Kapitel 147 (Buch 5, 24)

Dieser Kern aus Todesangst und Lebenswillen

Was Hjaldrist sah, als er beim Grundstück von De Capries ankam, war nicht, was er erwartet hatte. Also nicht direkt. Er hatte geahnt, dass dort und unter dem rötlichen Himmel Seltsames vorgehen würde, doch das, was er soeben erkannte, war obskur. Das vom Vampir angekündigte Fest war soeben im vollen Gange und der riesige Garten, der die Villa umgab, somit nicht mehr menschenleer. Da war ein kleines Zirkuszelt, vor dem zwei altbekannte Karren voller farbenfroher Tücher und Glöckchen standen, die der Gruppe aus Unterhalten gehörte, die Hjaldrist einst nahe Novigrad kennengelernt hatte. Doch diese Leute waren nicht mehr sie selbst. Oder jedenfalls muteten sie völlig verdreht an. Hjaldrist, der sich nach dem Marsch hierher vorsichtig hinter einer der mauerhaften Stein-Ecksäulen des offenstehenden Eingangstores vorbeugte, äugte äußerst skeptisch. Sich die schmerzende Seite gequält, doch verbissen haltend, beobachtete er das unweite Geschehen und hoffte nicht allzu bald erkannt zu werden. Er war vor wenigen Momenten erst hier angekommen und sofort hatte der Zirkus, der sein Zelt und die Holzkarren am Rande des weitläufigen Grundstückes stehen hatte, all die Aufmerksamkeit des Skelligers eingefangen. Dessen Blick wanderte unter seiner tief ins Gesicht gezogenen Kapuze und heftete sich auf Honigstimme, die nahe des bunten Zirkuszeltes verweilte. Sie stand leicht gebeugt da und die wirren, blonden Haare fielen ihr ins Gesicht. Ihr helles Kleid war zerrissen, als habe ein Werwolf die Dame in die Fänge bekommen, und das Kleidungsstück mit den Rüschen hing ihr unordentlich schief vom Körper. Es war erschreckend die sonst so hübsche Sängerin so zu sehen. Immer war sie darauf bedacht gewesen sich zu frisieren und schön zu schminken. Sie war früher sehr eitel gewesen. Und nun? 

Da war auch Albion, der manisch lachend über die grüne Wiese vor dem Zelt spazierte und dabei aussah, wie das wahnsinnigste Spitzohr, das Hjaldrist jemals gesehen hatte. Die bunte Kleidung des Artisten war verdreckt und sah aus, als sei der Mann einige Male schwer gestürzt. Dafür sprach auch das Blut an seinen Knien und den Ellbogen, das ihm durch den Stoff des Hemdes und der Hose gesickert war. Auch seine Hände sahen wund aus und so, als habe er sie sich übel verbrannt. Warum? Der Feuerkünstler hatte doch immer so gut mit den Flammen umgehen können. Sogar geschluckt hatte er sie ohne sich dabei zu schaden.

Und dann war da Mia. Die kurzhaarige Elfe, die sich lieblos dunkle Zirkusfarben ins Gesicht geschmiert hatte, wandelte umher wie eine Leiche. Als sei sie wahrhaftig eine aufrecht gehende Tote, bewegte sie sich mit hängendem Kopf und schlurfendem Gang. Es war unheimlich und ihr Gesicht so ungewohnt tieftraurig. Sie murmelte irgendetwas, immer wieder und wie eine Beschwörung, doch Hjaldrist war zu weit von ihr entfernt, als dass er die Oneiromantin verstanden hätte. Hinter ihr kam Herr Baran aus dem Zirkuszelt; der nette, ältere Mann, den Anna und ihr bester Kumpel einst aus den Fängen der religiösen Spinner in Novigrad gerettet hatte. Doch er sah nicht länger sanftmütig und leicht scheu aus, sondern grinste entrückt. Und er zerrte Linda, seine leibliche Tochter und Mia’s ‘Stiefschwester’ hinter sich her. Dies tat er an den langen, braunen Haaren. Sie stolperte und er zerrte sie dennoch gewaltsam weiter, als sie schrie und flehte. Die Atmosphäre war eiskalt.

“Eine Vorstellung!”, verkündete Baran heiser und ungewohnt laut. Hjaldrist duckte sich wieder einen kleinen Deut weit hinter die schützende Säule, an die gelehnt er dastand.

“Was zum…”, flüsterte der Undviker leise. Sein Ausdruck konnte sich nicht zwischen entsetzt und wütend entscheiden.

“Wir werden gleich eine Vorstellung geben!”, rief Herr Baran, auf dessen Kopf ein alter, mottenzerfressener Hut saß. Sein Gesicht verzog sich zu einer Fratze aus irrer Vorfreude und in seiner zweiten Hand hielt er eine Peitsche, die er plötzlich schnalzen ließ. Wie ein gewalttätiger, verrückter Zirkusdirektor spielte er sich auf und es war absurd und grausam.

“Eine Vorstellung!”, grollte er wie von Sinnen und redete dabei so emotional, dass er spuckte. Mia schien ihn nicht zu hören, blieb einfach teilnahmslos stehen, und Albion wich angsterfüllt zurück. Die Manie des Halbelfen mit den Brandblasen an den Händen schwand, als er die gequälte Linda sah. Und Honigstimme begann zu heulen wie ein Schlosshund. Herr Baran holte weit aus und ließ seine Waffe sofort gnadenlos auf die ängstliche Sängerin niedergehen. Einfach so. Sie schrie und stürzte, schlug die Arme schützend über dem Kopf zusammen und schluchzte. Und der Ältere lachte nur. Hjaldrist weitete die Augen zerfahren. Er war vollkommen erstarrt und sein Kopf konnte all dem hier nicht folgen. Vielleicht wäre er im Normalfall dazwischen gegangen. Er hätte Baran angeschnauzt und eventuell sogar angegriffen, um seinen alten Bekannten zu helfen. Aber all das hier erschien so grotesk, dass er viel zu perplex war, um zu reagieren.

“Scheiße.”, vernahm er eine leise Stimme aus dem dichten Strauch neben sich. Sofort fuhr der Jarl herum und lenkte die braunen Augen auf den Busch, in dem ein Mann saß. Der Fremde trug ein rot-braunes Wams und eine Gugel aus Leder. Auf letzterer prangte ein aufgenähtes, temerisches Wappen: Drei Lilien auf blauem Grund. Hjaldrist stutzte.

“Habt Ihr das gesehen...?”, keuchte der empörte Unbekannte und sah nun zu dem Langhaarigen auf. War er etwa schon die ganze Zeit über hier gewesen? Was trieb er hier?

