Kapitel 146 (Buch 5, 23)

Ansichten und Gefühle im Wind

Schon als Hjaldrist die Seeschlange am nächsten Vormittag verließ, erkannte er, dass nicht nur irgendetwas nicht stimmte, sondern dass alles immer obskurer wurde. Also, NATÜRLICH war die Atmosphäre in Bremervoord seit dem Besuch bei De Capries kryptisch und schlecht, doch leider kam es noch schlimmer: Als der Jarl von Bord trat, um auf den langen Hafensteg zu gelangen, hing ein Licht über der Stadt, wie man es von der Morgendämmerung kannte. Nur, dass eben jene schon längst vorbei und die Sonne am Himmel stehen sollte. Dem war aber nicht so und der Himmel war unwirklich rötlich-orange. Der Skelliger hielt inne und hob den Blick, sah sich nach dem Horizont um und lauschte. Das Meer war seltsam ruhig. Und die Tiere auch. Keine einzige Möwe schrie hier und es war totenstill. Eine drohende Vorahnung lag in der Luft, die Hjaldrist nicht behagen wollte. Er fröstelte unwohl.

“Komisches Wetter...”, fiel es Thure ein, der hinter seinem Anführer vom prächtigen Schiff kam. Dem Bärtigen folgte Anna und beide Huskarle steckten, wie immer im Dienst, in ihren schwarzen Gambesons und den Tartanschärpen. Sie waren schwer bewaffnet und aufmerksam. Und während sich Thure offenkundig beunruhigt umsah, wirkte die Novigraderin im Bunde absolut gedankenverloren. Hjaldrist’s braune Augen streiften sie einmal kurz, doch er entschied sich dazu die abwesend wirkende Frau nicht auf ihr Gemüt anzusprechen. Das würde schon wieder werden. Sie hatte es eben nicht leicht.

“Mhm.”, machte er also nur auf die Äußerung seines Gardisten hin, der jetzt neben ihn kam “Ich sagte doch: Irgendetwas geht hier vor. Und besser, wir beeilen uns und sehen zu, dass wir in der Bootsbauerei Ersatzruder oder ähnliches bekommen.”

“Ja.”, nickte Thure “Ich finde, wir sollten bald weg von hier. Dieser De Capries war mir gegen Ende echt suspekt und der Himmel sieht seltsam aus. Ich habe so etwas noch nie gesehen.”

Anna schloss zu den zwei Männern auf.

“Und du, Arianna?”, wollte der nette Huskarl wissen, als er zur Genannten äugte. Er lächelte leicht und wollte sie wohl einbinden, um sie in das Hier und Jetzt zu holen.

“Was?”, machte sie knapp und hob den Kopf.

“Ob du schon einmal einen roten Himmel gesehen hast, fragte ich.”, wiederholte sich Thure geduldig.

“Pff.”, atmete die burschikose Frau und zuckte die Achseln “Nein. Aber ist doch egal. Wir hauen eh ab, oder nicht?”

Ihre Antwort klang absolut schnippisch und augenblicklich erschien die zuvor noch so Nachdenkliche merklich genervt. Sie musterte Thure abfällig und dann wichen ihre wenig begeisterten Augen gen Hjaldrist. Anna schüttelte den Kopf. So, als glaube sie irgendetwas nicht; Als habe der Jarl irgendetwas absolut Verachtungswürdiges angestellt. Nur was? Was war denn plötzlich los? Er kräuselte die Brauen verwirrt.

“Hm…?”, entkam es dem innerlich alarmierten Hjaldrist langsam und er taxierte seine Freundin eingehend “Stimmt was nicht?”

