Kapitel 145 (Buch 5, 22)

sie konnte nicht zurück

Hjaldrist breitete die Arme aus, als wolle er Anna, die ihn so feindselig anstarrte, dazu einladen ihn zu umarmen. Er bot sich völlig dar, anstatt selbst zur Waffe zu greifen, denn niemals hätte er ihr bewusst wehtun wollen. Ja, wie käme ER denn dazu sie zu attackieren? Doch Anna hingegen, schritt mit grimmiger Miene und Kampfmesser in der Rechten auf Hjaldrist zu. Ein fester Ruck. Ein unglaublicher Schmerz. Der Undviker atmete ein gequältes Stöhnen. Dann ein Pochen wie auf Holz. Ein lautes Klopfen. Zweimal, dreimal. Hjaldrist schreckte hoch und sah völlig konfus um sich.

“Bruder!”, Haldorn platzte keinen Moment später schon zur kleinen, dunklen Kajüte unter Deck der Seeschlange herein. Er hatte ein Öllicht dabei und wahrscheinlich was es noch früh. Viel zu früh für den Geschmack des Jarls, dem der Kopf vom Met noch etwas schwirrte. Scheiße.

“Bei Hemdall…”, ächzte er und setzte sich etwas gerader hin, bevor er sich mit zugekniffenem Auge an den armen Schädel fasste. Tat jener tatsächlich ob des Alkohols weh? Oder weil Hjaldrist einmal wieder mies geträumt hatte? Er war noch immer ganz verwirrt. Der Axtkämpfer hatte vor wenigen Stunden und zusammen mit Anna den schweineteuren Honigwein aus Faroe leergetrunken. Die Besagte war dann irgendwann mit einem knappen Gruß auf den Lippen gegangen. Dann hatte sich der beschwipste Hjaldrist hingelegt und war binnen Minuten eingedöst. Und nun?

“Du musst sofort kommen!”, bestand Haldorn, der mit dem flackernden Licht vor dem leicht zerrupften Älteren herumwedelte und Hjaldrist’s Kehle verließ ob dem ein genervter Laut.

“Was ist denn…?”, murrte er patzig. Was konnte schon so dringend sein, dass Haldorn hier solch einen Tamtam machte und nicht einmal wartete, nachdem er angeklopft hatte?

“Das Segel ist hin.”, rückte der bärtige Pirat sofort mit der Sprache heraus “Und die Ruder auch.”

Hjaldrist stutzte heftig.

“Bitte was?”, maulte er und sah sofort todernst auf.

“Jemand hat das Segel zerschnitten und die Ruder sind teils fort, teils zerbrochen. Einfach so. Als hätte ein Riese sie zerknickt.”

“Nicht im Ernst.”

“Doch.”

Sofort schwang Hjaldrist die Beine vor das schmale Bett und erhob sich. Sein brummender Kopf wurde vorerst zur Nebensache und seine warnende Traumvision, die er in den letzten Monaten immer und immer wieder sah, vergessen. Adrenalin brandete in seine Adern und er fasste nach seinem blaugrünen Mantel, um ihn sich über die Schultern zu ziehen.

“Hat nicht jemand Wache gehalten?”, wollte der Mann wissen und strich sich die unordentlichen Haare beiläufig zurück “Wir stellen doch immer zwei Leute auf.”

“Ja, Ulfrik und Hertha.”, erklärte Haldorn, als er seinem Bruder Sekunden darauf nachlief. Schnellen Schrittes hielt der Jarl aus seinem Zimmerchen und hinaus auf den Gang, der zur Treppe nach oben führte. Im Vorbeigehen pochte er mit der Faust zweimal an die Türe von Thure und Mathilda, damit die beiden Huskarle sofort kämen. Diese Leute waren auf Reisen permanent in Bereitschaft. Und selbst zuhause standen sie, dank ihres Trainings, schnell zur Verfügung, wenn man sie nachts brauchte. Einen eingeschworenen undviker Leibgardisten aufzuwecken war gefährlich, denn diese Krieger schliefen mit Waffen neben dem Bett und fuhren bei jeder noch so kleinen Berührung oder Ansprache hoch.