“Ähm…”, entkam es dem sprachlosen Skelliger irritiert und er musterte den Kerl mit den schulterlangen, straßenköterblonden Haaren und dem gepflegten Bart argwöhnisch. Eben jener war ein etwas kräftiger Kerl und wirkte, anders als im Moment so viele hier, sympathisch. Ein klein wenig erinnerte er gar an Ravello, wenngleich auch nur optisch. Denn obwohl er in einem zurechtgestutzten Gebüsch saß und den makabren Zirkus von dort aus aus der Ferne beobachtete, wirkte er keineswegs ängstlich; bloß ungemein ratlos. Ravello aber, hätte die Beine vor Schiss in die Hände genommen und wäre um sein Leben gerannt.

“Bei Melitele…”, seufzte der im Busch und Hjaldrist zog die Stirn kraus.

“Und du bist…?”, wollte der Inselbewohner mit gesenkter Stimme wissen. Der Temerier atmete einmal tief aus und erhob sich nur schleppend. Leise ächzte er dabei und klopfte sich etwas Dreck und kleine Blätter vom Wams. Offenbar hatte er sich länger in dem breiten Strauch vor De Capries’ Anwesen versteckt, um das unwirkliche Geschehen auf dem Grundstück des Vampirs zu beobachten.

“Ich bin Darius.”, murmelte der bisher Fremde, als er sich endlich erhoben hatte, und fuhr sich mit der Hand betreten durch den Nacken. Er war groß und überragte Hjaldrist, der als Viertelelf nicht unbedingt hochgewachsen war, um beinahe einen ganzen Kopf. Er trug ein Schwert bei sich und Hjaldrist erspähte zudem eine Armbrust, die neben dem Anderen zwischen Zierbusch und schmiedeeisernem Gartenzaun lehnte. Hatte Darius von hier aus etwa auf jemanden von De Capries’ Gästen schießen wollen? Wenn, konnte man ihm dies wohl kaum verübeln, ganz ehrlich.

“Hjaldrist.”, entgegnete der Skelliger im grünen Rock und ließ davon ab sich als das zu bezeichnen, was er war: Ein Jarl. Denn das spielte hier und jetzt keine Rolle. Außerdem hätte Darius ihm das gerade so und so nicht abgenommen. Denn Hjaldrist hatte sich nur flüchtig bekleidet, die silbern melierten Haare in seiner Eile schlampig zurückgebunden und seine schmale Krone am Schiff gelassen. Er sah wohl eher aus, wie der Straßenschläger Blandares, als der er sich vor vielen Jahren ausgegeben hatte. Nicht wie ein Adeliger.

“Es freut mich sehr.”, lächelte der anwesende Temerier verunsichert, doch freundlich. Hjaldrist nickte leicht.

“Was treibst du hier, Darius?”, wollte der kleinere Jarl wissen. Vor seinem gestandenen Gegenüber wirkte er wie ein Junge.

“Mh…”, seufzte der Kerl aus dem Norden “Ich habe vor ein paar Tagen in der Schänke gehört, dass der Händlerkönig, der hier haust, eine große Feier geben möchte. Und dass ein jeder dazu eingeladen sei.”

Hjaldrist runzelte die Stirn. De Capries hatte also JEDEN eingeladen? Nicht nur irgendwelche lohnende Kontakte und enge Freunde? Interessant. Das erklärte auch, warum sich unweit, im Garten des Vampirs und neben dem Zirkus, so viele Menschen aufhielten.

“Ich bin-... war auf der Durchreise.”, erklärte Darius offen weiter “Auf dem Weg gen Vizima, um Verwandte zu besuchen. Aber heute Mittag… naja.”

“Was war heute Mittag?”

“Der Himmel veränderte sich schon seit einem Tag nicht. Er war mittags genauso rot, wie gerade eben auch. Also hielt ich es für das Beste zu gehen.”, meinte der Temerier schnaubend “Aber es war mir nicht möglich.”

“Inwiefern?”

“Die Stadt wird von einer unsichtbaren Wand umgeben. Glaube ich. Ich habe versucht sie über einige Wege zu verlassen, stieß aber jedes Mal auf eine Mauer, die man nicht sehen kann. Es ist eigenartig. Man fasst nach vorn und spürt… naja, eine Wand eben. Doch man sieht sie nicht.”, erzählte Darius verschwörerisch weiter und Hjaldrist betrachtete den gesprächigen Mann währenddessen verdutzt. Eine unsichtbare Wand? Nein, eine magische Barriere. Scheiße.

“Wir sind also gefangen.”, schloss der unzufriedene Jarl langsam und sein blondes Gegenüber nickte.

“Ich fürchte, ja. Ich kenne mich mit solchen Dingen nicht so wirklich aus, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass man uns mittels irgendeines… äh, Zaubers eingesperrt hat.”, sagte Darius sorgenvoll und sein Blick schweifte bekümmert gen Zirkusgruppe.

“Und dann sind da all diese verqueren Leute…”, kommentierte er leise “Sie wirken, als seien sie alle völlig durchgedreht. Ich habe seit gestern kaum jemanden getroffen, der normal in der Birne ist. Stadtbewohner, Reisende… viele von ihnen verhalten sich eigenartig oder es ist ihnen einfach nur egal, dass sie inmitten Irrer sind. Und die, die noch gewöhnlich sind, wollen weg, aber können nicht. Und… und dann ist da auch noch diese Frau...”

Hjaldrist versteifte sich beim letzten Satz des netten Großen augenblicklich, denn eine vage, schwarze Vorahnung ereilte ihn sogleich. Trocken schluckte er, bevor er zu einer ganz vorsichtigen Frage ansetzte. Leicht ballte er die Finger zu Fäusten.

“...Welche Frau?”, wollte er wissen.

“Keine Ahnung, wer sie ist…”, machte Darius mit hintergründigem Unterton “Aber verdammt, sie ist BÖSE.”

“Wie sieht sie denn aus?”, fragte Hjaldrist und dies richtig ungeduldig. Wenn es hier um Anna ging, wollte er sofort alles wissen. ALLES.

“Sie sah aus, als käme sie aus Skellige. Sie trug solch eine karierte Schärpe.”, eröffnete der Armbrustschütze aus Vizima selbstsicher und der Undviker vor ihm versuchte beim Ausdruck ‘Solch eine karierte Schärpe’ nicht mit den Augen zu rollen. Tatsächlich starrte er Darius einfach nur an. Denn… Anna. Es ging hier also wirklich um sie. Oder eher: Um diesen Scheißkerl Silven, der ihren Körper ‘gestohlen’ hatte.

“Sie hatte kurze, schwarze Haare… und ein Schwert an der Hüfte. Ihre Augen waren so unnatürlich dunkel.”, erinnerte sich der stirnrunzelnde Temerier nun “Und sie kam mir und zwei anderen Reisenden in die Quere, als wir aus Bremervoord fliehen wollten. Wir versuchten die unsichtbare Wand am Stadtrand zu überqueren und auf einmal war sie da. Man hörte und sah sie gar nicht kommen.”