“Einiges stimmt nicht, ja. Gut erkannt.”, kam es gleich patzig zurück und das so augenscheinlich, dass der pflichtbewusste und eidestreue Thure ganz große Augen bekam. Er stierte entrückt, weil ein Huskarl es hier gerade wagte ein Clanoberhaupt dumm anzumachen. Beide galten auf Undvik zwar als Helden, dennoch änderte dies nichts an der Hierarchie und den Schwüren vor den Göttern. Sprachlos betrachtete Thure Anna demnach, ehe er zögerlich gen Hjaldrist linste, der nur die Stirn runzelte. Hatte die hier stehende Nordländerin denn nicht angedeutet, sie bekäme ihre Mondblutung seit Silven’s Experimenten nicht mehr? Was war denn auf einmal mit ihr los? Hatte sie etwa gelogen und steckte sie momentan in ihrer… nun ja, ‘schwierigen Zeit des Monats’? Wenn ja, kannte Hjaldrist ihre kurzen Seitenhiebe und Launen schon gut. Aber dennoch. Früher und anders als gerade eben hatte es für Anna, trotz ihrer wiederkehrenden Quälerei, auch immer einen Grund gegeben übertrieben mürrisch auszuholen. Oft einen sehr kleinen und lächerlichen - einmal hatte Hjaldrist ihr grinsend Trockenfleisch gemopst und sie hatte ihn dafür angeschrien -, aber so waren Frauen halt. Der einfühlsame Kerl hatte Anna ihr Gemecker nie übel genommen.

Die Kurzhaarige schnaubte ärgerlich, wich den Blicken der wirren Männer aus und ging dann einfach mit wehendem Mantel an ihnen vorbei. Hjaldrist sah ihr entnervt nach und ignorierte den baffen Blick von Thure vorerst. Es war neu, dass die im Moment so fügsame und umgängliche Kriegerin herumschimpfte und Leute Undviks totstarren wollte. Besonders ihren besten Freund und Jarl hatte sie seit ihrer ‘Wiederkehr’ immer sehr vorsichtig bedacht, weil sie das schlechte Gewissen nagend im Nacken sitzen hatte.

“Ähm-”, fing Thure jetzt planlos an, doch der gelassenere Hjaldrist winkte erstmal ab. Er hatte gerade keine Lust darauf ein kleines, persönliches Drama am Steg loszutreten, weil Anna womöglich Rücken-, Unterleibsschmerzen oder einen brummenden Schädel hatte. Daher würde er sie nicht mehr ansprechen, bis sie wieder eine lockere Miene zöge. Denn deren aneckendes Gemaule konnte ihm gerade gestohlen bleiben, ganz ehrlich. Das, obwohl er keinerlei Ahnung hatte, was ihre Wut soeben so sehr heraufbeschworen hatte. Hatte er etwas falsches gesagt oder getan? Hatte Thure etwas angestellt, von dem der Jarl nichts wusste? Hjaldrist hatte keinen Schimmer. Aber er würde es später schon noch herausfinden. Dann, wenn er mit seiner grummeligen Freundin allein wäre und nicht vor den neugierigen Augen eines zweiten Huskarls stünde.

 

Anna’s Laune besserte sich keineswegs und wurde vom von früher bekannten Gemurre zum absolut unpassenden, eigenartigen Zorn. Als Thure, Hjaldrist und sie die Bootsbauerei etwa eine Stunde später verließen, wirkte sie völlig aufgewühlt und verärgert. Schweigend schritt sie an Hjaldrist vorbei, als jener zurück auf die Docks ging und ein Schatten huschte über ihr Gesicht. So, als habe man sie beleidigt und als schlucke sie eine riesengroße Wut hinunter, mutete sie an. Der Jarl mit dem feinen Gespür für diese Dinge beobachtete das mit unsäglicher Skepsis, doch schwieg auch weiterhin. Dies jedenfalls solange, bis seine Kumpanin am Rückweg zum Schiff auf einmal nach links, gen Stadtzentrum, abbiegen wollte, anstatt wieder am heute so verlassenen Hafen entlang zu halten. Thure blieb sofort stehen und sah der etwas Kleineren verwirrt nach. Auch Hjaldrist hielt an. Sogleich holte er Luft und erhob die Stimme streng. Es reichte.

“Arianna!”, sagte er und die Frau mit der grün-blauen Schärpe blieb nicht stehen. Der Undviker atmete einmal tief durch. GANZ tief.