“Und wo sind Ulfrik und Hertha nun?”, wollte Hjaldrist wissen, als er die hölzernen Stufen erreichte, die von einem schönen, dunkel gestrichenen Geländer in Schlangenform begleitet wurden.

“Oben.”, machte Haldorn brummig “Und sie geben vor niemanden gesehen zu haben. Sie meinen es nicht bemerkt zu haben, dass man das Segel und die Ruder ramponiert hat. Die lügen doch! Oder sie haben im Dienst geschlafen!”

Den Jarl ereilte eine düstere Vorahnung, als er dies vernahm und ein Schatten huschte über sein Gesicht. Dieser dunkle Ausdruck wurde auch nicht besser, als er, am Schiffsdeck angekommen, Anna sah. Und nicht nur sie war da. Auch Sigbjørn, zwei Männer der Mannschaft, die aussahen, als habe man sie erst aus dem Schlaf gerissen, Hertha und Ulfrik, standen herum. Doch an der Novigraderin, die kopfschüttelnd neben dem Ersten Maat stand und sich die Hände in die Seiten stemmte, blieb der durchdringende Blick des Clananführers kleben. Sie trug nicht mehr, als eine Stoffhose, ein ärmelloses, weites Hemd und ihre schief sitzende Jacke. Nicht mal Stiefel hatte sie an, was dafür sprach, dass Silven sie im Schlaf übernommen haben musste. Umgehend marschierte Hjaldrist auf die Alchemistin zu und ignorierte das besorgte Geplapper seines Bruders, der in die Richtung des in vielen Fetzen hängenden Segels deutete.

“Anna!”, rief Hjaldrist die Besagte an und sie sah sich über die Schulter nach ihm um. Und der Skelliger wusste sofort, was Sache war. Denn als er das Gesicht der Frau erblickte, bemerkte er die ungewohnte Mimik und die unpassende Arroganz in ihrem Ausdruck. Und ihre Augen… waren anders. Vielleicht kam es Hjaldrist nur so vor, aber das Schwarz darin erschien noch tiefer, wenn ‘er’ anwesend war.

“Ja?”, fragte Silven unschuldig und niemandem hier fiel auf, wie verändert Anna war. Kein Anwesender kannte sie so gut, wie Hjaldrist. Und das war just sehr, sehr gut so.

“Komm mal bitte.”, bat der Jarl und versuchte sich nicht auffallend feindselig zu verhalten. Er wahrte ein unscheinbares Gebärden und bemerkte nebenher mit Erleichterung, wie Haldorn all die anderen an Deck zusammensammelte, um mit ihnen zu sprechen. Er schimpfte mit denen, die er heute Nacht als Wachen aufgestellt hatte und dies zog all die Aufmerksamkeit auf sich. Gut. Denn so ließ man Hjaldrist und dessen Widersacher aus Verden links liegen.

Während der Jarlsbruder also palaverte und Leute zusammenstauchte, kam Silven ganz galant zu Hjaldrist spaziert, der ihn mehr und mehr böse anstarrte.

“Du warst das. Wie hast du es angestellt, hm?”, sagte der wütende Axtkämpfer mit gesenkter Stimme und drehte den anderen Leuten an Deck den Rücken zu. Mathilda und Thure kamen an Deck gelaufen und sahen sich empört um. Silven lachte leise und am liebsten hätte der Undviker ihm die Fresse poliert. Leider gehörte eben jene aber Anna und er würde den Teufel tun sie zu schlagen.

“Ihr kommt nicht von hier weg.”, erklärte der Aen Saevherne überflüssigerweise “Wir werden bleiben und auf das Fest von De Capries gehen. Es wird wunderbar werden, Ihr werdet sehen.”

Hjaldrist biss die Zähne knirschend aufeinander, als er aus den Augenwinkeln zu dem Elfen sah, der hier schon wieder gefährliche Spielchen trieb. Es rieb den Jarl unsagbar auf dabei Anna anblicken zu müssen und zu wissen, dass er ihr nicht helfen konnte. Ihre tiefschwarzen, kalten Augen musterten ihn schadenfroh. Und mit einem Mal wurde sich Hjaldrist der Kette Nyras gewahr, die er seit der Begegnung mit eben jener Zauberin um den Hals trug: Unter dem Hemd, verdeckt. Die ‘Puderquaste’ aus Pontau hatte damals, im Bogenwald, gesagt, dass Hjaldrist die grüne Kette nur in Kontakt mit Anna’s Körper bringen müsste, um Silven für eine kleine Zeit zu bannen. Ob sie Recht gehabt hatte? Bisher hatte man dies nicht ausprobieren können...