“Und dann?”, hakte Hjaldrist nach und ein Kloß wollte sich in seiner kratzenden Kehle bilden. Götter, wenn er Silven jemals erwischen würde, würde der für all das hier büßen! Er würde ihn eigenhändig töten, das schwor er sich!

“Sie drohte uns und verletzte einen der Vagabunden. Sie sagte, dass sie uns alle töten würde, wenn wir noch einmal versuchen würden abzuhauen.”, erklärte Darius bekümmert “Ich bin sofort auf Abstand gegangen, denn ich bin nicht dumm. Aber einer der anderen - keine Ahnung, wie er hieß - attackierte sie, weil er sich das arrogante Gehabe nicht gefallen lassen mochte. Er lag sich windend am Boden, ehe er diese Frau mit den eigenartigen Augen überhaupt erreicht hatte. Ich glaube, sie ist eine Zauberin. Und sie hat ihn verflucht.”

Hjaldrist stierte den unruhigen Mann bei sich an, als jener sprach. Und er versuchte seinen unsäglichen Zorn auf Silven und seine große Sorge um Anna irgendwie zu beschwichtigen. Der Undviker machte die Lippen schmal und seine Zähne wollten grantig mahlen.

“...Und dann?”, fragte er leise und so, als fürchte er die kommende Antwort.

“Sie ging. Und ich meine sie vorhin, hier im Garten des Anwesens, wieder gesehen zu haben. Deswegen traute ich mich Anfangs nicht hinein. Ich meine… ich bin kein Feigling. Aber diese Furie ist mächtig. Richtig, richtig mächtig.”, murmelte Darius “Ich versteckte mich also im Gebüsch. Und dann bemerkte ich erst den unheimlichen Zirkus dort vorn. Ich wusste nicht was tun.”

Der ehrliche Temerier deutete in die Richtung von Herr Baran, der soeben seine Gefährten um sich scharte, um herrisch mit ihnen zu reden. Da waren nun auch die beiden Halblinge, deren Namen Hjaldrist entfallen waren. Sie waren vollkommen nackt und ihre Ausdrücke schräg. Was zum Geier? Die Miene des Skelligers wurde abermals finster und er linste zu Darius zurück.

“Sie ist hier also irgendwo.”, machte er.

“Was? Die eine Frau? Ja, ich denke.”, sagte der Schütze im rot-braunen Lederwams unschlüssig “Sucht Ihr sie etwa?”

“Ja…”, gab Hjaldrist gleich zu, denn er sah keinen Grund zu lügen. Schwer lehnte er sich an die Mauersäule vor sich und schlug die Augen kopfschüttelnd nieder. Er atmete durch und verfluchte seine verwundete, frisch vernähte Seite. Bildete er es sich nur ein, oder klebte der Verband an seiner Verletzung wieder feucht an seinem Körper? Verdammter Mist.

“Warum sucht Ihr sie?”, hakte der anwesende Temerier zögerlich, doch aufrichtig interessiert nach.

“Sie… ist eine Freundin.”, murrte Hjaldrist, der die Augen wieder öffnete und den Atem ob eines unangenehmen Stechens in seiner Seite anhalten musste. Ohne die Schmerzen hätte er es gerade viel einfacher gehabt. Bei Freya, er könnte mit Pech nicht einmal kämpfen. Was sollte er also nur machen? Er wollte Anna zurückholen. Er musste ihr helfen. Nur wie? Er war vollkommen fertig.

“Eine Freundin?”, plapperte Darius und taxierte Hjaldrist verständnislos “Diese-”

“Sie ist normalerweise nicht ‘so’.”, schnitt der Jarl dem hochgewachsenen Schützen das Wort sofort ab und dies schärfer, als gewollt “Vor zwei Tagen war sie noch normal.”

“Was?”, das kritische Gesicht Darius’ lichtete sich auf dies hin wieder etwas und... war das etwa Mitleid in seinem Blick? Warum? Er kannte Hjaldrist doch nicht einmal.

“Sagt mir nicht, dieser verfluchte Ort hier hat auch sie… äh… ja, keine Ahnung… ‘beeinflusst’?”, drückte der Temerier die komplizierte Lage Bremervoords so ungeschickt aus, wie jeder, der von Magie keine Ahnung hatte “So, wie die Artisten? Wisst Ihr, ich habe den Zirkus vor drei Tagen am Markt gesehen und da war er noch vollkommen normal.”

“Ja.”, sprach Hjaldrist nun und er glaubte, es war eine Lüge “Der Ort hat von meiner Freundin Besitz ergriffen.”

“Oh nein…”, stöhnte der zweite Mann nun und seine Augen begannen nachdenklich zu wandern. Darius rieb sich das Kinn. 

“Und jetzt?”, fragte er.

“Ich will sie retten.”, sagte Hjaldrist sofort “Nur deswegen bin ich hierher gekommen.”

“Ihr wollt DA rein?”, fragte Darius und nickte überrascht in die Richtung des Anwesens von De Capries “Und ihr wollt sie stellen, obwohl sie… wahnsinnig geworden ist? Ich habe gesehen, wozu sie fähig ist, Herr Hjaldrist. Und nehmt es mir nicht übel, aber Ihr seht irgendwie nicht gut aus. Ihr könnt also nicht einfach dorthin und zu ihr. Was, wenn sie euch angreift? Ihr braucht einen Plan und zwar einen guten!”

Eine kurze Stille entstand auf diesen vermeintlich weisen Ratschlag hin.

“...Können wir uns bitte duzen?”, brach Hjaldrist das angespannte Schweigen schließlich und sah zu dem Größeren auf, der ihn einen Herzschlag lange etwas verdutzt beäugte.

“Ähm. Klar.”, entkam es Darius dann.

“Danke.”

“Bitte?”

Erneute Stille. Aber nur kurz.

“Aber ja, ich will zu ihr. Trotz allem.”, seufzte der Undviker dann aus “Ich werde nämlich den Teufel tun einfach abzuwarten und sie im Stich zu lassen. Sie schwebt in großer Gefahr und ich will nicht, dass ich etwas zustößt.”

“Sie ist Euch-... dir wohl wichtig.”, schätzte Darius richtig.

“Ja, sehr. Und ich denke… ich denke, sie hätte das hier auch für mich getan.”, fand Hjaldrist und war überrascht darüber wie sehr er tatsächlich an das glaubte, was er soeben von sich gegeben hatte.

“Wie heißt sie denn?”

“Anna...”

“Mhm. Verstehe.”, sagte Darius geduldig und schien sich plötzlich irgendetwas bedächtig durch den Kopf gehen zu lassen. Ganz offenkundig grübelte er herum, wägte gut ab und setzte sogar einige Male zum Sprechen an. Erst beim vierten Mal gab er aber etwas von sich.