“Thure… gehe bitte zurück zum Schiff, ja?”, machte er “Ich hole Anna und komme dann nach.”

“Uhm… in Ordnung.”, seufzte der Huskarl verunsichert. Bevor er sich jedoch zum Gehen abwendete, sah er noch einmal in die Richtung seiner Kollegin. Große Sorge lag in seinem Blick. Es war dem aufmerksamen Hjaldrist schon lange aufgefallen, dass der wenig Jüngere sich immer sehr um Anna scherte und sich andauernd nach ihr erkundigte. Er war einer der erstaunlich vielen Gardisten, die diese Frau gerne hatten, obwohl jene oft für sich allein und selten unter Leuten war. Und er war vor allem ein guter Kerl. Es war klar, dass er sich fragte, was mit der Alchemistin los sei. Und wer wusste schon? Wahrscheinlich schwärmte er für sie.

“Bis gleich.”, sagte Hjaldrist noch an Thure gerichtet, dann eilte er auch schon mit flatterndem Überwurf hinter Anna her, um sie zur Rede zu stellen. Es konnte an diesem Punkt nämlich nicht eingehen, dass sie grundlos finster starrte, herumschnauzte und dann einfach so ging. Das in einer Stadt, über der eine eigenartig düstere Magie lag und in der ein gefährlicher Vampir lauerte. Der und Silven. Hjaldrist wollte wissen, was im Kopf der Giftmischerin aus Novigrad vorging und zwar gleich. Sie wirkte so fremd.

“Arianna!”, rief er der grimmigen Kurzhaarigen also auffordernd nach und holte sie im schnellen Schritt auch umgehend ein. Er kam neben sie, wandte sich ihr zu und fasste nach ihrem Arm. Doch sie schlug seine haschende Hand abrupt fort und dies so barsch, dass es wehtat. Der getroffene Undviker stutzte und hielt sich die Finger.

“Fass mich nicht an!”, zischte die Schwarzhaarige und erst jetzt blieb sie stehen. Ihr Blick war furios, als sie von der Seite aus zu ihrem ratlosen Freund sah. Hjaldrist’s Mundwinkel zuckte zur Seite. WAS passierte hier?

“Lass mich einfach in Ruhe!”, grollte Anna jetzt und sah den Undviker an, als sei er… als sei er ihr Feind. Und er glaubte diesen stechenden Ausdruck auf dem Gesicht seiner Kumpanin schon einmal irgendwo gesehen zu haben. Nur wo? Und vor allem: Wann und warum? Er hatte nichts getan!

“Anna, was ist los?”, wollte der empörte Hjaldrist sofort wissen und trat näher, doch die Andere wich sofort vor ihm zurück, als er die Hand anhob und ihr die beschwichtigend an den Unterarm legen wollte. Dieses Verhalten traf ihn hart. Ja, überraschenderweise verletzte es ihn tief in ihm drin.

“Nein! Fass mich nicht an, du Bastard!”, fauchte die Kurzhaarige und der Skelliger erstarrte ob dieser harten Phrasen. Anna war eine raue Person, ja. Doch niemals würde sie Hjaldrist einfach so übel beschimpfen. Sie wusste ganz genau was sich gehörte, obwohl sie manchmal nicht so erschien. Seine Augen wurden demnach verdutzt weit und sein Mund stand ihm einen kleinen Spalt offen. Das hier fühlte sich an, als sinke die Temperatur rapide. Es brachte den Mann durcheinander und dies auf keine gute Weise.

“Was? Ich habe-”, widersprach er und stammelte dabei sogar ein wenig. Doch man ließ ihn nicht ausreden und erklären.