“Nein, wir gehen nicht auf das Fest.”, entschloss der Skelliger und vielleicht reagierte er ja zu vorschnell. Womöglich hätte er den wölfisch schmunzelnden Silven noch etwas ausfragen sollen; über dessen Pläne hier, die er ganz offenbar hatte, und De Capries. Aber das tat der aufgewühlte Hjaldrist nicht. Denn kurzum kam er vor den Elfen, zog sich die Kette Nyras aus dem Ausschnitt und riss sie sich ab. Mit dem Artefakt in der Hand, stierte er sein Gegenüber aus schmalen Augen an. Er konnte einfach nicht anders.

“Du hast nicht die Macht, die du zu haben glaubst, du überzogenes Arschloch.”, wisperte der verärgerte Jarl noch, dann drückte er Silven den grünen Anhänger schon an den tätowierten Unterarm. Er umfasste jenen fest, das magisch aufglimmende Medaillon zwischen seiner Handfläche und Anna’s Haut. Und augenblicklich reagierte die Frau. Hjaldrist hatte ehrlich gesagt schnell stumme Stoßgebete gen Himmel geschickt, auf dass dies hier funktionieren möge und er sich nicht vor dem grinsenden Silven blamiere. Doch dass es so schnell klappen würde, hätte er sich nicht gedacht. Denn abrupt ging die wehleidig japsende Anna nieder. Sie schnappte kehlig nach Luft, sackte in sich zusammen und ihr Freund hielt sie auf halbem Wege auf, bevor sie sich noch die Knie aufschlug: Hjaldrist fasste geistesgegenwärtig nach vorn und fing die locker gekleidete Jüngere auf, als sie damit begann wie von Sinnen zu reden. Aus gepeinigten Augen sah sie in die Leere, als wäre sie gar nicht hier. Grünlich schimmerte der arkane Anhänger, der Hjaldrist beinahe aus der Hand gefallen war und nur langsam verblasste dessen fahles Licht.

“Ich kann nicht…”, keuchte Anna leise “Ich kann nicht zurück. Nie wieder.”

Verwirrt wollte der Mann die Murmelnde wieder auf die Beine ziehen, doch sie war auf einmal so kraft- und antriebslos, dass sie sich nicht einmal an ihm festhielt. Es war, als habe sie sich mit einem Mal aufgegeben.

“Ich kann nicht zurück…”, schluchzte sie wieder und immer wieder und mit einem Mal brach sie unhaltbar in Tränen aus. Es war der Punkt, an dem sich Hjaldrist, so baff er auch war, dazu entschloss mit ihr in die Hocke zu gehen und die wackelige Novigraderin auf dem kalten Boden abzusetzen. Unschlüssig und mit aufkeimendem Mitgefühl betrachtete er sie. Was redete diese Idiotin da denn nur? Anna’s Schultern bebten leicht, als sie auf ihre Hände hinabsah. So, als sei ihr soeben irgendetwas Kostbares durch die Finger gerieselt, wie feiner Sand. Und sie schniefte und schüttelte den Kopf ungläubig. Es war, als fühlte sie sich ganz allein auf der weiten Welt. Und Hjaldrist vernahm plötzlich einen kleinen Anteil ihrer erdrückenden Gedanken. Starrsinn, Einsamkeit, Riedbrune, Armut. Ein weites Feld, Kälte, ein treues Pferd. Und riesenhaftes Vermissen.

“Ich kann nicht-”, fing Anna abermals wie bei einer Beschwörung an, doch ihr Kumpan unterbrach sie. Dies auch, um selbst nicht noch mehr von dem mitbekommen zu müssen, was in seiner Freundin vor sich ging. Denn es tat weh.