“Ich helfe dir, denn ich will mich nicht verstecken und was Sinnvolles tun.”, eröffnete er auf einmal ganz unerwartet “Ich bin zwar nur ein normaler Soldat und kein Held oder Profi in Magiedingen, aber ich kann dich gut verstehen. Für meine Freunde oder meine Familie würde auch ich alles tun, Hjaldrist. Und ich würde mich in dem Fall genauso darüber freuen Unterstützung zu erhalten. Also helfe ich dir, denn es ist doch selbstmörderisch alleine loszugehen, um Anna gegenüberzutreten. Außerdem bist du wohl verletzt, so, wie du deine Seite hältst.”

Überrascht hob der Jarl seinen wirren Kopf und sah, wie der gutmütige Darius nervös, doch zuversichtlich lächelte.

“Ich frage nicht weiter nach, versprochen. Und-... ach, ich bin gut mit der Armbrust. Also lass uns schon gemeinsam gehen.”, setzte Darius noch nach, lachte leise und tat so, als sei er völlig unbeschwert. Er war ein schlechter Schauspieler, doch sein freundlicher Ausdruck aufmunternd.

 

Es dauerte keine halbe Stunde, da befanden sich Hjaldrist und Darius nicht länger vor dem Gartenzaun des Vampirs, sondern auf dessen Grund. Mit dem unsagbar vagen, waghalsigen Plan in den Köpfen ‘Anna aufzuspüren und dann mal weiterzusehen’ mischten sie sich unter all die Anwesenden und die angeheuerten Unterhalter, die eine groteske Schau abzogen. Es war, als sei die halbe Stadt hier - also alle, die vom rot-orangen Himmel beeinflusst wurden. Und viele Menschen wirkten absolut abwesend. So, als stünden sie wahrhaftig unter einem fesselnden Bann. Herr Baran marschierte soeben am Vorhof des Anwesens von De Capries im Kreis und gestikulierte wild, als er dem Publikum ringsumher eine großartige Darbietung versprach. All die anderen Zirkusleute waren ebenso hier und sahen aus wie zusammengedrängte Tiere. Die von den Peitschenhieben blutende Honigstimme weinte leise in ihre Hände und Mia starrte leer vor sich hin, während sie tonlos murmelte. Albion trat nervös und irre lachend von einem Bein aufs nächste und Linda sah aus, als fiele sie gleich in Ohnmacht. Blut stand ihr vorm Mund und ihr Blick flimmerte. Hjaldrist hielt betroffen inne, als er das sah und Darius bemerkte das sofort. Auch der Temerier stoppte und sah sich beklommen nach den Unterhaltern am Platz um.

“Noch nie im Leben habt ihr solch ein Feuerspektakel gesehen!”, raunte Baran und winkte Albion zu sich, der kichernd vor kam und dabei eine Flasche mit seiner Brennflüssigkeit in beiden Händen hielt.

“Feuer!”, lachte er gellend, als er das Behältnis in die Höhe riss und die Zuschauer betrachteten ihn stumm. So, als seien sie Puppen, die man hier abgestellt hatte. Hjaldrist’s Blick wanderte unruhig und sein Magen verkrampfte sich. Und er wusste: Er sollte sich am Riemen reißen und versuchen nicht aufzufallen. Er müsste sich so geben, wie die anderen Leute hier, denn wer wusste schon, was geschähe, sollten er und Darius auffliegen. Womöglich ja auch nichts. Aber er wollte das Risiko gar nicht erst eingehen. Der Undviker wollte ebenso so nah an Anna herankommen, wie nur möglich. Dies unbemerkt, bevor er zum Versuch ansetzen würde die Giftmischerin zurück in das Hier und Jetzt zu reißen. Nyra’s Kette. Er hatte sie natürlich dabei und er würde heute keine Sekunde lange damit zögern sie einzusetzen, um Silven auf ein Neues fortzuschicken. Oh, bei Hemdall, Hjaldrist würde Anna das verdammte Artefakt um den Hals hängen, wenn nötig. Lieber schickte er sie für eine geraume Zeit in ihre schlimme Erinnerung zurück, bevor er sie HIER im Stich ließe. Und genau aus diesem Grund unternahm er nun, in diesem prekären Moment, nichts. GLeichauf fühlte er sich darum elend. Am Hof von De Capries’ Villa stand er starr und sah ungläubig dabei zu, wie Albion seine Flasche mit der klaren Flüssigkeit darin entkorkte. Der Halbelf tänzelte umher, lachte noch immer manisch und absolut erheitert über sich selbst. Die beiden nackten Halblinge kamen zu ihm und dann, auf einmal, übergoss er die besagten Männer mit seinem schmierigen Brennöl. Herr Baran lächelte breit und breitete die Arme einladend aus.

“Das Spektakel soll beginnen!”, grölte er. Und dann - Hjaldrist verstand erst nicht recht, denn es war so surreal - ging alles ganz schnell. Der verrückte Albion zog Alchemistenfeuer aus seiner Tasche: Ein kleines Fläschchen, mit einem Gemisch darin, das bei Luftkontakt zu brennen begann. Lautes Gelächter seinerseits. Er warf das Feuer ohne zu zögern auf die ölig nassen Halblinge und steckte sie damit in Brand. Einfach so. Ohne Skrupel. Das lodernde Feuer peitschte sofort hoch. Hjaldrist’s Augen weiteten sich und sein Mund formte ein tonloses ‘Oh Nein’. Schreie. Panisches Gejaul. Schwarzer Qualm. Darius sog die Luft scharf zwischen seinen Zähnen ein und stammelte dann irgendetwas. Gespenstisch lag der rötliche Schein des Himmels über der trostlosen Gegend und tauchte sie in ein einnehmendes Licht, das eine böse Ahnung voranschickte.

“Oh, wie wunderbar!”, übertönte eine nasale Stimme alles andere hier. Jemand applaudierte und es stank penetrant nach verbranntem Fleisch und Haar. De Capries. Hjaldrist fuhr zusammen und sah sich nach dem angetanen Vampir um. Eben jener kam durch die stille Menge heranstolziert und wirkte absolut amüsiert. Hjaldrist zog sich die Kapuze wieder tiefer ins Gesicht und rempelte Darius in die Seite, auf dass der überforderte Temerier auch so tat, als sei er einer der apathischen Zuseher hier.