“Und lass mich in Ruhe!”, endete die Zornige, deren Zähne grantig knirschten. Verächtlich spuckte sie aus. Was… was sollte das? Was war mit ihr? Das hier war nicht Silven. Das war Anna. Aber-

“Mit mir kann man es ja machen, was?”, schnaufte die Kräutersammlerin und lachte verachtungsvoll auf. Sie beutelte den Kopf und das freudlose Gelächter schwand schnell wieder. Ihr Ausdruck wurde steinhart; zu einer Maske aus Gram, Wut und Hass. Es war verstörend sie so zu sehen. Und es stach Hjaldrist’s Herz so unangenehm, verdammt.

“Du behandelst mich, wie ein dummes Hündchen, das dir wie selbstverständlich hinterher rennt und die Drecksarbeit für dich erledigt!”, erhob Anna die Stimme wieder. Sie schrie schon fast, als sie anschuldigend auf ihr Gegenüber zeigte. Ihr Zeigefinger tippte Hjaldrist gegen die Brust.

“Du stellst alles über mich, ALLES! Ich schreie eine Schlampe mit Blut in der Fresse an und was tust du? Du sagst, ich hätte dich vor ihr bloßgestellt und stutzt mich zurecht! Vor irgendeiner dahergelaufenen Alten, Hjaldrist! Und das obwohl du weißt, was ich von dir - von uns - denke!”, setzte die brodelnde Frau ihre Tirade fort und ließ Hjaldrist damit völlig sprachlos zurück. Gleichauf kamen ihm diese Worte so, so bekannt vor. Nur weswegen? Er hatte sie schon einmal gehört, ganz sicher.

“‘Uh! Jemand bricht mir den Finger!’”, mimte die Wütende jetzt in einer grimmig-belustigten Parodie “‘Anna ist Schuld! Anna ist zu langsam! Mein Huskarl funktioniert nicht richtig!’. Oh ja. Ich sitze heulend vor der verschissenen Taverne und was tust du? Du machst dich über mich lustig und blaffst mich an, weil ich, die ach so schlechte Leibwache, nicht so springe, wie du es willst! Mir ging es ungeheuer schlecht, und was tust du? Pah! Wie konnte ich nur glauben-”

Anna schaffte es nicht diesen Satz zu beenden, sondern gab stattdessen nur einen frustrierten Ton von sich. Sie gestikulierte, als sie sich immer weiter in Rage redete und ihre Augen waren glasig. Hjaldrist’s Blick wanderte derweil unstet und er wusste weder was tun, noch was sagen. Er hatte keine Ahnung, was er denken sollte. Seine Zunge lag ihm im trockenen Mund, wie Blei. Er ballte die Hände zu Fäusten.

“Ich dachte, wir seien beste Freunde! So lange klammerte ich mich an diesen Gedanken!”, spie die rasende Anna “Aber das sind wir nicht! Du bist der tolle, große Jarl und ich? Ich bin nur das dumme Anhängsel, das permanent den Kopf hinhalten muss! Der Dreck aus dem Armenviertel Novigrads! Ha. Es reicht!”

Hatte Silven seine Finger hier etwa wieder im Spiel? Manipulierte er Anna soeben von innen heraus? Der Jarl im grünen Rock wusste, dass der mächtige Elf dazu in der Lage war und dennoch verärgerte es ihn, was ihm die ehemalige Monsterjägerin hier entgegenwarf. Es erwischte ihn nämlich ungeheuer hart und wie tausende kleine, doch tiefe Messerhiebe. Denn Anna bohrte gerade in allen Wunden, die sie nur finden konnte und sie war unglaublich gut darin. Gezielt warf sie Hjaldrist Anschuldigung um Anschuldigung entgegen. Und das Schlimmste daran? Sie hatte in so vielen Punkten Recht. In Punkten, die dem Jarl, wenn er ganz ehrlich zu sich selbst war, fürchterlich leid taten. Er war eben auch nur ein Mensch. Er machte Fehler.

“Anna!”, mahnte der nervöse Skelliger nichtsdestotrotz mit düsterem Blick “Beruhige dich und zwar sofort!”