“Anna.”, sprach er die Frau vor sich hastig an und sie erschrak nahezu, als sie seine Stimme vernahm. Ihr vernehmliches Denken riss ab und war fort. Vollkommen entgeistert und aus gläsernen Augen blickte Anna einen Herzschlag später auf und sah Hjaldrist an, als fasse sie es nicht ihn zu erkennen. Gleichauf schien ihr langsam gewahr zu werden, wo sie sich befand. Sie fing an zu verstehen, dass sie nicht alleine war. Und dass sie es zurück geschafft hatte, obwohl sie früher nicht mehr daran geglaubt hatte.

“Was...”, atmete sie “W-was ist denn…?”

Anna äugte gläsernen Blickes wirr um sich, als müsse sie sich erst orientieren. Ihre dunklen Augen wanderten über das weitläufige Deck und die ihr bekannten, versammelten Männer hier. Über Haldorn und Sigbjørn, die just auf sie aufmerksam wurden. Über ihre Arbeitskollegen Matilda und Thure, die die Arme über den Köpfen zusammenschlugen, als sie das Segel taxierten, und zurück zu Hjaldrist.

“Hjaldrist? Was ist mit ihr?”, rief der Erste Maat herüber, doch der Jarl ignorierte dies vorerst. Denn noch immer musterte er Anna verwundert; darüber, dass Nyra’s Kette tatsächlich funktioniert hatte und auch ein wenig darüber, dass sich seine beste Freundin gerade so eigenartig verhalten hatte. Es war gewesen, als habe die Magie im grünen Artefakt sie kurzzeitig ganz woanders hingeschickt. In den Norden und weit fort. In die Vergangenheit. Diese Tatsache war imposant und respekteinflößend zugleich. Doch vor allem ungewollt.

“Es hat geklappt...”, flüsterte Hjaldrist Anna zu und zeigte ihr das Medaillon in seiner Rechten. Sie senkte den Blick darauf und es war schwer zu sagen, was sie sich dabei dachte. Verstand sie? Die Giftmischerin sah gleich wieder auf und holte Luft zum Reden. Im letzten Augenblick ließ Anna es jedoch bleiben, weil sie wie immer keine passenden Worte fand. Stattdessen beugte sie sich im Sitzen einfach vor und umarmte ihren geduldigen Gefährten eng. Sie tat dies, als hätten sie beide sich seit einer Ewigkeit nicht mehr gesehen. Und als sei sie verdammt erleichtert darüber, dass Hjaldrist vor ihr hockte. Es war kurios, doch ließ den Jarl nicht völlig perplex zurück. Schlussendlich hatte er das, was sich da im Kopf um Riedbrune gewandt hatte, gespürt. Es war schrecklich gewesen. Und sollte es tatsächlich sein, dass Nyra eine fürchterliche Erinnerung Annas in die grüne Kette gespeist hatte, dürfte sie sich auf eine gesalzene Meinung seitens Hjaldrist bereitmachen. Denn all das gefiel ihm ganz und gar nicht.

“Hjaldrist?”, fragte Sigbjørn, der genaht war abermals und schnell steckte sich der Angesprochene Nyra’s Kette in die Tasche. Er legte einen Arm um Anna, die gerade ungewöhnlich arg klammerte, und seufzte gespielt bedauernd. Er tätschelte ihr das Kreuz nachgiebig.

“Ich sagte dir doch, dass du liegen bleiben sollst, wenn du dich nicht gut fühlst.”, machte er und spielte dem Ersten Maat damit etwas vor, um seine besessene Freundin zu decken “Auch Huskarle bleiben im Bett, wenn sie krank sind, Arianna.”

Sigbjørn, der bei den Freunden stand, wirkte schon weniger ratlos, als er diese mahnenden Worte hörte. Und sein Argwohn wurde zu Mitleid. Das war wirklich knapp gewesen.

“Soll ich ihr zurück unter Deck helfen?”, fragte der loyale Seebär, doch Hjaldrist schüttelte den Kopf.

“Nein. Ich mach das schon.”, sagte der Jarl sogleich “Ich wollte so und so runter. Wärst du so nett, die Leute zusammenzutrommeln, damit wir uns unter Deck besprechen können, Sigbjørn? Wecke die anderen und sage ihnen kurz Bescheid.”