“Welch eine Schau, wahrlich!”, lobte der Hohe Vampir, als er an den Rand der grausigen Vorführung kam. Albion kicherte nach wie vor und hüpfte um die sterbenden Halblinge, die sich nicht länger umherwälzten, herum, wie ein kleines Kind, das sich über ein fröhlich tanzendes Lagerfeuer freute. Einer der verdreht am Boden liegenden zuckte noch. Sein Bein wackelte unkoordiniert umher und seine Finger krampften. Herr Baran zog indes den löchrigen Hut vor dem Veranstalter des alptraumhaften Festes und Linda fiel in Ohnmacht. Wie ein schwerer Sandsack ging sie nieder und niemanden kümmerte es. Nicht einmal Mia, ihre Schwester. Hjaldrist drehte den Kopf fort und konnte all das nicht mehr mit ansehen. Seine kalten Hände zitterten und er rang mit sich, obwohl er wusste nichts tun zu können.

“Wunderbar? Aber wirklich!”, tönte eine zweite Stimme und pflichtete dem Ungeheuer am Hof bei. Eine Frau. Anna. Nein, Silven.

“Und wollt ihr denn nicht alle Beifall klatschen?”, fragte er laut und gespielt vorwurfsvoll in die Menge “Der Zirkus bietet euch solch eine schöne Veranstaltung und ihr starrt bloß gelangweilt. Schämt euch!”

Hjaldrist sah unter seiner fellbesetzten Kopfbedeckung und aus dem Augenwinkel zu dem Elfen, der den armen Körper seiner besten Freundin lenkte. Und bei Jörmungandr... wie sie aussah. Der harte Ausdruck in ihrem hübschen Gesicht war so verzerrt und bösartig, so schadenfroh und fremd. Hjaldrist schluckte schwer und das Adrenalin packte ihn. Silven erhob die Hand solange in einer sehr beiläufigen Geste und einen Moment später schon erfüllte Leben das manipulierte Publikum. Die Menschen fingen an zu jubeln und zu applaudieren, zu pfeifen und zu lachen. Es war erschütternd, wie unheimlich dies in diesem morbiden Szenario wirkte. Und Hjaldrist verkniff es sich ratlos zu fluchen. In genau dieser Sekunde fiel Silven’s Blick durch die ganz plötzlich tobende, ausgelassene Menschentraube direkt auf den Jarl. Wissend lächelte der wölfische Aen Saevherne und der ertappte Skelliger erstarrte an Ort und Stelle zur Eissäule. Er straffte dennoch die Schultern, denn er wollte keine Schwäche zeigen. Besonders nicht die, die er für seine liebe Freundin aus Novigrad hatte. Scheiße nochmal! Ja, Silven war stark und gefährlich, doch im Grunde fürchtete sich der kühne Skelliger nicht vor ihm. Wovor er aber Angst hatte war, dass der launische Elf Anna irgendetwas antat.

“Darius.”, flüsterte Hjaldrist verheißungsvoll drängend und der besagte Temerier war gleich neben ihm. Der Nordländer fasste sofort nach seiner Armbrust, doch der Undviker erhob die Hand einhalterbietend. 

“Tu ihr nichts…”, wollte der Inselbewohner. Darius stockte in seinem Tun und Silven’s Lächeln wurde breiter. Es war verstörend Anna so zu sehen. Und gleichzeitig fiel dem Undviker doch ein Stein vom Herzen. Denn die Kräutersammlerin aus Novigrad war unversehrt - noch. Er hatte sich Sorgen um sie gemacht. Enorme Sorgen. Zwar hatte er sich gefasst und grimmig gegeben, als er unlängst mit Matilda gesprochen hatte, doch am liebsten hätte er sich die Haare heute Morgen gerauft und sich verzweifelt gefragt, was er nur unternehmen sollte. Und vor allem war ihm dabei eins klar geworden: Dass er ALLES tun würde, um seiner engsten Freundin beizustehen. Ja, er hatte Anna in den letzten Monaten zwar viel geholfen, doch dabei hatte er stets eine stichelnde Frage im Hinterkopf gehabt: Was, wenn die Situation haltlos eskalieren würde? Also so richtig. Wie weit würde er gehen, um Anna zu helfen? Würde er den Kopf für sie hinhalten und zwar buchstäblich? Er hatte nach ihrer verräterischen Aktion damals, nach dem Aufstand in seiner Heimat, lange daran gezweifelt. Aber seit heute tat er das nicht mehr. Denn jetzt wusste er die Antwort darauf. 

Hjaldrist holte tief Luft und versuchte seine rebellierende, frisch genähte Seite zu ignorieren, die ihm immer wieder einen übel zuckenden Schmerz durch den Torso jagte.

“Lass sie frei!”, brüllte er durch die aufgeregten, lachenden Zuseher, die es absolut spannend und witzig fanden, dass die Überreste der toten Zirkushalblinge hier am Platz verkohlten. Honigstimme fing an zu singen und das heiser und traurig. Sie erzählte dabei von einem Mann den sie vermisste; von einer großen Liebe aus Vizima in einer schwarz-goldenen Rüstung.

“...und auch die beste Sängerin im ganzen Norden!”, konnte man Baran irgendwo zwischen allen Stimmen vernehmen und die Leute klatschten begeistert.

“Lass sie gehen!”, blaffte Hjaldrist und schob eine dickliche Frau vor sich beiseite, die zwischen ihn und Silven gekommen war “Lass Anna frei!”

“Hjaldrist!”, rief Darius warnend. 

Man sah den Elfen aus Verden solange schmal lächeln und der aufgebrachte Jarl am Platz hielt nicht inne. Er ging direkt auf Silven zu und das mit Nyra’s Amulett in der Rechten, das er sich aus der tiefen Tasche gefischt hatte. Zur Überraschung des Skelligers wich sein Feind nicht vor ihm zurück. Der Elf betrachtete ihn nur arrogant aus tiefschwarzen Augen. Es ging daraufhin schnell. Der adelige Mann aus Undvik riss die Hand mit dem grünen Amulett darin hoch und warf sich damit dem Magier entgegen. Er packte Silven und aus Ermangelung greifbarer freier Haut, presste er dem Bastard Nyra’s Kette an den ungeschützten Hals. Er fasste hektisch zwischen Schulter und Kragen und hielt das magische Medaillon fest an Anna’s Körper. Unregelmäßig atmend und voller Erwartung sah der Langhaarige Silven dann entgegen. Doch nichts geschah. Nichts passierte. Hjaldrist’s Schultern sanken und negative Überwältigung packte sein Gemüt, um es barsch durchzubeuteln.

“Was…”, wisperte er.

“Oh…”, lächelte Silven feindselig “Dachte ich’s mir doch.”

Und Hjaldrist konnte sich auf diese Äußerung keinen Reim machen. WAS hatte sich dieses Arschloch gedacht? Dass Nyra’s Kette diesmal nicht funktionieren würde? Aber warum? Wieso klappte das hier nicht? Wieso?