“Beruhigen?”, schnauzte die vier Jahre jüngere Kriegerin “Oh nein! Ich war all die letzten Monate über ruhig. Und das ist jetzt vorbei! Ich kann nicht länger ruhig sein. Denn was tust du denn die ganze Zeit? Du nimmst… du nimmst meine Ansichten und meine Gefühle und schmeißt sie weg. Du wirfst sie in den Wind und ich weiß nicht, wie ich sie je wieder einfangen soll, du Arschloch!”

Hjaldrist verstummte sofort.

“Und weißt du was, Hjaldrist?”, grollte Anna mit einem bizarren, feindseligen Lächeln auf den Lippen “Ich hasse dich dafür! Ich HASSE dich!”

Nach diesen schlimmen Worten ging alles ganz schnell. Hjaldrist schaffte es einfach nicht länger sich zu fassen und es ging durch mit ihm. Er biss die Kiefer so fest aufeinander, dass es wehtat, kam mit einem Mal vor und schlug wuchtig zu. So, wie sonst so oft im Traum. Er steckte all seine Wut, die er eigentlich am liebsten gegen sich selbst und Silven gerichtet hätte, in den Schlag und sah, wie es Anna’s Kopf durch eben jenen nur so herumriss. Fort waren all seine freundschaftlichen Vorsätze und die Moral hinsichtlich des Prügelns auf einmal. Die Frau bei ihm stürzte rücklings und stöhnte schmerzverzerrt auf. Blut tropfte auf die unebene Straße. Genauso, wie in der Vision, die Hjaldrist so oft ereilte. Am Boden liegend fasste sich Anna benommen an das verletzte Gesicht, die aufgesprungene Lippe und die rot triefende Nase. Und der viel zu stolze Jarl, der das mit ansah und kaum noch vernünftig dachte, stieß den Atem verbittert aus. Seine pochenden Fingerknöchel schmerzten nach der ordentlichen Rechten höllisch und seine Miene entgleiste in eine nahezu wütend-verzweifelte Richtung. Er beobachtete Anna, die vor ihm lag, stumm. Doch anstatt sich jetzt wie erhofft zu beruhigen, kam die gekränkte Nordländerin wieder auf die Beine. Sie atmete einmal hörbar tief ein und auf einmal fasste sie sich hinten an den Gürtel, um ihr Kampfmesser dort mit einem Ruck aus dessen Scheide zu ziehen. Hjaldrist weitete den Blick in bitterer Vorahnung und erstarrte sogleich abermals. Anna würde doch nicht-

Doch. Er hätte es wissen müssen, hatte diese Szene schon so oft zuvor gesehen: Anna fuhr entschlossen zu ihrem ‘Freund’ herum und marschierte schnellen Schrittes auf ihn zu, die Klinge stichbereit in der Rechten. Der überwältigte Undviker indes, breitete die Arme einfach reflexartig aus. Ja, er bot sich Anna einfach an, anstatt selbst zur Waffe zu greifen. Es fiel ihm wie Schuppen von den Augen. Dann ein heftiger Ruck. Ein unsagbarer, lähmender Schmerz auf Taillenhöhe, der bis in seinen Fuß und die Brust zuckte. Hjaldrist gab einen überforderten Laut von sich; er blinzelte und japste leise. Ungläubig sah er in die tiefschwarzen Augen, die ihn eiskalt anstarrten und dieser grauenvolle Moment schien nicht vergehen zu wollen.

“A-Anna…”, atmete der versehrte Skelliger im Schock und nahezu tonlos “Aber… ich-”

Der arge, kraftraubende Schmerz wich plötzlich, wurde ganz stumpf, und dem Verwundeten wurde es schummrig. Sein Sehfeld verschmälerte sich immer mehr und eine seichte Übelkeit ereilte ihn. Dennoch riss er den gläsernen Blick nicht von seinem Gegenüber los. Seine zittrigen Hände fassten an die Stelle an seinem Bauch, in dem eine scharfe Schneide steckte. Dies tat sie bis zum Anschlag. Und er spürte, wie ihm dort etwas warmes über die Finger rann. Blut machte ihm das Leinenhemd und die blaue Tunika feucht. Es lief an seinem Körper hinab, in die Hose und klebte jene auf dem Weg gen Stiefel an sein Bein. Götter, seine Knie wurden so weich. Und hatte er geglaubt, warnende Traumbilder verhindern zu können, wenn sie ihm am Ende in der Wirklichkeit begegneten, so hatte er sich getäuscht. Das Schicksal holte einen immer. Egal, was oder wer man war und ob man die Ausgänge längst kannte oder nicht. Hjaldrist’s Träume waren vielleicht keine Gabe. Sie waren manchmal wie ein Fluch.