“Aye!”, brummte der ältere Skelliger pflichtbewusst und eilte schon los.

“Danke.”, nickte Hjaldrist noch. Und dann machte er sich daran Anna dazu anzuhalten aufzustehen, um langsam nach unten zu gehen. Er müsste ihr später erklären, was geschehen war, denn sobald dieser hinterlistige Silven ihren Körper übernahm, verlor sie schließlich das Bewusstsein. Und dann würde er sie fragen was zum Geier mit ihr los gewesen war, nachdem er Nyra’s Kette eingesetzt hatte, um den Elfenmagier in Anna zu bannen. Alles wollte er darüber wissen. Über das verfluchte Amulett der ‘Puderquaste’ und was eben jene damals mit Anna besprochen hatte. Denn die Reaktion der Novigraderin war gerade eben heftig gewesen. Noch immer schniefte sie leise und musste sich das letzte Wasser aus den Augen blinzeln.

“Komm hoch.”, bat der Undviker und half seiner ungewohnt sensiblen Kollegin auf die Beine. In ihr drin schien generell noch viel, viel mehr im Argen zu sein, als angenommen. Warum versteckte diese Närrin das nur immer so gut? Ihr Griff an Hjaldrist’s Ärmel war hart, als sie jetzt wieder stand, um neben ihm in den Bauch der Seeschlange zurückzugehen. Anna wirkte ganz hin und her gerissen, während ihr Begleiter still blieb, obwohl er tausend Fragen auf der Zunge liegen hatte.

“Geht es?”, wollte der Langhaarige schlicht wissen und ließ es zu, dass sich seine Freundin an seinem stützenden Arm festhielt. Oder womöglich war ‘stützend’ ja das falsche Wort. Anna bräuchte keine Hilfe beim Gehen, sondern haschte einfach nur nach mentalem Beistand. Sie bewegte den Kopf auf Hjaldrist’s Frage ein wenig und so, dass man es als Nicken deuten konnte.

“Beruhige dich erstmal.”, riet der Krieger gleich “Du solltest dich etwas hinlegen. Und später sprechen wir, ja?”

“Nein…”, widersprach die Frau “Ich kann jetzt nicht schlafen.”

“Na, dann kommst du mit zur Besprechung.”, seufzte der Jarl und stieg die Treppe gen Schiffsbauch hinab. Anna ließ schon wieder lockerer und begleitete ihn. Sie fasste zittrig nach dem Stiegengeländer, als sie sich flüchtig über die Wange wischte und tief durchatmete.

“...Besprechung?”, fragte sie und war schon wieder dabei die Schultern zu straffen und sich stark zu geben, obwohl sie unheimlich verunsichert sein musste. Denn woran erinnerte sie sich als letztes? Hatte Silven sie wirklich im Schlaf übernommen? Und was war nur passiert, als Hjaldrist die grüne Kette eingesetzt hatte? Fühlte sich Anna gerade kraftlos? Traurig? Was ging in ihr vor? Was hatte sie genau gesehen?

“Ja, Besprechung. Wir haben nämlich ein Problem.”, machte Hjaldrist, als er mit seiner Freundin gen Frachtraum ging. Sigbjørn war dort längst daran die Crew aufzuwecken und blaffte laut herum. Man konnte ihn bis in den Gang reden hören. Anna vernahm dies mit zerstreuter Miene, doch sie fragte nicht weiter nach, denn sie wusste, dass Hjaldrist bald alles aufklären würde.

Und das tat er dann auch. Vor der noch ganz verschlafenen Mannschaft und den drei Huskarlen sprach er zusammen mit seinem Bruder. Er erklärte, dass das große Segel kaputt sei und Haldorn erzählte von den zerbrochenen und teils fehlenden Rudern. Die beiden Wachen, Ulfrik und Hertha bedauerten das aufrichtigst und gaben reumütig an nicht zu wissen, wie diese Katastrophe geschehen hatte können. Sie hätten schlussendlich aufgepasst und plötzlich seien sie an einer ganz anderen Ecke an Deck gestanden, mit Schrecken in den Knochen und dunklen Gedächtnislücken. Und nur, weil Hjaldrist wusste, dass sie die Wahrheit sagten und er ahnte warum sie sich nicht erinnern konnten, brummte er ihnen keine Strafe auf. Silven war einmal wieder schuld an allem. Und womöglich hatte er die wachestehenden Skelliger manipuliert.