Der Axtkämpfer aus dem Westen wollte seine Hand mit dem magischen Amulett darin sofort zurückziehen, als habe er sich die Finger an Anna verbrannt. Aber Silven war schneller als er. Der Elf hob mit einem Mal zu und schlug seinem Gegenüber die grünlich schimmernde Kette aus der Hand. In Alter Rede murrte er etwas, als das Amulett klappernd zu Boden fiel. Und er machte einen abrupten Schritt vor, um auf es zu treten. Leise knackte der Edelstein unter seinem Stiefel, als er schief grinste und den Fuß bewegte, als zermatsche er soeben ein Insekt unter seiner Sohle. Hjaldrist, fuhr zusammen und ertappte sich dabei die Luft eine Sekunde lange angehalten zu haben. Er wich entrüstet ab und aberplötzlich zischte ein Bolzen durch die Luft. Er sauste von hinten an Hjaldrist vorbei, verfehlte ihn nur knapp und traf Silven so wuchtig in die Schulter, dass der Aufprall den größenwahnsinnigen Elfen beinahe zurückwarf. Der Getroffene stöhnte schmerzerfüllt und mit Anna’s Stimme auf. Ein Geräusch, das Hjaldrist durch Mark und Bein ging.

“Nein!”, keuchte der Jarl und weitete den Blick, als er glaubte, ihm bliebe das arme Herz stehen. Und er fühlte sich just, als habe man ihn selbst getroffen. So war dem immer, wenn er Anna bluten sah, denn er versetzte sich viel zu oft und viel zu sehr in sie hinein. Als Silven rücklings wankte und sich dabei an die versehrte Stelle fasste, in der ein Armbrustbolzen steckte, stierte Hjaldrist mit ohnmächtigem Gefühl im Bauch.

“Anna!”, presste er flehentlich hervor, als könne seine Freundin ihn hören. Doch das tat sie nicht. Aus ihren gespenstisch dunklen Augen sah Silven nun verärgert auf. Honigstimme sang noch immer die melancholische Melodie über ihren Nilfgaarder und keiner hier am Platz schien sich um das zu scheren, was zwischen Hjaldrist, Silven und Darius geschah. Nun, jedenfalls niemand außer De Capries, der mit hochgezogener Braue herübersah. Der vermögende ‘Händlerkönig’ verdrehte die Augen genervt. Er schien nachzudenken. Und dann, zur selben Zeit, als Darius zu Hjaldrist kam, schritt der Vampir an Silven’s Seite und legte dem Elf eine Hand auf die unverwundete Schulter. Einen Bruchteil einer Sekunde lange tauschten die beiden Hurensöhne bedeutsame Blicke aus. Silven sah noch immer verstimmt drein, De Capries überdrüssig. Stumm schienen sie übereinzukommen - worüber auch immer. Und dann… dann entspannten sich die Glieder des Aen Saevherne, der Anna besetzte, plötzlich. Sein Kopf sank ein Stückchen weit, er blinzelte ermüdet und sein Stand wurde einen Atemzug lange unsicher. De Capries verkniff sich merklich ein begeistertes Lachen.

“Hjaldrist. Ist alles in Ordnung?”, fragte Darius besorgt “Hat sie dir was getan?”

“Nein…”, sprach der Jarl leise und beobachtete das, was vor ihm geschah mit heftig klopfendem Herzen. Ein leises, wehleidiges Keuchen seitens des Frauenkörpers im schwarzen Gambeson, dem De Capries nun in den Nacken packte, ertönte. Anna ächzte auf und kniff ein Auge fest zu. Und der Vampir neben ihr hielt sie im Genick fest, wie eine räudige Katze.

“Willkommen auf meinem Fest.”, meinte das Ungeheuer ausgelassen, als es Hjaldrist und Darius betrachtete und lächelte dabei so breit, dass man seine spitzen Eckzähne erkannte. Den Skelliger im Bunde sah De Capries dabei ein wenig länger an.

“Ist es nicht aufregend?”, fragte er.

“Ah!”, konnte man Anna gepeinigt hören und alleine an ihrer Tonart erkannte man, dass sie wieder die Kontrolle über sich hatte. Silven spielte hier mit ihr. Mir ihr und dem, den er stets als ‘dummen Jungen’ benannte. Das, was gerade passierte, war eine dreiste Demonstration seiner Macht, die er über die Anwesenden besaß. Eine reine Provokation. Dennoch schaffte Hjaldrist, dem dies an und für sich gewahr war, es nicht sich zu fassen und er fiel auf das Spielchen herein. Denn wie hätte er denn JETZT einen kühlen Kopf bewahren können? Die Szene geriet völlig außer Kontrolle.

Hjaldrist streckte die Hände nach der jüngeren Frau aus, der ein Bolzen tief in der Schulter steckte und die grob festgehalten wurde. Doch De Capries bugsierte sie fort. Er stieß Anna einfach beiseite und dies mit einer Kraft, die die Verwirrte stolpern ließ. Irgendwo zwischen all den Feiernden, die Honigstimme’s trauriges Lied bejubelten und johlten, als Herr Baran seine Stieftochter Mia trat, landete die Alchemistin aus Novigrad am harten Boden und blieb vollends überrumpelt und verwirrt liegen. Sie schrie auf, als sie sich an die sicherlich arg schmerzende Schulter fasste, und krümmte sich leicht. Hjaldrist war sofort bei ihr und ging bei der orientierungslosen Frau auf die Knie, um vorsichtig nach ihr zu fassen. Er wollte ihr hochhelfen und schnell fort von hier, schob eine Hand unter ihren Oberkörper und hievte sie in eine sitzende Position. Doch als die Kurzhaarige den Kopf darauf neigte, um zu ihrem Freund aufzublicken, lagen schon wieder fremde Worte auf ihrer Zunge.

“Ihr glaubtet mich bändigen zu können, hm? Dummer Junge.”, lächelte die Person, deren Augen vor Schmerz noch gläsern waren. Silven, dem der Bolzen in seinem Körper im Grunde egal zu sein schien, flüsterte nahezu.

“Aber ich habe Euer simples ‘Artefakt’ schon letztens durchschaut; dieses wenig durchdachte Kettchen einer Novizin, mit dem ihr einen Großmeister überlistet wolltet. Und nun? Nun ist es kaputt.”, machte der Arsch gestellt bedauernd “Wisst Ihr, lachhaft einfache Artefakte verlieren ihre magische Ladung, wenn man sie physisch zerstört. Man braucht kein Ritual dafür. Sehr schade.”

Hjaldrist ließ Silven sofort los und der bösartige Elf, der vor ihm am Boden saß, senkte die Stimme noch mehr, bevor er damit begann Kryptisches zu zitieren. Der irritierte Undviker rutschte ein Stückchen auf seinem Hinterteil zurück.

