früher oder später wird er dich mögen, Anna. Er ist hat sehr stur.”, schätzte der Jarl “Ich wette, irgendwann nimmt er dich sogar mal mit auf Raubzüge.”

“Was? Auf Raubzüge?”, lachte die Alchemistin “Pah, ich glaube, ich passe.”

Hjaldrist lachte leise. Dann bekam er Micha’s Honigwein aus Faroe zurück und nahm einen Schluck, ehe er davon anfing zu erzählen, dass er selber noch nie auf einem Raubzug gewesen sei. Anna sah von der Seite aus zu ihm, als sie aufmerksam lauschte. Rist erinnerte sich daran, dass er früher nie mit seinem wagemutigen Vater mitgesegelt war, weil er einfach zu viel Schiss und Skrupel gehabt hatte. Er war eben ein zartbesaitetes Kind gewesen; klug und in Bücher versunken, anstatt laut und immer auf Prügeleien aus. Und während der in sich gekehrte Undviker damit bestimmt ein Junge gewesen war, den man gern gehänselt hatte, fand die Novigraderin die Schilderungen ihres Freundes sympathisch und einen kleinen Rist, der sich lieber mit dem Lesen abmühte, als mit dem Kämpfen, süß. Schwach lächelte sie, als sie den Sprechenden betrachtete, der so ehrlich von sich erzählte. Immer, wenn er zwischen seinen vielen Phrasen ein wenig trank, blieben seine Lippen eine Weile lange feucht. Und Anna äugte nurmehr musternd, anstatt auf irgendwelche Geschichten von ‘Früher’ Antworten zu geben. Irgendwann hörte sie ihrem Freund gar kaum noch zu, sondern beobachtete nur. Anna’s Blick wanderte vom Mund des plappernden Skelligers hinab, über dessen Kinn und zur Halsbeuge.  Und sie schluckte trocken. Götter. Rist war so hübsch. Und Anna schon ziemlich angeheitert, weil sie keinen Alkohol mehr vertrug. War das schlecht? Mit einem Gemisch aus Skepsis über sich selbst und altbekannter Angetanheit über ihren Gesprächspartner saß sie also da.

“...Und ich habe es nie verstanden, warum Vater mich dazu drängte, das Kämpfen mit verschiedenen Waffen zu erlernen.”, sagte Hjaldrist irgendwann. Er war ein Stückchen an der Wand in seinem Rücken hinab und auf der strohbefüllten Matratze nach vorn gerutscht. Gemütlich hing er so herum und seufzte faul, während seine Beine von der Bettkante baumelten.

“Als er mir eines Tages einen Schild von einem der Huskarle in die Hand drückte, dachte ich, er will mich verarschen. Aber heute verstehe ich die Ambitionen dahinter. Ich war ihm echt dankbar dafür, als ich beim Duellantenfest mit einem Langschwert streiten musste.”, Rist reichte Anna nach einer Ewigkeit die verlockende Metflasche zurück, als er dies von sich gab. Und erst, als man ihr das Ding unter die Nase hielt, bemerkte die Frau, dass sie dreist starrte. Wie ein Dieb, den man auf frischer Tat ertappt hatte, reagierte sie daher: Sie zuckte zurück, erstarrte kurz und sah von der ihr hingehaltenen Flasche zu ihrem Freund, den sie so unverhohlen angehimmelt hatte. Eben jener schien das bemerkt zu haben. Wer wäre Rist denn schon gewesen, wenn nicht? Und er erwiderte den Blick Annas eigenartig interessiert. Es brachte Anna durcheinander. Und die Frage, die seitens des unbekümmerten Inselbewohners folgte, kam genauso unerwartet.

“Hm.”, machte Hjaldrist und ein leichtes, vielleicht sogar spitzbübisches Lächeln zog an seinen Mundwinkeln “Woran denkst du denn?”

Anna stutzte heftig und gab sich alle Mühe bei dieser direkten Frage nicht rot zu werden.