“Ich bin ehrlich”, fing der Jarl am Ende an “Hier, in Bremervoord, gehen eigenartige Dinge vor. Und genau aus diesem Grund wollte ich heute anordnen wieder zu verschwinden. Ich habe das nicht früh genug getan und daher haben wir nun ein ramponiertes Schiff. Das tut mir leid.”

Die Crew raunte und tauschte ratlose Blicke aus.

“Es wird das Beste sein, wenn wir möglichst zusammenbleiben und zusehen, dass wir eine Möglichkeit bekommen die Seeschlange wieder in Bewegung zu setzen.”, sprach der Clananführer weiter “Das Segel hängt in Fetzen, aber wir werden es flicken. Und wenn wir nicht mehr anderweitig an Ersatzruder kommen sollten, dann werden wir auch ohne sie von hier fortkommen.”

“Aber wir können den Hafen unmöglich verlassen ohne zu rudern!”, wand Haldorn unzufrieden ein und Hjaldrist erhob eine Hand beschwichtigend. Er schüttelte den Kopf.

“Wir KÖNNEN. Lass das mal meine Sorge sein…”, seufzte der erfinderische Langhaarige. Und seine ganze Ansprache hier tat er ohne ein einziges Mal zur blass gewordenen Anna zu sehen. Er wollte ihr nicht das Gefühl geben böse auf sie zu sein oder sie anschuldigen zu wollen. Denn sie konnte nichts für all das hier. Zu wissen, dass jemand ihren Körper missbraucht hatte, um Schindluder zu treiben, reichte doch. Hjaldrist konnte sich gar nicht ausmalen, wie sich Anna soeben fühlen musste.

“Also: Sucht all das Wachsgarn und alle Segeltuchnadeln, die ihr finden könnt und legt los.”, orderte der Langhaarige an “Ihr helft alle mit und heute Abend ist unser Segel wieder einigermaßen heile. Ich gehe solange los und sehe mich nach der Werft um. Vielleicht hat man dort ein paar Ruder für uns übrig. Arianna und Thure begleiten mich. Ihr hört solange auf Haldorn, Sigbjørn und Matilda.”

Die etwa sechzig hier Versammelten nickten und versuchten Mut zu fassen. Den würden sie noch brauchen… denn ein marodiertes Segel wäre sehr bald ihr geringstes Problem.

 

“Es tut mir leid.”, murmelte Anna betreten, als Hjaldrist nach der Besprechung zu ihr kam und wagte es nicht ihm geradeaus in die Augen zu sehen. Neben der Tatsache, dass sie ob der Aktion mit dem grünen Medaillon verwirrt war, hatte sie also offenbar auch noch ein übles Gewissen wegen Silven. Der Undviker betrachtete sie kurz. Er legte darauf nur tonlos eine Hand auf ihre Schulter und wandte sich mit ihr ab.

“Ich will, dass du bei mir schläfst.”, sagte der Jarl umgehend und das nicht ohne guten Grund. Er bemerkte, wie seine vor den Kopf gestoßene Freundin kurz erstarrte, dann aber bald verstand und kraftlos nickte. Zugegeben, auch Hjaldrist war nach seinen vorigen Worten leicht nervös geworden, doch es ging hier um etwas ganz anderes, als um gemeinsames Nächtigen, um einfach nur… also… um einfach nur beieinander sein zu können.

“Nyra’s Kette funktioniert. Und solltest du nachts wieder ferngelenkt aufstehen, bemerke ich das eher, wenn du währenddessen bei mir bist. Dann kann ich auch etwas gegen Silven tun.”, erklärte sich der Skelliger, obwohl er dies nicht müsste. Es war doch logisch.

“Hole also deine paar Sachen und bring sie in meine Kajüte.”, sagte er “Und dann lass uns reden. Ich habe Fragen.”

“...Was ist mit den anderen?”, wollte Anna jedoch kleinmütig wissen.