“‘Da ist keine Welt über dir. Da ist keine Welt unter dir. Ist keine Welt vor dir. Keine Welt hinter dir. Da ist keine Welt, die nicht vom Willen zum Überleben, zum Wachsen zur Macht beherrscht wird. Denn auch du trägst diesen Kern in dir. Selbst wenn deine Sonne Frieden heißt und dein Feind daselbst du nur bist. Diesen Kern aus Todesangst und Lebenswillen, der dann, am Ende, doch nur Liebe ist und in sich selbst zerschmilzt…’”, schmunzelte der Aen Saevherne mit einem merkbar herausfordernden Lächeln im Gesicht. Es war, als mochte er dem verdatterten Hjaldrist damit etwas sagen. Als wolle er den viel Jüngeren testen. Und natürlich spielte er so weiterhin voller Wonne mit ihm. Denn wer war Silven schon, dass ein vermeintlich einfacher Mann ihm etwas anhaben könnte? Es war frustrierend daran zu denken und Hjaldrist verengte den Blick betroffen und zornig. Er saß hier vor Anna und konnte nichts tun. NICHTS. Keine Armlänge entfernt war sie und Hjaldrist war vollkommen machtlos. Oder…? War er das tatsächlich? Die Augen des sonst so einfallsreichen Skelligers sanken auf seine kaltfeuchten Hände und seine Gedanken rasten im Kreis. Er spürte den abwartenden Blick des amüsierten Vampirs, der sich belustigende Dramatik erhoffte, unangenehm im Nacken kitzeln und erkannte im Augenwinkel, wie der entschlossene Darius mit aufgezogener Armbrust neben ihn trat, wie ein treuer Wachhund. Die Tapferkeit dieses einfachen Kriegers war bemerkenswert.

“Gebt uns die Frau!”, forderte der Temerier mit etwas wackeliger Stimme. 

Tief atmete Hjaldrist derweil durch. Seine braunen Augen wanderten unstet und noch immer starrte er ratlos auf seine zittrigen Finger. Panik wollte gierig nach ihm grabschen. Was sollte er tun? Was sollte er nur machen? Er müsste handeln. Nur wie? Er wollte Anna, SEINE Anna, zurück und zusammen mit ihr ganz, ganz weit fort von Bremervoord. Nichts anderes war gerade mehr wichtig. Und im Grunde war es doch schon immer so gewesen, dass es für Hjaldrist nichts Größeres gegeben hatte, als mit seiner Seelenverwandten beisammen zu sein. Ohne sie war er im vergangenen Jahr nicht er selbst gewesen. Kein Leben, kein Ruhm und kein Thron auf Skellige waren so wichtig, dass der Undviker Arianna hinten anstellen würde. Soviel erkannte er jetzt.

“Ihr seid wie Kinder...”, wisperte Silven glucksend, doch dessen vorigen, seltsamen Worte waren es, die dem anwesenden Jarl am Boden gerade wieder in den Sinn drangen, um ihm immer und immer wieder durch den Kopf gingen: Überleben. Wachsen zur Macht. Frieden und dann doch Feindschaft mit sich selbst. Todesangst und Lebenswillen. Diese Worte beschrieben die letzten Jahre doch zu gut, oder nicht? Besonders die Zeit von der, der Hjaldrist nun entgegensah, als er den taxierenden Blick erhob. Und dann war da das bedeutsame letzte Wort in Silven’s finsterer Poesie: Liebe. Es fiel dem schlauen Undviker auf einmal wie Schuppen von den Augen und er rief sich in Erinnerung, wie Anna reagiert hatte, nachdem er Nyra’s Kette zum ersten Mal eingesetzt hatte. Scheiße, ja! Das war es doch! Die Zauberin aus Pontau hatte im Bogenwald keine schlimmen Emotionen in das grüne Medaillon gebannt, oder? Sondern die, um die es Anna früher, in Riedbrune, tatsächlich gegangen war: Liebe. Es war ganz simpel. Die Novigraderin hatte fürchterlich geweint, weil sie ‘nicht zurückgehen’ hatte können. Zurück nach Undvik. Und sie hatte vermisst. Sie hatte Hjaldrist vermisst und später doch auch gestanden, wie sie für ihn fühlte. Sie hatte brummig herumgedruckst, als ihr neugieriger Kumpan sie über Nyra’s Zauber ausfragen hatte wollen und es hätte ihm doch so klar sein sollen. In seiner plötzlichen, großen Erkenntnis stierte der Axtkämpfer den sich überlegen fühlenden Silven jetzt an. Und wie instinktiv würde er gleich handeln. Darius forderte ihn eilig dazu auf sich zurückzuziehen, doch Hjaldrist ignorierte dies. De Capries ging gähnend von Dannen, um sich eine andere, bessere Unterhaltung zu suchen. Silven holte Luft, um mit schiefem, abfälligem Lächeln im Gesicht etwas zu sagen. Und der junge Jarl packte mit beiden Händen vor. Er erfasste den Kopf seines Gegenübers harsch, während er die Daumen an sie Schläfen Silvens schob. Der verschissene Bastard zuckte tatsächlich zusammen. Hierfür war er wohl nicht bereit gewesen. Und Hjaldrist schloss die glasigen Augen, konzentrierte sich und biss die Zähne dabei so fest aufeinander, dass es wehtat. Er war nicht nur ein Träumer. Er war Telepath und was wusste der Geier schon was noch. Der Undviker war dabei kein guter Magier; er hatte keine Kontrolle über sich und seine Fähigkeiten waren beachtlich chaotisch. Sie waren unberechenbar, doch auch stark. Hjaldrist KONNTE in fremde Köpfe hineinblicken. Er KONNTE Leute beeinflussen. Er wusste nur nicht wie und oft passierte es einfach nur so oder in heiklen Lagen. Der Mann verstand die trockene Theorie dahinter nicht, hatte keinen Sinn dafür die vermaledeite Magie zu lenken und hatte im Grunde-… er hatte im Grunde keine Ahnung. Was er aber wusste war, dass er gerade ALLES getan hätte, um Anna endlich aus Silven’s schädlichen Fängen zu befreien. Gestorben wäre er. Denn… denn er liebte sie. Ja, er liebte sie noch immer bedingungslos. Hatte er in den letzten Monaten so oft daran gezweifelt und innerlich verletzt und stur mit sich gerungen, so war er sich spätestens heute, in diesem Moment hier, sicher. Und diese Tatsache wurde ihm just seltsam schmerzlich bewusst, traf ihn unerwartet hart und verwirrte ihn gar irgendwo. Seine Finger gruben sich in das rußschwarze Haar des Kopfes, den er festhielt. Und als der Skelliger die Augen angestrengt einen kleinen Spalt weit öffnete, sah er Silven überfordert blinzeln. Ein eiskaltes Gefühl breitete sich im Bauch Hjaldrist’s aus. Es war, als habe er Schnee verschluckt. Und dieses Kalte kroch ihm in Windeseile im Körper empor, in seine Schultern und Hände. Irgendetwas in ihm öffnete sich weit. Es kribbelte in seinen Fingerspitzen, flüsterte, veränderte sich, wurde heiß und dennoch fröstelte Hjaldrist. Kurz wurde ihm etwas übel, dann wollte sich sein Brustkorb zusammenziehen, doch er ließ ihn nicht. Es war unglaublich anstrengend und zehrte an seiner Kraft - psychisch wie körperlich. Sein Atem ging schwer.