Anna verzog keine Miene, als sie den Blick ihres schwer keuchenden Gegenübers erwiderte. Sie lächelte weder schadenfroh, noch schrie sie länger herum. Sie äugte bloß abschätzig. Und dann ließ sie ihr langes Messer einfach lieblos los, anstatt es wieder an sich zu ziehen. Hjaldrist knickte keine Sekunde darauf schon ein und sackte gequält stöhnend nieder. Ach, welch ein Pech das arme Winterkind nur hatte…

 

Als der verletzte Undviker irgendwann wieder zu sich kam, war es kein Aufwachen aus einem schlimmen Traum. Nein, als der bleichgesichtige Skelliger die feuchten Augen aufriss, tat er das im Fieberwahn. Und er schrie vor Angst, weil er dunkle Schemen sah. Überall waren sie. Sie waren überall.

“Hjaldrist. Shht, es ist gut!”, sprach jemand den liegenden Mann an und hielt ihn eisern an den Schultern fest. Der Jarl reagierte kaum darauf. Er wollte sich aufrichten, doch man drückte ihn nieder. Das Laken unter ihm war schweißfeucht. Seine langen Haare klebten ihm nass an der Stirn und er warf den Kopf herum, als er ein paar unartikulierte Worte in seiner Muttersprache von sich gab. Da waren weitere Stimmen, doch der Kranke erkannte in seinem Zustand kaum eine von ihnen.

“Ulf! Bringe mir Wasser!”

“Aye!”

“Komm schon, Bruder. Du hast härtere Zeiten durchgestanden, als das hier!”

“Haldorn… er braucht Ruhe.”

“Ruhe? Tse!”

Der Fiebrige wand sich derweil auf dem schmalen Bett, auf dem er lag. Er flehte heiser irgendetwas und bemerkte dabei nicht einmal, dass er es tat. Er wollte nach der schlagen, die ihn nieder hielt, doch war zu fahrig. Er schnappte nach Luft, verschluckte sich dabei und hustete kehlig. Da war jemand, der ihm irgendetwas einflößen wollte. Und die Schemen. Sie würden ihn holen, ganz bestimmt.

 

Als Hjaldrist ein zweites Mal erwachte, war es still im Raum. Er blinzelte schlaftrunken und fühlte sich absolut abgeschlagen, als er seine wackelige Sicht fokussierte. Der am Rücken liegende Mann rührte sich kein Stück, nur seine matten, leicht geröteten Augen wanderten ein wenig. Er befand sich in seiner Kajüte, ganz offensichtlich. Da war eine Tranlampe auf dem Tisch, das für ein laues Licht sorgte. Er erkannte sie aus dem Augenwinkel. Schwer atmete der Jarl aus, dann ereilte ihn der Schmerz bereits wieder und fuhr ihm stechend durch den Körper. Er zuckte leicht zusammen und biss die Kiefer fest aufeinander, fasste mit verkrampften Fingern an sich hinab und an seine pochende Seite. Hjaldrist atmete ein gepeinigtes Stöhnen. Ein dicker Verband wand sich um seine nackte Mitte und hielt ihm links, auf Taillenhöhe, eine zusammengefaltete Stoffbinde an die Haut. Nur schleppend erinnerte der zitternde Adelige sich: Da war Anna gewesen. Er hatte mit ihr reden wollen. Sie hatte ihn angegriffen und er hatte es zugelassen. Sie… sie hatte ihm ein Messer in den Körper getrieben. Und er hatte überlebt. Ja, offenkundig hatte er all das überstanden, wenngleich auch ungeheuerlich mitgenommen - körperlich, wie auch geistig. Seine Zunge klebte ihm schal am Gaumen und sein Mund war ganz trocken. Schmerzvoll seufzte der Mann und drehte den Kopf zu dem Beistelltischchen neben seiner Pritsche, um dort durstig nach einem Becher zu sehen. Doch auf einmal rührte sich hier jemand und kam näher. Der Verletzte, dessen Kopf zu sehr schwirrte, als dass er seine Gesellschaft bemerkt hätte, erschrak beinahe. Er sah zögerlich auf und sein Blick flackerte ein wenig. Da war Matilda. Die große Frau mit den halblangen, brünetten Haaren sah ihr Clanoberhaupt ernst und erleichtert zugleich an.