“Ach. Ganz im Ernst? Es ist mir an dem Punkt egal, was sie denken.”, antwortete Hjaldrist sofort ehrlich “Es ist doch augenscheinlich, dass wir uns nahestehen. Also werden sie sich damit abfinden, wenn du bei mir schläfst. Ja, bei Freya’s Titten, es ist doch bekannt, dass wir jahrelang zusammen gereist sind. In den meisten Liedern werden wir sogar nur im Doppelpack erwähnt. Im Grunde ist es doch lächerlich, wenn ich so tue, als wärst du nicht meine engste Freundin und wenn du zum Schein herumbuckelst, findest du nicht? Und sollten sie glauben, dass da mehr zwischen uns ist, ist mir das auch einerlei.”

Erst jetzt sah Anna auf und taxierte ihr gegenüber verblüfft. Sie schwieg, weil ihr gerade wohl nichts einfiel, und Hjaldrist lächelte schmal.

“Also hole jetzt deine Sachen…”, bat er noch einmal mit etwas mehr Nachdruck.

Der Skelliger musste daraufhin nicht allzu lange warten, bis die Kurzhaarige mit Schlafsack, Rucksack und kratziger Decke bei ihm im Zimmer auftauchte. Mehr hatte sie nicht dabei. Und Anna sah leicht verloren aus, als sie so in die Kajüte eintrat. Hjaldrist hatte sein Kissen und seine Wolldecke schon an sich genommen und zusammen mit einem dicken Bärenfell auf den Boden geworfen. Als er aufblickte und seine Kameradin betrachtete, wies er gen Schlafgelegenheit.

“Du schläfst am Bett.”, beschloss er “So musst du über mich drüber, wenn du zur Tür willst. Mag sein, dass ich dadurch nicht aufwache, wenn wir Pech haben, aber immerhin haben wir es versucht.”

Ein wenig belämmert aussehend blinzelte Anna auf dies hin und ließ den Blick gen Matratze wandern. Es war, als glaube sie das hier nicht. Wieso? War es ihr so befremdlich, dass Hjaldrist heute ab und an eine Krone aufhatte? Sie beide hatten damals, vor weniger als zwei Jahren noch zusammen in Betten geschlafen, also sollte sich die Nordländerin nun nicht so anstellen.

“Mir wäre es auch lieb, wenn du hier, in Bremervoord, generell in meiner Nähe bleibst.”, setzte der Undviker nach und dies nicht ganz ohne schlechtes Gewissen. Anna an der kurzen Leine zu halten war selten eine gute Idee. Sie hasste so etwas. Und dennoch ging es nicht anders, wenn man auf sie ‘aufpassen’ müsste. Und das sollte man hier tun, wo Silven scheinbar irgendetwas mit De Capries plante.

“In Ordnung…”, sagte die Frau zögerlich. Dann kam sie endlich näher, um ihre Sieben Sachen auf dem schmalen Bett abzulegen. Sie wirkte am Rande noch immer ganz zerknirscht. Hjaldrist, der das beobachtete, atmete tief durch die Nase aus und sah dabei zu, wie Anna noch ihren Rucksack abstellte. Kleine Trankfläschchen klimperten darin und es war ein ungemein gewohntes Geräusch. Ob sie neben Schwalbe noch irgendwelches Gebräu dabeihatte?

“Mach dir keine Vorwürfe.”, riet Hjaldrist dann “Es ist nicht deine Schuld. Ich meine… was heute passiert ist.”

“Ich versuche es…”, versprach die Jüngere, tat sich jedoch sichtlich schwer dabei. Doch immerhin lächelte sie ganz, ganz schwach. Das war eine große Besserung, wenn man daran dachte, wie sehr sie sich in der vergangenen Zeit mit Schuldgefühlen herumgeplagt hatte. Und vielleicht - nein, bestimmt - freute sie sich sehr darüber nun bei ihrem Freund nächtigen zu können. Man musste eben ab und an auf die guten Dinge in schlimmen Miseren achten.

“Anna?”, machte der anwesende Undviker wenige Momente später noch. Er hatte sich just auf der Truhe am Bettende niedergelassen, während die von ihm Angesprochene noch ihre Decke zurechtlegte. Sie sah fragend auf und hielt inne.