“Meine Liebe... meine Liebe wird dich töten.”, raunte der Langhaarige dem stillen Aen Saevherne vor sich zu, als er sich dessen Gesicht so weit näherte, dass sich ihre Nasenspitzen fast berührten. Es war ein ernst gemeintes, drohendes Versprechen unter einem blutroten Himmel. Einen Wimpernschlag lange überlegte Hjaldrist es sich sein Gegenüber zu küssen, denn der Impuls wollte ihn in dieser Szenerie einfach überkommen. Er legte den Kopf schräg, öffnete die Lippen einen kleinen Spalt weit. Doch er hielt inne. Hjaldrist ließ es bleiben, denn das hier war nicht Arianna, obwohl der in ihr wie sie aussah. Silven war von alledem überrumpelt oder überrascht, ganz augenscheinlich. Er hatte sich fühlbar versteift, nicht hiermit gerechnet. Und im Ernst? Hjaldrist auch nicht. Vor wenigen Tagen noch hätte er nicht geglaubt, dass er die Funktion von Nyra’s Amulett übernehmen würde oder könnte. Dass ER die Quelle wäre, die die Kraft dazu besäße den mächtigen Magier aus Verden fortzuschicken, wenngleich auch nur für eine kleine Weile. Er hatte nicht gewusst, das die grüne Kette das Gefühl von dunkler Erkenntnis und alter Liebe beinhielt, von Zuneigung, die man sich final eingestand. Und er hatte nicht geahnt, dass er es wäre, der genau diese Empfindung aufrichtig und direkt verkörpern könnte. Doch es wirkte. Es wirkte GUT, verdammt. Silven’s Fassung klappte unter der wilden Magie, die sich ihre Bahn just unsichtbar, doch gewaltsam schneidend unter seine Haut grub, nieder. Der schmale Körper vor dem verhalten keuchenden Hjaldrist erschlaffte und hätte er Anna’s Kopf nicht noch immer festgehalten, wäre die blasse Frau kraftlos niedergesackt. Nun aber, blieb sie aufrecht, als sie benommen stöhnte und noch irgendwo zwischen der Ohnmacht und der Gegenwart hing. Ihr warmer Atem streifte Hjaldrist’s Wange.

“Au… aua…”, jammerte sie geistesabwesend und es war schwer zu sagen, ob sie das wegen des Bolzens in ihrer Schulter, ihres brummenden Kopfes oder des barschen Griffes ihres Gegenübers tat. Sie bemerkte nicht einmal, wie nah ihr das Gesicht ihres besten Freundes war. Sofort ließ der besagte Undviker lockerer, wich nervös zurück und versuchte die Überwältigung über sich selber hinten anzustellen. Denn er könnte sich später noch über die gesamte Situation hier wundern; über das, was er geschafft, beinahe getan und gedacht hatte. Er nahm Anna im stillen Beistand in den Arm, doch plante dies nur so lange zu tun, bis sie wieder einigermaßen bei sich war und gehen könnte. Denn sie hatten es eilig. Und er sah ob dem gescheucht zu Darius auf, als er seine Verlegenheit weit fort rückte. 

“Wir müssen weg und zwar hastig.”, sagte Hjaldrist ernst “Darius, los, hilf mir mal.”

“Gute Idee!”, entgegnete der Schütze unsäglich erleichtert, reichte Hjaldrist umgehend die behandschuhte Hand hin. Und tatsächlich stellte er keine Fragen, obwohl er ungemein verwirrt sein musste. Welch ein Glück. Dankend ließ sich Hjaldrist also auf die Beine ziehen und noch immer hielt er dabei die konfuse Anna an sich gedrückt, die ohne ihn und Darius einfach am staubigen Grund liegen geblieben wäre. Hjaldrist’s wieder blutende Seite meckerte ob all dem ordentlich und er musste leicht gekrümmt stehen. Seine Finger krallten sich an den Rücken seiner halb weggetretenen Freundin. Der erschöpfte Jarl biss sich schmerzlich auf die Lippe und versuchte sich im Geiste zu ermahnen. Nicht mehr lange. Gleich wären sie von hier fort. Er müsste durchhalten und könnte sich später seinem Leiden hingeben.

“Warte… ich nehme sie schon…”, bat Darius an und war hier tatsächlich der Retter in der Not. Im Stummen dankte Hjaldrist den Göttern dafür, dass sie ihm den kühnen Temerier geschickt hatten. Denn eben jener stellte seine Armbrust ab, lehnte sie sich ans Bein, damit sie nicht umfiel, erwischte die kleinere Anna beherzt und hob sie ohne Probleme hoch.

“Was… was ist denn…”, murmelte die Kurzhaarige fahrig und blinzelte müde, während sie nichts um sich herum verstand “Was ist denn…”

Ihr Kopf lag schwer an der Schulter Darius’ und sie wehrte sich nicht. Dabei hasste sie es sonst doch so sehr, wenn sie Fremde anfassten.

“Es wird alles gut werden, Frau Anna.”, versprach der Mann mit den drei Lilien an der braunen Gugel nett “Ich helfe Euch und Eurem Freund. Und… es tut mir sehr leid, dass ich auf Euch geschossen habe.”

Hjaldrist’s Blick suchte jetzt erst unsicher nach De Capries, der sich zum Glück längst entfernt hatte. Dann sah er auffordernd zu dem temerischen Krieger auf. Er fasste nach der Schusswaffe Darius’, um sie für eben jenen zu tragen. Sie war viel, viel leichter, als Anna und erinnerte den Skelliger an seine eigene Armbrust, die vor Jahren und in einem harten Kampf gegen ruchlose Banditen zerbrochen war.

“Gehen wir. Schnell.”, bat der geschaffte Jarl dünn und versuchte wieder gerader zu stehen “Wir sind dem wankelmütigen Vampir gerade egal. Fragt sich nur, wie lange. Hauen wir also ab. Wir… wir gehen zum Hafen. Dort liegt unser Schiff. Wir haben keine Ruder, aber wir legen ab. Irgendwie.” 

Hjaldrist’s verbundene Wunde war heiß und pochte unangenehm, er drückte sich eine Hand ächzend daran und schulterte die Armbrust seines neuen Bekannten schwerfällig. Und der gute Darius nickte entschlossen.

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