“Du bist wach.”, erkannte sie durchatmend “Gut. Bei Hemdall…”

“Wie… wie lange war ich weg?”, krächzte Hjaldrist leise und musste sich räuspern, um die beschlagene Kehle freizubekommen. Und als kümmere ihn sein Zustand nicht allzu sehr, sprach er weiter.

“Wo ist Anna?”, wollte er umgehend wissen und der anwesende Huskarl schnaufte, als er das hörte. Matilda schüttelte mit einem bekümmerten Lächeln auf den Lippen den Kopf.

“Ich weiß es nicht.”, gab sie zu “Thure erzählte uns, du seist mit ihr gen Stadtzentrum gegangen, als er gestern Mittag hier ankam. Wir sind sofort wieder los, um euch zu suchen, denn der Ort hier ist verflucht, ganz sicher. Aber wir fanden nur dich. Von Arianna war nichts zu sehen.”

Hjaldrist sah fort und der Zimmerdecke entgegen. Seine blasse Miene rutschte in eine bedauernde Richtung. War er enttäuscht?

“Was ist passiert, Hjaldrist?”, wollte seine Leibwache gleich wissen, als sie ihm etwas Wasser einschenkte. Der Jarl schwieg gedankenverloren und erst, als Matilda ihm den vollgefüllten Tonbecher hinhielt, setzte er dazu an den Oberkörper aufzurichten. Es funktionierte erstaunlich gut, wenngleich es auch schmerzhaft war. Der Krieger kniff ein Auge zu und fluchte.

“Ah, d’yaebl…”, presste er hervor, strengte sich an und setzte sich schlussendlich ganz hin. Er nahm das Wasser seines Huskarls darauf dankend entgegen und hatte Mühe dabei den Becher sicher festzuhalten. Seine Hände fühlten sich so kraftlos an und waren kalt und feucht.

“Also?”, wollte die Große wissen.

“Ich… bin Anna hinterher.”, erinnerte sich Hjaldrist richtig und wollte nicht lügen. Nicht direkt.

“Irgendetwas schien ihr Sorgen zu bereiten und ich wollte mit ihr sprechen. Thure ging schon mal vor. Und dann…”, eine kurze, gespannte Pause entstand, während die braunen Augen des Mannes leicht wanderten “Dann war da auf einmal eine Fremde.”

“Eine Fremde?”, wunderte sich Matilda und der Skelliger, dem die offenen Haare wirr über die Schultern fielen, nickte. Seine enge Brust tat ihm wieder weh, als er an den Moment dachte, von dem er erzählte. Es fühlte sich an, als habe man ihn betrogen. Und es erinnerte ihn an den Tag nach seiner Krönung, an dem Anna ihn auf Undvik alleine gelassen hatte.

“Die Fremde griff mich an, stach zu.”, gab Hjaldrist von sich und es war in seinen Augen noch immer die Wahrheit “Und Anna… keine Ahnung, was mit ihr ist.”

Die anwesende Kämpferin im schwarzen Gambeson und dem zotteligen Schulterfell gab einen besorgten Ton von sich und verschränkte die Arme eng vor der Brust.