“Ab wann hast du eine Gedächtnislücke?”, wollte der Mann ernst wissen und Anna atmete einmal durch, als helfe ihr das mit der Situation fertigzuwerden.

“Ich ging schlafen.”, erklärte sie gleich “Und dann kam ich erst an Deck wieder zu mir. Als du… als du da vor mir hocktest. Ähm, ja.”

“Mh, verstehe…”, brummte Hjaldrist grüblerisch und betrachtete seine Gefährtin forschend “Und wie war das für dich?”

“Was…?”

“Der Moment, in dem du wieder du wurdest.”

Die Stehende verstummte, klappte den Mund zu und sah ihren neugierigen Freund beklommen an.

“Du bist in Tränen ausgebrochen.”, erinnerte jener und verriet indes nicht, dass er die quälenden Gedanken Annas währenddessen gehört hatte “Und du hast davon geredet, dass du ‘nicht zurück könntest’. Wohin zurück?”

Die sichtlich getroffene Kriegerin wich dem Blick Hjaldrist’s aus. Sie schob Worte in ihrem Mund hin und her, das sah man ihr an. Doch sie spuckte sie nicht aus.

“Lass gut sein.”, bat sie bloß und dies kam irgendwo überraschend. Offenbar empfand sie das Thema als äußerst plagend. Bekümmert sah sie vor sich hin.

“Was hat Nyra mit dieser Kette gemacht?”, hakte Hjaldrist aber nach. Denn nein, er würde es nicht bleiben lassen. Er fasste in seine tiefe Tasche und zog daraus das grüne Amulett hervor, an dem eine zerrissene Kette hing. Der Edelstein flimmerte längst nicht mehr und man hätte meinen können, er sei nur ein gewöhnliches Schmuckstück. Auf der flachen Hand hielt der Jarl das Scheißding hoch. Anna sah nur schleppend wieder zu ihm und ihre Aufmerksamkeit fiel auf das magische Amulett in der Hand ihres Kollegen. Er schnaubte unschlüssig und zog die Brauen zusammen. Hjaldrist verlangte gute Antworten.

“Hm?”, machte er mit Nachdruck und eine Pause entstand.

“Sie hat die Kette verzaubert.”, antwortete Anna dann endlich und sprach dabei die Wahrheit. Dennoch reichte dies Hjaldrist nicht. Er war HIERIN verbandelt und das ganz schön eng. Er wollte unbedingt im Bilde sein.

“Und weiter? Wie? Wie wirkt sie?”, fragte er nach.

“Ich… weiß nicht.”, Anna’s schwarze Augen wanderten ganz, ganz kurz zur Seite fort, als sie dies vorgab. NUN log sie also. Und nervös schluckte die Frau, die sich hier viel zu sehr verschloss. Der Undviker konnte ein bedauerndes Seufzen nicht zurückhalten und die Giftmischerin im Zimmerchen linste wie ein getretener Hund zu ihm zurück. Stille.

“...Sie hat eine Erinnerung in die Kette übertragen.”, rückte sie dann, nach einer quälend angespannten Weile mit der Sprache heraus “Eine Erinnerung von mir.”

“Eine schlechte.”, stellte Hjaldrist fest und sah, wie die Kurzhaarige den Kopf abschätzend wiegte. Dann nickte sie zögerlich.

“Kann man so sagen. Eigentlich. Ja.”, gab sie zu und der Undviker schnalzte unzufrieden mit der Zunge. Er warf Nyra’s Medaillon lieblos auf das Bett, als sei es Unrat, den er angefasst hatte.

“Was für ne Bullenscheiße...”, fand er mürrisch und Anna hielt nicht gegen diese Meinung an. Natürlich nicht. Gerade SIE dürfte es doch als grausam empfinden in irgendwelche schlimmen Gedankenbilder geschleudert zu werden. Und dennoch…

“Es vertreibt Silven.”, sagte sie ganz pragmatisch “Und das ist, was zählt.”

Hjaldrist musterte seine Freundin auf diese Worte hin wenig begeistert. Doch er musste sich eingestehen, dass sie schon Recht hatte. Leider.

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