“Äh, was?”, fragte sie und hätte sich fast an der eigenen Spucke verschluckt.

“Du hast mich gerade so gedankenverloren angesehen.”, merkte der Mann unschuldig an, obwohl er es doch besser wusste, und sein Gegenüber glaubte, es treffe der Schlag.

“Ha-hab ich nicht.”, wehrte sich Anna sogleich und Hjaldrist hob eine Braue “Und… äh, außerdem siehst du doch eh a-andauernd in irgendwelche Köpfe rein. Also frag nicht so blöd.”

...Oh, wie bescheuert. Was hatte DIE dämliche Meldung nun wieder sollen? Anna hätte sich für ihre unglaubliche, oft so unbedacht schnippische Art gern die Hand vors rote Gesicht gehauen. Denn warum hatte sie denn nicht einfach ausgesprochen, woran sie gedacht hatte? Es war doch augenscheinlich gewesen. Und Rist war genauso offenkundig betrunken, wie sie. Vielleicht hätten sie-

Scheiße, nein. Das wars. Anna gehörte definitiv ins Bett und zwar in ihr eigenes. Oder eher: Auf ihren Stapel aus Decken, Schlafsack, Mantel und einem Fell in einer Ecke des Frachtraumes.

“Hmpf...”, machte Hjaldrist nurmehr und konnte sich eines hintergründigen Grinsens nicht erwehren. Es war grausam. Noch immer hielt er seiner Kumpanin die Metflasche auffordernd hin. Und an diesem Punkt fasste die konfuse Kriegerin beherzt danach, während sie dem Blick des Skelligers betreten auswich. Ein, zwei Schlucke noch für die Nerven und sie würde von hier verschwinden. Wäre besser so.

“Weißt du was wir tun sollten?”, fing der Jarl schon wieder an und Anna versuchte sich nicht aus innerlicher Aufgewühltheit zu versteifen. Oh Mann, ganz ruhig. Sie setzte die Flasche von ihren Lippen ab und schluckte den würzigen Met stumm hinunter. Und weil Rist nicht weiterredete, sondern auf eine Reaktion ihrerseits wartete, holte die Alchemistin zögernd Luft zum Sprechen.

“...Was denn?”, bekam sie gerade so heraus und schielte ganz, ganz vorsichtig zu ihrem Freund, der so wissend lächelte. Einmal mehr wurde es ihr bewusst, wie dicht er neben ihr lehnte. Schulter an Schulter lungerten sie hier herum.

“Zusammen auf nen Raubzug gehen.”, schlug der langhaarige Undviker vor und ergötzte sich sicherlich an der Nervosität seiner armen Kumpanin. Sie verengte die dunklen Augen und glaubte, man wolle sie veralbern.

“Du willst nicht mit Haldorn mit. Ich war nie auf einem. Was also, wenn wir uns irgendwann, wenn wir genug Zeit haben, einfach auf machen, um auf Beutezug zu gehen, hm?”, fragte Rist beschwingt. Er meinte es wohl tatsächlich ernst. Anna’s aufgeregt angespannte Haltung lockerte sich wieder mehr und sie gab einen abfällig-belustigten Laut von sich.

“Was denn?”, schnaufte der Mann neben ihr heiter “Ich wette, du bist verdammt gut in sowas.”

“In was?”, gab die Schwarzhaarige mit Unterton zurück.

“Im… ‘Handel’ mit Leuten vom Festland?”, grinste der Axtkämpfer gespielt unschuldig “Komm, sicherlich erwischen wir dabei mal ein paar Redanier. Die kannst du doch nicht leiden.”

An diesem Punkt angekommen lachte Anna auf. Es ging einfach nicht mehr anders, denn das hier war absurd.

“Du bist betrunken!”, sprach sie das Offensichtliche aus und Hjaldrist zuckte schlicht die Achseln.

“Und das ist gut so.”, glaubte er.

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