“Diese Stadt ist das reinste Chaos. Seit gestern gibt es weder Tag, noch Nacht. Der Himmel ist rot und verändert sich nicht. Und kein Wind kommt auf.”, sinnierte sie “Das ist schlecht. Sehr schlecht. Wir kommen nicht von hier fort und Arianna ist verschwunden. Was machen wir nur wegen ihr?”

“Ich werde sie suchen.”, entschloss der Undviker am schmalen Bett, ohne erst darüber nachzudenken. Nie im Leben hätte er seine besagte Freundin jetzt einfach abgetan. Sie war bestimmt in Gefahr. Silven und De Capries hatten irgendetwas vor und Hjaldrist würde NICHT von hier verschwinden, ehe er seine Lieblingschaotin zurück hätte. Trotz allem.

“Was?”, empörte sich Matilda “WIR werden sie suchen. Damit meine ich Thure, mich und eventuell noch andere der Männer und Frauen der Mannschaft. DU bleibst bitte im Bett und ruhst dich aus. Sieh dich doch an. Du hast viel Blut verloren.”

“Nein.”, bestand der Jarl sofort und sah todernst auf “Ich suche sie.”

“Hjaldrist, du bist verwundet und hattest hohes Fieber. Als Huskarl muss ich-”

“Als Huskarl musst du auf mich hören.”

“Ja, aber vor allem muss ich dich schützen. Und es tut mir leid, aber ich will dich in deiner momentanen Verfassung nicht vom Schiff lassen.”

Hjaldrist öffnete den Mund, um zu widersprechen. Doch er schloss eben jenen sofort wieder und entschloss sich dazu zu schweigen. Denn in seinem noch leicht in Watte gepackten Kopf formte sich schon längst ein Plan.

 

In der kommenden Nacht ‘schlich’ sich Hjaldrist von der Seeschlange. Es wäre übertrieben gewesen zu behaupten, er habe sich wie jemand davongemacht, der aus einem Kerker floh, doch er hatte sich dabei ein wenig gefühlt wie solch eine Person. Das, obwohl er es einfach nur penibel vermieden hatte Matilda über den Weg zu laufen. Irgendwann am gefühlten späten Abend hatte er sich leise ächzend aus seinem Bett geschält und sich angekleidet. Die Haare hatte er sich beiläufig zurückgekämmt, während er mit vor Schmerz zusammengebissenen Zähnen in seine Stiefel gestiegen war. Er hatte nach seinem Mantel und einer Phiole von Anna’s starkem Schmerzmittel gefasst, das er immer irgendwo herumliegen hatte, und war schwach hinkend zur Zimmertür hinaus. All dies im Wissen, dass Matilda Pause machte und Thure, als Vertretung, nur wenige Minuten bräuchte, um aufzutauchen. Und Hjaldrist hatte die Augen bei seiner Flucht in diesem kurzen Zeitfenster verdreht und leise in sich rein gelacht. Über sich. Und über seine Lage. Denn es war doch bescheuert und lustig zugleich, dass er, als Jarl, sich heimlich daran machte dem Blick seiner Leibwachen zu entgehen. Das, damit eben jene ihm keine Lektionen erzählen oder ihm gar noch folgen wollten. Denn er müsste das, was käme, alleine tun, um Anna’s Gesicht zu wahren. De Capries und Silven hatten sie. Ja, ganz bestimmt. Und ihre Besessenheit würde auffliegen, würde noch irgendjemand aus Undvik sehen, wie sie momentan agierte. Hjaldrist müsste die Sache also alleine angehen, glaubte er. Und so trat er jetzt, unter dem roten Himmel und so gut wie ungesehen, auf den Steg im Hafen Bremervoords. Haldorn hatte wieder zwei Männer seiner Crew als Wachen abgestellt. Doch die grüßten ihren Jarl im Vorbeigehen bloß nett. Sie waren keine Huskarle und ihnen war es soweit egal, wenn Hjaldrist ging. Für sie war er ein Volksheld und daher hinterfragten sie nicht. Den Göttern sei Dank.

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